Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch ein wesentlicher Impuls für unseren wo/men tango act Mascarada – einem Spiel mit den Masken, dem Blick hinter die Maske und der Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

High Heels?

High Heels?

Zu Bildern von Tangotänzerinnen gehören sie unweigerlich – die High Heels, bis zu 10 cm hoch, bleistiftdünn, mit Riemchen und schmückendem Beiwerk, suggerieren sie schöne, elegante Beine. Aber braucht es sie wirklich, damit ein Tanz nach Tango aussieht?

Bei dem allerersten Tangokurs, den wir besuchten, trug die Tanzlehrerin High Heels und bezüglich der Schuhe befragt, gab sie zur Antwort: „Mit Tango-Tanzschuhen kann ich prima tanzen, aber nicht aufs Klo gehen.“ Also von bequem kann hier nicht die Rede sein. Obwohl ich zugeben muss, dass für die Folgende im Tanz eine gewisse Absatzhöhe schon von Vorteil ist. Ich bekomme dadurch automatisch eine leichte Vorwärtsneigung und bin mehr auf den Ballen, was vor allem Drehungen erleichtert. Aber ein Muss sind sie nicht. Ein Aha-Erlebnis zu diesem Thema hatte ich beim Besuch des ersten Queertango-Festivals. Ein Lehrerpaar bestehend aus zwei Männern gab an einem Abend eine Tangoshow. Beide tanzten in ganz flachen Schuhen, in Herrenschuhen eben, und es war der eleganteste Tango, den ich je gesehen hatte.

So begann für mich die Zeit der Experimente, was die Absatzhöhe betrifft, von flachen Trainingsschuhen bzw. Herrenschuhen bei unseren wo/men tango acts zu mittelhohen, viel getragenen Tanzschuhen (5,5 cm) bis zu eher selten getragenen High Heels (7 – 8,5 cm) probierte ich alles aus. Und für mich stellte ich fest, die Abwechslung macht’s aus, mal fühlte ich mich in flachen Schuhen wohl, ein anderes Mal in hohen.

Es kommt immer auch auf die Situation an. An Tagen z. B., an denen ich auf viele Tanzstunden komme, trage ich nie ganz hohe Schuhe, denn dann sind Fußschmerzen vorprogrammiert. Oder als wir begannen als Straßenkünstlerinnen aufzutreten, stellte sich schnell heraus, dass ich mich in High Heels absolut nicht sicher fühlte. Oder jetzt, wo ich immer mehr auch als Führende tanze, muss ich sagen, dass es sich meist nicht wirklich gut anfühlt, in High Heels zu führen. Manchmal aber bereitet es wirklich Vergnügen auf einer Milonga High Heels zu tragen. Ich kann sie also weder generell empfehlen noch verteufeln. Man/Frau muss es einfach für sich selbst ausprobieren. Ich habe hier bewusst beide Formen verwendet, weil in der Queertangoszene auf Grund der fehlenden festen Rollenzuschreibung auch in der Schuhfrage alles möglich ist. So gibt es z.B. ein Männerpaar, die auch immer wieder Shows tanzen, und zwar beide in High Heels. Sie wurden einmal gefragt, wie sie sich an diese gewöhnt hätten und gaben zur Antwort: „ Die Hausarbeit in High Heels erledigen, ist ein gutes Training“. Nun denn, eine Möglichkeit!

Es gibt aber auch Menschen, für die hohe Absätze absolut keine Option sind. Für die weiblichen davon haben nun zwei Frauen aus Deutschland Schuhe entwickelt, die sowohl feminin und elegant als auch fußgesund und bequem sind. Die erste Serie davon wird gerade eben produziert. In einem kurzen Video präsentieren die beiden die Idee dahinter und ihr Projekt:

Gut, dass es nun dieses Angebot gibt. Ich frage mich nur, ob es notwendig ist, mit flachen Schuhen zu tanzen, als ob ich hohe tragen würde, wie hier im Video zu sehen. Dann kann ich ja gleich hohe anziehen, oder geht es darum, dass ich mit diesen Schuhen gut tanzen und gut auf’s Klo gehen kann?

