Mascarada

Mascarada

Masken faszinieren. Die Maske steht für Tarnung und Maskerade, die uns schöner, erhabener und gefährlicher erscheinen lässt, heißt es in einem jüngst von Paula Pfoser veröffentlichten ORF-Artikel zur Kulturgeschichte der Maske.
Auch wir hatten schon einmal einen Maskentanz konzipiert und aufgeführt, in dem es um unsere alltäglichen Maskeraden und den Mut sich zu zeigen ging. Mittlerweile haben Masken aber eine ganz andere Bedeutung bekommen, sie wurden zum Symbol der Pandemie. Diese zwang uns ja auch lange Zeit zu Hause zu sein, und so war bald einmal klar, dass wir diesen Maskentanz überarbeiten und daraus einen wo/men tango act kreieren wollen, in dem wir die Erfahrungen der Pandemie zum Ausdruck bringen. Es ist jetzt ein völlig neues Stück daraus geworden, und das Arbeiten daran half uns auch über den für uns unendlichen Lockdown hinweg.

Außer dem oben erwähnten interessanten Artikel lieferte uns die Ausstellung mit dem Untertitel Masken und Seuchen am Wiener Hof 1500 – 1918, die gerade in Schönbrunn gezeigt wird, Hintergrundinformationen. Hier wird aufgezeigt, dass trotz zahlreicher Seuchen und Pandemien im Laufe der Geschichte, wie Pest, Pocken, Cholera oder Spanische Grippe, die Maske in der heimischen Medizingeschichte bisher eine untergeordnete Rolle spielte. Masken waren nur vereinzelt im Umlauf, wurden in Karikaturen verwendet, um sich über die Angst der Bevölkerung lustig zu machen oder es wurden Abbildungen des unheimlichen Schnabeldoktors über Flugblätter verbreitet, mit dem Hinweis, diese würden in Italien und Frankreich verwendet, aber hier bei uns würden sie nicht gebraucht, weil man die Seuche im Griff habe, also um Überlegenheit zu demonstrieren.

Der Pestdoktor mit seiner Schnabelmaske wurde dennoch zur Symbolfigur der Angst – bis in die Gegenwart hinein. Bei der FFP2-Maske mit ihrer leicht schnabelförmigen Ausformung und der größeren Gesichtsabdeckung liegt die unheimliche Assoziation jetzt noch stärker auf der Hand, schreibt auch Paula Pfoser. Und sie berichtet von der Assistenzprofessorin Deidre Barrett, die an der Harvard Medical School aktuell zu Träumen forscht, dass es gerade zu einer Konjunktur von Maskenträumen, in denen auch der Pestarzt seinen Auftritt hat, kommt.
Gesichtsverdeckungen sind im europäischen Raum seit jeher Zeichen des Außergewöhnlichen, die Maske steht also hierzulande niemals für das, was wir „Normalzustand“ nennen.

Wir verwenden für den wo/men tango act Mascarada venezianische Masken. Im venezianischen Karneval gewährt die Maske die Möglichkeit, die zugewiesenen Rollen zu verlassen und mit anderen Identitäten zu experimentieren. Das Spannende an der Entwicklung unseres Stückes war also, dieses Rollenspiel mit den Erfahrungen der Pandemie aufzuladen, die venezianischen Masken zu verfremden und trotz Masken vor allem Emotionen zum Ausdruck zu bringen. „Wir erzählen von Isolation und Sehnsucht nach Nähe, deren Erfüllung und dem Glück einer Umarmung“, beschreiben wir es kurz auf unserer Website.

Es ging uns um die gegensätzlichen Erfahrungen: Einsamkeit, Starre, Stillstand und Begrenzung auf der einen Seite und Nähe, Berührung, Umarmung und Lebensfreude auf der anderen Seite. Davon ausgehend ein Tanzstück zu entwickeln, ist ein intensiver und wunderschöner Prozess. Zu sehen wie sich Musik, Choreografie, Schauspiel und Kostüme zu einem Ganzen zusammenfügen, bis es endlich aufführungsreif ist. Nun proben wir hin auf die Premiere von Mascarada, die im Juni in Berlin stattfinden soll. Wir freuen uns und hoffen!

