Ist Tango erotisch?

Ist Tango erotisch?

Immer wieder wird gesagt oder geschrieben, von allen Tänzen sei Tango Argentino am meisten erotisch. Manche verlieren sich sogar in Phantasien und meinen, er sei wie Sex auf der Tanzfläche. Nun, wenn eine oder einer das Stichwort Tango googelt, dann sind die Bilder, die auftauchen sehr klischeehaft, gespickt mit Netzstrümpfen und Rotlicht, geprägt von Sexismus samt Machismo und der Unterwürfigkeit von Frauen. Aber ist das wirklich die Welt des Tango Argentino? Meiner Erfahrung nach wird dieses Bild des Tangos als dem erotischen Tanz schlechthin vor allem dann benutzt, wenn die Werbetrommel gerührt wird für Bühnenshows oder Videoauftritte. Meist ist es die Vorstellung jener Menschen, die selbst nicht Tango tanzen, ein Fremdbild also, gut zu gebrauchen, aber schnell abgegriffen und leer.

Ist also gar nichts dran an dieser Vorstellung? Hat Tango Argentino nichts mit Erotik gemein? Beginnen wir mal ganz altmodisch mit einem Blick ins Wörterbuch: der Duden definiert Erotik als die mit sensorischer Faszination erlebte, den geistig-seelischen Bereich einbeziehende sinnliche Liebe.

Da bleibe ich gleich mal an den Begriffen sensorische Faszination und Sinnlichkeit hängen – etwas, das mir bei den oben erwähnten Klischeebildern sicher nicht einfallen würde, das aber meine Erfahrung des Tangotanzens berührt. Mit offenen Sinnen in diesem Moment des Tanzes zu sein, zu hören, zu sehen und vor allem zu spüren. Mit jedem Schritt den Boden zu ertasten und wie Angela Nicotra sagt, dabei die Erde zu liebkosen, ist ebenso ein Teil dieser Sinnlichkeit wie das Spüren und Berühren jener Person, mit der ich gerade tanze. Nicht zufällig wird die Tanzhaltung im Tango Argentino als Umarmung, el abrazo, bezeichnet – ein Wort, das wir aus der Welt der Erotik und Sexualität kennen, aber auch aus der Welt der Freundschaft. Und nicht nur el abrazo findet sich sowohl im Tango als auch in einer erotischen Begegnung, sondern auch jener Dialog ohne Worte, der Dialog der Körper. Wie intensiv dieser Dialog im jeweiligen Augenblick gestaltet wird, wie sehr die beiden Tanzenden mit Nähe und Distanz spielen und sich aufeinander einlassen wollen, bleibt immer wieder neu auszuloten. In diesem Sinne könnte jenes eingangs erwähnte Zitat, das übrigens aus dem Film Dance! stammt, durchaus zutreffen – Tango zu tanzen ist wie Sex, ein Dialog ohne Worte, und wenn man so will, ist Tango also wie Sex auf der Tanzfläche. Das Problem bei solchen Formulierungen ist  leider, dass sie so plakativ und oberflächlich daherkommen. Oder eben mit jenem Tangoklischee verbunden sind, das sich darauf beruft, dass dieser Tanz in den Bordellen von Buenos Aires seinen Ursprung hat. Ich frage mich schon lange, warum die Menschen dort – vor oder nach der erkauften sexuellen Befriedigung im Hinterzimmer – Tango getanzt haben. Das Stillen der Lust ist das eine, aber Sinnlichkeit und das Glück einer Umarmung fanden sie dabei wohl kaum. Diese Sehnsüchte aufzufangen und zu stillen ermöglichte der Tango – in seiner Musik, den Texten und im Tanz.

Wie aber erfahren Tangotanzende heute ihren Tanz? Ich möchte hier zwei Frauen zu Wort kommen lassen, die uns nach einer Kurswoche folgende Texte übergeben haben:

Tango
das ist
Spüren und Berühren
das ist Erde, ist
Musik

Tango
meine Liebe
tanzt mit mir
geht, dreht, steht, fliegt
Musik

Tango
trau dich
in die Nähe
fühle, spüre, berühre mich
dich

Und ich selbst? Sehe ich den Tango als erotischen Tanz? Wann immer es gelingt, mich ganz fallen zu lassen in einen Tanz, in die Musik, in die Begegnung mit dem Du, dann ist Tangotanzen pure Sinnlichkeit. Ein Augenblick, in dem alles andere verschwindet, in dem ich nichts anderes spüre als diese gemeinsamen Bewegungen, fast als wären wir ein Körper und würden im gleichen Herzschlag atmen. Wie in einer Liebesblase über die Erde zu gleiten, getragen von der Musik und der Bereitschaft, ganz bei mir und bei dir zu sein. Ja, das kann prickelnd und erotisch sein! Und ja, es braucht am Ende eines solchen Tanzes ein gemeinsames Auftauchen aus dieser Welt der Sinnlichkeit, ein Zurückkehren in das Hier und Jetzt. Aber nicht jeder Tanz erreicht diese Leidenschaftlichkeit und Hingabe und das ist wohl auch gut so, denn Erotik und Sinnlichkeit sind nun mal nicht alltäglich, sondern zählen zu den besonderen Momenten – im Tango wie im Leben!

Sigrid

Ladies first!

Ladies first!

Im heurigen Jahr gab es in Graz eine großartige Ausstellung mit diesem Titel. Hier wurden bildende Künstlerinnen eines Jahrhunderts (1850 – 1950) aus der Steiermark vorgestellt. Künstlerinnen, die kaum bekannt sind, da sie in der Kunstgeschichte keine Erwähnung finden bzw. an den Rand gedrängt wurden. Und so erging es Frauen in vielen Bereichen, also auch den Frauen in der darstellenden Kunst und im Speziellen in der Geschichte des Tango Argentino. In diesem musikalischen Blogartikel sollen sie in der ersten Reihe stehen!

