Arrivato in Italia

Arrivato in Italia

Ciao!

Ich sitze gerade vor unserem Häuschen in einem Tal der Apuanischen Alpen, nicht weit von der Costa Versilia. Über mir azurblauer Himmel, hinter mir ein rauschender Bergbach, neben mir die Nachbarin, die ihr junges Kätzchen ruft, vor mir das kleine Sträßchen, das hinaufführt in die Berge. Jedes Mal wenn ein Auto vorbeifährt, was zum Glück nicht ganz oft ist, wird gehupt, da die Straße so schmal ist und gleich nach unserem Haus eine Kurve kommt. Wir sind nun den dritten Tag hier, haben unsere ersten Erkundigungsfahrten gemacht und fühlen uns in Italien gleich wieder zuhause.

Die Anreise sind wir sehr gemütlich angegangen, diesmal zwar mit dem Auto, aber trotzdem nach dem Motto „Slow travel“. Die erste Etappe führte uns in die Colli Euganee in der Nähe von Padua. Ebenso wie das Haus hier, haben wir das Bed and Breakfast für die eine Nacht dort, über Airbnb gefunden. Wir kamen am frühen Nachmittag an und wurden von unsrer freundlichen Gastgeberin Giulia schon erwartet. Ein altes, sehr schön renoviertes Haus, ein gepflegter Garten und eine absolut ruhige Lage sorgten gleich für Erholung. Nach einer Siesta unternahmen wir als Ausgleich zum langen Sitzen im Auto eine kleine Wanderung. Direkt vom Haus weg führte der Weg „Cammino di Sant‘ Antonio“ durch einen Wald und vorbei an Olivengärten hinunter ins Dorf Pianzio. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, eine Villa, eine Azienda Agricola, alte Frauen, die vor ihren Häusern ein Nachmittagsschwätzchen hielten, ein paar streunende Katzen und das wars. Nein, noch ein Feigenbaum mit köstlichen Früchten, damit wir gestärkt den Weg zurück hinauf antreten konnten. Wieder oben angekommen, waren wir hungrig genug für ein ausgiebiges Abendessen. Ein Ristorante noch weiter oben am Monte Rua lud uns mit seiner tollen Aussicht ein. So saßen wir dann bei gutem Wein und Essen mit herrlichem Blick über die Colli Euganee, über denen gerade die Sonne unterging, und ließen den Tag zufrieden ausklingen. Nach einem guten Frühstück und interessanten Gesprächen mit der Gastgeberin Giulia, verabschiedeten wir uns, um unseren Weg weiter fortzusetzen.

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Wir entschlossen uns, bis Bologna auf der Autobahn zu fahren und ab da dann den Weg über die Berge zu nehmen. Für ein langsames Ankommen war es die richtige Wahl, denn es war eine wunderschöne Strecke und so gut wie kein Verkehr. Ein paar kleine, beschauliche Orte unterwegs und ansonsten nur Natur. Wir haben nur viel länger gebraucht als wir dachten, da die Straße eigentlich nur aus Kurven bestand. Ich glaube, ich bin noch nie so viele Kurven gefahren, wie auf diesen doch immerhin ca. 100 Kilometern. Nach einem Anruf bei Susanna, unserer nächsten Gastgeberin, konnten wir uns weiter Zeit lassen. Es sei kein Problem, wenn wir später kämen. So konnten wir an besonders schönen Orten immer wieder anhalten, den Ausblick genießen und Bella Italia begrüßen.

DSCF5392Hier angekommen, haben uns dann Susanna und ihre Mutter begrüßt, die ganz in der Nähe wohnen. Wir haben unser Häuschen bezogen und uns danach gleich nochmal auf den Weg gemacht, um das nächstgelegene Städtchen zu erkunden. Seravezza hat seinen Namen von den beiden Flüssen Sera und Vezza, die hier zusammenfließen. Eine kleine toskanische Stadt, die den Einheimischen gehört – es gibt kaum TouristInnen – mit italienischem Flair, wie wir ihn lieben. Eine Bar, ein kleines Alimentari mit toskanischen Spezialitäten und Weinfässern, wo man sich den Wein in Flaschen abfüllen kann, ein Ristorante, in dem wir außergewöhnlich gut gespeist haben, ein Supermercato, eine Apotheke, … alles da, was wir brauchen. In der Hauptstraße gibt es einmal in der Woche Markt, die Piazza ist belebt und vor den Kirchstufen kann man abends in einer kleinen Kantine bei einem Glas Wein sitzen und bekommt dazu Wurst und Käse serviert. Als wir das zweite Mal dort waren, wurden wir schon angesprochen, wo wir denn her seien und was wir machen. So kamen wir gleich auf unsere Straßenkunst zu sprechen und Facebook hat sich schon bewährt, denn da konnten sie gleich nachschauen. Sie waren sehr interessiert, denn sie organisieren einmal im Jahr ein Kunstevent, bei dem einheimische KünstlerInnen auf den Straßen und Plätzen der Stadt performen. Mit herzlichem Händedruck und namentlichem Vorstellen verabschiedeten wir uns dann für diesen Abend, aber wir werden mit den Leuten dort sicher noch öfter ins Gespräch kommen.

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Von Seravezza müssen wir ein paar Kilometer taleinwärts fahren bis zu unserem Häuschen, das schon in den Apuanischen Alpen liegt. Ein Wanderweg geht direkt bei unserem Haus los, und das Wandern haben wir uns hier ja auch vorgenommen. So bin ich schon gespannt auf die Entdeckungen in diesem Teil der Toskana, den wir noch nicht so gut kennen. Es ist jedenfalls eine untypische Toskana, so viel ist jetzt schon klar.

