La dolce vita in Wien

La dolce vita in Wien

Wieder einmal konnten wir das Unterwegssein für einen Workshop mit dem Reisen verbinden, auch wenn es diesmal nur zwei Tage nach Wien gewesen sind. War der Samstag noch ein intensiver Arbeitstag mit einer Privatstunde und einem Workshop für 12 Frauen in einem Frauenwohnprojekt in der Donaustadt, so haben wir es genossen, uns am Sonntag Vormittag durch die Wiener Innenstadt treiben zu lassen. Leider zeigte sich bald, dass dies wörtlich zu nehmen war – der Winter war ja zurückgekehrt und in Wien bedeutet das, dass ein kalter Wind durch die Gassen fegt. So landeten wir schon bald in einem Kaffeehaus und beschlossen, den Rest des Vormittags dort zu verbringen. Das Diglas in der Wollzeile ist eines der alten Wiener Kaffehäuser mit roten Samtbezügen, Spiegelwänden und Kristallleuchtern – sehr einladend, um mit einem Einspänner, einem Kipferl und einer Zeitung die Zeit verfliegen zu lassen!

Aber so ganz zeitlos waren wir doch nicht an diesem freien Tag in Wien, denn wir hatten eine ganz besondere Einladung zum Mittagessen. Seit vielen Jahren verbindet uns eine Freundschaft mit Cynthia und John, beide aus Australien und schon seit Jahrzehnten in Wien lebend. Cynthia ist Geigerin und spielt Barockmusik mit großer Leidenschaft. John war als Jurist für Völkerrecht bis zu seiner Pension an der UNO-City tätig. Die beiden sind Kosmopoliten wie sie im Buche stehen: weltoffen, humorvoll, interessiert und ständig unterwegs. Sie leben in Wien der Kunst wegen, besuchen viele Konzerte, haben hier einen internationalen Kreis aus Freundinnen und Freunden. Und sie haben seit 20 Jahren ein Haus in der Toskana, ein offenes Haus, indem auch wir schon zu Gast sein durften. Unsere Liebe zur Toskana verbindet uns seit Jahren und als wir von unserem Haus in Italien geträumt hatten, waren die beiden für uns sehr wichtige WegbegleiterInnen.

Nun, ihre Liebe zu Italien zeigt sich natürlich bei Tisch! Wir waren, wie Cynthia es ausdrückte, zu einem „kleinen Mittagessen“ geladen und fanden uns in La dolce vita wieder. Da wir uns lange Zeit nicht gesehen hatten und es in der Zwischenzeit einen feierlichen Anlass gab, öffnete John als Auftakt eine Flasche Champagner. Dazu gab es kleine Häppchen und wir begannen zu plaudern. Wie immer ist dies mit den beiden sehr anregend, sie erzählten von ihren Reisen, ihren FreundInnen aus ganz Europa, ihren BesucherInnen aus der ganzen Welt. Dann gingen wir zu Tisch, es gab zuerst eine köstliche Karotten-Orangensuppe, dann ein Hühnerrisotto, dazu einen vorzüglichen österreichischen Weißwein, Salat, Käse und zum Schluss Süßes – Sacherwürfel und Linzertorte aus der K.u.K Hofzuckerbäckerei Heiner, ebenfalls in der Wollzeile – willkommen in Wien!!! Die Zeit flog dahin, ganz in italienischer Tradition, in der ein sonntägliches Mittagessen bis weit in den Nachmittag hinein dauert. Natürlich folgte noch ein schöner Espresso und als  Abschluss, wie könnte es anders sein, ein Vin Santo aus der Toskana: eine schlichte Flasche mit einem handgeschriebenen Aufkleber enthielt diesen köstlichen Dessertwein – hausgemacht von Fausto, dem Maurer, der ihr Haus in Italien renoviert hatte und natürlich auch längst ihr Freund geworden war. Welch ein Genuss! Und seit vielen Jahren erlebten wir gemeinsam wieder einmal diese wunderbare Kombination aus einer alten Freundschaft, an die man sofort anknüpfen kann, angenehmen Gesprächen, köstlichem Essen und diesem Gefühl, dass die Zeit stillsteht, um den Augenblick zu genießen, kurz: La dolce vita!

Leider mussten wir dann doch einen Blick auf die Uhr werfen, denn auch wenn der Sonntag bis dahin für uns ein freier Tag war, wartete abends im Südburgenland noch ein Übungsabend auf uns. So wurde das kleine Mittagessen schon nach vier Stunden beendet …

Wir fuhren nach Hause, reich beschenkt und beglückt von diesem Wochenende in Wien. Wie so oft sind Arbeit und Freizeit ineinander geflossen und das Schöne ist, dass wir beides so sehr genießen können! Den Tango weiterzugeben in einem Workshop und einer Privatstunde, wunderbare Begegnungen zu haben, an schöne Orte zu kommen, köstliches Essen zu genießen – was sollten wir uns sonst noch wünschen?

Sigrid

 

Alles zu seiner Zeit!

Alles zu seiner Zeit!

Wanderurlaub in Österreich – wir sind wirklich in die Jahre gekommen! In unseren 30ern hatte diese Art von Urlaub keinen Reiz für uns! Da liebten wir die Toskana und bereisten sie so oft es ging, manchmal auch nur für ein verlängertes Wochenende.

