Klein und fein …

Klein und fein …

Istrien – da tauchen all die Bilder in uns auf, die wir mit „Urlaub“ verbinden – traumhafte Küsten, malerische Städtchen, verträumte Gassen, grünes Hinterland, … Meist ist es der weit größere, kroatische Teil der Halbinsel, der bereist wird, denn dort gibt es auch die großen Hotelanlagen, Campingplätze und Apartmentresorts. Allen, die es lieber klein und fein, ein wenig ruhiger und übersichtlicher haben möchten, empfehle ich die slowenische Riviera – den nördlichen Teil der Halbinsel Istrien, der Slowenien mit knapp 50 km Küstenlänge den Zugang zum Meer verschafft. Von der italienischen Grenze bei Ankaran bis zur kroatischen Grenze nahe den Salinen von Secovlje – klein und übersichtlich!

Hier sind all die Schönheiten und Kostbarkeiten der mediterranen Landschaft auf engstem Raum beisammen: Piran, Izola und Koper bezaubern jeweils mit einer malerischen Altstadt, kleinen Hafenbecken, idyllischen Gässchen und venezianischen Palazzi. Jetzt in der Vorsaison ist es hier beschaulich ruhig, wenige Menschen schlendern durch diese Paradiese. Nur am Wochenende um den 1. Mai ist hier einiges los, denn in Slowenien fallen da einige Feiertage zusammen und so sind es die SlowenInnen selbst, die einen Kurzurlaub in „ihrem“ Küstenland verbringen. Aber es ist ganz einfach, hier dennoch ruhige Plätzchen zu finden, wenn man ein wenig auf Entdeckungsreise geht…

Die größte, freudige Überraschung war für uns Portoroz – der Hafen der Rosen! Bei all unseren früheren Reisen in diese Region haben wir diesen Ort gemieden, da wir glaubten, er sei zu touristisch, zu überlaufen. Auf der Suche nach möglichen Auftrittsorten sind wir diesmal aber auch nach Portoroz gegangen (ja wirklich zu Fuß gegangen, aber davon erzähle ich später!) – und waren erstaunt! Ein kleiner Ort, versteckt in der ruhigen Bucht, mit einer bezaubernden Uferpromenade, netten Lokalen und gemütlichen Plätzchen zum Verweilen. Der Ort war und ist auch Kurort, denn die Salzgewinnung hat hier Tradition. Schon vor mehr als hundert Jahren wurde diese Heilwirkung geschätzt und so entstand im Jahr 1910 das Palace Hotel Portoroz, damals das größte und prächtigste Luxushotel an der Adria. Es wurde soeben nach einer Renovierung als 5-Sterne-Hotel der Kempinski-Gruppe wieder eröffnet. Nein, ich muss euch enttäuschen, wir sind nicht hier abgestiegen, eigentlich schade, denn es ist traumhaft schön!

Wir wohnen aber auch nicht schlecht, und zwar, was die Lage unserer Unterkunft betrifft! Das Haus, in dem wir ein Privatzimmer gemietet haben, liegt an der höchsten Erhebung zwischen den Buchten von Portoroz und Strunjan. Jedes Haus hier hat einen kleinen Olivengarten, einen Gemüsegarten und ein paar Weinstöcke. Es ist hier wirklich alles klein und fein! Großartig aber ist der Panoramablick, den wir von unserer Terrasse aus haben! Auf der einen Seite blicken wir über Strunjan hinweg nach Triest und bis zum Triglav, auf der anderen Seite auf die Salinen von Secovlje und dahinter auf den kroatischen Teil von Istrien und auf das Meer. Und von hier oben wandern wir los. Einmal hinunter nach Protoroz, um am Lungomare einen Aperitiv zu trinken, einmal nach Piran, um durch die alten Gassen zu schlendern und einzukaufen, einmal zu einer Tageswanderung in Strunjan.

In der Beschreibung der Piraner Wanderwege, einer kleinen Faltkarte mit zehn Routenvorschlägen, heißt es über den Wanderweg von Strunjan: „Diesen schönen, malerischen Weg kann man nur schwer beschreiben, da es keine Worte für so etwas Außergewöhnliches gibt. Diesen Weg müssen sie einfach erwandern …“ Kann man solch schwärmerischen Worten trauen? Ja! Es war wirklich unbeschreiblich schön! Durch Olivengärten auf kleinen Terrassen mit ihren Steinmauern, vorbei an alten Bauernhäusern, blühendem Ginster und duftenden Akazien, führte der Weg später ganz nahe an den Rand eines Kliffs und öffnete den Blick hinunter ans Meer. Herrliche Aussichtsplätze, gemütliche Rastplätze und am Ende der Wanderung ein nettes Cafe direkt am Strand in der Bucht von Strunjan. Für uns ist das Wandern die allerbeste Erholung: umgeben von schöner Landschaft den Kopf frei zu bekommen, den Blick schweifen zu lassen und mitten in der Natur zu sein, immer wieder ins Staunen zu kommen, was hinter der nächsten Kurve auftaucht, welche Düfte und Geräusche uns umgeben, welch schöner Anblick uns erfreut. So lasse ich auch jetzt einfach die Bilder sprechen …

Klein und fein, und doch voller Überraschungen! Das Küstenland Sloweniens ist immer wieder eine Reise wert! Und wir werden in Zukunft wohl nicht nur zum Genießen hierher kommen, sondern wir haben hier „so ganz nebenbei“ Ausschau gehalten nach passenden Möglichkeiten, um auf den Straßen und Plätzen aufzutreten. Und auch da gilt, klein und fein, und voller Überraschungen!

