Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 2

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 2

Hier folgt nun die Fortsetzung der Tanzgeschichte ab dem goldenen Jahrzehnt, der Hochblüte des Tango Argentino in Buenos Aires. Auch diesmal zitiere ich wieder aus dem Buch Tango, eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel.

Vierte Epoche (ca. 1940 – 1950)
In dieser Zeit wird der Tango zum Tanz der Massen. Es gibt eine quantitative, aber keine qualitative Entwicklung. Der Tango war bereits zu seiner klassischen Form gelangt und in allen sozialen Schichten verbreitet. Er ist daher weniger durch neue Techniken oder Bewegungen gekennzeichnet, als durch sein gesellschaftliches Milieu. Je höher die Sozialschicht, umso schlichter wurde der Tango getanzt. Geleitet vom Wunsch, mittels der Tango-Symbolik einen sozialen Aufstieg zu erreichen, bemühten sich alle um seine Vereinfachung und die große Mehrheit passte sich dieser Tendenz an. Doch es gab daneben auch große Tänzer*innen, die in jedem Tango eine Synthese seiner ganzen Entstehungsgeschichte suchten, und es erhielt sich mancher Winkel, in dem weiterhin in großer Vielfalt getanzt wurde. Schließlich bedeutete diese Periode für den Tango einen enormen Aufschwung hinsichtlich seiner Verbreitung durchs Radio, auf Schallplatten und im Film. In keinem Jahrzehnt wurde so viel Tango komponiert, getanzt und verfilmt wie in diesem.

Fünfte Epoche (ca. 1950 – 1955)
Nun kommt es noch einmal zu einer Weiterentwicklung des Tanzes, indem neue Bewegungsmöglichkeiten mit dem Abheben der Füße vom Boden dazukommen. Es entstanden Ganchos (Haken) und Voleos (Beinschleuderer). Bei dem einen verhaken sich die Beine der beiden Tanzenden ineinander, wobei sowohl die Frau beim Mann einhaken kann, als auch der Mann bei der Frau. Beim zweiten Element gibt es auch für beide Rollen die Möglichkeit ihre Beine während des Tanzes linear oder zirkular fliegen zu lassen. Für beides wurde eine Tanztechnik entwickelt, beides kann geführt werden, Voleos können aber auch von einer Person selbständig in den Tanz eingefügt werden. Durch die Improvisation bestand die Möglichkeit, diese Elemente auszuführen, wann es den Tanzenden passend erschien, sofern der Raum und die Zeit hierfür zur Verfügung standen. Dieses Abheben der Füße und Beine vom Boden ist wohl die letzte Neuerung bezüglich der Tanzelemente des Tangos in diesem Jahrhundert.

Sechste Epoche (ca. 1955 – 1980er Jahre)
In dieser Periode gewinnt die künstlerische Darbietung an Bedeutung. Der Tango, im Volk entstanden, erfährt einen kulturellen Aufstieg, indem er von dort aus auf die Bühnen gelangte. Es entstanden Tangoshows bzw. abendfüllende szenische Darstellungen. Eine der bedeutendsten in den 1980er Jahren nannte sich schlicht und einfach Tango Argentino und ging weltweit auf Tournee. Diese Aufführung löste vielerorts einen Tangoboom aus und es wurde auch in Europa wieder sehr populär Tango zu tanzen. Es entstand eine Ausprägung des Tanzes, die man internationalen Tango nannte. Dieser wies eigene, besondere Charakteristika auf. Auch wenn das Paar umarmt blieb, war die Haltung der Körper doch vollkommen verschieden. Es wurde mit Grundschritt und einer begrenzten Zahl von Figuren und auf eine dem Walzer ähnliche Weise getanzt.  
In der Folge kehrte der Tango allerdings in einem umgekehrten Prozess immer wieder von den Bühnen zum Volk zurück und füllt heutzutage in Buenos Aires und weltweit die Tanzlokale. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum ihm das Schicksal der Erstarrung erspart blieb.

Tango Nuevo ab den 1980er Jahren
Hier beginne ich mit einem Zitat des Tänzers Gustavo Naveira: Man kann als Tango Nuevo die Phase nach 1980 erachten, in der der getanzte Tango technisch und künstlerisch seine höchste Entwicklung erreichte.
Auch dabei werden vollständig improvisierte, jedoch führbare Schritte auf der Basis der Tanzschritte des klassischen Tango Argentino getanzt. Es geschieht aber ein bewusstes Öffnen der Tanzhaltung. Das Spiel mit dem Abstand, sogar ein voneinander Wegdrehen kann es geben, ermöglicht Positionen neben- oder hintereinander. Es werden außerdem Elemente aus dem Bühnentango adaptiert. Charakteristisch sind Elemente, die mit der Aufgabe der Achse spielen wie z.B. Colgadas (nach außen kippen) oder Volcadas (nach innen kippen).
Dieser Tanzstil hat sich in seiner Entwicklung auch wieder dem Salonstil angenähert, sodass mehrere Mischformen entstanden. Gleichzeitig gab es eine Rückbesinnung auf das Wesentliche des Tangos. So ist etwa Tango Líquido ein recht junger Stil, in dem die enge Haltung des Salontangos und die offene des Tango Nuevo fließend (líquido) ineinander übergehen, um sowohl die Nähe des Tango Salon als auch die Dynamik des Tango Nuevo tanzen zu können.
Tango Nuevo wird entweder zu traditioneller Tangomusik oder zu zeitgenössischen Formen bis hin zum Electrotango (Gotan Project, Narcotango, Tanghetto, …) getanzt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es in der Geschichte des Tangotanzes immer wieder Erneuerungen und eine Weiterentwicklung, aber auch Rückbesinnung und die Erinnerung an das Vergangene gegeben hat. Ich denke dieses Zusammenspiel macht diesen Tanz so reich an Erfahrungen und hilft jedem und jeder den eigenen Tanzstil zu finden.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 1

