Facciamo un giro

Facciamo un giro

Wir drehen eine Runde! Diese Idee hatten wir schon vor Monaten beim Blick in den Terminkalender, als wir feststellten, dass die Woche nach unserem Workshop in Tirol noch nicht verplant ist. „Wenn wir ausnahmsweise mit dem Auto statt mit dem Zug reisen, könnten wir am Rückweg über Italien fahren und endlich wieder einmal Bella Italia genießen!“ Auf den zweiten Blick stellten wir fest, dass wir am Wochenende davor im Waldviertel SOLO TANGO tanzen und schon tauchte die Frage auf: „Vom Waldviertel 300 Kilometer zurück ins Südburgenland und dann gleich nach Innsbruck?“  Wir sind zwar gerne mit unserem kleinen Fiat unterwegs, aber lange Autofahrten lieben wir gar nicht. Also, dann machen wir gleich eine große, zweiwöchige Tour!

So sind wir an einem strahlend schönen Freitag Richtung Norden aufgebrochen – ausgerüstet mit Arbeits- und Freizeitutensilien und voller Vorfreude auf diese Reise. Von Anfang an war klar, dass wir ab nun Arbeit mit Genießen verbinden und es uns richtig fein machen. So legten wir, im Waldviertel angekommen, eine Mittagsrast am Ottensteiner Stausee ein, bevor wir das letzte Stückchen nach Schrems fuhren. In der GEA Akademie fühlten wir uns schon fast wie zu Hause, so vertraut sind uns die Menschen und die Atmosphäre dort schon. Und wie bei allen vorhergehenden Workshops hatten wir wieder eine total nette Gruppe und ein großartiges SOLO TANGO Wochenende.

Sonntag zu Mittag, nach dem herzlichen Abschied von unseren TeilnehmerInnen, tauschten wir die Tanzschuhe gegen Wanderschuhe und machten uns auf ins Schremser Hochmoor und in die Gegend um Heidenreichstein. Das sanfte Herbstlicht, die bunten Blätter, das saftige Grün und das tiefblaue Wasser der Seen und Teiche zauberten eine Stimmung, die beinahe unwirklich schön war! Wir konnten uns kaum sattsehen und sind immer wieder stehen geblieben, um Neues zu bestaunen.

Am Montag machten wir uns auf den Weg nach Salzburg und ließen uns dabei so richtig treiben. Spontan legten wir in Freistadt einen ersten Stopp ein und bummelten durch die kleine, nette Altstadt. Obwohl das Wetter nicht perfekt war, lockte uns das Salzkammergut. So kam ich erstmals nach Gmunden und war sofort begeistert! Der See, die prachtvollen alten Häuser an der Uferpromenade, der Blick auf die Berge! Noch heute hat Gmunden das Flair früherer Tage, als es ein Tummelplatz für SommerfrischlerInnen war. Zum Beispiel in der Conditorei Grellinger am Franz-Josef-Platz, die schon seit 1888 besteht. Beim Blick in das Gästebuch zeigt sich, dass hier nicht nur zu „Kaisers Zeiten“ alles, was Rang und Namen hatte, ein- und ausging und so wurde  K&K im Salzkammergut kurzerhand uminterpretiert in Künstler&Kaiser. Ob die Törtchen damals auch schon so köstlich waren, weiß ich nicht, aber unsere Kaffeepause war der reinste Genuss! Als wir die Conditorei verließen, blitze die Sonne hervor und wir beschlossen, nicht zurück auf die Autobahn zu fahren, sondern auf kleinen Straßen weiter durch das Salzkammergut zu reisen. Unser Cinquecento kletterte die Bergstraße hinauf und schien wie wir von dem Panorama, das sich plötzlich auftat, angetan! Über den Attersee und den Mondsee – mit dem Mond über dem See! – ging es dann am Abend nach Salzburg.

In Salzburg machten wir uns zu Fuß auf den Weg (unser Fiat hat sich eine Pause verdient!), um die Stadt zu erkunden. Wir schlenderten einfach durch die Gassen der Altstadt, ohne Plan und ohne Ziel, machten hier und dort Entdeckungen, zum Beispiel eine Hackbrett spielende Straßenkünstlerin nahe dem Dom, fanden uns plötzlich im Park des Schlosses Mirabell wieder, bestiegen anschließend den Festungsberg und spazierten zum Mönchsberg … inmitten von Tausenden TouristInnen und dennoch allein!