Cari saluti d’Italia,

Andrea

Graz – Vertrautes neu entdecken

Graz – Vertrautes neu entdecken

Anfand dieses Monats waren wir ja, wie Andrea berichtet hat, für eine Woche in Graz. Auch diesmal war die Straßenkunst der Anlass für unsere Reise und auch diesmal wurde es zu einer Mischung aus Arbeit und Genuss. Denn das Durchstreifen der Stadt auf der Suche nach Auftrittsorten macht ähnlich viel Spaß wie ein Stadtbummel. Die Aufführungen von La Strada haben wir angeschaut, um Erfahrungen und Eindrücke für unsere Straßenkunst zu sammeln, während wir wie alle anderen einfach begeisterte Zuschauerinnen waren. Und wie auch in Berlin haben wir das Leben – diesmal in einer kleinen, überschaubaren – Stadt genossen.

DSCF5315Wir sind beide in Graz geboren, ich habe bis zum Studienabschluss und später nochmals für zwei Jahre in Graz gelebt. In den letzten Jahren sind wir oft für einen Tag nach Graz gefahren, um Besorgungen zu erledigen, FreundInnen zu besuchen oder bei Veranstaltungen dabei zu sein. Aber eine Woche lang in Graz zu sein, fühlt sich ganz anders an. Graz ist wirklich eine lebenswerte Stadt! Nicht umsonst wird ihr Charme gerühmt und das südliche Flair hervorgehoben. Die Innenstadt ist klein und überschaubar und uns Grazerinnen ist oft gar nicht bewusst, welche architektonischen und kulturellen Schätze sich da verbergen. Eine ganz besondere Atmosphäre schaffen die unzähligen Schanigärten, die an den lauen Sommerabenden jener Woche bis auf die letzten Plätze gefüllt waren. Sie tragen viel bei zu der entspannten, lockeren Stimmung in der Stadt, die gleich so etwas wie Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

DSCF5316Und es gibt ja viele, die Graz als Urlaubsziel auswählen! Ob sie wie diesmal wegen La Strada oder wegen einem der anderen kulturellen Festivals kommen, ob sie vom „Weltkulturerbe Graz“ angezogen werden oder ob es die Weihnachtsmärkte im Winter sind: in den letzten Jahren sind spürbar mehr TouristInnen in Graz unterwegs. Und das belebt eine Stadt natürlich sehr. Angesichts der Reisenden in meiner Heimatstadt erinnerte ich mich daran, dass ich selbst schon einmal meinen Urlaub in Graz verbracht habe. Ich glaube es muss im Sommer 1994 gewesen sein. Unsere Reisekasse war damals nicht gerade üppig gefüllt und so entschlossen wir uns zu einem Urlaub in Graz! Wir kauften einen Reiseführer (was ich mittlerweile schon lange nicht mehr mache, ich entdecke heute eine Stadt lieber ohne Jahreszahlen, Daten und Fakten), spazierten von unserer zentralen Stadtwohnung manchmal schon zum Frühstück los und waren einfach Touristinnen. Die doppelte Wendeltreppe in der Grazer Burg zum Beispiel, habe ich damals zum ersten Mal gesehen. Nach den Besichtigungen suchten wir uns ein nettes Lokal fürs Mittagessen, schlenderten auf den Schloßberg zur Siesta und ließen uns einfach treiben. Herrliche Urlaubstage, bei denen wir uns die Anreise und die Hotelkosten ersparten und direkt mit dem Genießen beginnen konnten. Es war damals eine spontane Idee, die sich heute in dem Buch Slow Travel von Dan Kieran als Variante der „Kunst des Reisens“ findet. Es gibt darin Kapitel mit der Überschrift Bleib zu Hause – als ich es gelesen habe, wusste ich schon, wovon er spricht und welch schöne Art zu reisen das sein kann!

DSCF5308Gerade das köstliche Essen und Trinken ist für uns ein wesentlicher Teil des Reisens. Das haben wir in dieser „Grazwoche“ ebenfalls genossen. Im La Meskla in der Kaiserfeldgasse waren wir jeden Tag zum Mittagessen. Zwei junge Frauen führen dieses Lokal und schaffen eine gemütliche, weltoffene Atmosphäre. Die Menüs dieser Woche führten uns kulinarisch um die halbe Welt. Eine der beiden kommt nämlich aus Peru und kocht köstliche Gerichte aus Südamerika mit ganz neuen Aromen und Geschmäckern. Aber auch Asiatisches oder Mediteranes kommt auf den Teller. Dazu ein schönes Glas Wein, ein gemütlicher Schanigarten und äußerst moderate Preise. Kein Wunder, dass es eines unserer Lieblingslokale ist! Eine andere köstliche Entdeckung ist die kleine Eisdiele Gianola an der Ecke Stempfergasse/Bischofsplatz. Die Besitzerin aus Italien bereitet das Eis direkt im Geschäft zu. Es gibt nicht die Unmenge an Sorten, aber du hast dennoch die Qual der Wahl, denn alle sind außergewöhnlich. Purer Geschmack! Nachmittags, für eine Erfrischung und ein wenig Büroarbeit mit dem dortigen WLAN, waren wir gerne im Kunsthauscafe. Sehr hipp und trendig, fast meinten wir wieder zurück in Berlin zu sein, und immer gut besucht. Es gibt eine große Auswahl an Getränken abseits der üblichen „Getränkeliste“, die du gleich in der Kühlvitrine aussuchen kannst. An der water bar stehen Karaffen und Gläser für Leitungswasser bereit und können gleich selbst befüllt werden. Sehr praktisch und passend zur lockeren Atmosphäre. Und der Burger, den wir gegessen haben, war köstlich!