Tatsächlich waren die Frauen schon immer ein wichtiger Teil der Tangogeschichte, als Musikerinnen, Komponistinnen und Sängerinnen. Einen Platz auf den Bühnen bekamen sie erst als der Gesang an Bedeutung gewann, denn als Musikerinnen wurden Frauen in den „typischen“ Orchestern nicht aufgenommen. Manche schafften es trotzdem Aufmerksamkeit zu erlangen, wie z. B. Parquita Bernardo (1900 – 1925) als erste professionelle Bandoneonista. Von ihr selbst gibt es keine Aufnahmen, aber einige ihrer Werke wurden später unter anderem von Carlos Gardel oder Roberto Firpo aufgenommen und sind somit bis heute erhalten.

Eine Komponistin, die ebenso in der frühen Zeit des Tangos aktiv war, ist Rosita Melo. Sie gilt als erste weibliche Tangokomponistin, die weltweites Ansehen genoss und war eine Art Wunderkind. Denn schon mit 14 Jahren komponierte sie einen der erfolgreichsten Tangos überhaupt, den Vals Desde el alma aus dem Jahr 1917. Hier eine Version aus dem Jahr 1946 vom Orchester Francisco Canaro und gesungen von Nelly Omar, die als Sängerin 87 Jahre lang aktiv war.

Rosita Quiroga (1896 – 1984) war eine Volkssängerin, die von Ort zu Ort zog, Gitarre spielte und Lieder interpretierte. Eine Frau aus den Slums und die erste, die den Tango der Slums etablierte. Und die erste Frau, die für einen Rundfunksender arbeitete und Radioaufnahmen machte. Oime negro wurde von ihr komponiert und getextet, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1928.

Die wichtigste Tangosängerin der 1920er Jahre war Azucena Maizani (1902 – 1970). Sie trat viele Jahre lang in Männerkleidung auf und wurde auch als Schauspielerin zu einem internationalen Star. Und sie war, wie viele andere Tangosängerinnen, Komponistin. Der Tango Pero … yo sé aus dem Jahr 1928 ist ihr berühmtestes Werk.

Ebenfalls Schauspielerin und Sängerin,  vor allem bekannt durch ihre Interpretation von Tangos, war Libertad Lamarque (1908 – 2000). Sie gehörte zu den Ikonen der goldenen Ära des argentinischen und mexikanischen Kinos und gilt bis heute als die im Ausland erfolgreichste Schauspielerin Argentiniens. Der Vals Una vez en la vida stammt aus dem gleichnamigen Film von 1941.

Tita Merello (1904 – 2002) wuchs in einem Waisenhaus in Armut auf und beschloss eines Tages: Ich sollte eine große Schauspielerin in Buenos Aires werden! Ihre Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, sie drehte über 30 Filme und hatte 20 Theaterstücke uraufgeführt. Die Milonga Se dice de mi zählt zu ihren bekanntesten Stücken, hier in einem Filmausschnitt aus dem Jahr 1955.

Nun von den Sängerinnen wieder zu den Musikerinnen. Eine, der die Musik in die Wiege gelegt wurde, war Beba Pugliese. Sie wurde 1936 in die Musikfamilie Pugliese geboren – nicht nur ihr Vater Osvaldo, sondern auch der Großvater, die Tante (ihre Klavierlehrerin), mehrere Onkel und Cousins waren Musiker*innen. Sie selbst wird trotz des nicht immer leichten Erbes, das sie trägt, eine anerkannte Pianistin und Komponistin. Sie spielt in mehreren Orchestern bevor sie das ihres berühmten Vaters übernimmt und als Orquesta Beba Pugliese weiterführt.  Hier Memorias von ebendiesem gespielt.

Aktuell gibt es unzählige Frauen, die Tangos komponieren, als Musikerinnen interpretieren oder singen. Die drei folgenden Beispiele sind also nur eine kleine Auswahl aus der Vielfalt von Tangomusik, die heute von Frauen gemacht wird.

Beata Söderberg ist eine schwedische Cellistin. Sie begegnete dem Tango 1997 in New York, begann zuerst zu tanzen und sich dann mit der Tangomusik zu beschäftigen. Sie komponierte erste Tangos als Fusion zwischen der Melancholie der skandinavischen Volksmusik und der Leidenschaft des argentinischen Tangos, aufgepeppt mit ein bisschen Jazz. 2004 ging sie nach Buenos Aires, gründete eine Band und nahm die ersten Tangoplatten auf. Hier zu hören Está loca mit ihrem Quintett bestehend aus klassischen Tangoinstrumenten, aber dem Cello als Führungsstimme.

Wir bleiben in Skandinavien, bei Las chicas del Tango aus Finnland. Das sind drei junge Frauen (Akkordeon, Klavier und Gesang), die in ihren Kompositionen finnischen Tango mit Klassikern des argentinischen Tangos verbinden oder argentinische Poesie vertonen, wie hier das Gedicht Un sol von Alfonsina Storni.

Den Schlusspunkt setzt das kosmopolitische Damenorchester Sciammarella Tango  bestehend aus Musikerinnen aus verschiedenen Ländern, die sich in Buenos Aires niedergelassen haben und dort in renommierten Symphonie- und Tangoorchestern spielen. Ihr Album Tangos Franco-Argentinos aus dem Jahr 2018 ist der Verbindung von Frankreich und Argentinien durch den Tango gewidmet, etwa, in dem der klassische argentinische Tango Comme il faut französisch gesungen wird.

Andrea

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

… war eine der Antriebsfedern für die Entstehung des Tangos als Tanz. Und seine Entstehung war eine große Entwicklung in der Geschichte des Tanzes überhaupt, denn es wurde etwas Neues geschaffen, das sich von allem Bisherigen unterschied. Tango Argentino ist ein einmaliger, besonderer Tanz und das rührt sicher von seinen Wurzeln her, vom Ursprung. Die Choreografie des Tangos hat sich dann, wie alles Lebendige und Beständige, fortwährend weiterentwickelt und zählt heute sogar zum Weltkulturerbe.

