Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

… war eine der Antriebsfedern für die Entstehung des Tangos als Tanz. Und seine Entstehung war eine große Entwicklung in der Geschichte des Tanzes überhaupt, denn es wurde etwas Neues geschaffen, das sich von allem Bisherigen unterschied. Tango Argentino ist ein einmaliger, besonderer Tanz und das rührt sicher von seinen Wurzeln her, vom Ursprung. Die Choreografie des Tangos hat sich dann, wie alles Lebendige und Beständige, fortwährend weiterentwickelt und zählt heute sogar zum Weltkulturerbe.

So gibt es auch sehr viel Literatur über Tango und dessen Entstehung. Bisher haben wir eher über die Entwicklung der Tangomusik von ihren Anfängen bis herauf zum modernen Elektro-Tango gelesen und darüber in einigen Blogartikeln berichtet. Unlängst ist uns ein Buch in die Hände gefallen, in dem es neben der Tanztheorie um die Tanzgeschichte des Tango Argentino geht: Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel. Das Folgende gibt einen kurzen Einblick in Erkenntnisse, die ich besonders spannend fand.

Woher kommen also die Besonderheiten dieses Tanzes?
Die Menschen, die ihn formten, lehnten sich gegen die damalige Kultur und Gesellschaftsstruktur auf und sie hatten den Mut, das Gesicherte der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zur Zeit der Entstehung des Tangos (ca. 1860 – 1890) wuchs in den Vorstädten von Buenos Aires eine Bevölkerung von zweierlei Herkunft. Erstens kamen sie aus dem Landesinneren Argentiniens, die sogenannten Gauchos, die als Nomaden durchs Land zogen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts aber ihr Leben nicht mehr in dieser Weise fortsetzen konnten, da das Land privatisiert wurde. Und zweitens waren es die Einwanderer aus Europa, die sich in der „neuen Welt“ ein besseres Leben erwarteten. Beide Gruppen waren entwurzelt und aus der Bahn geworfen. Sie galten als fremd in der Stadt und ihnen fehlte eine Identität. Und sie trugen ein unbändiges Verlangen nach Freiheit in sich. Diese Situation bereitete den Boden für die Entstehung von etwas Neuem.

Die erste Tangogeneration entwickelte eine schöpferische Kraft und fand im Tangotanz ein Gefühl der Menschenwürde, ein Empfinden von Freude und eine kollektive Identität. Sie erlangten die höchste Perfektion, die den Menschen jener Zeit für ihre Selbstverwirklichung zur Verfügung stand. Und dieser Hintergrund spiegelt sich in dem, was den Tango als Tanz ausmacht – nämlich das vollkommene Fehlen von im Voraus festgelegten Tanzschritten und Abläufen. Von allen volkstümlichen Tänzen ist der Tango der einzige, in dem die Improvisation das wesentliche Element der choreografischen Form darstellt. Jede*r Tänzer*in kann eine individuelle Choreografie entwickeln und derselbe Tango wird nie zweimal gleich getanzt. Außerdem bietet der Tango als einziger Tanz die Möglichkeit, nicht zu tanzen, sozusagen „nein“ zu sagen – auch das eine Dimension von Freiheit. Seinen spezifischen Charakter erhielt er zusätzlich durch eine vielfältige Symbolik und eine spezielle Technik, die sich unter anderem von der Reit- und Kampfkunst der Gauchos ableitete. Und das Bedürfnis und die Suche nach Identität führten zur stolzen Haltung des sich Vorzeigens. Anfangs nahmen die Menschen die Tanzpositionen sehr genau ein, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu erkennen zu geben, und sie entwickelten eine Vielzahl von Codes, um diese zu stärken. Wesen und Antrieb des Tangos war also die Freiheit, das gemeinschaftliche Handeln selbst zu bestimmen.

Sehr interessant finde ich außerdem, dass es den Tango als Tanz vor dem Tango als Musik gab. In dieser ersten Epoche der Entstehung tanzte man eine Choreografie ohne eindeutig definierte Musik. Was an diesem Anfang entstand, lässt sich wohl als neuer Modus, sich zu bewegen und zu tanzen bezeichnen. Man tanzte auf eine andere Weise und in neuer choreografischer Form, aber nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, …

So entstanden in jener Zeit auch die drei Rhythmen, die sich bis heute erhalten haben, nämlich Tango, Milonga und Vals, zu denen in ein und derselben choreografischen Form und Weise getanzt wird. Und so lässt sich auch erklären, dass man auf Nicht-Tango-Musik, sogenannte Nontangos, wunderbar Tango tanzen kann.

