Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Die Sehnsucht nach dem Reisen können wir im Moment nicht real stillen, so lade ich zu einer imaginären Reise ein in die Geburtsstadt des Tangos, untermalt mit Tangomusik, in der diese Stadt besungen und verehrt wird. Es gibt nämlich gar nicht so wenige Tangos, in denen Buenos Aires ganz im Allgemeinen oder einzelne Stadtviertel, sogenannte barrios, Wege, Straßen, sogar die Straßenecken, oder ganz einfach die Nächte in dieser Stadt in der Musik und den Texten beschrieben werden. Entonces vamos!

Beginnen wir also mit einem Tango, in dem die Liebe der portenos (so nennen sich die Bewohner*innen von Buenos Aires) zu ihrer Stadt ganz besonders zum Ausdruck kommt. In Mi Buenos Aires querido singt Carlos Gardel stellvertretend für viele: Mein geliebtes Buenos Aires, am Tag, an dem ich dich wiedersehe, wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben. Carlos Gardel gilt ja neben Evita und Maradonna als einer der drei Nationalheiligen Argentiniens, und dieser von ihm komponierte Tango ist wohl so etwas wie eine Hymne, zumindest für seine Hauptstadt.

Nach diesem alten Tango aus dem Jahr 1934 wechseln wir nun zu dem modernen Electrotango Santa Maria Del Buen Ayre von Gotan Project, der uns zurückführt in die Anfänge dieser Stadt. Gegründet als Hafen im Jahr 1536 war Maria die Schutzheilige der Seeleute und man wünschte sich gute Winde für die Überfahrt nach Europa.

Der Ursprung von Buenos Aires war also der Hafen, der heute ein Stadtteil namens La Boca ist. Der Mund, der alle Einwander*innen aufnahm und sich einverleibte. Dort liegen auch die Ursprünge des Tangos, in den Hafenkneipen, Spelunken und Mietskasernen wurden die ersten Tangos gespielt und gesungen. So wie damals ist es auch heute noch ein armes Viertel, nur ein ganz kleiner Teil direkt am Hafen ist zur Touristenmeile avanciert. Die Bilder von den bunten Häusern aus Blechteilen kennt man aus jeder Reisebroschüre und ein Weg, der da durchführt, heißt Caminito. Im folgenden Tango wird ein kleiner Weg in dieser Stadt besungen und mittlerweile assoziiert man damit genau diesen Weg.

Nicht um einen Weg, sondern um genau das Gegenteil handelt es sich bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Mit 16 Fahrspuren, 3 Ampelphasen um sie zu überqueren, gesäumt von Jacaranda und anderen exotischen Bäumen, ausgestattet mit dem Obelisken und dem Teatro Colon (Opernhaus) ist sie für die portenos die größte und schönste Prachtstraße der Welt und die Pulsader von Buenos Aires. In der Interpretation von Juan D’Arienzo hört man, wie schnell der Puls dieser Stadt schlägt.

Alle Straßen in Buenos Aires laufen geradlinig, die Stadt wurde wie viele amerikanische Städte schachbrettartig angelegt, und so gibt es auch sehr viele Straßenecken. Sie dienen zur Orientierung, wenn man einen Treffpunkt ausmacht, gibt man eine Straßenecke an. In vielen Eckgebäuden befinden sich Cafés oder Tangolokale. Im folgenden Tangovals besingt Mercedes Simone die Esquinas portenas.

Wenn man Buenos Aires besucht, darf auch ein Ausflug in die Umgebung nicht fehlen. Besonders beeindruckend ist das Delta der beiden Flüsse Rio Parana und Rio Uruguay und einiger kleinerer Flüsse, die schließlich als Rio de la Plata in den Atlantik fließen. Das Mündungsgebiet mit seinen unzähligen Flussläufen und –armen, Inseln und Inselchen liegt nördlich der Stadt. Einen der kleineren Nebenflüsse, den Rio Tigre, lässt Francisco Canaro im Tango El Tigre vor meinem inneren Auge erscheinen.

Zurück in der Stadt suchen wir noch ein Viertel auf, das mit seinen gepflasterten Gassen, alten Straßenlaternen, dem sonntäglichen Flohmarkt, den vielen Tangolokalen und der Plaza Dorrego, wo es regelmäßig Openair-Milongas gibt, den Flair ausstrahlt, der im Kopf entsteht, wenn man an Buenos Aires denkt: San Telmo.

Beenden wir nun unseren musikalischen Trip, indem wir noch in das Nachtleben eintauchen. Es ist wirklich nie ganz ruhig in dieser Stadt, es gibt rund um die Uhr Geschäfte und Lokale, die offen haben, Menschen, die unterwegs sind, man trifft sich um Mitternacht zum Eisessen und geht anschließend noch auf eine Milonga. Buenos Aires, die Stadt, die niemals schläft. So lassen wir unsere Reise mit Noches de Buenos Aires ausklingen.

Buenos noches, Andrea

 

753 Stufen über dem Meer

753 Stufen über dem Meer

An der Opatija-Riviera gibt es viele schöne Plätzchen, die zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber jetzt im Herbst ohne den Trubel der Saison besonders reizvoll sind. Wir sind der Küstenstraße von Lovran aus weiter gefolgt, die hoch über dem Meer verläuft, denn die bewaldeten Abhänge des Učkagebirges formen hier eine Steilküste. Nur in wenigen Buchten ist ein Zugang zum Meer möglich und dort schmiegen sich kleine Orte an den Berghang. Unser Ziel war Mošćenička Draga, ein altes Fischerdorf mit einem kleinen Hafen, pittoresken Häusern und einem langen Kiesstrand. Und einmal mehr haben wir es genossen, jetzt im Spätherbst an der Adria zu sein – die Parkplätze waren nicht nur frei, sondern auch kostenlos, in den Bars haben an diesem Vormittag die Menschen des Dorfes ihren Kaffee genossen, andere sind ihrer täglichen Arbeit nachgegangen und eine Kindergartengruppe ist zum Spielen nicht auf einen Spielplatz, sondern an den Strand gegangen. Alltagsleben am Meer ohne Touristinnen und Touristen.