So gibt es auch sehr viel Literatur über Tango und dessen Entstehung. Bisher haben wir eher über die Entwicklung der Tangomusik von ihren Anfängen bis herauf zum modernen Elektro-Tango gelesen und darüber in einigen Blogartikeln berichtet. Unlängst ist uns ein Buch in die Hände gefallen, in dem es neben der Tanztheorie um die Tanzgeschichte des Tango Argentino geht: Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel. Das Folgende gibt einen kurzen Einblick in Erkenntnisse, die ich besonders spannend fand.

Woher kommen also die Besonderheiten dieses Tanzes?
Die Menschen, die ihn formten, lehnten sich gegen die damalige Kultur und Gesellschaftsstruktur auf und sie hatten den Mut, das Gesicherte der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zur Zeit der Entstehung des Tangos (ca. 1860 – 1890) wuchs in den Vorstädten von Buenos Aires eine Bevölkerung von zweierlei Herkunft. Erstens kamen sie aus dem Landesinneren Argentiniens, die sogenannten Gauchos, die als Nomaden durchs Land zogen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts aber ihr Leben nicht mehr in dieser Weise fortsetzen konnten, da das Land privatisiert wurde. Und zweitens waren es die Einwanderer aus Europa, die sich in der „neuen Welt“ ein besseres Leben erwarteten. Beide Gruppen waren entwurzelt und aus der Bahn geworfen. Sie galten als fremd in der Stadt und ihnen fehlte eine Identität. Und sie trugen ein unbändiges Verlangen nach Freiheit in sich. Diese Situation bereitete den Boden für die Entstehung von etwas Neuem.

Die erste Tangogeneration entwickelte eine schöpferische Kraft und fand im Tangotanz ein Gefühl der Menschenwürde, ein Empfinden von Freude und eine kollektive Identität. Sie erlangten die höchste Perfektion, die den Menschen jener Zeit für ihre Selbstverwirklichung zur Verfügung stand. Und dieser Hintergrund spiegelt sich in dem, was den Tango als Tanz ausmacht – nämlich das vollkommene Fehlen von im Voraus festgelegten Tanzschritten und Abläufen. Von allen volkstümlichen Tänzen ist der Tango der einzige, in dem die Improvisation das wesentliche Element der choreografischen Form darstellt. Jede*r Tänzer*in kann eine individuelle Choreografie entwickeln und derselbe Tango wird nie zweimal gleich getanzt. Außerdem bietet der Tango als einziger Tanz die Möglichkeit, nicht zu tanzen, sozusagen „nein“ zu sagen – auch das eine Dimension von Freiheit. Seinen spezifischen Charakter erhielt er zusätzlich durch eine vielfältige Symbolik und eine spezielle Technik, die sich unter anderem von der Reit- und Kampfkunst der Gauchos ableitete. Und das Bedürfnis und die Suche nach Identität führten zur stolzen Haltung des sich Vorzeigens. Anfangs nahmen die Menschen die Tanzpositionen sehr genau ein, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu erkennen zu geben, und sie entwickelten eine Vielzahl von Codes, um diese zu stärken. Wesen und Antrieb des Tangos war also die Freiheit, das gemeinschaftliche Handeln selbst zu bestimmen.

Sehr interessant finde ich außerdem, dass es den Tango als Tanz vor dem Tango als Musik gab. In dieser ersten Epoche der Entstehung tanzte man eine Choreografie ohne eindeutig definierte Musik. Was an diesem Anfang entstand, lässt sich wohl als neuer Modus, sich zu bewegen und zu tanzen bezeichnen. Man tanzte auf eine andere Weise und in neuer choreografischer Form, aber nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, …

So entstanden in jener Zeit auch die drei Rhythmen, die sich bis heute erhalten haben, nämlich Tango, Milonga und Vals, zu denen in ein und derselben choreografischen Form und Weise getanzt wird. Und so lässt sich auch erklären, dass man auf Nicht-Tango-Musik, sogenannte Nontangos, wunderbar Tango tanzen kann.

An das Ende stelle ich hiermit wieder einmal ein Zitat von Leopoldo Marechal, das auch auf unserer Website zu finden ist: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit, um unsere Sehnsucht nach Freiheit zu stillen, ergänze ich an dieser Stelle.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Tango-Coaching, ein gelungenes Experiment

Tango-Coaching, ein gelungenes Experiment

Vieles, das uns vertraut und lieb ist, war in den vergangenen Monaten der Pandemie nicht möglich. Das hat dazu geführt, dass wir alle in den verschiedensten Lebensbereichen kreativ und erfinderisch wurden und begonnen haben, Neues auszuprobieren.  Für uns war und ist dabei entscheidend, ob  dieses Neue, diese Idee sich gut und stimmig anfühlt. Die erste Frage lautete daher immer: ist es unseres? Denn wir haben in den Jahren, in denen wir mit dem Tango unterwegs sind, gelernt, dass nur das gut gelingt, was wirklich zu uns passt. 

Schon im 1. Lockdown vergangenes Frühjahr wurden wir gefragt, ob wir unsere Tangokurse nicht online anbieten könnten, und sosehr wir den Wunsch nachvollziehen konnten, war da sofort dieses Gefühl: nein, das ist es nicht! Vorerst hatten wir aber leider auch keine Alternative anzubieten. Nachdem es mit der Reihe Tango del dia gelungen ist, mit vielen unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer  in Verbindung zu sein, merkten wir selbst, dass es an der Zeit war für ein Angebot, das dabei helfen kann, am Tanzen dranzubleiben und dabei von uns ein Stück begleitet zu werden – und ganz plötzlich kam auch die passende Idee!