Andrea

Verwendete Literatur: Kulturgeschichte der Maske, Paula Pfoser, 1. Februar 2021

Die Fotos von Mascarada entstanden bei einem Shooting mit Astrid Rampula: astrimage.at

Alte Tangos treffen alte Autos

Alte Tangos treffen alte Autos

Wer den Tango liebt, bewegt sich manchmal haarscharf an der Grenze zur Nostalgie. Oder überschreitet diese bewusst, wie wir es bei unserem Auftritt am Freitag Abend gemacht haben. Wir waren eingeladen beim Eröffnungsevent der Vulkan Klassik 2017 zu tanzen. Schauplatz war das Atrium im Chateau Agata, besser bekannt als Schloss Oberradkersburg gleich über die Grenze, auf der slowenischen Seite der geteilten Stadt Radkersburg.

Für diesen Anlass erschien uns der wo/men tango act Encuentro / Begegnung, mit dem wir im Vorjahr auf der Straße aufgetreten sind, passend, und so haben wir das Stück in der letzten Woche wieder aufgefrischt. Es machte großen Spaß diese Geschichte nach so langer Zeit zu tanzen und wir haben schnell wieder in unsere Rollen hineingefunden: Andrés (Andrea), der reiche Gutsbesitzer, der geschäftlich in Buenos Aires zu tun hatte und nun – in der geänderten Form für diesen Event nicht am Bahnhof Retiro steht, sondern – auf seinen Chauffeur wartet, der ihn wieder auf sein Landgut bringt. Er strahlt Selbstbewusstsein aus, ist stolz und arrogant, zugleich aber auch einsam. Von den anderen Menschen auf den Straßen von Buenos Aires nimmt er keine Notiz. Einer dieser Menschen ist Segundo (Sigrid). Er ist auf der Suche, deshalb ist er oft auf den Straßen der Stadt unterwegs. Er ist ein unsicherer, zweifelnder Mensch mit wenig Selbstwertgefühl. Aber er tanzt wunderbar Tango und er trägt auch diese Sehnsucht in sich, die ihn hoffen lässt …

Schon bei unserer Ankunft im Schloss wurden wir inspiriert von dem Ambiente der alten Mauern und von den vielen, blitzblanken, schönen, alten Autos, die vor dem Schloss auf ihre Ausfahrt warteten. In unseren Kostümen im Vintagestil, sagen wir der 1930er Jahre, passten wir perfekt in dieses Bild. Erst waren die Anwesenden ein wenig überrascht über diese beiden „Herren“, bald aber wurden wir wohlwollend aufgenommen in den Kreis der LiebhaberInnen alter Autos. Und bei unserem Auftritt dann ist der Funke übergesprungen: sie sind tatsächlich mit uns in die Straßen von Buenos Aires gekommen und vielleicht haben sie ihren schönen Oldtimer neben diesem tanzenden Paar als einen der parkenden Wagen gesehen. Ein gelungener Auftritt und beinahe ein magischer Moment, wenn Raum und Zeit sich verschieben.

Sigrid und ein Maserati Vignale Spider, Baujahr 1962, Andrea und ein Volvo 544 Sport, Baujahr 1963

Für uns war diese Zeitreise noch am selben Abend zu Ende, für die 44 Fahrzeuge und die teilnehmenden Personen ging es am nächsten Tag erst so richtig los. Die 200 km lange Rundfahrt der Vulkan Klassik 2017 mit dem Start vor den Toren des Schlosses führte auf kleinen Straßen durch das steirische Vulkanland, über Straden und St. Anna am Aigen bis zum Ziel am Hauptplatz in Bad Radkersburg. Dabei folgen die FahrerInnen den Anweisungen ihrer BeifahrerInnen, die anhand des Roadbooks den Weg weisen. Es werden nicht nur Kontrollpunkte angefahren, sondern es gibt auch mehrere Sonderprüfungen, die unterwegs zu absolvieren sind. Bei der ganzen Rundfahrt geht es aber vor allem um die Langsamkeit! Schon bei der Eröffnung am Freitag hat eine der Organisatorinnen klar gemacht, welche Art des Fahrens bei diesem Event gefragt ist, als sie sagte: „Bitte nicht rasen!“. Und tatsächlich, einig Male wird gerade die Langsamkeit bewertet, zum Beispiel wenn eine kurze Strecke, markiert durch zwei am Boden liegende Schläuche, in exakt 7 Sekunden – und nicht schneller! – gefahren werden muss. Und wer die Gesamtstrecke zu schnell absolviert, bekommt dafür Strafpunkte! Ist das nicht herrlich! Nun weiß ich auch, warum mir diese alten Autos einfach gut gefallen: sie sind Symbole der Entschleunigung – und damit sind wir ja wieder beim Tango, der mir nach wie vor Lektionen punkto Langsamkeit beschert. So wie wir im Tangotanzen, so finden wohl auch die TeilnehmerInnen einer Oldtimerralley im Tun, oder besser gesagt im Fahren immer wieder diese Entschleunigung, die uns im Alltag so oft abhanden kommt. Dafür lohnt es sich ein wenig Nostalgie in Kauf zu nehmen!