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 1

Tango Argentino, ein Tanz, der mittlerweile weltweit getanzt wird und zum Weltkulturerbe zählt. Dass das so ist, ist höchstwahrscheinlich der fortwährenden Weiterentwicklung seiner choreografischen Gestaltung zu verdanken. Es ist ein gewachsener Tanz, der beides, Tradition und Erneuerung, in sich vereint. In diesem und einem folgenden Beitrag versuche ich einen kurzen geschichtlichen Abriss dieser Entwicklung zu skizzieren und dabei eine Untergliederung in Epochen vorzunehmen. Die Jahresangaben sind dabei Richtwerte, da eine genaue Zeitbestimmung auf Grund fehlender Quellenangaben nicht möglich ist. Als Vorlage dafür diente mir das Buch Tango, eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel.

Erste Epoche (ca. 1860 – 1890)
In diese Zeit fällt der Ursprung, die Entstehung dieses Tanzes, indem ein neuer Modus sich zu bewegen und zu tanzen auftauchte. Es gab dafür keine eindeutig definierte Musik, sondern man tanzte nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, … Erst gegen Ende dieser Epoche, ca. 1880, wird auf diese bestimmte choreografische Form eine Musik angewandt, die Tango genannt wird und von jenem Tanzmodus Besitz ergreift, den man von da ab als Argentinischen Tango kennt. Tango entstand also zuerst als Bewegung, zu der später die Rhythmen, die Musik und schließlich der Text hinzu kommen. Aus dieser Zeit haben sich auch die drei Rhythmen, Tango (4/8 Takt), Milonga (2/4 Takt) und Vals (3/4 Takt) erhalten.
Was war nun aber neu an dieser Art sich zu bewegen? Einerseits wurde die choreografische Form gänzlich improvisiert, dass niemand sicher wusste, wo und in welchem Moment was geschehen würde, nur das Wie war vorhersehbar. So etwas gab es in allen geläufigen Tänzen jener Zeit nicht. Und das Zweite völlig Neue war, dass es zu Unterbrechungen der Fortbewegung kam. Die Weigerung zu tanzen wurde zum Symbol der Freiheit. Bei den Cortes, wie man diese Unterbrechungen nennt, hielt das Paar mitten im Tanz an, um anschließend gleichzeitig weiter zu tanzen. Dabei ergaben sich eng aneinander geschmiegte Posen während des tänzerischen Stillstandes, was in jener Zeit als skandalös galt. Außer diesen Ruhemomenten, die einem gemeinsamen, gleichzeitigen Schweigen beider Tanzenden gleichkam, gab es auch noch die Abwartehaltung, also das Schweigen der einen Person, während die andere sich ausdrückte. Es handelte sich um Augenblicke der schweigsamen Aufmerksamkeit wie im Gespräch, um wahrnehmen zu können, was der/die andere mitteilt.
Das Wesen dieses Tanzes, nämlich die Improvisation und der Dialog der beiden Tanzenden, wurde also schon in dieser ersten Epoche grundgelegt.

Zweite Epoche (ca. 1890 – 1920)
In dieser Zeit konzentrierte sich die Choreografie vor allem auf die Figuren, die die Füße beim Tanzen auf dem Boden zeichnen. Unter Figuren verstehen wir hier eine Reihe von Bewegungen, die als solche wiedererkannt und wiederholt werden können. Es entstanden z.B. die Ochos (Achten) oder die Media Luna (Halbmond). Außerdem wurde auf einen höheren Grad an Präzision in den Bewegungen Wert gelegt. Auch die Tanzhaltung änderte sich, indem die Körper weiter voneinander entfernt waren, aber Kopf an Kopf getanzt wurde, was wahrscheinlich der Notwendigkeit entsprang, zu beobachten, was sich auf dem Boden ereignete.
Dieser Epoche verdanken wir also jene festgelegten Bewegungsabläufe, die als grundsätzliches Repertoire dieses Tanzes bis heute erhalten sind.

Dritte Epoche (ca. 1920 – 1940)
Diese Epoche könnte man mit dem Wort Eleganz betiteln. Zum ersten Mal wurde auf die Eleganz geschaut, es ging immer mehr darum, wie die Bewegungen ausgeführt wurden. Eine Vielzahl von Techniken zur Gestaltung der tänzerischen Eleganz gewinnt an Bedeutung: die Gleichgewichtsachse,  die Gelenkspannung durch leichtes ins Knie gehen, das Schweben, indem man mit den Schultern auf einer Ebene bleibt, um nur einige zu nennen. Man stellte sich auch erstmals die Frage, welche Rolle der Oberkörper beim Tanzen spielt und es entwickelte sich ein Stil der vollkommen aufrechten Haltung.
Nachdem der Tango aus Europa triumphal nach Buenos Aires zurückgekehrt war und sich endgültig in den Salons etablierte, ergab sich in dieser Zeit auch das, was als Salon-Tango bekannt wurde. Dabei stehen sich die Oberkörper vollständig gegenüber, wahrscheinlich durch den europäischen Einfluss, aber in geringerem Abstand der Körper und die Gesichter schauen zum Rücken des Partners/der Partnerin. Es ergab sich dadurch mehr Geradlinigkeit, aber eine geringere Bewegungsmöglichkeit bei der Ausführung der Figuren, weshalb man diesen Stil auch schlichten Tango nennt.
In dieser Zeit kam es also zu einer Entwicklung der Ästhetik, es kam nicht so sehr auf „schwierige Figuren“ an, sondern auf Tangogefühl, Eleganz und Sicherheit.

