Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch ein wesentlicher Impuls für unseren wo/men tango act Mascarada – einem Spiel mit den Masken, dem Blick hinter die Maske und der Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Das galt für die Tänzerinnen der Moderne, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Tanz revolutionierten. Den Weg dafür ebnete wohl Isadora Duncan. Man kann den Augenblick, wo es zum ersten Male möglich wurde, von modernem Tanz oder gar moderner Tanzkunst zu reden, nur bezeichnen, indem man den Namen der Isadora Duncan nennt, mit deren Auftreten jener Augenblick überhaupt erst gegeben ist, wird Hans Brandenburg im Buch mit obigem Titel zitiert.

So ist sie auch eine der Tänzerinnen, die in der Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ im Theatermuseum in Wien vertreten ist. Wien zählte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den internationalen Zentren des Modernen Tanzes: wegweisende Tänzerinnen neben Isadora Duncan, wie z.B. Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser, Rosalia Chladek, Gertrud Kraus, Hilde Holger und viele mehr wirkten hier. Insgesamt waren es ca. 200, erfährt man in dieser Ausstellung. Die NS-Diktatur zerstörte dann allerdings diese lebendige, von Frauen bestimmte Tanzszene. Die meisten mussten emigrieren und nur einigen gelang es, im Exil ihren Tanz weiter zu entwickeln.

Isadora Duncan blieb das zwar erspart, denn sie kam schon 1927 bei einem Autounfall, ihr langer Schal verfing sich in den Hinterreifen ihres Bugatti und erdrosselte sie, tragisch ums Leben. Ihr Leben endete in Nizza. Geboren wurde sie 1878 in San Francisco. Als 21-Jährige übersiedelte sie mit ihrer ganzen Familie nach London, wo sie ein Jahr später erstmals mit ihren Solostücken öffentliche Beachtung fand. Ihre nächste Station war Paris und von hier aus begann ihre steile Karriere. 1903 hielt sie in Berlin ihren berühmten Vortrag Der Tanz der Zukunft, in dem sie sagt: Die Tänzerin der Zukunft wird die Freiheit des Weibes in ihrem Tanz ausdrücken. Ihr Kennzeichen wird sein: der höchste Geist in dem freiesten Körper.

Mit Aussagen wie dieser und ihrer Ablehnung von Spitzenschuh, Tútú und Korsett galt sie auch als Ikone der Frauenbewegung. So war z.B. bei ihrem Auftritt 1902 in der Wiener Secession die Frauenrechtlerin Marie Lang anwesend und bezeichnete ihren Tanz als Offenbarung. Isadora Duncan tanzte barfuß, in fließenden Gewändern, drückte mit natürlichen Bewegungen Stimmungen und Gefühle aus, paarte Momente von Leichtigkeit mit denen von ungeheurer Kraft und Energie und nutzte den Boden als Ausgangs- und Endpunkt dieser Körperenergien. Mit dieser Art zu tanzen wurde sie zur Galionsfigur der westlichen Tanzmoderne und feierte große Erfolge in Europa und Amerika.

Eine ihrer vielen Stationen in Europa war auch Abbazia, das heutige Opatija. Sie kam des Öfteren hierher und weilte immer in der Villa Amalia. Aus den Fenstern der Villa beobachtete sie das Flattern der Palmenblätter und das soll sie zu den sanften Schulterbewegungen, für die sie berühmt wurde, inspiriert haben. Als Andenken steht heute vor der Villa ein Bronzeguss der tanzenden Isadora Duncan. Und an der wall of fame im Park von Opatija ist sie als einzige Frau in einer Riege von großen Künstlern, Wissenschaftlern und Pionieren vertreten.

Es gäbe noch viel zu erzählen über diese große Tänzerin, die auch Choreografin, Tanztheoretikerin, Lehrerin und Schulgründerin war. Untenstehender Buchtipp und die Ausstellung in Wien, die noch bis 10. Februar läuft, sind jedenfalls sehr zu empfehlen, wenn dich die Tänzerinnen der Moderne interessieren. Für uns sind sie jedenfalls immer wieder eine Inspirationsquelle. Im Moment genießen wir es, auf den Spuren der Isadora Duncan hier in Opatija zu wandeln.

Andrea

Buchtipp:
Tanzen und tanzen und nichts als tanzen, Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman, Hg. von Amelie Soyka, 2012 AvivA Verlag

Straßenkunst, Berge und Meer

Straßenkunst, Berge und Meer

… immer schön piano wurde zum Motto unserer heurigen Herbstreise, bei der wir jene drei Dinge, die wir so sehr lieben, verbinden konnten: auf der Straße zu tanzen, in den Bergen und am Meer wandern und genießen! Tatsächlich war die Straßenkunst der Anlass für diese Reise, denn wir wurden eingeladen, beim Blausteiner Herbst als Künstlerinnen dabei zu sein und so war auch der Saisonabschluss dieses Jahres keine spontane Straßenkunst, sondern ein Auftritt, zu dem wir gebucht wurden. Erstmals tanzten wir an einem Nachmittag zwei unserer wo/men tango acts. Encuentro gab gewissermaßen schon das Motto vor, denn wir bezeichnen diesen act als Hommage an die Langsamkeit, herausgefallen aus Zeit und Raum! Und auch wenn wir die Ballade für zwei Verrückte als bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen beschreiben, so haben wir sie in dieser Straßenkunstsaison ruhiger, tiefer und noch magischer interpretiert.