Bereits seit Anfang Februar verabreden wir uns nun mit Tänzerinnen und Tänzern im virtuellen Tanzsaal – wir hier in unserem Haus im Südburgenland, die anderen in ihren Küchen oder Wohnzimmern nah und fern – zu einem Coaching per Skype. Meist haben die Teilnehmer*innen sich schon ein wenig eingetanzt und sie wählen Musik, zu der sie gerne tanzen. Das wiederum ist für uns immer wieder spannend – mal ist es vertraute Musik, die wir bei unseren Kursen verwenden, dann wieder überraschend andere Klänge, sogenannte Non-Tangos, also Musik anderer Genres, zu denen es sich wunderbar tanzen lässt.

Am Beginn laden wir immer dazu ein, einen Tango zu tanzen, bei dem wir zuschauen. Für uns ist dabei ein sehr genaues Hinschauen angesagt – der Bildschirm ist ja recht klein, der Blickwinkel nicht immer perfekt. Ich finde es herausfordernd und zugleich spannend, den Blick so sehr zu fokussieren und schon bei diesem ersten Tanz eine Idee zu bekommen, worum es in diesem Coaching gehen könnte. Wenn die Teilnehmer*innen konkrete Fragen haben, dann beginnen wir natürlich mit diesen und heben unsere Beobachtungen für später auf. Nach dem Tanz beginnt der notwendige Ortswechsel – von der Tanzfläche zum Bildschirm für ein kurzes Gespräch, danach stehen wir auf und gehen in unseren Tanzbereich, um das, was wir erklärt haben nun auch zu zeigen, kehren wieder zurück zum Computer und so weiter und so fort. So bleibt das Coaching lebendig und abwechslungsreich und die Zeit verfliegt recht schnell.

Dabei gibt es natürlich immer wieder kleine Hoppalas, etwa einen zu stark gekippten Bildschirm, sodass die Kamera einen sonderbaren Bildausschnitt einfängt, und so lachen wir alle viel und haben manchmal richtig Spaß miteinander. Immer wieder bekommen wir auch Katzen zu sehen, die quer über die Tanzfläche spazieren oder sich genau in deren Mitte genüsslich platzieren. Nicht nur durch solche Ereignisse läuft ein Online-Coaching anders als eine Privatstunde, mit der dieses Format am ehesten zu vergleichen wäre. Wir haben sehr bald gemerkt, dass wir in dieser virtuellen Begegnung die Tipps in kleine Häppchen zerlegen müssen, um sie im wahrsten Sinne des Wortes rüber zu bringen. Vor allem bei komplexeren Bewegungen braucht es dieses Erarbeiten Schritt für Schritt und ein anschließendes, vielleicht sogar mehrfaches Wiederholen. Aber das Ziel ist ja auch gar nicht, in eine Coaching-Einheit möglichst viel hineinzupacken. Es geht einfach darum, in Übung zu bleiben, am Tango dran zu sein und vor allem auch darum, uns als Ansprechpartnerinnen für Fragen zur Verfügung zu haben.

Übrigens gilt das nicht nur für Tanzpaare – wir hatten auch schon ein Solo-Tango-Coaching mit einer Person! Auch dabei haben nicht wir die Musik ausgewählt, sondern wurden mit wunderbaren Klängen überrascht. Zu dritt haben wir dann in den beiden Küchen getanzt, wobei wir ähnlich wie bei einem Workshop, die Basics angeleitet haben und Impulse für den freien Tanz gaben.

Der Tenor war derselbe wie beim Coaching im Paartanz: es ist zwar nicht so fein, wie das reale gemeinsame Tanzen, aber es ist ein gemeinsames Tanzen! In diesen langen Monaten ohne Kurse und Workshops kann ich nur sagen: na bitte, das ist doch schon was!

Sigrid

PS: Wir bieten dieses Coaching nach Verfügbarkeit weiterhin montags und freitags von 19.00 – 21.00 und dienstags und samstags von 16.00 – 18.00 Uhr an.

Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Ein kleines Lexikon der Tangobegriffe

Bekanntlich gibt es ja ganz unterschiedliche Arten zu lernen und in unseren Workshops und Kursen erleben wir dies immer wieder. Da sind jene Menschen, die in die Musik und in ihre Bewegungen hinein spüren, die sich ganz in das Gefühl des Tango Argentino fallen lassen. Sie lernen über das Spüren und sind manchmal richtige Naturtalente im Tango. Dann gibt es diejenigen, die übers Schauen lernen. Im Solo Tango tanzen sie oft ein paar Schritte hinter mir und haben meine Füße im Blick, schauen sich die Schritte und Bewegungen ab und speichern sie so. Wieder andere wollen alles genau wissen, sie fragen nach wie eine Bewegung heißt und wünschen sich Erklärungen. Sie lernen über das Verstehen und der Tango gelangt üben den Kopf in den ganzen Körper. Tatsächlich sprechen auch wir immer wieder vom Vokabel lernen – der Körper lernt neue Bewegungen wie einst der Kopf die irregular verbs.
Von einer Teilnehmerin, die am besten über das Wissen und Verstehen lernt, kam kürzlich der Wunsch nach einem Lexikon der Tangobegriffe auf unserer Website. Here we are!
Wir ordnen die „Tangovokabeln“ nicht alphabetisch sondern orientieren uns am Tanzen, beginnen also mit den Basics und öffnen sprachlich die unendliche Welt des Tango Argentino.

caminar – das Gehen: Die Gehschritte in alle Richtungen (vorwärts, rückwärts, seitwärts) sind die Basis und der Ausgangpunkt für alle anderen Bewegungen. Wir nennen sie gerne das ABC des Tangos.

el abrazo – die Umarmung: Die Tanzhaltung hat im Tango wirklich diese wunderschöne Bezeichnung. Arme und Schultern der beiden Tanzenden bilden dabei einen Kreis, der möglichst stabil bleibt.
Gemeinsam mit caminar sind wir damit beim „Gehen in Umarmung“.

la pausa – die Pause: Das Gehen zu unterbrechen und Pausen zu machen gehört zum Wesen des Tango Argentino.

la cunita – die Wiege: Durch die Wiederholung eines Vorwärts- und eines Rückwärtsschrittes ergibt sich die Wiege. Sie kann linear, also geradeaus und in Tanzrichtung verbleibend oder zirkular mit einer integrierten Drehung getanzt werden. Dann ist die Wiege eine elegante Form, um die Kurve zu tanzen oder nach einer Halbdrehung zurück in Tanzrichtung zu kommen.

