Entdeckungen und Liebesgeschichten

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Wir lieben den Tango. Und wir lieben Berlin. Da liegt es nahe, zu einem Tangofestival nach Berlin zu reisen. Und bei dieser Reise haben wir erlebt, wie spannend es ist, an dem oder der Geliebten immer wieder Neues zu entdecken!

Wir haben diesmal in Alt-Moabit gewohnt und somit einen neuen Teil der Stadt kennengelernt. Gleich am ersten Vormittag sind wir entlang der Spree im Tiergarten spaziert, vorbei am Haus der Kulturen und dem neuen Glockenturm gelangten wir zum Platz der Republik. Man könnte diesen Winkel der Stadt als Zentrum der Macht bezeichnen, stehen hier doch auf engem Raum das Bundeskanzleramt, der Bundestag mit seinen drei Parlamentsgebäuden und der alte Reichstag. Die Symbolik spielt in dieser Architektur eine große Rolle: eine Brücke über die Spree innerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels verbindet nun die beiden Hälften der einst geteilten Stadt. Und die Kombination aus alten Gebäuden und moderner Architektur, das Zusammenspiel von alt und neu war für mich Spiegel für den Parlamentarismus, auf dem unsere Demokratien basieren: Verbindungen zu suchen, auf Altem aufbauen, um neue Wege zu gehen, ist wohl die hohe Kunst der Politik. Und bei all der Kritik an aktuellen politischen Umständen wird der Wert dieses Parlamentarismus allzu oft vergessen.

Für die Mittagsrast fanden wir an diesem Tag ein kleines Kaffeehaus, ebenfalls direkt an der Spree nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Zimt  & Zucker möchte die Wiener Kaffeehauskultur lebendig halten, für mich war es eher wie ein Bistro in Paris. Alte Holzmöbel, liebevolle Details bestimmen die Atmosphäre und die Auswahl an Köstlichkeiten ist groß. Das Parfait aus Erdnüssen, Schokolade und gesalzenem Karamell war ein einziger Genuss! Kein Wunder, dass das Lokal sehr beliebt ist und so fanden wir bei einem zweiten Besuch leider keinen Platz und ließen uns weitertreiben.

Auch im Tiergarten haben wir ein neues Eck entdeckt: den Englischen Garten mit dem Englischen Teehaus. Auf Vorschlag des britischen Stadtkommandanten spendeten König Georg VI.  und die englische Bevölkerung 5000 Bäume und so wurde 1952 aus diesem Teil des verwüsteten, baumlosen Tiergartens eine Parkanlage.  Als Berlin dann von der Mauer umgeben war, war der Tiergarten als Erholungsbereich für die Menschen von großer Bedeutung und das Teehaus ein beliebter Freizeitort – im Sommer mit lauschigen Plätzchen im Park und im Winter im Restaurant mit Kamin. Heute wird das Teehaus mit seinem Selbstbedienungsbereich im Biergarten und dem Restaurant von Familien beim Radausflug ebenso besucht wie von elegant gekleideten Damen und Herren beim Spazieren und Flanieren.

Der Mittelpunkt unserer Berlinwoche war aber ein Ort, den man gewöhnlich nur bei der Ankunft und der Abreise aufsucht – der Hauptbahnhof. Dort fand das Contemporary Tango Festival statt und dieses hat uns nach Berlin gelockt. Eine Woche lang wurde im öffentlichen Raum Tango getanzt, während der Bahnhofsbetrieb wie gewohnt ablief. So mischten sich die Tanzenden mit den Reisenden, so gab es überraschte Blicke und spontane ZuschauerInnen. Eine großartige Atmosphäre, zugleich sehr offen und extrem dicht. In die Tangoklänge mischten sich die Lautsprecherdurchsagen, während des Tanzens mussten wir plötzlich einem Koffer ausweichen und Menschen Platz machen, die es eilig hatten, um ihren Zug zu erreichen. Und dabei zeigte sich wiedermal, wie sehr der Tango im öffentlichen Raum zu Hause ist, wie er mit dem Alltag verschmelzen kann und sich mitten im Trubel seinen Platz sucht.