Soweit nun die Tanzentwicklung bis in jene Zeit, als die goldene Ära des Tangos anbrach. Im zweiten Teil geht es dann um dieses goldene Jahrzehnt und davon ausgehend die jüngsten Weiterentwicklungen bis herauf zum Tango Nuevo.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

… war eine der Antriebsfedern für die Entstehung des Tangos als Tanz. Und seine Entstehung war eine große Entwicklung in der Geschichte des Tanzes überhaupt, denn es wurde etwas Neues geschaffen, das sich von allem Bisherigen unterschied. Tango Argentino ist ein einmaliger, besonderer Tanz und das rührt sicher von seinen Wurzeln her, vom Ursprung. Die Choreografie des Tangos hat sich dann, wie alles Lebendige und Beständige, fortwährend weiterentwickelt und zählt heute sogar zum Weltkulturerbe.

So gibt es auch sehr viel Literatur über Tango und dessen Entstehung. Bisher haben wir eher über die Entwicklung der Tangomusik von ihren Anfängen bis herauf zum modernen Elektro-Tango gelesen und darüber in einigen Blogartikeln berichtet. Unlängst ist uns ein Buch in die Hände gefallen, in dem es neben der Tanztheorie um die Tanzgeschichte des Tango Argentino geht: Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel. Das Folgende gibt einen kurzen Einblick in Erkenntnisse, die ich besonders spannend fand.

Woher kommen also die Besonderheiten dieses Tanzes?
Die Menschen, die ihn formten, lehnten sich gegen die damalige Kultur und Gesellschaftsstruktur auf und sie hatten den Mut, das Gesicherte der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zur Zeit der Entstehung des Tangos (ca. 1860 – 1890) wuchs in den Vorstädten von Buenos Aires eine Bevölkerung von zweierlei Herkunft. Erstens kamen sie aus dem Landesinneren Argentiniens, die sogenannten Gauchos, die als Nomaden durchs Land zogen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts aber ihr Leben nicht mehr in dieser Weise fortsetzen konnten, da das Land privatisiert wurde. Und zweitens waren es die Einwanderer aus Europa, die sich in der „neuen Welt“ ein besseres Leben erwarteten. Beide Gruppen waren entwurzelt und aus der Bahn geworfen. Sie galten als fremd in der Stadt und ihnen fehlte eine Identität. Und sie trugen ein unbändiges Verlangen nach Freiheit in sich. Diese Situation bereitete den Boden für die Entstehung von etwas Neuem.

Die erste Tangogeneration entwickelte eine schöpferische Kraft und fand im Tangotanz ein Gefühl der Menschenwürde, ein Empfinden von Freude und eine kollektive Identität. Sie erlangten die höchste Perfektion, die den Menschen jener Zeit für ihre Selbstverwirklichung zur Verfügung stand. Und dieser Hintergrund spiegelt sich in dem, was den Tango als Tanz ausmacht – nämlich das vollkommene Fehlen von im Voraus festgelegten Tanzschritten und Abläufen. Von allen volkstümlichen Tänzen ist der Tango der einzige, in dem die Improvisation das wesentliche Element der choreografischen Form darstellt. Jede*r Tänzer*in kann eine individuelle Choreografie entwickeln und derselbe Tango wird nie zweimal gleich getanzt. Außerdem bietet der Tango als einziger Tanz die Möglichkeit, nicht zu tanzen, sozusagen „nein“ zu sagen – auch das eine Dimension von Freiheit. Seinen spezifischen Charakter erhielt er zusätzlich durch eine vielfältige Symbolik und eine spezielle Technik, die sich unter anderem von der Reit- und Kampfkunst der Gauchos ableitete. Und das Bedürfnis und die Suche nach Identität führten zur stolzen Haltung des sich Vorzeigens. Anfangs nahmen die Menschen die Tanzpositionen sehr genau ein, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu erkennen zu geben, und sie entwickelten eine Vielzahl von Codes, um diese zu stärken. Wesen und Antrieb des Tangos war also die Freiheit, das gemeinschaftliche Handeln selbst zu bestimmen.

Sehr interessant finde ich außerdem, dass es den Tango als Tanz vor dem Tango als Musik gab. In dieser ersten Epoche der Entstehung tanzte man eine Choreografie ohne eindeutig definierte Musik. Was an diesem Anfang entstand, lässt sich wohl als neuer Modus, sich zu bewegen und zu tanzen bezeichnen. Man tanzte auf eine andere Weise und in neuer choreografischer Form, aber nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, …

So entstanden in jener Zeit auch die drei Rhythmen, die sich bis heute erhalten haben, nämlich Tango, Milonga und Vals, zu denen in ein und derselben choreografischen Form und Weise getanzt wird. Und so lässt sich auch erklären, dass man auf Nicht-Tango-Musik, sogenannte Nontangos, wunderbar Tango tanzen kann.

An das Ende stelle ich hiermit wieder einmal ein Zitat von Leopoldo Marechal, das auch auf unserer Website zu finden ist: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit, um unsere Sehnsucht nach Freiheit zu stillen, ergänze ich an dieser Stelle.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Bekanntlich gibt es ja ganz unterschiedliche Arten zu lernen und in unseren Workshops und Kursen erleben wir dies immer wieder. Da sind jene Menschen, die in die Musik und in ihre Bewegungen hinein spüren, die sich ganz in das Gefühl des Tango Argentino fallen lassen. Sie lernen über das Spüren und sind manchmal richtige Naturtalente im Tango. Dann gibt es diejenigen, die übers Schauen lernen. Im Solo Tango tanzen sie oft ein paar Schritte hinter mir und haben meine Füße im Blick, schauen sich die Schritte und Bewegungen ab und speichern sie so. Wieder andere wollen alles genau wissen, sie fragen nach wie eine Bewegung heißt und wünschen sich Erklärungen. Sie lernen über das Verstehen und der Tango gelangt üben den Kopf in den ganzen Körper. Tatsächlich sprechen auch wir immer wieder vom Vokabel lernen – der Körper lernt neue Bewegungen wie einst der Kopf die irregular verbs.
Von einer Teilnehmerin, die am besten über das Wissen und Verstehen lernt, kam kürzlich der Wunsch nach einem Lexikon der Tangobegriffe auf unserer Website. Here we are!
Wir ordnen die „Tangovokabeln“ nicht alphabetisch sondern orientieren uns am Tanzen, beginnen also mit den Basics und öffnen sprachlich die unendliche Welt des Tango Argentino.