Wir ließen uns treiben, schlenderten durch die kleinen Gassen und am Hafen bevor wir den Kiesstrand entlang gingen. Direkt nach dem letzten Gebäude wird es wieder felsig und der Wald reicht bis an die Klippen. Im Licht der tiefstehenden Sonne ein bezaubernder Anblick!

Und hier, am Ende der Bucht, beginnt ein alter Treppenweg, der das Fischerdorf mit dem kleinen, mittelalterlichen Ort Mošćenice, der hoch über dem Meer thront, verbindet. Die alten Steintreppen und die kleinen Steinmauern, die den Weg hier und da stützen, sind mit Moos bedeckt. Manchmal ist es dunkel und fast mystisch, dann wieder findet die Sonne einen Weg zwischen den alten Steineichen und den Lorbeersträuchern, die hier so groß wie Bäume sind, und verzaubert den Wald nochmals ganz anders. Der Aufstieg ist nicht ganz mühelos und wir sind selbst an diesem strahlend schönen Herbsttag froh über den Schatten der Bäume.

Oben angekommen erwarteten uns Sonne und Weite. Hoch über dem Meer blickten wir über die Kvarner Bucht zu den Inseln Cres und Krk, die tiefstehende Herbstsonne tauchte alles in ein weiches Licht und wie schon in den Jahren zuvor, wenn wir im Spätherbst hier waren, strahlte das leere Meer – ohne Boote oder Schiffe – eine unglaubliche Ruhe aus. Die Bäume in den kleinen Gärten direkt vor uns haben ihre Blätter bereits verloren oder leuchteten im gelben Herbstkleid. Doch wenn wir uns umdrehten und auf das kleine Dorf blickten, hätten die blühenden Rosen und der Lavendel uns glauben lassen können, es sei noch Sommer. Und auch die Kraft der Sonne war hier oben deutlich zu spüren und die herbstliche Kleidung, die am Morgen passend erschien, war nun zu viel des Guten. Kurzentschlossen kauften wir in dem kleinen Geschäft von Mošćenice eine Jause und machten es uns für ein Picknick gemütlich, blickten aufs Meer und waren glücklich und zugleich dankbar für diesen Augenblick.

Nach dem Abstieg führte unser Weg wieder direkt am Strand entlang. Die Kindergartenkinder waren wohl schon zu Hause, die Menschen des Dorfes beim Mittagessen – jedenfalls waren wir fast allein unterwegs. Auch im Café Porto waren alle Tische frei und wir krönten diesen zauberhaften Tag mit einem schönen Espresso.

Spontan kam der Gedanke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es hier im Sommer zugeht und sogleich stellte ich fest: ich will es auch gar nicht wissen!

Sigrid

 

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Das galt für die Tänzerinnen der Moderne, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Tanz revolutionierten. Den Weg dafür ebnete wohl Isadora Duncan. Man kann den Augenblick, wo es zum ersten Male möglich wurde, von modernem Tanz oder gar moderner Tanzkunst zu reden, nur bezeichnen, indem man den Namen der Isadora Duncan nennt, mit deren Auftreten jener Augenblick überhaupt erst gegeben ist, wird Hans Brandenburg im Buch mit obigem Titel zitiert.

So ist sie auch eine der Tänzerinnen, die in der Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ im Theatermuseum in Wien vertreten ist. Wien zählte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den internationalen Zentren des Modernen Tanzes: wegweisende Tänzerinnen neben Isadora Duncan, wie z.B. Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser, Rosalia Chladek, Gertrud Kraus, Hilde Holger und viele mehr wirkten hier. Insgesamt waren es ca. 200, erfährt man in dieser Ausstellung. Die NS-Diktatur zerstörte dann allerdings diese lebendige, von Frauen bestimmte Tanzszene. Die meisten mussten emigrieren und nur einigen gelang es, im Exil ihren Tanz weiter zu entwickeln.

Isadora Duncan blieb das zwar erspart, denn sie kam schon 1927 bei einem Autounfall, ihr langer Schal verfing sich in den Hinterreifen ihres Bugatti und erdrosselte sie, tragisch ums Leben. Ihr Leben endete in Nizza. Geboren wurde sie 1878 in San Francisco. Als 21-Jährige übersiedelte sie mit ihrer ganzen Familie nach London, wo sie ein Jahr später erstmals mit ihren Solostücken öffentliche Beachtung fand. Ihre nächste Station war Paris und von hier aus begann ihre steile Karriere. 1903 hielt sie in Berlin ihren berühmten Vortrag Der Tanz der Zukunft, in dem sie sagt: Die Tänzerin der Zukunft wird die Freiheit des Weibes in ihrem Tanz ausdrücken. Ihr Kennzeichen wird sein: der höchste Geist in dem freiesten Körper.

Mit Aussagen wie dieser und ihrer Ablehnung von Spitzenschuh, Tútú und Korsett galt sie auch als Ikone der Frauenbewegung. So war z.B. bei ihrem Auftritt 1902 in der Wiener Secession die Frauenrechtlerin Marie Lang anwesend und bezeichnete ihren Tanz als Offenbarung. Isadora Duncan tanzte barfuß, in fließenden Gewändern, drückte mit natürlichen Bewegungen Stimmungen und Gefühle aus, paarte Momente von Leichtigkeit mit denen von ungeheurer Kraft und Energie und nutzte den Boden als Ausgangs- und Endpunkt dieser Körperenergien. Mit dieser Art zu tanzen wurde sie zur Galionsfigur der westlichen Tanzmoderne und feierte große Erfolge in Europa und Amerika.