Contemporary Tango bedeutet aber auch, dem Tango ganz neu zu begegnen, ihn in vielen Facetten zu erleben und seine Vielfalt zu zelebrieren. Zum Beispiel den Tanzstil des Tango Nuevo zu sehen, der viel freier und extrovertierter ist als unsere Art zu tanzen. Oder zu großartiger Livemusik zu tanzen, die Anklänge von anderen Musikrichtungen in den Tango hereinnimmt, diese mit dem Tango verschmilzt und so ganz Neues entstehen lässt. Besonders fasziniert waren wir von Judith Brandenburg und ihrer Formation La  Bicicleta. Sie spielten nicht nur einige Sets, zu denen zu tanzen der reinste Genuss war, sondern gestalteten auch die Show jenes Abends mit. Üblicherweise tanzt dabei ein Paar einige Tangos, diesmal aber gab es eine Fusion von asiatischer Kampfkunst und dem Tango: ein Shaolinmönch und eine Tanguera begegneten sich, improvisierten gemeinsam zur Livemusik, eine unglaubliche Dichte und Spannung entstand auf der Tanzfläche und zwischen diesen fünf Menschen. Wir waren wie verzaubert!

Auch die DJs und DJanes öffneten die Welt des Tangos, wenn wir zu Nontango, also nicht zu Tangomusik tanzten. Da gab es spanische Gitarrenmusik ebenso wie Filmmusik, Frank Sinatra und elektronische Klänge bis hin zu Edith Piaf. Einiges davon war sehr schräg und ungewohnt, anderes äußerst ansprechend und wunderbar zu tanzen.

Tango an sechs Abenden, intensiv und dicht, mit müden Füßen und erfüllten Herzen. Tango immer wieder neu und anders, und wie so oft bei langjährigen Liebesgeschichten flammt plötzlich dieses neue Verliebtsein auf, dieses Hingerissen sein, dieses nicht genug bekommen können. Dennoch irgendwann müde schlafen zu gehen und beglückt aufzuwachen, um der zweiten Liebe zu frönen und sich tagsüber einfach durch Berlin treiben zu lassen. Eigentlich zu schön, um es beschreiben zu können …

Sigrid

 

Tango Argentino – ein Lebensstil!

Tango Argentino – ein Lebensstil!

 Eine Art zu gehen, eine Art zu sein, eine Haltung, ein Gefühl.

Diese Aussagen beschreiben sehr gut, dass Tango Argentino mehr ist als ein Tanz.  Je intensiver wir uns mit diesem Tanz auseinander setzen, umso mehr wird uns bewusst, wie sehr er auf unser Leben einwirkt, in die Tiefe geht und Lebenseinstellungen verändert. Was meine ich genau damit?

Nun, zum einen ist es die Körperhaltung, die sich verändert hat. Ich bemerke es nicht nur selbst, sondern bekomme es auch als Rückmeldung sowohl von „alten“ Freundinnen als auch von Menschen, denen ich zum ersten Mal begegne. Ich hatte noch vor vier Jahren eine sehr schlechte Körperhaltung mit hängenden Schultern und nach vorne geneigtem Kopf, dadurch auch immer wieder Verspannungen und Schulterschmerzen. Langsam, aber sicher, hat sich mit intensivem Tangotanzen in diesen vier Jahren meine Körperhaltung in eine aufrechte Haltung verwandelt und die Beschwerden sind verschwunden. Es hat sich überhaupt meine Körperwahrnehmung verändert, ich nehme meine Bewegungen bewusster wahr, wozu mein Körper fähig ist und wozu nicht, wie ich dastehe, wie ich gehe, usw. Diese Wahrnehmungen wirken in die Tiefe und führen in Folge auch zu einer anderen Lebenshaltung (Wie gehe ich durchs Leben?). Mit der Erkenntnis, dass die Lebenshaltung wiederum die Körperhaltung beeinflusst, schließt sich der Kreis.
In unseren Solo Tango-Workshops legen wir auch großen Wert darauf, Körperwahrnehmung zu schulen und auf die Haltung zu achten. Und Rückmeldungen, wie diese, zeigen, was es bewirkt: Ich habe gelernt, Haltung zu bewahren und gehe jetzt aufrechter und traue mich mehr aufzuschauen, das habe ich (vor allem in der jetzigen Lebensphase) gebraucht!

