L’ultimo Tango!

L’ultimo Tango!

In der Welt des Tangos gibt es einige Traditionen, vielleicht könnte man sogar von Ritualen sprechen, die sich im Lauf der Zeit rund um den Globus verfestigt haben. Der typische Aufbau einer Tango-Tanzveranstaltung wird beispielsweise auf den meisten Milongas weltweit praktiziert. Andere Rituale wie die Mirada, also das Auffordern zum Tanz über den Blick, gibt es fast nur noch in traditionellen Kreisen. Und nicht immer ist klar, ob der ursprüngliche Schlusspunkt einer Milonga noch in der Weise praktiziert wird, wie es in Buenos Aires üblich ist – denn so manche*r hört und tanzt frühmorgens den letzten Tango einer Milonga nicht mehr. Wir pflegen diese Tradition – den letzten Tango anzukündigen und dabei immer dasselbe Musikstück, nämlich eine La Cumparsita, zu spielen, nicht nur auf unseren Milongas und Übungsabenden, sondern beenden auch jeden unserer Kurse und Workshops mit diesem „Tango der Tangos“. Und so beschließen wir auch diese kleine Reihe zur Tangomusik mit L’ultimo Tango – aber nicht nur mit einer Version, sondern mit ganz unterschiedlichen Interpretationen.

Er wurde schon im Jahr 1916 von Gerardo Matos Rodriguez komponiert, und zwar für den Karnevalsumzug in Montevideo. Daher auch der Titel, denn La Cumparsita heißt Der kleine Karnevalsumzug. Es gibt dieses Stück nicht nur in mehreren Textversionen, sondern auch die Arrangements sind unglaublich vielfältig. An den Anfang setze ich eine Variante mit gesprochenem Text, in dem der Sprecher der Frage nachgeht, was den Tango eigentlich ausmacht. Er schließt mit den Worten: „ … para mi, eso es el tango – dies ist für mich der Tango!“

In den Goldenen Jahren des Tangos entwickelte sich La Cumparsita zum selbstverständlichen Abschluss einer Milonga. Daher war dieser Tango im Repertoire jedes Orchesters, jeder Sängerin und jedes Sängers. Als Beispiel für eine gesungene Cumparsita wähle ich „La dama del Tango“: Mercedes Simone:

Mit La Cumparsita ist es demnach auch gut möglich, einige der bekanntesten Tangoorchester jener Zeit zu beschreiben. Beim Anhören desselben Musikstücks in den jeweiligen Interpretationen sind die charakteristischen Merkmale, der Stil ihrer Arrangements gut erkennbar. Den Anfang macht hier der „König des Taktschlages“ höchstpersönlich, Juan D’Arienzo. Typisch für ihn ist der schnelle, klare Beat, der manchmal auch als Staccato-Schliff bezeichnet wird. Andere wieder nennen sein Orchester eine Rhythmusmaschine, in der das Klavier das tragende Element ist. Mit fünf Geigen und fünf Bandoneons – jeweils eines mehr als üblich – ist das Orchester sehr beweglich und flexibel. In vielen der Arrangements von D‘Arienzo gibt es kaum Pausen, die Aufnahme aus dem Jahr 1961, die ich hier gewählt habe, spielt aber genau mit diesem Überraschungseffekt und lässt uns zwischendurch glauben, wir wären schon am Ende angelangt. Überhaupt würde ich empfehlen, dieses Video zweimal anzuklicken – einmal, um dem einzigartigen Stil des Dirigierens von D’Arienzo und dem Ausdruck der Musiker zuzusehen, ein zweites Mal, um genau hinzuhören:

Als nächstes kommen wir zu Carlos di Sarli, der selbst das Klavier spielt und vom Klavier aus das Orchester dirigiert. Charakteristisch für ihn ist das mittelschnelle Tempo – deutlich langsamer als vorhin bei D’Arienzo – und dass die Melodie im Zentrum der Arrangements steht. Der typische Di Sarli- Klang entsteht durch die Geigen – manche sagen sogar: Di Sarli macht alles mit den Geigen! Doch bei genauem Hinhören fallen auch die trillerartigen Einwürfe des Klaviers auf, mit denen Di Sarli die einzelnen Phrasen verbindet und so die Musik geschmeidig abrundet.

Mit Anibal Troilo kommen wir zu jenem Orchester, dem extrem hohe Qualität und brillante Arrangements zugesprochen werden. Der sogenannte Troilo-Sound versteht es, zügig zwischen abgehackten, stakkatoartigen Passagen und glattem Legato hin und her zu wechseln. Obwohl Troilo selbst das Bandoneon spielt und aufgrund der Ausdrucksstärke seines Spiels vielfach als bester Bandoneonspieler aller Zeiten bezeichnet wird, tritt er damit nicht in den Vordergrund – seine Soli sind eher schlicht und zurückhaltend. Die zentrale Rolle spielt vielmehr das Klavier, über viele Jahre hinweg ist der Pianist Orlando Goni, der einen neuen Stil des Tango-Klavierspiels entwickelte, die tragendende Figur dieses Orchesters.