Sigrid

 

Grenzgängerinnen am Dreiländereck

Grenzgängerinnen am Dreiländereck

Immer wieder werden wir gefragt, wo im Burgenland wir leben und meist antworten wir: Gerade noch in Österreich! Unser Haus liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Ungarn und zu Slowenien entfernt und so findet sich der „Dreiländer-Grenzstein“ auch im Wappen unserer Gemeinde St. Martin an der Raab. An diesem Wochenende hatten wir Besuch von einer Freundin aus Wien und wir machten uns zu dritt auf den Weg zur und an der Grenze.

Dieser Weg führt durch prächtige Laubwälder, die jetzt zwar noch nicht frisch begrünt, aber dennoch immer wieder eine Augenweide sind. Und während wir so dahinwanderten, begann ich über diese Grenze nachzudenken. Auf den Grenzsteinen, die links und rechts des Weges aufgestellt sind, und so beinahe ein Spalier bilden, ist die Jahreszahl 1922 zu lesen. Es ist also eine junge Grenze, die in den Friedensverhandlungen von St. Germain im Oktober 1919 festgelegt wurde. Vertreter aller drei Nationen haben den genauen Grenzverlauf vor Ort erkundet und im Jahr 1922 endgültig fixiert. Der pyramidenförmige Grenzstein, der heute auf einer kleinen Anhöhe genau das Dreiländereck markiert, wurde 1923 aufgestellt.

Seit damals erst gehört ja das Burgenland zu Österreich. Mit dieser Grenzziehung wurde es nötig, eine neue Verwaltungsstruktur zu schaffen, aus dem bisherigen Dorf Jennersdorf wurde der Verwaltungssitz des Bezirkes, Straßen mussten angelegt und abgelegene Ortschaften neu erschlossen werden. Als ich dies, und noch viele andere interessante Details, in dem soeben neuerschienenen Buch Jennersdorfer Impressionen, herausgegeben von Petra Werkovits und Peter Vukics, kürzlich gelesen habe, wurde mir wieder einmal klar, was sich in den letzten 100 Jahren in Österreich politisch alles verändert hat. Aber wandernd als Grenzgängerin bleibe ich mit meinen Gedanken hier an dieser Grenze …

Diese junge Grenze wurde ja im Laufe des vorigen Jahrhunderts Teil des Eisernen Vorhangs. An einem Wegabschnitt steht daher ein ehemaliger Grenzwachturm und ein Stück Stacheldraht als mahnende Erinnerung an jene Zeit, die für mich als Kindheitserinnerung gespeichert ist. Meine Großmutter hatte zwei Cousinen, die in Budapest lebten und in den späten 1970er Jahren sind meine Eltern mit uns regelmäßig nach Ungarn gereist. Der Grenzübertritt war für mich als Kind eine unheimliche, ja manchmal furchteinflößende Angelegenheit: Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag kannte man damals nicht einmal aus dem Fernsehen. Der Grenzübergang in Heiligenkreuz mit Wachtürmen, Stacheldraht und Scheinwerfern, mehreren Grenzbalken hintereinander, die jeweils nur für ein Auto geöffnet wurden, den unzähligen Soldaten, … all das prägte sich mir ein als „Eiserner Vorhang“. Und heute spaziere ich entlang dieser offenen Grenze, der Weg verläuft manchmal ein Stück auf ungarischem Boden, dann wieder stehen die Grenzsteine links und rechts des Weges. Für mich ist es immer wieder bewegend, wenn ich als Grenzgängerin – hier mitten im Wald oder mit dem Auto am heute offenen Grenzübergang in Heiligenkreuz – diese Grenze überschreite! Es ist das Gefühl, ein Stück Geschichte selbst erlebt zu haben, und erfreulicherweise ist es ja eine Wendung ins Positive, die sich hier ereignet hat. Umso unverständlicher ist es für mich, wenn in den letzten Jahren im Namen der Sicherheit gefordert wird, dass diese Grenze wieder geschlossen werden sollte. Zu erleben, dass nun auf österreichischer Seite eine neue Grenze gezogen wird, grenzt schon an Ironie!

Aber zurück zur offenen Grenze. Im Jahr 2004 wurde der Grundstein für eine Naturschutzinitiative gelegt, um den weitgehend naturnah belassenen Grenzstreifen des Eisernen Vorhangs quer durch Europa zu erhalten. Dieses „Grüne Band“ ist zu einem Rückzugsgebiet bedrohter Arten geworden und hat eine Gesamtlänge von über 12500 km – vom Eismeer im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Türkei. Entlang des „Grünen Bands“ gibt es zahlreiche Möglichkeiten für sanften Tourismus und slow travelling per Rad oder zu Fuß. Und ein kleiner Abschnitt davon liegt sozusagen vor unserer Haustür und macht uns immer wieder zu Grenzgängerinnen!

