Women only?!

Women only?!

Kürzlich ist unsere erste Tangowoche für Frauen, veranstaltet vom Berliner Reiseunternehmen WomenFairTravel, zu Ende gegangen. WomenFairTravel hat pro Jahr ca. 200 Reisetermine weltweit im Programm und beschreibt sich selbst wie folgt: Wir veranstalten sinnliche, ökologische und faire Gruppenreisen für Frauen, von denen einige einzigartig auf dem touristischen Markt sind. … Sie sollen vor allem intensive Reiseeindrücke und authentische Begegnungen mit anderen Frauen ermöglichen und viel Spaß machen! … Die Frauen im Blick zu haben liegt uns im Sinn. Überall auf der Welt. WomenFairTravel – Reisen für Frauen mit Weitblick!

In den letzten Wochen hat die Ankündigung dieser Frauenreise unter anderem auf unserer Facebookseite für Diskussionen gesorgt. Ist es am Beginn des 21. Jahrhunderts überhaupt noch notwendig eigene Frauenreisen anzubieten? Oder ist es nicht sogar diskriminierend, wenn sich das Angebot ausschließlich an Frauen richtet? Ich denke, diese kritischen Fragen spiegeln wider, dass das Verhältnis von Männern  und Frauen im Moment recht angespannt und vielleicht erneut im Umbruch ist. Vor dieser Reise haben wir geantwortet, dass es schon erstaunlich ist, dass diese eine Tangowoche nur für Frauen neben unseren vielen anderen Reise- und Workshopangeboten, die für alle offen sind, ein Problem darstellt. Gerade über Silvester fühlen sich zum Beispiel allein reisende Frauen in Hotels nicht immer ganz wohl. Jetzt, nach der Reise, weiß ich einmal mehr, wie schön und wertvoll es ist, immer wieder einmal reine Frauengruppen zu erleben! Da geht es aber wie so oft im Leben nicht um „besser“ oder „schlechter“, nicht darum, sich von Männern abkapseln zu wollen, sondern einfach darum, für eine bestimmte Zeit diese Form der Begegnung unter Frauen erleben zu können.

Natürlich ist auch immer wieder die Frage aufgetaucht, wie es denn überhaupt möglich wäre, ohne Männer einen Tangokurs zu veranstalten. Ganz einfach, indem Frauen die führende und die folgende Rolle lernen und tanzen. Die Motivationen dafür sind sehr breit gefächert. Da gibt es zum einen jene Frauen, die auf den Milongas in ihrer Stadt fast den ganzen Abend herumsitzen und darauf warten, wenigstens einige Male zum Tanzen zu kommen. Die Tangoszene ist mancherorts recht konservativ und da wird es nicht immer gerne gesehen, dass eine Frau einen Mann zum Tanz auffordert. Wir kennen einige Frauen, für die dieses Warten so frustrierend war, dass sie aufgehört haben, Tango zu tanzen. Wenn diese Frauen nun die Rolle der Führenden lernen, dann können sie ihre Tangoleidenschaft leben. Doch es gibt auch ganz andere Gründe, warum Frauen das Führen lernen wollen. Eine Teilnehmerin in diesem Kurs meinte am Beginn der Woche, sie wolle das Führen einfach ausprobieren, weil sie spürt, dass es da eine Seite in ihr gibt, die gelebt werden will. Am Ende des Kurses war es unglaublich zu sehen, wie schnell und wie großartig sie sich in dieser Rolle zurecht gefunden hat! Es war eine Freude, ihr beim Tanz zuzusehen und frau könnte glauben, dass sie das Führen schon jahrelang macht. Sie war dann selbst auch ganz begeistert und erfreut über das, was sie bei sich entdeckt hat. Einige Teilnehmerinnen haben immer wieder die Rollen getauscht und wollten das Führen und Folgen (kennen)lernen, um so das Wesen des Tangos noch besser verstehen zu können. Unser Verständnis von Führen und Folgen auf Augenhöhe hat dies wohl erleichtert und wurde von den Frauen sehr geschätzt. Eine andere Teilnehmerin wiederum wollte in ihrer gewohnten Rolle als Folgende bleiben, weil sie im Alltag als alleinerziehende Mutter und in ihrer beruflichen Selbständigkeit stets die Führende ist und daher im Tanz den Ausgleich sucht. Eine kleine Episode während des Tanzens zeigt, was für sie dabei wichtig ist: Als ich einmal mit ihr tanzte und sie mit einem neuen Schritt noch nicht sofort klar gekommen ist, wollte sie das korrigieren. Ich sagte ihr, das sei nicht notwendig, es sei meine Aufgabe als Führende daraus eine neue Möglichkeit zu finden.  Und sie war ganz glücklich und meinte wie schön es sei, einmal die Verantwortung ganz abgeben zu können.