Nach diesen drei Beispielen aus den Goldenen Jahren und von klassischen Tangoorchestern machen wir einen großen zeitlichen Sprung in das heutige Buenos Aires. Reduziert auf Klavier und Bandoneon versteht es das Duo Ranas dennoch, den ganzen Raum mit ihrer Musik zu füllen und überraschende Akzente zu setzen. Mehrmals schon hatten wir – in Buenos Aires und in Graz – das Vergnügen, zu ihrer Livemusik zu tanzen. Immer wieder aber sind ihre Arrangements nicht in erster Linie zum Tanzen, sondern einfach für den Hörgenuss gedacht. So, wie diese Version der Cumparsita:

Wenn wir am Ende eines Workshopwochenendes oder einer Tangowoche „L’ultimo Tango“ ankündigen, entscheiden wir uns oft für ein grande finale: die süddeutsche Formation Quadro Nuevo hat 2011 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunkorchester eine CD aufgenommen und die darin enthaltene Version von La Cumparsita ist wahrlich ein krönender Abschluss. So bleibt mir auch jetzt nur noch die Ankündigung: L’ultimo Tango!

Sigrid

Verwendete Literatur: Tangogeschichten, Michael Lavocah

 

In 8 Tangos um die Welt

In 8 Tangos um die Welt

Nun ja, nicht ganz, Afrika, Europa und Lateinamerika sind die musikalischen Stationen dieser Reise. Der Tango hat ja mehrmals ausgehend vom Rio de la Plata-Gebiet eine Weltreise angetreten und ist heute auf allen Kontinenten zu Hause. Mit den Einflüssen der jeweiligen Kultur hat er somit viele unterschiedliche Klangfarben erhalten, die diese Musik immer wieder spannend machen.

Beginnen wir unsere Reise also in Afrika. Eine der Wurzeln des Tangos ist nämlich die afrikanische Musik. Der Rhythmus der Candombe ist zur Entstehungszeit des Tangos in dessen Musik eingeflossen. Aber auch heute entstehen am afrikanischen Kontinent Tangos, wie jener aus dem Senegal, dessen Titel übersetzt „die Flamme“ heißt:

In Buenos Aires wurde der Tango anfangs von der „besseren Gesellschaft“ abgelehnt, was dazu führte, dass ca. ab 1910 Musiker, zu der Zeit waren es nur Männer, nach Europa aufbrachen. In Paris wurden diese Musik und dann auch der Tanz begeistert aufgenommen und im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Das Paris der 1930er Jahre lasse ich nun mit einem Ausschnitt aus dem Film Tango von Carlos Saura wieder aufleben:

Von Paris ausgehend wird der Tango in ganz Europa bekannt und kommt schon bald in das „Paris des Ostens“, nach Bukarest. In den 1930ern verschmilzt die Musik des Tango Argentino dort mit der traditionellen Musik Rumäniens und die melancholischen „Tangos á la Romanesque“ entstehen. Die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu interpretiert heute diese Tangos neu:

Ein Land, in dem der Tango auf seiner Reise durch Europa auf besonders fruchtbaren Boden fiel, war Finnland. Nach dem zweiten Weltkrieg traf er genau den Nerv der Menschen, die ohnehin sentimentale Musik in Moll bevorzugten. Der Finnische Tango wurde ein eigenes Genre und zur Volksmusik. Er wird zu den Mittsommernächten auf den Straßen der Städte und in den kleinsten Dörfern getanzt und gespielt:

Das zweite Mal trat der Tango in den 1980er Jahren ausgehend von Buenos Aires seine Weltreise an. Zur Zeit der Militärdiktatur in Buenos Aires selbst verboten, brach in Europa, aber auch in Nordamerika und Asien, der Tangohype aus. In Europa entwickelte sich vor allem Berlin zur Tangohauptstadt. Eine vielfältige Musik- und Tanzszene blüht hier bis heute. Ein Beispiel dafür ist die Bandoneonspielerin Judith Brandenburg mit ihrem Trio La Bicicleta:

Ein Land, das man eher nicht mit Tango assoziiert, ist Griechenland. Dennoch ist einer der wohl bekanntesten Tangos ein griechischer: To Tango tis Nefelis. Lassen wir nun also so richtig Urlaubsstimmung aufkommen:

Von Griechenland ist es nicht sehr weit bis Serbien und zur Musik der Roma ebendort. Wie der Tango, so hat auch diese Musik Einflüsse verschiedenster Kulturen und Stile in sich vereint, vom Flamenco und dem Walzer bis hin zu Reggae. Und natürlich Tango! Sind wir jetzt also auf den Straßen Osteuropas oder in einer Tangobar in Buenos Aires?