Es ist also gar nicht so leicht auf die Frage „Welche Schuhe?“, die uns auch auf unseren Kursen und Workshops immer wieder gestellt wird, eine Antwort zu geben. Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: „Du musst dich in ihnen wohl fühlen!“

Andrea

 

Nichts existiert unabhängig

Nichts existiert unabhängig

… ist der Untertitel des Filmes BUT BEAUTIFUL, mit dem Erwin Wagenhofer die Perspektive wechselt: Nicht das kritische Aufzeigen von Missständen, sondern der Blick auf neue, andere, auf gelungene Lebensformen, nicht bad news, sondern das gute Leben – in voller Kinolänge! Wir haben den Film schon im November gesehen und als ich den Kinosaal verlassen habe, war ich einige Momente wie verzaubert – ein Gefühl von Glück und Freude, von großer Dankbarkeit, denn zwischen all den Menschen im Film, die auf so unterschiedliche Weise leben, sah ich immer wieder uns selbst, mit unserem „neuen“, anderen Leben, dem Leben als Tangotänzerinnen, aufblitzen. Auch wir hatten am Anfang diese Vision und wie die Menschen im Film leben wir diese nun. Und so wie sie, sind wir Teil eines Ganzen.

Am Anfang unseres Weges in die Selbstständigkeit haben wir diese Vision aufgeschrieben. Angeregt durch ein Buch, dessen Titel ich heute gar nicht mehr weiß, haben wir formuliert, wie „unsere ideale Selbstständigkeit“ aussehen soll. Dabei haben wir einige grundsätzliche Entscheidungen getroffen, die uns bis heute leiten, zum Beispiel haben wir beschlossen Kooperationen einzugehen. Diese Kooperationen sollten langfristig sein, sich für beide Seiten gut anfühlen und auf Vertrauen basieren und natürlich auch für beide Seiten Erfolg bringen. Heute könnte ich hinzufügen: … denn nichts existiert unabhängig! Anfangs hat diese Suche nach Kooperationen viel Zeit und Energie gekostet, wir haben unzählige Mails verschickt, in denen wir uns und den Workshop SOLO TANGO präsentiert haben. Es gab Sackgassen und leere Kilometer, aber es gab auch wunderbare Reaktionen und Begegnungen. Heute wissen wir, dass es die richtige Entscheidung war, auf Kooperationen zu setzen – vertrauensvoll und wertschätzend, mittlerweile schon über Jahre.

In den ersten Wochen dieses Jahres habe ich mich immer wieder an diesen Kinoabend erinnert – wir haben intensiv – BUT BEAUTIFUL – gearbeitet, dank unserer Kooperationen, die zwar nicht auf der Leinwand, aber in diesem Blog präsentiert werden sollen*:

Der Jahreswechsel ist für uns nun schon untrennbar mit WomenFairTravel verknüpft. Als wir die Geschäftsführerin Evelyn Bader in Berlin trafen, war sofort klar, dass wir zusammenarbeiten wollen. Dennoch hat es mehr als ein Jahr gedauert, bis der passende Ort für die Silvester-Tangoreise gefunden wurde. Ein alter Gutshof in der sanften Weite der Mecklenburgischen Seenplatte ist nun der Rahmen für eine Frauenwoche im Tangoflow. Und weil die Frauen, das Reisebüro und auch wir Lust auf mehr haben, wird es im Sommer 2021 eine weitere Tangoreise in Süddeutschland geben – denn erfolgreiche Kooperationen sind der perfekte Boden, auf dem Neues wachsen kann.

Auch bei der GEA Akademie war anfangs Geduld gefragt, denn auf die Mail, in der wir SOLO TANGO präsentiert haben, kam lange keine Antwort. Irgendwie waren wir uns sicher, dass wir dorthin passen würden, dass auch hier die grundsätzliche Firmenphilosophie mit unseren Visionen übereinstimmt, und so fragten wir nach. Und tatsächlich gab es Interesse, aber keine freien Termine für unseren Workshop. Erst als ein anderer Kurs ausgefallen ist, sind wir sozusagen ins Programm gerutscht. Das war im Jänner 2017 – seither sind wir mit drei bis vier Terminen jährlich im Waldviertel, schätzen auch bei dieser Kooperation den fairen Umgang mit uns als Kursleiterinnen und die Wertschätzung unserer Arbeit.

Aber nicht nur durch unser Aktivwerden kam es zu Kooperationen – immer wieder sind uns Begegnungen einfach zugefallen und Unerwartetes ist entstanden. Kein Coaching hätte uns je auf den Weg geschickt, um in einer Evangelischen Pfarrgemeinde Tangokurse anzubieten und doch ist in Wien mit Tango goes church genau das entstanden. Die Basis ist auch hier Offenheit, ein wertschätzender Umgang und die Bereitschaft Neues auszuprobieren. Die Tangobegeisterung von Anja Deml, die uns vor knapp zwei Jahren kontaktiert hat und die seither diese Kurse für uns organisiert, scheint ansteckend zu sein, denn der Kreis der Tänzer*innen wird immer größer.

