Zugreisen im Kopf

Zugreisen im Kopf

Dass wir gerne mit dem Zug reisen, ist allseits bekannt. Und dass wir einigermaßen verrückt sind, ist auch nichts Neues. Soeben haben wir jedoch erkannt: da geht noch mehr! Wir verbringen die langen Winterabende daheim gerade mit der Lektüre von Reiseliteratur, genauer gesagt mit zwei Büchern übers Zugreisen: Monisha Rajesh nimmt uns mit auf ihre Weltreise per Zug und Jaroslav Rudiš singt seine Ode ans Zugfahren in Europa.

Der tschechische Schriftsteller bezeichnet sich selbst als „Eisenbahnmensch“ und seine Leidenschaft für alles, was eben mit der Eisenbahn zu tun hat, als verrückt. In dieser Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen berichtet er nicht nur über die schönsten Bahnstrecken Europas, in welchen Speisewagen noch frisch gekocht wird, in welchen Bahnhofskneipen es das beste Bier bzw. in welchen Bars es den besten Café gibt, und welche Bahnhöfe Kathedralen gleich kommen. Frau erfährt auch viel Wissenswertes über die Geschichte der Eisenbahn, die Logistik und die Technik, die im Hintergrund für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Und er erzählt von den Menschen, die bei der Bahn arbeiten und für ihren Beruf brennen. Jaroslav Rudiš wollte selbst Eisenbahner werden, wurde dann aber Schriftsteller, wofür wir ihm sehr dankbar sind, denn bei den Beschreibungen seiner Zugreisen etwa von Palermo nach Lappland oder von der Schweiz nach Italien über die alte Gotthardstrecke möchten wir sofort in den nächsten Zug steigen und die Landschaften Europas am Fenster vorbeiziehen lassen. Aber die Reise im Kopf ist schon mal ein guter Anfang!

In 80 Zügen um die Welt ist mehr als ein Reisebericht und viel mehr als eine Abenteuergeschichte, auch wenn die 7monatige Tour alles bietet, was dafür nötig wäre. Aber die zum Teil sehr persönlichen Beobachtungen und Gedanken sowie die fundierten Recherchen verleihen diesem Buch genau das, was eine Weltreise ausmacht: das Erleben von Weite. Aus dem Zugfenster in die Weite der Steppen in der Mongolei oder in Kasachstan, in die Wälder Kanadas und die Unendlichkeit Tibets zu blicken, offen zu sein für die Geschmäcker der Küchen dieser Welt und für unzählige Begegnungen. Die Begegnungen und Gespräche in den Speisewagen oder Nachtzügen dieser Welt, die Kontakte zu Mitreisenden werden erzählt aus der Perspektive einer jungen, indischstämmigen Frau aus London. Eigentlich wollte sie diese Reise alleine machen, doch kurz bevor sie den ersten Zug bestieg, entschloss sich ihr Verlobter, sie nicht nur ein kleines Stück, sondern vom Anfang bis zum Ende zu begleiten. Keine Frage, alleine zu reisen ist für Frauen auch heute noch ein Wagnis. Und ja, es macht einen Unterschied, ob eine Einzelperson mit genauer dieser Hautfarbe, ein junges Heteropaar oder vielleicht ein Frauenpaar in ihren 50ern unterwegs ist. Aber gerade davon erzählt dieses Buches: jede Reise ist einmalig, jedes Land und jeder Mensch wird bei der nächsten Begegnung verändert sein. Und genau das macht dieses Reisebuch so spannend – es ist eine Momentaufnahme und zugleich eine Hommage an das Reisen mit der Eisenbahn!

Auch wir können bestätigen: Beim Reisen mit dem Zug gibt es unerwartete Momente und immer etwas zu erzählen. Erst kürzlich waren wir auf unserer Stammstrecke (ja, nicht nur Jaroslav Rudiš hat eine solche!) von Berlin nach Graz unterwegs und hatten ein ganz besonderes Eisenbahnerlebnis. Der Zug wurde aus Hamburg kommend fehlgeleitet und ist nicht am Bahnsteig Berlin Tief eingefahren, sondern oben auf der Berliner Ringbahn. Beim Eisenbahnspielen als Kinder hätten wir den Zug genommen und auf sein richtiges Gleis gestellt. Im wirklichen Leben meldete sich eine äußerst freundliche und hörbar verzweifelte Zugbegleiterin, die uns mitteilte, dass dieses Missgeschick uns nun eine unerwartete, einstündige (!) Berlinrundfahrt bescheren wird. Und schon ging es los – vorbei an der Museumsinsel und dem Fernsehturm zogen wir eine große Schleife weit in den Osten, plötzlich tauchte der Fernsehturm im gegenüberliegenden Zugfenster auf, wir fuhren durch uns unbekannte Stadtteile gen Norden und gelangten über den Bahnhof Gesundbrunnen genau auf jenen Bahnsteig, auf dem wir ursprünglich den Zug erwartet hatten. 33 Minuten dieser Verspätung hatten wir vor dem nächsten Stopp schon aufgeholt, den Rest nahmen wir mit bis Wien, wo das Umsteigen zum Nervenkitzel wurde. Nachdem wir den Anschluss buchstäblich auf die Sekunde genau erwischt hatten, nahmen wir im Speisewagen Platz, bestellten ein Bier und stießen an auf das verrückte Leben – und die Eisenbahn!