caminar – das Gehen: Die Gehschritte in alle Richtungen (vorwärts, rückwärts, seitwärts) sind die Basis und der Ausgangpunkt für alle anderen Bewegungen. Wir nennen sie gerne das ABC des Tangos.

el abrazo – die Umarmung: Die Tanzhaltung hat im Tango wirklich diese wunderschöne Bezeichnung. Arme und Schultern der beiden Tanzenden bilden dabei einen Kreis, der möglichst stabil bleibt.
Gemeinsam mit caminar sind wir damit beim „Gehen in Umarmung“.

la pausa – die Pause: Das Gehen zu unterbrechen und Pausen zu machen gehört zum Wesen des Tango Argentino.

la cunita – die Wiege: Durch die Wiederholung eines Vorwärts- und eines Rückwärtsschrittes ergibt sich die Wiege. Sie kann linear, also geradeaus und in Tanzrichtung verbleibend oder zirkular mit einer integrierten Drehung getanzt werden. Dann ist die Wiege eine elegante Form, um die Kurve zu tanzen oder nach einer Halbdrehung zurück in Tanzrichtung zu kommen.

Disociacion – Trennung: Für diese elementare Bewegung wird der Körper quasi zweigeteilt. Der Oberkörper ist der Partnerin/dem Partner zugewandt, während die Hüfte und die Beine in Tanzrichtung bleiben. Die Disociacion, die durch das Verdrehen des Oberkörpers durch die führende Person erfolgt, wird für zahlreiche Bewegungen benötigt und sie bewirkt, dass die Verbindung zwischen den beiden Tanzenden bestehen bleibt.

la cruz – das Kreuz: Das Überkreuzen der Beine im Gehschritt, geführt durch eine Oberkörperdrehung.

los adornos – die Verzierungen: Sie sind die spielerischen Elemente, die die Strenge des Tangos aufheben und Freiraum für Kreativität schaffen. Das Gewicht ruht dabei auf dem Standbein, das Spielbein ist frei für die Verzierungen. Zwei davon, die vielfältig variiert werden können, möchte ich hier nennen:
el lápiz – der Stift: Mit der großen Zehe oder mit dem Absatz des unbelasteten Beines werden am Boden Kreise gezeichnet.
el golpe – der Schlag: Wir nennen diese Verzierung einfach nur Taps, denn dabei wird während des Gehens oder in einer Pause mit der Fußspitze auf den Boden getippt.

los ochos – die Achten:  Bei dieser fließenden Schrittkombination, bestehend aus einem Schritt und einer Drehung auf dem Zehenballen,  schreiben die Füße am Boden eine Acht. Je nach Schrittrichtung wird ein ocho adelante – ein Vorwärtsocho oder ein ocho atrás – ein Rückwärtsocho getanzt.

el ocho cortado – die abgeschnittene Acht: Der Name dieser Schrittfolge ist etwas irreführend, denn er sagt, dass dabei ein Ocho abgebrochen wird. Tatsächlich ist es aber ein Giro, der hier unterbrochen und nicht zu Ende geführt wird.

el giro – die Drehung: Bei dieser Drehung mit einer fixen Schrittfolge (Rückwärtsocho, Seitenschritt, Vorwärtsocho und noch ein Seitenschritt) bleibt die führende Person meist am Platz stehen und die folgende Person geht um sie herum. Es gibt zahlreiche Varianten des Giros, zum Beispiel auch, dass beide Tanzenden gleichzeitig umeinander gehen. In Deutschland wird dieses typische Tangoelement eher als Molinete bezeichnet.

la sacada – auch la entrada, das Eintreten: Eine Sacada ist ein Schritt in den Tanzbereich des Partners bzw. der Partnerin. Dabei kann das Bein der anderen Person berührt und verdrängt werden, um dessen Platz einzunehmen, eine Sacada kann aber auch ohne Berührung getanzt werden.

la barrida – von barrer, fegen: Dabei wird der Fuß des Partners bzw. der Partnerin mit dem eigenen Fuß am Boden weggeschoben. Eigentlich ist es aber kein Wegfegen des Fußes, sondern ein Begleiten des Schrittes.

 el voleo – der Flieger: Nicht der Partner oder die Partnerin fliegt, sondern durch ein rasches Abstoppen der Bewegung fliegt das freie Bein der folgenden Person.  Dieses Fliegen-lassen des Beines kann je nach Akzent als hoher oder niedriger Voleo geführt werden.

el gancho – der Haken bzw. der Beinhaken: Das Spielbein der folgenden Person schwingt um das Bein der führenden Person und hakt dabei in deren Kniekehle ein.

Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht – dies ist eine kleine Auswahl, in der die wichtigsten und häufigsten Begriffe zusammengestellt sind. Hier immer wieder mal nachlesen zu können und Tanzelemente beschrieben zu finden, vielleicht als Nachlese eines Kurses oder einfach aus Interesse, ist die Idee dahinter. Wir hoffen, dass dies hilfreich ist und deine Neugier für den Tango damit ein wenig gestillt wird – oder neu entfacht.