Sigrid

 

PS: Schon einmal sind wir – out of program – bei einem Oldtimerevent mit Encuentro aufgetreten: bei der Mille Miglia 2016. In einem Blogartikel haben wir damals von den Begegnungen bei diesen Auftritten erzählt.

 

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Bei fünf Auftritten vergangene Woche in Graz haben wir die Verrücktheit zelebriert. Dabei haben wir große und kleine Kinder zum Staunen gebracht, unser Publikum mitgenommen auf eine Reise in die Welt der Phantasie und die Straßen der Stadt mit diesem wunderbaren Tango von Astor Piazzolla erfüllt. Um noch mehr eintauchen zu können in diese verrückte Magie des Lebens und der Liebe gibt es hier den Text der Ballade für einen Verrückten, auf der unser wo/men tango act basiert:

 

Balada para un loco
M: Astor Piazzolla, T: Horacio Ferrer

Die Nachmittage in Buenos Aires
haben etwas, ich weiß nicht was.
Verstehst du? Ich verlasse
mein Haus und schlendere die
Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
als er plötzlich hinter diesem Baum erschien.
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und
einzigen Landstreicher
und dem ersten blinden Passagier auf einer
Reise zur Venus.

Eine halbe Melone auf seinem Kopf
ein gestreiftes Hemd auf die Haut gemalt
zwei Ledersohlen an die Füße genagelt und ein
„Taxi-zu-vermieten“- Schild in jeder Hand …
Ha … ha … ha … ha …
Es scheint, als wäre ich der Einzige
der ihn sieht.
Denn er taumelt zwischen den Leuten
und die Schaufensterpuppen zwinkern mir zu.
Die Ampellichter geben mir
drei himmelblaue Lichter
und die Orangen im Obstladen an der Ecke
werfen ihre Blüten nach mir.

Und dann, halb tanzend, halb fliegend,
nimmt er die Melone ab, um mich zu grüßen.
Er gibt mir ein Taxischild und sagt auf Wiedersehen.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Siehst du nicht den Mond
durch die Callao-Straße rollen
und einen Chor von Astronauten und Kindern
die um mich herum tanzen … ?

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Ich sehe Buenos Aires von einem Spatzennest aus,
und ich sah dich so traurig.
Komm, flieg, fühl das verrückte Verlangen
was ich nach dir habe.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wenn Dunkelheit sich in deiner städtischen
Einsamkeit breit macht
zu den Ufern deiner
Bettwäsche sollte ich kommen
mit einem Gedicht und einer Posaune
um dein Herz wach zu halten.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wie ein verrückter Akrobat sollte ich tauchen
in den Abgrund deiner Kluft bis ich fühle
dass ich dein Herz verrückt gemacht habe
mit Freiheit.
Du wirst schon sehen.

Und dann lädt mich der
verrückte Mann zu einer Fahrt
in seiner super Sport-Illusion ein
und wir rasen über die Riffs
mit einer Schwalbe im Motor.

In Vieytes applaudieren sie uns: „Hurra! Hurra!“
Die Bekloppten, die die Liebe erfunden haben.
Und ein Engel, ein Soldat und ein Mädchen
schenken uns einen Walzer.
Die schönen Leute kommen heraus
um hallo zu sagen.