Disociacion – Trennung: Für diese elementare Bewegung wird der Körper quasi zweigeteilt. Der Oberkörper ist der Partnerin/dem Partner zugewandt, während die Hüfte und die Beine in Tanzrichtung bleiben. Die Disociacion, die durch das Verdrehen des Oberkörpers durch die führende Person erfolgt, wird für zahlreiche Bewegungen benötigt und sie bewirkt, dass die Verbindung zwischen den beiden Tanzenden bestehen bleibt.

la cruz – das Kreuz: Das Überkreuzen der Beine im Gehschritt, geführt durch eine Oberkörperdrehung.

los adornos – die Verzierungen: Sie sind die spielerischen Elemente, die die Strenge des Tangos aufheben und Freiraum für Kreativität schaffen. Das Gewicht ruht dabei auf dem Standbein, das Spielbein ist frei für die Verzierungen. Zwei davon, die vielfältig variiert werden können, möchte ich hier nennen:
el lápiz – der Stift: Mit der großen Zehe oder mit dem Absatz des unbelasteten Beines werden am Boden Kreise gezeichnet.
el golpe – der Schlag: Wir nennen diese Verzierung einfach nur Taps, denn dabei wird während des Gehens oder in einer Pause mit der Fußspitze auf den Boden getippt.

los ochos – die Achten:  Bei dieser fließenden Schrittkombination, bestehend aus einem Schritt und einer Drehung auf dem Zehenballen,  schreiben die Füße am Boden eine Acht. Je nach Schrittrichtung wird ein ocho adelante – ein Vorwärtsocho oder ein ocho atrás – ein Rückwärtsocho getanzt.

el ocho cortado – die abgeschnittene Acht: Der Name dieser Schrittfolge ist etwas irreführend, denn er sagt, dass dabei ein Ocho abgebrochen wird. Tatsächlich ist es aber ein Giro, der hier unterbrochen und nicht zu Ende geführt wird.

el giro – die Drehung: Bei dieser Drehung mit einer fixen Schrittfolge (Rückwärtsocho, Seitenschritt, Vorwärtsocho und noch ein Seitenschritt) bleibt die führende Person meist am Platz stehen und die folgende Person geht um sie herum. Es gibt zahlreiche Varianten des Giros, zum Beispiel auch, dass beide Tanzenden gleichzeitig umeinander gehen. In Deutschland wird dieses typische Tangoelement eher als Molinete bezeichnet.

la sacada – auch la entrada, das Eintreten: Eine Sacada ist ein Schritt in den Tanzbereich des Partners bzw. der Partnerin. Dabei kann das Bein der anderen Person berührt und verdrängt werden, um dessen Platz einzunehmen, eine Sacada kann aber auch ohne Berührung getanzt werden.

la barrida – von barrer, fegen: Dabei wird der Fuß des Partners bzw. der Partnerin mit dem eigenen Fuß am Boden weggeschoben. Eigentlich ist es aber kein Wegfegen des Fußes, sondern ein Begleiten des Schrittes.

 el voleo – der Flieger: Nicht der Partner oder die Partnerin fliegt, sondern durch ein rasches Abstoppen der Bewegung fliegt das freie Bein der folgenden Person.  Dieses Fliegen-lassen des Beines kann je nach Akzent als hoher oder niedriger Voleo geführt werden.

el gancho – der Haken bzw. der Beinhaken: Das Spielbein der folgenden Person schwingt um das Bein der führenden Person und hakt dabei in deren Kniekehle ein.

Auch wenn es vielleicht nicht so aussieht – dies ist eine kleine Auswahl, in der die wichtigsten und häufigsten Begriffe zusammengestellt sind. Hier immer wieder mal nachlesen zu können und Tanzelemente beschrieben zu finden, vielleicht als Nachlese eines Kurses oder einfach aus Interesse, ist die Idee dahinter. Wir hoffen, dass dies hilfreich ist und deine Neugier für den Tango damit ein wenig gestillt wird – oder neu entfacht.

Sigrid

 

Queer Tango, auch in Wien!

Queer Tango, auch in Wien!

Zu Queer Tango haben wir in unserem Blog ja immer wieder einmal schon geschrieben. Aus aktuellem Anlass, nämlich dass vor einer Woche eine Queer Milonga in Wien stattfand, möchten wir das Thema nochmals aufgreifen.
So wie sich ja der Tango weltweit verbreitet hat, hat sich auch diese Bewegung innerhalb der Tangowelt in vielen Ländern und Städten etabliert. Deshalb freut es uns ganz besonders, dass auch in Wien immer mehr queer getanzt wird und diese Milonga ein toller Erfolg war: viele nette und offene Menschen, schöne Location, gute Musik, herzliche Betreuung, einfach rundum eine angenehme Atmosphäre. Wir haben es sehr genossen, dabei zu sein.

Nun, was ist Queer Tango eigentlich?
Da gibt es mittlerweile viele Definitionen, Beschreibungen und auch schon Studien. Ich möchte mich in diesem Artikel auf Mariana Docampo beziehen, die in Buenos Aires Queer Tango mit begründet hat. Ihr geht es darum, eine offene Tangoumgebung zu erschaffen, befreit von den traditionellen Tangoregeln, und neue Kommunikationsformen im Tanz zu ermöglichen. Der Zweck ist, Tango zu tanzen ohne festgelegte Rollen angepasst an das Geschlecht der Tanzenden. Daraus ergeben sich unzählige Möglichkeiten fürs Tanzen.