Dann war wieder die Arbeit an der Reihe! Auf der Suche nach einer Kooperation in Süddeutschland sind wir auf ein Seminarhotel nahe dem Chiemsee aufmerksam geworden und haben mit der Geschäftsführerin einen Termin vereinbart. Wir besichtigten das Haus und besprachen eine mögliche Zusammenarbeit. Dann fuhren wir zum See und nach einem köstlichen Mittagessen im Haus am See in Chieming tauschten wir unseren roten Fiat gegen ein blitzblaues Elektroboot und machten eine Spazierfahrt. Ehrlich, so schön kitschig ist es selten!

Am nächsten Tag ging es bei Kaiserwetter nach Tirol zu einer anderen K&K Audienz – der Anblick der beiden Bergmassive des Zahmen und Wilden Kaisers war tatsächlich majestätisch. Auf einer Mautstraße fuhren wir auf die 1000 Meter hoch gelegene Griesneralm direkt an der Nordwand des Wilden Kaisers. Unser Cinquecento blieb dort zurück und wir machten uns auf zu einer Bergtour. Und dieser Tag war so wunderschön, dass ich gar keine Worte finde und einfach die Bilder sprechen lasse:

Ab Freitag war wieder Tanzen angesagt – bei unserem ersten Workshop in Tirol, der ganz unter dem Motto klein und fein stand. Das Seminarhaus Zeit&Raum, mitten im Dorf Mieders, wurde behutsam und stimmig in ein 400 Jahre altes Bauernhaus integriert, hell und freundlich, mit viel Holz, einer angenehmen Atmosphäre und umgeben von einer prachtvollen Bergkulisse.
Klein und ganz besonders war aber auch die Gruppe der Teilnehmerinnen, die sich durch gemeinsame Botanikkurse  bei Anima Miedler gut kannten.  Sie hat nicht nur dieses Wochenende für uns organisiert, sondern die Gruppe mit feinem Gespür begleitet und einen harmonischen Rahmen bereitet. Ein ganz spezielles Tangowochenende!

Nach getaner Arbeit war es dann soweit – auf nach Bella Italia! In Bozen machten wir den ersten Stopp, fuhren weiter nach Trento und durch das Val Sugana nach Valdobbiadene, wo der Prosecco gedeiht. Und vom ersten Moment an waren wir mittendrin in all dem, was wir an Italien so lieben: In Valdobbiadene war Markttag, ein buntes Treiben auf der Piazza und in der kleinen Osteria, in der die Menschen nach dem Einkaufsbummel ein Glas Prosecco tranken und wir eine Mittagsjause einnahmen. Laut und fröhlich war die Stimmung und das Essen köstlich! Dann kurvten wir auf kleinen Straßen umher, um ein Agriturismo zu finden, parkten unseren Cinquecento vor dem Weingut, in dem wir uns einquartierten und machten uns auf zu einer ersten Erkundungsrunde. Am nächsten Morgen marschierten wir wieder los, ohne Landkarte und ohne Markierungen, suchten den Weg durch die Rebzeilen, Hügel auf und Hügel ab, kamen genau zur Mittagszeit an einer Osteria vorbei, in der wir uns stärkten, lagerten uns zur Siesta in einem der Weingärten und beschlossen die Runde mit einem Glas Prosecco bei der Ankunft in „unserem“ Weingut. Da fehlte nur noch eines: ein köstliches Abendessen in einem netten Ristorante! Perfetto!