An einem strahlend schönen Herbsttag war die Stimmung bei diesem Volksfest fröhlich und entspannt, wir tanzten jeden act dreimal und hatten ein begeistertes Publikum. Gleich nach dem ersten Auftritt mit Encuentro kam es, wie so oft bei Auftritten auf der Straße, zu einer schönen Begegnung: eine Frau kam auf uns zu und meinte, sie habe schon seit Jahren einen Vintage-Lederkoffer, der genau für dieses Stück passen würde und den sie uns schenken möchte! Sie gab uns ihre Adresse und bei unserer Abreise am nächsten Tag fuhren wir in Ulm bei ihr vorbei und nahmen tatsächlich einen alten Lederkoffer mit auf die Reise. Einmal mehr erlebten wir die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen in und um Ulm, die wir auch bei den Auftritten im Vorjahr so schätzten. Wer weiß, vielleicht waren wir nicht das letzte Mal dort?

Von Ulm aus machten wir uns nicht direkt auf den Weg nach Hause, sondern wieder einmal wurde aus einem Arbeitstermin ein kleiner Urlaub. Wir fuhren über den Fernpass nach Tirol und weiter ins Oberinntal, denn ich wollte die Gelegenheit nutzen und in jenes Dorf im Tiroler Oberland fahren, aus dem meine Großeltern im Jahr 1938 ausgewandert und nach Graz gezogen sind. Durch das Torhaus betraten wir Pfunds und spazierten durch die Gassen. Jenes Haus, in dem heute das Heimatmuseum zu finden ist, ist das Geburtshaus meiner Großmutter und auch das Elternhaus meines Großvaters, etwas außerhalb des Dorfes, haben wir gefunden. Es war schön, an diesen Ort zu kommen und meiner Geschichte ein wenig nachzuspüren.

 

Über den Reschenpass kamen wir nach Südtirol und machten gleich mal einen ersten Stopp, um einen Espresso zu genießen und in Bella Italia anzukommen.

Der Kaffee war köstlich, aber das mit Italien ist in Südtirol ja bekanntlich nicht so einfach. Ist das jetzt Tirol oder Italien? In den drei Tagen, die wir in Meran verbrachten, sind wir eigentlich ständig hin- und hergewechselt: in den Sprachen ebenso wie beim Essen und Trinken – mittags eine südtiroler Merende mit Speck und Apfelmost, abends italienische Küche vom Feinsten mit einem köstlichen Wein. Nur wenn es um die Vergangenheit geht, führen die Spuren eindeutig nach Tirol und Österreich. Und es sind zwei Frauen, die die Geschicke Merans stark geprägt haben: Gräfin Margarethe Maultasch, die von hier aus Tirol regiert hat und Kaiserin Elisabeth, die mit ihren langen Aufenthalten in Meran, der guten Luft und des milden Klimas wegen, den Grundstein für die Kurtradition der Stadt gelegt hat. So spazierten wir abwechselnd durch die mittelalterlichen Laubengassen und flanierten auf der Kurpromenade am Fluss. Das Kurhaus und die Wandelhalle lassen tatsächlich den Flair des Fin de siècle lebendig werden, als Meran von Adeligen und Reichen aus ganz Europa besucht wurde und zu den beliebtesten Kurorten der Habsburgermonarchie zählte.

Aber nicht nur als Kurstadt hat Meran viel zu bieten – mitten in der Südtiroler Bergwelt kommen die Urlauber*innen heute zum Wandern, Radfahren und Bergsteigen. Wir sind es piano angegangen und haben keinen Gipfel bestiegen, sondern eine wunderschöne Wanderung an einem der Waalwege gemacht. Diese Wege verlaufen entlang alter Kanäle, die das Wasser von den Flüssen ableiten, um die Obst- und Weingärten zu bewässern. Am Wasser entlang zu gehen war ein Genuss, das Plätschern begleitet die Schritte, die Gedanken fliegen dahin und der Kopf wird frei.

Nach drei Tagen setzten wir unsere Reise und damit unsere ausgedehnte Heimfahrt fort. Unser nächstes Ziel war das Meer – und der schönste Weg dorthin führte uns durch die Dolomiten. Vielleicht lasse ich hier einfach die Bilder sprechen …

Auch am Meer haben wir einen geschichtsträchtigen Ort ausgewählt: Grado, mit seiner verwinkelten Altstadt und dem altem Hafen. Von der Zeit, als Grado ein berühmtes Seebad des österreichischen Küstenlandes und somit auch ein K&K Kurort war, ist fast nichts mehr zu sehen und die Gebäude der letzten Jahrzehnte sind leider nicht besonders schön. Warum also zieht es uns dorthin? Urlauben heißt für uns gehen – in diesem Fall ein mehrstündiger Spaziergang am Strand, direkt am Meer und mit salziger Luft in der Nase – und köstliches Essen genießen. Und dafür ist Grado bekannt!

Dass an diesem Wochenende dann auch noch das Festival Mare nostrum stattfand, bei dem die Kultur und die Genüsse jener Zeit, als Grado eine Insel der Fischer*innen war, zelebriert wurde, war ein glücklicher Zufall. Beim Schlendern durch die Gassen gab es köstliche Häppchen hier und dort, wir sahen eine Ausstellung mit faszinierenden Fotos einer alten Fischerin und nach einem genüsslichen Abendessen spazierten wir nochmals zum Hafen und auf der Uferpromenade. Wunderbar – und immer schön piano!

Sigrid

 

Ein Dorf an der Grenze und die Kunst

Ein Dorf an der Grenze und die Kunst

Wenn wir für unsere Workshops oder Auftritte unterwegs sind, werden wir immer wieder gefragt, wo wir leben. Und wir sind immer wieder erstaunt, wie vielen Menschen unsere Gemeinde, oder genauer gesagt das Künstlerdorf Neumarkt, ein Begriff ist. Es ist also schon lustig, wenn wir erzählen, dass wir im „letzten Eck“ Österreichs leben und dann zu hören bekommen, dass man dieses eh kennt. Nun, ein Eck ist es ja wirklich, nämlich das Dreiländereck Österreich-Ungarn-Slowenien. Aber gerade dieses abgeschiedene Grenzgebiet war ideal, um ein Anziehungspunkt für KünstlerInnen zu werden. Wie kam es dazu?