Das Wort queer bedeutet wörtlich übersetzt: sonderbar, seltsam, wunderlich, komisch.
Es wurde benutzt um die schwule, lesbische, trans- und intersexuelle Community zu benennen. Daraus ergab sich eine Bewegung, die konfrontierend und subversiv gegen konservative Einstellungen auftrat, um dem Wort  queer eine neue Bedeutung zu geben. Es beinhaltet alles, was nicht Standard ist und ermöglicht somit Diversität. Auch hier ging es darum, eine freie Umgebung zu schaffen, in der Menschen sich so ausdrücken können, wie sie sich wirklich fühlen.

Queer Tango gibt die Möglichkeit, die Rolle im Tanz frei zu wählen. Alle lernen zu führen und zu folgen. Die Tanzenden entscheiden gemeinsam, wer welche Rolle einnimmt oder ob während des Tanzes gewechselt wird. Nachdem Tango als Tanz nicht nur Musik und Bewegung ist, sondern auch Kommunikation zwischen zwei Menschen, kann es so zu einer Begegnung auf Augenhöhe kommen, in der jede/r sich so ausdrücken kann wie er/sie sich fühlt (siehe oben!). Einen Eindruck davon vermittelt dieses Video vom Queertango Festival 2016 in Berlin:

Bei der Queer Milonga in Wien wurden wir gefragt, was denn Queer Tango für uns bedeutet, und wir haben diese Antwort gefunden:  Queer bedeutet für uns Buntheit, Vielfalt und Offenheit – alles hat Platz, vieles ist möglich, das queere Leben ist voller Überraschungen. Ganz nach dem Motto von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit.

Andrea

Zum Weiterlesen gibt es folgende Blogartikel: Queer Tango und Queertango-Festival

L’ultimo Tango!

L’ultimo Tango!

In der Welt des Tangos gibt es einige Traditionen, vielleicht könnte man sogar von Ritualen sprechen, die sich im Lauf der Zeit rund um den Globus verfestigt haben. Der typische Aufbau einer Tango-Tanzveranstaltung wird beispielsweise auf den meisten Milongas weltweit praktiziert. Andere Rituale wie die Mirada, also das Auffordern zum Tanz über den Blick, gibt es fast nur noch in traditionellen Kreisen. Und nicht immer ist klar, ob der ursprüngliche Schlusspunkt einer Milonga noch in der Weise praktiziert wird, wie es in Buenos Aires üblich ist – denn so manche*r hört und tanzt frühmorgens den letzten Tango einer Milonga nicht mehr. Wir pflegen diese Tradition – den letzten Tango anzukündigen und dabei immer dasselbe Musikstück, nämlich eine La Cumparsita, zu spielen, nicht nur auf unseren Milongas und Übungsabenden, sondern beenden auch jeden unserer Kurse und Workshops mit diesem „Tango der Tangos“. Und so beschließen wir auch diese kleine Reihe zur Tangomusik mit L’ultimo Tango – aber nicht nur mit einer Version, sondern mit ganz unterschiedlichen Interpretationen.

Er wurde schon im Jahr 1916 von Gerardo Matos Rodriguez komponiert, und zwar für den Karnevalsumzug in Montevideo. Daher auch der Titel, denn La Cumparsita heißt Der kleine Karnevalsumzug. Es gibt dieses Stück nicht nur in mehreren Textversionen, sondern auch die Arrangements sind unglaublich vielfältig. An den Anfang setze ich eine Variante mit gesprochenem Text, in dem der Sprecher der Frage nachgeht, was den Tango eigentlich ausmacht. Er schließt mit den Worten: „ … para mi, eso es el tango – dies ist für mich der Tango!“

In den Goldenen Jahren des Tangos entwickelte sich La Cumparsita zum selbstverständlichen Abschluss einer Milonga. Daher war dieser Tango im Repertoire jedes Orchesters, jeder Sängerin und jedes Sängers. Als Beispiel für eine gesungene Cumparsita wähle ich „La dama del Tango“: Mercedes Simone:

Mit La Cumparsita ist es demnach auch gut möglich, einige der bekanntesten Tangoorchester jener Zeit zu beschreiben. Beim Anhören desselben Musikstücks in den jeweiligen Interpretationen sind die charakteristischen Merkmale, der Stil ihrer Arrangements gut erkennbar. Den Anfang macht hier der „König des Taktschlages“ höchstpersönlich, Juan D’Arienzo. Typisch für ihn ist der schnelle, klare Beat, der manchmal auch als Staccato-Schliff bezeichnet wird. Andere wieder nennen sein Orchester eine Rhythmusmaschine, in der das Klavier das tragende Element ist. Mit fünf Geigen und fünf Bandoneons – jeweils eines mehr als üblich – ist das Orchester sehr beweglich und flexibel. In vielen der Arrangements von D‘Arienzo gibt es kaum Pausen, die Aufnahme aus dem Jahr 1961, die ich hier gewählt habe, spielt aber genau mit diesem Überraschungseffekt und lässt uns zwischendurch glauben, wir wären schon am Ende angelangt. Überhaupt würde ich empfehlen, dieses Video zweimal anzuklicken – einmal, um dem einzigartigen Stil des Dirigierens von D’Arienzo und dem Ausdruck der Musiker zuzusehen, ein zweites Mal, um genau hinzuhören:

Als nächstes kommen wir zu Carlos di Sarli, der selbst das Klavier spielt und vom Klavier aus das Orchester dirigiert. Charakteristisch für ihn ist das mittelschnelle Tempo – deutlich langsamer als vorhin bei D’Arienzo – und dass die Melodie im Zentrum der Arrangements steht. Der typische Di Sarli- Klang entsteht durch die Geigen – manche sagen sogar: Di Sarli macht alles mit den Geigen! Doch bei genauem Hinhören fallen auch die trillerartigen Einwürfe des Klaviers auf, mit denen Di Sarli die einzelnen Phrasen verbindet und so die Musik geschmeidig abrundet.