Andrea und Sigrid

Buchtipps:
Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen,
Jaroslav Rudiš, Piper Verlag
In 80 Zügen um die Welt,
Monisha Rajesh, Edel Books

Die Weite suchen

Die Weite suchen

Es ist schon verrückt: da geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, just zu einer Zeit, in der dieses Glück so gar nicht angebracht erscheint. Weil die Umstände scheinbar nicht passen, weil es fast zynisch wäre, gerade jetzt in diesem Artikel davon zu erzählen, weil einfach alles so skurril ist in diesen Tagen. Wovon ich eigentlich rede? Davon, dass wir seit vielen Jahren, wenn wir Ende November mit TANGO AM MEER hier in Opatija sind, eine ganz besondere Wanderung machen und davon berichten wollen, aber dieser Wunsch bisher nie realisiert werden konnte. Jetzt sind wir gerade wieder hier im Hotel Miramar – und wir haben den Vojak bestiegen! Aber können wir in diesen Tagen darüber einen Blogartikel schreiben? Während zu Hause in Österreich nicht nur das Wetter novembernebelgrau, sondern auch die Stimmung der Menschen am Tiefpunkt ist? Während Europa mitten in der vierten, dieser nicht mehr erwarteten, Coronawelle gefangen ist und die Gefühle hin- und herspringen zwischen Traurigkeit, Wut und Sorge? Ja, ich kann und will gerade jetzt von diesem Tag im Paradies erzählen, um nicht zu vergessen, dass es auch das noch gibt: Glück, Dankbarkeit, Schönheit!

Der Vojak ist mit 1400 Metern die höchste Erhebung im Učka-Gebirge und zugleich der höchste Berg Istriens. Von Opatija aus sind wir zuerst mit unserem kleinen Fiat mehr als 900 Höhenmeter auf den Poklon-Pass gefahren. Es war ein strahlend schöner Herbsttag, ja, wir hatten ordentlich Sonnencreme aufgelegt, und sind gleich losgewandert. Der Weg führte – wie zuerst die Straße – in unendlich vielen Serpentinen durch einen lichtdurchfluteten Buchenwald. Die silbergrauen Baumstämme, dahinter der blaue Himmel, die weißen Kalkfelsen dieser Karstlandschaft und ein Teppich aus Buchenblättern wirkten als Gesamtbild entrückt, unwirklich, fast wie eine Theaterkulisse. So schön es war, den Blick schweifen zu lassen, wir mussten auf den Boden schauen und jeden Schritt behutsam setzen, denn die Blätter raschelten nicht nur, sondern waren ein äußerst rutschiger Untergrund. So merkte ich bald, dass dieses Gehen dem Gehen im Tango sehr ähnlich war: jeden Schritt bewusst zu setzen und ihm die volle Aufmerksamkeit zu widmen, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Nach 1 ½ Stunden Gehzeit und weiteren 500 Höhenmetern erreichten wir den Gipfel mit dem kleinen Aussichtturm aus Stein. Also sind wir noch einige Stufen hinaufgestiegen und dann – ein 360° Rundblick zwischen Meer und Land: Vom Triglav über die Karnischen Alpen und die Gipfel der Dolomiten über ganz Istrien hinweg zu den Inseln der Kvarner Bucht, dem Velebit-Gebirge bis Rijeka! Nicht nur die Schönheit war überwältigend, sondern vor allem dieses Gefühl der Weite. Bei all der Enge, die wir seit 20 Monaten erleben, bei der Ungewissheit wie es weitergehen wird, bei der Erfahrung, dass es nötig ist, unsere Freiheit zu begrenzen, diesen Moment zu erleben, war beinahe magisch und auf jeden Fall unendlich wohltuend.

Beim Abstieg wurde mir klar, dass wir trotz allem diese Momente suchen und finden können, dass sie uns – vielleicht zu einem nicht erwarteten Zeitpunkt – geschenkt werden! Für uns war es diese Wanderung auf den Vojak, aber es könnte auch ein ganz anderer Ort sein.

Sigrid      

Tango caminando …

Tango caminando …

… eine Art zu gehen.

Es gibt zwei Dinge, die wir besonders lieben: den Tango und das Wandern. Wenn wir auf Reisen sind, dann tanzen oder wandern wir. Und die Basis beider Bewegungsformen ist die gleiche: das Gehen.

So kam uns die Idee, einen Tangokurs zu entwickeln, bei dem wir das Gehen in der Natur mit dem Gehen im Tanz verbinden. Sie spukte eine Zeit lang in unseren Köpfen, bis das Konzept stand. Gemeinsam mit WomenFairTravel kreierten wir dann eine Tango-Wander-Reise ins Allgäu, die dieses Jahr Anfang August das erste Mal stattfand und gleich auf Begeisterung stieß.

Vormittags waren wir in der abwechslungsreichen Natur rund um Steibis im Oberallgäu unterwegs. Hügelauf, hügelab, entlang von Bächen und kleinen Wasserfällen bis in luftige Höhen auf 1800 m führten die Wege. Wir genossen das satte Grün, die gute Luft, die schönen Ausblicke und das bewusste Gehen. Bei jeder Wanderung gab es auch einen kurzen Impuls von uns zu einem Tangothema, das sich beim Gehen in der Natur umsetzen ließ, und auf das die Teilnehmerinnen im Laufe der Woche schon immer gespannt warteten. Untermalt wurde das Ganze nicht von Tangomusik sondern vom Allgäuer Glockenspiel: dort trägt nämlich jede Kuh, von denen es unzählige gibt, eine Glocke und das ergibt ein ständiges Geläut als Begleitmusik.

Nach einer ausgiebigen Mittagspause, um im wunderschönen Landhaus Kennerknecht, in dem wir untergebracht waren, gemütlich im Garten zu liegen, die Sauna oder eine Massage zu genießen, ging es spätnachmittags ans Tanzen. „Für die Tangoschritte am Nachmittag waren die Füße schon in ihrem Element“, schrieb eine Teilnehmerin in ihrer Rückmeldung. So war das Caminar im Tango also kein Problem mehr. Zuerst solo und dann im Paar ging es um die vielfältigen Möglichkeiten des Gehens im Tango: dem Spiel mit Gewichtswechseln, dem Tempo, kleinen Verzierungen und den verschiedenen Spursystemen. In dieser reduzierten Form des Tangotanzens wurde spürbar, was Angela Nicotra meint, wenn sie sagt: Tango ist ein Liebkosen der Erde.