Eine ihrer vielen Stationen in Europa war auch Abbazia, das heutige Opatija. Sie kam des Öfteren hierher und weilte immer in der Villa Amalia. Aus den Fenstern der Villa beobachtete sie das Flattern der Palmenblätter und das soll sie zu den sanften Schulterbewegungen, für die sie berühmt wurde, inspiriert haben. Als Andenken steht heute vor der Villa ein Bronzeguss der tanzenden Isadora Duncan. Und an der wall of fame im Park von Opatija ist sie als einzige Frau in einer Riege von großen Künstlern, Wissenschaftlern und Pionieren vertreten.

Es gäbe noch viel zu erzählen über diese große Tänzerin, die auch Choreografin, Tanztheoretikerin, Lehrerin und Schulgründerin war. Untenstehender Buchtipp und die Ausstellung in Wien, die noch bis 10. Februar läuft, sind jedenfalls sehr zu empfehlen, wenn dich die Tänzerinnen der Moderne interessieren. Für uns sind sie jedenfalls immer wieder eine Inspirationsquelle. Im Moment genießen wir es, auf den Spuren der Isadora Duncan hier in Opatija zu wandeln.

Andrea

Buchtipp:
Tanzen und tanzen und nichts als tanzen, Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman, Hg. von Amelie Soyka, 2012 AvivA Verlag

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Dolce far niente ist der Inbegriff des italienischen Lebensgefühls: einfach dasitzen und nichts tun, vielleicht aufs Meer hinausschauen oder, wie im Filmklassiker La dolce vita, dem Müßiggang frönen. Was damals 1960 ein Privileg der Bohemiens war, ist heute in Zeiten von Handy & Co die Sehnsucht von vielen. Doch dieses Nichtstun muss nicht immer ganz wörtlich genommen werden, auch im Tun lässt es sich erfahren. Andrea hat im letzten Artikel dieses Blogs Marina Abramovic zitiert, die bezogen auf die Kunst sagt: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“ Dieser Satz, nicht bezogen auf Kunst, sondern weiter gefasst, passt als Motto für den Workshop Yoga & Tango am vergangenen Wochenende. Mit dem Hotel Das Eisenberg gibt es den perfekten Ort dafür, denn hier im Südburgenland gehen die Uhren ohnehin ein bisschen langsamer, ist alles ein wenig entschleunigt. Und Entschleunigung ist für uns eine wesentliche Qualität des Tangos. In den ersten Jahren des Tangotanzens ist es mir sehr schwer gefallen, die Langsamkeit im Tanz zu erleben, Pausen einzulegen. Heute ist gerade das zu unserem individuellen Tanzstil geworden und ich genieße dieses Nichtstun im Tun, dieses Innehalten und Hineinspüren bevor der nächste Schritt kommt. Unser Tanz ist daher nicht spektakulär wie eine Tangoshow, aber immer wieder gelingt es uns, ganz in die Tiefe und in Einklang zu kommen – mit der Musik, miteinander, mit unserem Publikum. Sowohl im SOLO TANGO – wie an diesem Wochenende – als auch beim Tanz im Paar versuchen wir diesen Wesenszug des Tangos zu vermitteln. Augenzwinkernd werden wir von einigen Tänzer*innen auch schon zitiert, wenn sie sagen: „No stress, wir genießen die Pause, wie unsere Tangolehrerinnen immer wieder sagen!“ und meinen damit gar nicht nur das Tanzen, sondern eine Alltagssituation wie das Autofahren.

Um aus dem Alltag heraus leichter in dieses dolce far niente zu kommen ist Yoga – und hier insbesondere Yin-Yoga ein guter Weg. Es wird oft als das „passive“ Yoga bezeichnet, weil es dabei nicht um spektakuläre Positionen und kraftvolle Bewegungen, sondern um das lange Halten – immerhin 3 bis 5 Minuten! – in dehnenden Positionen geht. Die Yogalehrerin Christine Swoboda, die an diesem Workshopwochenende die Yogaeinheiten leitete und in Graz das Studio Feel Free betreibt, sagt: Wir lassen los und erlangen mehr Flexibilität für Körper, Geist und Seele. „Gehen lassen“ kann oft schwieriger sein als anstrengende Asanas, ist aber eine lohnende, lebenslange Übung. Mit ihrer feinen Art führte Christine uns behutsam durch die Yogaeinheiten und begleitete das Entspannen mit Livemusik – am Bandoneon, dem Tangoinstrument schlechthin, und einigen Klanginstrumenten.

So ergab sich an diesem Wochenende ein harmonisches Nichtstun im Tun – wenn wir im Yoga entspannt auf den Matten lagen und bei den ruhigen Klängen des Bandoneons jedes Gefühl für die Zeit verloren und danach beim Tanzen die aufrechte Haltung im Tango, das Gehen, das Spiel mit den Verzierungen wie von selbst ins Fließen kamen. Spektakulär unspektakulär ist einer der Slogans des Hotels Das Eisenberg und genau so könnte man auch den Workshop Yoga & Tango zusammenfassen. Und einmal mehr weiß ich, dass dolce far niente nicht nur in Italien funktioniert!

Sigrid

 

Straßenkunst, Berge und Meer

Straßenkunst, Berge und Meer

… immer schön piano wurde zum Motto unserer heurigen Herbstreise, bei der wir jene drei Dinge, die wir so sehr lieben, verbinden konnten: auf der Straße zu tanzen, in den Bergen und am Meer wandern und genießen! Tatsächlich war die Straßenkunst der Anlass für diese Reise, denn wir wurden eingeladen, beim Blausteiner Herbst als Künstlerinnen dabei zu sein und so war auch der Saisonabschluss dieses Jahres keine spontane Straßenkunst, sondern ein Auftritt, zu dem wir gebucht wurden. Erstmals tanzten wir an einem Nachmittag zwei unserer wo/men tango acts. Encuentro gab gewissermaßen schon das Motto vor, denn wir bezeichnen diesen act als Hommage an die Langsamkeit, herausgefallen aus Zeit und Raum! Und auch wenn wir die Ballade für zwei Verrückte als bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen beschreiben, so haben wir sie in dieser Straßenkunstsaison ruhiger, tiefer und noch magischer interpretiert.