Auch ganz am Anfang, als wir die ersten Mails mit dem Konzept von SOLO TANGO verschickt haben, hätte ein Coaching uns abgeraten – der 17. Dezember ist wirklich nicht der perfekte Termin, um neue Kooperationen anzubahnen. Dennoch hat uns Martina Riedl, die Direktorin des Hotels Miramar in Opatija, noch am gleichen Abend geantwortet: sie fände den Workshop spannend, aber wir mögen uns bitte nach der Hochsaison rund um Weihnachten und Silvester nochmal melden. Das taten wir und so entstand im Jänner 2016 unsere erste Kooperation – die bis heute besteht! Auch heuer werden wir Ende November mit Tango am Meer im Hotel Miramar sein. Und vor wenigen Tagen erreichte uns eine Mail mit der Einladung, im März für einen Auftritt in der Hotelhalle ins Miramar zu reisen.

Bei all den genannten Kooperationenspartner*innen wurde und wird – zu unserer großen Freude – aus den Kooperationen für Workshops oder Tangokurse immer wieder auch eine künstlerische Zusammenarbeit. Das steht ebenfalls in der Vision für unsere Selbstständigkeit: Uns gefällt die Vorstellung, dass sich unsere verschiedenen Angebote ergänzen, sich von selbst bewerben und gut in ein Ganzes fügen. Wunderbar, denn nichts existiert unabhängig!

Sigrid

* Dies sind nur einige der mittlerweile zahlreichen, schönen Kooperationen. Die Auswahl ergab sich durch aktuelle Veranstaltungen und den Rückblick auf die Anfänge unserer Selbstständigkeit.

 

Tango ist …

Tango ist …

… ein Spiel: mit Musik, meiner Gegenüber und mit mir selbst.

… vom Ich zum Du zum Wir zum Ich.

… zärtlich und dynamisch.

… keine Tanzschritte zu lernen, sondern ein Gefühl für die
    Partnerin zu entwickeln.

… ein Selbsterfahrungstrip.

… Verbindung zu mir, Verbindung zu dir.

… Führungsqualitäten entwickeln.

… lebendiges Leben.

… ein lebenslanger Wunsch für alle.

… eine Inspiration für Vieles.

 

Das sind die Aussagen der Teilnehmerinnen unserer Silvester-Tangowoche in Norddeutschland. Falls auch du in Erfahrung bringen möchtest, was der Tango für dich bedeutet: zahlreiche Termine für 2020 inklusive der nächsten Silvesterreise findest du hier.

Andrea und Sigrid

 

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Dolce far niente ist der Inbegriff des italienischen Lebensgefühls: einfach dasitzen und nichts tun, vielleicht aufs Meer hinausschauen oder, wie im Filmklassiker La dolce vita, dem Müßiggang frönen. Was damals 1960 ein Privileg der Bohemiens war, ist heute in Zeiten von Handy & Co die Sehnsucht von vielen. Doch dieses Nichtstun muss nicht immer ganz wörtlich genommen werden, auch im Tun lässt es sich erfahren. Andrea hat im letzten Artikel dieses Blogs Marina Abramovic zitiert, die bezogen auf die Kunst sagt: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“ Dieser Satz, nicht bezogen auf Kunst, sondern weiter gefasst, passt als Motto für den Workshop Yoga & Tango am vergangenen Wochenende. Mit dem Hotel Das Eisenberg gibt es den perfekten Ort dafür, denn hier im Südburgenland gehen die Uhren ohnehin ein bisschen langsamer, ist alles ein wenig entschleunigt. Und Entschleunigung ist für uns eine wesentliche Qualität des Tangos. In den ersten Jahren des Tangotanzens ist es mir sehr schwer gefallen, die Langsamkeit im Tanz zu erleben, Pausen einzulegen. Heute ist gerade das zu unserem individuellen Tanzstil geworden und ich genieße dieses Nichtstun im Tun, dieses Innehalten und Hineinspüren bevor der nächste Schritt kommt. Unser Tanz ist daher nicht spektakulär wie eine Tangoshow, aber immer wieder gelingt es uns, ganz in die Tiefe und in Einklang zu kommen – mit der Musik, miteinander, mit unserem Publikum. Sowohl im SOLO TANGO – wie an diesem Wochenende – als auch beim Tanz im Paar versuchen wir diesen Wesenszug des Tangos zu vermitteln. Augenzwinkernd werden wir von einigen Tänzer*innen auch schon zitiert, wenn sie sagen: „No stress, wir genießen die Pause, wie unsere Tangolehrerinnen immer wieder sagen!“ und meinen damit gar nicht nur das Tanzen, sondern eine Alltagssituation wie das Autofahren.