Ganz automatisch war dieser Kurs also auch ein Nachdenken über die Rollen im Tango und ein Experimentieren mit den Rollen als Führende und Folgende. Und als wir im Thementeil Mujeres y Tango die Geschichte der Frauen im Tango, also „Herstory“ erzählten und zur Musik von Komponistinnen, Sängerinnen und Frauentrios tanzten, war das besonders intensiv für uns alle.

Neben diesen Erfahrungen im Tanz war auch das Zusammensein als Gruppe von 32 Frauen (mit den Teilnehmerinnen des Feldenkrais-Kurses) in diesem Seminarhaus äußerst angenehm. Es gab diese vielen, authentischen Begegnungen, Gespräche mit interessanten Frauen, die von ihrem jeweiligen Lebenshintergrund her ganz unterschiedliche Sicht- und Denkweisen einbrachten, es gab eine Woche lang eindeutig eine frauengerechte Sprache und es gab viel Spaß – so, wie WomenFairTravel es beschreibt. Dass wir in dieser Woche vom Koch des Hauses, also von einem Mann, mit köstlichem Essen versorgt wurden, bringt den Rollentausch auf einer anderen Ebene nochmals ins Spiel! Ist doch schön, wenn die Rollenbilder einmal mehr aufgebrochen werden!

Nun, unsere Kooperation mit WomenFairTravel wird auch 2018 weiter bestehen bleiben und die nächste Silvester-Tangoreise für Frauen ist bereits fixiert. Nach dieser wunderbaren Woche freuen wir uns schon jetzt darauf!

Sigrid

 

Queer Tango

Queer Tango

Und dann, beim vierten Stück, oder vielleicht war es auch das fünfte, tauschten sie die Rollen, ohne es vorher zu verabreden, ihre Körper trafen die Entscheidung, die Hände wanderten von der Taille zur Schulter oder von der Schulter zur Taille und gaben dem Tanz die entgegengesetzte Richtung, die allerdings, wie sie herausfanden, gar nicht entgegengesetzt war, sondern eine Fortsetzung desselben Tanzes, … . Sie tauschten wieder, immer wieder, bis ihre Körper schon vor den Gedanken wussten, wohin der Fluss des Tanzes sie führte.

Diese Beschreibung ist dem Roman Die Tangospielerin von Carolina De Robertis, den ich kürzlich gelesen habe, entnommen. Und sofort tauchen die Bilder von den Queer Tango Festivals in Berlin und Buenos Aires, die wir besucht haben, auf. Auf der Tanzfläche befinden sich Frauenpaare, Männerpaare und gemischte Paare, es gibt Frauen, die Männer führen und Paare, die das Führen und Folgen, wie oben beschrieben, während eines Tanzes mehrmals wechseln. Eine riesengroße Bandbreite an Möglichkeiten!

Queer Tango bricht die traditionelle Rollenaufteilung vom führenden Mann und der folgenden Frau auf. „Es geht nicht darum, die Rollen abzuschaffen, sondern sie nur mehr nicht dem Geschlecht zuzuordnen, sondern inneren Qualitäten, mit denen ich spielen und in denen ich mich ausprobieren kann“, meint Ute Walter, die gemeinsam mit Marga Nagel die Queer Tango Szene in Hamburg begründet hat. „Zu Queer Tango gehört aber auch, mit diesen Rollen zu experimentieren. Wir sind ja nicht auf eine bestimmte Rolle verpflichtet. Wir können doch frei wählen und ausprobieren. Und das geht auch über den Tango hinaus. Der Tango bietet gute Ansatzpunkte, weil Tanzen unvorbelasteter ist als manch anderer Lebensbereich, um Rollen zu erproben, eventuell wieder abzustreifen und zu wechseln und Anteile in sich zu entdecken, die im Alltagsleben vielleicht schwieriger entdeckt und erprobt werden können“, ergänzt Marga.

Aber was genau ist eigentlich „queer“? Die Tangotänzerin und Soziologin, Paula Villa, definiert diesen Begriff so: „Queer kann verstanden werden als die oft bewusste und oft spielerische, nicht immer, manchmal auch sehr leidvolle Erfahrung der Überschreitung von Identitätsgrenzen bei einem gleichzeitig mehr oder minder scharfen Bewusstsein davon, dass diese Grenzen existieren und überhaupt unsere Existenz ermöglichen.“ Marga Nagel führt das weiter aus, indem sie meint: „Es geht darum, anzuerkennen, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten immer im Fluss sind. Sie sind nicht zwangsläufig und lebenslänglich. Es sind Kategorien, die, wenn wir sie nie in Frage stellen, unseren individuellen Ausdruck und die Vielfalt beschränken. Wir müssen sie nicht als naturgegeben und unabänderlich betrachten.“

Diese Betrachtungsweise eröffnet ein mehr an Möglichkeiten, im Leben allgemein und im Speziellen beim Tangotanzen. „Voraussetzung dafür ist eigentlich nur die Offenheit diesen Möglichkeiten gegenüber und die freudige Bereitschaft auf beiden Seiten, das jeweils ‚Andere‘ in das eigene Tanzen, die eigene Person zu integrieren“, erläutert Marga.

