Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Bekanntlich gibt es ja ganz unterschiedliche Arten zu lernen und in unseren Workshops und Kursen erleben wir dies immer wieder. Da sind jene Menschen, die in die Musik und in ihre Bewegungen hinein spüren, die sich ganz in das Gefühl des Tango Argentino fallen lassen. Sie lernen über das Spüren und sind manchmal richtige Naturtalente im Tango. Dann gibt es diejenigen, die übers Schauen lernen. Im Solo Tango tanzen sie oft ein paar Schritte hinter mir und haben meine Füße im Blick, schauen sich die Schritte und Bewegungen ab und speichern sie so. Wieder andere wollen alles genau wissen, sie fragen nach wie eine Bewegung heißt und wünschen sich Erklärungen. Sie lernen über das Verstehen und der Tango gelangt üben den Kopf in den ganzen Körper. Tatsächlich sprechen auch wir immer wieder vom Vokabel lernen – der Körper lernt neue Bewegungen wie einst der Kopf die irregular verbs.
Von einer Teilnehmerin, die am besten über das Wissen und Verstehen lernt, kam kürzlich der Wunsch nach einem Lexikon der Tangobegriffe auf unserer Website. Here we are!
Wir ordnen die „Tangovokabeln“ nicht alphabetisch sondern orientieren uns am Tanzen, beginnen also mit den Basics und öffnen sprachlich die unendliche Welt des Tango Argentino.

caminar – das Gehen: Die Gehschritte in alle Richtungen (vorwärts, rückwärts, seitwärts) sind die Basis und der Ausgangpunkt für alle anderen Bewegungen. Wir nennen sie gerne das ABC des Tangos.

el abrazo – die Umarmung: Die Tanzhaltung hat im Tango wirklich diese wunderschöne Bezeichnung. Arme und Schultern der beiden Tanzenden bilden dabei einen Kreis, der möglichst stabil bleibt.
Gemeinsam mit caminar sind wir damit beim „Gehen in Umarmung“.

la pausa – die Pause: Das Gehen zu unterbrechen und Pausen zu machen gehört zum Wesen des Tango Argentino.

la cunita – die Wiege: Durch die Wiederholung eines Vorwärts- und eines Rückwärtsschrittes ergibt sich die Wiege. Sie kann linear, also geradeaus und in Tanzrichtung verbleibend oder zirkular mit einer integrierten Drehung getanzt werden. Dann ist die Wiege eine elegante Form, um die Kurve zu tanzen oder nach einer Halbdrehung zurück in Tanzrichtung zu kommen.

Disociacion – Trennung: Für diese elementare Bewegung wird der Körper quasi zweigeteilt. Der Oberkörper ist der Partnerin/dem Partner zugewandt, während die Hüfte und die Beine in Tanzrichtung bleiben. Die Disociacion, die durch das Verdrehen des Oberkörpers durch die führende Person erfolgt, wird für zahlreiche Bewegungen benötigt und sie bewirkt, dass die Verbindung zwischen den beiden Tanzenden bestehen bleibt.

la cruz – das Kreuz: Das Überkreuzen der Beine im Gehschritt, geführt durch eine Oberkörperdrehung.

los adornos – die Verzierungen: Sie sind die spielerischen Elemente, die die Strenge des Tangos aufheben und Freiraum für Kreativität schaffen. Das Gewicht ruht dabei auf dem Standbein, das Spielbein ist frei für die Verzierungen. Zwei davon, die vielfältig variiert werden können, möchte ich hier nennen:
el lápiz – der Stift: Mit der großen Zehe oder mit dem Absatz des unbelasteten Beines werden am Boden Kreise gezeichnet.
el golpe – der Schlag: Wir nennen diese Verzierung einfach nur Taps, denn dabei wird während des Gehens oder in einer Pause mit der Fußspitze auf den Boden getippt.

los ochos – die Achten:  Bei dieser fließenden Schrittkombination, bestehend aus einem Schritt und einer Drehung auf dem Zehenballen,  schreiben die Füße am Boden eine Acht. Je nach Schrittrichtung wird ein ocho adelante – ein Vorwärtsocho oder ein ocho atrás – ein Rückwärtsocho getanzt.

el ocho cortado – die abgeschnittene Acht: Der Name dieser Schrittfolge ist etwas irreführend, denn er sagt, dass dabei ein Ocho abgebrochen wird. Tatsächlich ist es aber ein Giro, der hier unterbrochen und nicht zu Ende geführt wird.

el giro – die Drehung: Bei dieser Drehung mit einer fixen Schrittfolge (Rückwärtsocho, Seitenschritt, Vorwärtsocho und noch ein Seitenschritt) bleibt die führende Person meist am Platz stehen und die folgende Person geht um sie herum. Es gibt zahlreiche Varianten des Giros, zum Beispiel auch, dass beide Tanzenden gleichzeitig umeinander gehen. In Deutschland wird dieses typische Tangoelement eher als Molinete bezeichnet.

la sacada – auch la entrada, das Eintreten: Eine Sacada ist ein Schritt in den Tanzbereich des Partners bzw. der Partnerin. Dabei kann das Bein der anderen Person berührt und verdrängt werden, um dessen Platz einzunehmen, eine Sacada kann aber auch ohne Berührung getanzt werden.

la barrida – von barrer, fegen: Dabei wird der Fuß des Partners bzw. der Partnerin mit dem eigenen Fuß am Boden weggeschoben. Eigentlich ist es aber kein Wegfegen des Fußes, sondern ein Begleiten des Schrittes.

 el voleo – der Flieger: Nicht der Partner oder die Partnerin fliegt, sondern durch ein rasches Abstoppen der Bewegung fliegt das freie Bein der folgenden Person.  Dieses Fliegen-lassen des Beines kann je nach Akzent als hoher oder niedriger Voleo geführt werden.

el gancho – der Haken bzw. der Beinhaken: Das Spielbein der folgenden Person schwingt um das Bein der führenden Person und hakt dabei in deren Kniekehle ein.

Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht – dies ist eine kleine Auswahl, in der die wichtigsten und häufigsten Begriffe zusammengestellt sind. Hier immer wieder mal nachlesen zu können und Tanzelemente beschrieben zu finden, vielleicht als Nachlese eines Kurses oder einfach aus Interesse, ist die Idee dahinter. Wir hoffen, dass dies hilfreich ist und deine Neugier für den Tango damit ein wenig gestillt wird – oder neu entfacht.

Sigrid

 

Queer Tango, nun auch in Wien!

Queer Tango, nun auch in Wien!

Zu Queer Tango haben wir in unserem Blog ja immer wieder einmal schon geschrieben. Aus aktuellem Anlass, nämlich dass vor einer Woche die erste Queer Milonga in Wien stattfand, möchten wir das Thema nochmals aufgreifen.
So wie sich ja der Tango weltweit verbreitet hat, hat sich auch diese Bewegung innerhalb der Tangowelt in vielen Ländern und Städten etabliert. Deshalb freut es uns ganz besonders, dass es nun auch in Wien Queer Tango gibt. Die erste Milonga dieser Art war ein toller Erfolg: viele nette und offene Menschen, schöne Location, gute Musik, herzliche Betreuung, einfach rundum eine angenehme Atmosphäre. Wir haben es sehr genossen, dabei zu sein.

Nun, was ist Queer Tango eigentlich?
Da gibt es mittlerweile viele Definitionen, Beschreibungen und auch schon Studien. Ich möchte mich in diesem Artikel auf Mariana Docampo beziehen, die in Buenos Aires Queer Tango mit begründet hat. Ihr geht es darum, eine offene Tangoumgebung zu erschaffen, befreit von den traditionellen Tangoregeln, und neue Kommunikationsformen im Tanz zu ermöglichen. Der Zweck ist, Tango zu tanzen ohne festgelegte Rollen angepasst an das Geschlecht der Tanzenden. Daraus ergeben sich unzählige Möglichkeiten fürs Tanzen.

Das Wort queer bedeutet wörtlich übersetzt: sonderbar, seltsam, wunderlich, komisch.
Es wurde benutzt um die schwule, lesbische, trans- und intersexuelle Community zu benennen. Daraus ergab sich eine Bewegung, die konfrontierend und subversiv gegen konservative Einstellungen auftrat, um dem Wort  queer eine neue Bedeutung zu geben. Es beinhaltet alles, was nicht Standard ist und ermöglicht somit Diversität. Auch hier ging es darum, eine freie Umgebung zu schaffen, in der Menschen sich so ausdrücken können, wie sie sich wirklich fühlen.

Queer Tango gibt die Möglichkeit, die Rolle im Tanz frei zu wählen. Alle lernen zu führen und zu folgen. Die Tanzenden entscheiden gemeinsam, wer welche Rolle einnimmt oder ob während des Tanzes gewechselt wird. Nachdem Tango als Tanz nicht nur Musik und Bewegung ist, sondern auch Kommunikation zwischen zwei Menschen, kann es so zu einer Begegnung auf Augenhöhe kommen, in der jede/r sich so ausdrücken kann wie er/sie sich fühlt (siehe oben!). Einen Eindruck davon vermittelt dieses Video vom Queertango Festival 2016 in Berlin:

Anlässlich der ersten Queer Milonga in Wien wurden wir gefragt, was denn Queer Tango für uns bedeutet, und wir haben diese Antwort gefunden:  Queer bedeutet für uns Buntheit, Vielfalt und Offenheit – alles hat Platz, vieles ist möglich, das queere Leben ist voller Überraschungen. Ganz nach dem Motto von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit.

Auf der Facebook-Seite von Queertango Wien heißt es: QUEERNESS im Tango Argentino verstehen wir positiv als „quer“-liegend, als Querfeldein und soziokulturelles Crossover individueller Lebens- und Tanz-Stile. Denn nicht das Chaotische, sondern das Sublime im Aufbrechen der strengen Form im Tango Argentino fasziniert.

In diesem Sinne ist es einfach schön, dass Queer Tango nun auch in Wien lebt!

Andrea

Zum Weiterlesen gibt es folgende Blogartikel: Queer Tango und Queertango-Festival

L’ultimo Tango!

L’ultimo Tango!