Und verrückt, aber das bist du, ich weiß nicht
mein Irrer.
Erlöst mit seinem Lachen
ein grelles Klingen von Kirchenglocken aus
und schließlich sieht er mich an und singt sanft:

Liebe mich, so wie ich bin
verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige
Zärtlichkeit, die ich in mir habe.
Zieh dir eine Perücke mit Spaß auf deinen Kopf
und flieg.

Flieg jetzt mit mir: komm, flieg, fühle …
Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden.
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

 

 

 

Eine großartige Fotografin begleitete einen unserer Auftritte und dabei sind diese wunderschönen Fotos entstanden. Danke, liebe Elisabeth Paulitsch für das einfühlsame, tolle Fotoshooting!

Noch ist die Straßenkunst-Saison nicht vorbei und wir freuen uns schon auf weitere Auftritte.

Andrea und Sigrid

 

Ballade für zwei Verrückte

Ballade für zwei Verrückte

In wenigen Tagen ist es wieder so weit – wir eröffnen unsere Straßenkunstsaison, diesmal in Piran und Umgebung. Unser neues Stück ist „reif“ und jetzt zieht es uns förmlich hinaus auf die Straßen. Es hat sich heuer wieder, wie auch die letzten Jahre schon, so ergeben, dass die Premiere im Ausland stattfindet. Und wir stellen fest, dass uns das sehr recht ist. In der Fremde, wo uns niemand kennt, ist es am Anfang leichter. Aber wir haben heuer auch vor, öfter in Graz aufzutreten.

Balada para dos locos – Ballade für zwei Verrückte, nennt sich unser neues Stück. In Anlehnung an einen berühmten Tango namens Balada para un loco haben wir es entwickelt. Die Musik dieses Tangos stammt von Astor Piazzolla, der Text von Horacio Ferrer. Es ist ein Tango, der uns immer schon fasziniert hat, in dem wir uns irgendwie wieder gefunden haben. Das ist auch nachzulesen im Blogartikel Loco, loco, loco, …, den ich vor einem knappen Jahr geschrieben habe. Als wir über das neue Stück nachzudenken begannen, war jedenfalls bald klar, dass dieser „verrückte Tango“ der Ausgangspunkt wird.

Am Anfang war also diese Idee. Der Prozess der Entstehung – eben von einer Idee bis zum fertigen Stück – ist für mich das Spannendste und Schönste an unserer momentanen Arbeit: fantasieren, Bilder im Kopf entstehen lassen, sich austauschen (was wollen wir ausdrücken?), im Text versinken, die Musik auswählen, tanzen, Kostüme entwerfen, Requisiten beschaffen, eine Choreografie festlegen, proben, verändern, proben, proben, uns filmen, proben, verändern, … und dann das Gefühl „Jetzt haben wir es!“

Entstanden ist diesmal ein surreales Stück: bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen entführen wir in die Straßen von Buenos Aires und auf eine Reise zur Venus. Es ist ein Stück über die verrückte Magie des Lebens und der Liebe!

Die Proben der letzten Tage haben unsere Vorfreude auf die heurige Straßenkunstsaison so richtig angefacht. Und das, obwohl es einige Pannen gab. So ist z.B. Sigrid’s Hose gleich bei der ersten Kostümprobe aufgeplatzt. Ihr Anzug besteht nämlich aus einem ganz besonderen Stoff, der sich aber leider nicht dehnt. Unserer wunderbaren Kostümbildnerin ist zum Glück schnell eine Lösung eingefallen, aber Sigrid musste wieder eine Zeit lang ohne Kostüm proben. Ein paar Proben später ging beim Regenbogenschirm, eine unserer Requisiten, eine der Streben kaputt. Einfach entzwei gebrochen, ob durch einen Materialfehler oder durch die Beanspruchung bei unserem Tanz, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir gleich einen neuen bestellt und hoffen, dass er rechtzeitig da ist. Und irgendwie passen diese Pannen ja zu unserem Stück. Obwohl wir schon hoffen, wenn sie jetzt passieren, dass es bei den Aufführungen keine mehr gibt.

So fiebern wir ihnen entgegen, den Auftritten. Wird alles so klappen, wie wir es uns vorstellen? Wie wird es beim Publikum ankommen? Gerade am Anfang haben wir natürlich auch Lampenfieber. Aber auch das gehört dazu. Denn das wunderbare Gefühl nach einem gelungenen Auftritt macht es wieder wett.