Am Anfang, und das waren die 60er Jahre, gab es in Neumarkt ein altes Bauernhaus, das abgerissen werden sollte. Und es gab ein paar Leute, die dieses alte Bauwerk erhalten wollten. Sie konnten den damaligen Landeskonservator, Alfred Schmeller, sofort für ihr Anliegen gewinnen. Dieser hatte die Idee, daraus ein Atelierhaus als Künstlerresidenz zu machen. So wurde zunächst ein Verschönerungsverein zur Rettung des alten Gebäudes gegründet, aus dem später der Kulturverein wurde. Nach dreijähriger Renovierung wurde 1968 das Künstlerrefugium eröffnet, ein Fest, bei dem das ganze Dorf mit gefeiert hat.

Die ersten KünstlerInnen, die diesen Rückzugsort nutzten, ließen nicht lange auf sich warten. Einer der ersten war Johannes Wanke, der Meister des Holzschnittes. Er beschrieb die Gegend hier so: „Im Sommer Sahara, im Winter Sibirien.“ Extreme also, die aber anscheinend anzogen. „Die Abgeschiedenheit und das Klima bedingen die Anziehungskraft dieser Reizgegend“, heißt es im Buch Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab, das von Petra Werkovits und Peter Vukics herausgegeben wurde. Hier konnte man ungestört arbeiten, es lenkte nichts ab, alles konzentrierte sich auf die Arbeit, schöpferische Einsamkeit war möglich.

So kamen im Laufe der Jahre ein weiteres Atelierhaus und andere Gebäude dazu und das Künstlerdorf wurde ein Ort, an dem sich die Créme de la Créme der österreichischen Kunstszene die Türklinke in die Hand gab: Christian Ludwig Attersee, Walter Pichler, Martha Jungwirth, Elfie Semotan, Peter Handke, um nur einige zu nennen. Letzterer hatte sich in Neumarkt eingemietet, um das Konzept für seinen Roman Die Angst des Tormanns beim Elfmeter zu erarbeiten. Auch ihn hatte diese Gegend sehr inspiriert, denn „dieses Buch ist ja eine der schönsten geografischen Beschreibungen von Neumarkt und Jennersdorf“ (Zitat von Peter Sattler).

Einer, dessen Name ganz eng mit dem Künstlerdorf verbunden ist, ist Edi Sauerzopf. Seine Zeichnungen bilden sozusagen eine bildliche Chronik dieses Ortes. Und er war es auch, der die Idee für die Sommerkurse hatte. Im Jahr 1971 gab es zum ersten Mal einen „Sommerkurs für werkgerechtes Gestalten“ mit sieben Teilnehmern. Im zweiten Jahr waren es schon zwanzig und so wurde die Angebotspalette erweitert.

Seither finden jährlich Sommerkurse statt. Die heurige Sommerakademie bietet bzw. bot sechs Wochen lang Kurse zu Malerei und Zeichnung, Drucktechniken, Bildhauerei und Plastisches Gestalten, Fotografie, Musik, Tanz und Schreiben an. Auch Kurse für Kinder waren im Programm. Und im Bereich Tanz gibt es erstmals Tango Argentino. Wir freuen uns schon sehr auf diese Woche mitten im August, Tango vom Solo ins Paar ist das Motto, und der Kurs so gut wie ausgebucht. Wir werden also die Dorfgalerie mit Tangomusik füllen und ausgiebig betanzen.

Dass das Künstlerdorf und darin die Kunst immer noch leben und gedeihen, ist der jetzigen Obfrau des Kulturvereins, Petra Werkovits, zu verdanken. Sie organisiert mit ihrem Team nicht nur die Sommerakademie, sondern auch Ausstellungen, Lesungen und Konzerte das ganze Jahr hindurch. Wir besuchen diese Veranstaltungen, wann immer es der Zeitplan erlaubt, gerne, denn hier finden wir Kunst von hoher Qualität, noch dazu vor der Haustür, und interessante Begegnungen. Gerade auch weil es ein Ort für künstlerischen Austausch ist, ist er weit über das Burgenland hinaus bekannt.

So möchte ich diesen Beitrag mit einem Satz aus dem Programmheft der Sommerakademie beenden:
Der Genuss der Einfachheit hat sie (die KünstlerInnen) das Wesentliche spüren und Großartiges erschaffen lassen.

Andrea

Verwendete Literatur:
Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab, herausgegeben von Petra Werkovits und Peter Vukics, Residenz Verlag

 

Mi Buenos Aires querido

Mi Buenos Aires querido

Dass die Menschen in Buenos Aires ihre Stadt lieben, haben wir in unserer Zeit dort auf vielfältige Weise erlebt. Nun aber wurde diese Erinnerung beim Workshop SOLO TANGO II wachgerüttelt, denn eine Teilnehmerin, ich nenne sie hier Sonja, war eine Portena. „HafenbewohnerInnen“ nennen sie sich, die Menschen, die in Buenos Aires geboren sind und Buenos Aires im Herzen tragen.