Beides, das Gehen in der Natur und das Gehen im Tanzsaal, empfanden die Teilnehmerinnen als lustvolle Bewegungsformen, die sich wunderbar ergänzten und zu einer besonderen Bewusstheit führten. Und das Landhaus Kennerknecht im Allgäu war dafür der perfekte Ort. Wir freuen uns jedenfalls, dass das Konzept aufging, wie wir es uns vorstellten und der Termin für Tango caminando im kommenden Sommer schon steht.

Vamos, Andrea

Auf und ab im Allgäu

Auf und ab im Allgäu

Wo bitte? Im Allgäu? Wo ist denn das? Tatsächlich ist dieses Stückchen Alpenvorland bei uns in Österreich kaum bekannt. Warum sollten wir zum Wandern nach Deutschland fahren, wenn es bei uns zahlreiche Almen, Hochmoore, Wasserfälle und Berggipfel gibt? Und doch ist es hier in Steibis im Oberallgäu anders als in den Bergen der Alpenrepublik. Anstelle des Blickes auf schneebedeckte Gipfelketten und mächtige Felswände schaut frau hier in die unendliche Weite sanfter Hügellandschaft und auf grüne Bergkuppen ringsum. Die Landschaft ist abwechslungsreich und hinter jeder Biegung kann es schon wieder ganz anders aussehen: mal geht es über eine Almwiese, hier „Alpe“ genannt, dann durch den Wald, plötzlich steigt der Weg steil bergan und auf der anderen Seite wieder hinab zu einem kleinen Bach, einer Brücke, einem Wasserfall … Selbst das Gestein hier ist anders. Es heißt Nagelfluh, bildete sich schon im Tertiär und besteht aus vielen kleinen Kieselsteinen, die sich verdichtet haben und ein wenig an Waschbetonplatten erinnern. Durch die Auffaltung entstand statt schroffen Felswänden eine sanft geneigte Seite, die in vielen Grüntönen schimmert. Der Hochgrat ist mit 1834 Metern der höchste Gipfel der Nagelfluhkette und von dort oben schweift der Blick über den Bregenzer Wald zum Bodensee und ich stelle fest, dass ich hier im Süden Deutschlands zugleich auch ein Stück Österreich, das ich noch nicht kenne, entdecke. Nun lasse ich aber die Bilder sprechen, die ich während der Wanderungen gemacht habe:

Hergeführt hat uns – wie könnte es anders sein – der Tango! Allerdings über den Umweg des Büros von WomenFairTravel in Berlin. Im Bio-Landhaus Kennerknecht hier im Allgäu finden schon seit Jahren sehr beliebte Frauenreisen statt, und als wir der Geschäftsführerin Evelyn Bader erzählten, dass wir das Gehen in der Natur mit dem Gehen im Tango verbinden möchten, hat sie gleich diesen Ort vorgeschlagen. Mittlerweile wissen wir, warum die Frauen gerne hierher kommen: das Landhaus liegt abseits und ruhig, umgeben von Wiesen und Wald, ein Ort zum Erholen und Genießen. Axel Hüttenrauch führt das Haus mit einer wohltuenden Gelassenheit und einer unaufdringlichen Freundlichkeit. Der Tag beginnt, bei schönem Wetter auf der Terrasse, mit einem Frühstück vom Feinsten, denn „bio“ ist hier kein Mascherl, sondern die bestmöglichste Qualität der Zutaten ist für Axel eine Selbstverständlichkeit. Nach den täglichen Wanderungen haben wir reichlich Appetit  und beim Abendessen, vielleicht begleitet mit einem guten Glas Wein, kann das Genießen weitergehen.

Weil diese Reise heuer erstmals stattfindet, sind wir vorgereist und erkunden seit einigen Tagen die Gegend, gehen die Wanderwege vorab allein und verkosten die Schmankerln in den Almhütten. Morgen reisen die Frauen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz an und TANGO CAMINANDO kann beginnen!

Sigrid

Mittendrin

Mittendrin

Endlich wieder sind wir in Berlin! Jener Stadt, die wir so sehr lieben und die zu beschreiben dennoch nicht leicht fällt, da sie so viele Gegensätze in sich vereint, alles nebeneinander Platz hat und Überraschungen daher vorprogrammiert sind. Dass jeder Stadtteil sein eigenes Flair hat, trifft ja auf viele Metropolen zu, aber hier gibt es keine Grenzen, keine fixen Vorgaben, an jeder Ecke hier kann es schick oder schräg sein. Bei unseren zahlreichen Berlinaufenthalten haben wir schon in vielen Bezirken gewohnt und jeweils die nähere Umgebung zu Fuß erkundet, die Stimmung in diesem Kiez eingeatmet und uns einfach durch die Gassen treiben lassen. Diesmal sind wir mittendrin – in Mitte, im alten Scheunenviertel. Von der Dachterrasse unserer Wohnung scheint der Fernsehturm zum Greifen nah und schnell hat sich ein Ritual eingestellt: Ein „Guten Morgen, Alex!“ und „Gute Nacht, Alex!“ umspannt unsere Tage.