Langsam nahte das Ende unsere Rundreise und auf einmal war sie da, die freche Idee, als krönenden Schlusspunkt nach Venedig zu reisen. Unser Cinquecento blieb am Dach des Parkhauses zurück und hatte so zumindest eine schöne Aussicht. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg und fanden schnell ein nettes, kleines Hotel, bevor wir mit unserem Streifzug durch das Labyrinth der Gässchen und Brücken begannen. Bald machten wir in einer Bar die erste Pause für ein Häppchen – eine Riesenauswahl an Köstlichkeiten machte die Entscheidung nicht einfach! – und ein erstes Glas Wein. Dann gingen wir weiter Richtung Rialtobrücke, entdeckten im Luxuseinkaufstempel eines alten Palazzos den Zugang zu einer Dachterrasse, standen über den Dächern von Venedig und staunten! Während dieser ersten Stunden in der Stadt wussten wir zeitweise gar nicht, ob das denn nun die Wirklichkeit oder ein Traum ist, wir waren wie verzaubert! Je näher wir dem Markusplatz kamen, umso dichter wurde das Gedränge – waren wir in Salzburg noch inmitten von Tausenden TouristInnen unterwegs, so waren es hier wohl Zehntausende. Aber auch das hatte seinen Reiz: sich einfach in die Menge fallen zu lassen, die Menschen zu beobachten, irgendwie doch mit ihnen verbunden, aber eigentlich ganz für uns zu sein. Auf dem ganzen Weg durch die Stadt begleitete uns auch der Tango – immer wieder tauchte ein Werbeplakat für Tango auf, und zur Livemusik vor dem berühmten Cafe Florian am Markusplatz tanzten wir sogar ein paar Schritte. Am Abend dann war es ruhig in der Stadt, Venedig gehörte wieder den VenezianerInnen – ja, die gibt es! – und den wenigen Gästen, die wie wir hier übernachteten und diese besondere Atmosphäre der ruhigen Kanäle, des Lichts in den Gässchen und auf den kleinen Plätzen, und natürlich das köstliche Essen in einer kleinen Osteria schätzen.

Unglaublich, was wir in diesen zwei Wochen gesehen und erlebt haben! So ist dieser Beitrag viel länger geworden als alle anderen, aber was hätte ich auslassen, wovon hätte ich nicht erzählen sollen?  Und ehrlich, ich habe nicht übertrieben, es war wirklich so traumhaft! Immer wieder haben wir festgestellt, wie wunderschön es gerade ist, wie fein wir es haben, wie dankbar und glücklich wir sind!
Era un giro grandissimo e bellissimo!

Sigrid

 

Alles zu seiner Zeit!

Alles zu seiner Zeit!

Wanderurlaub in Österreich – wir sind wirklich in die Jahre gekommen! In unseren 30ern hatte diese Art von Urlaub keinen Reiz für uns! Da liebten wir die Toskana und bereisten sie so oft es ging, manchmal auch nur für ein verlängertes Wochenende.

Eine Reise in diese Kulturlandschaft war jedes Mal prall gefüllt mit dem Erleben von Kunst- und Kulturschätzen, großartigen Bauwerken, der Kulturlandschaft mit Wein- und Olivengärten, der kleinen Orte und prächtigen Städte mit ihren Häusern und Palazzi im goldenen Schnitt. Damals war Slow Travel noch kein Begriff für uns – ohne nachzudenken nahmen wir die 800 km Anreise mit dem Auto hin, und zu unserer Lieblingsbeschäftigung vor Ort gehörten die Spazierfahrten auf kleinen Nebenstraßen, auf denen wir das Land entdeckten. Auch über sozio-historische Fragen machten wir uns damals noch keine Gedanken, als ob diese großartigen Bauwerke losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen ihrer Zeit hätten entstehen können – unabhängig von reichen Adelsfamilien und der mächtigen Kirche, die die Menschen als Untertanen und billige Arbeitskräfte instrumentalisierten. Unser Blick galt der Schönheit und war dennoch nicht nur oberflächlich. Er galt zwar noch nicht einer kritischen Reflexion, aber er führte zu einem Verstehen von diesem italienischen Lebensgefühl des Genießens. Genussvolles Essen und Trinken, nicht in Form einer Nobelküche, sondern der einfachen Küche der Toskana, die mit wenigen, aber hochwertigen Zutaten auskommt und daraus je nach Jahreszeit Köstlichkeiten zaubert. Bis heute hat das Essen auf unseren Reisen einen zentralen Stellenwert und das verdanken wir mit Sicherheit jenen Reisen in die Toskana.