In der Welt des Tangos gibt es einige Traditionen, vielleicht könnte man sogar von Ritualen sprechen, die sich im Lauf der Zeit rund um den Globus verfestigt haben. Der typische Aufbau einer Tango-Tanzveranstaltung wird beispielsweise auf den meisten Milongas weltweit praktiziert. Andere Rituale wie die Mirada, also das Auffordern zum Tanz über den Blick, gibt es fast nur noch in traditionellen Kreisen. Und nicht immer ist klar, ob der ursprüngliche Schlusspunkt einer Milonga noch in der Weise praktiziert wird, wie es in Buenos Aires üblich ist – denn so manche*r hört und tanzt frühmorgens den letzten Tango einer Milonga nicht mehr. Wir pflegen diese Tradition – den letzten Tango anzukündigen und dabei immer dasselbe Musikstück, nämlich eine La Cumparsita, zu spielen, nicht nur auf unseren Milongas und Übungsabenden, sondern beenden auch jeden unserer Kurse und Workshops mit diesem „Tango der Tangos“. Und so beschließen wir auch diese kleine Reihe zur Tangomusik mit L’ultimo Tango – aber nicht nur mit einer Version, sondern mit ganz unterschiedlichen Interpretationen.

Er wurde schon im Jahr 1916 von Gerardo Matos Rodriguez komponiert, und zwar für den Karnevalsumzug in Montevideo. Daher auch der Titel, denn La Cumparsita heißt Der kleine Karnevalsumzug. Es gibt dieses Stück nicht nur in mehreren Textversionen, sondern auch die Arrangements sind unglaublich vielfältig. An den Anfang setze ich eine Variante mit gesprochenem Text, in dem der Sprecher der Frage nachgeht, was den Tango eigentlich ausmacht. Er schließt mit den Worten: „ … para mi, eso es el tango – dies ist für mich der Tango!“

In den Goldenen Jahren des Tangos entwickelte sich La Cumparsita zum selbstverständlichen Abschluss einer Milonga. Daher war dieser Tango im Repertoire jedes Orchesters, jeder Sängerin und jedes Sängers. Als Beispiel für eine gesungene Cumparsita wähle ich „La dama del Tango“: Mercedes Simone:

Mit La Cumparsita ist es demnach auch gut möglich, einige der bekanntesten Tangoorchester jener Zeit zu beschreiben. Beim Anhören desselben Musikstücks in den jeweiligen Interpretationen sind die charakteristischen Merkmale, der Stil ihrer Arrangements gut erkennbar. Den Anfang macht hier der „König des Taktschlages“ höchstpersönlich, Juan D’Arienzo. Typisch für ihn ist der schnelle, klare Beat, der manchmal auch als Staccato-Schliff bezeichnet wird. Andere wieder nennen sein Orchester eine Rhythmusmaschine, in der das Klavier das tragende Element ist. Mit fünf Geigen und fünf Bandoneons – jeweils eines mehr als üblich – ist das Orchester sehr beweglich und flexibel. In vielen der Arrangements von D‘Arienzo gibt es kaum Pausen, die Aufnahme aus dem Jahr 1961, die ich hier gewählt habe, spielt aber genau mit diesem Überraschungseffekt und lässt uns zwischendurch glauben, wir wären schon am Ende angelangt. Überhaupt würde ich empfehlen, dieses Video zweimal anzuklicken – einmal, um dem einzigartigen Stil des Dirigierens von D’Arienzo und dem Ausdruck der Musiker zuzusehen, ein zweites Mal, um genau hinzuhören:

Als nächstes kommen wir zu Carlos di Sarli, der selbst das Klavier spielt und vom Klavier aus das Orchester dirigiert. Charakteristisch für ihn ist das mittelschnelle Tempo – deutlich langsamer als vorhin bei D’Arienzo – und dass die Melodie im Zentrum der Arrangements steht. Der typische Di Sarli- Klang entsteht durch die Geigen – manche sagen sogar: Di Sarli macht alles mit den Geigen! Doch bei genauem Hinhören fallen auch die trillerartigen Einwürfe des Klaviers auf, mit denen Di Sarli die einzelnen Phrasen verbindet und so die Musik geschmeidig abrundet.

Mit Anibal Troilo kommen wir zu jenem Orchester, dem extrem hohe Qualität und brillante Arrangements zugesprochen werden. Der sogenannte Troilo-Sound versteht es, zügig zwischen abgehackten, stakkatoartigen Passagen und glattem Legato hin und her zu wechseln. Obwohl Troilo selbst das Bandoneon spielt und aufgrund der Ausdrucksstärke seines Spiels vielfach als bester Bandoneonspieler aller Zeiten bezeichnet wird, tritt er damit nicht in den Vordergrund – seine Soli sind eher schlicht und zurückhaltend. Die zentrale Rolle spielt vielmehr das Klavier, über viele Jahre hinweg ist der Pianist Orlando Goni, der einen neuen Stil des Tango-Klavierspiels entwickelte, die tragendende Figur dieses Orchesters.

Nach diesen drei Beispielen aus den Goldenen Jahren und von klassischen Tangoorchestern machen wir einen großen zeitlichen Sprung in das heutige Buenos Aires. Reduziert auf Klavier und Bandoneon versteht es das Duo Ranas dennoch, den ganzen Raum mit ihrer Musik zu füllen und überraschende Akzente zu setzen. Mehrmals schon hatten wir – in Buenos Aires und in Graz – das Vergnügen, zu ihrer Livemusik zu tanzen. Immer wieder aber sind ihre Arrangements nicht in erster Linie zum Tanzen, sondern einfach für den Hörgenuss gedacht. So, wie diese Version der Cumparsita:

Wenn wir am Ende eines Workshopwochenendes oder einer Tangowoche „L’ultimo Tango“ ankündigen, entscheiden wir uns oft für ein grande finale: die süddeutsche Formation Quadro Nuevo hat 2011 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunkorchester eine CD aufgenommen und die darin enthaltene Version von La Cumparsita ist wahrlich ein krönender Abschluss. So bleibt mir auch jetzt nur noch die Ankündigung: L’ultimo Tango!