Mittendrin im Großstadtgeschehen zu sein, heißt für uns aber auch, die kleinen und unscheinbaren Ecken eines Viertels zu suchen. Ein Blick in die Hinterhöfe ist da sehr lohnend. Die bekanntesten davon, wie die Hackeschen Höfe und die Heckmannhöfe, präsentieren sich derzeit so still und leer wie nie zu vor – die Tourist*innen aus aller Welt fehlen auch hier in Berlin. Doch es gibt noch weit mehr zu entdecken, ein wenig Muse und Neugier vorausgesetzt, entdeckt frau so manches Kleinod in diesem Häusergewirr:

Ein Bummel durch das Viertel führt uns auch in die vielen kleinen Geschäfte hier. Und die sind durchaus eine Sehenswürdigkeit für sich – mal schick und hipp, mal so gestylt, dass frau gar nicht auf den ersten Blick erkennen kann, was da eigentlich verkauft wird. Die häufigsten Vokabel an den Schaufenstern sind eindeutig bio, vegan, fair und Vintage. Die Nähe zum Prenzlauer Berg mag da mitspielen, die Dichte an Fahrradfahrer*innen mit und ohne Kinderanhänger, die Fülle an alternativen Bildungs- und Freizeiteinrichtungen wie einer Kunstschule, einer Waldorfschule und einem Abenteuerspielplatz spiegelt einen Teil der Bevölkerung von Mitte wieder. Das ist durchaus zwiespältig, denn Bezirke mit diesem Flair werden meist in wenigen Jahren zu teuren Wohngegenden, in denen sich viele die Mieten nicht mehr leisten können. Anderseits sind es genau diese Menschen in diesen Bezirken, die den Städten ein neues Gesicht geben, die offen sind für neue Verkehrs- und Umweltkonzepte. Aber auch bei den Geschäften und den Häusern gilt: alles hat nebeneinander Platz, wie die Bilder zweier Vintage-Läden und das Bild mit einem der letzten besetzen Abrisshäusern Berlins neben einem Nobelneubau, in dem eine Rechtsanwaltskanzlei logiert, zeigen.

Mittendrin braucht es natürlich auch noch nette Lokale. Und die gibt es – neben Fastfood und Billig-Asia-Food – zu Genüge. Zum Beispiel die italienische Vinothek muret LA BARBA gleich am Anfang unserer Straße – selbstredend mit einer so großen Auswahl an offenen Bioweinen, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ein Teller Pasta, ein Glas Wein, ein Espresso – mehr braucht es nicht (obwohl es natürlich noch viel mehr gäbe). Oder das kleine Café mittendrin, von dem ich mir den Titel abgeschaut habe: Um Platz für Tische im Freien zu haben (im Lokal braucht es hier noch einen Coronatest) haben sie wohl in der Sophienkirche angefragt und so sitzen die Gäste nun gemütlich im Grünen und im Schatten der alten Bäume. Und so köstlich wie hier war noch kein Flammkuchen – mit Frühlingszwiebeln und Spargel! – wo auch immer wir ihn bisher gegessen haben.

Die Krönung unserer Zeit hier in Berlin – mittendrin in dieser schönen, lebendigen, verrückten Stadt tanzen wir unseren neuen wo/men tango act Mascarada! Für die Premiere haben wir das Spreeufer gewählt, dort, wo in der Strandbar Mitte seit Jahren getanzt wird, die nun coronabedingt aber noch nicht zum OpenAir-Parkett umgestaltet wurde. Erstmals betanzt haben wir die Arkaden in der Friedrichstraße / Unter den Linden mit ihrem wunderbaren Marmorboden, einem spannenden Flair und unerwarteten Begegnungen.

Und, quasi vor der Haustür, wie schon vor fünf Jahren, den Hackeschen Markt, an dem dieses Gefühl, mit der Straßenkunst mitten im Leben, am Puls einer Stadt zu sein, am deutlichsten spürbar ist. Die freudigen Gesichter der Menschen, egal ob sie lange stehen bleiben oder uns im Vorbeigehen ein kurzes Lächeln schenken, die kurzen oder längeren Gespräche, all das erfüllt uns jeden Abend und gibt uns das Gefühl, hier in Berlin (wieder) mittendrin im Leben zu sein!

Sigrid

Wie werden wir in Zukunft reisen?

Wie werden wir in Zukunft reisen?

Anders! Das ist aber auch schon das Einzige, das ich mich mit Sicherheit zu behaupten getraue, denn in welche Richtung es gehen wird, scheint noch völlig offen zu sein. Die Travel-News der internationalen Reisebranche sind zwiespältig: Einerseits erfährt man, dass allein heuer schon 30 neue Airlines angemeldet wurden, die alle den Kurz- und Mittelstreckenbereich bedienen wollen. Anderseits sind einige Regionen, die 2019 vom Massentourismus überrannt wurden, gerade dabei mit neuen Regelungen eine Rückkehr zu jenem Reiseverhalten, wie es vor der Pandemie war, zu verhindern: Hawaii  wird die aktuellen Zugangsbegrenzungen für Nationalparks beibehalten, in Florenz gibt es neue Bestimmungen für Ferienwohnungen und Island und Venedig haben Gesetze erlassen, die die Kreuzfahrtbranche  einschränken. Doch das Angebot an Kreuzfahrten scheint nicht kleiner, sondern um ein Vielfaches größer zu werden. Da geht es vor allem um Luxusreisen und um die Idee, die Schiffe zu coronafreien Zonen zu machen: alle Menschen an Bord – Urlauber*innen sowie die gesamte Crew – sind getestet, wenn sie das Schiff betreten und dieses wird dann einfach nicht mehr verlassen. Ein schwimmendes Luxusresort, das auf Landgänge verzichtet und die heile Welt vorgaukelt. Nun, ein übermäßig großes Interesse an einer Begegnung mit Land und Leuten hat wohl die meisten Passagiere auch bisher nicht zu dieser Art des Reisens angetrieben, in Zukunft würde sie gleich ganz gestrichen werden.