Nachdem wir unser Bauernhaus hier im Südburgenland gekauft hatten, gab es einige Jahre lang wenige bis gar keine Urlaube. Als Zeit und Finanzen das Reisen wieder möglich machten, hatte sich auch unser Reiseverhalten geändert. Da wir jetzt am Land lebten zog es uns in die Stadt! Eine Woche Paris, eine Woche Berlin, einige Tage in Amsterdam – Städtereisen faszinierten uns! Und wir entdeckten das Reisen mit der Bahn, genauer gesagt mit dem Nachtzug. Vor Ort lernten wir das Flanieren, das Sich- treiben-lassen als kostbaren Zeitvertreib. Die Besichtigung der Bauwerke war nicht mehr so spannend (wenn du einmal über die Hintergründe nachzudenken beginnst, dann kannst du sie auch nicht mehr ausblenden!). In jeder Stadt fanden wir unzählige Möglichkeiten wann, wo und wie wir gut essen konnten: ein Häppchen beim Marktbummel am Vormittag, ein kleines Mittagessen im Bistro, Leckereien in der Patisserie, ein Aperitif in einer Bar, ein köstliches Abendessen – wir schlemmten uns durch die Küchen der Welt! Wunderbar! Und wir gingen auf Wanderschaft! Wir erwanderten ganze Stadtviertel, gingen von einem Ort an den nächsten und erlebten so auch die weniger touristischen Straßen und Plätze, das Alltagsleben der Menschen, die versteckten und unbekannten Ecken und machten dabei manche unerwartete Entdeckung. Immer seltener nahmen wir einen Reiseführer zur Hand, sondern kamen auf unseren Wanderungen durch die Städte einfach so an dem, was „man gesehen haben muss“ vorbei.

Wie in der Zeit, als wir unser Haus renoviert haben, waren auch die letzten Jahre eine Zeit ohne Urlaube – aber diesmal dennoch eine Zeit des Reisens. Unsere Reisen mit dem Tango – für die Straßenkunst oder einen Workshop – ließen uns viel herumkommen und immer wieder konnten wir dabei „so nebenbei“ eine Stadt erleben, einen Gipfel besteigen, einen Landstrich entdecken. Aber es war nie Urlaub im Sinne einer arbeitsfreien Zeitspanne, in der der Alltag zurückbleiben kann. Dies konnten wir nun wieder einmal erleben und wir knüpften dabei direkt an unsere Urlaubserfahrungen der früheren Jahrzehnte an – aus unseren Wanderungen durch die Städte wurde das Wandern in der Natur, aus dem Tramezzino in der Bar die Jause auf der Alm! Ein Wanderurlaub in den Alpen war genau das Richtige, um abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen! Mit jedem Schritt, mit jedem Blick in die Bergwelt, an jedem Gebirgsbach und auf jedem Gipfel bin ich ein Stück mehr zur Ruhe gekommen und bei mir angekommen. Ich musste meine Gedanken an die Arbeit nicht bei Seite schieben – sie waren einfach nicht da! Ich liebe den Tango, aber er ist mir tagelang nicht in den Sinn gekommen und, ehrlich, er ist mir auch nicht abgegangen. Und jetzt, wieder daheim, erfreue ich mich an den Klängen der Tangomusik, genieße ich das Tanzen, gelingt der Neustart in den Arbeitsalltag wie von selbst. Aber die Bilder der Berge, die Klänge des Gebirgsbaches und die Gerüche der köstlichen Jause auf der Alm sind noch präsent. Und diese Mischung hat etwas ganz Besonderes, ich nenne es einfach Lebensfreude oder, wie damals in der Toskana: La dolce vita!

Sigrid

 

Marmor, ein kostbarer Stein

Marmor, ein kostbarer Stein

Wenn man vom Meer aus die Apuanischen Alpen betrachtet, scheint auf den ersten Blick auf deren Gipfeln Schnee zu liegen. Dass das hier im September – wir haben für unsere Begriffe noch hochsommerliches Wetter – nicht sein kann, weiß man. Es ist der Marmor, der, von der Sonne angestrahlt, herunter leuchtet. Ein schönes und bizarres Bild zugleich – die Berge haben weiße Wunden.

dscf5665Wenn man sich an der Costa Versilia aufhält, kommt man um den Marmor nicht herum. Er begleitet einen auf Schritt und Tritt im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier bestehen die Gehsteige aus Marmor- in Seravezza aus Marmorresten, in Forte dei Marmi aus schönen Marmorplatten. Man hat ihn in allen Verarbeitungsstufen vom Abbau bis zur fertigen Statue oder Domfassade ständig vor Augen und in manchen Orten liegt Mamorstaub in der Luft.