Dass und wie das gelingen kann, wird jedenfalls auf den vielen Queer Tango Veranstaltungen, die es mittlerweile gibt, sichtbar. Die Pionierinnen Marga Nagel und Ute Walter haben im Jahr 2000 das erste Festival dieser Art ins Leben gerufen und damit einen Stein ins Rollen gebracht. So geht die Idee des Queer Tango um die (zumindest Tango-) Welt. In San Diego, Toronto, New Orleans, Sidney, London, Berlin und natürlich Buenos Aires gibt es mittlerweile Schulen und Veranstaltungen für queeren Tango. Das nächste Festival Tango Queer de Bs As  findet vom 13. – 19. November 2017 statt. Mariana Docampo und Augusto Balizano laden zu 18 Workshops und 6 Milongas. Internationalität gepaart mit den oben beschriebenen Möglichkeiten und erstklassigen LehrerInnen machen es zu einer herausragenden Veranstaltung. Für uns ist es nun schon vier Jahre her, dass wir dabei waren, aber es ist noch immer lebendig. Und irgendwann …

Andrea

PS: Einer der ersten Artikel dieses Blogs erzählt, wie wir das Queer Tango Festival 2013 in Buenos Aires erlebt haben.

Verwendete Literatur:
Die Tangospielerin, Carolina De Robertis, Fischer Verlag 2017
Tangodanza Nr 1, 2007, S 7 – 10

 

Führen und Folgen

Führen und Folgen

Vor kurzem waren wir eingeladen, bei einem 60er-Fest einige Tangos zu tanzen. Danach sprach uns eine Frau an und meinte, unser Tanz sei etwas ganz Besonderes, weil das Führen und Folgen bei uns ganz auf Augenhöhe passiere. Wir freuten uns sehr über dieses Feedback und nehmen es zum Anlass, in diesem Blogartikel unsere Gedanken über einen ganz wesentlichen Aspekt des Tangotanzens zusammenzutragen – und zwar indem wir diesen Artikel gemeinsam schreiben: ich, Sigrid, aus der Sicht der Führenden, Andrea aus der Sicht der Folgenden.

Nun, mit diesen beiden Begriffen sind wir schon mitten in jenem Zwiespalt, der beim Tangotanzen oft zu spüren ist: Führen und Folgen klingt nach Hierarchie und wird nicht zufällig oft mit dem Machogehabe so mancher Tangueros assoziiert. Und nicht selten wird die Rolle des Führens als die dominante Rolle, die alles vorgibt, interpretiert. Da werden dann manchmal tatsächlich die Worte „du wirst gezwungen …“ verwendet. Umso spannender fand ich vor Jahren die Definition, die wir von den beiden Lehrern Maurizio Ghella und Martin Maldonado gehört haben. Sie sprachen vom „Proposer“, also dem, der vorschlägt und vom „Interpreter“, der die Impulse interpretiert und gestaltet. Dieser Ansatz hat wohl wesentlich dazu beigetragen, unseren Tanzstil so zu entwickeln, dass wir tatsächlich auf Augenhöhe miteinander tanzen. Aber was heißt das eigentlich?