Andrea

 

Tango ist Entschleunigung!

Tango ist Entschleunigung!

Es ist soweit – das Thema Tango und die Zeit ist reif für einen Blogartikel! Ein Monat ist verflogen, seit ich darüber schreiben wollte und ich könnte, ganz im Trend der Zeit, über das rasante Tempo klagen, mit dem sich unsere Gesellschaft von einem Jahr ins nächste katapultiert. Oder ich könnte das – leider oft schon abgegriffene – Wort Entschleunigung benutzen, um mich selbst und die Leserinnen und Leser dieses Artikels mit einem imaginären erhobenen Zeigefinger zu ermahnen, doch endlich … Aber genau darum geht es im Folgenden nicht! Es geht um meine Erfahrungen mit dem Tango und um einige sehr persönliche Lektionen, die er mir im Bezug auf das Tempo meines Lebens beschert hat. Und falls sich darin die eine oder der andere wiederfinden kann und ebenfalls zu buchstabieren beginnt, wie es um die Zeit steht, so freut mich das – ohne jeglichen moralischen Anspruch!

20160626_210305-1-2Nun, meine Gedanken gehen zurück zu einem Auftritt im Juni in Graz, bei dem eine gute Freundin im Publikum war, die uns danach ihre Eindrücke rückgemeldet hat. Sie hat dabei diese Formulierung „Tango ist Entschleunigung!“ verwendet und gemeint, unser Tanz ist in seiner Langsamkeit ein absoluter Kontrast zu dem, was sich sonst im öffentlichen Raum, in der Fußgängerzone und den Plätzen der Stadt, abspielt. Während um uns herum alles eher schnell, ja hektisch ist, scheinen wir von all dem entrückt zu sein. Mir war dies bis zu jenem Auftritt gar nicht bewusst und, überrascht über diese Wahrnehmung, habe ich diesem Aspekt seither Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur bei unseren Auftritten, sondern generell beim Tanzen.

Da der Tango ein Improvisationstanz ist, gibt es keine fixen Abfolgen und die Tanzenden können auch frei mit dem Rhythmus und dem Tempo spielen. Es gibt kein durchzählen der Takte, sondern es können jederzeit Pausen folgen, bei denen die beiden Tanzenden in der jeweiligen Position verharren, sich selbst und sich als Paar, die Musik oder den Text spüren und erst dann wieder weitertanzen. Außerdem kann die führende Person sich in der Gestaltung des Tanzes ganz von der Musik leiten lassen und dabei einmal einem schnelleren Instrument, zum Beispiel dem Bandoneon, in seinem Lauf folgen oder die Bewegungen an ein langsameres Element, vielleicht einen langen, getragenen Part der Geigen, anpassen. Und da sind wir schon bei den Lektionen für mein Leben, die der Tango mir ermöglicht hat! Jeder Mensch hat ja sein eigenes Lebenstempo – es gibt Menschen, die alle ihre Tätigkeiten eher flott und zügig machen und solche, die alles langsam und bedächtig angehen. Letztere werden vom Lebenstempo unserer Gesellschaft häufig angetrieben und können kaum ihr persönliches Lebenstempo realisieren. Ich gehöre zu den schnellen Menschen, nicht selten zu den zu schnellen. Beim Tangotanzen habe ich als Führende deshalb lange Zeit eher auf die schnelleren Impulse in der Musik geachtet und häufig schnellere Schritte eingebaut. Aurora Lubiz, unsere Tangolehrerin in Buenos Aires, hatte das gleich gemerkt und mich immer wieder mit dem Wort pausa aufgefordert, den Tanz langsamer zu gestalten. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dieses langsamere Tempo im Tanz zu lieben und so wurde das Tanzen für mich zu einem Ruhepol, der sich von meinem schnellen Lebenstempo abhob. Seit drei Jahren tanzen und trainieren wir nun ja regelmäßig und sehr intensiv und siehe da – der Tango hat tatsächlich mein Leben entschleunigt! Ich genieße es, den ruhigen Instrumenten zu folgen, Pausen einzulegen, Zeit zu haben, um mich und uns als Tanzpaar wahrzunehmen und den Tanz gemeinsam entstehen zu lassen – und zwar ruhig und langsam. So ist es uns wohl gelungen, unserem Tanz diesen individuellen Ausdruck der Langsamkeit zu verleihen und diese Entschleunigung auch bei unseren Auftritten spürbar zu machen.