Das klingt ja wirklich wie Urlaub in Graz, oder? Dass wir in jener Woche fast täglich gearbeitet haben, mit mehreren Auftritten und einer Tango-Privatstunde, scheint so ganz nebenbei gelaufen zu sein. Und genau das ist das Schöne an unserem Leben als Straßenkünstlerinnen: die Arbeit ist Genuss und das Reisen ein Teil davon. Ich weiß, wir sind Glückspilze, und begeisterte Grazerinnen!

Sigrid

Zurückkehren ins Südburgenland

Zurückkehren ins Südburgenland

Nach einem Wochenende in Wien, wir hatten dort einen Workshop gehalten, sind wir wieder zurückgekehrt hierher, in den letzten Winkel Österreichs. Und auch wenn wir jedes Mal das Stadtleben sehr genießen, ist es immer schön, hierher nach Hause zu kommen. Wir leben jetzt seit vierzehn Jahren im Südburgenland und waren sehr lange auf der Suche nach unserem Haus am Land. Hier sind wir fündig geworden und hatten gleich das Gefühl, angekommen zu sein. Und so ist es immer noch, hier finden wir Ruhe und Erholung und den Raum, um Ideen zu gebären und dann mit neuer Tatkraft ans Werk zu gehen. Es gibt einen Tango von Carlos Gardel namens Volver (Zurückkehren), in dem es um das Zurückkehren zu einer alten Liebe geht. In unserem Fall ist es die Liebe zu diesem Flecken Land, das Zurückkehren hierher nach unseren Reisen.

503102946_89486e8872_oWie ist er nun also, dieser Flecken Land, der für uns zur Heimat geworden ist? Gerade noch in Österreich, im Dreiländereck Österreich, Ungarn, Slowenien gelegen, einem Grenzgebiet mit wechselvoller Geschichte. Einst getrennt durch den „Eisernen Vorhang“ ist dieses Gebiet heute ein länderübergreifender Naturpark, der für eine beeindruckende Vielfalt hinsichtlich Sprache, Kultur und Landschaft sorgt. Benannt nach der Raab, dem Fluss, der die Landschaft mit ihren sanften Hügeln durchfließt. Die Raabauen sind Erholungsgebiet für die Menschen, die hier leben, aber auch für die vielen UrlauberInnen, die es hierher zieht. In ausgedehnten Spaziergängen kann man die Landschaft erkunden oder sich auf den vielen Wegen sportlich betätigen mit Walken, Rad fahren oder Reiten. Auf dem Fluss selbst werden Kanutouren angeboten, die ein besonderes Naturerlebnis darstellen. Vor allem die Tierwelt, besondere Vogelarten, Fischotter und Biber lassen sich dabei beobachten. Es ist eine Landschaft, die eine besondere Stille ausstrahlt und eine/n zur Ruhe kommen lässt.

DSCF5103Auch die Hügel ringsum laden zu Erkundigungen ein und viele sind erstaunt darüber, welche Aus- und Weitblicke man vom Südburgenland aus hat. Wir sehen von unserem Haus aus, wenn klare Sicht ist, von der Koralm, über die Gleinalm bis zum Schöckl und dem Wechselgebiet, mit der Riegersburg im Vordergrund. Vor allem die Abendstimmungen mit dieser Kulisse sind ein besonderes Schauspiel und zu allen Jahreszeiten anders. „Den Sonnenuntergang am eigenen Hof erleben“ war der Werbeslogan für dieses Haus, das jetzt unseres ist, und er ist wirklich zutreffend – es ist ein Erlebnis.

24223315060_84d5cd2a1c_oAber auch kulinarische Erlebnisse, nach Betätigungen an der frischen Luft, kommen hier nicht zu kurz. Es gibt einige einfache Landgasthäuser mit ausgezeichneter Küche, die vor allem Produkte aus der Region zu Köstlichkeiten verarbeiten. Das Gasthaus Sampl in Neuhaus am Klausenbach und der Kollerwirt in Neustift sind zwei davon, deren Küche ich besonders schätze. Sie erinnern mich an so manche Osteria in Italien – das Entscheidende ist nicht das Ambiente, sondern das, was auf den Teller kommt. Und da das Südburgenland auch Weinanbaugebiet ist, bleiben vom Aperitif, über eine Begleitung zum Essen, bis zum Degistif keine Wünsche offen.

Nun, wenn man nicht das Glück hat, hier zu leben, kann man wenigstens hier Urlaub machen und sich zum Beispiel in einer alten Mühle einquartieren. Liebevoll restauriert, mit Dorfweiher, Bauerngarten und einer alten Kastanie im Innenhof, ist es ein besonders idyllischer Ort. Das Naturidyll Hotel Landhofmühle ist ein kleines Hotel mit nur zwölf Zimmern, in dem man sich gleich geborgen fühlt und von der Hausherrin Claudia mit einem fabelhaften Frühstück verwöhnt wird. Wer Naturerlebnisse, kulinarische Genüsse und Wohlfühlambiente mit Tango Argentino verbinden möchte, kann in eben diesem Hotel ein Tango-Package buchen, in dem wir Tango Argentino Privatstunden anbieten.

Volver, Zurückkehren, ist dann vielleicht für die eine oder den anderen ebenso unumgänglich wie für uns.

Andrea

Reisen, nicht nur um anzukommen

Reisen, nicht nur um anzukommen

„Reise nicht nur, um anzukommen“ ist eine Kapitelüberschrift in dem Buch „Slow Travel“ von Dan Kieran. Das Buch des Engländers, der von manchen Journalisten als der „Meister des langsamen Reisens“ bezeichnet wird, ist uns vor einiger Zeit in die Hände gefallen und es war in weiten Teilen eine Bestätigung für unsere Art des Reisens.