Wie aber werden jene Menschen in Zukunft reisen, denen genau diese Begegnungen mit Land und Leuten wichtig sind, die offen sind für andere Kulturen und gerne auch die Gastfreundschaft anderer annehmen? Kann es auch für sie eine neue Art des Reisens geben? Tatsächlich sind in der Reisebranche zuletzt viele neue Ideen entwickelt und umgesetzt worden – zum Beispiel mit der Plattform Schau aufs Land, die Campingreisenden freie Stellplätze auf über 200 Bauernhöfen, Weingütern oder Manufakturen in Österreich anbietet. Du kommst mit deinem Campingbus, Wohnmobil oder Zelt, kannst die Produkte des Hofes genießen und völlig legal außerhalb eines offiziellen Campingplatzes übernachten. Okay, das ist jetzt nicht gerade eine fremde Kultur, der Fernreisende gerne begegnen. Aber ein Umdenken hin zu einem neuen Reisen beinhaltet ja auch die Frage der kurzen Wege. Und zu entdecken gibt es auch innerhalb Europas – und selbst innerhalb Österreichs – noch genug.

Damit bin ich bei der Frage angelangt, wie wir in Zukunft unser Reiseziel erreichen werden. Für uns ist Slow Travel mit der Bahn schon seit Jahren die bevorzugte Art des Reisens. Das Angebot dafür wird immer größer und die Abwicklung immer einfacher. Dass momentan rund 1500 Nachtzüge in Europa unterwegs sind, ist wahrscheinlich vielen nicht bewusst. Gerade die ÖBB hat dieses Angebot bereits in den letzten Jahren enorm erweitert und durch Kooperationen mit anderen Staatsbahnen soll es 2021 weitere neue Verbindungen auf Teilstücken der traditionellen Orient-Express-Strecke nach Paris oder bis nach Schweden geben. Die zahlreichen neuen Plattformen oder Reisebüros, die sich auf Bahnreisen spezialisiert haben, erleichtern die Buchung der Tickets. Traivelling zum Beispiel, gegründet von einem jungen Wiener, der sogar seine Asienreise per Bahn gemacht hat, wurde mehrfach ausgezeichnet und ist spezialisiert auf die Umsetzung individueller Reisewünsche. Und wie steht es mit Gruppenreisen? WomenFairTravel, das Berliner Frauenreisebüro, mit dem wir seit Jahren kooperieren, hat für 2021 bei einigen Angeboten eine gemeinsame Anreise  per Bahn und Schiff im Programm: „Slow Motion vom Anbeginn“ gibt es etwa nach der Ankunft des Nachtzuges in Florenz bei einem Zwischenstopp inklusive Stadtspaziergang und Mittagessen bevor es mit der Bahn weiter bis Livorno und dann per Schiff nach Sardinien geht. 

Neben der Anreise könnten sich beim Reisen auch die Häufigkeit und die Dauer verändern. Eine Idee, die nicht neu, sondern nur in Vergessenheit geraten ist, hat das Hotel Miramar in Kroatien – ja, auch dies eine unserer langjährigen Kooperationen – im letzten Herbst umgesetzt: das Reisen selbst war wegen notwendiger Tests aufwendiger und lohnte sich nicht für wenige Tage, warum also nicht, so wie früher in diesem Kurort an der Adria üblich, gleich für mehrere Wochen bleiben? Da viele Stammgäste dieses Hotels bereits im Pensionsalter sind und daher für längere Zeit verreisen können, kam das attraktive Angebot gerade recht, um die aufgestaute Sehnsucht nach dem Meer zu stillen.

Genau diese Sehnsucht – nach dem Meer, nach neuen Entdeckungen, nach vielfältigen Genüssen und Begegnungen – lässt auch uns schon wieder vom Reisen träumen. Manche meinen, wenn die Pandemie überstanden sei, werden die Menschen mehr und noch ausgelassener reisen als zuvor, andere wieder sagen, sie werden bewusster und nachhaltiger reisen und wahrlich neue Wege gehen. In welche Richtung es geht, hängt wohl einmal mehr von jeder und jedem einzelnen ab. Da ich eine hoffnungslose Optimistin bin, schließe ich hier mit einem Satz, der mir kürzlich zugefallen ist und der nicht im Schatten der Pandemie, sondern bereits im 18. Jhd. von einem klugen Menschen gesagt wurde: Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

Sigrid

Mystisches Waldviertel

Mystisches Waldviertel

Tiefe Wälder, Teiche, glucksernde Bäche und Moore, Granitblöcke und Moosteppiche, goldenes Herbstlicht und Nebelschwaden, einsame Wege und Baumhäuser, …

Wir hatten wieder einmal die Gelegenheit, in diese ganz besondere Landschaft einzutauchen. Zwischen zwei Workshop-Wochenenden in der GEA Akademie streiften wir durch die Gegend, suchten bekannte Orte auf und entdeckten Neues.

Im Schremser Hochmoor waren wir ja schon oft, trotzdem ist es immer wieder schön, da jede Jahreszeit diese Landschaft anders in Szene setzt. Und diesmal haben wir auch einen Kindheitstraum wieder aufleben lassen, indem wir uns für eine Nacht in der Baumhauslodge am Rande des Hochmoores einquartiert haben. Rund um einen kleinen Teich, der aus einem ehemaligen Steinbruch hervor gegangen ist, sind fünf kleine Häuser mitten in die Bäume oder an die Klippen gesetzt. Das Plätschern des Wassers im Teich und das Rauschen des Windes in den Bäumen sind die einzigen Geräusche, die wir wahrnehmen, während wir hinauf steigen in „unser“ Baumhaus. Oben angekommen empfängt uns wohlige Wärme von einem kleinen Ofen, ein gemütlich einfach aber gediegen eingerichteter Raum, der rundum Ausblick mitten in die Bäume gibt, und eine herzhafte Steinbruchjause.  Das tut nach einer Wanderung durchs herbstliche Hochmoor so richtig gut. Und auch mit einem guten Gläschen beim Ofen sitzen und schauen. Nur schauen – die Rinde einer Föhre, die gelben Blätter des Ahorns, Fichtenzweige mit ihren Zapfen – zuschauen, wie es langsam dunkel und immer geheimnisvoller wird. Als es so finster ist, dass es nichts mehr zu schauen gibt, fallen wir glücklich und müde ins bequeme Bett. Die Eule sagt Gute Nacht und das Eichhörnchen dann Guten Morgen. Erholung pur!