Eine weitere Lebenseinstellung, die sich durch das Tangotanzen verändert hat, betrifft das Wahrnehmen von Zeit. Hatte ich früher oft das Gefühl, nicht genug Zeit zu haben bzw. gestresst zu sein, so habe ich dieses Gefühl jetzt nur noch ganz selten. Tango ist Entschleunigung! Ein wesentliches Grundelement des Tangotanzens ist das Gehen, ein Gehen im Rhythmus der Musik. Einen Fuß vor den anderen setzen, nichts überstürzen, sich nicht hetzen, nicht drängen lassen. Schritt für Schritt vorgehen und jeden Schritt genießen. Nicht zu weit vordenken. Die Vorhaben ohne Eile angehen, die Geschwindigkeit auf mein eigenes Maß reduzieren. So wird im Buch Tango macht glücklich von Susanne Köb beschrieben, was Schritte setzen im Tango bedeutet. Aber nicht nur die Schritte, auch viele andere Bewegungen kann man im Tango bewusst langsam ausführen, sozusagen Langsamkeit zelebrieren. Mir liegt das besonders, da ich ein eher langsamer Typ bin, es entspricht meinem Lebenstempo. Und gleichzeitig kann ich aber auch Schnelligkeit trainieren, denn damit ein Tanz interessant wird, braucht es beides, Verzögerung und Beschleunigung, langsam-zelebrierte Schritte im Wechsel mit blitzschnell ausgeführten Überraschungseffekten. Je mehr ich das übe, umso mehr Sicherheit bekomme ich, dass ich schnell sein kann, wenn es darauf ankommt. Und das führt insgesamt zu mehr Gelassenheit in meinem Leben.

Tango Argentino ist ein Ausdruckstanz, kein abstrakter Tanz, deshalb kann er symbolisch für das Leben im Allgemeinen interpretiert werden, heißt es auch im oben genannten Buch. Tangotanzen ermöglicht mir, meine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Ein kreatives Element des Tangotanzens sind sogenannte Verzierungen, mit denen ich spielen und damit dem Tanz meine ganz persönliche Note geben kann. Diese Verzierungen, wie der Tanz überhaupt, sind immer auch eine Interpretation der Tangomusik. Die Musik transportiert grundlegende Gefühle von Liebe und Würde einerseits, Schmerz und Trauer andererseits. So habe ich die Möglichkeit, meine Emotionen und Gefühle im Tanz auszudrücken und dabei Haltung zu bewahren. Und das sind Konzepte, die ich analog für mein ganzes Dasein sehen kann.

Zum Schluss möchte ich noch eine weitere Teilnehmerin eines unserer Solo Tango-Workshops zu Wort kommen lassen, die uns ihre Conclusio zukommen ließ:

TANGO hilft dabei den Weg zu gehen. Ganz im Hintergrund wirkend.
Ich werde es bewusst einsetzen für mich, noch mehr, gerade die Verzierungen.
AUFRECHT
IM EIGENEN TEMPO
MIT ERHOBENEM HAUPT
MIT DER MÖGLICHKEIT ZUR FREIEN ENTSCHEIDUNG
MIT DER MÖGLICHKEIT DIE ENTSCHEIDUNGSPHASEN MIT VERZIERUNGEN DARZUSTELLEN

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!

Andrea

 

Verwendete Literatur:
Tango macht glücklich, Susanne Köb, agiledition, Wien 2015

 

Argentinischer Tango im Südburgenland?!

Argentinischer Tango im Südburgenland?!

Im Sommer 2013 war ein Kamerateam mit der ORF-Redakteurin Sabine Lentsch bei uns, um einen Beitrag für die Serie Mein Traumhaus zu gestalten. Wir sollten uns für einen Lieblingsplatz auf unserem Hof entscheiden und sofort war klar, dass dies unser Tanzsaal ist! Das Interview begann dann ebendort mit der Frage: „Argentinischer Tango im Südburgenland?“ Nun, was damals überraschend und unglaublich geklungen hat, ist Realität geworden.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Tango ausgehend von Buenos Aires auf der ganzen Welt verbreitet. In beinah jeder größeren Stadt gibt es die Möglichkeit, Tango zu tanzen.

Wir leben seit einigen Jahren im Südburgenland und haben hier bei einem Wochenendworkshop im Jahre 2007 unsere ersten Tangoschritte gemacht, denn überraschenderweise war diese ländliche Region kein weißer Fleck auf der Tango-Weltkarte. Als wir den Tango zu unserem Beruf machten, wollten wir dazu beitragen, den Tango hier noch stärker zu verwurzeln und gerade in dieser Woche erleben wir voller Freude, dass uns dies gelungen ist!