Da der Argentinische Tango ein Improvisationstanz ist, bei dem es keinen Grundschritt und keine Figuren und fixen Abfolgen im üblichen Sinn gibt, ist es notwendig, dass es zu einem Dialog der beiden Tanzenden kommt, in dem die Person in der Führungsrolle durch körperliche Signale anzeigt, welche Schritte und Bewegungen gemeinsam ausgeführt werden. Als Führende lasse ich also den Tanz zuerst in meinem Kopf entstehen. Ausgehend von der Musik, vom Raum und von den vorhergehenden Bewegungen setzt sich der Tanz immer wieder neu zusammen. Es ist ein gemeinsames Interpretieren der Musik und ein spannendes Zwiegespräch ohne Worte. Denn es sind nicht nur meine Ideen, die den Tanz entstehen lassen, sondern durch die Interpretation und Gestaltung dieser Signale durch die folgende Person ergeben sich neue Impulse. Sonst könnte man ja auch nicht von einem Dialog sprechen, sondern es wäre eher ein Monolog – womit wir wieder beim Machogehabe angelangt wären. Die Aufgabe der/des Führenden ist es, klar und deutlich zu kommunizieren. Einer unserer ersten Lehrer, Clemens Mazza, sagte gleich zu Beginn: „Wenn etwas nicht funktioniert, dann sind immer die Führenden schuld!“ Das klingt zwar hart, aber letztlich stimmt es: wenn die Folgende nicht weiß, was ich mit dem Signal gemeint habe, dann ist ein gemeinsames Tanzen kaum möglich. Deshalb gehört es wohl auch zu den Aufgaben der führenden Person, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln und klare Entscheidungen zu treffen. Da ist das Führen im Tango für mich zum Beispiel oft eine Lebensschule, denn im Alltag bin ich nicht gerade sehr entscheidungsfreudig, sondern wäge alles lange ab. Beim Tanz ist dafür kein Raum: wenn ich nicht klar zeige, wie und in welche Richtung der nächste Schritt gesetzt werden soll, dann können wir nicht gemeinsam weitertanzen. So ist es für mich immer wieder eine neue Herausforderung, einen Tanz zu führen und dabei in einen Dialog zu treten.

Ich, Andrea, liebe die Rolle der Folgenden im Tango. Ich liebe es, mich fallen zu lassen, mich der Musik hinzugeben, mich überraschen zu lassen, den Kopf zu leeren, nur zu spüren … Ich liebe es dann, wenn ich das Gefühl habe, es ist ein gleichberechtigter Dialog, der sich im Laufe des Tanzes entwickelt – ein Geben und Nehmen von beiden Seiten, ein achtsames Aufeinander-Eingehen. Sich führen zu lassen, bedeutet auf keinen Fall Unterwerfung, sondern braucht Selbstbewusstsein, damit dieser Dialog gelingen kann. Es ist sicher auch von Vorteil, die andere Rolle zu kennen. Für mich ist es jedes Mal sehr spannend, das Führen auszuprobieren und dabei zu merken, wie schwer es ist, präsent zu sein und klare körperliche Impulse zu geben. Aber diese Erkenntnisse kann ich dann auch beim Folgen in den Tanz einfließen lassen. Denn wenn ich auch als Folgende präsent bin und klar kommuniziere, wird es eine Begegnung auf Augenhöhe.

Sigrid und Andrea

 

Mujeres y Tango – Frauen und Tango

Mujeres y Tango – Frauen und Tango

Vor drei Jahren in Buenos Aires besuchten wir regelmäßig die Tangoschule „Escuela de Tango Argentino“, die sich im selben Haus mit einer Galerie befand. Anfang Jänner gab es in dieser Galerie die Ausstellung Somos mujeres (Wir sind Frauen). Und jedes Mal auf dem Weg zu unserem Tangounterricht gingen wir durch die Ausstellungsräume. Ein Text beschrieb, worum es in dieser Ausstellung ging:dscf3750

Ser
hacer
parecer
pertenecer

Somos mujeres
desde ese lugar hacemos
a veces parecemos p
ero sobre todo pertenecemos

Ich würde diesen Text folgendermaßen übersetzen:dscf3755

Sein
tun
scheinen
gehören

Wir sind Frauen
seit wir diesen Ort schaffen
manchmal scheinen wir …
aber vor allem gehören wir …

Mir scheint dieser Text am Beginn meines Artikels über Frauen und den Tango sehr passend. In der Geschichte des Tangos war die Frau anfangs eindeutig das Opfer, die Fügsame, die Dienende, die durch dominante Männer unterdrückt wurde, die ihnen gehörte. Der Tango entstand ja in den Spelunken, Kneipen und Bordellen des Hafenviertels von Buenos Aires zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So war „die Tanguera ein knappes Jahrhundert lang pures Produkt männlicher Projektionen: eine Hure mit Herz auf der Zunge und Rhythmus im Blut. Eine Frau, die keine Zukunft, dafür aber viel Vergangenheit hatte und dem Mann als Vorwand für sein Unglück diente.“ Diese Beschreibung findet sich im Einleitungstext der CD von Silvana Deluigi mit dem Titel Tanguera Woman in Tango. Sie will auf ihrer musikalischen Suche mit diesem Klischee „saufender Machos und weinender Huren“ aufräumen. Lied für Lied rekapituliert sie die Geschichte des Tangos aus dem Blickwinkel der Frau. Und sie bewegt sich weg von den Hymnen des Machismus hin zur poetischen Beschreibung der Veränderung von Alltag und Gesellschaft, wenn sie z.B. Carlos Gardels Pero hay una melena umtextet und singt:“ Heute scheinen alle Mädchen zu rauchen, Whisky zu trinken und Hosen zu tragen, …“ . Mit der Emanzipation der Frau entstehen als wieder Klischees oder Trugbilder, die der Rolle der Frau nicht gerecht werden.