Sonja war schon im Jänner bei einem SOLO TANGO Wochenende in der GEA Akademie und sie ist mir gleich am ersten Abend aufgefallen, weil sie bei allen alten, klassischen Tangos die Texte mitgesungen hat. Und bei ihrem Tanz war sofort zu merken, dass sie zwar die Tangotechnik, die Art der Tangoschritte nicht kennt, aber den Rhythmus spürt und tanzt. Bald kamen wir ins Gespräch und sie erzählte, dass sie in Buenos Aires geboren sei und dort bis zu ihrem 24. Lebensjahr gelebt habe, aber noch nie Tango getanzt hat. Und damit sind wir schon mitten in ihrer Geschichte, die zugleich die Geschichte einer ganzen Generation von Portenas und Portenos ist. Also mal langsam und schön der Reihe nach:

Ihre Großeltern väterlicherseits sind 1933 wie so viele andere aus Deutschland ausgewandert. Ihr 6jähriger Sohn war mit an Bord des Schiffes, das sie nach Buenos Aires brachte. Auch ihre Mutter ist das Kind deutscher Auswanderer, wurde aber bereits in der „Neuen Welt“ geboren. Ihre Geschichte bleibt wie die der Zehntausenden anderen, die von Europa aufgebrochen sind mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, im Dunkeln. Die meisten von ihnen kamen aus Italien, dann folgte Spanien und schon an dritter Stelle steht Deutschland. So erstaunt es auch nicht, dass es in einigen Stadtvierteln von Buenos Aires deutsche Gemeinden und mehrere deutsche Schulen gibt. Sonja besuchte eine dieser deutschen Schulen, ging zur Konfirmation und lebte als Jugendliche in der Stadt des Tangos – die in den späten 1970er und frühen 1980ern keineswegs die Stadt des Tangos war! Sie erzählt, dass der Tango für sie als Jugendliche überhaupt keinen Reiz hatte. Tango – das war etwas für die Alten! Sie und ihre FreundInnen tanzten Ballroom oder Rock’ n Roll, aber doch nicht Tango! Und wirklich, auch wir haben in Buenos Aires erfahren, dass es da eine ganze Generation gibt, die nie einen Zugang zum Tangotanzen gefunden hat und die auch heute, als Erwachsene 50+ , nicht Tango tanzen können oder wollen. Aber das heißt dennoch nicht, dass sie mit dem Tango nicht vertraut wären! Wie schon eingangs gesagt, Sonja kennt die Texte vieler alter Tangos, singt sie mit und hat den Tangorhythmus im Blut.

Als Sonja 24 Jahre alt ist, verlässt sie Buenos Aires und geht zu ihrem Bruder nach Deutschland, bleibt dort viele Jahre, heiratet später einen Österreicher und lebt nun schon jahrzehntelang hier. Manchmal taucht der Wunsch auf, das Tangotanzen zu lernen, aber ihr Mann kann mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen und so gab es für sie nie die passende Gelegenheit. Bis Sonja im brennstoff, der Zeitung von GEA mit dem Programm der GEA Akademie, von SOLO TANGO liest und sich sofort für einen Workshop anmeldet. Bei diesem ersten Wochenende ist sie immer wieder zu Tränen gerührt. Sie dankt uns, dass wir ihr einen Zugang zum Tango erschlossen hätten, nach dem sie sich so gesehnt habe. Und wir? Wir danken ihr, denn durch ihr Dabeisein wurde dieses Workshopwochenende enorm bereichert und wir reichlich beschenkt! Wir erleben bei ihr den Humor, den wir bei den Menschen in Buenos Aires so geschätzt haben und diese unglaubliche Herzlichkeit. In ihrer offenen Art erzählt sie uns und den TeilnehmerInnen immer wieder von „ihrer Stadt“ und dadurch werden die Musik, der Tanz, die Stimmung des Tangos noch viel greifbarer.

So hat es uns nicht wirklich erstaunt, aber enorm gefreut, als wir sahen, dass Sonja sich zum Aufbauworkshop angemeldet hatte. Und all das, womit sie den ersten Workshop bereichert hatte, intensivierte sich noch: Um Argentinien in den Tanzraum zu holen hat sie eine ganze Reisetasche voller Gegenstände mitgebracht: angefangen von einem Poncho, wie die Gauchos ihn tragen, über Bücher und Bildbände, allem, was ein argentinischer Fußballfan so braucht bis hin zum Mate und zum argentinischen Wein! Und sie erzählt und erzählt und erzählt … und den Wein spendiert sie der ganzen Gruppe bei unserer GEA-Milonga, dem Tanzabend am Samstag! Zu später Stunde fragt sie mich dann, ob wir den Tango Mi Buenos Aires querido spielen könnten.  Ich wähle eine Originalaufnahme aus dem Jahr 1934 und Sonja tanzt und singt gemeinsam mit Carlos Gardel:

Mi Buenos Aires querido                                             Mein geliebtes Buenos Aires
Cuando yo te vuelva a ver                                          am Tag, an dem ich dich wiedersehe

No habrá más penas ni olvido                                  wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben

Irgendwann an diesem Wochenende sagte sie, dass sie all die Jahre vielleicht deshalb so eine Sehnsucht nach dem Tango hatte, weil sie schon so lange so weit weg von Buenos Aires lebt. Aber ich meine, es ist nicht nur das. Es ist diese Kraft der Tangomusik, die tief in ihr geschlummert hat und die nun einen Weg gefunden hat, um gelebt zu werden. Und wir sind unbeschreiblich glücklich darüber, dass wir dabei ein wenig Geburtshilfe leisten konnten …

Sigrid

 

Reisegeschichten

Reisegeschichten

Für unsere Tango-Silvesterreise traten wir sie an, die langen Reise nach Norden durch den ehemaligen Ostblock. Dabei  begleitete uns ein Film, den wir vorab als Einstimmung auf den Ort, an den wir uns begeben würden, gesehen hatten. Jahrestage von Margarethe von Trotta, erzählt die Geschichte der Gesine Cressphal und ihrer Familie aus einem kleinen Dorf in Mecklenburg.

Auf Grund der Tatsache, dass der Nachtzug Wien – Berlin eingestellt worden war (unglaublich!), waren wir mit dem Bus unterwegs und passierten so Schauplatz um Schauplatz dieses Films. Wir bestiegen also in Wien den Bus, ziemlich voll und sehr eng bestuhlt, müssen wir uns gleich einmal auf wenig Bewegungsraum einstellen, aber zumindest haben die Chauffeure eine ruhige und angenehme Fahrweise. Quer durch die Tschechei geht es zunächst – trostlos wirkende Ortschaften, Regen und Nebel, weites Land und sonst nichts. Wir fallen in einen Dämmerschlaf. Erst in Prag kommt Leben auf und weckt ein wenig die Lebensgeister und vor allem die Erinnerung an den Film. Denn hier endet der Film mit der Niederschlagung des Prager Frühlings.