Unsere letzte Station muss auf alle Fälle Buenos Aires sein. Denn in der Geburtsstadt des Tangos, vielleicht auch durch seine Weltreisen belebt, entwickelt sich diese Musik immer weiter, wird neu interpretiert oder nimmt moderne Formen an. Mittlerweile gibt dort die Enkelgeneration der großen Tangomusiker*innen den Ton an, wie Carla Pugliese gemeinsam mit Andrés Linetzky im folgenden Electrotango:

Diese Entdeckungsreise durch die Welt des Tangos zeigt einmal mehr, was schon Leopoldo Marechal meinte: Der Tango ist mannigfaltig, er ist eine unendliche Möglichkeit!

Andrea

 

Die Vielfalt der Tangomusik

Die Vielfalt der Tangomusik

Die frühen Tangos, komponiert vor mehr als hundert Jahren, die Tangos der Goldenen Jahre ab den 1930ern, Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo, bis hin zu Electrotangos unserer Tage – das Spektrum der Tangomusik ist unendlich weit und bunt! Bei unseren Kursen und Workshops versuchen wir, diese Vielfalt hörbar und tanzbar zu machen und einige Beispiele möchte ich in diesem Artikel präsentieren.

Die Musik der großen Tangoorchester ab 1935 ist die klassische Tanzmusik in der Welt des Tangos. Vor allem Carlos di Sarli gilt als leicht tanzbar, das mittelschnelle Tempo seines Orchesters und die von den Geigen getragene Melodie helfen dabei, als Paar oder bei SOLO TANGO als Gruppe in den Tangorhythmus zu finden. Daher spielen wir seine Musik sowohl bei Kursen im Paar als auch bei jenem Teil unseres Workshops, bei dem wir gemeinsam eine Abfolge tanzen. Und so wird manchen von euch El Ingeniero durchaus vertraut sein:

Diese alten Aufnahmen vermitteln eine ganz bestimmte Atmosphäre, die heute nicht mehr alle Tangofans anspricht. Gerne nehmen wir daher auch moderne Interpretationen von altbekannten Tangos, die dann überraschend anders klingen. Las Rositas, 2007 in Buenos Aires geründet, finden wir besonders spannend, denn mit Klavier, Violine und Viola schaffen es die drei jungen Frauen, zum Beispiel dem Klassiker Por una cabeza neues Leben, Frische und Esprit einzuhauchen:

Bei Quadro Nuevo aus Süddeutschland bekommt der Tango allein schon durch die Instrumente eine völlig andere Klangnote – Bassklarinette, Saxofon und Harfe gab es in den großen Tangoorchestern einfach nicht. Als Beispiel nehme ich hier nicht eines der Stücke, die schnell, frech und jazzig daherkommen, sondern eine sehr ruhige, sehr reduzierte Version von El dia que me quieras – ein Tango, der in die Tiefe führt, bei dem sich Entschleunigung und Präsenz beinahe von selbst einstellen:

Doch nicht erst heute gibt es große Veränderungen in der unendlichen Welt der Tangomusik. Gerade in jener Zeit, in der der Tango als Tanz weder in Argentinien und schon gar nicht weltweit populär war, hat er als Musikrichtung neue Impulse erhalten. Bis heute gibt es in Buenos Aires übrigens viele Menschen, die nicht Tango tanzen, aber täglich Tangomusik hören und diese lieben. In den 1970ern war Hugo Diaz einer derjenigen, der mit seiner Mundharmonika eine neue Klangfarbe einbrachte. Seine Interpretationen der klassischen Tangos sind nicht ganz leicht zu tanzen – im SOLO TANGO genießen wir da aber einen größeren Spielraum, sodass wir seine Musik gerne bei Workshops spielen. Als Beispiel wähle ich hier Vida mia:

Wenn wir von Umbrüchen in der Tangomusik und von schwer tanzbarer Musik sprechen, dann sind wir bei Astor Piazzolla angekommen. Der heute wohl bekannteste Tangomusiker und –komponist hat mit seinem Tango Nuevo neue Welten eröffnet. Zu Lebzeiten abgelehnt und manchmal sogar diffamiert, sagen böse Zungen, er habe seine Musik absichtlich noch mehr „untanzbar“ gemacht und als Konzertmusik konzipiert. Einige seiner Stücke wie Libertango oder Adios Nonino werden nicht nur häufig gespielt, sondern gelten auch als gut tanzbar. Ich nehme hier aber das weniger bekannte Musikstück Lo que vendra, das ich sehr gerne SOLO tanzend interpretiere.