Sigrid

Verwendete Literatur: Tangogeschichten, Michael Lavocah

 

In 8 Tangos um die Welt

In 8 Tangos um die Welt

Nun ja, nicht ganz, Afrika, Europa und Lateinamerika sind die musikalischen Stationen dieser Reise. Der Tango hat ja mehrmals ausgehend vom Rio de la Plata-Gebiet eine Weltreise angetreten und ist heute auf allen Kontinenten zu Hause. Mit den Einflüssen der jeweiligen Kultur hat er somit viele unterschiedliche Klangfarben erhalten, die diese Musik immer wieder spannend machen.

Beginnen wir unsere Reise also in Afrika. Eine der Wurzeln des Tangos ist nämlich die afrikanische Musik. Der Rhythmus der Candombe ist zur Entstehungszeit des Tangos in dessen Musik eingeflossen. Aber auch heute entstehen am afrikanischen Kontinent Tangos, wie jener aus dem Senegal, dessen Titel übersetzt „die Flamme“ heißt:

In Buenos Aires wurde der Tango anfangs von der „besseren Gesellschaft“ abgelehnt, was dazu führte, dass ca. ab 1910 Musiker, zu der Zeit waren es nur Männer, nach Europa aufbrachen. In Paris wurden diese Musik und dann auch der Tanz begeistert aufgenommen und im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Das Paris der 1930er Jahre lasse ich nun mit einem Ausschnitt aus dem Film Tango von Carlos Saura wieder aufleben:

Von Paris ausgehend wird der Tango in ganz Europa bekannt und kommt schon bald in das „Paris des Ostens“, nach Bukarest. In den 1930ern verschmilzt die Musik des Tango Argentino dort mit der traditionellen Musik Rumäniens und die melancholischen „Tangos á la Romanesque“ entstehen. Die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu interpretiert heute diese Tangos neu:

Ein Land, in dem der Tango auf seiner Reise durch Europa auf besonders fruchtbaren Boden fiel, war Finnland. Nach dem zweiten Weltkrieg traf er genau den Nerv der Menschen, die ohnehin sentimentale Musik in Moll bevorzugten. Der Finnische Tango wurde ein eigenes Genre und zur Volksmusik. Er wird zu den Mittsommernächten auf den Straßen der Städte und in den kleinsten Dörfern getanzt und gespielt:

Das zweite Mal trat der Tango in den 1980er Jahren ausgehend von Buenos Aires seine Weltreise an. Zur Zeit der Militärdiktatur in Buenos Aires selbst verboten, brach in Europa, aber auch in Nordamerika und Asien, der Tangohype aus. In Europa entwickelte sich vor allem Berlin zur Tangohauptstadt. Eine vielfältige Musik- und Tanzszene blüht hier bis heute. Ein Beispiel dafür ist die Bandoneonspielerin Judith Brandenburg mit ihrem Trio La Bicicleta:

Ein Land, das man eher nicht mit Tango assoziiert, ist Griechenland. Dennoch ist einer der wohl bekanntesten Tangos ein griechischer: To Tango tis Nefelis. Lassen wir nun also so richtig Urlaubsstimmung aufkommen:

Von Griechenland ist es nicht sehr weit bis Serbien und zur Musik der Roma ebendort. Wie der Tango, so hat auch diese Musik Einflüsse verschiedenster Kulturen und Stile in sich vereint, vom Flamenco und dem Walzer bis hin zu Reggae. Und natürlich Tango! Sind wir jetzt also auf den Straßen Osteuropas oder in einer Tangobar in Buenos Aires?

Unsere letzte Station muss auf alle Fälle Buenos Aires sein. Denn in der Geburtsstadt des Tangos, vielleicht auch durch seine Weltreisen belebt, entwickelt sich diese Musik immer weiter, wird neu interpretiert oder nimmt moderne Formen an. Mittlerweile gibt dort die Enkelgeneration der großen Tangomusiker*innen den Ton an, wie Carla Pugliese gemeinsam mit Andrés Linetzky im folgenden Electrotango:

Diese Entdeckungsreise durch die Welt des Tangos zeigt einmal mehr, was schon Leopoldo Marechal meinte: Der Tango ist mannigfaltig, er ist eine unendliche Möglichkeit!

Andrea

 

Die Vielfalt der Tangomusik

Die Vielfalt der Tangomusik

Die frühen Tangos, komponiert vor mehr als hundert Jahren, die Tangos der Goldenen Jahre ab den 1930ern, Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo, bis hin zu Electrotangos unserer Tage – das Spektrum der Tangomusik ist unendlich weit und bunt! Bei unseren Kursen und Workshops versuchen wir, diese Vielfalt hörbar und tanzbar zu machen und einige Beispiele möchte ich in diesem Artikel präsentieren.