Auch die Ortsnamen erzählen davon: Carrara kommt von „kar“, was so viel wie „Stein“ bedeutet, Forte dei Marmi heißt „Marmorfestung“ und Pietrasanta bedeutet „heiliger Stein“. Der Marmorabbau hat hier schon eine sehr lange Tradition und geht zurück bis auf die Römer, die ihre Sklaven die schwere Arbeit verrichten ließen. Im frühen Mittelalter gab es dann eine Gesellschaftsform, die sich leider nicht gehalten hat, denn die Orte hier waren freie Kommunen und die Menschen Arbeiter und Herren zugleich. Alle haben vom Marmorabbau profitiert. Es dauerte aber nicht lange bis die großen Adelsgeschlechter, wie z.B. die Medici, den Reichtum rochen, den man mit Marmor erlangen kann. dscf5662Von da an herrschten hier die sogenannten Marmorbarone, die das große Geld verdienten, während sie ihre Arbeiter ausbeuteten. Der Abbau des Marmors war und ist immer noch Schwerstarbeit. Wenn dann noch dazu die Arbeitsbedingungen katastrophal waren, 12 Stunden Arbeitszeit und schlechte Sicherheitsvorkehrungen zu einem äußerst geringen Lohn, war es kein Wunder, wenn es zu Aufständen kam. Die hat es hier immer wieder gegeben, sodass sich eine Anarchistenszene entwickelt hat. Bis herauf ins 20. Jhd. wurden sogar Anarchistenkongresse abgehalten und man ist hier ein bisschen stolz auf diese Tradition des Widerstandes. In Carrara sind heute noch an den Hauswänden die Symbole der Anarchisten zu finden.

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Nun, mittlerweile gibt es Gewerkschaften und bessere Arbeitsbedingungen und Maschinen, die die Arbeit erleichtern. Aber es ist immer noch eine sehr schwere Arbeit, die auch viel Fachwissen erfordert. Der Stein wird nämlich auf Grund seines großen Wertes aus den Bergen mit diamantenbesetzten Stahlseilen bzw. Riesensägen herausgeschnitten – so sehen hier manche Berggipfel selbst wie riesengroße Skulpturen aus. Die so entstandenen Marmorblöcke werden dann mit Lastwagen zu Tal befördert, normales Transportgut sind 30 Tonnen Gewicht. Es verlangt großes Geschick von den Fahrern mit diesem Gewicht die schmalen und kurvenreichen Straßen zu bewältigen. Wir haben einen der Marmorsteinbrüche an einem Wochenende besucht und waren heilfroh, keinem dieser LKWs zu begegnen. Unten in den Tälern, an den Flüssen gibt es dann die unzähligen Marmorsägereien, mit ein paar Ausnahmen fast alle Kleinbetriebe. Hier wird der Marmor in Platten zersägt. Aus einem Zweimeterblock erhält man zwar 80 Platten auf einmal, aber es dauert 100 Stunden bis so ein Block zersägt ist. Gleich in der Nähe unseres Hauses befindet sich auch so eine Sägerei, die Tag und Nacht selbst am Wochenende in Betrieb ist – jetzt wissen wir warum.

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Dieser Stein zieht natürlich auch seit jeher KünstlerInnen an. Schon Michelangelo hat eine Zeit lang hier gelebt, um sich die Marmorblöcke für seine Statuen selbst auszusuchen. Der Marmor, der dafür verwendet wird, „Statuario“ genannt, ist der begehrteste – weiß, feinkörnig und seidig-glänzend. Es gibt nämlich 50 verschiedene Mamortypen, darum gibt es im Italienischen auch eine Mehrzahl für diesen Stein – „marmi“. Allora, wir haben vor einigen Tagen in Seravezza einen Künstler kennengelernt, der sich hier niedergelassen hat. Er, ein Franzose, und seine Frau, eine Asiatin, sind ein angesehenes Bildhauerehepaar, das hier die Foundation ARKAD zur Unterstützung anderer KünstlerInnen betreibt. Letzten Sonntag hatten sie einen Tag der offenen Tür und wir konnten ihre Arbeitshalle und ihre Ausstellungsräume besichtigen. Die Arbeitshalle hat uns besonders beeindruckt – riesengroß, alles mit weißem Mamorstaub überzogen, halbfertige Arbeiten und die Werkzeuge, die man für die Bearbeitung des Marmors braucht – eine ganz besondere Atmosphäre. In den Ausstellungsräumen konnten wir dann die Modelle ihrer Arbeiten besichtigen, denn sie erschaffen riesengroße Mamorskulpturen für den öffentlichen Raum – auf Bildern zu sehen. Überwältigend schön wie diese sich auf einem Platz, in einem Park oder am Meeresufer einfügen! Es ist sehr beeindruckend, wenn die Schönheit dieses Steines so zur Geltung gebracht wird. Man muss als BildhauerIn neben dem künstlerischen Ausdruck und dem handwerklichen Können, aber sicher auch den Respekt vor diesem Stück Natur und auch den Menschen, die die Schwerstarbeit des Abbaus leisten, einfließen lassen.