Eine Reise in diese Kulturlandschaft war jedes Mal prall gefüllt mit dem Erleben von Kunst- und Kulturschätzen, großartigen Bauwerken, der Kulturlandschaft mit Wein- und Olivengärten, der kleinen Orte und prächtigen Städte mit ihren Häusern und Palazzi im goldenen Schnitt. Damals war Slow Travel noch kein Begriff für uns – ohne nachzudenken nahmen wir die 800 km Anreise mit dem Auto hin, und zu unserer Lieblingsbeschäftigung vor Ort gehörten die Spazierfahrten auf kleinen Nebenstraßen, auf denen wir das Land entdeckten. Auch über sozio-historische Fragen machten wir uns damals noch keine Gedanken, als ob diese großartigen Bauwerke losgelöst von gesellschaftlichen Strukturen ihrer Zeit hätten entstehen können – unabhängig von reichen Adelsfamilien und der mächtigen Kirche, die die Menschen als Untertanen und billige Arbeitskräfte instrumentalisierten. Unser Blick galt der Schönheit und war dennoch nicht nur oberflächlich. Er galt zwar noch nicht einer kritischen Reflexion, aber er führte zu einem Verstehen von diesem italienischen Lebensgefühl des Genießens. Genussvolles Essen und Trinken, nicht in Form einer Nobelküche, sondern der einfachen Küche der Toskana, die mit wenigen, aber hochwertigen Zutaten auskommt und daraus je nach Jahreszeit Köstlichkeiten zaubert. Bis heute hat das Essen auf unseren Reisen einen zentralen Stellenwert und das verdanken wir mit Sicherheit jenen Reisen in die Toskana.

Nachdem wir unser Bauernhaus hier im Südburgenland gekauft hatten, gab es einige Jahre lang wenige bis gar keine Urlaube. Als Zeit und Finanzen das Reisen wieder möglich machten, hatte sich auch unser Reiseverhalten geändert. Da wir jetzt am Land lebten zog es uns in die Stadt! Eine Woche Paris, eine Woche Berlin, einige Tage in Amsterdam – Städtereisen faszinierten uns! Und wir entdeckten das Reisen mit der Bahn, genauer gesagt mit dem Nachtzug. Vor Ort lernten wir das Flanieren, das Sich- treiben-lassen als kostbaren Zeitvertreib. Die Besichtigung der Bauwerke war nicht mehr so spannend (wenn du einmal über die Hintergründe nachzudenken beginnst, dann kannst du sie auch nicht mehr ausblenden!). In jeder Stadt fanden wir unzählige Möglichkeiten wann, wo und wie wir gut essen konnten: ein Häppchen beim Marktbummel am Vormittag, ein kleines Mittagessen im Bistro, Leckereien in der Patisserie, ein Aperitif in einer Bar, ein köstliches Abendessen – wir schlemmten uns durch die Küchen der Welt! Wunderbar! Und wir gingen auf Wanderschaft! Wir erwanderten ganze Stadtviertel, gingen von einem Ort an den nächsten und erlebten so auch die weniger touristischen Straßen und Plätze, das Alltagsleben der Menschen, die versteckten und unbekannten Ecken und machten dabei manche unerwartete Entdeckung. Immer seltener nahmen wir einen Reiseführer zur Hand, sondern kamen auf unseren Wanderungen durch die Städte einfach so an dem, was „man gesehen haben muss“ vorbei.

Wie in der Zeit, als wir unser Haus renoviert haben, waren auch die letzten Jahre eine Zeit ohne Urlaube – aber diesmal dennoch eine Zeit des Reisens. Unsere Reisen mit dem Tango – für die Straßenkunst oder einen Workshop – ließen uns viel herumkommen und immer wieder konnten wir dabei „so nebenbei“ eine Stadt erleben, einen Gipfel besteigen, einen Landstrich entdecken. Aber es war nie Urlaub im Sinne einer arbeitsfreien Zeitspanne, in der der Alltag zurückbleiben kann. Dies konnten wir nun wieder einmal erleben und wir knüpften dabei direkt an unsere Urlaubserfahrungen der früheren Jahrzehnte an – aus unseren Wanderungen durch die Städte wurde das Wandern in der Natur, aus dem Tramezzino in der Bar die Jause auf der Alm! Ein Wanderurlaub in den Alpen war genau das Richtige, um abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen! Mit jedem Schritt, mit jedem Blick in die Bergwelt, an jedem Gebirgsbach und auf jedem Gipfel bin ich ein Stück mehr zur Ruhe gekommen und bei mir angekommen. Ich musste meine Gedanken an die Arbeit nicht bei Seite schieben – sie waren einfach nicht da! Ich liebe den Tango, aber er ist mir tagelang nicht in den Sinn gekommen und, ehrlich, er ist mir auch nicht abgegangen. Und jetzt, wieder daheim, erfreue ich mich an den Klängen der Tangomusik, genieße ich das Tanzen, gelingt der Neustart in den Arbeitsalltag wie von selbst. Aber die Bilder der Berge, die Klänge des Gebirgsbaches und die Gerüche der köstlichen Jause auf der Alm sind noch präsent. Und diese Mischung hat etwas ganz Besonderes, ich nenne es einfach Lebensfreude oder, wie damals in der Toskana: La dolce vita!

Sigrid

 

Eine Reise in die Vergangenheit …

Eine Reise in die Vergangenheit …

Wir sind nicht auf direktem Weg zurück nach Österreich gefahren, sondern haben noch einen Abstecher nach Umbrien gemacht, um dort das Hotel Castello Monticelli und seine Besitzerin kennen zu lernen, weil wir dort demnächst einen Tangoworkshop geben werden. Da auf der Autobahn rund um Florenz meist extrem viel Verkehr ist, haben wir uns entschlossen, diesen Bereich zu meiden und stattdessen 250 km quer durch die Toskana – vom Nordwesten am Tyrrhenischen Meer bis in den Südosten nahe dem Lago Trasimeno – auf Bundes- und Schnellstraßen zu fahren. Und bald schon war klar, dies wird für uns eine Reise in die Vergangenheit!