Nun, konnten sich Frauen in der Welt des Tangos von oben genannten Rollenzuweisungen befreien und zur Entwicklung des Tangos als Schaffende beitragen? Tatsächlich waren Frauen immer schon ein wichtiger Teil der Tangogeschichte. Auch wenn ihre Rolle nur als Tanzpartnerinnen der Männer begann, hatten in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts einige von ihnen einen wohlverdienten Platz als Sängerinnen und Darstellerinnen eingenommen. Es etablierte sich ein neues Frauenbild: starke und begeisterungsfähige Frauen, die ihren eigenen Stil und ihre Persönlichkeit in das Milieu einbrachten, das bis dahin ausschließlich eine Männerdomäne gewesen war. Schwieriger war es für Musikerinnen und Komponistinnen. Auch wenn es eine Zeit gab, in der die sogenannten „Damenorchester“ sehr en vogue waren, gab es doch in den führenden „typischen“ Orchestern lange Zeit keinen Platz für sie. Als Komponistinnen wurden sie überhaupt nicht wahrgenommen. Obwohl z.B. Mercedes Simone, die „die Dame des Tangos“ genannt wurde, bereits in den 1930er Jahren viele ihrer Stücke selbst komponierte und auch textete. Eine der ganz großen Tangokomponistinnen war Eladia Blázquez. Sie hat während der 1970er Jahre Stil und Thematik der Tangopoesie verändert und zu Texten berühmter argentinischer Schriftsteller, wie z.B. Jorge Luis Borges, zahlreiche Kompositionen geschaffen, die zu „Tangohits“ wurden. Diese Tradition setzen heute junge Tangomusikerinnen fort, wenn z.B. Las Chicas del Tango aus Finnland zu Gedichten der großen argentinischen Poetin Alfonsina Storni, bekannt für ihren feministischen Gesichtspunkt zu der Rolle der Frau, Werke komponieren.

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20140721_142_web-2Heutzutage kann man Frauen an allen Instrumenten eines Tangoorchesters, auch am Bandoneon, bewundern. Einige haben auch die Leitung von Orchestern übernommen. Beba Pugliese z.B., die Tochter des berühmten Musikers Osvaldo Pugliese, leitete das Orchester ihres 1955 verstorbenen Vaters. Als Tänzerinnen hatten Frauen ja schon zur Anfangszeit des Tangos, zwar nur als Tanzpartnerinnen der Männer, ihren Platz. Aber auch in diesem Bereich begannen sie als eigenständige Tänzerinnen und Choreografinnen aufzutreten, wie z.B. auch unsere Lehrerin in Buenos Aires, Aurora Lubiz. Darüber hinaus gibt es Tangotanzformationen, die nur aus Frauen bestehen, wie Tango between women, die beim Queertango-Festival 2016 in Buenos Aires aufgetreten sind. Und auch wir sind als Frauenduo tangotanzend unterwegs.

„Die Damen sind an der Reihe“ heißt die Überschrift zum Kapitel über Frauen und Tango im Buch Tango von Eduardo Araníbar. Ich würde sagen die Frauen sind bereits ein Jahrhundert lang wesentlich an der Entwicklung des Tangos beteiligt, waren also immer schon in der Reihe.

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, HEEL Verlag

Ende der Saison …

Ende der Saison …

Ein letztes Mal in dieser Saison haben wir unsere Requisiten und Kostüme vorbereitet, um heute Nachmittag auf der Straße aufzutreten. Beim Ankleiden und Schminken werden wir wieder in unsere Rollen schlüpfen und uns in Andrés und Segundo verwandeln, die sich im Stück „Encuentro“ begegnen. Dann werden wir uns ins Auto setzen, nach Graz fahren und tanzen – auf dem „Pflaster, das für uns die Welt bedeutet“!