Sigrid

 

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch für uns ein wesentlicher Impuls für eine Tango-Mitternachtseinlage auf einem Wiener Ball: ein Spiel mit den Masken, der Blick hinter die Maske und die Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

Queer Tango

Queer Tango

Und dann, beim vierten Stück, oder vielleicht war es auch das fünfte, tauschten sie die Rollen, ohne es vorher zu verabreden, ihre Körper trafen die Entscheidung, die Hände wanderten von der Taille zur Schulter oder von der Schulter zur Taille und gaben dem Tanz die entgegengesetzte Richtung, die allerdings, wie sie herausfanden, gar nicht entgegengesetzt war, sondern eine Fortsetzung desselben Tanzes, … . Sie tauschten wieder, immer wieder, bis ihre Körper schon vor den Gedanken wussten, wohin der Fluss des Tanzes sie führte.

Diese Beschreibung ist dem Roman Die Tangospielerin von Carolina De Robertis, den ich kürzlich gelesen habe, entnommen. Und sofort tauchen die Bilder von den Queer Tango Festivals in Berlin und Buenos Aires, die wir besucht haben, auf. Auf der Tanzfläche befinden sich Frauenpaare, Männerpaare und gemischte Paare, es gibt Frauen, die Männer führen und Paare, die das Führen und Folgen, wie oben beschrieben, während eines Tanzes mehrmals wechseln. Eine riesengroße Bandbreite an Möglichkeiten!

Queer Tango bricht die traditionelle Rollenaufteilung vom führenden Mann und der folgenden Frau auf. „Es geht nicht darum, die Rollen abzuschaffen, sondern sie nur mehr nicht dem Geschlecht zuzuordnen, sondern inneren Qualitäten, mit denen ich spielen und in denen ich mich ausprobieren kann“, meint Ute Walter, die gemeinsam mit Marga Nagel die Queer Tango Szene in Hamburg begründet hat. „Zu Queer Tango gehört aber auch, mit diesen Rollen zu experimentieren. Wir sind ja nicht auf eine bestimmte Rolle verpflichtet. Wir können doch frei wählen und ausprobieren. Und das geht auch über den Tango hinaus. Der Tango bietet gute Ansatzpunkte, weil Tanzen unvorbelasteter ist als manch anderer Lebensbereich, um Rollen zu erproben, eventuell wieder abzustreifen und zu wechseln und Anteile in sich zu entdecken, die im Alltagsleben vielleicht schwieriger entdeckt und erprobt werden können“, ergänzt Marga.

Aber was genau ist eigentlich „queer“? Die Tangotänzerin und Soziologin, Paula Villa, definiert diesen Begriff so: „Queer kann verstanden werden als die oft bewusste und oft spielerische, nicht immer, manchmal auch sehr leidvolle Erfahrung der Überschreitung von Identitätsgrenzen bei einem gleichzeitig mehr oder minder scharfen Bewusstsein davon, dass diese Grenzen existieren und überhaupt unsere Existenz ermöglichen.“ Marga Nagel führt das weiter aus, indem sie meint: „Es geht darum, anzuerkennen, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten immer im Fluss sind. Sie sind nicht zwangsläufig und lebenslänglich. Es sind Kategorien, die, wenn wir sie nie in Frage stellen, unseren individuellen Ausdruck und die Vielfalt beschränken. Wir müssen sie nicht als naturgegeben und unabänderlich betrachten.“

Diese Betrachtungsweise eröffnet ein mehr an Möglichkeiten, im Leben allgemein und im Speziellen beim Tangotanzen. „Voraussetzung dafür ist eigentlich nur die Offenheit diesen Möglichkeiten gegenüber und die freudige Bereitschaft auf beiden Seiten, das jeweils ‚Andere‘ in das eigene Tanzen, die eigene Person zu integrieren“, erläutert Marga.

Dass und wie das gelingen kann, wird jedenfalls auf den vielen Queer Tango Veranstaltungen, die es mittlerweile gibt, sichtbar. Die Pionierinnen Marga Nagel und Ute Walter haben im Jahr 2000 das erste Festival dieser Art ins Leben gerufen und damit einen Stein ins Rollen gebracht. So geht die Idee des Queer Tango um die (zumindest Tango-) Welt. In San Diego, Toronto, New Orleans, Sidney, London, Berlin und natürlich Buenos Aires gibt es mittlerweile Schulen und Veranstaltungen für queeren Tango. Das nächste Festival Tango Queer de Bs As  findet vom 13. – 19. November 2017 statt. Mariana Docampo und Augusto Balizano laden zu 18 Workshops und 6 Milongas. Internationalität gepaart mit den oben beschriebenen Möglichkeiten und erstklassigen LehrerInnen machen es zu einer herausragenden Veranstaltung. Für uns ist es nun schon vier Jahre her, dass wir dabei waren, aber es ist noch immer lebendig. Und irgendwann …

Andrea

PS: Einer der ersten Artikel dieses Blogs erzählt, wie wir das Queer Tango Festival 2013 in Buenos Aires erlebt haben.

Verwendete Literatur:
Die Tangospielerin, Carolina De Robertis, Fischer Verlag 2017
Tangodanza Nr 1, 2007, S 7 – 10

 

Alles Tango!

Alles Tango!

Tango ist nicht gleich Tango. Es gibt nämlich drei verschiedene Musikrichtungen im Tango, die sich vor allem in ihrem Rhythmus unterscheiden: den Tango, die Milonga und den Vals. Dass es diese drei Varianten gibt, ist auf die Entstehung des Tangos und seine Geschichte zurückzuführen.