An den Bildern in den letzten Blogartikeln war schon zu erkennen, dass es an der Costa Versilia nicht so ausgesehen hat, wie man die Toskana üblicherweise kennt. Bald nachdem wir an Lucca vorbeigefahren sind, wurde die Landschaft „typisch toskanisch“: sanfte, grüne Hügel mit Oliven- und Weingärten, Zypressenallen hinauf zu einem kleinen Dorf oder einem herrschaftlichen Anwesen. Die Straße im Tal verlief kilometerlang durch Pinien- oder Platanenalleen. Der Anblick war mir sofort wieder vertraut, obwohl wir viele Jahre nicht hier gewesen sind. In den späten 1990ern sind wir mehrmals im Jahr – oft nur für ein verlängertes Wochenende – in die Toskana gefahren. Damals wurden wir immer wieder gefragt, warum wir so oft dorthin fahren und wir haben gescherzt und geantwortet, es sei ja wohl klar, dass man mehrmals im Jahr nach Hause fährt … Nun waren wir schon fast zehn Jahre lang nicht mehr in der Toskana, und dennoch hatte ich sofort dieses vertraute Gefühl, angekommen zu sein in meinem Sehnsuchtsland.

dscf5830Die Frage, wo wir an diesem Reisetag Mittagsrast halten, war schnell beantwortet, denn diese Diagonale durch die Toskana führte an Siena vorbei – und Siena war immer „unsere“ Stadt! Florenz, Pisa, Lucca … sind wunderschön, aber wir hatten uns in Siena zu Hause gefühlt. Die letzten Kilometer auf der Schnellstraße weckten die Erinnerung an die unzähligen Male, wenn wir angereist sind und nach 7 Stunden Fahrt fast am Ziel waren. Diesmal sind wir mit dem Auto recht weit ins Zentrum gefahren und direkt in die Altstadt gebummelt. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, in jenen Gässchen, vorbei an den Palazzi und den kleinen Plätzen, zu spazieren, die so vertraut sind. Trotz der vielen Jahre hat sich kaum etwas verändert. Inmitten unzähliger TouristInnen und den Sienesen auf dem Weg in die Mittagspause sind wir dem großen Platz, der uns wie all die Jahre zuvor magisch angezogen hat, entgegen gestrebt, bis wir endlich dort angekommen sind: Il Campo, übersetzt eigentlich „das Feld“, für mich der schönste Platz der Welt! Wir sind hinausgetreten aus den schmalen Gassen in diesen muschelförmigen Halbkreis aus ziegelroten Häusern und dem Rathaus mit seinem eleganten Turm. Und wieder erfasste mich dieses beinah überwältigende Gefühl, angekommen zu sein am Mittelpunkt der Welt. Diese Harmonie der Gebäude, alle in den rotbraunen Farben der Erde rund um Siena, die Weite des Platzes, die zugleich Offenheit und Geborgenheit vermittelt. Ein unbeschreiblicher Augenblick! Nur der Hunger konnte uns dazu bringen, den Platz zu verlassen und den Spaziergang durch die Altstadt fortzusetzen, eine Bäckerei, in der wir früher gerne waren, zu suchen und freudig festzustellen, dass es sie noch gibt. Gestärkt sind wir dann nochmals auf den Campo zurückgekehrt, um ihn zu umrunden bevor wir zum Abschluss unseres Kurzbesuches im Cafe Nannini einen Espresso getrunken und, damit das Glücksgefühl ein wenig konserviert werden kann, typische Süßigkeiten aus Siena gekauft haben. Nach zwei Stunden sind wir schon wieder im Auto gesessen, einige Zeit lang sind wir schweigend weitergefahren, denn wir waren beide in Gedanken noch in „unserer“ Stadt …

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Doch die Reise in die Vergangenheit war noch nicht zu Ende! Der nächste Streckenabschnitt führte entlang der „Crete“, jenem wüstenartigen Landstrich südöstlich von Siena, in dem die Getreidefelder im Spätsommer fast weiß wie Sand sind und es beinah unmöglich erscheint, dass hier etwas wachsen kann. In unzähligen Spazierfahrten haben wir früher diese magische Landschaft erkundet und sogar davon geträumt, in einem der Bauernhäuser, die dort auf den Hügeln thronen, zu leben. Nach einiger Zeit veränderte sich die Landschaft wieder, es wurde wieder grün und „typisch toskanisch“, bis wir nahe der Grenze zu Umbrien und somit nicht mehr weit entfernt vom Lago Trasimeno waren. In der Nähe des Sees haben wir vor 16 Jahren einige Monate lang gelebt und so war dieser Anblick wieder mit vielen Erinnerungen und intensiven Gefühlen verbunden.

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Im Licht der Abendsonne wirkte er wie verzaubert, der Wirklichkeit entrückt, und das passte irgendwie zu diesem ungewöhnlichen Tag! Die Hügel rund um den See mit ihren Olivengärten und den kleinen Dörfern, die wir damals auf unseren alltäglichen Wegen entlang gefahren sind, leuchteten in diesem Licht. Wir mussten einfach stehenbleiben und aussteigen und wie damals einfach den Blick schweifen lassen und diese Bilder in uns aufsaugen.

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Und seltsam, wieder spürte ich dieses Glück und diese Dankbarkeit, jetzt hier sein zu können, jedoch keine Wehmut. Ich wurde erinnert an jene Zeit, aber ich war nicht traurig, dass sie so lange zurückliegt oder dass ich so lange nicht dort war, sondern ich konnte diesen Augenblick völlig genießen! Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich weiß, dass es nun nicht mehr so viele Jahre dauern wird, bis wir wieder dort sein werden! Der Tango war der Grund für diese Reise in die Vergangenheit und unsere Arbeit wird uns in den nächsten Monaten mehrmals in unser altes Sehnsuchtsland führen. Welche ein Geschenk!