Ich weiß, das klingt theatralisch, aber am Ende unserer dritten Saison als Straßenkünstlerinnen trifft nach wie vor das zu, was wir bei unserem allerersten Auftritt, im Mai 2014 ebenfalls in Graz, schon gespürt haben: die Straßenkunst ist einfach unseres! Wir haben seither viele Erfahrungen gemacht, vieles ausprobiert und viel gelernt. Nun sind wir am Ende unseres dritten Lehrjahres und können dankbar auf ein äußerst erfolgreiches Jahr als Straßenkünstlerinnen zurückschauen. Wir sind viel öfter aufgetreten als in den Jahren zuvor und es war spannend an völlig verschiedenen Orten zu tanzen: die Atmosphäre in der Großstadt Berlin, die vertraute Innenstadt von Graz und die Urlaubsorte am Meer in Italien bildeten jeweils einen gänzlich anderen Rahmen. Immer noch ist es nicht ganz leicht den passenden Auftrittsort und die beste Tageszeit herauszufinden. Wir hatten wunderschöne Plätze mit unglaublich tollem Ambiente und viel Publikum, aber manchmal ist es schwierig, die Gegebenheiten richtig einzuschätzen und so waren wir leider auch mal zur falschen Zeit am falschen Ort.

20160908_205020-2Nach wie vor sind wir fasziniert von den Begegnungen mit dem Publikum! Von den vielen spontanen Gesprächen, die sich nach einem Auftritt ergeben, haben wir ja schon des Öfteren berichtet. Bei einem unserer Auftritte in Italien etwa hat uns ein Paar sehr lange zugeschaut und uns dann in der Pause angesprochen. Sie waren aus Amerika und gerade auf ihrer Hochzeitsreise. Wir plauderten einige Zeit über den Tango und beim Verabschieden sagte die Frau, unser Auftritt sei für sie das Schönste auf der ganzen Reise gewesen – und das bei einer Toskanareise! Weil wir im Auftreten und im Tanzen einfach schon routinierter sind, war es in dieser Saison auch möglich, während wir tanzten Reaktionen aus dem Publikum wahrzunehmen, manchmal aufzugreifen oder zumindest einen kurzen Blickkontakt herzustellen. Vor allem in Italien war dies sehr intensiv, weil die ItalienerInnen sehr offen und emotional sind und wir viele Zurufe mit „bravo“ und „complimenti“ erhielten. Das übertrug sich natürlich auf uns und wir tanzten vielleicht noch eine Spur besser …

Das wirklich Besondere an dieser Saison war aber, dass wir mit unserem ersten wo/men tango act „Encuentro“ erstmals eine Geschichte getanzt haben und so neben dem Tango tanzen auch das Theater spielen Teil unserer Auftritte geworden ist. Uns machte es einfach Spaß, mehr und mehr in die Rollen hinein zu wachsen und im Spiel ebenso kreativ zu werden wie im Tanz. Natürlich ist es bei der spontanen Straßenkunst nicht immer so, dass Menschen das ganze Stück lang stehen bleiben und zuschauen. Oftmals haben wir aber erlebt, dass ZuschauerInnen nicht nur bis zum Schluss geblieben sind, sondern richtig mit den beiden Personen und der Handlung mitgelebt haben, gelacht und sich mit uns über den positiven Ausgang dieser Begegnung gefreut haben. Und natürlich war auch das Spiel mit den Geschlechterrollen spannend, das wir als Herrendarstellerinnen in diesen act mit hinein verpacken. Wiederum im Italien haben wir – aufgrund der Sprache – mehrmals erlebt, dass ZuschauerInnen gerätselt und sogar miteinander diskutiert haben, ob wir nun Männer oder Frauen seien. Und an den Zurufen konnten wir dann erkennen, für wen sie uns halten, denn bei zwei Männern heißt das „Bravo“ auf Italienisch „bravi“ und bei zwei Frauen „brave“. Manchmal waren beide Formen gleichzeitig zu hören und wir freuten uns darüber, dass es uns gelingt zu irritieren, zu genauem Hinsehen und zum Nachdenken anzuregen.

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Nun bleibt nur noch jene Frage, die uns schon vor Monaten gestellt wurde, als wir erwähnten, wir seien gerade im „dritten Lehrjahr als Straßenkünstlerinnen“: dauert die Lehrzeit für diesen Beruf drei oder vier Jahre? Auch jetzt, am Ende dieser Saison kann ich sie noch nicht beantworten! Straßenkunst bietet immer Überraschungen und ist immer wieder neu. Womöglich ist die Lehrzeit nie vorbei. Jetzt aber geht es in die Winterpause. Und da wollen wir einen neuen wo/men tango act entwickeln und uns für Straßenkunst-Festivals im kommenden Jahr bewerben. Es wir uns also nicht langweilig werden und auch wenn die Pause gut tun wird, freue ich mich schon jetzt, wenn wir im nächsten Jahr wieder auf dem Straßenpflaster auftreten werden.

Sigrid

 

Herrendarstellerinnen

Herrendarstellerinnen

Zwei Frauen tanzen Tango – im Herrenoutlook! Wie ist es dazu gekommen? Warum eigentlich schlüpfen wir in diese Rollen? Was wollen wir damit ausdrücken?

Bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen, im Sommer 2014, sind wir noch nicht in diese Rollen geschlüpft. Wir bekamen damals die Rückmeldung, dass wir bei unserem Tanz sehr identisch seien, sehr ausdrucksstark, aber eben ganz wir selbst. Zugleich waren dabei für einige ZuseherInnen unsere Rollen nicht ganz klar. Sie meinten: Andrea ist in der Rolle der Frau, aber welche Rolle hat eigentlich Sigrid? Eine Frau, die beim Tanz die Rolle der Führenden einnimmt, ist scheinbar nach wie vor irritierend. 4239370114_d028ca5516_oSo begannen wir grundsätzlich über die Rollenbilder für unsere Auftritte nachzudenken. Zur gleichen Zeit regte uns auch Tom Zabel, der Straßenkünstler aus Innsbruck, der uns auf unserem künstlerischen Weg begleitet, ebenfalls an, über die Intention unserer Auftritte nachzudenken, indem er sagte: „Wenn ihr Kunst machen wollt‘ ….“. Bald war klar, ja, wir wollen „Kunst machen“ und „nicht einfach nur tanzen“, wir wollen mit den Rollenbildern spielen und bei unseren Auftritten auch ein Statement geben. Und da erinnerten wir uns an das Buch Die Muschelöffnerin von Sarah Waters, verfilmt unter dem Titel Tipping the velvet, in dem die beiden Hauptfiguren als Herrendarstellerinnen auftreten. Wir machten uns auf die Suche und entdeckten unsere künstlerischen Vorbilder.

Die Herrendarstellerinnen, im Englischen als male impersonator bezeichnet, waren zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine besondere Kunstform in den Music Halls in London. Die bekanntesten waren Vesta Tilley (1864 – 1952),                        Ella Shields (1879 – 1952) und               Hetty King (1883 – 1972).

Vesta TillyElla Shields (2)Hetty King (3)

Vesta Tilley sagte als Begründung, warum sie in die Herrenrolle schlüpfte: „I felt that I could express myself better if I were dressed as a boy.“ Ihre erfolgreichste Rolle war die des Burlington Bertie. Dieser Song wurde von einer weiteren Herrendarstellerin, nämlich von Ella Shields, aufgegriffen, indem diese eine Parodie mit dem Titel Burlington Bertie from Bow auf die Bühne brachte. Shields wurde zwar in Amerika geboren, feierte ihre größten Erfolge aber ebenfalls in den Londoner Music Halls. Wie diese beiden, so kleidete sich auch Hetty King für ihre Auftritte elegant, als feiner Herr in der Mode seiner Zeit. Sie stand mit ihren Solo acts sogar bis kurz vor ihrem Tod auf der Bühne. Alle drei nannten sich übrigens Miss …, schlüpften also nicht zur Gänze in die Männerrolle. Auch bei der Hauptdarstellerin des Buches, die wohl nicht zufällig Miss Nan King heißt, ist es so, dass ihre Weiblichkeit nicht hundertprozentig versteckt werden soll. Es ging also scheinbar ganz klar um ein Spiel mit Rollenbildern und Rollenklischees.

Nun, wir singen nicht in der Music Hall sondern tanzen Argentinischen Tango auf der Straße. Der Tango hatte immer schon mit Fragen des Rollenverständnisses, mit Geschlechterrollen zu tun. In seiner Entstehungszeit wurde er von jeder Art von Paaren getanzt: Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und eben auch Männer mit Frauen. Tangosänger schwelgen oft in Weltschmerz, Heimweh und Liebeskummer und entsprechen damit überhaupt nicht dem Machoklischee, das dem Tango später angehängt wurde. Das Spiel mit den Rollen von Mann und Frau ist also Teil der Tangogeschichte.

DSC06852 (3)Zwei Reaktionen auf unsere Auftritte als Herrendarstellerinnen sprechen für sich: Bei einem Auftritt am Gardasee haben zwei österreichische Touristinnen zuerst aus der Ferne zugesehen. Als sie näher gekommen waren, meinte eine der beiden ganz überrascht: „Das sind ja zwei Frauen!“ Auch wir spielen, so wie unsere Vorbilder damit, dass man uns nicht gleich eindeutig zuordnen kann und so zum genaueren Hinschauen und vielleicht auch zum Nachdenken angeregt wird. Bei unserem Auftritt vor wenigen Tagen in Graz meinte ein Freund, es sei „irritierend“ uns in diesem Herrenoutfit zu sehen. Er fügte aber hinzu, dass er das im positiven Sinn meine.