Mit Anibal Troilo kommen wir zu jenem Orchester, dem extrem hohe Qualität und brillante Arrangements zugesprochen werden. Der sogenannte Troilo-Sound versteht es, zügig zwischen abgehackten, stakkatoartigen Passagen und glattem Legato hin und her zu wechseln. Obwohl Troilo selbst das Bandoneon spielt und aufgrund der Ausdrucksstärke seines Spiels vielfach als bester Bandoneonspieler aller Zeiten bezeichnet wird, tritt er damit nicht in den Vordergrund – seine Soli sind eher schlicht und zurückhaltend. Die zentrale Rolle spielt vielmehr das Klavier, über viele Jahre hinweg ist der Pianist Orlando Goni, der einen neuen Stil des Tango-Klavierspiels entwickelte, die tragendende Figur dieses Orchesters.

Nach diesen drei Beispielen aus den Goldenen Jahren und von klassischen Tangoorchestern machen wir einen großen zeitlichen Sprung in das heutige Buenos Aires. Reduziert auf Klavier und Bandoneon versteht es das Duo Ranas dennoch, den ganzen Raum mit ihrer Musik zu füllen und überraschende Akzente zu setzen. Mehrmals schon hatten wir – in Buenos Aires und in Graz – das Vergnügen, zu ihrer Livemusik zu tanzen. Immer wieder aber sind ihre Arrangements nicht in erster Linie zum Tanzen, sondern einfach für den Hörgenuss gedacht. So, wie diese Version der Cumparsita:

Wenn wir am Ende eines Workshopwochenendes oder einer Tangowoche „L’ultimo Tango“ ankündigen, entscheiden wir uns oft für ein grande finale: die süddeutsche Formation Quadro Nuevo hat 2011 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunkorchester eine CD aufgenommen und die darin enthaltene Version von La Cumparsita ist wahrlich ein krönender Abschluss. So bleibt mir auch jetzt nur noch die Ankündigung: L’ultimo Tango!

Sigrid

Verwendete Literatur: Tangogeschichten, Michael Lavocah

In 8 Tangos um die Welt

In 8 Tangos um die Welt

Nun ja, nicht ganz, Afrika, Europa und Lateinamerika sind die musikalischen Stationen dieser Reise. Der Tango hat ja mehrmals ausgehend vom Rio de la Plata-Gebiet eine Weltreise angetreten und ist heute auf allen Kontinenten zu Hause. Mit den Einflüssen der jeweiligen Kultur hat er somit viele unterschiedliche Klangfarben erhalten, die diese Musik immer wieder spannend machen.

Beginnen wir unsere Reise also in Afrika. Eine der Wurzeln des Tangos ist nämlich die afrikanische Musik. Der Rhythmus der Candombe ist zur Entstehungszeit des Tangos in dessen Musik eingeflossen. Aber auch heute entstehen am afrikanischen Kontinent Tangos, wie jener aus dem Senegal, dessen Titel übersetzt „die Flamme“ heißt:

In Buenos Aires wurde der Tango anfangs von der „besseren Gesellschaft“ abgelehnt, was dazu führte, dass ca. ab 1910 Musiker, zu der Zeit waren es nur Männer, nach Europa aufbrachen. In Paris wurden diese Musik und dann auch der Tanz begeistert aufgenommen und im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Das Paris der 1930er Jahre lasse ich nun mit einem Ausschnitt aus dem Film Tango von Carlos Saura wieder aufleben:

Von Paris ausgehend wird der Tango in ganz Europa bekannt und kommt schon bald in das „Paris des Ostens“, nach Bukarest. In den 1930ern verschmilzt die Musik des Tango Argentino dort mit der traditionellen Musik Rumäniens und die melancholischen „Tangos á la Romanesque“ entstehen. Die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu interpretiert heute diese Tangos neu:

Ein Land, in dem der Tango auf seiner Reise durch Europa auf besonders fruchtbaren Boden fiel, war Finnland. Nach dem zweiten Weltkrieg traf er genau den Nerv der Menschen, die ohnehin sentimentale Musik in Moll bevorzugten. Der Finnische Tango wurde ein eigenes Genre und zur Volksmusik. Er wird zu den Mittsommernächten auf den Straßen der Städte und in den kleinsten Dörfern getanzt und gespielt:

Das zweite Mal trat der Tango in den 1980er Jahren ausgehend von Buenos Aires seine Weltreise an. Zur Zeit der Militärdiktatur in Buenos Aires selbst verboten, brach in Europa, aber auch in Nordamerika und Asien, der Tangohype aus. In Europa entwickelte sich vor allem Berlin zur Tangohauptstadt. Eine vielfältige Musik- und Tanzszene blüht hier bis heute. Ein Beispiel dafür ist die Bandoneonspielerin Judith Brandenburg mit ihrem Trio La Bicicleta:

Ein Land, das man eher nicht mit Tango assoziiert, ist Griechenland. Dennoch ist einer der wohl bekanntesten Tangos ein griechischer: To Tango tis Nefelis. Lassen wir nun also so richtig Urlaubsstimmung aufkommen:

Von Griechenland ist es nicht sehr weit bis Serbien und zur Musik der Roma ebendort. Wie der Tango, so hat auch diese Musik Einflüsse verschiedenster Kulturen und Stile in sich vereint, vom Flamenco und dem Walzer bis hin zu Reggae. Und natürlich Tango! Sind wir jetzt also auf den Straßen Osteuropas oder in einer Tangobar in Buenos Aires?