Sigrid

 

Faszination Meer

Faszination Meer

Wir wohnen hier an der Costa Versilia ja mehr in den Bergen als am Meer, aber il mare zieht uns immer wieder an wie ein Magnet. Entweder für einen Strandspaziergang am Abend, für einen Nachmittagsausflug zum Schwimmen oder auch für eine Tageswanderung – so sind wir fast täglich am Meer. Und erleben es immer anders, je nach Wetter mal ruhig oder mit hohem Wellengang, je nach Küstenabschnitt mit unterschiedlichen Färbungen.

Die Costa Versilia von Viareggio bis Carrara ist ein schnurgerader Küstenabschnitt von ca. 30 Kilometern mit breitem Sandstrand. Es reiht sich hier ein Bagno mit seinen Schirmen und Liegestühlen an das andere. Im Sommer – auch Anfang September, als wir hier ankamen noch – alle voll, wird es jetzt schon ziemlich ruhig. Ab Mitte September ist eindeutig Nachsaison und einige Bäder haben bereits geschlossen. Jetzt einen Liegestuhl zu bekommen ist jedenfalls kein Problem. So haben auch wir am letzten Wochenende dieser Saison, Ende September, bei feinstem Wetter einen richtig faulen Tag am Strand genossen. Ansonsten haben wir uns zum Schwimmen aber andere Plätze gesucht.

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Dieser Küstenabschnitt wird nämlich auf beiden Seiten von zwei völlig unterschiedlichen Naturparadiesen begrenzt. Auf der einen Seite, südlich von Viareggio, gibt es eine ausgedehnte Pineta mit freiem, wildem Strand. Auf der anderen Seite, nördlich von Carrara, mündet der Fluss Magra ins Meer und eine Halbinsel mit Steilküste schließt sich an, bevor der Golfo di La Spezia beginnt. Beides Naturschutzgebiete mit völlig unterschiedlichen Landschaften.

Schon bei der Anfahrt zur Pineta fährt man durch Pinienwald, bevor man bei einem der Zugänge, die hinausführen zum Meer, einen Parkplatz findet. Es gibt ein ausgedehntes Wegenetz und man könnte stundenlang spazieren, wenn man nicht gleich zum Strand möchte. Wir waren zum Schwimmen gekommen, haben also den direkten Weg gewählt, der unter großen, mächtigen Pinien beginnt, bis diese übergehen in Buschwerk und schließlich in eine Dünenlandschaft mit ihrer charakteristischen Vegetation.

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Am Strand angekommen, gab es hier weder Sonnenschirme noch Liegestühle. Stattdessen bauen sich die Strandbesucher hier aus Schwemmholz und mitgebrachten Tüchern Sonnenzelte, auch sehr bunt, aber individueller. Der Strand besteht aus feinstem Sand, der einen wieder Kind werden lässt und zum Spielen einlädt. Es ist auch sehr angenehm auf diesem Sand ins Wasser zu gehen, die Wassertemperatur für uns optimal, weil den ganzen Sommer schon aufgewärmt. Schwimmen, sich treiben lassen, mit den Wellen spielen – den Glücksmoment genießen!

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Für LiebhaberInnen von Felsküsten hingegen ist der Naturpark Montemarcello auf der anderen Seite eher zu empfehlen. Wir sind hierher zum Wandern gekommen und haben nur einen Schwimmer gemacht. Das nette Städtchen Ameglia auf einer Hügelkuppe am Rande des Magratales, eine kompakte, runde Häuserkrone, war unser Ausgangspunkt. Äußerst gut markierte Wege führen über die Halbinsel, die wir gequert haben, um in Tellaro am Golfo di La Spezia anzukommen. Ein Weg durch verwilderte Olivengärten, teilweise auf den Steinmauern, die für deren Terrassierung errichtet wurden, und Macchia mit Steineichen, Lorbeer, Mastixbäumen … Beim Abstieg dann atemberaubende Ausblicke auf die Felswände der Steilküste, ein türkisblaues Meer und das Bilderbuchdörfchen Tellaro. Es erinnert schon sehr an das nicht ferne Cinque Terre, ist aber nicht so bekannt und deshalb auch nicht so überlaufen.

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Wir haben die Mittagsrast in diesem Küstenörtchen genossen mit allem was dazugehört. Zuerst eine Focaccia und dazu den köstlichen, lokalen vino frizzante in einer Bar mit Blick aufs Meer. Danach ein Verdauungsspaziergang durch die engen, verwinkelten Treppengassen. Und schließlich ein Sprung ins kühle Nass. Der Strand hier felsig, eine Leiter erleichtert den Einstieg, das Meer ziemlich bewegt, aber das Schwimmen wieder ein Genuss. Am Weg zurück sehen wir „unsere“ Badebucht schon bald aus der Ferne von oben. Die Sonne glitzert jetzt am Wasser und man kann sich nicht sattsehen am Meer, bevor wir wieder in unser Tal zurückkehren.