Rund um die Jahrtausendwende bis heute ist es der Electrotango, der die Tangomusik wieder auf neue und vielfältige Weise bereichert. Aus der Fülle der Künstler*innen und der Stücke dieser Musikform wähle ich hier Narcotango, gegründet von Carlos Libedinsky. Bei einer Milonga in Berlin haben wir zur Livemusik von ihm und seiner Formation getanzt und waren angetan, von der Feinheit und der Getragenheit ihrer Musik. Das Stück Otra Luna spiegelt diese Atmosphäre gut wider:

Ich habe schon erwähnt, dass Tangomusik nicht immer nur als Tanzmusik verstanden wird. An den Abschluss dieses Überblicks möchte ich aber einen Electrotango von Antonio Colucci stellen, den wir gerne am Ende einer Workshopeinheit spielen. Ich sage an dieser Stelle häufig: „Folgen wir nun einfach der Aufforderung im Titel des nächsten Musikstückes: Dance Tango!“ In diesem Sinne ist es vielleicht spätestens jetzt auch für dich als Leserin oder Leser Zeit, aufzustehen und zu tanzen!

Sigrid

PS: In zwei bzw. vier Wochen gibt es weitere Artikel in dieser kleinen Serie zur Tangomusik!

 

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch ein wesentlicher Impuls für unseren wo/men tango act Mascarada – einem Spiel mit den Masken, dem Blick hinter die Maske und der Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

High Heels?

High Heels?

Zu Bildern von Tangotänzerinnen gehören sie unweigerlich – die High Heels, bis zu 10 cm hoch, bleistiftdünn, mit Riemchen und schmückendem Beiwerk, suggerieren sie schöne, elegante Beine. Aber braucht es sie wirklich, damit ein Tanz nach Tango aussieht?

Bei dem allerersten Tangokurs, den wir besuchten, trug die Tanzlehrerin High Heels und bezüglich der Schuhe befragt, gab sie zur Antwort: „Mit Tango-Tanzschuhen kann ich prima tanzen, aber nicht aufs Klo gehen.“ Also von bequem kann hier nicht die Rede sein. Obwohl ich zugeben muss, dass für die Folgende im Tanz eine gewisse Absatzhöhe schon von Vorteil ist. Ich bekomme dadurch automatisch eine leichte Vorwärtsneigung und bin mehr auf den Ballen, was vor allem Drehungen erleichtert. Aber ein Muss sind sie nicht. Ein Aha-Erlebnis zu diesem Thema hatte ich beim Besuch des ersten Queertango-Festivals. Ein Lehrerpaar bestehend aus zwei Männern gab an einem Abend eine Tangoshow. Beide tanzten in ganz flachen Schuhen, in Herrenschuhen eben, und es war der eleganteste Tango, den ich je gesehen hatte.

So begann für mich die Zeit der Experimente, was die Absatzhöhe betrifft, von flachen Trainingsschuhen bzw. Herrenschuhen bei unseren wo/men tango acts zu mittelhohen, viel getragenen Tanzschuhen (5,5 cm) bis zu eher selten getragenen High Heels (7 – 8,5 cm) probierte ich alles aus. Und für mich stellte ich fest, die Abwechslung macht’s aus, mal fühlte ich mich in flachen Schuhen wohl, ein anderes Mal in hohen.

Es kommt immer auch auf die Situation an. An Tagen z. B., an denen ich auf viele Tanzstunden komme, trage ich nie ganz hohe Schuhe, denn dann sind Fußschmerzen vorprogrammiert. Oder als wir begannen als Straßenkünstlerinnen aufzutreten, stellte sich schnell heraus, dass ich mich in High Heels absolut nicht sicher fühlte. Oder jetzt, wo ich immer mehr auch als Führende tanze, muss ich sagen, dass es sich meist nicht wirklich gut anfühlt, in High Heels zu führen. Manchmal aber bereitet es wirklich Vergnügen auf einer Milonga High Heels zu tragen. Ich kann sie also weder generell empfehlen noch verteufeln. Man/Frau muss es einfach für sich selbst ausprobieren. Ich habe hier bewusst beide Formen verwendet, weil in der Queertangoszene auf Grund der fehlenden festen Rollenzuschreibung auch in der Schuhfrage alles möglich ist. So gibt es z.B. ein Männerpaar, die auch immer wieder Shows tanzen, und zwar beide in High Heels. Sie wurden einmal gefragt, wie sie sich an diese gewöhnt hätten und gaben zur Antwort: „ Die Hausarbeit in High Heels erledigen, ist ein gutes Training“. Nun denn, eine Möglichkeit!

Es gibt aber auch Menschen, für die hohe Absätze absolut keine Option sind. Für die weiblichen davon haben nun zwei Frauen aus Deutschland Schuhe entwickelt, die sowohl feminin und elegant als auch fußgesund und bequem sind. Die erste Serie davon wird gerade eben produziert. In einem kurzen Video präsentieren die beiden die Idee dahinter und ihr Projekt:

Gut, dass es nun dieses Angebot gibt. Ich frage mich nur, ob es notwendig ist, mit flachen Schuhen zu tanzen, als ob ich hohe tragen würde, wie hier im Video zu sehen. Dann kann ich ja gleich hohe anziehen, oder geht es darum, dass ich mit diesen Schuhen gut tanzen und gut auf’s Klo gehen kann?