Wann immer es möglich ist, reisen wir mit dem Zug. Die einzige Ausnahme in den letzten Jahrzehnten war die Reise nach Buenos Aires. Wir hatten damals noch überlegt die mehrwöchige Schiffsreise zu wählen, mussten dann aber doch den Langstreckenflug in Kauf nehmen. Der Umweltgedanke spielt in der Frage des Fliegens natürlich eine wesentliche Rolle, aber er ist nicht der einzige Grund, nicht zu fliegen. Wir lieben einfach das langsame Reisen mit der Bahn! Und auf dem Weg nach Berlin und wieder zurück nach Hause konnten wir diese Art zu reisen wieder voll auskosten!

Bei der Anreise waren wir tagsüber unterwegs. In der Früh ging es zuerst mit der S-Bahn von Fehring nach Graz und weiter mit dem Railjet über Wien nach Prag. Dort sind wir in einen Intercityzug, der aus Budapest kam, umgestiegen und direkt bis Berlin gefahren. Und es war ein wunderschöner, ein geschenkter Tag! Ich liebe es, dazusitzen, einfach nur aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft an mir vorbeigleiten zu lassen! An so einem Reisetag kann – und muss – ich endlich einmal nichts tun! Meist, so auch auf dieser Fahrt nach Berlin, habe ich nicht einmal Lust etwas zu lesen. Dieser Blick auf die Landschaft, dieses Kommen und Gehen der Bildausschnitte hat eine beruhigende, entspannende Wirkung auf mich. Wie die Bilder im Äußeren, kommen und gehen auch meine Gedanken, viele fliegen ebenso schnell vorbei wie die Landschaften, andere begleiten mich einige Kilometer lang. Selten bin ich so frei im Kopf wie auf einer Zugfahrt. An jenem Reisetag bin ich manchmal ein wenig eingeschlafen (wir sind an diesem Morgen schon sehr zeitig aufgestanden), ohne dabei auf die Zeit zu achten. Und manchmal hatte sich während dieses Schläfchens die Landschaft sehr verändert. Die Strecke führt ja quer durch die Tschechei, lange Zeit entlang der Moldau und später der Elbe und dann, von Dresden nordwärts, durch die ehemalige DDR. Als der Hunger kam, sind wir in den Speisewagen gegangen, zuerst zu einem gemütlichen Frühstück und auf der letzten Wegstrecke auf eine ungarische Gulaschsuppe – immerhin waren wir ja in einem ungarischen Zug. So sind wir gut gestärkt am Hauptbahnhof in Berlin angekommen, einem modernen und architektonisch äußerst interessanten Bauwerk mit perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr der Großstadt. Zugegeben, obwohl frau den ganzen Tag nur herumsitzt, ist so ein Reisetag anstrengend und wir waren müde, als wir die Wohnung erreicht hatten. Aber es ist eine angenehme Müdigkeit.

DSCF4990Für die Heimreise vor wenigen Tagen haben wir den Nachtzug gewählt. Weil wir sehr viel Gepäck hatten war klar, dass wir in einem 4er Liegeabteil nicht Platz haben werden und so buchten wir einen Double-Schlafwagen. Und das war einfach perfekt! Es gab nicht nur reichlich Platz für unser Gepäck, sondern das Bett ist viel breiter und bequemer als die Liegefläche im Liegewagen. Versteckt in einem Schrank befindet sich das Waschbecken mit Trinkwasser und Handtüchern. Beim Schlafwagenschaffner gibt es sogar Snacks, Getränke und Naschereien und in der Toilette könnte frau sogar duschen. Wir richteten uns gemütlich ein, stärkten uns mit einer Jause und einem guten Tropfen Rosé, den wir uns mitgenommen hatten und blickten hinaus auf die weite Heidelandschaft, die von der Abendsonne angestrahlt wurde. Um ca. 20.00 Uhr erreichten wir Dresden und da gab es eine ziemliche Überraschung: Die Lautsprecherdurchsage informierte uns, dass der Zug „planmäßigen Aufenthalt bis 21.08 Uhr hat“. Mehr als eine Stunde? Perfekt! Das Schlagwagenabteil kann abgeschlossen werden, wir stiegen aus dem Zug und spazierten los. DSCF4983Zuerst schauten wir den Bahnhof selbst an, der uns bei der Durchreise schon so gut gefallen hat. Ein alter Kopfbahnhof wurde hier auf ästhetische und praktische Weise umgebaut: dort, wo früher die Züge eingefahren sind und nicht wenden können, sind heute die Bahnsteige für die Regionalzüge und für die Fernzüge, für die ein Kopfbahnhof nicht praktisch ist, wurde erhöht eine Trasse mit durchlaufenden Gleisen eingezogen. Bald sind wir am Bahnhofsvorplatz gelandet und ein Blick auf die Uhr machte klar, dass wir in die angrenzende Fußgängerzone spazieren können. Wir gelangten bis in die Altstadt, auf den Alten Markt, sahen einige der berühmten Dresdner Bauwerke, hörten im Vorbeigehen StraßenmusikerInnen zu und waren rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück in der großen Bahnhofshalle! Das macht das Reisen so wertvoll – diese unerwarteten Geschenke und Gelegenheiten! Wieder in unserem Abteil eingetroffen, legten wir uns bald zu Bett und konnten in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Um sieben Uhr morgens erreichten wir dann den Wiener Hauptbahnhof.