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dscf5466Aber es dauert nicht lange, bis es uns wieder anzieht, auch wenn es „nur“ für einen Abendspaziergang am Strand ist, zumindest mit den Füßen im Wasser das Naturschauspiel eines Sonnenuntergangs genießend. Oder wir flanieren auf einem der pontiles, die sie hier in jedem der Orte ins Meer hinaus gebaut haben, il mare entgegen. An deren Ende ist man – außer schwimmend – dem Meer am nächsten. Einmal konnten wir sogar riesengroße Quallen, diese faszinierenden Urlebewesen, beobachten. Zwischendurch hat das Wetter hier umgeschlagen und da standen wir einfach nur draußen, ließen uns den Wind um die Ohren blasen und die gewaltigen Wellen auf uns zu rauschen. Ewig könnte ich so dastehen und das Kommen und Gehen der Wellen beobachten – es ist wie eine Meditation.

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dscf5799Diesen Artikel schreibe ich natürlich am Meer, möglichst nahe, solange es ein heranziehendes Gewitter erlaubt. Eine ganz besondere Stimmung, wenn über dem Meer noch die Sonne scheint und von den Bergen her die dunklen Gewitterwolken aufziehen. Ein Farbenspiel auf dem Wasser von golden glitzernd über türkis bis schwarz. Der Abschied fällt schwer!

Andrea

 

 

Buon appetito!

Buon appetito!

Essen und Trinken, Schlemmen und Genießen war für uns schon immer wichtig, wenn es ums Reisen ging. Sind wir damals im Urlaub meist abends zum Essen ausgegangen, so kochen wir jetzt, auf unseren langen Reisen, selbst für uns. Die Vorstellungen von einer Reise ins Schlaraffenland sind ja wohl recht unterschiedlich, aber mit Italien im Allgemeinen und der Toskana im Besonderen erfüllt sich für uns dieser Traum!

Die Küche der Toskana ist im Grunde genommen sehr einfach und bodenständig. Die Gerichte bestehen aus relativ wenigen verschiedenen Zutaten, diese aber sind von hervorragender Qualität. Durch die eher einfache Zubereitung kommt der Geschmack voll zur Geltung. Und an Stelle von Milch und Honig fließen hier ja bekanntlich Olivenöl und Wein …

Nun, was kommt also derzeit bei uns auf den Tisch? Pasta, und zwar beinahe täglich! Dass dies keineswegs langweilig wird, liegt einerseits an den unzähligen vielen Formen, in denen es die Teigwaren hier gibt und den ebenfalls vielfältigen Möglichkeiten an Nudelgerichten, jeweils abgestimmt auf die Pasta, die daraus entstehen. Zuerst also einmal die klassische Pasta pomodori, mit voll reifen, geschmackvollen Fleischtomaten, klein geschnitten, lange in Olivenöl geschmort, gewürzt mit selbst gesammelten Kräutern und am Tisch noch mit frischem Parmigiano vollendet. Einfach, köstlich, einfach köstlich! Das Schälen der Tomaten, das hierfür notwendig ist, geht viel leichter als in sämtlichen Kochbüchern beschrieben: Man braucht kein Wasser aufzukochen und die Tomaten darin ziehen lassen, um die Haut anschließend abziehen zu können. Von Elena, einer Frau, die in Cortona hier in der Toskana gelebt hat und letzten Winter mit 90 Jahren gestorben ist, haben wir vor Jahren gelernt, wie sie Tomaten schält: Mit dem Messerrücken fest über die Tomatenhaut streifen und danach einfach die Haut abziehen. Einzige Voraussetzung, damit es bestens funktioniert: die Tomaten müssen gut reif sein und es müssen natürlich Fleischtomaten sein – denn wie bei der Pasta gilt auch hier – Tomaten sind nicht gleich Tomaten! Beim Würfeln dann die Kerne und die Flüssigkeit weggeben und nur das Tomatenfleisch zerkleinern. Fertig!

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Da wir hier nahe der Grenze zu Ligurien sind, gibt es in den Geschäften Pesto Genovese, das Sugo aus Basilikum, Pinien und Olivenöl, offen zu kaufen. Wir machen daraus ein typisches Gericht aus Ligurien: Trenete. Wie der Name schon verrät sind hierfür drei Zutaten nötig: kleine und möglichst junge grüne Bohnen in Stücke geschnitten, gewürfelte Kartoffeln und Pasta. Diese drei werden gemeinsam gekocht und direkt am Teller kommt das Pesto darüber. Wir reiben den Parmigiano auch hier frisch über die Pasta, man kann ihn aber auch ins Pesto einrühren.

Nun, in Italien gibt es ja üblicherweise auch ein Antipasto, also eine Vorspeise. Auch die lassen wir uns hier nicht entgehen. Da wäre einmal eine Insalata di finocchio, äußerst simpel und köstlich: Den Fenchel in möglichst dünne Streifen schneiden, am Teller auflegen, bestes Olivenöl, frisch gemahlenen Pfeffer und Salz darüber – fertig ist der Antipasto! Oder, wenn es einmal etwas deftiger sein soll, dann machen wir uns Radicchio con Lardo: Lardo ist der weiße Speck, den es in diesem Teil der Toskana gibt (ansonsten ist er eher in den Alpenregionen Italiens zu finden). Radicchio vierteln, der Strunk bleibt dabei, damit er nicht auseinanderfällt, und in eine Form geben. Wieder kommt Olivenöl, Salz und Pfeffer darüber und dann wird der Lardo darauf verteilt. Das ganze kommt für ca. 15 Minuten ins Rohr. Eine perfekte Vorspeise, weil die Bitterstoffe des Radicchio die Magensäfte so richtig in Gang bringen ….