Die Musik der großen Tangoorchester ab 1935 ist die klassische Tanzmusik in der Welt des Tangos. Vor allem Carlos di Sarli gilt als leicht tanzbar, das mittelschnelle Tempo seines Orchesters und die von den Geigen getragene Melodie helfen dabei, als Paar oder bei SOLO TANGO als Gruppe in den Tangorhythmus zu finden. Daher spielen wir seine Musik sowohl bei Kursen im Paar als auch bei jenem Teil unseres Workshops, bei dem wir gemeinsam eine Abfolge tanzen. Und so wird manchen von euch El Ingeniero durchaus vertraut sein:

Diese alten Aufnahmen vermitteln eine ganz bestimmte Atmosphäre, die heute nicht mehr alle Tangofans anspricht. Gerne nehmen wir daher auch moderne Interpretationen von altbekannten Tangos, die dann überraschend anders klingen. Las Rositas, 2007 in Buenos Aires geründet, finden wir besonders spannend, denn mit Klavier, Violine und Viola schaffen es die drei jungen Frauen, zum Beispiel dem Klassiker Por una cabeza neues Leben, Frische und Esprit einzuhauchen:

Bei Quadro Nuevo aus Süddeutschland bekommt der Tango allein schon durch die Instrumente eine völlig andere Klangnote – Bassklarinette, Saxofon und Harfe gab es in den großen Tangoorchestern einfach nicht. Als Beispiel nehme ich hier nicht eines der Stücke, die schnell, frech und jazzig daherkommen, sondern eine sehr ruhige, sehr reduzierte Version von El dia que me quieras – ein Tango, der in die Tiefe führt, bei dem sich Entschleunigung und Präsenz beinahe von selbst einstellen:

Doch nicht erst heute gibt es große Veränderungen in der unendlichen Welt der Tangomusik. Gerade in jener Zeit, in der der Tango als Tanz weder in Argentinien und schon gar nicht weltweit populär war, hat er als Musikrichtung neue Impulse erhalten. Bis heute gibt es in Buenos Aires übrigens viele Menschen, die nicht Tango tanzen, aber täglich Tangomusik hören und diese lieben. In den 1970ern war Hugo Diaz einer derjenigen, der mit seiner Mundharmonika eine neue Klangfarbe einbrachte. Seine Interpretationen der klassischen Tangos sind nicht ganz leicht zu tanzen – im SOLO TANGO genießen wir da aber einen größeren Spielraum, sodass wir seine Musik gerne bei Workshops spielen. Als Beispiel wähle ich hier Vida mia:

Wenn wir von Umbrüchen in der Tangomusik und von schwer tanzbarer Musik sprechen, dann sind wir bei Astor Piazzolla angekommen. Der heute wohl bekannteste Tangomusiker und –komponist hat mit seinem Tango Nuevo neue Welten eröffnet. Zu Lebzeiten abgelehnt und manchmal sogar diffamiert, sagen böse Zungen, er habe seine Musik absichtlich noch mehr „untanzbar“ gemacht und als Konzertmusik konzipiert. Einige seiner Stücke wie Libertango oder Adios Nonino werden nicht nur häufig gespielt, sondern gelten auch als gut tanzbar. Ich nehme hier aber das weniger bekannte Musikstück Lo que vendra, das ich sehr gerne SOLO tanzend interpretiere.

Rund um die Jahrtausendwende bis heute ist es der Electrotango, der die Tangomusik wieder auf neue und vielfältige Weise bereichert. Aus der Fülle der Künstler*innen und der Stücke dieser Musikform wähle ich hier Narcotango, gegründet von Carlos Libedinsky. Bei einer Milonga in Berlin haben wir zur Livemusik von ihm und seiner Formation getanzt und waren angetan, von der Feinheit und der Getragenheit ihrer Musik. Das Stück Otra Luna spiegelt diese Atmosphäre gut wider:

Ich habe schon erwähnt, dass Tangomusik nicht immer nur als Tanzmusik verstanden wird. An den Abschluss dieses Überblicks möchte ich aber einen Electrotango von Antonio Colucci stellen, den wir gerne am Ende einer Workshopeinheit spielen. Ich sage an dieser Stelle häufig: „Folgen wir nun einfach der Aufforderung im Titel des nächsten Musikstückes: Dance Tango!“ In diesem Sinne ist es vielleicht spätestens jetzt auch für dich als Leserin oder Leser Zeit, aufzustehen und zu tanzen!

Sigrid

PS: In zwei bzw. vier Wochen gibt es weitere Artikel in dieser kleinen Serie zur Tangomusik!

 

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Die Sehnsucht nach dem Reisen können wir im Moment nicht real stillen, so lade ich zu einer imaginären Reise ein in die Geburtsstadt des Tangos, untermalt mit Tangomusik, in der diese Stadt besungen und verehrt wird. Es gibt nämlich gar nicht so wenige Tangos, in denen Buenos Aires ganz im Allgemeinen oder einzelne Stadtviertel, sogenannte barrios, Wege, Straßen, sogar die Straßenecken, oder ganz einfach die Nächte in dieser Stadt in der Musik und den Texten beschrieben werden. Entonces vamos!