Der letzte Streckenabschnitt dieser Reise ist uns sehr vertraut, da wir mit dem „Thermenlandexpress“ sehr oft von Fürstenfeld über Wiener Neustadt nach Wien fahren. Im Vergleich zu den Fernzügen scheint es, als würde hier eine Straßenbahn durch die kleinen Ortschaften, durch Wald und Wiesen fahren. Diese bekannten Bilder, Wegabschnitte und Ausblicke, das langsame Tempo des Zuges erleichtern dieses Abtauchen in das Gefühl des Reisens, von dem ich anfangs schon erzählt habe, noch mehr. Die Verbindung aus Vertrautheit und Fremde, aus Unterwegssein und „sich auskennen“ hat eine ganz eigene Qualität. Und so ist es – nach einer Reise von einem Monat – ein langsames Nach-Hause-kommen, ein gleitender Übergang zurück in den Alltag. Und das ist es wohl, was „Slow Travel“ ausmacht. Der Slogan ist gerade mal wieder modern, aber darum geht es mir nicht. Mit dem Autor des Buches „Slow Travel“ kann ich auch für mich sagen: „In Wirklichkeit reise ich auf diese Weise, weil es einfach interessanter und unterhaltsamer ist. Darüber hinaus habe ich nicht das Gefühl, tatsächlich zu reisen, wenn ich nicht langsam reise.“ Und ich möchte hinzufügen: Und am besten gelingt langsames Reisen mit dem Zug!

Schöne Reise!

Sigrid

 

Ein Wald im Großstadtdschungel

Ein Wald im Großstadtdschungel

Hallo!

Wie ja schon in meinem ersten Bericht aus Berlin erwähnt, ist die Wohnung, in der wir hier sind, ein äußerst angenehmer Erholungsort, wenn wir von unseren Auftritten oder Streifzügen „heimkommen“ – ja, wir fühlen uns hier wirklich schon zuhause und können so richtig entspannen. Wenn das Wetter schön ist, wie jetzt zum Glück wieder, freuen wir uns aber auch, wenn wir Erholungsorte im Freien finden. Einer dieser Orte ist ganz nah bei unserer Wohnung, z.B. für eine kurze Mittagsrast bestens geeignet.

DSCF4862Es ist der Garten des Jüdischen Museums Berlin, das insgesamt eine sehr interessante Anlage ist. Das alte Gebäude wurde um einen großen, modernen Zubau erweitert, der mit vielen architektonischen Details, immer wieder zu neuen Entdeckungen führt. Nun, ein Teil dieser komplexen Anlage ist ein großer, schöner Garten, der auch ohne Eintrittskarte zugänglich ist, und das Beste daran – es werden Liegestühle zur Verfügung gestellt, die man sich einfach nehmen kann, um sich damit einen Platz im Garten zu suchen. So haben wir es schon genossen, dort zu liegen, in die Bäume zu schauen, die Wolken am Himmel ziehen zu sehen und die Gedanken schweifen zu lassen – süßes Nichtstun eben.

An einem auftrittsfreien Tag haben wir uns weiter auf den Weg gemacht, um einen viel größeren Erholungsort zu erkunden – den Tiergarten. Das ist ein Wald mitten in der Stadt, in den Parkanlagen eingestreut sind. Auf zahlreichen Wegen kann man durch diesen Wald spazieren, entlang von Bächen oder kleinen Teichen. Zwischendurch vergisst man wirklich, dass man sich eigentlich inmitten einer Großstadt befindet. Ich jedenfalls, als wir im Rhododendron-Hain angekommen waren. Es gab unzählige Rhododendren so groß wie Bäume und alle gerade in vollster Blüte. Ein Farbenspiel von weiß über gelb bis orange, lila und rot! Kleine Wege führten mitten hinein in diesen Wald im Wald und ich kam mir vor wie in einem Zauberwald. Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle jetzt einfach die Fotos sprechen lassen.

DSCF4820DSCF4818DSCF4831DSCF4836DSCF4825DSCF4817DSCF4839 (3)DSCF4839 (2)

DSCF4813 (2)Auch Tiere kann man hier beobachten, verschiedenste Vogelarten und sogar Schildkröten, die gerade ein Sonnenbad nehmen. Und erst wenn man auf eine Parkanlage stößt, wie z.B. den Rosengarten oder den Floraplatz, weiß man, dass man sich doch in einer Stadt befindet. Am Floraplatz haben wir aber auch eine schöne Entdeckung gemacht. In der Mitte des Platzes umgeben von Blumen erhob sich die Statue einer stolzen Amazone zu Pferd, ausgestattet mit ihrer Doppelaxt. Ein Denkmal zu Ehren der Amazonen – das haben wir noch in keiner Stadt gesehen!

Als wir dann nach einigen Stunden bei der Siegessäule ankamen, dem Mittelpunkt von Berlin und neben dem Brandenburger Tor und dem Alexanderturm eines der Wahrzeichen der Stadt, waren wir schnell wieder der Zauberwald-Atmosphäre entrissen. Verkehrslärm, TouristInnen aus aller Welt und Großstadthitze empfingen uns. Mit einem Bus machten wir uns auf den Heimweg.

DSCF4851In „unserer“ Wohnung empfingen uns die drei Zwerge, die es hier im Bücherregal gibt und die mich, seit wir hier sind, faszinieren. Seit jenem Ausflug versetzt mich ihr Anblick jedenfalls zurück in diesen Zauberwald aus Rhododendren, und so hat diese Wohnung einen Erholungsfaktor mehr.

Liebe Grüße aus einem Berlin, das immer wieder für Überraschungen sorgt!