Mit dem Workshop SOLO TANGO reisen wir seit mehr als einem Jahr durch Österreich, nach Kroatien und demnächst auch nach Deutschland. Am vergangenen Wochenende gab es den ersten Workshop hier im Südburgenland. Gemeinsam mit der Grazer Yogalehrerin Christine Swoboda gestalteten wir im Hotel Das Eisenberg YOGA &/oder TANGO. Die Kombination von Yoga und Tango ist für uns nicht neu, praktizieren wir doch täglich Yoga und erleben es als wunderbaren Ausgleich und als Ergänzung zum Tanz. Christine haben wir als Musikerin kennengelernt, sie spielt das Bandoneon und macht gemeinsam mit einer Grazer Sängerin Tangomusik. Da war sofort klar, dass wir ein gemeinsames Wochenende anbieten wollen, an dem sich unsere Leidenschaften verbinden, Grenzen verschwimmen und Körper, Geist und Seele in Einklang gelangen. Am Ende der Yogaeinheiten führte uns Tango-Livemusik, gespielt am Bandoneon, in die Entspannung. Am freien Tanzabend tanzten Tanzpaare und SolotänzerInnen auf der gleichen Tanzfläche – eine Vision für zukünftige Milongas?

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Das Eisenberg hat den perfekten Rahmen für dieses Wochenende geboten. Bestens umsorgt, kulinarisch-herbstlich verwöhnt, mit Zeit für Wellness oder einem Spaziergang zum Dreiländereck haben die TeilnehmerInnen die Zeit hier im Südburgenland sehr genossen. Und wir hatten unseren ersten Workshop SOLO TANGO quasi vor der Haustür, am nächsten Hügel, fast in Sichtweise von unserem Traumhaus.

In den nächsten Tagen geht es aber gleich mehrfach weiter mit dem Tango im Südburgenland:

Morgen Abend geben wir einer Tangobegeisterten hier in unserer Gemeinde wieder eine Privatstunde. Diese Tango Lessons sind nur ein kleiner, aber überaus schöner Teil unserer Arbeit, bei dem wir Einzelpersonen oder Paaren klassischen Unterricht im Tango als Paartanz geben. Der große Vorteil von Einzelstunden ist, dass wir ganz individuell auf die Wünsche und den jeweiligen Tanzlevel eingehen können und daher rasch Erfolge sichtbar werden, die wiederum Lust aufs Weitertanzen machen.

Neben den Privatstunden gibt es einmal im Monat in Neumarkt an der Raab einen Tango-Übungsabend und der nächste Termin ist gleich am kommenden Sonntag. Diese Abende sind offen für alle Tanzbegeisterten, egal ob sie die ersten Tangoschritte wagen oder schon leidenschaftlich Tango tanzen. Wir begleiten die Tanzenden, sind da bei Fragen, geben Tipps und Hilfestellungen oder zeigen gerne auch neue Schritte. Auch an diesen Abenden ist die Runde meistens nicht sehr groß, ein Übungsabend im Südburgenland wird nicht so rege besucht wie einer in Graz oder Wien. Aber das ist für uns nicht entscheidend. Wir freuen uns, dass es diese Abende schon seit mehreren Jahren gibt und manche dafür extra aus der Weststeiermark, dem Mittelburgenland oder sogar aus Wien anreisen, um im Südburgenland Tango zu tanzen!