An einem strahlend schönen Herbsttag war die Stimmung bei diesem Volksfest fröhlich und entspannt, wir tanzten jeden act dreimal und hatten ein begeistertes Publikum. Gleich nach dem ersten Auftritt mit Encuentro kam es, wie so oft bei Auftritten auf der Straße, zu einer schönen Begegnung: eine Frau kam auf uns zu und meinte, sie habe schon seit Jahren einen Vintage-Lederkoffer, der genau für dieses Stück passen würde und den sie uns schenken möchte! Sie gab uns ihre Adresse und bei unserer Abreise am nächsten Tag fuhren wir in Ulm bei ihr vorbei und nahmen tatsächlich einen alten Lederkoffer mit auf die Reise. Einmal mehr erlebten wir die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen in und um Ulm, die wir auch bei den Auftritten im Vorjahr so schätzten. Wer weiß, vielleicht waren wir nicht das letzte Mal dort?

Von Ulm aus machten wir uns nicht direkt auf den Weg nach Hause, sondern wieder einmal wurde aus einem Arbeitstermin ein kleiner Urlaub. Wir fuhren über den Fernpass nach Tirol und weiter ins Oberinntal, denn ich wollte die Gelegenheit nutzen und in jenes Dorf im Tiroler Oberland fahren, aus dem meine Großeltern im Jahr 1938 ausgewandert und nach Graz gezogen sind. Durch das Torhaus betraten wir Pfunds und spazierten durch die Gassen. Jenes Haus, in dem heute das Heimatmuseum zu finden ist, ist das Geburtshaus meiner Großmutter und auch das Elternhaus meines Großvaters, etwas außerhalb des Dorfes, haben wir gefunden. Es war schön, an diesen Ort zu kommen und meiner Geschichte ein wenig nachzuspüren.

 

Über den Reschenpass kamen wir nach Südtirol und machten gleich mal einen ersten Stopp, um einen Espresso zu genießen und in Bella Italia anzukommen.

Der Kaffee war köstlich, aber das mit Italien ist in Südtirol ja bekanntlich nicht so einfach. Ist das jetzt Tirol oder Italien? In den drei Tagen, die wir in Meran verbrachten, sind wir eigentlich ständig hin- und hergewechselt: in den Sprachen ebenso wie beim Essen und Trinken – mittags eine südtiroler Merende mit Speck und Apfelmost, abends italienische Küche vom Feinsten mit einem köstlichen Wein. Nur wenn es um die Vergangenheit geht, führen die Spuren eindeutig nach Tirol und Österreich. Und es sind zwei Frauen, die die Geschicke Merans stark geprägt haben: Gräfin Margarethe Maultasch, die von hier aus Tirol regiert hat und Kaiserin Elisabeth, die mit ihren langen Aufenthalten in Meran, der guten Luft und des milden Klimas wegen, den Grundstein für die Kurtradition der Stadt gelegt hat. So spazierten wir abwechselnd durch die mittelalterlichen Laubengassen und flanierten auf der Kurpromenade am Fluss. Das Kurhaus und die Wandelhalle lassen tatsächlich den Flair des Fin de siècle lebendig werden, als Meran von Adeligen und Reichen aus ganz Europa besucht wurde und zu den beliebtesten Kurorten der Habsburgermonarchie zählte.

Aber nicht nur als Kurstadt hat Meran viel zu bieten – mitten in der Südtiroler Bergwelt kommen die Urlauber*innen heute zum Wandern, Radfahren und Bergsteigen. Wir sind es piano angegangen und haben keinen Gipfel bestiegen, sondern eine wunderschöne Wanderung an einem der Waalwege gemacht. Diese Wege verlaufen entlang alter Kanäle, die das Wasser von den Flüssen ableiten, um die Obst- und Weingärten zu bewässern. Am Wasser entlang zu gehen war ein Genuss, das Plätschern begleitet die Schritte, die Gedanken fliegen dahin und der Kopf wird frei.

Nach drei Tagen setzten wir unsere Reise und damit unsere ausgedehnte Heimfahrt fort. Unser nächstes Ziel war das Meer – und der schönste Weg dorthin führte uns durch die Dolomiten. Vielleicht lasse ich hier einfach die Bilder sprechen …

Auch am Meer haben wir einen geschichtsträchtigen Ort ausgewählt: Grado, mit seiner verwinkelten Altstadt und dem altem Hafen. Von der Zeit, als Grado ein berühmtes Seebad des österreichischen Küstenlandes und somit auch ein K&K Kurort war, ist fast nichts mehr zu sehen und die Gebäude der letzten Jahrzehnte sind leider nicht besonders schön. Warum also zieht es uns dorthin? Urlauben heißt für uns gehen – in diesem Fall ein mehrstündiger Spaziergang am Strand, direkt am Meer und mit salziger Luft in der Nase – und köstliches Essen genießen. Und dafür ist Grado bekannt!

Dass an diesem Wochenende dann auch noch das Festival Mare nostrum stattfand, bei dem die Kultur und die Genüsse jener Zeit, als Grado eine Insel der Fischer*innen war, zelebriert wurde, war ein glücklicher Zufall. Beim Schlendern durch die Gassen gab es köstliche Häppchen hier und dort, wir sahen eine Ausstellung mit faszinierenden Fotos einer alten Fischerin und nach einem genüsslichen Abendessen spazierten wir nochmals zum Hafen und auf der Uferpromenade. Wunderbar – und immer schön piano!