Um aus dem Alltag heraus leichter in dieses dolce far niente zu kommen ist Yoga – und hier insbesondere Yin-Yoga ein guter Weg. Es wird oft als das „passive“ Yoga bezeichnet, weil es dabei nicht um spektakuläre Positionen und kraftvolle Bewegungen, sondern um das lange Halten – immerhin 3 bis 5 Minuten! – in dehnenden Positionen geht. Die Yogalehrerin Christine Swoboda, die an diesem Workshopwochenende die Yogaeinheiten leitete, sagt: Wir lassen los und erlangen mehr Flexibilität für Körper, Geist und Seele. „Gehen lassen“ kann oft schwieriger sein als anstrengende Asanas, ist aber eine lohnende, lebenslange Übung. Mit ihrer feinen Art führte Christine uns behutsam durch die Yogaeinheiten und begleitete das Entspannen mit Livemusik – am Bandoneon, dem Tangoinstrument schlechthin, und einigen Klanginstrumenten.

So ergab sich an diesem Wochenende ein harmonisches Nichtstun im Tun – wenn wir im Yoga entspannt auf den Matten lagen und bei den ruhigen Klängen des Bandoneons jedes Gefühl für die Zeit verloren und danach beim Tanzen die aufrechte Haltung im Tango, das Gehen, das Spiel mit den Verzierungen wie von selbst ins Fließen kamen. Spektakulär unspektakulär ist einer der Slogans des Hotels Das Eisenberg und genau so könnte man auch den Workshop Yoga & Tango zusammenfassen. Und einmal mehr weiß ich, dass dolce far niente nicht nur in Italien funktioniert!

Sigrid

 

The artist is present

The artist is present

Das ist der Titel einer Performance von Marina Abramovic, die man als „Mutter der Performance-Kunst“ bezeichnet. Es ist nun zwar fast 10 Jahre her, dass sie im Rahmen einer Ausstellung über ihre Kunst im MoMa in New York diese Performance gab, aber ich denke das Thema der Präsenz ist aktueller denn je.

Nun, bei dieser Ausstellung, die unter anderem Videos ihrer älteren Arbeiten und von Student*innen nachgestellte Performances zeigte, war Abramovic selbst präsent: Während der gesamten Ausstellungsdauer saß sie drei Monate lang, sechs Tage die Woche, jeweils sieben Stunden in der Mitte des Atriums bewegungslos auf einem Stuhl. Einzeln konnten Zuschauer*innen sich ihr gegenüber setzen, um mit ihr in einen „geistigen Dialog“ zu treten. In einem Dokumentarfilm mit dem gleichnamigen Titel kann man mit verfolgen, was dieses Präsentsein der Künstlerin beim Publikum bewirkt und ausgelöst hat bzw. wie sie sich darauf vorbereitet hat. Ein sehr spannender Prozess! Das zeigt sich schon in der Aussage von Marina Abramovic dazu: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“

Aber warum erzähle ich eigentlich davon? Weil das Thema der Präsenz auch im Tango ein wesentliches ist. Und wir uns als Künstlerinnen natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen. Abramovic meint mit dieser Präsenz, in einen anderen Bewusstseinszustand zu kommen, das Bewusstsein einer erhöhten Aufmerksamkeit für sich selbst und die gegenwärtige Umgebung zu entwickeln. So bereitet sie die Student*innen, die für die oben genannte Ausstellung ihre Performances nachstellen, mehrere Tage lang mit Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen, zum großen Teil in freier Natur, vor. Dieses GANZ DA SEIN im HIER UND JETZT ist nämlich eine ziemlich schwierige Sache, vor allem in unserer schnelllebigen und von digitalen Medien dominierten Zeit.

Vielleicht ist auch deshalb der Tango gerade so beliebt. Denn Angela Nicotra sagt in ihrem Buch Im Kontakt mit der Realität: Der Tango steht für die Möglichkeit, ganz in der Realität, also da zu sein, in einer Realität des Raumes, der Zeit und der Form.