Also, auf an die Grenzen, im Südburgenland oder anderswo!
Sigrid

 

Berlin im Winter

Berlin im Winter

Eine Stadt zu unterschiedlichen Jahreszeiten zu erleben, finde ich äußerst spannend. Nachdem wir im letzten Mai ausgiebig den Frühsommer genossen hatten, sind wir jetzt im winterlichen Berlin auf Entdeckungsreise gegangen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt und einer recht hohen Luftfeuchtigkeit, mit der die Kälte schnell in die Kleider kriecht, sind wir auch diesmal viel zu Fuß unterwegs gewesen. Für uns ist dies einfach die beste Möglichkeit, um die Atmosphäre einer Stadt aufzuspüren! Und schon nach wenigen Schritten im Bezirk Schöneberg haben wir wahrgenommen, was Berlin im Winter so anders macht: Die meisten Straßen Berlins sind Alleen, gesäumt von Laubbäumen, die im Sommer Schatten spenden und die Stadt grün machen. Nun sind diese Bäume kahl und erst jetzt realisiert man, wie breit die Straßen eigentlich sind. Dieses Gefühl der Weite mitten in einer Stadt hatten wir im Sommer schon in den Parkanlagen genossen, nun zeigt es ich in beinah jeder Straße! Die kahlen Bäume geben jetzt auch den Blick frei, sodass die prachtvollen Hausfassaden der Altbauten sichtbar werden. In Schöneberg, wo wir ja selbst in einer wunderschönen Altbauwohnung zu Gast waren, und in Charlottenburg, das wir auch erwandert haben, gibt es sehr viele, wunderschön renovierte alte Häuser. Als dann am Sonntag die Wolkendecke aufriss und diese prachtvollen Bauten im Sonnenlicht erstrahlten, war das Flanieren gleich noch schöner!

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Nun, der Winter setzt uns Stadtwanderinnen aber auch seine Grenzen! Am Wittenbergplatz angekommen, wäre es fein gewesen, bei Witty’s wieder eine köstliche Currywurst und ein Bier, beides hier in Bio, einzunehmen, aber für eine Jause am Würstelstand war es uns doch zu kalt… So landeten wir im KaDeWe – dem Kaufhaus der Superlative! Mit seinen 60.000 m² ist das Kaufhaus des Westens angeblich das größte Kaufhaus auf dem europäischen Kontinent. 80.000 Menschen sollen hier täglich aus- und eingehen, und die angebotenen Waren sind durchwegs edel, fein und teuer. Wir sind aber gar nicht zum Shoppen gekommen, sondern wollten in die Feinschmeckerabteilung im obersten Stockwerk. Hier gibt es alles an Köstlichkeiten, das man sich nur vorstellen kann: unzählige Käse- und Wurstspezialitäten, Champagner- und Weinbars, Restaurants und Gourmetstände in allen denkbaren Varianten: französische oder italienische Küche, bayrisch deftige Bratwürste, Fisch aus der Ostsee, Sushi, Grill oder einfache Hausmannskost. Wir haben uns für letztere entschieden und an einer der Kochinseln, um die herum die Gäste wie an einer Theke sitzen, eine kräftige Kartoffelsuppe gegessen, während unsere SitznachbarInnen riesige Portionen von Bratkartoffeln wahlweise mit Spiegelei oder überbacken mit Käse zu sich nahmen. Ich ließ den Blick schweifen und wollte schätzen, wie viele Personen sich an jenem Freitag Nachmittag auf dieser Etage befanden: mit einem Blick meinte ich mehr als hundert Menschen zu zählen, was hochgerechnet auf die ganze Fläche wohl eine BesucherInnenzahl von weit über tausend ergeben musste. 4087247892_d8bba572bb_bDas Publikum spiegelt eindeutig den Standort des KaDeWe im ehemaligen Westberlin wider – und doch ist die Stimmung nicht förmlich oder gespitzt, sondern bunt und lebendig. Im Mai wären wir nie auf die Idee bekommen, hier für ein Häppchen einzukehren, aber jetzt im Winter war es geradezu perfekt.

Gestärkt und aufgewärmt spazierten wir weiter und mittlerweile war es draußen dämmrig geworden. Da wir nicht weit entfernt vom Bahnhof Zoo waren, entschlossen wir uns statt weiter zu Fuß zu gehen, eine Stadtrundfahrt zu machen – und zwar mit einer öffentlichen Buslinie. Vom Bahnhof Zoo aus kann man nämlich mit der Buslinie 100 an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Berlins vorbei quer durch die Stadt fahren – und das zum Preis einer einfachen Fahrt! Da die meisten Busse dieser Linie Stockbusse sind, braucht es nur ein bisschen Glück, um den Logenplatz im ersten Stock zu erwischen – und wir hatten dieses Glück! So ging es im Abendlicht erst vorbei an der Gedächtniskirche und den Nordischen Botschaften mit ihrer interessanten modernen Architektur, weiter zum Großen Stern mit der Siegessäule mitten im Tiergarten, vorbei am Schloss Bellevue, dann beinahe im Schritttempo durch eine kleine Straße des Parks, die direkt am Haus der Kulturen der Welt und am Reichstagsgebäude mit seiner erleuchteten Glaskuppel vorbeiführt. Nach einem kurzen Weg durch das Regierungsviertel ging es auf den Prachtboulevard Unter den Linden mit Blick auf das Brandenburger Tor. Dann ist es kurzzeitig vorbei mit der schönen Pracht, denn Unter den Linden ist nach wie vor eine riesige Baustelle. Erst am Ende der Route, vorbei an der Museumsinsel und dem Berliner Dom bis hin zum Fernsehturm ist die Fahrt wieder Sightseeing pur. Am Alexanderplatz ist die Endstation der Linie 100. Für den Rückweg bieten sich die Buslinie 200 an, die unter anderem am Potsdamer Platz mit seinen modernen Gebäuden vorbeiführt, oder man nimmt die S-Bahn mit ihren prächtigen, alten Bahnhofshallen aus Glas und der schönen Aussicht auf die Spree. Das alles geht sich mit einem Stundenticket locker aus, wenn man ein Tagesticket hat, kann man natürlich wo immer man möchte, aussteigen und die Fahrt unterbrechen. So, jetzt habe ich doch glatt die Reiseleiterin gespielt und den Touristentipp weitergegeben, der ohnehin schon lange kein Geheimtipp mehr ist …