20160908_205020-3Denn eine weitere Rückmeldung zu unserem wo/men tango act Encuentro, die wir ebenfalls diesen Sommer erhalten haben, bezieht sich auch auf das Thema Zeit: Unser Tanz sei „wie aus der Zeit herausgefallen“ wurde uns gesagt. Nun, die Figur des Andrés blickt tatsächlich nicht auf sein Smartphone, um zu sehen wie spät es ist, sondern auf eine Taschenuhr und der Koffer, den er bei sich hat, ist Vintage. Aber die Requisiten sollen dabei nur das unterstreichen, was sich in der Geschichte abspielt – und da lassen wir unsere beiden Figuren tatsächlich aus der Realität herausfallen, so dass sie sich für einen kurzen Moment wie in Zeitlupe bewegen. Aber auch hier zeigen wir bei unserem Auftritt etwas, was zu den wesentlichen Erfahrungen zählt, die wir beim Tangotanzen immer wieder machen: Ganz im Tanz aufzugehen, Raum und Zeit zu vergessen und nur mehr im Hier und Jetzt, in der Musik und im Tanz zu sein. Tango ist Entschleunigung! Denn gerade in diesen Momenten spüre ich diese Magie des Augenblickes, die im schnellen Lebenstempo so leicht verloren geht. Und vielleicht ist diese Magie eben nicht nur für mich spürbar, sondern auch für die Menschen, die uns beim Tanz zusehen. Ja, und vielleicht springt ein klein wenig von dieser Entschleunigung auf sie über – mitten im öffentlichen Raum und im rasanten Tempo des heutigen Lebens.

Sigrid

 

Herrendarstellerinnen

Herrendarstellerinnen

Zwei Frauen tanzen Tango – im Herrenoutlook! Wie ist es dazu gekommen? Warum eigentlich schlüpfen wir in diese Rollen? Was wollen wir damit ausdrücken?

Bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen, im Sommer 2014, sind wir noch nicht in diese Rollen geschlüpft. Wir bekamen damals die Rückmeldung, dass wir bei unserem Tanz sehr identisch seien, sehr ausdrucksstark, aber eben ganz wir selbst. Zugleich waren dabei für einige ZuseherInnen unsere Rollen nicht ganz klar. Sie meinten: Andrea ist in der Rolle der Frau, aber welche Rolle hat eigentlich Sigrid? Eine Frau, die beim Tanz die Rolle der Führenden einnimmt, ist scheinbar nach wie vor irritierend. 4239370114_d028ca5516_oSo begannen wir grundsätzlich über die Rollenbilder für unsere Auftritte nachzudenken. Zur gleichen Zeit regte uns auch Tom Zabel, der Straßenkünstler aus Innsbruck, der uns auf unserem künstlerischen Weg begleitet, ebenfalls an, über die Intention unserer Auftritte nachzudenken, indem er sagte: „Wenn ihr Kunst machen wollt‘ ….“. Bald war klar, ja, wir wollen „Kunst machen“ und „nicht einfach nur tanzen“, wir wollen mit den Rollenbildern spielen und bei unseren Auftritten auch ein Statement geben. Und da erinnerten wir uns an das Buch Die Muschelöffnerin von Sarah Waters, verfilmt unter dem Titel Tipping the velvet, in dem die beiden Hauptfiguren als Herrendarstellerinnen auftreten. Wir machten uns auf die Suche und entdeckten unsere künstlerischen Vorbilder.

Die Herrendarstellerinnen, im Englischen als male impersonator bezeichnet, waren zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine besondere Kunstform in den Music Halls in London. Die bekanntesten waren Vesta Tilley (1864 – 1952),                        Ella Shields (1879 – 1952) und               Hetty King (1883 – 1972).