Die Vermischung der Kulturen im Buenos Aires der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert führte auch zu einer Vermischung der verschiedenen Volksmusiken und Folklore-Melodien. Der Candombe und die Land-Milonga bildeten zusammen mit dem Walzer und der kubanischen Habanera ein Rhythmusquartett, aus dem sich schließlich der Tango entwickelte. Der Candombe ist eine schwarze Musik mit schnellem, heiterem Rhythmus, obwohl diese Heiterkeit in gewisser Weise mehrdeutig zu sein scheint und vom Elend der AfrikanerInnen erzählt. Die Land-Milonga ist eine Art gesprochene Klage von einsamen Landarbeitern, die von einer einfachen Gitarre begleitet wird und deren Melodien geradezu obsessiv wiederholt werden. Die Habanera ist dem Tango ursprünglich am nächsten, während die Milonga eher mit dem Candombe verwandt ist. Auch das Wort „Milonga“ kommt aus der Quimbunda-Sprache, die von der angolanischen Bevölkerung Brasiliens gesprochen wurde. In dieser Sprache bedeutet „Mulonga“ Wort und der Plural „Milonga“ Wörter. Die europäischen EinwanderInnen haben auch den Walzer nach Buenos Aires gebracht und so war auch dieser von Anfang an ein grundlegender Rhythmus, der nun im Tango-Vals seinen Ausdruck findet.

Was unterscheidet nun die Milonga vom Tango? Die Milonga ist im Wesentlichen heiterer und schneller, ihre Musik hat einen einfachen Rhythmus im 2/4-Takt, ein bisschen vergleichbar mit unserer Polka. Sie wird selten von Gesang begleitet. Auch der Tanz einer Milonga macht einen fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Beispiele für bekannte Milongas sind: Vieja Milonga, La Punalada, Milonga de mis amores, Milongon

Der Tango seinerseits ist mit seinem 4/8-Takt sehr rhythmisch, leidenschaftlich, theatralisch, melancholisch, ernst, … und hat in seiner Weiterentwicklung sogar Formen von Kunstmusik angenommen. Er ist das, was allgemein als Tango bekannt ist.

Zwei Hörbeispiele sollen den Unterschied deutlich machen. Sowohl die Milonga als auch der Tango sind eine Interpretation des Orchesters von Juan D’Arienzo:

Vieja Milonga, also die „alte Milonga“

Loca, ein Tango, den wir in unserem heurigen wo/men tango act „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen.

Der Vals schließlich ist ein Tango im 3/4-Takt. Sehr fließend, schwelgend, melodiös, … wird er auch gerne gesungen. Es gibt einige Valses, die sehr an den Wiener Walzer erinnern, wie z.B. Tres Jolie oder Dolores vom französischen Komponisten Emil Waldteufel. Andere Beispiele für bekannte Tango-Walzer sind Desde el alma (Aus der Seele) von der 14jährigen Rosita Melo im Jahr 1911 komponiert oder Corazón de oro (Herz aus Gold) von Franzisco Canaro.

Auch hier ein Beispiel zum Reinhören: Corazón de oro in einer Interpretation des Quinteto Pirincho

Es gibt die Aussage von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit. Das zeigt sich auch in diesen drei Tango-Varianten mit ihren unterschiedlichen Rhythmen und Stimmungen sehr deutlich. Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Tangomusik und Tangotanzen nie langweilig werden!

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Milonga …

Milonga …

… ein klingender Name für alle, die sich vom Tango angezogen fühlen. Ein Name mit zwei Bedeutungen: einerseits meint er eine bestimmte Musikrichtung im Tango (eine beschwingtere, fröhlichere Variante im 2/4-Takt) und andererseits die Tanzveranstaltung für TangotänzerInnen.

Es dauerte ein paar Momente, bis sich ihre Augen an die spärliche Beleuchtung gewöhnt hatten. Das Lokal war nicht sehr groß und hoffnungslos überfüllt. Zwei Reihen Tische und Stühle grenzten die quadratische Tanzfläche nach allen Seiten hin ab. Die eng umschlungenen Paare dort waren so dicht gedrängt, dass sie mehr standen als sich bewegten. Die Luft war stickig, die Musik laut … Die Pausenmelodie erklang, dann setzte die Musik aus. Die Tanzfläche leerte sich … Die Tanzfläche war noch immer leer, Gläser klirrten, Stimmengewirr erfüllte den Raum. Noch immer kamen neue Gäste durch die Eingangstür herein. Dann erklang die Stimme des Discjockeys aus den Lautsprechern, und fast zeitgleich setzte die Musik ein … Sie beobachtete die Tanzpaare. Die meisten Frauen hatten die Augen geschlossen und hingen wie schlafend an der Brust ihrer Tanzpartner. Deren Gesichtsausdruck verriet indessen äußerste Konzentration, da sie sich einen Weg durch das Gewimmel suchen mussten, ohne die kostbare Fracht in ihren Armen irgendwo anzustoßen … Die Tanzfläche war jetzt so voll gepackt wie ein Stadtbus am Feierabend. Wie machten die das bloß, auf solch engem Raum zu tanzen?

Diese Beschreibung einer Milonga in Buenos Aires stammt aus dem Roman Drei Minuten mit der Wirklichkeit von Wolfram Fleischhauer. Er beschreibt sozusagen das „Original“, denn mittlerweile kann man auf der ganzen Welt Milongas besuchen, in unterschiedlichsten Lokalitäten von Schlosssälen bis zu Kellerkneipen.

Wir waren am vergangenen Samstag auf einer von Tango GRAZioso veranstalteten Milonga in der Nähe von Graz. Als wir um ca. 22.00 Uhr eintrafen, wurde bereits getanzt. Auch bei uns in Europa orientiert man sich bei den Beginnzeiten an den Buenos Aires-Zeiten. Dort braucht man allerdings vor 23.00 Uhr nicht da sein, denn richtig los geht es eigentlich ab Mitternacht. Hier in Graz gab es ab 22.00 Uhr Livemusik. Das Tango-Orchester Graz spielte wieder einmal auf. Wir sind große Fans dieses Orchesters, denn ihr Spiel ist nicht nur ein Hörgenuss, sondern man kann auch wunderbar dazu tanzen, und so war die Tanzfläche bald ähnlich voll wie oben beschrieben. An diesem Abend spielten sie für uns fünf tandas. Tandas – was ist das? Man könnte sagen, es ist die Struktur einer Milonga. Gemeint sind damit die Musikabschnitte. Eine tanda besteht aus drei oder vier Tangos. Dann folgt die sogenannte cortina, dabei wird nicht Tangomusik, sondern irgendeine andere Musik gespielt. Währenddessen leert sich die Tanzfläche, die Tanzpaare trennen sich, um sich für die nächste tanda neu zu mischen.