Beginnen wir also mit einem Tango, in dem die Liebe der portenos (so nennen sich die Bewohner*innen von Buenos Aires) zu ihrer Stadt ganz besonders zum Ausdruck kommt. In Mi Buenos Aires querido singt Carlos Gardel stellvertretend für viele: Mein geliebtes Buenos Aires, am Tag, an dem ich dich wiedersehe, wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben. Carlos Gardel gilt ja neben Evita und Maradonna als einer der drei Nationalheiligen Argentiniens, und dieser von ihm komponierte Tango ist wohl so etwas wie eine Hymne, zumindest für seine Hauptstadt.

Nach diesem alten Tango aus dem Jahr 1934 wechseln wir nun zu dem modernen Electrotango Santa Maria Del Buen Ayre von Gotan Project, der uns zurückführt in die Anfänge dieser Stadt. Gegründet als Hafen im Jahr 1536 war Maria die Schutzheilige der Seeleute und man wünschte sich gute Winde für die Überfahrt nach Europa.

Der Ursprung von Buenos Aires war also der Hafen, der heute ein Stadtteil namens La Boca ist. Der Mund, der alle Einwander*innen aufnahm und sich einverleibte. Dort liegen auch die Ursprünge des Tangos, in den Hafenkneipen, Spelunken und Mietskasernen wurden die ersten Tangos gespielt und gesungen. So wie damals ist es auch heute noch ein armes Viertel, nur ein ganz kleiner Teil direkt am Hafen ist zur Touristenmeile avanciert. Die Bilder von den bunten Häusern aus Blechteilen kennt man aus jeder Reisebroschüre und ein Weg, der da durchführt, heißt Caminito. Im folgenden Tango wird ein kleiner Weg in dieser Stadt besungen und mittlerweile assoziiert man damit genau diesen Weg.

Nicht um einen Weg, sondern um genau das Gegenteil handelt es sich bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Mit 16 Fahrspuren, 3 Ampelphasen um sie zu überqueren, gesäumt von Jacaranda und anderen exotischen Bäumen, ausgestattet mit dem Obelisken und dem Teatro Colon (Opernhaus) ist sie für die portenos die größte und schönste Prachtstraße der Welt und die Pulsader von Buenos Aires. In der Interpretation von Juan D’Arienzo hört man, wie schnell der Puls dieser Stadt schlägt.

Alle Straßen in Buenos Aires laufen geradlinig, die Stadt wurde wie viele amerikanische Städte schachbrettartig angelegt, und so gibt es auch sehr viele Straßenecken. Sie dienen zur Orientierung, wenn man einen Treffpunkt ausmacht, gibt man eine Straßenecke an. In vielen Eckgebäuden befinden sich Cafés oder Tangolokale. Im folgenden Tangovals besingt Mercedes Simone die Esquinas portenas.

Wenn man Buenos Aires besucht, darf auch ein Ausflug in die Umgebung nicht fehlen. Besonders beeindruckend ist das Delta der beiden Flüsse Rio Parana und Rio Uruguay und einiger kleinerer Flüsse, die schließlich als Rio de la Plata in den Atlantik fließen. Das Mündungsgebiet mit seinen unzähligen Flussläufen und –armen, Inseln und Inselchen liegt nördlich der Stadt. Einen der kleineren Nebenflüsse, den Rio Tigre, lässt Francisco Canaro im Tango El Tigre vor meinem inneren Auge erscheinen.

Zurück in der Stadt suchen wir noch ein Viertel auf, das mit seinen gepflasterten Gassen, alten Straßenlaternen, dem sonntäglichen Flohmarkt, den vielen Tangolokalen und der Plaza Dorrego, wo es regelmäßig Openair-Milongas gibt, den Flair ausstrahlt, der im Kopf entsteht, wenn man an Buenos Aires denkt: San Telmo.

Beenden wir nun unseren musikalischen Trip, indem wir noch in das Nachtleben eintauchen. Es ist wirklich nie ganz ruhig in dieser Stadt, es gibt rund um die Uhr Geschäfte und Lokale, die offen haben, Menschen, die unterwegs sind, man trifft sich um Mitternacht zum Eisessen und geht anschließend noch auf eine Milonga. Buenos Aires, die Stadt, die niemals schläft. So lassen wir unsere Reise mit Noches de Buenos Aires ausklingen.

Buenos noches, Andrea

 

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch ein wesentlicher Impuls für unseren wo/men tango act Mascarada – einem Spiel mit den Masken, dem Blick hinter die Maske und der Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

High Heels?

High Heels?

Zu Bildern von Tangotänzerinnen gehören sie unweigerlich – die High Heels, bis zu 10 cm hoch, bleistiftdünn, mit Riemchen und schmückendem Beiwerk, suggerieren sie schöne, elegante Beine. Aber braucht es sie wirklich, damit ein Tanz nach Tango aussieht?

Bei dem allerersten Tangokurs, den wir besuchten, trug die Tanzlehrerin High Heels und bezüglich der Schuhe befragt, gab sie zur Antwort: „Mit Tango-Tanzschuhen kann ich prima tanzen, aber nicht aufs Klo gehen.“ Also von bequem kann hier nicht die Rede sein. Obwohl ich zugeben muss, dass für die Folgende im Tanz eine gewisse Absatzhöhe schon von Vorteil ist. Ich bekomme dadurch automatisch eine leichte Vorwärtsneigung und bin mehr auf den Ballen, was vor allem Drehungen erleichtert. Aber ein Muss sind sie nicht. Ein Aha-Erlebnis zu diesem Thema hatte ich beim Besuch des ersten Queertango-Festivals. Ein Lehrerpaar bestehend aus zwei Männern gab an einem Abend eine Tangoshow. Beide tanzten in ganz flachen Schuhen, in Herrenschuhen eben, und es war der eleganteste Tango, den ich je gesehen hatte.