Wir haben heuer im Sommer bei einem Auftritt versucht, diese Art der Präsenz zu verkörpern. Die Tangobilder von Renate Mehlmauer, ich habe davon in einem anderen Blogartikel schon erzählt, haben uns dazu inspiriert. Und auch die Performancekunst von Marina Abramovic war uns Inspiration – auch wenn ich weiß, dass wir Welten von ihrem künstlerischen Format entfernt sind. Bei besagtem Auftritt ist uns diese Präsenz und ein Möglichst-wenig-tun, glaube ich, ganz gut gelungen. Viel schwieriger ist es allerdings bei Straßenauftritten: wenn plötzlich Kirchenglocken zu läuten beginnen, ein Einsatzfahrzeug mit Folgetonhorn vorbeifährt, ein kleines Kind uns zwischen die Beine läuft, … dann selbst präsent zu bleiben, nicht heraus zu fallen, gelingt uns nicht immer. Aber es ist eine wunderbare Herausforderung, es zu üben, immer und immer wieder. Der Tangotanz an und für sich gibt uns dazu ständig die Gelegenheit. Ich zitiere noch einmal Angela Nicotra. Im Tango erleben wir eine andere Qualität der Zeit: alles, was nicht Tanz ist, bleibt außen, ein Gefühl für das Unendliche entsteht, weil Tango ausschließlich im Hier und Jetzt geschieht.

Das kann man sicher auch bei vielen anderen Tätigkeiten erleben, etwa beim Yoga, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Tango ist, wie viele Arten der Meditation, ein Arbeiten an der Achtsamkeit und am Bewusstsein für sich selbst und die Welt. So schließt sich der Kreis vom Bewusstseinszustand, den Marina Abramovic beschreibt, bis zu dem, den Tangotänzer*innen erleben und den wir als Künstlerinnen mehr und mehr erlangen.

Andrea

Literatur- und Filmtipp:
Im Kontakt mit der Realität, Angela Nicotra, Logos Verlag Berlin
The artist is present, Marina Abramovic, 2012

Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung

Bevor wir demnächst für unsere letzten Auftritte dieser Saison nach Deutschland aufbrechen, möchte ich noch von einem Event dieses Sommers berichten: der Ausstellung „Tango“ im Rahmen der Tangowoche im Künstlerdorf Neumarkt a. d. Raab.

Die Künstlerin Renate Mehlmauer, die die Bilder gestaltete, ist selbst Tangotänzerin. Nach der Teilnahme am Tangokurs im Vorjahr, hatte sie die Idee, für dieses Jahr Bilder als Inspiration zum Tanzen zu schaffen. Ein spannender Schaffensprozess begann: Am Anfang war also das Tanzen, das einen inneren Prozess ausgelöst hat. Dann die Idee, dann das Forschen. Renate hat sich Fotos und Videos angesehen, hat uns beim Tanzen fotografiert und mit diesen Fotos experimentiert, hat das Wort selbst erforscht. Sie sagt, TAN ist für sie wie ein Code, und GO die Übung. Dass die zweite Silbe GO auf fast allen Bildern zu finden ist, ist kein Zufall. Denn das englische Wort GO – GEHEN ist die Basis des Tangotanzens und immer auch ein wesentlicher Teil unserer Tangokurse.
Auf einem Bild sticht ein Wort, das man nicht gleich mit Tango assoziiert, besonders ins Auge – SOLO! Das spanische Wort für einzig, allein. In unseren Kursen wird nämlich nicht nur im Paar, sondern auch solo getanzt, jede und jeder tanzt für sich. So sind in zwei Bildern „der Tangomoment eines ganz persönlichen Lebenstanzes“ zu sehen.
Wenn wir das Wort Tango hören, löst das, denke ich, in allen von uns Bilder, Assoziationen aus. Für Renate haben sich im Erleben, Auseinandersetzen und Tun zwei Worte herauskristallisiert, die für sie den Tango ausmachen: Leidenschaft und Disziplin. So sind Bilder entstanden, die wohl nicht den gängigen Tangoklischees entsprechen und deshalb zu einer Auseinandersetzung einladen.

Wir beide haben uns von den Bildern zu einer Performance inspirieren lassen. Die bunten Malereien auf transparentem Plexiglas gaben den Raum vor, den wir dann tanzend erforschten. Zuerst jede solo, präsent und bei sich, dann verschmelzend im Tanz als Paar, um am Schluss wieder in die Ausgangsposition zurück zu kehren, denn letztendlich besteht doch auch das Leben aus diesem Wechsel von Alleinsein und in Beziehung treten.

„Tango und Malerei stehen zueinander im Einklang“ lautete die treffende Überschrift eines Berichtes von diesem Abend in einer Bezirkszeitung. Bildende und darstellende Kunst trafen aufeinander, bereicherten einander, verstärkten einander. Das Überschreiten von Grenzen und disziplinübergreifende Arbeiten führt ja meist zu spannenden Ergebnissen. Und ich denke, dass das Ergebnis unserer Kooperation mit der Künstlerin Renate Mehlmauer gut in die Sommerakademie des Künstlerdorfes passte.

Andrea