Andrea

Berlin entdecken

Berlin entdecken

Vor einer Woche sind wir nun hier in dieser ganz besonderen Stadt angekommen. Wie immer, wenn wir in einer Großstadt sind, kaufen wir uns zwar ein Monatsticket für die Öffis, sind dann aber auch stundenlang zu Fuß unterwegs. Bei diesen Streifzügen können wir eine Stadt sehr intensiv erleben, die jeweils eigene Atmosphäre eines Stadtteils spüren, eintauchen in den Alltag und die Lebenswelt der Menschen, nicht Landschaften und Natur, sondern Straßen und Architektur erwandern.

Zum Beispiel gleich bei unserem ersten Streifzug durch die „Friedrichstraße“. Unsere Wohnung liegt nahe am „Halleschen Tor“, dem südlichen Beginn dieser kerzengeraden, langen Straße, die etwa in ihrer Mitte den Prachtboulevard „Unter den Linden“ quert und weiter nach Norden bis zum „Oranienburger Tor“ führt. Wir sind am Vormittag eines Feiertags losspaziert, anfangs vorbei an Kebabläden, dem Lebensmittelgeschäft „Bagdad“, einer Art Trafik mit Telefonservice in alle Welt – ganz wie man es aus jenen Bezirken, in denen Menschen aus aller Welt zusammenleben, in vielen europäischen Großstädten kennt. Nach einiger Zeit kamen wir an einem Bio-Bistrot, dem wunderschönen Geschäft einer Maßschuhmacherin und an einem neu eröffneten Haubenlokal vorbei. Noch immer war es sehr ruhig, nur wenige Menschen waren an diesem frühsommerlichen Vormittag unterwegs. Plötzlich änderte sich dies schlagartig: Imbisslokale, Souvenirgeschäfte, eine Tapasbar und eine Pizzeria, Mc Donalds und Starbucks – und mittendrin der Touristenmagnet „Checkpoint Charlie“ mit allem, was dazugehört. Die Touristenbusse auf ihren Stadtrundfahrten halten hier, ein Fotograf bietet vor dem ehemaligen Grenzhäuschen an, dich in einer der Uniformen der Besatzungsmächte zu fotografieren (und es gibt tatsächlich einige, die das machen!), Gedränge am Gehsteig, Kitsch in allen erdenklichen Formen. Nach etwa 200 Metern ist der Spuk wieder vorbei und die Friedrichstraße wechselt erneut ihr Aussehen. Im letzten Abschnitt dieser 2000 Meter langen Strecke gibt es Nobelboutiquen, exquisite Shoppingmalls, Luxushotels und teure Restaurants – wir sind angekommen in Berlin-Mitte!

Jeder Stadtteil hier ist einzigartig. In Mitte gibt man sich luxuriös, international und modern. TouristInnen aus aller Welt bevölkern das Spreeufer, die Museumsinsel, den Hackeschen Markt, den Alexanderplatz. All diese klingenden Namen sind Programm – Berlin ist eine Weltstadt, die zeigt, was sie zu bieten hat. Noch immer „geschmückt“ mit unzähligen Kränen bleibt sie aber auch dem Titel „Ewige Baustelle“ treu.

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Ebenfalls mit Kränen versehen, und doch atmosphärisch ganz anders ist Charlottenburg. In den letzten Jahren war der Stadtteil im ehemaligen Westberlin out – der Osten war angesagt. Trotzig sagten die einen „Alle ziehen jetzt nach Osten!“ und meinten Treptow oder den Prenzlauer Berg. Letzterer hatte sich zum Inbegriff des neuen Berlin nach der Wende gemausert: wunderschön renovierte Altbauten, Szenelokale, gemütliche Bars, Geschäfte vieler DesignerInnen, Vintageläden, die Straßen frequentiert von RadfahrerInnen und die Gehwege überdurchschnittlich dicht von Kinderwägen befahren. Der Westen war nicht mehr gefragt.

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Heute erwacht Charlottenburg von Neuem. Einige Wolkenkratzer, die gerade rund um den Bahnhof Zoo in den Himmel wachsen, sind der sichtbare Beweis eines neuen Trends. Die Nobelboutiquen, Luxushotels und schicken Geschäfte sind zurückgekehrt oder neu erwacht. Der größte Apple-Store Deutschlands am Ku’damm in einem alten Prachtbau hat gigantische Dimensionen. Ein paar Schritte weiter sind BMW- Limousinen mit Elektroantrieb in den Auslagen geparkt und wieder nicht weit entfernt ist der Tesla zu bewundern. Auch hier ist man chic, aber eben auf eine andere Art. Irgendwie reservierter, vielleicht bürgerlicher, beständig. Denn in Charlottenburg gibt es auch die stuckverzierten Bürgerhäuser, gemütliche, zum Teil sehr alte Kaffeehäuser, den Savignyplatz über den die Westberliner Boheme spaziert oder auf dem man im schnittigen Sportwagen vorfährt, die Kantstraße zum Flanieren.

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Ja, und wir wohnen in Kreuzberg. Auch dieser Stadtteil hat die Zeit, als er „in“ war, schon hinter sich gelassen und den ersten Platz als coolsten, angesagtesten, verrücktesten, internationalsten Stadtteil längst an Neukölln abgegeben. Aber Kreuzberg scheint gerade deshalb ein guter Platz zum Leben zu sein. An einigen Ecken, wie der Bergmannstraße oder der Oranienstraße ist sehr viel los, ein Lokal reiht sich an das andere und du kannst dich auf wenigen Metern einmal um die ganze Welt schlemmen. Zwischen der Oberbaumbrücke und dem Schlesischen Tor ist Kreuzberg sogar ziemlich schräg geblieben – fast meinen wir, wir seien in den 1968ern angekommen. In anderen Ecken von Kreuzberg, so wie hier, wo wir wohnen, ist es angenehm ruhig, Parks und kleinere Grünflächen bieten Erholungsorte und mit der U-Bahn bist du ohnehin in kürzester Zeit wieder dort, wo der Bär los ist.