Es ist also gar nicht so leicht auf die Frage „Welche Schuhe?“, die uns auch auf unseren Kursen und Workshops immer wieder gestellt wird, eine Antwort zu geben. Nur eines lässt sich mit Sicherheit sagen: „Du musst dich in ihnen wohl fühlen!“

Andrea

 

Tango ist …

Tango ist …

… ein Spiel: mit Musik, meiner Gegenüber und mit mir selbst.

… vom Ich zum Du zum Wir zum Ich.

… zärtlich und dynamisch.

… keine Tanzschritte zu lernen, sondern ein Gefühl für die
    Partnerin zu entwickeln.

… ein Selbsterfahrungstrip.

… Verbindung zu mir, Verbindung zu dir.

… Führungsqualitäten entwickeln.

… lebendiges Leben.

… ein lebenslanger Wunsch für alle.

… eine Inspiration für Vieles.

 

Das sind die Aussagen der Teilnehmerinnen unserer Silvester-Tangowoche in Norddeutschland. Falls auch du in Erfahrung bringen möchtest, was der Tango für dich bedeutet: zahlreiche Termine für 2020 inklusive der nächsten Silvesterreise findest du hier.

Andrea und Sigrid

 

The artist is present

The artist is present

Das ist der Titel einer Performance von Marina Abramovic, die man als „Mutter der Performance-Kunst“ bezeichnet. Es ist nun zwar fast 10 Jahre her, dass sie im Rahmen einer Ausstellung über ihre Kunst im MoMa in New York diese Performance gab, aber ich denke das Thema der Präsenz ist aktueller denn je.

Nun, bei dieser Ausstellung, die unter anderem Videos ihrer älteren Arbeiten und von Student*innen nachgestellte Performances zeigte, war Abramovic selbst präsent: Während der gesamten Ausstellungsdauer saß sie drei Monate lang, sechs Tage die Woche, jeweils sieben Stunden in der Mitte des Atriums bewegungslos auf einem Stuhl. Einzeln konnten Zuschauer*innen sich ihr gegenüber setzen, um mit ihr in einen „geistigen Dialog“ zu treten. In einem Dokumentarfilm mit dem gleichnamigen Titel kann man mit verfolgen, was dieses Präsentsein der Künstlerin beim Publikum bewirkt und ausgelöst hat bzw. wie sie sich darauf vorbereitet hat. Ein sehr spannender Prozess! Das zeigt sich schon in der Aussage von Marina Abramovic dazu: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“

Aber warum erzähle ich eigentlich davon? Weil das Thema der Präsenz auch im Tango ein wesentliches ist. Und wir uns als Künstlerinnen natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen. Abramovic meint mit dieser Präsenz, in einen anderen Bewusstseinszustand zu kommen, das Bewusstsein einer erhöhten Aufmerksamkeit für sich selbst und die gegenwärtige Umgebung zu entwickeln. So bereitet sie die Student*innen, die für die oben genannte Ausstellung ihre Performances nachstellen, mehrere Tage lang mit Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen, zum großen Teil in freier Natur, vor. Dieses GANZ DA SEIN im HIER UND JETZT ist nämlich eine ziemlich schwierige Sache, vor allem in unserer schnelllebigen und von digitalen Medien dominierten Zeit.

Vielleicht ist auch deshalb der Tango gerade so beliebt. Denn Angela Nicotra sagt in ihrem Buch Im Kontakt mit der Realität: Der Tango steht für die Möglichkeit, ganz in der Realität, also da zu sein, in einer Realität des Raumes, der Zeit und der Form.

Wir haben heuer im Sommer bei einem Auftritt versucht, diese Art der Präsenz zu verkörpern. Die Tangobilder von Renate Mehlmauer, ich habe davon in einem anderen Blogartikel schon erzählt, haben uns dazu inspiriert. Und auch die Performancekunst von Marina Abramovic war uns Inspiration – auch wenn ich weiß, dass wir Welten von ihrem künstlerischen Format entfernt sind. Bei besagtem Auftritt ist uns diese Präsenz und ein Möglichst-wenig-tun, glaube ich, ganz gut gelungen. Viel schwieriger ist es allerdings bei Straßenauftritten: wenn plötzlich Kirchenglocken zu läuten beginnen, ein Einsatzfahrzeug mit Folgetonhorn vorbeifährt, ein kleines Kind uns zwischen die Beine läuft, … dann selbst präsent zu bleiben, nicht heraus zu fallen, gelingt uns nicht immer. Aber es ist eine wunderbare Herausforderung, es zu üben, immer und immer wieder. Der Tangotanz an und für sich gibt uns dazu ständig die Gelegenheit. Ich zitiere noch einmal Angela Nicotra. Im Tango erleben wir eine andere Qualität der Zeit: alles, was nicht Tanz ist, bleibt außen, ein Gefühl für das Unendliche entsteht, weil Tango ausschließlich im Hier und Jetzt geschieht.