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Gestern erst waren wir in Carrara, das sich ja Welthauptstadt des Marmors nennt. Der Name dieser Stadt steht für den Marmor hier, aber der Stadt selbst ist das nicht anzumerken. Bei unserer Wanderung durch die Gassen wurden wir immer bedrückter, denn fast die gesamte Altstadt steht leer. Lokale, Geschäfte und Wohnungen werden zum Verkauf angeboten, an jedem zweiten Haus findet man das Schild „Vendesi“. Vieles schon sehr baufällig, macht die Stadt einen heruntergekommen Eindruck, es ist nichts von Reichtum zu bemerken. Diese Stadt verdient also nicht am Marmor. Wer macht also heute das große Geld damit, anstelle der Marmorbarone? Wir konnten es nicht herausfinden, aber man kann es sich denken. Mit diesem Hintergrundwissen, das wir über den Marmor hier gesammelt haben, fühlt es sich jedenfalls anders an, diesen besonderen Stein zu berühren, als vorher.

Andrea

Mare e Monti

Mare e Monti

In all den Jahren, in denen wir Italien bereist haben, ist uns die Costa Versilia nie wirklich aufgefallen. Einmal sind wir auf dem Weg vom Cinque Terre nach Siena mit dem Auto hier durchgefahren und haben die Bergkette bewundert, auf die Idee, hier zu stoppen sind wir aber nicht gekommen. Erst als wir letzen Winter die Italienkarte auf der Suche nach einem geeigneten Platz für unser Auftrittsmonat genau studiert haben, ist uns aufgefallen, dass es hier auf wenigen Kilometern ganz viele Badeorte, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, gibt. Bei genauerem Hinschauen haben wir entdeckt, dass es nur wenige Kilometer im Hinterland eine Reihe von alten, kleineren und größeren Städten gibt. So waren wir uns sicher, dass dies ein guter Platz für unsere Straßenkunst sein würde. Und erst kurz vor unserer Abreise hierher haben wir unseren Wanderführer für die Toskana aus dem Regal genommen, um festzustellen, dass die Apuanischen Alpen allein schon eine Reise wert wären. So haben wir also noch schnell unsere Wanderschuhe eingepackt. Und tatsächlich, dieser Landstrich ist nicht nur bestens geeignet für uns als Straßenkünstlerinnen, er bietet eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten!

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Der Küstenabschnitt hier im nördlichsten Winkel der Toskana mit feinstem Sandstrand und mondänen Badeorten ist etwa 30 Kilometer lang und reicht von Marina di Carrara im Norden bis Viareggo im Süden. Es reiht sich ein Bagno, also ein Strandbad neben das andere und erst südlich von Viareggio gibt es einen größeren frei zugänglichen Strandabschnitt gesäumt von einem prächtigen Pinienwald. Die Orte der Costa Versilia, die wir bisher kennengelernt haben, sind ihrem Charakter nach sehr verschieden. Viareggio ganz im Süden ist bekannt wegen seiner Prachtbauten entlang des Lungomare. Um 1920 war es ein Nobelseebad und zahlreiche Luxushotels im Jugendstil oder im Stil des Klassizismus zeugen von jener Blütezeit. Ganz besondere Bauten sind die Eingänge zu den Bagni, jedes Strandbad hat dafür ein eigenes Gebäude mit einem Torbogen in der Mitte und dem Schriftzug mit seinem Namen darüber. Links und rechts neben dem Eingang ist Platz für Geschäfte oder Lokale. So ist dieser Lungomare den ganzen Tag und die halbe Nacht lang die Flaniermeile von Viareggio. Heute sind viele dieser Bauten leider nicht mehr im besten Zustand, wenn sie auch nach wie vor in ihrer ursprünglichen Weise genutzt werden. Das alte Grand Caffè Margherita zum Beispiel ist bestens geeignet für einen Aperitivo und ein kleines Häppchen.