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Dass die toskanische Küche gerne mal deftig ist, merkt man, wenn man in einem Rifugio, einer Berghütte, zum Mittagessen Rast macht, wie wir es bei unseren zwei Wanderungen getan haben. Einmal gab es Zuppa fagioli, also eine kräftige Bohnensuppe, wie es sich gehört mit einem kräftigen Strahl Olivenöl. Anschließend aßen wir eine Frittata di zucchini, ein Fladen aus Eiern und ganz kleinen Zucchini mitsamt deren Blüten. Im zweiten Rifugio kosteten wir, ebenfalls nach einer kräftigen Zuppa toscana, ein Gericht aus Polenta. Als es serviert wurde, waren wir überrascht über die Farbe dieses Gerichts, denn es war nicht gelb, sondern beinahe schwarz. Wie sich herausstellte, wurde das Maismehl hier mit Mohn vermengt und das ganze wurde danach mit Käse überbacken. Sehr interessant und köstlich und vor allem auch perfekt, um sich für den Rest der Wanderung zu stärken. Ganz selbstverständlich war es übrigens auf diesen Berghütten, zum Mittagessen Rotwein zu trinken – wir sind ja in der Toskana!

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Und somit bin ich beim Wein angelangt. Der übliche Rotwein hier wird aus „der Toskanatraube“, Sangiovese, gekeltert und ist daher auch sofort als „echter Toskaner“ zu erkennen: Beim ersten Schluck eher kantig, gar nicht rund und geschmeidig, entfaltet er sich erst so richtig, wenn man etwas dazu isst. Und genau das ist hier üblich: man trinkt Wein eigentlich nicht einfach so, sondern es wird immer etwas dazu gegessen. Wenn man also in einer Bar ein Glas Wein bestellt, dann gibt es dazu auf jeden Fall etwas zum Knabbern. Wirklich überrascht waren wir aber, als wir gleich eine ganze Jause serviert bekommen haben – wir hatten zwei Glas Rotwein bestellt und auch nur diese bezahlt! Der Weißwein dieser Gegend wird aus jener Traube gemacht, die in den Colli di Luni, gleich über die Grenze in Liguren, und an der ganzen toskanischen Küste zu Hause ist. Vermentino heißt sie, die Menschen hier sagen aber einfach „Vermo“ zu „ihrem“ Weißwein: ein trockener, vollmundiger Wein, der sich wunderbar als Essensbegleiter eignet. Außerdem wird hier auch gerne ein Frizzante getrunken, leicht und frisch, mit wenig Kohlensäure der perfekte Aperitivo.

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Da fehlt für mich nur noch eines, um im Schlemmerparadies zu sein: Brot! Ich liebe Weißbrot und hier wird es in unzähligen Varianten gebacken: Focaccia, ein Fladenbrot mit viel Olivenöl, senza sale, also ohne Salz, wie es für das toskanische Bauernbrot üblich ist, Integrale, zur Hälfte gemischt mit Dinkelvollkornmehl, Ciabatta, leicht und luftig, … Spätestens jeden dritten Tag sind wir in der Bäckerei, um uns erneut mit diesen Köstlichkeiten zu versorgen. Und dann geht es wieder weiter mit dem Genießen!

Buon appetito!
Sigrid

Marmor, ein kostbarer Stein

Marmor, ein kostbarer Stein

Wenn man vom Meer aus die Apuanischen Alpen betrachtet, scheint auf den ersten Blick auf deren Gipfeln Schnee zu liegen. Dass das hier im September – wir haben für unsere Begriffe noch hochsommerliches Wetter – nicht sein kann, weiß man. Es ist der Marmor, der, von der Sonne angestrahlt, herunter leuchtet. Ein schönes und bizarres Bild zugleich – die Berge haben weiße Wunden.

dscf5665Wenn man sich an der Costa Versilia aufhält, kommt man um den Marmor nicht herum. Er begleitet einen auf Schritt und Tritt im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier bestehen die Gehsteige aus Marmor- in Seravezza aus Marmorresten, in Forte dei Marmi aus schönen Marmorplatten. Man hat ihn in allen Verarbeitungsstufen vom Abbau bis zur fertigen Statue oder Domfassade ständig vor Augen und in manchen Orten liegt Mamorstaub in der Luft.

Auch die Ortsnamen erzählen davon: Carrara kommt von „kar“, was so viel wie „Stein“ bedeutet, Forte dei Marmi heißt „Marmorfestung“ und Pietrasanta bedeutet „heiliger Stein“. Der Marmorabbau hat hier schon eine sehr lange Tradition und geht zurück bis auf die Römer, die ihre Sklaven die schwere Arbeit verrichten ließen. Im frühen Mittelalter gab es dann eine Gesellschaftsform, die sich leider nicht gehalten hat, denn die Orte hier waren freie Kommunen und die Menschen Arbeiter und Herren zugleich. Alle haben vom Marmorabbau profitiert. Es dauerte aber nicht lange bis die großen Adelsgeschlechter, wie z.B. die Medici, den Reichtum rochen, den man mit Marmor erlangen kann. dscf5662Von da an herrschten hier die sogenannten Marmorbarone, die das große Geld verdienten, während sie ihre Arbeiter ausbeuteten. Der Abbau des Marmors war und ist immer noch Schwerstarbeit. Wenn dann noch dazu die Arbeitsbedingungen katastrophal waren, 12 Stunden Arbeitszeit und schlechte Sicherheitsvorkehrungen zu einem äußerst geringen Lohn, war es kein Wunder, wenn es zu Aufständen kam. Die hat es hier immer wieder gegeben, sodass sich eine Anarchistenszene entwickelt hat. Bis herauf ins 20. Jhd. wurden sogar Anarchistenkongresse abgehalten und man ist hier ein bisschen stolz auf diese Tradition des Widerstandes. In Carrara sind heute noch an den Hauswänden die Symbole der Anarchisten zu finden.