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Wer in diesem Winter in Berlin und vor allem im Bezirk Charlottenburg unterwegs ist, der kommt jedoch nicht umhin, am Breitscheidplatz vorbeizuschauen – jenem Platz vor der Gedächtniskirche, auf dem vor etwas mehr als einem Monat ein Terroranschlag stattgefunden hat. Zahlreiche Blumen und Kerzen markieren den Platz und wir sind betroffen dagestanden, weil diese unfassbaren Geschehnisse, die wir täglich in den Nachrichten hören, plötzlich so greifbar nahe sind. Ich ließ meinen Blick schweifen, vom Blumenmeer und den abgelegten Briefen hinauf zum markanten Anblick der Gedächtniskirche und dachte: Nun gibt es einen Grund mehr, warum sie diesen Namen trägt, denn dieses Ereignis hat sich wohl jetzt schon tief in das Gedächtnis der Stadt eingeprägt. Dann blickte ich mich um, der Verkehr rollte direkt vorbei, Menschen spazierten über den Kurfürstendamm, der hier beginnt. Keine zehn Meter entfernt stand ein Würstelstand, der mit einer kleinen Tafel KundInnen anlocken wollte: HAPPY HOUR 17.00 – 18.00 Uhr. Ob hier jemandem nach Happy Hour zumute ist, bezweifle ich! Aber mein Rundblick hat mir auch klar gemacht: Der Alltag, das Leben geht weiter seinen Lauf, trotz allem, was in unmittelbarer Nähe passiert ist. Und das nächste Frühjahr wird kommen, die Alleebäume werden ihr frisches Grün sprießen lassen und Berlin wird sich wieder verändern …

Sigrid

 

Arrivato in Italia

Arrivato in Italia

Ciao!

Ich sitze gerade vor unserem Häuschen in einem Tal der Apuanischen Alpen, nicht weit von der Costa Versilia. Über mir azurblauer Himmel, hinter mir ein rauschender Bergbach, neben mir die Nachbarin, die ihr junges Kätzchen ruft, vor mir das kleine Sträßchen, das hinaufführt in die Berge. Jedes Mal wenn ein Auto vorbeifährt, was zum Glück nicht ganz oft ist, wird gehupt, da die Straße so schmal ist und gleich nach unserem Haus eine Kurve kommt. Wir sind nun den dritten Tag hier, haben unsere ersten Erkundigungsfahrten gemacht und fühlen uns in Italien gleich wieder zuhause.

Die Anreise sind wir sehr gemütlich angegangen, diesmal zwar mit dem Auto, aber trotzdem nach dem Motto „Slow travel“. Die erste Etappe führte uns in die Colli Euganee in der Nähe von Padua. Ebenso wie das Haus hier, haben wir das Bed and Breakfast für die eine Nacht dort, über Airbnb gefunden. Wir kamen am frühen Nachmittag an und wurden von unsrer freundlichen Gastgeberin Giulia schon erwartet. Ein altes, sehr schön renoviertes Haus, ein gepflegter Garten und eine absolut ruhige Lage sorgten gleich für Erholung. Nach einer Siesta unternahmen wir als Ausgleich zum langen Sitzen im Auto eine kleine Wanderung. Direkt vom Haus weg führte der Weg „Cammino di Sant‘ Antonio“ durch einen Wald und vorbei an Olivengärten hinunter ins Dorf Pianzio. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, eine Villa, eine Azienda Agricola, alte Frauen, die vor ihren Häusern ein Nachmittagsschwätzchen hielten, ein paar streunende Katzen und das wars. Nein, noch ein Feigenbaum mit köstlichen Früchten, damit wir gestärkt den Weg zurück hinauf antreten konnten. Wieder oben angekommen, waren wir hungrig genug für ein ausgiebiges Abendessen. Ein Ristorante noch weiter oben am Monte Rua lud uns mit seiner tollen Aussicht ein. So saßen wir dann bei gutem Wein und Essen mit herrlichem Blick über die Colli Euganee, über denen gerade die Sonne unterging, und ließen den Tag zufrieden ausklingen. Nach einem guten Frühstück und interessanten Gesprächen mit der Gastgeberin Giulia, verabschiedeten wir uns, um unseren Weg weiter fortzusetzen.