An das Ende stelle ich hiermit wieder einmal ein Zitat von Leopoldo Marechal, das auch auf unserer Website zu finden ist: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit, um unsere Sehnsucht nach Freiheit zu stillen, ergänze ich an dieser Stelle.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Tango-Coaching, ein gelungenes Experiment

Tango-Coaching, ein gelungenes Experiment

Vieles, das uns vertraut und lieb ist, war in den vergangenen Monaten der Pandemie nicht möglich. Das hat dazu geführt, dass wir alle in den verschiedensten Lebensbereichen kreativ und erfinderisch wurden und begonnen haben, Neues auszuprobieren.  Für uns war und ist dabei entscheidend, ob  dieses Neue, diese Idee sich gut und stimmig anfühlt. Die erste Frage lautete daher immer: ist es unseres? Denn wir haben in den Jahren, in denen wir mit dem Tango unterwegs sind, gelernt, dass nur das gut gelingt, was wirklich zu uns passt. 

Schon im 1. Lockdown vergangenes Frühjahr wurden wir gefragt, ob wir unsere Tangokurse nicht online anbieten könnten, und sosehr wir den Wunsch nachvollziehen konnten, war da sofort dieses Gefühl: nein, das ist es nicht! Vorerst hatten wir aber leider auch keine Alternative anzubieten. Nachdem es mit der Reihe Tango del dia gelungen ist, mit vielen unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer  in Verbindung zu sein, merkten wir selbst, dass es an der Zeit war für ein Angebot, das dabei helfen kann, am Tanzen dranzubleiben und dabei von uns ein Stück begleitet zu werden – und ganz plötzlich kam auch die passende Idee!

Bereits seit Anfang Februar verabreden wir uns nun mit Tänzerinnen und Tänzern im virtuellen Tanzsaal – wir hier in unserem Haus im Südburgenland, die anderen in ihren Küchen oder Wohnzimmern nah und fern – zu einem Coaching per Skype. Meist haben die Teilnehmer*innen sich schon ein wenig eingetanzt und sie wählen Musik, zu der sie gerne tanzen. Das wiederum ist für uns immer wieder spannend – mal ist es vertraute Musik, die wir bei unseren Kursen verwenden, dann wieder überraschend andere Klänge, sogenannte Non-Tangos, also Musik anderer Genres, zu denen es sich wunderbar tanzen lässt.

Am Beginn laden wir immer dazu ein, einen Tango zu tanzen, bei dem wir zuschauen. Für uns ist dabei ein sehr genaues Hinschauen angesagt – der Bildschirm ist ja recht klein, der Blickwinkel nicht immer perfekt. Ich finde es herausfordernd und zugleich spannend, den Blick so sehr zu fokussieren und schon bei diesem ersten Tanz eine Idee zu bekommen, worum es in diesem Coaching gehen könnte. Wenn die Teilnehmer*innen konkrete Fragen haben, dann beginnen wir natürlich mit diesen und heben unsere Beobachtungen für später auf. Nach dem Tanz beginnt der notwendige Ortswechsel – von der Tanzfläche zum Bildschirm für ein kurzes Gespräch, danach stehen wir auf und gehen in unseren Tanzbereich, um das, was wir erklärt haben nun auch zu zeigen, kehren wieder zurück zum Computer und so weiter und so fort. So bleibt das Coaching lebendig und abwechslungsreich und die Zeit verfliegt recht schnell.

Dabei gibt es natürlich immer wieder kleine Hoppalas, etwa einen zu stark gekippten Bildschirm, sodass die Kamera einen sonderbaren Bildausschnitt einfängt, und so lachen wir alle viel und haben manchmal richtig Spaß miteinander. Immer wieder bekommen wir auch Katzen zu sehen, die quer über die Tanzfläche spazieren oder sich genau in deren Mitte genüsslich platzieren. Nicht nur durch solche Ereignisse läuft ein Online-Coaching anders als eine Privatstunde, mit der dieses Format am ehesten zu vergleichen wäre. Wir haben sehr bald gemerkt, dass wir in dieser virtuellen Begegnung die Tipps in kleine Häppchen zerlegen müssen, um sie im wahrsten Sinne des Wortes rüber zu bringen. Vor allem bei komplexeren Bewegungen braucht es dieses Erarbeiten Schritt für Schritt und ein anschließendes, vielleicht sogar mehrfaches Wiederholen. Aber das Ziel ist ja auch gar nicht, in eine Coaching-Einheit möglichst viel hineinzupacken. Es geht einfach darum, in Übung zu bleiben, am Tango dran zu sein und vor allem auch darum, uns als Ansprechpartnerinnen für Fragen zur Verfügung zu haben.

Übrigens gilt das nicht nur für Tanzpaare – wir hatten auch schon ein Solo-Tango-Coaching mit einer Person! Auch dabei haben nicht wir die Musik ausgewählt, sondern wurden mit wunderbaren Klängen überrascht. Zu dritt haben wir dann in den beiden Küchen getanzt, wobei wir ähnlich wie bei einem Workshop, die Basics angeleitet haben und Impulse für den freien Tanz gaben.

Der Tenor war derselbe wie beim Coaching im Paartanz: es ist zwar nicht so fein, wie das reale gemeinsame Tanzen, aber es ist ein gemeinsames Tanzen! In diesen langen Monaten ohne Kurse und Workshops kann ich nur sagen: na bitte, das ist doch schon was!