So begann für mich die Zeit der Experimente, was die Absatzhöhe betrifft, von flachen Trainingsschuhen bzw. Herrenschuhen bei unseren wo/men tango acts zu mittelhohen, viel getragenen Tanzschuhen (5,5 cm) bis zu eher selten getragenen High Heels (7 – 8,5 cm) probierte ich alles aus. Und für mich stellte ich fest, die Abwechslung macht’s aus, mal fühlte ich mich in flachen Schuhen wohl, ein anderes Mal in hohen.

Es kommt immer auch auf die Situation an. An Tagen z. B., an denen ich auf viele Tanzstunden komme, trage ich nie ganz hohe Schuhe, denn dann sind Fußschmerzen vorprogrammiert. Oder als wir begannen als Straßenkünstlerinnen aufzutreten, stellte sich schnell heraus, dass ich mich in High Heels absolut nicht sicher fühlte. Oder jetzt, wo ich immer mehr auch als Führende tanze, muss ich sagen, dass es sich meist nicht wirklich gut anfühlt, in High Heels zu führen. Manchmal aber bereitet es wirklich Vergnügen auf einer Milonga High Heels zu tragen. Ich kann sie also weder generell empfehlen noch verteufeln. Man/Frau muss es einfach für sich selbst ausprobieren. Ich habe hier bewusst beide Formen verwendet, weil in der Queertangoszene auf Grund der fehlenden festen Rollenzuschreibung auch in der Schuhfrage alles möglich ist. So gibt es z.B. ein Männerpaar, die auch immer wieder Shows tanzen, und zwar beide in High Heels. Sie wurden einmal gefragt, wie sie sich an diese gewöhnt hätten und gaben zur Antwort: „ Die Hausarbeit in High Heels erledigen, ist ein gutes Training“. Nun denn, eine Möglichkeit!

Es gibt aber auch Menschen, für die hohe Absätze absolut keine Option sind. Für die weiblichen davon haben nun zwei Frauen aus Deutschland Schuhe entwickelt, die sowohl feminin und elegant als auch fußgesund und bequem sind. Die erste Serie davon wird gerade eben produziert. In einem kurzen Video präsentieren die beiden die Idee dahinter und ihr Projekt:

Gut, dass es nun dieses Angebot gibt. Ich frage mich nur, ob es notwendig ist, mit flachen Schuhen zu tanzen, als ob ich hohe tragen würde, wie hier im Video zu sehen. Dann kann ich ja gleich hohe anziehen, oder geht es darum, dass ich mit diesen Schuhen gut tanzen und gut auf’s Klo gehen kann?

Es ist also gar nicht so leicht auf die Frage „Welche Schuhe?“, die uns auch auf unseren Kursen und Workshops immer wieder gestellt wird, eine Antwort zu geben. Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: „Du musst dich in ihnen wohl fühlen!“

Andrea

 

Nichts existiert unabhängig

Nichts existiert unabhängig

… ist der Untertitel des Filmes BUT BEAUTIFUL, mit dem Erwin Wagenhofer die Perspektive wechselt: Nicht das kritische Aufzeigen von Missständen, sondern der Blick auf neue, andere, auf gelungene Lebensformen, nicht bad news, sondern das gute Leben – in voller Kinolänge! Wir haben den Film schon im November gesehen und als ich den Kinosaal verlassen habe, war ich einige Momente wie verzaubert – ein Gefühl von Glück und Freude, von großer Dankbarkeit, denn zwischen all den Menschen im Film, die auf so unterschiedliche Weise leben, sah ich immer wieder uns selbst, mit unserem „neuen“, anderen Leben, dem Leben als Tangotänzerinnen, aufblitzen. Auch wir hatten am Anfang diese Vision und wie die Menschen im Film leben wir diese nun. Und so wie sie, sind wir Teil eines Ganzen.

Am Anfang unseres Weges in die Selbstständigkeit haben wir diese Vision aufgeschrieben. Angeregt durch ein Buch, dessen Titel ich heute gar nicht mehr weiß, haben wir formuliert, wie „unsere ideale Selbstständigkeit“ aussehen soll. Dabei haben wir einige grundsätzliche Entscheidungen getroffen, die uns bis heute leiten, zum Beispiel haben wir beschlossen Kooperationen einzugehen. Diese Kooperationen sollten langfristig sein, sich für beide Seiten gut anfühlen und auf Vertrauen basieren und natürlich auch für beide Seiten Erfolg bringen. Heute könnte ich hinzufügen: … denn nichts existiert unabhängig! Anfangs hat diese Suche nach Kooperationen viel Zeit und Energie gekostet, wir haben unzählige Mails verschickt, in denen wir uns und den Workshop SOLO TANGO präsentiert haben. Es gab Sackgassen und leere Kilometer, aber es gab auch wunderbare Reaktionen und Begegnungen. Heute wissen wir, dass es die richtige Entscheidung war, auf Kooperationen zu setzen – vertrauensvoll und wertschätzend, mittlerweile schon über Jahre.