Die nächsten Tage sind wir großteils zu Fuß unterwegs, in der Blockheide, rund um den Ottensteiner Stausee, von Teich zu Teich rund um Pürbach oder im tiefen Wald gleich bei Schrems. Das Gehen in dieser Landschaft aus Wäldern, Wasser und Granit ist so wohltuend, gerade in Zeiten wie diesen, um Abstand zu bekommen von den verrückten Vorgängen in unserer momentanen Welt. Bilder, die wir davon mitgebracht haben, können dich liebe*r Leser*in vielleicht auch für ein paar Momente dorthin entführen und zur Ruhe kommen lassen.

Auch einige der kleinen Städte des Waldviertels sind eine Entdeckung wert. Ganz besonders Weitra! Schon von weitem ist das die Stadt überragende Rennaissanceschloss mit seinen vielen Giebeln zu sehen. Errichtet auf einem Granitplateau über der Lainsitz ist es eine sehr alte Stadt und auch heute noch von einer Mauer umgeben. Wir betreten sie durch das obere Stadttor, und befinden uns nach wenigen Schritten gleich am Hauptplatz mit seinem prächtigen Rathaus, das von unzähligen Bürgerhäusern, viele ebenfalls aus der Rennaissancezeit, umrahmt wird. Ein kurzer Aufstieg zum Schloss gewährt einen Blick über die Dächer der Stadt und in die umgebende Landschaft. Wieder zurück am Hauptplatz stoßen wir unterhalb des Rathauses auf die Zisterne. Ein noch sehr gut erhaltener gotischer Bau und wohl auch ein mystischer Ort. Als wir daraus wieder am Hauptplatz auftauchen, kommt gerade die Sonne hervor und setzt das Städtchen mit seinen hübschen Häusern in ein besonderes Licht.

Voll von Eindrücken, auch vom Schmökern in netten, kleinen Geschäften und gut gestärkt von der Einkehr im Brauwirtshaus, fahren wir zurück nach Schrems, legen aber noch in Gmünd einen Stopp ein. Dieses Städtchen kennen wir schon, wir möchten aber noch einen Spaziergang im Schlosspark unternehmen, der beim letzten Besuch durch ein Gewitter vereitelt wurde. Alte Bäume, große Wiesen und ein Teich, der Springbrunnen und die zwei goldenen Enten lassen die Gedanken fliegen und Geschichten ersinnen …

Ein weiterer entrückter Ort, den wir durch Zufall bei unseren Streifzügen entdecken, ist eine aufgelassene und nun der Natur überlassene Textilfabrik. Die Anderlfabrik, wie sie genannt wird, liegt völlig abgeschieden in der Natur, ein schmaler granitgepflasterter Weg führt dorthin und ein Loch in der Umzäunung lockt uns einzutreten. Eine Fabrik, die sich ohne große Veränderungen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert in die Gegenwart herübergerettet hat. Wir erfahren später, dass sie erst 2004 geschlossen wurde. So entdecken wir Säle, in denen noch die Webstühle stehen, aufgebäumt und so, als wären sie gerade eben verlassen worden. In einem anderen Raum stehen Schachteln voll mit Garnen, viele davon aus Leinen,  auch die Lochkarten liegen noch überall herum. Wir sind fasziniert, da wir uns vor einigen Jahren ja auch mit der Weberei beschäftigt haben, ein flashback in diese Zeit.

Nicht unweit davon gibt es eine weitere Textilfabrik, die im Unterschied dazu aber heute noch in Betrieb ist. Backhausen ist ein Traditionsunternehmen, das als k. u. k. Hoflieferant begann, dann mit Designern der Wiener Werkstätten wie Koloman Moser, Josef Hoffmann oder Otto Wagner zusammenarbeitete. Auch heute noch werden deren Muster verwendet und edle Stoffe vor allem für die Inneneinrichtung hergestellt. Eine interessante Gegenüberstellung:

Das Waldviertel hat also vieles zu bieten: Natur, nette Städtchen, Handwerk und auch Kultur. So konnten wir in dieser Woche auch noch ein Konzert genießen, das von der GEA organisiert wurde. Die Musikerin und Sängerin Sigrid Horn, die moderne Balladen in niederösterreichischem Dialekt vorträgt, machte Station in Schrems. Die tiefgehenden Texte mit Klavier, Ukulele und Harfe begleitet, machten diesen Abend zu einem auf andere Art und Weise, als den im Baumhaus, unvergesslichen.

Wieder zu Hause, gestärkt vom Waldbaden und den schönen Begegnungen in der GEA Akademie und bei unseren Workshops, freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Besuch im Waldviertel.

Andrea

HOCHsommer

HOCHsommer


… im Südburgenland und der Südoststeiermark.  Da denkt man/frau als erstes wohl ans Genießen! Das steirische Vulkanland mit seinen kulinarischen Verlockungen will bereist und entdeckt werden, die sanften Hügel dieser Region gemächlich erkundet und an einem schönen Plätzchen Ruhe und Entschleunigung genossen werden. Und wie steht es mit Kunstgenuss? Hier am Land, abseits der großen Kulturinstitutionen der Bundeshauptstadt oder anderer europäischer Metropolen? In dieser ländlichen  Region leben und arbeiten seit Jahrzehnten nicht nur viele Künstlerinnen und Künstler, Kunstinteressierte und Menschen, die Kunst und Design lieben, seit 2017 gibt es hier mit dem HOCHsommer auch ein jährliches Kunst- und Kulturfestival.  So vielfältig wie die zwölf Orte, die alle vom 7. bis zum 16. August mit denselben Öffnungszeiten bei freiem Eintritt zugänglich sind, ist auch das Programm, das Zeitgenössische Kunst auf höchstem Niveau präsentiert. Doch bei all dieser Vielfalt gibt es einen Leitgedanken, der diese Ausstellungen verbindet: About Natural Limits.