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Nun, mittlerweile gibt es Gewerkschaften und bessere Arbeitsbedingungen und Maschinen, die die Arbeit erleichtern. Aber es ist immer noch eine sehr schwere Arbeit, die auch viel Fachwissen erfordert. Der Stein wird nämlich auf Grund seines großen Wertes aus den Bergen mit diamantenbesetzten Stahlseilen bzw. Riesensägen herausgeschnitten – so sehen hier manche Berggipfel selbst wie riesengroße Skulpturen aus. Die so entstandenen Marmorblöcke werden dann mit Lastwagen zu Tal befördert, normales Transportgut sind 30 Tonnen Gewicht. Es verlangt großes Geschick von den Fahrern mit diesem Gewicht die schmalen und kurvenreichen Straßen zu bewältigen. Wir haben einen der Marmorsteinbrüche an einem Wochenende besucht und waren heilfroh, keinem dieser LKWs zu begegnen. Unten in den Tälern, an den Flüssen gibt es dann die unzähligen Marmorsägereien, mit ein paar Ausnahmen fast alle Kleinbetriebe. Hier wird der Marmor in Platten zersägt. Aus einem Zweimeterblock erhält man zwar 80 Platten auf einmal, aber es dauert 100 Stunden bis so ein Block zersägt ist. Gleich in der Nähe unseres Hauses befindet sich auch so eine Sägerei, die Tag und Nacht selbst am Wochenende in Betrieb ist – jetzt wissen wir warum.

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Dieser Stein zieht natürlich auch seit jeher KünstlerInnen an. Schon Michelangelo hat eine Zeit lang hier gelebt, um sich die Marmorblöcke für seine Statuen selbst auszusuchen. Der Marmor, der dafür verwendet wird, „Statuario“ genannt, ist der begehrteste – weiß, feinkörnig und seidig-glänzend. Es gibt nämlich 50 verschiedene Mamortypen, darum gibt es im Italienischen auch eine Mehrzahl für diesen Stein – „marmi“. Allora, wir haben vor einigen Tagen in Seravezza einen Künstler kennengelernt, der sich hier niedergelassen hat. Er, ein Franzose, und seine Frau, eine Asiatin, sind ein angesehenes Bildhauerehepaar, das hier die Foundation ARKAD zur Unterstützung anderer KünstlerInnen betreibt. Letzten Sonntag hatten sie einen Tag der offenen Tür und wir konnten ihre Arbeitshalle und ihre Ausstellungsräume besichtigen. Die Arbeitshalle hat uns besonders beeindruckt – riesengroß, alles mit weißem Mamorstaub überzogen, halbfertige Arbeiten und die Werkzeuge, die man für die Bearbeitung des Marmors braucht – eine ganz besondere Atmosphäre. In den Ausstellungsräumen konnten wir dann die Modelle ihrer Arbeiten besichtigen, denn sie erschaffen riesengroße Mamorskulpturen für den öffentlichen Raum – auf Bildern zu sehen. Überwältigend schön wie diese sich auf einem Platz, in einem Park oder am Meeresufer einfügen! Es ist sehr beeindruckend, wenn die Schönheit dieses Steines so zur Geltung gebracht wird. Man muss als BildhauerIn neben dem künstlerischen Ausdruck und dem handwerklichen Können, aber sicher auch den Respekt vor diesem Stück Natur und auch den Menschen, die die Schwerstarbeit des Abbaus leisten, einfließen lassen.

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Gestern erst waren wir in Carrara, das sich ja Welthauptstadt des Marmors nennt. Der Name dieser Stadt steht für den Marmor hier, aber der Stadt selbst ist das nicht anzumerken. Bei unserer Wanderung durch die Gassen wurden wir immer bedrückter, denn fast die gesamte Altstadt steht leer. Lokale, Geschäfte und Wohnungen werden zum Verkauf angeboten, an jedem zweiten Haus findet man das Schild „Vendesi“. Vieles schon sehr baufällig, macht die Stadt einen heruntergekommen Eindruck, es ist nichts von Reichtum zu bemerken. Diese Stadt verdient also nicht am Marmor. Wer macht also heute das große Geld damit, anstelle der Marmorbarone? Wir konnten es nicht herausfinden, aber man kann es sich denken. Mit diesem Hintergrundwissen, das wir über den Marmor hier gesammelt haben, fühlt es sich jedenfalls anders an, diesen besonderen Stein zu berühren, als vorher.

Andrea

Mare e Monti

Mare e Monti

In all den Jahren, in denen wir Italien bereist haben, ist uns die Costa Versilia nie wirklich aufgefallen. Einmal sind wir auf dem Weg vom Cinque Terre nach Siena mit dem Auto hier durchgefahren und haben die Bergkette bewundert, auf die Idee, hier zu stoppen sind wir aber nicht gekommen. Erst als wir letzen Winter die Italienkarte auf der Suche nach einem geeigneten Platz für unser Auftrittsmonat genau studiert haben, ist uns aufgefallen, dass es hier auf wenigen Kilometern ganz viele Badeorte, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, gibt. Bei genauerem Hinschauen haben wir entdeckt, dass es nur wenige Kilometer im Hinterland eine Reihe von alten, kleineren und größeren Städten gibt. So waren wir uns sicher, dass dies ein guter Platz für unsere Straßenkunst sein würde. Und erst kurz vor unserer Abreise hierher haben wir unseren Wanderführer für die Toskana aus dem Regal genommen, um festzustellen, dass die Apuanischen Alpen allein schon eine Reise wert wären. So haben wir also noch schnell unsere Wanderschuhe eingepackt. Und tatsächlich, dieser Landstrich ist nicht nur bestens geeignet für uns als Straßenkünstlerinnen, er bietet eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten!