Das kann man sicher auch bei vielen anderen Tätigkeiten erleben, etwa beim Yoga, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Tango ist, wie viele Arten der Meditation, ein Arbeiten an der Achtsamkeit und am Bewusstsein für sich selbst und die Welt. So schließt sich der Kreis vom Bewusstseinszustand, den Marina Abramovic beschreibt, bis zu dem, den Tangotänzer*innen erleben und den wir als Künstlerinnen mehr und mehr erlangen.

Andrea

Literatur- und Filmtipp:
Im Kontakt mit der Realität, Angela Nicotra, Logos Verlag Berlin
The artist is present, Marina Abramovic, 2012

Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung

Bevor wir demnächst für unsere letzten Auftritte dieser Saison nach Deutschland aufbrechen, möchte ich noch von einem Event dieses Sommers berichten: der Ausstellung „Tango“ im Rahmen der Tangowoche im Künstlerdorf Neumarkt a. d. Raab.

Die Künstlerin Renate Mehlmauer, die die Bilder gestaltete, ist selbst Tangotänzerin. Nach der Teilnahme am Tangokurs im Vorjahr, hatte sie die Idee, für dieses Jahr Bilder als Inspiration zum Tanzen zu schaffen. Ein spannender Schaffensprozess begann: Am Anfang war also das Tanzen, das einen inneren Prozess ausgelöst hat. Dann die Idee, dann das Forschen. Renate hat sich Fotos und Videos angesehen, hat uns beim Tanzen fotografiert und mit diesen Fotos experimentiert, hat das Wort selbst erforscht. Sie sagt, TAN ist für sie wie ein Code, und GO die Übung. Dass die zweite Silbe GO auf fast allen Bildern zu finden ist, ist kein Zufall. Denn das englische Wort GO – GEHEN ist die Basis des Tangotanzens und immer auch ein wesentlicher Teil unserer Tangokurse.
Auf einem Bild sticht ein Wort, das man nicht gleich mit Tango assoziiert, besonders ins Auge – SOLO! Das spanische Wort für einzig, allein. In unseren Kursen wird nämlich nicht nur im Paar, sondern auch solo getanzt, jede und jeder tanzt für sich. So sind in zwei Bildern „der Tangomoment eines ganz persönlichen Lebenstanzes“ zu sehen.
Wenn wir das Wort Tango hören, löst das, denke ich, in allen von uns Bilder, Assoziationen aus. Für Renate haben sich im Erleben, Auseinandersetzen und Tun zwei Worte herauskristallisiert, die für sie den Tango ausmachen: Leidenschaft und Disziplin. So sind Bilder entstanden, die wohl nicht den gängigen Tangoklischees entsprechen und deshalb zu einer Auseinandersetzung einladen.

Wir beide haben uns von den Bildern zu einer Performance inspirieren lassen. Die bunten Malereien auf transparentem Plexiglas gaben den Raum vor, den wir dann tanzend erforschten. Zuerst jede solo, präsent und bei sich, dann verschmelzend im Tanz als Paar, um am Schluss wieder in die Ausgangsposition zurück zu kehren, denn letztendlich besteht doch auch das Leben aus diesem Wechsel von Alleinsein und in Beziehung treten.

„Tango und Malerei stehen zueinander im Einklang“ lautete die treffende Überschrift eines Berichtes von diesem Abend in einer Bezirkszeitung. Bildende und darstellende Kunst trafen aufeinander, bereicherten einander, verstärkten einander. Das Überschreiten von Grenzen und disziplinübergreifende Arbeiten führt ja meist zu spannenden Ergebnissen. Und ich denke, dass das Ergebnis unserer Kooperation mit der Künstlerin Renate Mehlmauer gut in die Sommerakademie des Künstlerdorfes passte.

Andrea

 

Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Der August war für uns keine Urlaubs- sondern mit zwei Kurswochen eine intensive Arbeitszeit. Den Anfang machte die Tangowoche Vom solo ins Paar im Künstlerdorf Neumarkt hier im Südburgenland. Wir haben das Konzept mit Solo Tango an den Vormittagen, Tango im Paar an den Nachmittagen und an den Abenden die Möglichkeit zum freien Tanzen verfeinert. In diesen Kurswochen gibt es eigentlich nur Tango, Essen, Schlafen und schöne Begegnungen. Danach sind wir ziemlich erschöpft, wir haben viel gegeben und sind erfüllt von all dem, was wir zurückbekommen. Immer wieder erreichen uns nach den Kursen Mails mit Rückmeldungen der Teilnehmer*innen, die uns beglücken und dankbar machen. In diesem Blogartikel möchte ich sie – anonym – zu Wort kommen lassen.

… Ich wollte mich nochmals bei euch bedanken, ich habe auch im Nachhinein bemerkt, wie gut dieses tägliche Tangosolo-Training war, es hat sich einfach in den Körper eingeschrieben und dann läuft es auf der Milonga im Paar natürlich viel besser. Ich habe mir jetzt angewöhnt, in der Wohnung auch mal zwischendrin ein bisschen Tangosolo zu machen! 