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Und auch das haben wir in den wenigen Tagen schon mitbekommen – los ist hier wirklich unvorstellbar viel! Mal sehen, was wir in diesem Monat hier noch alles erleben!

Sigrid

 

 

Ciao Italia!

Ciao Italia!

Salve vom schönen Lago di Garda!

Nun haben wir hier schon unsere letzte Woche angefangen. Obwohl die Kirchturmglocke auf unserem Platz jede Stunde doppelt schlägt – wir fragen uns bis heute, warum sie das macht (um zu betonen, dass es wirklich schon so spät ist oder für diejenigen, die beim ersten Mal vergessen haben, mitzuzählen?) – vergeht die Zeit wie im Flug. Und das trotz des Schlechtwetters das wir zurzeit haben. Denn kaum hatten wir unsere letzten Berichte gepostet, war der „Sommer vom Feinsten“ vorbei. Begonnen hat es mit einem Sturm, uns wurde sogar ein ziemlich großer Ast gegen das Auto geschleudert, der Göttin sei Dank ist aber weder uns noch dem Auto etwas passiert. Die Stimmung am See war auf einmal ganz anders. Das Wasser zeigte auf Grund des Wechsels von Sonne und Wolken alle erdenklichen Blau- und Grüntöne. Außerdem gab es Wellen mit Schaumkrönchen und an den Felsen eine ziemliche Gischt. Wir fuhren an diesem Tag die Ostküste entlang bis Torri, je weiter wir nach Norden kamen, umso rauer und wilder wurde es. In dem sehr, sehr netten kleinen Ort Torri war der Sturm schließlich so stark, dass die Gischt der Wellen den Lungolago immer wieder unter Wasser setzte. Ein faszinierendes Schauspiel der Natur, das einen Auftritt unsererseits erübrigte. Es wäre ohnehin unmöglich, bei so einem Wetter zu tanzen. Nun, dem Sturm folgten Gewitter und drei Tage Regenwetter, sodass wir überhaupt eine längere Auftrittspause hatten. Die Ruhephase hat uns sicher gutgetan, aber nach einem Auftritt am Sonntag in Bardolino, hat es heute schon wieder wie aus Kübeln geschüttet. Nun scharren wir schon ziemlich in den Startlöchern, um noch einmal loszulegen, bevor wir abreisen. Wir hoffen also, dass die Wetterprognose, nach der es schön werden soll, stimmt.

6727445515_af07b40539_bWir haben uns die letzten Tage, außer uns auszuschlafen und weiterhin zu trainieren, einfach treiben lassen: Stadtbummel in Brescia, Weinverkostung in einem Bioweingut, stimmungsvolles Chorkonzert in „unserer“ wunderschönen, romanischen Pieve San Pancrazio. Dieser Hügel, auf dem diese Kirche steht, wurde überhaupt zu einem Kraftplatz für uns. Es ist sicher ein sehr alter Kultort, schon lange Zeit, bevor es die Kirche gab. Wir sind jedenfalls mindestens einmal am Tag dort oben, auch bei Schlechtwetter.

Wir haben in diesen Tagen auch viel über uns und unser momentanes Leben nachgedacht. Einerseits sind wir von großer Dankbarkeit erfüllt, das alles erleben zu dürfen. Andrerseits ist auch hier ganz klar, auch wenn es sehr gut läuft, dass wir uns mit unserer Straßenkunst ein schönes Taschengeld verdienen, aber nicht mehr. Wir brauchen also im Winter einen Brotjob, mit dem wir uns die Sommer finanzieren. Denn diese Form des Reisens wollen wir nicht so schnell aufgeben. Wir haben nämlich festgestellt, dass ein wichtiger Teil des Ganzen auch das Reisen ist. Sich längere Zeit an einem fremden Ort aufzuhalten, in das Leben hier einzutauchen, ein bisschen Einblick zu bekommen, wie die Menschen hier leben und sich auf Begegnungen einzulassen. Es macht uns auch wirklich Spaß, davon zu berichten und so andere ein wenig teilhaben zu lassen. So verabschiede ich mich jetzt zum letzten Mal vom Gardasee.

Ciao e cari saluti,

Andrea

Gedanken über das Reisen

Gedanken über das Reisen

Hola,

auf unserer kleinen Reise konnten wir wirklich ein wenig ausspannen. Während Andrea in dem englischsprachigen Buch, das sie in unserer Wohnung gefunden hat, und das in Buenos Aires spielt, weitergelesen hat, habe ich die Ruhe genossen und meine Gedanken fliegen lassen. Ich bin dabei ein bisschen ins Philosophieren über das Reisen gekommen. Nun sind wir ja schon seit 2 Monaten Reisende und jetzt waren wir auch noch für 2 Tage “auf Urlaub” in Colonia. Diese Unterscheidung zwischen Reise und Urlaub, Reisende oder Touristin zu sein, war meine erste Erkenntnis. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit keine Wertung zum Ausdruck bringen möchte (philosophieren sollte meiner Ansicht nach grundsätzlich wertfrei sein, obwohl ich weiß, dass dies fast nie so gesehen wird; ich denke nur an die sogenannten “großen Philosophen”. Vielleicht konnte ich deshalb beim Studium mit Philosophie nie viel anfangen, aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema!) Es geht also nicht darum, die Reisenden und die UrlauberInnen als besser oder schlechter zu bewerten, aber ich meine, es ist wichtig sie zu unterscheiden und dann auch selbst zu wählen, in welcher Position man sich wiederfinden möchte. Als Urlauberinnen in Colonia z.B. waren wir viel mehr auf uns selbst bezogen: wir haben uns ausgeschlafen, sind herumgebummelt und haben alle schönen Bilder in uns aufgenommen, haben die freie Zeit ohne Termine etc. genossen. Kurz, wir waren in einer fremden, schönen, anregenden Umgebung stark auf uns selbst bezogen. Die Frage nach “Land und Leute”, wie das Leben hier sein mag, wie es den Menschen hier im Alltag geht, hat uns in Montevideo und natürlich in der ganzen Zeit hier in Buenos Aires beschäftigt. Da waren und sind wir viel stärker auf das Außen, auf das, was uns umgibt, bezogen als in einem Urlaub. Und interessanterweise sind wir gerade in dieser Situation als Urlauberinnen in ein Touristenlokal mit hohen Preisen und schlechtem Essen getappt. Wir haben es selbst ausgewählt, weil man dort mit Kreditkarte bezahlen konnte …