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Neben SOLO TANGO und den Tango Lessons sind Auftritte, bei denen wir Tango tanzen ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Und gerade damit hat es hier in der Region am längsten gedauert! Nun, das Südburgenland bietet sich ja wirklich nicht so ganz für Straßenkunst an. Zum zweiten Mal aber wurden wir vom Tanzverein sidestep zu einem Auftritt im Rahmen einer seiner Veranstaltungen eingeladen. Am 11. November feiert St. Martin an der Raab das FESTUM MARTINI NOVUM mit einem vielfältigen Programm. Unter dem Motto „gan(s)z fantastisch“ gibt es ein buntes Abendprogramm mit unterschiedlichsten Tanzperformances. Wir werden dabei unseren wo/men tango act Encuentro tanzen, einen Cross-over-Tango zu Don’t cry form me Argentina aus Evita darbieten und gemeinsam mit anderen Frauen erstmals eine SOLO TANGO – Performance zur Aufführung bringen. So sind wir an diesem Abend gleich dreimal auf der Bühne und damit ist der Argentinische Tango wohl endgültig im Südburgenland angekommen!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs ist wohl zwischen den Zeilen zu lesen und lässt sich auch nicht verheimlichen, dass wir uns darüber sehr freuen und auch ein klein wenig stolz darauf sind. In dieser Woche ist der Tango hier in der Region ganz komprimiert und intensiv zu erleben. Aber das Schönste ist, dass es darüber hinaus noch weitere Kooperationen hier im Südburgenland gibt und es im nächsten Jahr unter anderem bei der Sommerakademie im Künstlerdorf Neumarkt eine ganze Tangowoche geben wird. Aber davon erzählen wir besser ein andermal. Denn, der Tango ist hier nicht nur angekommen, um kurz mal vorbei zu schauen, wir sind uns sicher, dass er sich hier ebenso wohlfühlt wie wir und dass er hier bleiben wird!

Sigrid

 

Queer Tango

Queer Tango

Und dann, beim vierten Stück, oder vielleicht war es auch das fünfte, tauschten sie die Rollen, ohne es vorher zu verabreden, ihre Körper trafen die Entscheidung, die Hände wanderten von der Taille zur Schulter oder von der Schulter zur Taille und gaben dem Tanz die entgegengesetzte Richtung, die allerdings, wie sie herausfanden, gar nicht entgegengesetzt war, sondern eine Fortsetzung desselben Tanzes, … . Sie tauschten wieder, immer wieder, bis ihre Körper schon vor den Gedanken wussten, wohin der Fluss des Tanzes sie führte.

Diese Beschreibung ist dem Roman Die Tangospielerin von Carolina De Robertis, den ich kürzlich gelesen habe, entnommen. Und sofort tauchen die Bilder von den Queer Tango Festivals in Berlin und Buenos Aires, die wir besucht haben, auf. Auf der Tanzfläche befinden sich Frauenpaare, Männerpaare und gemischte Paare, es gibt Frauen, die Männer führen und Paare, die das Führen und Folgen, wie oben beschrieben, während eines Tanzes mehrmals wechseln. Eine riesengroße Bandbreite an Möglichkeiten!

Queer Tango bricht die traditionelle Rollenaufteilung vom führenden Mann und der folgenden Frau auf. „Es geht nicht darum, die Rollen abzuschaffen, sondern sie nur mehr nicht dem Geschlecht zuzuordnen, sondern inneren Qualitäten, mit denen ich spielen und in denen ich mich ausprobieren kann“, meint Ute Walter, die gemeinsam mit Marga Nagel die Queer Tango Szene in Hamburg begründet hat. „Zu Queer Tango gehört aber auch, mit diesen Rollen zu experimentieren. Wir sind ja nicht auf eine bestimmte Rolle verpflichtet. Wir können doch frei wählen und ausprobieren. Und das geht auch über den Tango hinaus. Der Tango bietet gute Ansatzpunkte, weil Tanzen unvorbelasteter ist als manch anderer Lebensbereich, um Rollen zu erproben, eventuell wieder abzustreifen und zu wechseln und Anteile in sich zu entdecken, die im Alltagsleben vielleicht schwieriger entdeckt und erprobt werden können“, ergänzt Marga.

Aber was genau ist eigentlich „queer“? Die Tangotänzerin und Soziologin, Paula Villa, definiert diesen Begriff so: „Queer kann verstanden werden als die oft bewusste und oft spielerische, nicht immer, manchmal auch sehr leidvolle Erfahrung der Überschreitung von Identitätsgrenzen bei einem gleichzeitig mehr oder minder scharfen Bewusstsein davon, dass diese Grenzen existieren und überhaupt unsere Existenz ermöglichen.“ Marga Nagel führt das weiter aus, indem sie meint: „Es geht darum, anzuerkennen, dass geschlechtliche und sexuelle Identitäten immer im Fluss sind. Sie sind nicht zwangsläufig und lebenslänglich. Es sind Kategorien, die, wenn wir sie nie in Frage stellen, unseren individuellen Ausdruck und die Vielfalt beschränken. Wir müssen sie nicht als naturgegeben und unabänderlich betrachten.“

Diese Betrachtungsweise eröffnet ein mehr an Möglichkeiten, im Leben allgemein und im Speziellen beim Tangotanzen. „Voraussetzung dafür ist eigentlich nur die Offenheit diesen Möglichkeiten gegenüber und die freudige Bereitschaft auf beiden Seiten, das jeweils ‚Andere‘ in das eigene Tanzen, die eigene Person zu integrieren“, erläutert Marga.