Sigrid

 

Wien im Tanzfieber

Wien im Tanzfieber

Jedes Jahr im Sommer wird Wien zu einer großen Bühne für den zeitgenössischen Tanz, wenn IMPULSTANZ zu Aufführungen, Performances, Workshops, Ausstellungen, … lädt. Und wir haben die Gelegenheit genutzt, nach unserem Sommerfrischeaufenthalt im Ötschergebiet nicht direkt, sondern über Wien heim zu reisen. Denn dieses Jahr gab es im Rahmen des oben genannten Festivals eine ganz besondere Vorstellung: die Compagnie von Pina Bausch spielte deren Stück Masurca Fogo als österreichische Erstaufführung am Burgtheater. Das mussten wir sehen!

Schon lange interessierten wir uns für die deutsche Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. Sie übernahm 1973 als 33Jährige in Wuppertal das Tanzensemble der Ballettsparte und nannte es sehr bald in Tanztheater um. Ihr Ziel war, Tanz und Theater miteinander zu verbinden. Sie fügte Sprache, Schauspiel, Gesang und später Einflüsse aus der Kunst der ganzen Welt hinzu. Dadurch entwickelte sie eine neue Tanzsprache und wurde zu einer der bedeutendsten Choreografinnen der Gegenwart.  Insgesamt schuf sie 44 Stücke. In diesen steht stets der Mensch mit seinen Hoffnungen, Zweifeln, Ängsten und Freuden im Mittelpunkt. Über Fragen an die Tänzer*innen näherte sich Pina Bausch ihren Themen, jede*r brachte die eigene Persönlichkeit ein und so wurden die Stücke gemeinsam erarbeitet.
Die Compagnie wurde als Tanztheater Wuppertal weltberühmt und gab auf allen Kontinenten Gastspiele. Als Pina Bausch 2009 plötzlich starb, war das für das gesamte Ensemble ein Schock. Im Film Pina von Wim Wenders, der erst nach ihrem Tod entstand, kommen die einzelnen Mitglieder zu Wort und sprechen über ihre Beziehung zu Pina Bausch bzw. tanzen noch einmal für sie, lassen ihr Leben und Werk hochleben. Für alle, die Tanzfilme lieben, sehr zu empfehlen! Das Ensemble blieb weiter bestehen und zehn Jahre nach dem Tod der Gründerin zählt ein Großteil ihrer Werke noch immer zum Repertoire der Compagnie, die das Erbe pflegt und es mit großer Leidenschaft und Sorgfalt für kommende Generationen erhält.

Und so kamen wir in den Genuss Masurca Fogo zu sehen. In diesem Werk paaren sich südliche Atmosphäre und pure Lebensfreude mit großartiger Musik. Von Jazz und Pop – auch Songs von k.d.lang – über Fado bis zu afrikanischen Trommeln reicht das musikalische Spektrum. Entstanden ist dieses Stück 1998 in Lissabon. Der portugiesische Alltag, seine Menschen, das Land und die Musik dienten als Inspiration. Jetzt in Wien brachten es 34 Tänzer*innen aus unterschiedlichen Generationen, 11 davon haben noch mit Pina Bausch persönlich gearbeitet, auf die Bühne. Wunderbare Soli wechselten mit humorvollen, farbenprächtigen, den Süden feiernden Szenen ab, etwa wenn in einer improvisierten Hütte am Strand die Paare dicht an dicht ausgelassen tanzen. Alle Sinne sind angesprochen, wenn mit Essen, Trinken, Planschen und innigem Tanzen das Leben gefeiert wird – rauschend wie ein portugiesisches Fest. Beim Zusehen packt es eine*n, dieses Fieber, von dem es gut ist, wenn es ansteckend ist. Denn wie sagte doch Pina Bausch: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

Für alle, die sich also noch dem Tanz hingeben wollen, das Festival geht noch bis 11. August, auch wenn dieses Stück nicht mehr gespielt wird.
Und selber tanzen ist sowieso immer angesagt, egal in welcher Form!

Andrea

Filmtipp: Pina, Wim Wenders, Deutschland 2011

 

Schön ist’s in Schöneberg!

Schön ist’s in Schöneberg!

Wieder einmal sind wir in Berlin! Und wieder lernen wir einen anderen Stadtteil neu und intensiv kennen. Natürlich waren wir schon häufig in Schöneberg, aber so richtig vertraut werden wir auf unseren Reisen mit jenem Teil einer Stadt, in dem wir wohnen, in dem wir die täglichen Wege gehen, in dem wir zu unterschiedlichen Tageszeiten unterwegs sind. Und jetzt im Mai waren wir in der Flanierstraße von Schöneberg, der Akazienstraße, genau richtig und so lasse ich gleich mal einige Bilder sprechen – den wunderbaren Blütenduft konnten wir damit leider nicht einfangen.

Um Schöneberg zu beschreiben, hab ich diesmal jene Menschen befragt, die in der Akazienstraße und den anderen kleinen Straßen in diesem Kiez leben und arbeiten. „Was ist schön an Schöneberg?“, nicht für uns als Besucherinnen, sondern für die Berlinerinnen und Berliner. Der junge Kellner in einem der vielen, netten Cafés, meinte: Ich bin hier aufgewachsen und hier kennt jeder jeden. Wir haben uns am Spielplatz im Park zum Fußballspielen getroffen. Man brauchte kein Telefon, sondern hat einfach geklingelt. In Schöneberg ist es wie in einem Dorf. Er bezeichnete sich übrigens als Halb-Türke und Halb-Italiener und fühlt sich als Berliner.

Als nächstes befragte ich den Besitzer eines winzig kleinen CD-Ladens. Nachdem wir gestöbert haben und eine CD – klar, mit Tangomusik – gekauft haben, kam ich mit ihm ins Gespräch: Der Kiez hier hat noch viele kleine Geschäfte, bunt gemischt. Manche verschwinden und machen mehr und mehr der Gastronomie Platz, aber es gibt uns noch.  Und auch er sprach von den Parkanlagen: Schön an Schöneberg ist, dass es so grün ist – hier in der Straße mit den Bäumen oder im großen Park hinter dem Rathaus Schöneberg. So machten wir uns auf den Weg zu diesem durchaus geschichtsträchtigen Ort in Berlin. Das heutige Bezirksrathaus war das Rathaus von Westberlin, als die Stadt durch die Mauer geteilt war. Und hier hat John F. Kennedy den berühmten Ausspruch „Ich bin ein Berliner!“ gemacht, mit dem er sich 1963 mit den Menschen in der eingeschlossenen Stadt solidarisierte.