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Wir entschlossen uns, bis Bologna auf der Autobahn zu fahren und ab da dann den Weg über die Berge zu nehmen. Für ein langsames Ankommen war es die richtige Wahl, denn es war eine wunderschöne Strecke und so gut wie kein Verkehr. Ein paar kleine, beschauliche Orte unterwegs und ansonsten nur Natur. Wir haben nur viel länger gebraucht als wir dachten, da die Straße eigentlich nur aus Kurven bestand. Ich glaube, ich bin noch nie so viele Kurven gefahren, wie auf diesen doch immerhin ca. 100 Kilometern. Nach einem Anruf bei Susanna, unserer nächsten Gastgeberin, konnten wir uns weiter Zeit lassen. Es sei kein Problem, wenn wir später kämen. So konnten wir an besonders schönen Orten immer wieder anhalten, den Ausblick genießen und Bella Italia begrüßen.

DSCF5392Hier angekommen, haben uns dann Susanna und ihre Mutter begrüßt, die ganz in der Nähe wohnen. Wir haben unser Häuschen bezogen und uns danach gleich nochmal auf den Weg gemacht, um das nächstgelegene Städtchen zu erkunden. Seravezza hat seinen Namen von den beiden Flüssen Sera und Vezza, die hier zusammenfließen. Eine kleine toskanische Stadt, die den Einheimischen gehört – es gibt kaum TouristInnen – mit italienischem Flair, wie wir ihn lieben. Eine Bar, ein kleines Alimentari mit toskanischen Spezialitäten und Weinfässern, wo man sich den Wein in Flaschen abfüllen kann, ein Ristorante, in dem wir außergewöhnlich gut gespeist haben, ein Supermercato, eine Apotheke, … alles da, was wir brauchen. In der Hauptstraße gibt es einmal in der Woche Markt, die Piazza ist belebt und vor den Kirchstufen kann man abends in einer kleinen Kantine bei einem Glas Wein sitzen und bekommt dazu Wurst und Käse serviert. Als wir das zweite Mal dort waren, wurden wir schon angesprochen, wo wir denn her seien und was wir machen. So kamen wir gleich auf unsere Straßenkunst zu sprechen und Facebook hat sich schon bewährt, denn da konnten sie gleich nachschauen. Sie waren sehr interessiert, denn sie organisieren einmal im Jahr ein Kunstevent, bei dem einheimische KünstlerInnen auf den Straßen und Plätzen der Stadt performen. Mit herzlichem Händedruck und namentlichem Vorstellen verabschiedeten wir uns dann für diesen Abend, aber wir werden mit den Leuten dort sicher noch öfter ins Gespräch kommen.

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Von Seravezza müssen wir ein paar Kilometer taleinwärts fahren bis zu unserem Häuschen, das schon in den Apuanischen Alpen liegt. Ein Wanderweg geht direkt bei unserem Haus los, und das Wandern haben wir uns hier ja auch vorgenommen. So bin ich schon gespannt auf die Entdeckungen in diesem Teil der Toskana, den wir noch nicht so gut kennen. Es ist jedenfalls eine untypische Toskana, so viel ist jetzt schon klar.

Cari saluti d’Italia,

Andrea

Graz – Vertrautes neu entdecken

Graz – Vertrautes neu entdecken

Anfand dieses Monats waren wir ja, wie Andrea berichtet hat, für eine Woche in Graz. Auch diesmal war die Straßenkunst der Anlass für unsere Reise und auch diesmal wurde es zu einer Mischung aus Arbeit und Genuss. Denn das Durchstreifen der Stadt auf der Suche nach Auftrittsorten macht ähnlich viel Spaß wie ein Stadtbummel. Die Aufführungen von La Strada haben wir angeschaut, um Erfahrungen und Eindrücke für unsere Straßenkunst zu sammeln, während wir wie alle anderen einfach begeisterte Zuschauerinnen waren. Und wie auch in Berlin haben wir das Leben – diesmal in einer kleinen, überschaubaren – Stadt genossen.

DSCF5315Wir sind beide in Graz geboren, ich habe bis zum Studienabschluss und später nochmals für zwei Jahre in Graz gelebt. In den letzten Jahren sind wir oft für einen Tag nach Graz gefahren, um Besorgungen zu erledigen, FreundInnen zu besuchen oder bei Veranstaltungen dabei zu sein. Aber eine Woche lang in Graz zu sein, fühlt sich ganz anders an. Graz ist wirklich eine lebenswerte Stadt! Nicht umsonst wird ihr Charme gerühmt und das südliche Flair hervorgehoben. Die Innenstadt ist klein und überschaubar und uns Grazerinnen ist oft gar nicht bewusst, welche architektonischen und kulturellen Schätze sich da verbergen. Eine ganz besondere Atmosphäre schaffen die unzähligen Schanigärten, die an den lauen Sommerabenden jener Woche bis auf die letzten Plätze gefüllt waren. Sie tragen viel bei zu der entspannten, lockeren Stimmung in der Stadt, die gleich so etwas wie Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