Dass und wie das gelingen kann, wird jedenfalls auf den vielen Queer Tango Veranstaltungen, die es mittlerweile gibt, sichtbar. Die Pionierinnen Marga Nagel und Ute Walter haben im Jahr 2000 das erste Festival dieser Art ins Leben gerufen und damit einen Stein ins Rollen gebracht. So geht die Idee des Queer Tango um die (zumindest Tango-) Welt. In San Diego, Toronto, New Orleans, Sidney, London, Berlin und natürlich Buenos Aires gibt es mittlerweile Schulen und Veranstaltungen für queeren Tango. Das nächste Festival Tango Queer de Bs As  findet vom 13. – 19. November 2017 statt. Mariana Docampo und Augusto Balizano laden zu 18 Workshops und 6 Milongas. Internationalität gepaart mit den oben beschriebenen Möglichkeiten und erstklassigen LehrerInnen machen es zu einer herausragenden Veranstaltung. Für uns ist es nun schon vier Jahre her, dass wir dabei waren, aber es ist noch immer lebendig. Und irgendwann …

Andrea

PS: Einer der ersten Artikel dieses Blogs erzählt, wie wir das Queer Tango Festival 2013 in Buenos Aires erlebt haben.

Verwendete Literatur:
Die Tangospielerin, Carolina De Robertis, Fischer Verlag 2017
Tangodanza Nr 1, 2007, S 7 – 10

 

Alles Tango!

Alles Tango!

Tango ist nicht gleich Tango. Es gibt nämlich drei verschiedene Musikrichtungen im Tango, die sich vor allem in ihrem Rhythmus unterscheiden: den Tango, die Milonga und den Vals. Dass es diese drei Varianten gibt, ist auf die Entstehung des Tangos und seine Geschichte zurückzuführen.

Die Vermischung der Kulturen im Buenos Aires der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert führte auch zu einer Vermischung der verschiedenen Volksmusiken und Folklore-Melodien. Der Candombe und die Land-Milonga bildeten zusammen mit dem Walzer und der kubanischen Habanera ein Rhythmusquartett, aus dem sich schließlich der Tango entwickelte. Der Candombe ist eine schwarze Musik mit schnellem, heiterem Rhythmus, obwohl diese Heiterkeit in gewisser Weise mehrdeutig zu sein scheint und vom Elend der AfrikanerInnen erzählt. Die Land-Milonga ist eine Art gesprochene Klage von einsamen Landarbeitern, die von einer einfachen Gitarre begleitet wird und deren Melodien geradezu obsessiv wiederholt werden. Die Habanera ist dem Tango ursprünglich am nächsten, während die Milonga eher mit dem Candombe verwandt ist. Auch das Wort „Milonga“ kommt aus der Quimbunda-Sprache, die von der angolanischen Bevölkerung Brasiliens gesprochen wurde. In dieser Sprache bedeutet „Mulonga“ Wort und der Plural „Milonga“ Wörter. Die europäischen EinwanderInnen haben auch den Walzer nach Buenos Aires gebracht und so war auch dieser von Anfang an ein grundlegender Rhythmus, der nun im Tango-Vals seinen Ausdruck findet.

Was unterscheidet nun die Milonga vom Tango? Die Milonga ist im Wesentlichen heiterer und schneller, ihre Musik hat einen einfachen Rhythmus im 2/4-Takt, ein bisschen vergleichbar mit unserer Polka. Sie wird selten von Gesang begleitet. Auch der Tanz einer Milonga macht einen fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Beispiele für bekannte Milongas sind: Vieja Milonga, La Punalada, Milonga de mis amores, Milongon

Der Tango seinerseits ist mit seinem 4/8-Takt sehr rhythmisch, leidenschaftlich, theatralisch, melancholisch, ernst, … und hat in seiner Weiterentwicklung sogar Formen von Kunstmusik angenommen. Er ist das, was allgemein als Tango bekannt ist.