Wenn wir durch eine Stadt flanieren, sind wir immer auf der Suche nach einem Second Hand Laden – und in diesem Kiez fanden wir gleich zwei besonders schöne (klar, wir sind ja in Schöneberg!). Wieder stellte ich meine Frage und die Verkäuferin meinte: Das Schöne hier ist die Vielfalt an kleinen, inhabergeführten Geschäften. Wir haben hier keine großen Ketten, die halten sich hier auch nicht – an der Ecke gab es mal ein Starbucks, das hat nach zwei Jahren wieder zugesperrt. Die Leute wollen das hier gar nicht. Der Laden nennt sich übrigens „Erst meins, dann deins“ –  und auch wir haben ein schönes Stück gefunden, das unseres geworden ist.

Eine andere, bunte Straße in diesem Kiez ist die Crellestraße. Auch hier gibt es kleine Geschäfte, nette Lokale und das Büro von WomenFairTravel. Bei jedem Berlinaufenthalt kommen wir an diesen kleinen, gemütlichen Frauenort, an dem neben all den anderen Reiseangeboten unsere Tangoreisen für Frauen organisiert werden. Evelyn Bader, die Gründerin und Geschäftsführerin von WomenFairTravel, und ihre Mitarbeiterin Rita haben uns herzlich empfangen. Bei einem gemeinsamen Mittagessen besprachen wir unsere nächste Tangoreise im Herbst an die Elbe, visionierten mögliche Reiseorte für das nächste Jahr und wussten einmal mehr, warum wir diese Kooperation so sehr schätzen – von Frauen mit Frauen, fair auf allen Ebenen hat das Reisen eine besondere Qualität! Bevor wir uns verabschiedeten, wollte ich auch von Evelyn wissen, was schön ist an Schöneberg: Es ist schön, in so einer Straße zu arbeiten. An dem kleinen Platz vor unserem Büro plantschen im Sommer die Kinder im Brunnen, die Eltern oder Großeltern sitzen nebenan im Café. Es ist hier so vielfältig und bunt, es gibt soziale Projekte, mehrere Kitas (Kindergärten), viele Künstlerinnen und Künstler leben hier, am Samstag gibt es das Crellechorfest. Diese Straße ist wie ein Dorf in der Großstadt.

Bunt und vielfältig,  – das ist es also, was Schöneberg ausmacht! So ist es auch nicht erstaunlich, dass der Regenbogen so ganz selbstverständlich ist in diesem Stadtteil. Und dass ein Ort der Toleranz und Vielfalt lebenswert ist, bestätigt sich hier auch erneut. So freuen wir uns schon jetzt auf unseren nächsten Besuch in Schöneberg!

Sigrid

 

Zug um Zug

Zug um Zug

Dieses gesellige Spiel haben wir am Abend des zweiten Weihnachtsfeiertages im Familienkreis gespielt. Und am nächsten Tag machten wir uns wieder einmal auf, diesmal eine Rundreise mit dem Zug. Das Ziel: der hohe Norden Deutschlands – Mecklenburg. Etliche der Bahnhöfe,  die am Spielplan eingezeichnet waren, sollten wir nun in echt passieren.

In Graz ging die Reise los, zunächst über den Semmering in Richtung Wien. Ich freue mich jedes Mal auf dieses Stück Zugstrecke. Nicht zu Unrecht  wurde die Bahnführung über den Semmering zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Als im Jahr 1848 mit dem Bau der Bahnstrecke begonnen wurde, gab es noch keine Dampflokomotive, die die enorme Steigung über den Semmering überwinden konnte. Trotzdem wurde sie gebaut! Ich finde das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Visionen Wirklichkeit werden, denn mit der Eröffnung der Strecke im Jahre 1854 gab es auch die entsprechende Lok. Wenn sich der Zug die Berghänge entlang schlängelt,  über Viadukte und durch Tunnels, muss ich immer an diese schöne Geschichte denken.

Wien passieren wir nur, denn unser Zug wird gleich weiter nach Prag geführt. Um die Mittagszeit haben wir dann in Prag unseren ersten Zwischenstopp. Eine Gulaschsuppe im Bahnhofsrestaurant, sich kurz im kleinen Park vor dem Bahnhof die Füße vertreten, und dann eine Überraschung in der Bahnhofshalle: hier steht ein Klavier, das darauf wartet von Reisenden bespielt zu werden. Es steht nicht lange verwaist, immer wieder stellt jemand sein Gepäck ab, um die Bahnhofshalle mit Klavierklängen zu erfüllen. Ist das nicht eine tolle Idee? Beschwingt von der Musik steigen wir in den Zug nach Berlin.

Von der vorbeiziehenden Landschaft sehen wir jetzt nicht mehr viel, denn es beginnt schon finster zu werden. Also machen wir es uns mit einer Zeitung gemütlich, trinken zwischendurch ein Bier im Bordrestaurant oder dösen ein bisschen. Am Abend sind wir wieder einmal am Berliner Hauptbahnhof. Im August erst haben wir hier beim Contemporary Tango Festival Tango getanzt, jetzt erstrahlt das Gebäude im weihnachtlichen Glanz. In einem Hotel gleich über die Straße schlagen wir unser Nachtquartier auf. Nach einem Cocktail an der Hotelbar fallen wir müde in die Betten. Auch wenn so eine Reise mit der Bahn sehr entspannend ist, müde macht sie trotzdem.