Als dieses Thema Anfang des Jahres für das Festival 2020 feststand, wollte das HOCHsommer-Team damit Fragen über die Natur und Natürlichkeit, über unsere Umwelt und ihre Grenzen aufwerfen und ausloten, welche Position die Menschheit dabei bezieht. Gerade in dieser Grenzregion, so die Vision, lasse sich die Synergie von Mensch, Natur und der Kunst nun mal hervorragend wahrnehmen. Und dann kam jenes Frühjahr 2020 das in vielen Lebensbereichen die gewohnten Denk- und Lebensmuster ins Wanken brachte. Die Worte About Natural Limits bekamen eine ungeahnte Relevanz und zugleich eine neue Bedeutung: Nicht mehr die Limits der äußeren Natur sind das Zentrum unserer Überlegungen, vielmehr findet eine Rückbesinnung auf das Innere, die natürlichen Grenzen des Menschen statt. Das verheißt spannende Auseinandersetzungen in den so ganz unterschiedlichen Zugangsformen der Künstlerinnen und Künstler! Einige Bilder sollen vorab neugierig machen:

Die Ausstellungsorte in und rund um Jennersdorf, Feldbach und Bad Radkersburg bzw. die jeweiligen Einzel- und Gruppenausstellungen gebührend zu beschreiben, würde hier zu weit führen. Diese Details sowie alle Informationen zu einer Reihe von Events an den einzelnen Orten gibt es auf der Website des Festivals. So kann der Kunstgenuss individuell  geplant werden – eine Woche lang pures Erleben von Zeitgenössischer Kunst, in Kombination mit einer genussvollen Tour durch das Südburgenland und die Südoststeiermark. Und noch dazu unabhängig davon, wie der Sommer wird, denn dieser HOCHsommer findet garantiert bei jedem Wetter statt!

Sigrid

Anmerkung:
Für die Vorab-Informationen und die zur Verwendung freigegebenen Bilder danke ich Regina Frech und dem HOCHsommer-Team!
Alle weiteren Details auf: www. hochsommer.at

Bildrechte Beitragsbild und Bilderblock l.o.: Leitsujet / HOCHsommer 2020: © Christian Ruschitzka, L’Effet Papillon, 2008, Mechanische Landschaft, Jökulsarlon, Island (Filmstill)
Bilderblock r.o.: Karl Karner, Links – UUY, 2019, Aluminium, Silikon, Spray Paint, 130x50x43cm, Rechts – PPÜ, 2019, Aluminium, Silikon, Spray Paint, 155x70x37cm, Credits: Karl Karner /  l.u.: Katharina Beilstein, 28,5 2015, Wood, Paint, Leather, Fabric, Credit: Katharina Beilstein / r.u.:  Anne Glassner, Selbstportrait mit Matratze 2020, Digitaler Print/Plakatpapier, 84,1×59,4cm, Foto: Christian Prin

 

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Die Sehnsucht nach dem Reisen können wir im Moment nicht real stillen, so lade ich zu einer imaginären Reise ein in die Geburtsstadt des Tangos, untermalt mit Tangomusik, in der diese Stadt besungen und verehrt wird. Es gibt nämlich gar nicht so wenige Tangos, in denen Buenos Aires ganz im Allgemeinen oder einzelne Stadtviertel, sogenannte barrios, Wege, Straßen, sogar die Straßenecken, oder ganz einfach die Nächte in dieser Stadt in der Musik und den Texten beschrieben werden. Entonces vamos!

Beginnen wir also mit einem Tango, in dem die Liebe der portenos (so nennen sich die Bewohner*innen von Buenos Aires) zu ihrer Stadt ganz besonders zum Ausdruck kommt. In Mi Buenos Aires querido singt Carlos Gardel stellvertretend für viele: Mein geliebtes Buenos Aires, am Tag, an dem ich dich wiedersehe, wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben. Carlos Gardel gilt ja neben Evita und Maradonna als einer der drei Nationalheiligen Argentiniens, und dieser von ihm komponierte Tango ist wohl so etwas wie eine Hymne, zumindest für seine Hauptstadt.

Nach diesem alten Tango aus dem Jahr 1934 wechseln wir nun zu dem modernen Electrotango Santa Maria Del Buen Ayre von Gotan Project, der uns zurückführt in die Anfänge dieser Stadt. Gegründet als Hafen im Jahr 1536 war Maria die Schutzheilige der Seeleute und man wünschte sich gute Winde für die Überfahrt nach Europa.

Der Ursprung von Buenos Aires war also der Hafen, der heute ein Stadtteil namens La Boca ist. Der Mund, der alle Einwander*innen aufnahm und sich einverleibte. Dort liegen auch die Ursprünge des Tangos, in den Hafenkneipen, Spelunken und Mietskasernen wurden die ersten Tangos gespielt und gesungen. So wie damals ist es auch heute noch ein armes Viertel, nur ein ganz kleiner Teil direkt am Hafen ist zur Touristenmeile avanciert. Die Bilder von den bunten Häusern aus Blechteilen kennt man aus jeder Reisebroschüre und ein Weg, der da durchführt, heißt Caminito. Im folgenden Tango wird ein kleiner Weg in dieser Stadt besungen und mittlerweile assoziiert man damit genau diesen Weg.

Nicht um einen Weg, sondern um genau das Gegenteil handelt es sich bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Mit 16 Fahrspuren, 3 Ampelphasen um sie zu überqueren, gesäumt von Jacaranda und anderen exotischen Bäumen, ausgestattet mit dem Obelisken und dem Teatro Colon (Opernhaus) ist sie für die portenos die größte und schönste Prachtstraße der Welt und die Pulsader von Buenos Aires. In der Interpretation von Juan D’Arienzo hört man, wie schnell der Puls dieser Stadt schlägt.