Traditionelle Milongas laufen nach bestimmten Ritualen ab. Das beginnt schon bei der Aufforderung zum Tanzen. Dies geschieht nämlich über Blickkontakte. Wenn ein Mann, meist sind es die Männer, die auffordern, mit einer bestimmten Frau tanzen möchte, blickt er sie an, selbst wenn sie sich am anderen Ende des Saales befindet. Wenn die Frau es bemerkt und den Blick erwidert, nimmt sie die Aufforderung an. Die beiden treffen sich auf der Tanzfläche und beginnen zu tanzen. Es ist eine sehr subtile Art der Aufforderung und erspart den Männern die peinliche Situation, sich einen Korb zu holen. Zugleich ermöglicht sie den Frauen, eine Aufforderung diskret abzulehnen, indem sie den Blick abwenden. Überhaupt dienen diese bestimmte Struktur einer Milonga und die Rituale dazu, Peinlichkeiten zu vermeiden. So ist es eine feste Regel, eine ganze tanda mit dem- bzw. derselben TanzpartnerIn zu tanzen. Man muss jedoch nicht gleich zu Beginn einer tanda auffordern, sondern kann das z.B. erst ab dem zweiten oder dritten Tango tun, wenn man mit jemandem noch nie getanzt hat. Am Ende der tanda, während die cortina gespielt wird, trennt man sich auf jeden Fall. So kann man ohne peinliche Erklärung wieder zu tanzen aufhören. „Ohne Rituale kann es keine Begegnung von Fremden geben“, sagt eine der Protagonistinnen im Roman von Wolfram Fleischhauer. Auch wenn es anfangs etwas umständlich und sonderbar wirkt, sie haben einen Sinn, diese Rituale, und mit der Zeit üben sie eine besondere Faszination aus.

Als auf der Milonga am Samstag der letzte live gespielte Tango der letzten tanda verklungen war, war die Begeisterung groß und frenetischer Applaus entlockte den MusikerInnen noch eine Zugabe. Wir wollten alle nicht aufhören zu tanzen …

Andrea

 

Tango around the world

Tango around the world

Diesmal möchte ich zu einer Weltreise auf den Spuren des Tangos einladen, denn er ist heute auf allen Kontinenten zuhause: in trendigen Nachtclubs von Seattle bis Stockholm genauso wie in kultivierten Tanzsälen rund um den Globus.

Seine Verbreitung begann schon ziemlich früh – vor ca. 100 Jahren trat er seine erste Weltreise an. Entstanden am Rio de la Plata, in Buenos Aires und Montevideo, unter den Einflüssen unterschiedlichster Kulturen, gelangte er nach Paris. Er kam schnell in Mode, und ausgehend von Frankreich war bald ganz Europa vom Tangofieber gepackt.

So kam er 1913 nach Finnland und fand dort besonderen Anklang, da sich die Finnen durch den Tango in ihrem Leid unter der russischen Herrschaft verstanden fühlten. Der Tango drückte das aus, worüber zu sprechen unmöglich war. Es entwickelte sich ein eigener Musikstil voller Poesie, Trauer und Tiefe. Wahrscheinlich steht finnischer Tango deshalb öfter in Moll statt in Dur. Die bekanntesten Komponisten sind Toivo Kärki und Unto Mononen, die finnischen Tango zu einer Art Nationalmusik machten. Er ist auch heute noch weit verbreitet und man trifft in Restaurants, Tanzlokalen und im Sommer beim sogenannten „Tanz auf dem Bretterboden“ auf Tangomusik. Tangotanzen gilt als Freizeitvergnügen. Das Seinäjoki Tango Festival, das jeden Sommer stattfindet, zieht BesucherInnen aus aller Welt an. Und es ermöglicht jungen MusikerInnen, die sich dem Tango widmen, bekannt zu werden. 14097480675_888b7bd64c_bSo gibt es z. B. die freche, junge Formation Las chicas del Tango, die eine Brücke zwischen der Welt des finnischen und argentinischen Tangos bauen, indem sie spanische Liedertexte mit Eigenkompositionen kombinieren. Auf ihrer CD Tango de norte a sur vereinigen sich Klassiker des argentinischen und finnischen Tangos mit einem Wirbel von Tango Nuevo im Helsinki-Stil. Sehr zu empfehlen! Jedenfalls ist finnischer Tango, nach dem argentinischen, wohl am meisten bekannt und ausgeprägt. Es gibt sogar Finnen, die behaupten, der Tango sei eigentlich in Finnland entstanden.

4647162978_5cdfa38511_bNun ja, der Tango reiste nicht nur nach Norden sondern auch gegen Osten. Hier entwickelte sich Bukarest, das „Paris des Ostens“ in den 1920er und 1930er Jahren zur Tangometropole. Das elegante und multikulturelle Bukarest der damaligen Zeit war ein Zentrum europäischer Kultur. Rumänische Tangostars wie Jean Moscopol oder Maria Tanase prägten den Bucharest Tango. In den besten Restaurants und Hotels der Stadt mit klingenden Namen wie Lafayette, Lido oder Astoria, konnte man Tangos hören. Nach dem 2. Weltkrieg gerieten sie allerdings vollkommen in Vergessenheit und vor einigen Jahren hat sie nun die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu wieder belebt. Auf ihrer CD Bucharest Tango öffnet sie wieder die Türen zu den Tangos und Liedern des Bukarest jener Zeit. Diese Tangos haben einen ganz besonderen Charme und einige davon gehören zu unseren Lieblingstangos.