Am nächsten Morgen haben wir noch Zeit für einen kurzen Spaziergang vom Bahnhof ins Regierungsviertel, vorbei an Kanzleramt und Reichstag, mit Blick auf den Alex im Nebel, und an der Spree entlang wieder zurück – ein bisschen feuchte Berlinluft schnuppern, bevor es weitergeht. Das letzte Stück Wegstrecke bis Waren in der Mecklenburgischen Seenplatte haben wir eine Mitfahrgelegenheit mit dem Auto.

In dem wunderschönen Gutshaus von Neu Schönau tanzen wir mit 22 Frauen ins neue Jahr. Auch wenn wir die ganze Woche Tango tanzen, holen wir uns um Mitternacht live den Donauwalzer nach Norddeutschland. Diese Österreicherinnen! Der Neujahrsspaziergang führt dann aber durch eine Landschaft, die ganz anders ist, als bei uns zu Hause.

Die Heimreise, ab Berlin wieder mit dem Zug, nämlich einem ICE zunächst einmal bis München, verläuft äußerst angenehm. Diese ICEs, modern ausgestattet – es gibt WLAN im Zug und ein Bordrestaurant, in dem frau wirklich speisen kann – fliegen förmlich durch die Landschaft. Mit bis zu knapp 300 km/h erreichen wir München in nur viereinhalb Stunden. Auch hier nächtigen wir wieder in einem Hotel in Bahnhofsnähe und genießen einen Abend in München. Zuerst ein kleines Abendessen in einem Bierkeller, der alle Bayernklischees bedient, die man sich nur vorstellen kann. Ob die Maus, die zwischen den Tischen hin und her huscht, auch dazu gehört? Dann packen wir uns warm ein, es ist ziemlich eisig und beginnt gerade zu schneien, und bummeln in die Altstadt. Auch hier noch weihnachtlicher Glanz, viele Menschen in der Fußgängerzone und ein Straßenmusiker, der So, this is Christmas zum Besten gibt. Irgendwann treibt uns die Kälte dann doch zurück ins Hotel.


Die letzte Etappe, von München nach Graz, führt durch die verschneite Landschaft Salzburgs und des Ennstales. Am Fenster sitzen und diese vorbeiziehen lassen, ist wie eine Meditation. Ich lasse die Eindrücke und Erlebnisse der letzten Tage Revue passieren, während wir uns der Heimat nähern. Obwohl unser Zug wegen des Schneetreibens ein wenig Verspätung hat, erreichen wir den Anschluss mit dem Regionalexpress nach Fehring. Wir kommen mit dem Zug also fast bis nach Hause.

„Genuss auf ganzer Strecke“ lautet ein Werbeslogan der Deutschen Bahn, dem ich nur zustimmen kann!

Andrea

 

Life-Work-Balance

Life-Work-Balance

Ich weiß, eigentlich heißt es Work-Life-Balance. Diesen verbalen Verdreher habe ich schon vor knapp drei Jahren fabriziert, als wir im Aufbau unserer Selbständigkeit waren und es bei einem Coaching um das Thema Zeit ging. Unsere Coach meinte damals schmunzelnd, ich hätte also meine Prioritäten schon gesetzt. Mittlerweile leben wir die Selbständigkeit und haben einige Erfahrungen dazu gesammelt, von denen ich heute erzählen möchte.

Beim Einstieg in die Selbständigkeit hörten wir immer wieder: Wer selbständig ist, arbeitet selbst und ständig! Da ist schon was dran, im Positiven und als Herausforderung. Tatsächlich machen wir fast alles selbst – von der Buchhaltung und den Mailkontakten, der Organisation der Reisen, den Kontakten zu den KooperationspartnerInnen, der Terminplanung und der Aktualisierung der Website, vom Schreiben der Blogartikel und dem Marketing bis hin zum Tanzen und Tanzen und Tanzen – auf Workshops und Kursen, bei Auftritten und beim Training. Manchmal scheint es verlockend, die eine oder andere Arbeit abgeben zu können, aber dieses selbst arbeiten hat zwei ganz große Vorteile: erstens fällt viel Kommunikation weg, denn wir sind ganz automatisch immer am Laufenden und wissen über alles Bescheid, und zweitens ist unser Arbeitsalltag dadurch sehr abwechslungsreich. Das ist auch einer der Punkte, den ich ganz besonders schätze und der für mich schon ein erstes Mosaiksteinchen meiner Life-Work-Balance ist. Natürlich macht nicht alles gleich viel Spaß, aber keine der Tätigkeiten dauert ewig und dann gibt es wieder die schönen Dinge – wie das tägliche Tanztraining oder nette Kontakte.
Im Wörtchen ständig lag für mich die größere Herausforderung, denn ich bin eine Denkerin. In der Aufbauzeit sind mir wirklich ständig Gedanken rund um unsere Arbeit durch den Kopf gegangen – beim Frühstück ebenso wie beim Spazierengehen. Anfangs habe ich diese neuen Ideen oder Fragen immer gleich angesprochen, bis Andrea meinte, wir brauchen auch Zeiten, in denen wir nicht über die Arbeit sprechen. Das war wichtig, aber nicht immer leicht durchzuhalten. Heute habe ich gelernt, meinen Kopf frei zu bekommen, nicht immer an die Arbeit zu denken und diese Auszeiten zu genießen. Und wir brauchen die Trennung von Arbeit und Freizeit auch nicht mehr so strikt, können nach ein paar Sätzen, einem kurzen Telefonat oder einer Mailantwort schnell wieder abschalten.

Dass wir mittlerweile gut von Arbeit auf Freizeit umschalten können, macht auch das Reisen so genussvoll. Meist sind wir für unsere Workshops und Kurse ja an wunderschönen Orten, die durchaus beliebte Urlaubsziele sind. So können wir manchmal schon unterwegs ein wenig Urlaubsluft schnuppern, oder es geht sich sogar am Arbeitswochenende in der Mittagspause ein Spaziergang aus – wie dieses Foto aus Rovinj zeigt: Life-Work-Balance am Meer!