… Ich habe das Gefühl, ihr habt in den Tagen echt alles gegeben. Das hat nicht nur mit Tanz-Haltung zu tun, sondern mit euren Persönlichkeiten. So engagiert, wie ihr unterrichtet, aber auch als einzelne Frauen und als Paar präsent seid, ist sehr besonders.

Die meisten Feedbacks betreffen Solo Tango – nicht nur nach der Solo Tango Sommerwoche, die es heuer zum zweiten Mal in der GEA Akademie im Waldviertel gab, sondern auch nach vielen anderen Workshops. Das Gehen und die aufrechte Haltung werden hier immer wieder genannt:

… Ich vermisse das morgendliche Gehen – welche hätte das gedacht!  Gehen und sonst nichts tun.  Das hat mir sooo gut getan!

Tangoschritte erden — das brauche ich 😉

… Eigentlich hatte ich ja nicht damit gerechnet, dass mir das Tanzseminar so zusagen wird! Mittlerweile verstehe ich auch, dass ihr den Tag gleich mit ein paar Tangos beginnt. Hatte ja selber schon am vorletzten und letzten Seminartag nach dem Aufwachen Tangomusik im Kopf. Als ich aber am Samstag im Supermarkt den Einkaufswagen im Tangoschritt geschoben habe, überlegte ich mir schon, ob ich mich davon nicht wieder „entwöhnen“ sollte!?😄

Auch heute noch, eben auf der Hunderunde, bewege ich mich im Tangoschritt.

… TANGO hilft dabei den Weg zu gehen. Ganz im Hintergrund wirkend.
Ich werde es bewusst einsetzen für mich
IM EIGENEN TEMPO
MIT ERHOBENEM HAUPT
MIT DER MÖGLICHKEIT ZUR FREIEN ERNTSCHEIDUNG

Ich habe gelernt, Haltung zu bewahren und gehe jetzt aufrechter und traue mich mehr aufzuschauen, das habe ich in der jetzigen Lebensphase gebraucht!

… Euer Workshop war mehr für mich als „nur“ tanzen, es war auch Inspiration für eine neue Körper- und vermutlich auch Lebenshaltung!

Vorerst schreite ich nur mit erhobenem Haupte vom Arbeitsplatz zum Drucker und wieder zurück, aber ich studiere schon den Tangokalender!

Dass wir mit Solo Tango vielen Menschen erstmals das Tangotanzen eröffnen, freut uns jedes Mal ganz besonders. Einige betonen das dann auch in ihren Rückmeldungen:

… Mit dem Solo Tango habt ihr einen Raum kreiert, der etwas Einzigartiges ermöglicht: Tanzen. Ich muss nicht warten, bis ich eine Tanzpartnerin habe – ich tanze, also bin ich.

… Habe heute schon intensiv an euch und Tango gedacht, da in Ö1 zwischen 17.30 und 18 Uhr Tangomusik aus Finnland und Buenos Aires. Habe kurz das Einkochen unterbrochen, um zu tanzen :-).

… Ich bin sehr dankbar für den Ort in mir, den ich wiederfinden durfte, wo es tanzt. Es ist kein unbekannter Ort, und doch ein Ort, den ich nicht kannte. Als ob etwas in mir sich erinnert und heimgekehrt ist, obwohl ich nicht wusste, dass ich fort war. Eine tiefe Berührung.

Und wenn die Teilnehmer*innen am Ende einer Kurswoche nach dem Termin für das nächste Jahr fragen, dann wissen wir, dass die Woche gut war. Dass es aber sogar eine Tango-Zeitrechnung gibt hat uns dann doch überrascht:

… Vielen Dank für den Termin für 2020 – eigentlich plane ich nicht so früh im Voraus, aber der Tango ist fix! So geht mein Jahr von Tango zu Tango (August zu August). Auch eine Zeitrechnung!

Also dann, auf ein – weiteres – gemeinsames Tanzen!
Sigrid

 

Anmerkung:
Herzlichen Dank an euch alle, die ihr diese Rückmeldungen geschrieben und euch beim Lesen wiedererkannt habt!

Tanzen bis ins hohe Alter

Tanzen bis ins hohe Alter

… ist im Tango eine Selbstverständlichkeit. Erst kürzlich hat der ORF einen Beitrag über die 92jährige Argentinierin Norma Maturano, die in Salzburg mit ihrem 70jährigen Sohn tanzte, gesendet. Sie tanzt bereits seit 80 Jahren und bewegt sich noch immer geschmeidig und anmutig. Schälmisch lächelnd meint sie: „Wenn ich nicht tanze, sterbe ich!“ In Österreich klingt das unglaublich und außergewöhnlich, in Buenos Aires haben wir alte Menschen immer wieder als Teil der Tangowelt erlebt.