6846938318_2504aff84e_oSchon die Wurzeln des Tangos sind ja multikulturell. Unter den Einflüssen afrikanischer, kubanischer und europäischer Musik entstand er und wenn heute auf der ganzen Welt Tangoklassiker interpretiert oder neue Tangos komponiert werden, dann auch meist unter den Einflüssen der jeweiligen Kulturen. Auf der CD Tango around the world kann man dem nachspüren und sich auf musikalische Tangoweltreise begeben. Hier finden sich neben Tangos aus Argentinien auch solche aus Senegal, Finnland, Brasilien, Norwegen, Griechenland, Serbien und Portugal. Tango beeinflusst die Musik rund um den Erdball und umgekehrt.

Ich denke, dass gerade dieses Gemisch der Kulturen, angefangen bei seiner Entstehung bis herauf in die heutige Zeit, die Seele des Tangos ausmachen.

Andrea

 

Unvergänglicher Tango

Unvergänglicher Tango

Es gibt ihn bereits seit mehr als hundert Jahren – den Tango Argentino. Er hat viele Veränderungen durchlebt, seine Entwicklung hat sich in vier Phasen abgespielt: die sogenannte génesis währte von 1880 bis 1900, die zweite Phase von 1900 bis 1920 ist bekannt als die guardia vieja (Veteranen, traditionelle Tango-Musiker), in der Carlos Gardel eine Schlüsselfigur darstellt, die dritte dauerte von 1920 bis 1940, es waren die „goldenen Jahre“ des Tangos. Heutzutage bewegt sich der Tango durch seine vierte Etappe, die 1940 begann und als tango nuevo, als „Neuer Tango“ bezeichnet wird.

Astor Piazzolla ist der herausragendste Repräsentant dieser letzten Phase. Seine Kompositionen sind weltweit bekannt. 1921 in Argentinien geboren, verbrachte er seine Kindheit in New York. Als er neun Jahre alt war, kaufte ihm sein Vater ein Bandoneon und Astor fing an, das Instrument spielen zu lernen. Seine Begabung trat bald zu Tage, mit elf Jahren komponierte er bereits seine ersten Tangos und im Alter von zwölf spielte er bereits Konzerte. 1938 kehrte er nach Buenos Aires zurück und wurde hier zu einem virtuosen Bandoneonisten. Ständig auf der Suche nach der Musik, über die er sich am besten ausdrücken konnte, zog es ihn immer wieder ins Ausland, nach Paris, in die USA, wo er sowohl Klassik als auch Jazz studierte. Diese Musikrichtungen ließ er schließlich in „seine“ Musik, den „Neuen Tango“ einfließen. Er erhob Tangomusik zu einer Kunstform, in Konzertsälen und Opernhäusern auf aller Welt aufgeführt. Er schrieb Opern (Maria de Buenos Aires), Sinfonien (Sinfonía de Buenos Aires) und die Musik für mehrere Filme. Seine wohl berühmtesten Tangos sind Adiós Nonino, Balada para un loco und Libertango. Sein Aufstieg, seine unangepasste Persönlichkeit und seine revolutionäre Musik führten aber auch zu Spannungen zwischen dem „Neuen“ und dem „Alten“, zwischen der Avantgardebewegung und der Tradition.

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Die Tradition wurde durch die großen Orchester repräsentiert, doch diese verschwanden schließlich und die Leute wollten sie nicht mehr hören. So kam es, dass der Tango während der 1960er und 1970er Jahre in kleinen Konzertsälen und Tanguerías (Orte, an denen ausschließlich Tango aufgeführt wurde) Unterschlupf fand. Es war ein schwaches Echo, eine Art Parodie der goldenen Jahre des Tangos. Auch Tango getanzt wurde in dieser Zeit kaum, bei den jungen Leuten war der Rock’n’Roll „in“. Und als dann Ende der 70er Jahre in Argentinien die Zeit einer der furchtbarsten Militärdiktaturen anbrach, stand es sowieso schlecht um den Tango. Viele Intellektuelle und KünstlerInnen emigrierten, lebten fortan in Paris, Berlin und London. Und ein zweites Mal, wie vor 100 Jahren, kehrte der Tango dann über den „Umweg Europa“, wo es in den 80er Jahren zu einem Tango-Boom kam, wieder nach Buenos Aires zurück.

dsc_6960s2Ausgelöst wurde dieser Boom durch Tango-Produktionen, wie z.B. das Musical Tango Argentino, das ein großer Welterfolg wurde. TangomusikerInnen, -sängerInnen und –tänzerInnen gingen in Folge auf Tourneen um die ganze Welt und so ist der Tango heute auf allen Kontinenten zu Hause und wurde sogar zum Weltkulturerbe erhoben. Und wieder einmal lassen die Einflüsse der unterschiedlichen Kulturen oder Musikstile, elektronische Instrumentierungen z.B., ganz neue Tangos entstehen.

Als Soundtrack der Stadt Buenos Aires, die permanenten Veränderungen unterlag, hat der Tango jeden Wandel miterlebt: Sowohl die Förderung der beliebten Leidenschaft als auch den Widerstand und die Nebensächlichkeit. Im globalen Umfeld der jetzigen Zeit hält Buenos Aires an seiner mächtigen Identität fest, die in der Art der Musik begründet liegt, die vielmehr ist als einfach nur Musik. Es ist die Art zu gehen, die Art zu sein, eine Haltung, ein Gefühl.

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008