Das Wort Urlaub führt uns weiter zu jener Frage, die mich im ersten Jahr der Selbständigkeit sehr beschäftigt hat: brauche ich von der Tätigkeit, die ich liebe und die ich vom Hobby zum Beruf gemacht habe, überhaupt Auszeiten? Als Lehrerin musste mich niemand davon überzeugen, dass ich die Wochenenden und Ferien als Erholungsphasen brauche, aber muss ich mich vom Tangotanzen erholen? Fast ein Jahr lang haben wir, natürlich auch deshalb, weil in der Aufbauzeit sehr viel zu tun war, uns wirklich kaum freie Tage genommen – bis wir am Ende des Jahres ziemlich erschöpft waren. Nun wussten wir, dass es arbeitsfreie Zeit braucht – nicht, um eventuellen Frust zu verarbeiten oder abzuschalten, sondern einfach um uns mal auszuschlafen oder nichts zu tun. Heute ist uns klar, dass der Montag nach einem Arbeitswochenende unser „Sonntag“ ist und dass wir nach einer ganzen Tangowoche einige Tage reservieren, in denen keine neuen Termine auf uns warten und wir erst einmal „Urlaub daheim“ machen.

Damit bin ich schon beim nächsten Punkt: unser Zuhause ist auch unser Arbeitsort. Das spart natürlich viel Zeit! Für unsere Workshops und Kurse sind wir sehr viel unterwegs, aber der tägliche Weg zur Arbeit fällt bei uns weg. Das bedeutet zwar – siehe oben – dass wir selbst die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit ziehen müssen, bietet aber enorm viel Lebensqualität. Denn das größte, goldene Mosaiksteinchen, das wohl am meisten zur Balance beiträgt, ist, täglich für uns kochen, in Ruhe das Mittagessen genießen, noch einen Espresso trinken und dann erst weiterarbeiten. Das ist wirklicher Luxus!

Die Aufbaujahre unserer Selbständigkeit sind vorbei und seit Sommer erleben wir, dass wir wirklich die Balance gefunden haben – wir haben festgestellt, dass wir zur Zeit genau das richtige Maß an Arbeit haben. Nun heißt die Herausforderung wohl, diese Balance zu halten und vielleicht das eine oder andere Mal „Nein“ zu sagen, wenn wir angefragt werden. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt.

Im Moment sind wir wieder in einer absoluten Ausnahmesituation, denn für uns ist der Advent tatsächlich die stillste Zeit im Jahr. In diesen Wochen vor Weihnachten sind andere Dinge wesentlich und die Menschen kommen nicht zum Tangotanzen – und so haben wir in dieser Zeit fast keine Termine! Dafür starten wir gleich nach den Feiertagen, wenn die meisten von euch ruhige Tage genießen, nach Norddeutschland zu unserer Silvestertangoreise. Life-Work-Balance braucht ja beides, sonst gäbe es keine Balance!

Sigrid

 

Die süße Welt von Volosko

Die süße Welt von Volosko

Wir verbringen wieder einmal eine Woche an der Opatija-Riviera im November. Wenn wir vom Hotel Miramar, in dem unser Workshop stattfindet, vor die Türe treten, befinden wir uns direkt am Lungomare und die Wellen der Adria schwappen fast bis vor unsere Füße. Ich möchte euch diesmal mitnehmen Richtung Norden, in den kleinen Fischerort Volosko.

Entlang des Weges begleiten uns die Möwen, der Blick schweift bis Rijeka und Krk, alte und moderne Villen säumen die Uferpromenade. Wir haben Glück,  die Sonne strahlt vom Himmel und wir baden in der milden Meeresluft. Dass das Wetter hier auch anders sein kann, zeigt sich bald am Weg. Der letzte Sturm, der ja auch in Italien gewütet hat, hinterließ deutliche Spuren. Stücke des Weges sind auf- und abgebrochen, die Sockel der Laternen hat es aus ihren Verankerungen gerissen und so wird der Spaziergang streckenweise zu einem Hindernislauf. Trotzdem erreichen wir bald Volosko.

Der malerische Hafen mit seinen zwei Molen empfängt uns gleich als erstes. Genau so stellt man sich ein kroatisches Städtchen am Meer vor. Die Boote schaukeln am Wasser und dahinter schmiegt sich der Ort an den Hügel. Einige Lokale, von Feinschmeckerrestaurants bis zu einfachen Bars, umgeben das Hafenbecken.  Enge Gassen und Steintreppen führen durch die Altstadt hügelaufwärts. Unterwegs begegnet man jetzt im November nicht vielen Menschen, die verwinkelten Treppengassen scheinen den Katzen zu gehören.

Oben an einem kleinen Platz angekommen lassen wir unsere Blicke über die Dächer und Schornsteine bis hinunter zum Hafen schweifen. Hier scheint die Zeit still zu stehen. Wir entdecken den Handwagen des Straßenkehrers von Volosko, der Besen besteht aus irgendeinem Macchiagestrüpp, abgestellt mitten am Platz. Er macht wohl gerade Pause.

Von hier aus folgen wir der einzigen Straße, die durch Volosko führt, zu einem kleinen Cafè, von dem wir schon gehört haben – das Kaokakao. Ein Magnet für alle, die Süßes lieben. Beim Eintritt fällt der Blick sofort auf die Theke angefüllt mit Törtchen und  süßen Naschereien. Zuerst einmal eine Augenweide, und die Entscheidung, was wir auch verkosten möchten, fällt nicht leicht. Es schmeckt so köstlich wie es aussieht und begleitet von einem Espresso ist das Glück vollkommen.

Dermaßen gestärkt machen wir uns auf den Rückweg, steigen die Treppen wieder hinunter bis direkt ans Wasser. Die Kvarner Bucht liegt vor uns und der Lungomare führt uns zurück in die mondäne Welt des Miramar.

Andrea