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Entlang der Via Aurelia, der alten Staatsstraße Nr. 1, gelangt man nach Pietrasanta am Fuße der Hügel und entdeckt ein toskanisches Bilderbuchstädtchen. Viele KünstlerInnen haben sich hier niedergelassen und in der kleinen Altstadt gibt es daher neben Geschäften und Lokalen auch zahlreiche Kunstgalerien. Eine nette Möglichkeit für einen Abendbummel, es sind ja nur wenige Kilometer von den Badeorten hierher und selbst jetzt in der Nachsaison ist viel los. Aber es ist hier fast zu schön, zu perfekt für TouristInnen herausgeputzt.

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Keine zehn Kilometer entfernt, etwas nördlich wieder am Meer, ist der Ort, der heute das Nobelseebad der Costa Versilia ist. Forte dei Marmi ist der Urlaubsort der VIPs. Die Einkaufsmeile ist mit Marmor gepflastert, Geschäfte mit klingenden Namen reihen sich aneinander: Gucci, Prada, Swarovski, Dolce & Gabbana, … Doch der Reichtum wird hier nicht zur Schau getragen oder hervorgekehrt, die Atmosphäre ist angenehm, gepflegt und elegant. Es gibt wenige Hotels, denn die meisten UrlauberInnen mieten hier ein Ferienhaus für ein oder zwei Monate, wenn nicht gleich für die ganze Saison. Wir sind abends schon mehrmals nach Forte dei Marmi gefahren, denn es gibt dort noch etwas ganz besonderes. Die Mole, die früher dem Verladen des Marmors gedient hat, ist 300 Meter lang und der perfekte Platz für einen kitschigen Sonnenuntergang. Und es ist der Platz, von dem aus man die Berge am besten sehen kann!

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Wie so oft im Leben, sieht man das, in dem man mittendrin steckt, nicht wirklich, sondern man muss einen Schritt heraus machen, um den Überblick zu bekommen. Wir wohnen mitten in den Apuanischen Alpen, aber hier im Tal sehen wir die prachtvollen Gipfel gar nicht. Im Abendlicht vom Meer aus erstrahlen sie in ihrer vollen Schönheit.

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Aber die Berge anzuschauen ist nur der halbe Genuss! Unsere ersten Eindrücke sammelten wir auf einer kleinen Wanderung durch die bewaldeten Hügel auf ca. 500 Meter Höhe. Die Bergdörfer, die dieser Weg verbindet, sind alle bewohnt und gut erschlossen. Vielleicht finden die Menschen, die hier leben, unten an der Küste Arbeit und weil hier alles so nahe beisammen ist, müssen sie ihre Dörfer nicht verlassen. Auf diesem Weg sammelten wir Kräuter und Haselnüsse und naschten von den Bergfeigen und Brombeeren. In dieser Woche haben wir eine erste größere Wanderung gemacht. Es geht steil hinauf von dem kleinen Bergdorf Stazzema auf 450 Meter Seehöhe bis zum schroffen Kalkgestein. Belohnt wird der mühsame Aufstieg aber schon unterwegs auf einem wunderschönen Weg zuerst durch Kastanienwälder mit üppiger Vegetation, vorbei an sprudelnden Quellen und oberhalb der Baumgrenze mit unbeschreiblich schönen Ausblicken. Unser Gipfel an jenem Tag war „nur“ 1149 Meter hoch und doch bist du inmitten einer fantastischen Bergwelt – mit Blick zum Meer. Zum Strand von Forte dei Marmi sind es genau 13 Kilometer Luftlinie. Einfach paradiesisch und irgendwie kaum zu beschreiben. Einfach ein Glücksmoment!

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Am Tag darauf, als Ausgleich für die Strapazen, haben wir einen genüsslichen Abendspaziergang am Strand gemacht. Neben der Mole von Forte dei Marmi ist eine schmaler, freier Zugang zum Meer und so sind wir entlang der Reihen der Schirme und Liegen auf der einen Seite und den aufschäumenden Wellen auf der anderen dem Sonnenuntergang entgegen gewandert – natürlich mit Blick auf die Berge!

Che bello!
Sigrid