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Der Küstenabschnitt hier im nördlichsten Winkel der Toskana mit feinstem Sandstrand und mondänen Badeorten ist etwa 30 Kilometer lang und reicht von Marina di Carrara im Norden bis Viareggo im Süden. Es reiht sich ein Bagno, also ein Strandbad neben das andere und erst südlich von Viareggio gibt es einen größeren frei zugänglichen Strandabschnitt gesäumt von einem prächtigen Pinienwald. Die Orte der Costa Versilia, die wir bisher kennengelernt haben, sind ihrem Charakter nach sehr verschieden. Viareggio ganz im Süden ist bekannt wegen seiner Prachtbauten entlang des Lungomare. Um 1920 war es ein Nobelseebad und zahlreiche Luxushotels im Jugendstil oder im Stil des Klassizismus zeugen von jener Blütezeit. Ganz besondere Bauten sind die Eingänge zu den Bagni, jedes Strandbad hat dafür ein eigenes Gebäude mit einem Torbogen in der Mitte und dem Schriftzug mit seinem Namen darüber. Links und rechts neben dem Eingang ist Platz für Geschäfte oder Lokale. So ist dieser Lungomare den ganzen Tag und die halbe Nacht lang die Flaniermeile von Viareggio. Heute sind viele dieser Bauten leider nicht mehr im besten Zustand, wenn sie auch nach wie vor in ihrer ursprünglichen Weise genutzt werden. Das alte Grand Caffè Margherita zum Beispiel ist bestens geeignet für einen Aperitivo und ein kleines Häppchen.

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Entlang der Via Aurelia, der alten Staatsstraße Nr. 1, gelangt man nach Pietrasanta am Fuße der Hügel und entdeckt ein toskanisches Bilderbuchstädtchen. Viele KünstlerInnen haben sich hier niedergelassen und in der kleinen Altstadt gibt es daher neben Geschäften und Lokalen auch zahlreiche Kunstgalerien. Eine nette Möglichkeit für einen Abendbummel, es sind ja nur wenige Kilometer von den Badeorten hierher und selbst jetzt in der Nachsaison ist viel los. Aber es ist hier fast zu schön, zu perfekt für TouristInnen herausgeputzt.

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Keine zehn Kilometer entfernt, etwas nördlich wieder am Meer, ist der Ort, der heute das Nobelseebad der Costa Versilia ist. Forte dei Marmi ist der Urlaubsort der VIPs. Die Einkaufsmeile ist mit Marmor gepflastert, Geschäfte mit klingenden Namen reihen sich aneinander: Gucci, Prada, Swarovski, Dolce & Gabbana, … Doch der Reichtum wird hier nicht zur Schau getragen oder hervorgekehrt, die Atmosphäre ist angenehm, gepflegt und elegant. Es gibt wenige Hotels, denn die meisten UrlauberInnen mieten hier ein Ferienhaus für ein oder zwei Monate, wenn nicht gleich für die ganze Saison. Wir sind abends schon mehrmals nach Forte dei Marmi gefahren, denn es gibt dort noch etwas ganz besonderes. Die Mole, die früher dem Verladen des Marmors gedient hat, ist 300 Meter lang und der perfekte Platz für einen kitschigen Sonnenuntergang. Und es ist der Platz, von dem aus man die Berge am besten sehen kann!

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Wie so oft im Leben, sieht man das, in dem man mittendrin steckt, nicht wirklich, sondern man muss einen Schritt heraus machen, um den Überblick zu bekommen. Wir wohnen mitten in den Apuanischen Alpen, aber hier im Tal sehen wir die prachtvollen Gipfel gar nicht. Im Abendlicht vom Meer aus erstrahlen sie in ihrer vollen Schönheit.

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Aber die Berge anzuschauen ist nur der halbe Genuss! Unsere ersten Eindrücke sammelten wir auf einer kleinen Wanderung durch die bewaldeten Hügel auf ca. 500 Meter Höhe. Die Bergdörfer, die dieser Weg verbindet, sind alle bewohnt und gut erschlossen. Vielleicht finden die Menschen, die hier leben, unten an der Küste Arbeit und weil hier alles so nahe beisammen ist, müssen sie ihre Dörfer nicht verlassen. Auf diesem Weg sammelten wir Kräuter und Haselnüsse und naschten von den Bergfeigen und Brombeeren. In dieser Woche haben wir eine erste größere Wanderung gemacht. Es geht steil hinauf von dem kleinen Bergdorf Stazzema auf 450 Meter Seehöhe bis zum schroffen Kalkgestein. Belohnt wird der mühsame Aufstieg aber schon unterwegs auf einem wunderschönen Weg zuerst durch Kastanienwälder mit üppiger Vegetation, vorbei an sprudelnden Quellen und oberhalb der Baumgrenze mit unbeschreiblich schönen Ausblicken. Unser Gipfel an jenem Tag war „nur“ 1149 Meter hoch und doch bist du inmitten einer fantastischen Bergwelt – mit Blick zum Meer. Zum Strand von Forte dei Marmi sind es genau 13 Kilometer Luftlinie. Einfach paradiesisch und irgendwie kaum zu beschreiben. Einfach ein Glücksmoment!

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Am Tag darauf, als Ausgleich für die Strapazen, haben wir einen genüsslichen Abendspaziergang am Strand gemacht. Neben der Mole von Forte dei Marmi ist eine schmaler, freier Zugang zum Meer und so sind wir entlang der Reihen der Schirme und Liegen auf der einen Seite und den aufschäumenden Wellen auf der anderen dem Sonnenuntergang entgegen gewandert – natürlich mit Blick auf die Berge!

Che bello!
Sigrid