Sigrid

PS: Wir bieten dieses Coaching nach Verfügbarkeit weiterhin montags und freitags von 19.00 – 21.00 und dienstags und samstags von 16.00 – 18.00 Uhr an.

L’ultimo Tango del dia

L’ultimo Tango del dia

Wir beenden diese Reihe, wie könnte es anders sein, mit einer La Cumparsita! Mit Quadro Nuevo
und dem NDR Pops Orchestra ist es ein fulminanter Abschluss und wir wünschen schon jetzt:
PROSIT NEUJAHR!

Andrea und Sigrid

60. Tango del dia

60. Tango del dia

Der 30. Dezember (2013) ist ein besonderes Datum in unserer persönlichen Tangogeschichte. Es war ein lauer Sommerabend, etwa zur Halbzeit unseres Aufenthalts in Buenos Aires, wir saßen vor einer mexikanischen Bar in Puerto Madero und hielten Zwischenbilanz. Aufgebrochen sind wir ja mit dem Traum, Straßenkünstlerinnen zu werden, aber sollten wir es wirklich wagen? An jenem Abend haben wir die Entscheidung getroffen: Der Tango wird unser Leben und die Straße unsere Bühne! Mit dem Bier, das vor uns am Tisch stand, haben wir auf unsere Zukunft als Tänzerinnen angestoßen – und, ehrlich, es war ein Corona!

Somit sind wir im Jahr 2020 angelangt und halten Rückschau auf dieses außergewöhnliche Jahr. Wir konnten kein einziges Mal auf der Straße tanzen und sechs Monate lang keine Kurse oder Workshops geben. Dennoch war es ein Jahr, das uns auch viel Gutes beschert hat – vor allem durch die Menschen, die mit uns tanzen, die nach den unfreiwilligen Pausen gleich wieder da waren, die uns während der Monate des Lockdowns immer wieder mit Nachrichten per Mail, per Post … erfreut haben. Euch, unseren Tänzerinnen und Tänzern und natürlich unseren wunderbaren Kooperationspartner*innen verdanken wir es, dass AdanzaS gut durch dieses Jahr gekommen ist, und wir zuversichtlich in die Zukunft blicken!

Am Ende eines Workshops oder Kurses fragen die Teilnehmer*innen immer wieder, ob wir für sie tanzen würden. Manchmal sind das dann sehr bewegende, fast magische Momente, in denen wir ahnen, dass wir dem Ziel näherkommen, dass wir uns an jenem Abend in Buenos Aires gesteckt haben: Wir wollen unseren eigenen Stil, unseren Ausdruck im Tanz finden. Wenn wir jetzt, am Ende dieser Artikelreihe – bevor morgen der L’ultimo Tango kommt – für euch tanzen möchten, dann geht das nur mit unserem Video. Auf der Website von WomenFairTravel wird es, angelehnt an den Titel und den Drehort, als „Tango der in die Tiefe geht“ angekündigt. Wir sehen das zugleich als Kompliment und als Ansporn auf dem Weg zu „unserem“ Tanz. Das Video ist zwar nicht neu und vielen von euch bekannt, aber vielleicht sollte es in dieser Reihe wirklich nicht fehlen: Hier also Subterráneo, für uns komponiert von der Grazer Bandoneonistin Christine Swoboda:  

Andrea und Sigrid

58. Tango del dia

58. Tango del dia

Vergnügen, Heiterkeit, Leichtigkeit – nicht gerade typische Attribute für den Tango. Bei Enrique Rodriguez treffen sie aber zu, seine Musik ist einfach heiter. Ob es stimmt, dass er und sein Orchester deshalb in Europa sehr beliebt sind, in Buenos Aires aber lange Zeit nicht ernstgenommen wurden?  Wir wählen heute jedenfalls einen Tango zum Vergnügen: La Torcacita.

Andrea und Sigrid

57. Tango del dia

57. Tango del dia

On this night of a thousand stars ist einer der wenigen Tangos des Musicals Evita von Andrew Lloyd Webber. Im Film aus dem Jahr 1996 schlüpft Jimmy Nail in die Rolle des Tangosängers Augustín Magaldi (1898 – 1938), dessen Spitzname „die sentimentale Stimme von Buenos Aires“ war. Ein wenig Kitsch und Argentinien-Romantik muss einfach sein!

Andrea und Sigrid

55. Tango del dia

55. Tango del dia

Haben wir in einem früheren Artikel dieses Blogs* noch geschrieben, dass wir keinen Tango mit dem Worten felicidas festas oder navidad kennen, so haben wir nun gleich mehrere gefunden. Am Weihnachtstag selbst scheint uns Navidad von Osvaldo Pugliese passend – ein Vals, der ganz nach Weihnachtsmusik und so gar nicht nach Pugliese klingt!

Andrea und Sigrid

*  Der Artikel Gibt es Tango – Weihnachtsmusik? macht sich auf die Suche nach den „großen Gefühlen“ in vielen Tangotexten. Neugierig geworden? Einfach den Titel und anklicken und reinschauen!