Gesine Cressphal ist im Auftrag einer amerikanischen Bank auf dem Weg nach Prag, um Dollar-Kredite zu vermitteln und so die Tschechoslowakei in ihren Unabhängigkeitsbetrebungen zu unterstützen. Aber dazu soll es nicht mehr kommen, die sowjetischen Panzer rollen schon …

Genau 50 Jahre ist das jetzt her und wir reisen jetzt ohne Grenzkontrollen durch ein Tschechien, das zur EU gehört. Auf unserer Fahrt mitten durch die Stadt präsentiert sie sich stolz mit Karlsbrücke und Prager Burg und diese altehrwürdigen Gebäude, die über der Moldau thronen, erzählen auch ihre Geschichten.  Zuerst noch der Moldau und dann der Elbe folgend geht es weiter Richtung Norden, diesmal durch ausgedehnte Wälder. Bald nachdem wir die Grenze zu Deutschland passiert haben, erreichen wir Dresden. Der neue Hauptbahnhof, ein sehenswertes Gebäude, versetzt mich wieder in den Film.

Hier absolviert Jakob, Gesines Geliebter, die Ausbildung zum Lokomotivführer in den Anfängen der DDR. Im aufstrebenden Sozialismus nimmt man sich vor allem der jungen Menschen an, Ausbildung und Arbeitsplätze sind gesichert, aber gehen einher mit ideologischer Erziehung, bei der keine Abweichungen geduldet werden. Bei einem Zugunglück verliert Jakob sein Leben, bevor die gemeinsame Tochter Marie geboren wird. Als Marie elf Jahre alt ist, rollen die Fragen nach dem Vater Gesines Vergangenheit auf …

Wir haben hier unseren zweiten und letzten Stopp vor Berlin. Auch Dresden, schon im Abendlicht, zeigt am Ufer der Elbe seine Schätze: Frauenkirche, Residenzschloss und Kathedrale. Ab jetzt begleitet uns Dunkelheit, die Zeit vergeht seeehr langsam. Als endlich die Lichter von Berlin auftauchen, sind wir erleichtert, bald der Enge dieses Busses entkommen zu können. Wieder in Berlin! Wenn im Moment auch nur für eine Nacht im Hotelzimmer, im Motel One am Hauptbahnhof. Ansprechendes Design, das Zimmer nicht groß, aber mit stilvollem Bad und sehr bequemem Bett, einer tollen Aussicht über das nächtliche Berlin, eine einladende Bar und ein reichhaltiges Frühstücksbuffet mit vielen Bio-Produkten, ideal für einen Zwischenstopp. Auch in Gesines Geschichte war Berlin Zwischenstopp – auf der Flucht in den Westen.

Gesine und ihrer Freundin Anita wird es, nachdem sie das Abitur in der Tasche haben, zu eng in der sozialistischen DDR und sie fliehen in den Westen. Noch gibt es keine Mauer, die Flucht ist relativ einfach, auch wenn die Spitzel der Stasi auch schnell mal nachkommen in den Westen. Aufhalten können sie die beiden aber nicht. Als die Mauer gebaut wird, lebt Gesine bereits in New York …

Ausgeruht und gestärkt konnten wir also am nächsten Morgen die Weiterreise antreten – mit dem Zug noch zwei Stunden nordwärts in die Mecklenburgische Seenplatte. Bei der Fahrt durch die Landschaft, als die ersten Seen auftauchen, werden sie wieder lebendig, die Bilder aus dem Film, denn hier nimmt er seinen Anfang.

Im Jahr 1933 wird Gesine Cressphal in einem kleinen Dorf in Mecklenburg geboren. Ihre Kindheit ist geprägt von Hitlers Machtergreifung, dem Krieg und der sowjetischen Besatzung …

Vier Jahrzehnte deutscher Geschichte werden also in diesem Film ziemlich spannend erzählt und haben so für mich diese Reise auch zu einer Reise durch die Geschichte gemacht. Bald erreichen wir Waren, das Tor zum Seenparadies der Müritz, von wo uns ein Taxi zum Gutshof Neu Schönau bringt. Wir haben das Ziel unserer langen Reise erreicht. Das liebevoll renovierte Gutshaus umgeben von einigen kleinen Seen, hätte wohl auch viele Geschichten zu erzählen. Jetzt aber bildet es einen wunderschönen Rahmen für unsere Tangowoche im hohen Norden.

Andrea

Buch- und Filmtipp:

Jahrestage,
ein Film von Margarethe von Trotta,
nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Johnson

 

Alles Tango!

Alles Tango!

Tango ist nicht gleich Tango. Es gibt nämlich drei verschiedene Musikrichtungen im Tango, die sich vor allem in ihrem Rhythmus unterscheiden: den Tango, die Milonga und den Vals. Dass es diese drei Varianten gibt, ist auf die Entstehung des Tangos und seine Geschichte zurückzuführen.