In den ersten Wochen dieses Jahres habe ich mich immer wieder an diesen Kinoabend erinnert – wir haben intensiv – BUT BEAUTIFUL – gearbeitet, dank unserer Kooperationen, die zwar nicht auf der Leinwand, aber in diesem Blog präsentiert werden sollen*:

Der Jahreswechsel ist für uns nun schon untrennbar mit WomenFairTravel verknüpft. Als wir die Geschäftsführerin Evelyn Bader in Berlin trafen, war sofort klar, dass wir zusammenarbeiten wollen. Dennoch hat es mehr als ein Jahr gedauert, bis der passende Ort für die Silvester-Tangoreise gefunden wurde. Ein alter Gutshof in der sanften Weite der Mecklenburgischen Seenplatte ist nun der Rahmen für eine Frauenwoche im Tangoflow. Und weil die Frauen, das Reisebüro und auch wir Lust auf mehr haben, wird es im Sommer 2021 eine weitere Tangoreise in Süddeutschland geben – denn erfolgreiche Kooperationen sind der perfekte Boden, auf dem Neues wachsen kann.

Auch bei der GEA Akademie war anfangs Geduld gefragt, denn auf die Mail, in der wir SOLO TANGO präsentiert haben, kam lange keine Antwort. Irgendwie waren wir uns sicher, dass wir dorthin passen würden, dass auch hier die grundsätzliche Firmenphilosophie mit unseren Visionen übereinstimmt, und so fragten wir nach. Und tatsächlich gab es Interesse, aber keine freien Termine für unseren Workshop. Erst als ein anderer Kurs ausgefallen ist, sind wir sozusagen ins Programm gerutscht. Das war im Jänner 2017 – seither sind wir mit drei bis vier Terminen jährlich im Waldviertel, schätzen auch bei dieser Kooperation den fairen Umgang mit uns als Kursleiterinnen und die Wertschätzung unserer Arbeit.

Aber nicht nur durch unser Aktivwerden kam es zu Kooperationen – immer wieder sind uns Begegnungen einfach zugefallen und Unerwartetes ist entstanden. Kein Coaching hätte uns je auf den Weg geschickt, um in einer Evangelischen Pfarrgemeinde Tangokurse anzubieten und doch ist in Wien mit Tango goes church genau das entstanden. Die Basis ist auch hier Offenheit, ein wertschätzender Umgang und die Bereitschaft Neues auszuprobieren. Die Tangobegeisterung von Anja Deml, die uns vor knapp zwei Jahren kontaktiert hat und die seither diese Kurse für uns organisiert, scheint ansteckend zu sein, denn der Kreis der Tänzer*innen wird immer größer.

Auch ganz am Anfang, als wir die ersten Mails mit dem Konzept von SOLO TANGO verschickt haben, hätte ein Coaching uns abgeraten – der 17. Dezember ist wirklich nicht der perfekte Termin, um neue Kooperationen anzubahnen. Dennoch hat uns Martina Riedl, die Direktorin des Hotels Miramar in Opatija, noch am gleichen Abend geantwortet: sie fände den Workshop spannend, aber wir mögen uns bitte nach der Hochsaison rund um Weihnachten und Silvester nochmal melden. Das taten wir und so entstand im Jänner 2016 unsere erste Kooperation – die bis heute besteht! Auch heuer werden wir Ende November mit Tango am Meer im Hotel Miramar sein. Und vor wenigen Tagen erreichte uns eine Mail mit der Einladung, im März für einen Auftritt in der Hotelhalle ins Miramar zu reisen.

Bei all den genannten Kooperationenspartner*innen wurde und wird – zu unserer großen Freude – aus den Kooperationen für Workshops oder Tangokurse immer wieder auch eine künstlerische Zusammenarbeit. Das steht ebenfalls in der Vision für unsere Selbstständigkeit: Uns gefällt die Vorstellung, dass sich unsere verschiedenen Angebote ergänzen, sich von selbst bewerben und gut in ein Ganzes fügen. Wunderbar, denn nichts existiert unabhängig!

Sigrid

* Dies sind nur einige der mittlerweile zahlreichen, schönen Kooperationen. Die Auswahl ergab sich durch aktuelle Veranstaltungen und den Rückblick auf die Anfänge unserer Selbstständigkeit.

 

Tango ist …

Tango ist …

… ein Spiel: mit Musik, meiner Gegenüber und mit mir selbst.

… vom Ich zum Du zum Wir zum Ich.

… zärtlich und dynamisch.

… keine Tanzschritte zu lernen, sondern ein Gefühl für die
    Partnerin zu entwickeln.

… ein Selbsterfahrungstrip.

… Verbindung zu mir, Verbindung zu dir.

… Führungsqualitäten entwickeln.

… lebendiges Leben.

… ein lebenslanger Wunsch für alle.

… eine Inspiration für Vieles.

 

Das sind die Aussagen der Teilnehmerinnen unserer Silvester-Tangowoche in Norddeutschland. Falls auch du in Erfahrung bringen möchtest, was der Tango für dich bedeutet: zahlreiche Termine für 2020 inklusive der nächsten Silvesterreise findest du hier.

Andrea und Sigrid