Wenn es uns also gelingt, mit unserer Kunst zu überraschen, zu irritieren und zum Nachdenken anzuregen, sehen wir das zugleich als Kompliment und als Herausforderung.

Sigrid

Queertango – Festival

Queertango – Festival

Hola,

diese Woche war intensiv und einfach großartig. Außer essen und wenig schlafen gab es nur tanzen, tanzen, tanzen! Und natürlich viele nette Kontakte mit den anderen TeilnehmerInnen. Wir sind ca. 80-90 TänzerInnen, eine größere Gruppe jeweils aus Montreal und aus England, und dann einige aus Deutschland, Russland, Kalifornien, Schweden, Norwegen und Dänemark, aus der Schweiz und wir sind wieder einmal die einzigen aus Österreich. Und die ganze Konversation ist ein Sprachenmix aus Englisch und Spanisch – sehr toll, sehr anstrengend!!!

Organisiert wird das Festival von Mariana und Augusto. Die beiden sind total herzlich und fürsorglich und so wie auch die anderen LehrerInnen aus Buenos Aires sind sie sehr humorvoll mit einer Portion Selbstironie. Und dazu noch das sprichwörtliche südliche Temperament…

dsc_5157s[1]Mariana betreibt seit Jahren eine Queer-Milonga und ihr geht es darum, die festgefahrenen Rollen im Tango aufzubrechen. Im Queertango zählt also weder das biologische Geschlecht noch die sexuelle Orientierung. Die meisten anderen können demnach beide Rollen – Führende und Folgende – tanzen und wechseln die Rollen häufig. Queertango richtet sich also nicht ausschließlich an Lesben und Schwule, aber erfahrungsgemäß sind sie eher bereit Rollenbilder aufzubrechen. Die Gruppe aus England z.B. besteht überwiegend aus Heteros. Es ist  ein schöner Anblick beim Tanzen all die verschiedenen Paare zu sehen: Frauen tanzen mit Frauen, Männer mit Männern, Frauen mit Männern, wobei einmal die Frau und einmal der Mann führt. Übrigens war dies ursprünglich im Tango so üblich, dass es alle Möglichkeiten gegeben hat, erst später ist dieses Macho-Image entstanden.

Augusto betreibt seit 10 Jahren eine gay-Milonga. Er ist ein großartiger Tänzer und ein guter Lehrer und außerdem ein richtiger Schelm. Überhaupt sind die Unterrichtsstunden zwischendurch sehr witzig und in einer lockeren Atmosphäre. Anstrengend genug ist ja eh trotzdem.

dsc_6960s[2] Ich (Andrea) habe gerade zum ich weiß nicht wievielten Mal in dieser Woche unsere Tanzschuhe geputzt, damit sie wieder einsatzbereit sind. (Aber ich glaube nach dieser Woche müssen wir sowieso neue kaufen, weil sie durchgetanzt sind.) Heute haben wir nämlich die Abschluss-Milonga des Festivals. Sie beginnt ausnahmsweise schon um 18.00 Uhr, weil Sonntag ist (Gott sei Dank!). Wir sind die ganze Woche nie vor 2.00 oder 3.00 Uhr in der Früh ins Bett gekommen. Wir sind jetzt zwar total müde, aber alle Abende waren großartig.  Es waren sehr unterschiedliche Locations, aber alle mit viel Atmosphäre. Einmal waren wir in einem sehr alten Tanzlokal in einem Viertel namens “Barracas”, das, wie der Name verrät, ein armes Viertel von Buenos Aires ist und das andere Mal in einem Tanzlokal in der Innenstadt aus der Jahrhundertwende – groß und glamourös. Man fühlte sich zurückversetzt in die 20er- und 30er-Jahre – das war die Blütezeit von Buenos Aires. Es gab auch jeden Abend Tango – Showeinlagen, bei denen wir aus dem Staunen nicht herausgekommen sind. Sie haben uns auch die Vielfalt des Tango-Tanzes gezeigt, denn alle waren etwas ganz Eigenes. Etwas ganz besonderes war die Showeinlage, bei der eine junge Frau mit einem Mann im Rollstuhl getanzt hat. Es war unglaublich schön und mit einer solchen Ausdruckskraft getanzt – wirklich beeindruckend!

Es ist zwar schade, dass das Festival jetzt bald zu Ende ist, aber länger würden wir so ein Programm auch nicht durchhalten. Aber wir konnten auch, wie wir gehofft haben, beim Festival Kontakte für die Weiterarbeit knüpfen. So haben wir z.B. morgen schon von einer Tanzlehrerin ihr Studio fürs Training mieten können, denn zum Trainieren haben wir nach dieser Woche genug.

Liebe Grüße, wir halten euch auf dem Laufenden,

Sigrid und Andrea