Die Vermischung der Kulturen im Buenos Aires der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert führte auch zu einer Vermischung der verschiedenen Volksmusiken und Folklore-Melodien. Der Candombe und die Land-Milonga bildeten zusammen mit dem Walzer und der kubanischen Habanera ein Rhythmusquartett, aus dem sich schließlich der Tango entwickelte. Der Candombe ist eine schwarze Musik mit schnellem, heiterem Rhythmus, obwohl diese Heiterkeit in gewisser Weise mehrdeutig zu sein scheint und vom Elend der AfrikanerInnen erzählt. Die Land-Milonga ist eine Art gesprochene Klage von einsamen Landarbeitern, die von einer einfachen Gitarre begleitet wird und deren Melodien geradezu obsessiv wiederholt werden. Die Habanera ist dem Tango ursprünglich am nächsten, während die Milonga eher mit dem Candombe verwandt ist. Auch das Wort „Milonga“ kommt aus der Quimbunda-Sprache, die von der angolanischen Bevölkerung Brasiliens gesprochen wurde. In dieser Sprache bedeutet „Mulonga“ Wort und der Plural „Milonga“ Wörter. Die europäischen EinwanderInnen haben auch den Walzer nach Buenos Aires gebracht und so war auch dieser von Anfang an ein grundlegender Rhythmus, der nun im Tango-Vals seinen Ausdruck findet.

Was unterscheidet nun die Milonga vom Tango? Die Milonga ist im Wesentlichen heiterer und schneller, ihre Musik hat einen einfachen Rhythmus im 2/4-Takt, ein bisschen vergleichbar mit unserer Polka. Sie wird selten von Gesang begleitet. Auch der Tanz einer Milonga macht einen fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Beispiele für bekannte Milongas sind: Vieja Milonga, La Punalada, Milonga de mis amores, Milongon

Der Tango seinerseits ist mit seinem 4/8-Takt sehr rhythmisch, leidenschaftlich, theatralisch, melancholisch, ernst, … und hat in seiner Weiterentwicklung sogar Formen von Kunstmusik angenommen. Er ist das, was allgemein als Tango bekannt ist.

Zwei Hörbeispiele sollen den Unterschied deutlich machen. Sowohl die Milonga als auch der Tango sind eine Interpretation des Orchesters von Juan D’Arienzo:

Vieja Milonga, also die „alte Milonga“

Loca, ein Tango, den wir in unserem heurigen wo/men tango act „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen.

Der Vals schließlich ist ein Tango im 3/4-Takt. Sehr fließend, schwelgend, melodiös, … wird er auch gerne gesungen. Es gibt einige Valses, die sehr an den Wiener Walzer erinnern, wie z.B. Tres Jolie oder Dolores vom französischen Komponisten Emil Waldteufel. Andere Beispiele für bekannte Tango-Walzer sind Desde el alma (Aus der Seele) von der 14jährigen Rosita Melo im Jahr 1911 komponiert oder Corazón de oro (Herz aus Gold) von Franzisco Canaro.

Auch hier ein Beispiel zum Reinhören: Corazón de oro in einer Interpretation des Quinteto Pirincho

Es gibt die Aussage von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit. Das zeigt sich auch in diesen drei Tango-Varianten mit ihren unterschiedlichen Rhythmen und Stimmungen sehr deutlich. Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Tangomusik und Tangotanzen nie langweilig werden!

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Grenzgängerinnen am Dreiländereck

Grenzgängerinnen am Dreiländereck

Immer wieder werden wir gefragt, wo im Burgenland wir leben und meist antworten wir: Gerade noch in Österreich! Unser Haus liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Ungarn und zu Slowenien entfernt und so findet sich der „Dreiländer-Grenzstein“ auch im Wappen unserer Gemeinde St. Martin an der Raab. An diesem Wochenende hatten wir Besuch von einer Freundin aus Wien und wir machten uns zu dritt auf den Weg zur und an der Grenze.

Dieser Weg führt durch prächtige Laubwälder, die jetzt zwar noch nicht frisch begrünt, aber dennoch immer wieder eine Augenweide sind. Und während wir so dahinwanderten, begann ich über diese Grenze nachzudenken. Auf den Grenzsteinen, die links und rechts des Weges aufgestellt sind, und so beinahe ein Spalier bilden, ist die Jahreszahl 1922 zu lesen. Es ist also eine junge Grenze, die in den Friedensverhandlungen von St. Germain im Oktober 1919 festgelegt wurde. Vertreter aller drei Nationen haben den genauen Grenzverlauf vor Ort erkundet und im Jahr 1922 endgültig fixiert. Der pyramidenförmige Grenzstein, der heute auf einer kleinen Anhöhe genau das Dreiländereck markiert, wurde 1923 aufgestellt.

Seit damals erst gehört ja das Burgenland zu Österreich. Mit dieser Grenzziehung wurde es nötig, eine neue Verwaltungsstruktur zu schaffen, aus dem bisherigen Dorf Jennersdorf wurde der Verwaltungssitz des Bezirkes, Straßen mussten angelegt und abgelegene Ortschaften neu erschlossen werden. Als ich dies, und noch viele andere interessante Details, in dem soeben neuerschienenen Buch Jennersdorfer Impressionen, herausgegeben von Petra Werkovits und Peter Vukics, kürzlich gelesen habe, wurde mir wieder einmal klar, was sich in den letzten 100 Jahren in Österreich politisch alles verändert hat. Aber wandernd als Grenzgängerin bleibe ich mit meinen Gedanken hier an dieser Grenze …

Diese junge Grenze wurde ja im Laufe des vorigen Jahrhunderts Teil des Eisernen Vorhangs. An einem Wegabschnitt steht daher ein ehemaliger Grenzwachturm und ein Stück Stacheldraht als mahnende Erinnerung an jene Zeit, die für mich als Kindheitserinnerung gespeichert ist. Meine Großmutter hatte zwei Cousinen, die in Budapest lebten und in den späten 1970er Jahren sind meine Eltern mit uns regelmäßig nach Ungarn gereist. Der Grenzübertritt war für mich als Kind eine unheimliche, ja manchmal furchteinflößende Angelegenheit: Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag kannte man damals nicht einmal aus dem Fernsehen. Der Grenzübergang in Heiligenkreuz mit Wachtürmen, Stacheldraht und Scheinwerfern, mehreren Grenzbalken hintereinander, die jeweils nur für ein Auto geöffnet wurden, den unzähligen Soldaten, … all das prägte sich mir ein als „Eiserner Vorhang“. Und heute spaziere ich entlang dieser offenen Grenze, der Weg verläuft manchmal ein Stück auf ungarischem Boden, dann wieder stehen die Grenzsteine links und rechts des Weges. Für mich ist es immer wieder bewegend, wenn ich als Grenzgängerin – hier mitten im Wald oder mit dem Auto am heute offenen Grenzübergang in Heiligenkreuz – diese Grenze überschreite! Es ist das Gefühl, ein Stück Geschichte selbst erlebt zu haben, und erfreulicherweise ist es ja eine Wendung ins Positive, die sich hier ereignet hat. Umso unverständlicher ist es für mich, wenn in den letzten Jahren im Namen der Sicherheit gefordert wird, dass diese Grenze wieder geschlossen werden sollte. Zu erleben, dass nun auf österreichischer Seite eine neue Grenze gezogen wird, grenzt schon an Ironie!