Vesta TillyElla Shields (2)Hetty King (3)

Vesta Tilley sagte als Begründung, warum sie in die Herrenrolle schlüpfte: „I felt that I could express myself better if I were dressed as a boy.“ Ihre erfolgreichste Rolle war die des Burlington Bertie. Dieser Song wurde von einer weiteren Herrendarstellerin, nämlich von Ella Shields, aufgegriffen, indem diese eine Parodie mit dem Titel Burlington Bertie from Bow auf die Bühne brachte. Shields wurde zwar in Amerika geboren, feierte ihre größten Erfolge aber ebenfalls in den Londoner Music Halls. Wie diese beiden, so kleidete sich auch Hetty King für ihre Auftritte elegant, als feiner Herr in der Mode seiner Zeit. Sie stand mit ihren Solo acts sogar bis kurz vor ihrem Tod auf der Bühne. Alle drei nannten sich übrigens Miss …, schlüpften also nicht zur Gänze in die Männerrolle. Auch bei der Hauptdarstellerin des Buches, die wohl nicht zufällig Miss Nan King heißt, ist es so, dass ihre Weiblichkeit nicht hundertprozentig versteckt werden soll. Es ging also scheinbar ganz klar um ein Spiel mit Rollenbildern und Rollenklischees.

Nun, wir singen nicht in der Music Hall sondern tanzen Argentinischen Tango auf der Straße. Der Tango hatte immer schon mit Fragen des Rollenverständnisses, mit Geschlechterrollen zu tun. In seiner Entstehungszeit wurde er von jeder Art von Paaren getanzt: Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und eben auch Männer mit Frauen. Tangosänger schwelgen oft in Weltschmerz, Heimweh und Liebeskummer und entsprechen damit überhaupt nicht dem Machoklischee, das dem Tango später angehängt wurde. Das Spiel mit den Rollen von Mann und Frau ist also Teil der Tangogeschichte.

DSC06852 (3)Zwei Reaktionen auf unsere Auftritte als Herrendarstellerinnen sprechen für sich: Bei einem Auftritt am Gardasee haben zwei österreichische Touristinnen zuerst aus der Ferne zugesehen. Als sie näher gekommen waren, meinte eine der beiden ganz überrascht: „Das sind ja zwei Frauen!“ Auch wir spielen, so wie unsere Vorbilder damit, dass man uns nicht gleich eindeutig zuordnen kann und so zum genaueren Hinschauen und vielleicht auch zum Nachdenken angeregt wird. Bei unserem Auftritt vor wenigen Tagen in Graz meinte ein Freund, es sei „irritierend“ uns in diesem Herrenoutfit zu sehen. Er fügte aber hinzu, dass er das im positiven Sinn meine.

Wenn es uns also gelingt, mit unserer Kunst zu überraschen, zu irritieren und zum Nachdenken anzuregen, sehen wir das zugleich als Kompliment und als Herausforderung.

Sigrid

Loco, loco, loco …

Loco, loco, loco …

4521832941_0199802f07_bEs gibt einen berühmten gesungenen Tango namens „Balada para un loco“ (Ballade für einen Verrückten), der uns schon lange fasziniert. Erst kürzlich in Berlin haben wir ihn bei einem Tango-Chanson-Abend live gehört und unsere Faszination wurde dadurch noch gesteigert. Der Text ist von Horacio Ferrer, die Musik von Astor Piazzolla. Ich möchte diesmal Auszüge aus diesem Tango für meinen Artikel verwenden.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt
Siehst du nicht den Mond durch die Callao-Straße rollen
Und einen Chor von Astronauten und Kindern
Die um mich herum tanzen …?

Nun, dieses Gefühl, verrückt zu sein, überkommt mich auch immer wieder, seit wir uns auf den Weg gemacht haben, um Tango-Straßentänzerinnen zu werden. Oder ist es nicht verrückt, einen gut bezahlten, sicheren Job als Lehrerin aufzugeben, um auf der Straße zu tanzen? Zuerst einmal für drei Monate nach Buenos Aires zu gehen, in eine Stadt, die ebenso verrückt ist wie der Tango.

Die Nachmittage in Buenos Aires
Haben etwas, ich weiß nicht was
Verstehst du? Ich verlasse mein Haus
Und schlendere die Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
Als er plötzlich hinter diesem Baum erschien
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und einzigen Landstreicher
Und dem ersten blinden Passagier auf einer Reise zur Venus.