Zwei Hörbeispiele sollen den Unterschied deutlich machen. Sowohl die Milonga als auch der Tango sind eine Interpretation des Orchesters von Juan D’Arienzo:

Vieja Milonga, also die „alte Milonga“

Loca, ein Tango, den wir in unserem heurigen wo/men tango act „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen.

Der Vals schließlich ist ein Tango im 3/4-Takt. Sehr fließend, schwelgend, melodiös, … wird er auch gerne gesungen. Es gibt einige Valses, die sehr an den Wiener Walzer erinnern, wie z.B. Tres Jolie oder Dolores vom französischen Komponisten Emil Waldteufel. Andere Beispiele für bekannte Tango-Walzer sind Desde el alma (Aus der Seele) von der 14jährigen Rosita Melo im Jahr 1911 komponiert oder Corazón de oro (Herz aus Gold) von Franzisco Canaro.

Auch hier ein Beispiel zum Reinhören: Corazón de oro in einer Interpretation des Quinteto Pirincho

Es gibt die Aussage von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit. Das zeigt sich auch in diesen drei Tango-Varianten mit ihren unterschiedlichen Rhythmen und Stimmungen sehr deutlich. Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Tangomusik und Tangotanzen nie langweilig werden!

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Bei fünf Auftritten vergangene Woche in Graz haben wir die Verrücktheit zelebriert. Dabei haben wir große und kleine Kinder zum Staunen gebracht, unser Publikum mitgenommen auf eine Reise in die Welt der Phantasie und die Straßen der Stadt mit diesem wunderbaren Tango von Astor Piazzolla erfüllt. Um noch mehr eintauchen zu können in diese verrückte Magie des Lebens und der Liebe gibt es hier den Text der Ballade für einen Verrückten, auf der unser wo/men tango act basiert:

 

Balada para un loco
M: Astor Piazzolla, T: Horacio Ferrer

Die Nachmittage in Buenos Aires
haben etwas, ich weiß nicht was.
Verstehst du? Ich verlasse
mein Haus und schlendere die
Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
als er plötzlich hinter diesem Baum erschien.
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und
einzigen Landstreicher
und dem ersten blinden Passagier auf einer
Reise zur Venus.

Eine halbe Melone auf seinem Kopf
ein gestreiftes Hemd auf die Haut gemalt
zwei Ledersohlen an die Füße genagelt und ein
„Taxi-zu-vermieten“- Schild in jeder Hand …
Ha … ha … ha … ha …
Es scheint, als wäre ich der Einzige
der ihn sieht.
Denn er taumelt zwischen den Leuten
und die Schaufensterpuppen zwinkern mir zu.
Die Ampellichter geben mir
drei himmelblaue Lichter
und die Orangen im Obstladen an der Ecke
werfen ihre Blüten nach mir.

Und dann, halb tanzend, halb fliegend,
nimmt er die Melone ab, um mich zu grüßen.
Er gibt mir ein Taxischild und sagt auf Wiedersehen.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Siehst du nicht den Mond
durch die Callao-Straße rollen
und einen Chor von Astronauten und Kindern
die um mich herum tanzen … ?

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Ich sehe Buenos Aires von einem Spatzennest aus,
und ich sah dich so traurig.
Komm, flieg, fühl das verrückte Verlangen
was ich nach dir habe.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wenn Dunkelheit sich in deiner städtischen
Einsamkeit breit macht
zu den Ufern deiner
Bettwäsche sollte ich kommen
mit einem Gedicht und einer Posaune
um dein Herz wach zu halten.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wie ein verrückter Akrobat sollte ich tauchen
in den Abgrund deiner Kluft bis ich fühle
dass ich dein Herz verrückt gemacht habe
mit Freiheit.
Du wirst schon sehen.

Und dann lädt mich der
verrückte Mann zu einer Fahrt
in seiner super Sport-Illusion ein
und wir rasen über die Riffs
mit einer Schwalbe im Motor.

In Vieytes applaudieren sie uns: „Hurra! Hurra!“
Die Bekloppten, die die Liebe erfunden haben.
Und ein Engel, ein Soldat und ein Mädchen
schenken uns einen Walzer.
Die schönen Leute kommen heraus
um hallo zu sagen.