Aber zurück zur offenen Grenze. Im Jahr 2004 wurde der Grundstein für eine Naturschutzinitiative gelegt, um den weitgehend naturnah belassenen Grenzstreifen des Eisernen Vorhangs quer durch Europa zu erhalten. Dieses „Grüne Band“ ist zu einem Rückzugsgebiet bedrohter Arten geworden und hat eine Gesamtlänge von über 12500 km – vom Eismeer im Norden Norwegens bis zum Schwarzen Meer an der Grenze zur Türkei. Entlang des „Grünen Bands“ gibt es zahlreiche Möglichkeiten für sanften Tourismus und slow travelling per Rad oder zu Fuß. Und ein kleiner Abschnitt davon liegt sozusagen vor unserer Haustür und macht uns immer wieder zu Grenzgängerinnen!

Also, auf an die Grenzen, im Südburgenland oder anderswo!
Sigrid

 

Tango around the world

Tango around the world

Diesmal möchte ich zu einer Weltreise auf den Spuren des Tangos einladen, denn er ist heute auf allen Kontinenten zuhause: in trendigen Nachtclubs von Seattle bis Stockholm genauso wie in kultivierten Tanzsälen rund um den Globus.

Seine Verbreitung begann schon ziemlich früh – vor ca. 100 Jahren trat er seine erste Weltreise an. Entstanden am Rio de la Plata, in Buenos Aires und Montevideo, unter den Einflüssen unterschiedlichster Kulturen, gelangte er nach Paris. Er kam schnell in Mode, und ausgehend von Frankreich war bald ganz Europa vom Tangofieber gepackt.

So kam er 1913 nach Finnland und fand dort besonderen Anklang, da sich die Finnen durch den Tango in ihrem Leid unter der russischen Herrschaft verstanden fühlten. Der Tango drückte das aus, worüber zu sprechen unmöglich war. Es entwickelte sich ein eigener Musikstil voller Poesie, Trauer und Tiefe. Wahrscheinlich steht finnischer Tango deshalb öfter in Moll statt in Dur. Die bekanntesten Komponisten sind Toivo Kärki und Unto Mononen, die finnischen Tango zu einer Art Nationalmusik machten. Er ist auch heute noch weit verbreitet und man trifft in Restaurants, Tanzlokalen und im Sommer beim sogenannten „Tanz auf dem Bretterboden“ auf Tangomusik. Tangotanzen gilt als Freizeitvergnügen. Das Seinäjoki Tango Festival, das jeden Sommer stattfindet, zieht BesucherInnen aus aller Welt an. Und es ermöglicht jungen MusikerInnen, die sich dem Tango widmen, bekannt zu werden. 14097480675_888b7bd64c_bSo gibt es z. B. die freche, junge Formation Las chicas del Tango, die eine Brücke zwischen der Welt des finnischen und argentinischen Tangos bauen, indem sie spanische Liedertexte mit Eigenkompositionen kombinieren. Auf ihrer CD Tango de norte a sur vereinigen sich Klassiker des argentinischen und finnischen Tangos mit einem Wirbel von Tango Nuevo im Helsinki-Stil. Sehr zu empfehlen! Jedenfalls ist finnischer Tango, nach dem argentinischen, wohl am meisten bekannt und ausgeprägt. Es gibt sogar Finnen, die behaupten, der Tango sei eigentlich in Finnland entstanden.

4647162978_5cdfa38511_bNun ja, der Tango reiste nicht nur nach Norden sondern auch gegen Osten. Hier entwickelte sich Bukarest, das „Paris des Ostens“ in den 1920er und 1930er Jahren zur Tangometropole. Das elegante und multikulturelle Bukarest der damaligen Zeit war ein Zentrum europäischer Kultur. Rumänische Tangostars wie Jean Moscopol oder Maria Tanase prägten den Bucharest Tango. In den besten Restaurants und Hotels der Stadt mit klingenden Namen wie Lafayette, Lido oder Astoria, konnte man Tangos hören. Nach dem 2. Weltkrieg gerieten sie allerdings vollkommen in Vergessenheit und vor einigen Jahren hat sie nun die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu wieder belebt. Auf ihrer CD Bucharest Tango öffnet sie wieder die Türen zu den Tangos und Liedern des Bukarest jener Zeit. Diese Tangos haben einen ganz besonderen Charme und einige davon gehören zu unseren Lieblingstangos.

6846938318_2504aff84e_oSchon die Wurzeln des Tangos sind ja multikulturell. Unter den Einflüssen afrikanischer, kubanischer und europäischer Musik entstand er und wenn heute auf der ganzen Welt Tangoklassiker interpretiert oder neue Tangos komponiert werden, dann auch meist unter den Einflüssen der jeweiligen Kulturen. Auf der CD Tango around the world kann man dem nachspüren und sich auf musikalische Tangoweltreise begeben. Hier finden sich neben Tangos aus Argentinien auch solche aus Senegal, Finnland, Brasilien, Norwegen, Griechenland, Serbien und Portugal. Tango beeinflusst die Musik rund um den Erdball und umgekehrt.