Alle Straßen in Buenos Aires laufen geradlinig, die Stadt wurde wie viele amerikanische Städte schachbrettartig angelegt, und so gibt es auch sehr viele Straßenecken. Sie dienen zur Orientierung, wenn man einen Treffpunkt ausmacht, gibt man eine Straßenecke an. In vielen Eckgebäuden befinden sich Cafés oder Tangolokale. Im folgenden Tangovals besingt Mercedes Simone die Esquinas portenas.

Wenn man Buenos Aires besucht, darf auch ein Ausflug in die Umgebung nicht fehlen. Besonders beeindruckend ist das Delta der beiden Flüsse Rio Parana und Rio Uruguay und einiger kleinerer Flüsse, die schließlich als Rio de la Plata in den Atlantik fließen. Das Mündungsgebiet mit seinen unzähligen Flussläufen und –armen, Inseln und Inselchen liegt nördlich der Stadt. Einen der kleineren Nebenflüsse, den Rio Tigre, lässt Francisco Canaro im Tango El Tigre vor meinem inneren Auge erscheinen.

Zurück in der Stadt suchen wir noch ein Viertel auf, das mit seinen gepflasterten Gassen, alten Straßenlaternen, dem sonntäglichen Flohmarkt, den vielen Tangolokalen und der Plaza Dorrego, wo es regelmäßig Openair-Milongas gibt, den Flair ausstrahlt, der im Kopf entsteht, wenn man an Buenos Aires denkt: San Telmo.

Beenden wir nun unseren musikalischen Trip, indem wir noch in das Nachtleben eintauchen. Es ist wirklich nie ganz ruhig in dieser Stadt, es gibt rund um die Uhr Geschäfte und Lokale, die offen haben, Menschen, die unterwegs sind, man trifft sich um Mitternacht zum Eisessen und geht anschließend noch auf eine Milonga. Buenos Aires, die Stadt, die niemals schläft. So lassen wir unsere Reise mit Noches de Buenos Aires ausklingen.

Buenos noches, Andrea

 

753 Stufen über dem Meer

753 Stufen über dem Meer

An der Opatija-Riviera gibt es viele schöne Plätzchen, die zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber jetzt im Herbst ohne den Trubel der Saison besonders reizvoll sind. Wir sind der Küstenstraße von Lovran aus weiter gefolgt, die hoch über dem Meer verläuft, denn die bewaldeten Abhänge des Učkagebirges formen hier eine Steilküste. Nur in wenigen Buchten ist ein Zugang zum Meer möglich und dort schmiegen sich kleine Orte an den Berghang. Unser Ziel war Mošćenička Draga, ein altes Fischerdorf mit einem kleinen Hafen, pittoresken Häusern und einem langen Kiesstrand. Und einmal mehr haben wir es genossen, jetzt im Spätherbst an der Adria zu sein – die Parkplätze waren nicht nur frei, sondern auch kostenlos, in den Bars haben an diesem Vormittag die Menschen des Dorfes ihren Kaffee genossen, andere sind ihrer täglichen Arbeit nachgegangen und eine Kindergartengruppe ist zum Spielen nicht auf einen Spielplatz, sondern an den Strand gegangen. Alltagsleben am Meer ohne Touristinnen und Touristen.

Wir ließen uns treiben, schlenderten durch die kleinen Gassen und am Hafen bevor wir den Kiesstrand entlang gingen. Direkt nach dem letzten Gebäude wird es wieder felsig und der Wald reicht bis an die Klippen. Im Licht der tiefstehenden Sonne ein bezaubernder Anblick!

Und hier, am Ende der Bucht, beginnt ein alter Treppenweg, der das Fischerdorf mit dem kleinen, mittelalterlichen Ort Mošćenice, der hoch über dem Meer thront, verbindet. Die alten Steintreppen und die kleinen Steinmauern, die den Weg hier und da stützen, sind mit Moos bedeckt. Manchmal ist es dunkel und fast mystisch, dann wieder findet die Sonne einen Weg zwischen den alten Steineichen und den Lorbeersträuchern, die hier so groß wie Bäume sind, und verzaubert den Wald nochmals ganz anders. Der Aufstieg ist nicht ganz mühelos und wir sind selbst an diesem strahlend schönen Herbsttag froh über den Schatten der Bäume.

Oben angekommen erwarteten uns Sonne und Weite. Hoch über dem Meer blickten wir über die Kvarner Bucht zu den Inseln Cres und Krk, die tiefstehende Herbstsonne tauchte alles in ein weiches Licht und wie schon in den Jahren zuvor, wenn wir im Spätherbst hier waren, strahlte das leere Meer – ohne Boote oder Schiffe – eine unglaubliche Ruhe aus. Die Bäume in den kleinen Gärten direkt vor uns haben ihre Blätter bereits verloren oder leuchteten im gelben Herbstkleid. Doch wenn wir uns umdrehten und auf das kleine Dorf blickten, hätten die blühenden Rosen und der Lavendel uns glauben lassen können, es sei noch Sommer. Und auch die Kraft der Sonne war hier oben deutlich zu spüren und die herbstliche Kleidung, die am Morgen passend erschien, war nun zu viel des Guten. Kurzentschlossen kauften wir in dem kleinen Geschäft von Mošćenice eine Jause und machten es uns für ein Picknick gemütlich, blickten aufs Meer und waren glücklich und zugleich dankbar für diesen Augenblick.

Nach dem Abstieg führte unser Weg wieder direkt am Strand entlang. Die Kindergartenkinder waren wohl schon zu Hause, die Menschen des Dorfes beim Mittagessen – jedenfalls waren wir fast allein unterwegs. Auch im Café Porto waren alle Tische frei und wir krönten diesen zauberhaften Tag mit einem schönen Espresso.

Spontan kam der Gedanke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es hier im Sommer zugeht und sogleich stellte ich fest: ich will es auch gar nicht wissen!

Sigrid