Unsere letzte Station muss auf alle Fälle Buenos Aires sein. Denn in der Geburtsstadt des Tangos, vielleicht auch durch seine Weltreisen belebt, entwickelt sich diese Musik immer weiter, wird neu interpretiert oder nimmt moderne Formen an. Mittlerweile gibt dort die Enkelgeneration der großen Tangomusiker*innen den Ton an, wie Carla Pugliese gemeinsam mit Andrés Linetzky im folgenden Electrotango:

Diese Entdeckungsreise durch die Welt des Tangos zeigt einmal mehr, was schon Leopoldo Marechal meinte: Der Tango ist mannigfaltig, er ist eine unendliche Möglichkeit!

Andrea

 

Die Vielfalt der Tangomusik

Die Vielfalt der Tangomusik

Die frühen Tangos, komponiert vor mehr als hundert Jahren, die Tangos der Goldenen Jahre ab den 1930ern, Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo, bis hin zu Electrotangos unserer Tage – das Spektrum der Tangomusik ist unendlich weit und bunt! Bei unseren Kursen und Workshops versuchen wir, diese Vielfalt hörbar und tanzbar zu machen und einige Beispiele möchte ich in diesem Artikel präsentieren.

Die Musik der großen Tangoorchester ab 1935 ist die klassische Tanzmusik in der Welt des Tangos. Vor allem Carlos di Sarli gilt als leicht tanzbar, das mittelschnelle Tempo seines Orchesters und die von den Geigen getragene Melodie helfen dabei, als Paar oder bei SOLO TANGO als Gruppe in den Tangorhythmus zu finden. Daher spielen wir seine Musik sowohl bei Kursen im Paar als auch bei jenem Teil unseres Workshops, bei dem wir gemeinsam eine Abfolge tanzen. Und so wird manchen von euch El Ingeniero durchaus vertraut sein:

Diese alten Aufnahmen vermitteln eine ganz bestimmte Atmosphäre, die heute nicht mehr alle Tangofans anspricht. Gerne nehmen wir daher auch moderne Interpretationen von altbekannten Tangos, die dann überraschend anders klingen. Las Rositas, 2007 in Buenos Aires geründet, finden wir besonders spannend, denn mit Klavier, Violine und Viola schaffen es die drei jungen Frauen, zum Beispiel dem Klassiker Por una cabeza neues Leben, Frische und Esprit einzuhauchen:

Bei Quadro Nuevo aus Süddeutschland bekommt der Tango allein schon durch die Instrumente eine völlig andere Klangnote – Bassklarinette, Saxofon und Harfe gab es in den großen Tangoorchestern einfach nicht. Als Beispiel nehme ich hier nicht eines der Stücke, die schnell, frech und jazzig daherkommen, sondern eine sehr ruhige, sehr reduzierte Version von El dia que me quieras – ein Tango, der in die Tiefe führt, bei dem sich Entschleunigung und Präsenz beinahe von selbst einstellen:

Doch nicht erst heute gibt es große Veränderungen in der unendlichen Welt der Tangomusik. Gerade in jener Zeit, in der der Tango als Tanz weder in Argentinien und schon gar nicht weltweit populär war, hat er als Musikrichtung neue Impulse erhalten. Bis heute gibt es in Buenos Aires übrigens viele Menschen, die nicht Tango tanzen, aber täglich Tangomusik hören und diese lieben. In den 1970ern war Hugo Diaz einer derjenigen, der mit seiner Mundharmonika eine neue Klangfarbe einbrachte. Seine Interpretationen der klassischen Tangos sind nicht ganz leicht zu tanzen – im SOLO TANGO genießen wir da aber einen größeren Spielraum, sodass wir seine Musik gerne bei Workshops spielen. Als Beispiel wähle ich hier Vida mia:

Wenn wir von Umbrüchen in der Tangomusik und von schwer tanzbarer Musik sprechen, dann sind wir bei Astor Piazzolla angekommen. Der heute wohl bekannteste Tangomusiker und –komponist hat mit seinem Tango Nuevo neue Welten eröffnet. Zu Lebzeiten abgelehnt und manchmal sogar diffamiert, sagen böse Zungen, er habe seine Musik absichtlich noch mehr „untanzbar“ gemacht und als Konzertmusik konzipiert. Einige seiner Stücke wie Libertango oder Adios Nonino werden nicht nur häufig gespielt, sondern gelten auch als gut tanzbar. Ich nehme hier aber das weniger bekannte Musikstück Lo que vendra, das ich sehr gerne SOLO tanzend interpretiere.

Rund um die Jahrtausendwende bis heute ist es der Electrotango, der die Tangomusik wieder auf neue und vielfältige Weise bereichert. Aus der Fülle der Künstler*innen und der Stücke dieser Musikform wähle ich hier Narcotango, gegründet von Carlos Libedinsky. Bei einer Milonga in Berlin haben wir zur Livemusik von ihm und seiner Formation getanzt und waren angetan, von der Feinheit und der Getragenheit ihrer Musik. Das Stück Otra Luna spiegelt diese Atmosphäre gut wider:

Ich habe schon erwähnt, dass Tangomusik nicht immer nur als Tanzmusik verstanden wird. An den Abschluss dieses Überblicks möchte ich aber einen Electrotango von Antonio Colucci stellen, den wir gerne am Ende einer Workshopeinheit spielen. Ich sage an dieser Stelle häufig: „Folgen wir nun einfach der Aufforderung im Titel des nächsten Musikstückes: Dance Tango!“ In diesem Sinne ist es vielleicht spätestens jetzt auch für dich als Leserin oder Leser Zeit, aufzustehen und zu tanzen!

Sigrid

PS: In zwei bzw. vier Wochen gibt es weitere Artikel in dieser kleinen Serie zur Tangomusik!

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch für uns ein wesentlicher Impuls für eine Tango-Mitternachtseinlage auf einem Wiener Ball: ein Spiel mit den Masken, der Blick hinter die Maske und die Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.