Ich denke, dass gerade dieses Gemisch der Kulturen, angefangen bei seiner Entstehung bis herauf in die heutige Zeit, die Seele des Tangos ausmachen.

Andrea

 

Frauenpower in Berlin

Frauenpower in Berlin

Am letzten Wochenende haben wir wieder einmal Berliner Großstadtluft geschnuppert. Unter der Regie von Evelyn Bader, die das Frauenreisebüro WomenFairTravel führt und zu einem Reiseleiterinnentreffen geladen hatte, konnten wir eintauchen in ein Berlin der Frauen.

Wenn man in der Geschichte zurück geht, gab es ja in den 1920er und 30er Jahren, auch die wilden Jahre in Berlin genannt, schon ganz viel Frauenpower. Frauen wie Marlene Dietrich, Else Lasker-Schüler, Claire Waldoff, Leni Riefenstahl, Anita Berber, Erika Mann und viele mehr gaben Berlin sein unvergleichliches Gesicht und prägten Kunst und Kultur dieser Stadt. Sie alle trafen sich in den zahlreichen Cafés, literarischen Salons, Cabaréts, im Tanzsaal und sogar im Boxring. Selbstbewusst und lebenshungrig stürmten sie die letzten Männerdomänen und verfolgten unbeirrbar ihre künstlerischen Ziele. Abseits der gängigen Pfade schrieben sie ihr eigenes Stück Kulturgeschichte. Nachzulesen ist diese äußerst interessante Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen, die leider mit dem Beginn der Naziherrschaft ihr jähes Ende fand, in Die wilden Jahre in Berlin von Birgit Haustedt.

Etwas von dieser Energie und diesem Flair meinte ich das vergangene Wochenende in Berlin erlebt zu haben. Es begann schon damit, dass wir nach einer Nacht im Zug von Evelyn zum Frühstück geladen waren – ins Lili Marleen in der Crellestraße. Da saßen wir vier Frauen, auch Amelie von WomenFairTravel war dabei, in einem alten, gemütlichen Café bei einem opulenten Frühstück, das auch gleich als Mittagessen reichte und verbanden das Angenehme mit dem Nützlichen, indem wir gleich ein erstes Arbeitsgespräch führten. Danach flanierten wir durch die sehr nette Akazienstraße mit unzähligen kleinen Läden und Lokalen, in denen es viel Schönes und Kreatives zu entdecken gibt. Diese Straße liegt ebenso wie Evelyns Büro oder das Lili Marleen im Bezirk Schöneberg. Auch die Privatunterkunft, die Evelyn für uns organisiert hatte, war in diesem Bezirk. Eine große, wunderschöne Berliner Altbauwohnung empfing uns, zunächst ohne unsere Gastgeberinnen, die bei unserem Eintreffen noch beruflich unterwegs waren. Die eine als Architektin in Berlin, die andere als Beraterin für einen internationalen Konzern kam erst in der Nacht aus Genf. Mit ihnen beiden und ihrem Dackel Moritz genossen wir den Aufenthalt in dieser Wohnung dann gleich noch mehr.

Der ganze Samstag stand dann im Zeichen von WomenFairTravel. An die 20 Reiseleiterinnen kamen zusammen aus nah und fern. Es ging ans Kennenlernen, Erzählen, Austauschen, … . So viele interessante Geschichten und Persönlichkeiten, Frauen, die jeweils ihren Weg gingen, so unterschiedlich, aber immer beeindruckend, traten zu Tage. Auch Reflektion, Information und Weiterbildung gab es mit der Touristikberaterin Wibke Rissling-Erdbrügge. Und am Abend dann wurde gefeiert, mit Sekt, einem wunderbaren Buffet, Musik und Tanz. Evelyn hatte diesen Tag so umsichtig, liebevoll und professionell gestaltet, wie sie auch ihr Unternehmen führt.

Auch für den Sonntag hatte sie dann noch ein gemeinsames Kulturprogramm organisiert, nämlich einen Besuch des verborgenen Museums in Charlottenburg. Das verborgene Museum hat sich die Dokumentation der Kunst von Frauen zur Aufgabe gemacht, Künstlerinnen, die in Vergessenheit geraten sind, wieder ans Licht zu holen. Die laufende Ausstellung, die wir sahen, zeigte die Werke zweier Fotografinnen, Gerti Deutsch und Jeanne Mandello. Und da sind wir wieder angekommen in den wilden Jahren, denn beide waren in den 1920er und 30er Jahren erfolgreiche Fotografinnen mit eigenen Ateliers, mussten als Jüdinnen dann 1936 aus Wien bzw. 1934 aus Frankfurt fliehen. Vieles von ihrem Werk ging dabei verloren, manches konnte nach mühevoller Recherchearbeit wieder entdeckt und nun erstmals hier gezeigt werden, wie uns die Kuratorin der Ausstellung erzählte. Für alle, die an Kunst von Frauen interessiert sind, ist dieses Museum jedenfalls ein Geheimtipp.

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Nach diesem interessanten Museumsbesuch konnten wir uns noch nicht so schnell verabschieden, und die Berlinerinnen unter uns wussten gleich ein nettes Café in der Nähe, wo wir unser Treffen gemütlich ausklingen lassen konnten. Das Kantcafé, in gleichnamiger Straße gelegen, bot den passenden Rahmen dafür. Nach den Umarmungen und Küssen zum Abschied schlenderten wir noch, voll mit vielen schönen Eindrücken und Begegnungen, über den Kurfürstendamm zurück in die Wohnung unserer Gastgeberinnen. Nochmals Herzen und Küssen und dann Aufbruch zum Bahnhof – ein wunderschönes Wochenende in Berlin war zu Ende. Aber wir kommen wieder!

Andrea