DSCF5316Und es gibt ja viele, die Graz als Urlaubsziel auswählen! Ob sie wie diesmal wegen La Strada oder wegen einem der anderen kulturellen Festivals kommen, ob sie vom „Weltkulturerbe Graz“ angezogen werden oder ob es die Weihnachtsmärkte im Winter sind: in den letzten Jahren sind spürbar mehr TouristInnen in Graz unterwegs. Und das belebt eine Stadt natürlich sehr. Angesichts der Reisenden in meiner Heimatstadt erinnerte ich mich daran, dass ich selbst schon einmal meinen Urlaub in Graz verbracht habe. Ich glaube es muss im Sommer 1994 gewesen sein. Unsere Reisekasse war damals nicht gerade üppig gefüllt und so entschlossen wir uns zu einem Urlaub in Graz! Wir kauften einen Reiseführer (was ich mittlerweile schon lange nicht mehr mache, ich entdecke heute eine Stadt lieber ohne Jahreszahlen, Daten und Fakten), spazierten von unserer zentralen Stadtwohnung manchmal schon zum Frühstück los und waren einfach Touristinnen. Die doppelte Wendeltreppe in der Grazer Burg zum Beispiel, habe ich damals zum ersten Mal gesehen. Nach den Besichtigungen suchten wir uns ein nettes Lokal fürs Mittagessen, schlenderten auf den Schloßberg zur Siesta und ließen uns einfach treiben. Herrliche Urlaubstage, bei denen wir uns die Anreise und die Hotelkosten ersparten und direkt mit dem Genießen beginnen konnten. Es war damals eine spontane Idee, die sich heute in dem Buch Slow Travel von Dan Kieran als Variante der „Kunst des Reisens“ findet. Es gibt darin Kapitel mit der Überschrift Bleib zu Hause – als ich es gelesen habe, wusste ich schon, wovon er spricht und welch schöne Art zu reisen das sein kann!

DSCF5308Gerade das köstliche Essen und Trinken ist für uns ein wesentlicher Teil des Reisens. Das haben wir in dieser „Grazwoche“ ebenfalls genossen. Im La Meskla in der Kaiserfeldgasse waren wir jeden Tag zum Mittagessen. Zwei junge Frauen führen dieses Lokal und schaffen eine gemütliche, weltoffene Atmosphäre. Die Menüs dieser Woche führten uns kulinarisch um die halbe Welt. Eine der beiden kommt nämlich aus Peru und kocht köstliche Gerichte aus Südamerika mit ganz neuen Aromen und Geschmäckern. Aber auch Asiatisches oder Mediteranes kommt auf den Teller. Dazu ein schönes Glas Wein, ein gemütlicher Schanigarten und äußerst moderate Preise. Kein Wunder, dass es eines unserer Lieblingslokale ist! Eine andere köstliche Entdeckung ist die kleine Eisdiele Gianola an der Ecke Stempfergasse/Bischofsplatz. Die Besitzerin aus Italien bereitet das Eis direkt im Geschäft zu. Es gibt nicht die Unmenge an Sorten, aber du hast dennoch die Qual der Wahl, denn alle sind außergewöhnlich. Purer Geschmack! Nachmittags, für eine Erfrischung und ein wenig Büroarbeit mit dem dortigen WLAN, waren wir gerne im Kunsthauscafe. Sehr hipp und trendig, fast meinten wir wieder zurück in Berlin zu sein, und immer gut besucht. Es gibt eine große Auswahl an Getränken abseits der üblichen „Getränkeliste“, die du gleich in der Kühlvitrine aussuchen kannst. An der water bar stehen Karaffen und Gläser für Leitungswasser bereit und können gleich selbst befüllt werden. Sehr praktisch und passend zur lockeren Atmosphäre. Und der Burger, den wir gegessen haben, war köstlich!

Das klingt ja wirklich wie Urlaub in Graz, oder? Dass wir in jener Woche fast täglich gearbeitet haben, mit mehreren Auftritten und einer Tango-Privatstunde, scheint so ganz nebenbei gelaufen zu sein. Und genau das ist das Schöne an unserem Leben als Straßenkünstlerinnen: die Arbeit ist Genuss und das Reisen ein Teil davon. Ich weiß, wir sind Glückspilze, und begeisterte Grazerinnen!

Sigrid

Zurückkehren ins Südburgenland

Zurückkehren ins Südburgenland

Nach einem Wochenende in Wien, wir hatten dort einen Workshop gehalten, sind wir wieder zurückgekehrt hierher, in den letzten Winkel Österreichs. Und auch wenn wir jedes Mal das Stadtleben sehr genießen, ist es immer schön, hierher nach Hause zu kommen. Wir leben jetzt seit vierzehn Jahren im Südburgenland und waren sehr lange auf der Suche nach unserem Haus am Land. Hier sind wir fündig geworden und hatten gleich das Gefühl, angekommen zu sein. Und so ist es immer noch, hier finden wir Ruhe und Erholung und den Raum, um Ideen zu gebären und dann mit neuer Tatkraft ans Werk zu gehen. Es gibt einen Tango von Carlos Gardel namens Volver (Zurückkehren), in dem es um das Zurückkehren zu einer alten Liebe geht. In unserem Fall ist es die Liebe zu diesem Flecken Land, das Zurückkehren hierher nach unseren Reisen.