10163015685_b72f3bcc29_oAn den Nachmittagen in Buenos Aires mit 40 Grad und mehr, von den es viele gab, als wir dort waren, meinte ich auch manchmal Halluzinationen zu haben, wenn wir durch die Straßen mehr schlichen als schlenderten. Das Tangotanzen konnten wir trotz der Hitze nicht lassen. In den Tanzstudios gab es zwar Klimaanlagen oder Ventilatoren, aber oft waren sie auch kaputt. In einer der Tanzstunden bei unserem Lehrer Augusto Balizano fragte er, nachdem es am Vortag 47 Grad gehabt hatte: „Wer hat gestern getanzt?“ Als wir uns meldeten, meinte er, wir seien verrückt – loco!

Das zeigt auch schon einen der Aspekte, warum dieser Tanz so verrückt ist. Wenn er eine gepackt hat, kann sie nicht mehr davon lassen. Ich weiß nicht, ob es die Musik ist, die besondere Art sich zu bewegen, das Fühlen und Spüren, was die Tanzpartnerin an Bewegungssignalen aussendet und diese zu interpretieren, das Versinken in eine andere Welt, … oder alles zusammen, das eine wie in einem Sog mitzieht und dem sie sich dann nur schwer entreißen kann. Seit wir vor ein bisschen mehr als zwei Jahren aus Buenos Aires zurückgekehrt sind, tanzen wir ungefähr fünfmal die Woche Tango und es wird nie langweilig. Einerseits ist die Welt des Tango Argentino unendlich, es gibt immer Neues zu lernen, andererseits ist dieser Tanz ein Improvisationstanz, das heißt jeder Tanz entsteht neu, je nach Musik, Stimmung, Können, Beziehung, … Und außerdem muss man auch ständig an den Basics arbeiten – der Körperhaltung, der bestimmten Art zu gehen, der Umarmung und der „Disociación“ (Verdrehung des Körpers). Ich weiß nicht, wie oft wir verzweifelten, weil wir das Gefühl hatten, wieder von vorne anfangen zu müssen. Mittlerweile ist es aber so, dass wir es schätzen, uns immer wieder auch mit diesen Grundelementen auseinanderzusetzen, weil sie ein besseres Körpergefühl geben.

Liebe mich, so wie ich bin
Verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige Zärtlichkeit, die ich in mir habe

In vielen Tangos wird die Liebe besungen, aber auch Schmerz, Trauer und Abschied. Auf alle Fälle geht es um große Gefühle. Darum geht es auch in einem Tangofilm, der gerade in den Kinos läuft: Ein letzter Tango. Eine Mischung aus Dokumentation und nachgespielten Szenen über zwei der großartigsten TangotänzerInnen aus Buenos Aires – Maria Nieves und Juan Carlos Copes. Dass mittlerweile auf der ganzen Welt Tango getanzt wird, ist zu einem großen Teil diesen beiden zu verdanken, denn durch ihre Art zu tanzen, wurde er wieder populär. Die beiden waren auch im Leben ein Paar, zunächst das Traumpaar. Mit der Zeit war ihre Beziehung dann aber von einer Hassliebe geprägt, wie sie verrückter nicht sein kann. Es gab unzählige Trennungen und Versöhnungen, bis zu jener Trennung, die endgültig war, weil Juan Carlos Copes eine um vieles jüngere Frau heiratete. Auf der Bühne tanzten sie zunächst dennoch gemeinsam, und Maria Nieves empfand dabei nichts als Hass. Die Eifersucht der jungen Frau machte jedoch auch diesen gemeinsamen Auftritten ein Ende. Jetzt sind beide über 80 und man spürt, wenn sie selber zu Wort kommen, die Verletzungen und Wunden, den Hass, der immer noch da ist, aber auch immer noch eine gegenseitige Anziehung und Achtung.

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens noch mal versuchen werden
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

3110182443_f64fd88bb0_o

Wahrscheinlich muss man ein bisschen verrückt sein, wenn man sich der Tangoleidenschaft verschreibt. Und wenn man Tango mit Straßenkunst kombiniert, erst recht! Aber gelegentlich spielt sie eben verrückt – die Magie des Lebens.

Andrea