Das Leben als Reisende hier in Buenos Aires ist nach wie vor spannend. Ich stelle fest, dass eine so lange Reise, wie wir sie jetzt erleben, eine Art “Ausnahmezustand” ist. Erstens bist du aus deinem gewohnten Alltag herausgenommen, in unserem Fall nicht nur in einem anderen Land, einem anderen Kontinent, sondern sogar in einer anderen Jahreszeit angekommen. Du siehst völlig andere – und zum Großteil absolut nicht wünschenswerte – Lebensformen. Du merkst, wie selbstverständlich zu Hause all die gewohnten Annehmlichkeiten wie Strom, Wasser, Internet, … sind. Und wie selbstverständlich wir in Österreich davon ausgehen, dass immer alles funktioniert. Hier in Buenos Aires musst du eigentlich fast immer davon ausgehen, dass du nicht wirklich weißt, was auf dich zukommen wird und ob das, was du vorhast auch so funktionieren wird (denkt nur an unseren “Ausflug” am Neujahrstag). Interessanterweise beobachte ich bei mir selbst, dass ich diesen “Überraschungen” gegenüber immer gelassener werde. Es stört mich nicht wirklich, ich finde es nur absolut skurril und ich komme noch immer nicht aus dem Staunen heraus. Das Wort  “Ausnahmezustand” meine ich aber noch in einem zweiten Sinn: auf einer Reise wie dieser bist du gezwungen – und interessanterweise auch dazu bereit – viele Ausnahmen gegenüber deinem gewohnten Leben und seinen Prioritäten zu machen. Damit meine ich nicht, dass hier der Alltag völlig anders abläuft, sondern dass es einfach nicht möglich ist, hier die gleichen Prioritäten zu setzen wie zu Hause. Wenn wir uns hier z.B. wie zu Hause zum Großteil biologisch ernähren wollten, dann wären wir schon verhungert, denn Gemüse, Obst, Brot, Käse und natürlich Fleisch gibt es hier nicht biologisch. Der Gemüseladen ums Eck hat (meistens) eine gute Auswahl, aber wir haben keine Ahnung woher die Lebensmittel kommen und wie sie angebaut wurden. Oder das Stichwort Elektrosmog: zu Hause versuchen wir Belastungen dieser Art weitgehend zu vermeiden, hier steht am Dach des Hauses gegenüber der Handymasten und in unserem Schlafzimmer blinkt die Funkstation für unser WLAN munter vor sich hin. Und wie viel Blei wir mit dieser schmutzigen Luft schon abgekommen haben, lässt sich gar nicht einschätzen. Und trotzdem – wir sind hier Reisende und wir sind bereit diese Ausnahmen in Kauf zu nehmen. Das ändert nichts an unseren Grundsätzen und daran, dass wir zu Hause wieder zu unseren üblichen Maßstäben zurückkehren werden. Warum aber ist man bereit diesen “Ausnahmezustand” zeitlich begrenzt zu akzeptieren? Man hört oft den Spruch, dass das Reisen verändert, dass man anders zurückkehrt als man aufgebrochen ist. Vielleicht sind es diese Verschiebungen der Maßstäbe und des Alltages, die dir deine Einstellungen bewusster machen und die dich entweder dazu führen, Dinge zu ändern oder sie später gleich, aber mit anderem Bewusstsein zu tun.

In unserem Fall kommt ja noch hinzu, dass unsere Reise nicht zweckfrei ist (wobei die Frage ist, ob das nicht meistens so ist, aber nicht immer klar definiert wird). Der Zweck unserer Reise ist der Tango. Und in diesem Punkt kommen wir ganz bestimmt verändert zurück, obwohl es auch hier viele “Überraschungen” gegeben hat. So besteht etwa ein großer Teil unserer Unterrichtseinheiten nicht darin, neue Schritte oder Kombinationsmöglichkeiten zu erlernen, sondern an unserer Körperhaltung zu arbeiten. Wir trainieren das Anspannen von Muskeln, das Lockerlassen der Schultern, die richtige Drehung des Oberkörpers … Wir arbeiten also sehr viel mit uns und unserem Körper und das verändert dich ganz entschieden! Es ist anstrengend und wohltuend zugleich und es bewirkt, dass du dich selbst körperlich und emotional neu spürst. Und der Tango ist reine Kommunikation zwischen den beiden Tanzenden. Auch dieses sich einlassen aufeinander, dieses Hinhören und Sprechen mit dem Körper bringt Veränderung für mich selbst und für uns als Paar.

Aber keine Sorge, so ganz verändert werden wir schon nicht zurückkehren! Und doch, es stimmt: so eine Reise, die macht etwas mit dir! Und ich meine, das ist gut so.

Genug der vielen Gedanken und stattdessen ein herzlicher Gruß

Sigrid