503102946_89486e8872_oWie ist er nun also, dieser Flecken Land, der für uns zur Heimat geworden ist? Gerade noch in Österreich, im Dreiländereck Österreich, Ungarn, Slowenien gelegen, einem Grenzgebiet mit wechselvoller Geschichte. Einst getrennt durch den „Eisernen Vorhang“ ist dieses Gebiet heute ein länderübergreifender Naturpark, der für eine beeindruckende Vielfalt hinsichtlich Sprache, Kultur und Landschaft sorgt. Benannt nach der Raab, dem Fluss, der die Landschaft mit ihren sanften Hügeln durchfließt. Die Raabauen sind Erholungsgebiet für die Menschen, die hier leben, aber auch für die vielen UrlauberInnen, die es hierher zieht. In ausgedehnten Spaziergängen kann man die Landschaft erkunden oder sich auf den vielen Wegen sportlich betätigen mit Walken, Rad fahren oder Reiten. Auf dem Fluss selbst werden Kanutouren angeboten, die ein besonderes Naturerlebnis darstellen. Vor allem die Tierwelt, besondere Vogelarten, Fischotter und Biber lassen sich dabei beobachten. Es ist eine Landschaft, die eine besondere Stille ausstrahlt und eine/n zur Ruhe kommen lässt.

DSCF5103Auch die Hügel ringsum laden zu Erkundigungen ein und viele sind erstaunt darüber, welche Aus- und Weitblicke man vom Südburgenland aus hat. Wir sehen von unserem Haus aus, wenn klare Sicht ist, von der Koralm, über die Gleinalm bis zum Schöckl und dem Wechselgebiet, mit der Riegersburg im Vordergrund. Vor allem die Abendstimmungen mit dieser Kulisse sind ein besonderes Schauspiel und zu allen Jahreszeiten anders. „Den Sonnenuntergang am eigenen Hof erleben“ war der Werbeslogan für dieses Haus, das jetzt unseres ist, und er ist wirklich zutreffend – es ist ein Erlebnis.

24223315060_84d5cd2a1c_oAber auch kulinarische Erlebnisse, nach Betätigungen an der frischen Luft, kommen hier nicht zu kurz. Es gibt einige einfache Landgasthäuser mit ausgezeichneter Küche, die vor allem Produkte aus der Region zu Köstlichkeiten verarbeiten. Das Gasthaus Sampl in Neuhaus am Klausenbach und der Kollerwirt in Neustift sind zwei davon, deren Küche ich besonders schätze. Sie erinnern mich an so manche Osteria in Italien – das Entscheidende ist nicht das Ambiente, sondern das, was auf den Teller kommt. Und da das Südburgenland auch Weinanbaugebiet ist, bleiben vom Aperitif, über eine Begleitung zum Essen, bis zum Degistif keine Wünsche offen.

Nun, wenn man nicht das Glück hat, hier zu leben, kann man wenigstens hier Urlaub machen und sich zum Beispiel in einer alten Mühle einquartieren. Liebevoll restauriert, mit Dorfweiher, Bauerngarten und einer alten Kastanie im Innenhof, ist es ein besonders idyllischer Ort. Das Naturidyll Hotel Landhofmühle ist ein kleines Hotel mit nur zwölf Zimmern, in dem man sich gleich geborgen fühlt und von der Hausherrin Claudia mit einem fabelhaften Frühstück verwöhnt wird. Wer Naturerlebnisse, kulinarische Genüsse und Wohlfühlambiente mit Tango Argentino verbinden möchte, kann in eben diesem Hotel ein Tango-Package buchen, in dem wir Tango Argentino Privatstunden anbieten.

Volver, Zurückkehren, ist dann vielleicht für die eine oder den anderen ebenso unumgänglich wie für uns.

Andrea

Reisen, nicht nur um anzukommen

Reisen, nicht nur um anzukommen

„Reise nicht nur, um anzukommen“ ist eine Kapitelüberschrift in dem Buch „Slow Travel“ von Dan Kieran. Das Buch des Engländers, der von manchen Journalisten als der „Meister des langsamen Reisens“ bezeichnet wird, ist uns vor einiger Zeit in die Hände gefallen und es war in weiten Teilen eine Bestätigung für unsere Art des Reisens.

Wann immer es möglich ist, reisen wir mit dem Zug. Die einzige Ausnahme in den letzten Jahrzehnten war die Reise nach Buenos Aires. Wir hatten damals noch überlegt die mehrwöchige Schiffsreise zu wählen, mussten dann aber doch den Langstreckenflug in Kauf nehmen. Der Umweltgedanke spielt in der Frage des Fliegens natürlich eine wesentliche Rolle, aber er ist nicht der einzige Grund, nicht zu fliegen. Wir lieben einfach das langsame Reisen mit der Bahn! Und auf dem Weg nach Berlin und wieder zurück nach Hause konnten wir diese Art zu reisen wieder voll auskosten!