Und verrückt, aber das bist du, ich weiß nicht
mein Irrer.
Erlöst mit seinem Lachen
ein grelles Klingen von Kirchenglocken aus
und schließlich sieht er mich an und singt sanft:

Liebe mich, so wie ich bin
verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige
Zärtlichkeit, die ich in mir habe.
Zieh dir eine Perücke mit Spaß auf deinen Kopf
und flieg.

Flieg jetzt mit mir: komm, flieg, fühle …
Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden.
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

 

 

Eine großartige Fotografin begleitete einen unserer Auftritte und dabei sind diese wunderschönen Fotos entstanden. Danke, liebe Elisabeth Paulitsch für das einfühlsame, tolle Fotoshooting!

Noch ist die Straßenkunst-Saison nicht vorbei und wir freuen uns schon auf weitere Auftritte.

Andrea und Sigrid

 

Ballade für zwei Verrückte

Ballade für zwei Verrückte

In wenigen Tagen ist es wieder so weit – wir eröffnen unsere Straßenkunstsaison, diesmal in Piran und Umgebung. Unser neues Stück ist „reif“ und jetzt zieht es uns förmlich hinaus auf die Straßen. Es hat sich heuer wieder, wie auch die letzten Jahre schon, so ergeben, dass die Premiere im Ausland stattfindet. Und wir stellen fest, dass uns das sehr recht ist. In der Fremde, wo uns niemand kennt, ist es am Anfang leichter. Aber wir haben heuer auch vor, öfter in Graz aufzutreten.

Balada para dos locos – Ballade für zwei Verrückte, nennt sich unser neues Stück. In Anlehnung an einen berühmten Tango namens Balada para un loco haben wir es entwickelt. Die Musik dieses Tangos stammt von Astor Piazzolla, der Text von Horacio Ferrer. Es ist ein Tango, der uns immer schon fasziniert hat, in dem wir uns irgendwie wieder gefunden haben. Das ist auch nachzulesen im Blogartikel Loco, loco, loco, …, den ich vor einem knappen Jahr geschrieben habe. Als wir über das neue Stück nachzudenken begannen, war jedenfalls bald klar, dass dieser „verrückte Tango“ der Ausgangspunkt wird.

Am Anfang war also diese Idee. Der Prozess der Entstehung – eben von einer Idee bis zum fertigen Stück – ist für mich das Spannendste und Schönste an unserer momentanen Arbeit: fantasieren, Bilder im Kopf entstehen lassen, sich austauschen (was wollen wir ausdrücken?), im Text versinken, die Musik auswählen, tanzen, Kostüme entwerfen, Requisiten beschaffen, eine Choreografie festlegen, proben, verändern, proben, proben, uns filmen, proben, verändern, … und dann das Gefühl „Jetzt haben wir es!“

Entstanden ist diesmal ein surreales Stück: bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen entführen wir in die Straßen von Buenos Aires und auf eine Reise zur Venus. Es ist ein Stück über die verrückte Magie des Lebens und der Liebe!

Die Proben der letzten Tage haben unsere Vorfreude auf die heurige Straßenkunstsaison so richtig angefacht. Und das, obwohl es einige Pannen gab. So ist z.B. Sigrid’s Hose gleich bei der ersten Kostümprobe aufgeplatzt. Ihr Anzug besteht nämlich aus einem ganz besonderen Stoff, der sich aber leider nicht dehnt. Unserer wunderbaren Kostümbildnerin ist zum Glück schnell eine Lösung eingefallen, aber Sigrid musste wieder eine Zeit lang ohne Kostüm proben. Ein paar Proben später ging beim Regenbogenschirm, eine unserer Requisiten, eine der Streben kaputt. Einfach entzwei gebrochen, ob durch einen Materialfehler oder durch die Beanspruchung bei unserem Tanz, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir gleich einen neuen bestellt und hoffen, dass er rechtzeitig da ist. Und irgendwie passen diese Pannen ja zu unserem Stück. Obwohl wir schon hoffen, wenn sie jetzt passieren, dass es bei den Aufführungen keine mehr gibt.

So fiebern wir ihnen entgegen, den Auftritten. Wird alles so klappen, wie wir es uns vorstellen? Wie wird es beim Publikum ankommen? Gerade am Anfang haben wir natürlich auch Lampenfieber. Aber auch das gehört dazu. Denn das wunderbare Gefühl nach einem gelungenen Auftritt macht es wieder wett.

Andrea