So zum Beispiel das Paar auf dem Foto, das jeden Sonntag während des berühmten Antiquitätenmarktes von San Telmo an einer Ecke der Plaza Dorrego tanzte – begleitet von einem Bandoneonspieler und bestaunt von den zahlreichen Touristinnen und Touristen. Ebenfalls sonntags sind wir regelmäßig in der Confiteria Ideal auf jene Milonga gegangen, die vorwiegend von älteren Tänzerinnen und Tänzern besucht wurde. Gerade die älteren Tanzpaare zelebrieren den Tango in seiner Langsamkeit, interpretieren vor allem die klassische Tangomusik sehr ausdrucksstark und scheinen in ihren Bewegungen ein ganzes Tangoleben zu verdichten. Ihr Tanz lebt nicht von spektakulären Figuren, sondern von der Harmonie als Paar und der Eleganz ihrer Bewegungen. Immer wieder sind uns aber auch Menschen begegnet, die erst im Alter das Tangotanzen erlernen. So zum Beispiel jener Herr, der mit seinen Enkelkindern auf einer Milonga war und sich von ihnen die Basics zeigen ließ. Er gehört zu jener Generation, die in ihrer Jugend keinen Zugang zum Tango gefunden hat, sei es, weil der Rock’n‘Roll verlockender war, sei es, weil die Militärdiktatur der späten 1970er und frühen 1980er Jahre den Tango verboten hat. Sie haben ihr Leben lang die Tangomusik geliebt, aber nie dazu getanzt und als Seniorinnen und Senioren versuchen sie nun die ersten Schritte.

Genau das ist nun auch in Wien möglich, denn seit Februar haben die Pensionistenklubs der Stadt Wien Tango Argentino in ihrem Programm. Jeweils am letzten Freitag des Monats sind wir in zwei Seniorentreffs, am Vormittag im 21. Bezirk und am Nachmittag im 6. Bezirk, und geben einen Tangokurs. Die Idee dazu hatte Markus Gebhardt, ein junger Mann, der im Projektmanagement der Pensionistenklubs tätig ist. Als er gerade am Konzept für einen Regenbogen.Treff im 6. Bezirk, also einem Angebot für gleichgeschlechtlich liebende Seniorinnen und Senioren, feilte, hat er von uns erfahren. Er hat uns kontaktiert und gefragt, ob wir in diesem Rahmen einen Tangokurs geben würden und konnte nicht ahnen, dass das Tangotanzen mit alten Menschen schon lange als Idee in unseren Köpfen herumgeistert. Denn einerseits haben wir ja im SOLO TANGO häufig ältere Teilnehmer*innen. Sie erleben den Tango als Training für den Körper, etwa für das Gleichgewicht, und für den Geist. Und dass Tangotanzen bei Demenz und Parkinson sowohl als Prävention als auch in der Therapie große Erfolge hat, ist mittlerweile reichlich belegt. Ein spannendes Thema und ein spannender Hintergrund für den Tango. Wir sind ja keine Therapeutinnen, sondern vermitteln den Tango als Tanz – und erleben gerade mit den alten Menschen wieder einmal, dass der Tango so vieles eröffnet.

Das Gehen in Umarmung zu erleben, die Schritte bewusst zu setzen, als Paar gemeinsam in Bewegung zu kommen sind wesentliche Aspekte unserer Kurse in diesen Klubs. Und es ist faszinierend und beglückend zu sehen, welche Freude und Begeisterung in den Gesichtern der alten Damen und Herren aufleuchtet. Es geht nicht so sehr um Perfektion und doch ist es ihnen wichtig zu wissen, wie das im Tango so geht und wie sie ihre Schritte setzen sollen. Aber wir spüren eine Gelassenheit und ein Sich-einlassen ohne Verbissenheit in ihrer Art zu tanzen. Was nicht heißt, dass sie nicht an Neuem interessiert sind – immer wieder fragen sie uns, ob der Kurs aufbauend ist und ob das nächste Mal etwas Neues dazukommt. Beim ersten Mal schon sagte ein Herr, wie schade es sei, dass der Kurs nur einmal im Monat stattfindet und beim zweiten Mal kamen so viele, dass die Tanzfläche fast so voll war wie auf einer Milonga in Buenos Aires. Wir spielen auch ganz bewusst jene klassischen Tangos der 1930er und 1940er Jahre, die in Buenos Aires auf Milongas üblich sind und erleben, wie sehr diese Musik den Seniorinnen und Senioren entspricht. Wenn sie ihre Runden drehen ist ihnen anzusehen, wie sie das Tanzen genießen, wie beglückt sie sind, in die Welt des Tangos einzutauchen. Dass es dabei um gesundheitliche Aspekte, um Demenzvorbeugung, um Stabilität der Schritte geht, braucht gar nicht angesprochen zu werden – es passiert ganz von allein.

Bis Juni sind wir an den letzten Freitagen des Monats wieder in Wien, aber vielleicht ist dieser Kurs erst ein Anfang?   

Sigrid