Bei der Anreise waren wir tagsüber unterwegs. In der Früh ging es zuerst mit der S-Bahn von Fehring nach Graz und weiter mit dem Railjet über Wien nach Prag. Dort sind wir in einen Intercityzug, der aus Budapest kam, umgestiegen und direkt bis Berlin gefahren. Und es war ein wunderschöner, ein geschenkter Tag! Ich liebe es, dazusitzen, einfach nur aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft an mir vorbeigleiten zu lassen! An so einem Reisetag kann – und muss – ich endlich einmal nichts tun! Meist, so auch auf dieser Fahrt nach Berlin, habe ich nicht einmal Lust etwas zu lesen. Dieser Blick auf die Landschaft, dieses Kommen und Gehen der Bildausschnitte hat eine beruhigende, entspannende Wirkung auf mich. Wie die Bilder im Äußeren, kommen und gehen auch meine Gedanken, viele fliegen ebenso schnell vorbei wie die Landschaften, andere begleiten mich einige Kilometer lang. Selten bin ich so frei im Kopf wie auf einer Zugfahrt. An jenem Reisetag bin ich manchmal ein wenig eingeschlafen (wir sind an diesem Morgen schon sehr zeitig aufgestanden), ohne dabei auf die Zeit zu achten. Und manchmal hatte sich während dieses Schläfchens die Landschaft sehr verändert. Die Strecke führt ja quer durch die Tschechei, lange Zeit entlang der Moldau und später der Elbe und dann, von Dresden nordwärts, durch die ehemalige DDR. Als der Hunger kam, sind wir in den Speisewagen gegangen, zuerst zu einem gemütlichen Frühstück und auf der letzten Wegstrecke auf eine ungarische Gulaschsuppe – immerhin waren wir ja in einem ungarischen Zug. So sind wir gut gestärkt am Hauptbahnhof in Berlin angekommen, einem modernen und architektonisch äußerst interessanten Bauwerk mit perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr der Großstadt. Zugegeben, obwohl frau den ganzen Tag nur herumsitzt, ist so ein Reisetag anstrengend und wir waren müde, als wir die Wohnung erreicht hatten. Aber es ist eine angenehme Müdigkeit.

DSCF4990Für die Heimreise vor wenigen Tagen haben wir den Nachtzug gewählt. Weil wir sehr viel Gepäck hatten war klar, dass wir in einem 4er Liegeabteil nicht Platz haben werden und so buchten wir einen Double-Schlafwagen. Und das war einfach perfekt! Es gab nicht nur reichlich Platz für unser Gepäck, sondern das Bett ist viel breiter und bequemer als die Liegefläche im Liegewagen. Versteckt in einem Schrank befindet sich das Waschbecken mit Trinkwasser und Handtüchern. Beim Schlafwagenschaffner gibt es sogar Snacks, Getränke und Naschereien und in der Toilette könnte frau sogar duschen. Wir richteten uns gemütlich ein, stärkten uns mit einer Jause und einem guten Tropfen Rosé, den wir uns mitgenommen hatten und blickten hinaus auf die weite Heidelandschaft, die von der Abendsonne angestrahlt wurde. Um ca. 20.00 Uhr erreichten wir Dresden und da gab es eine ziemliche Überraschung: Die Lautsprecherdurchsage informierte uns, dass der Zug „planmäßigen Aufenthalt bis 21.08 Uhr hat“. Mehr als eine Stunde? Perfekt! Das Schlagwagenabteil kann abgeschlossen werden, wir stiegen aus dem Zug und spazierten los. DSCF4983Zuerst schauten wir den Bahnhof selbst an, der uns bei der Durchreise schon so gut gefallen hat. Ein alter Kopfbahnhof wurde hier auf ästhetische und praktische Weise umgebaut: dort, wo früher die Züge eingefahren sind und nicht wenden können, sind heute die Bahnsteige für die Regionalzüge und für die Fernzüge, für die ein Kopfbahnhof nicht praktisch ist, wurde erhöht eine Trasse mit durchlaufenden Gleisen eingezogen. Bald sind wir am Bahnhofsvorplatz gelandet und ein Blick auf die Uhr machte klar, dass wir in die angrenzende Fußgängerzone spazieren können. Wir gelangten bis in die Altstadt, auf den Alten Markt, sahen einige der berühmten Dresdner Bauwerke, hörten im Vorbeigehen StraßenmusikerInnen zu und waren rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück in der großen Bahnhofshalle! Das macht das Reisen so wertvoll – diese unerwarteten Geschenke und Gelegenheiten! Wieder in unserem Abteil eingetroffen, legten wir uns bald zu Bett und konnten in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Um sieben Uhr morgens erreichten wir dann den Wiener Hauptbahnhof.

Der letzte Streckenabschnitt dieser Reise ist uns sehr vertraut, da wir mit dem „Thermenlandexpress“ sehr oft von Fürstenfeld über Wiener Neustadt nach Wien fahren. Im Vergleich zu den Fernzügen scheint es, als würde hier eine Straßenbahn durch die kleinen Ortschaften, durch Wald und Wiesen fahren. Diese bekannten Bilder, Wegabschnitte und Ausblicke, das langsame Tempo des Zuges erleichtern dieses Abtauchen in das Gefühl des Reisens, von dem ich anfangs schon erzählt habe, noch mehr. Die Verbindung aus Vertrautheit und Fremde, aus Unterwegssein und „sich auskennen“ hat eine ganz eigene Qualität. Und so ist es – nach einer Reise von einem Monat – ein langsames Nach-Hause-kommen, ein gleitender Übergang zurück in den Alltag. Und das ist es wohl, was „Slow Travel“ ausmacht. Der Slogan ist gerade mal wieder modern, aber darum geht es mir nicht. Mit dem Autor des Buches „Slow Travel“ kann ich auch für mich sagen: „In Wirklichkeit reise ich auf diese Weise, weil es einfach interessanter und unterhaltsamer ist. Darüber hinaus habe ich nicht das Gefühl, tatsächlich zu reisen, wenn ich nicht langsam reise.“ Und ich möchte hinzufügen: Und am besten gelingt langsames Reisen mit dem Zug!

Schöne Reise!

Sigrid