Faszination Meer

Faszination Meer

Wir wohnen hier an der Costa Versilia ja mehr in den Bergen als am Meer, aber il mare zieht uns immer wieder an wie ein Magnet. Entweder für einen Strandspaziergang am Abend, für einen Nachmittagsausflug zum Schwimmen oder auch für eine Tageswanderung – so sind wir fast täglich am Meer. Und erleben es immer anders, je nach Wetter mal ruhig oder mit hohem Wellengang, je nach Küstenabschnitt mit unterschiedlichen Färbungen.

Die Costa Versilia von Viareggio bis Carrara ist ein schnurgerader Küstenabschnitt von ca. 30 Kilometern mit breitem Sandstrand. Es reiht sich hier ein Bagno mit seinen Schirmen und Liegestühlen an das andere. Im Sommer – auch Anfang September, als wir hier ankamen noch – alle voll, wird es jetzt schon ziemlich ruhig. Ab Mitte September ist eindeutig Nachsaison und einige Bäder haben bereits geschlossen. Jetzt einen Liegestuhl zu bekommen ist jedenfalls kein Problem. So haben auch wir am letzten Wochenende dieser Saison, Ende September, bei feinstem Wetter einen richtig faulen Tag am Strand genossen. Ansonsten haben wir uns zum Schwimmen aber andere Plätze gesucht.

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Dieser Küstenabschnitt wird nämlich auf beiden Seiten von zwei völlig unterschiedlichen Naturparadiesen begrenzt. Auf der einen Seite, südlich von Viareggio, gibt es eine ausgedehnte Pineta mit freiem, wildem Strand. Auf der anderen Seite, nördlich von Carrara, mündet der Fluss Magra ins Meer und eine Halbinsel mit Steilküste schließt sich an, bevor der Golfo di La Spezia beginnt. Beides Naturschutzgebiete mit völlig unterschiedlichen Landschaften.

Schon bei der Anfahrt zur Pineta fährt man durch Pinienwald, bevor man bei einem der Zugänge, die hinausführen zum Meer, einen Parkplatz findet. Es gibt ein ausgedehntes Wegenetz und man könnte stundenlang spazieren, wenn man nicht gleich zum Strand möchte. Wir waren zum Schwimmen gekommen, haben also den direkten Weg gewählt, der unter großen, mächtigen Pinien beginnt, bis diese übergehen in Buschwerk und schließlich in eine Dünenlandschaft mit ihrer charakteristischen Vegetation.

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Am Strand angekommen, gab es hier weder Sonnenschirme noch Liegestühle. Stattdessen bauen sich die Strandbesucher hier aus Schwemmholz und mitgebrachten Tüchern Sonnenzelte, auch sehr bunt, aber individueller. Der Strand besteht aus feinstem Sand, der einen wieder Kind werden lässt und zum Spielen einlädt. Es ist auch sehr angenehm auf diesem Sand ins Wasser zu gehen, die Wassertemperatur für uns optimal, weil den ganzen Sommer schon aufgewärmt. Schwimmen, sich treiben lassen, mit den Wellen spielen – den Glücksmoment genießen!

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Für LiebhaberInnen von Felsküsten hingegen ist der Naturpark Montemarcello auf der anderen Seite eher zu empfehlen. Wir sind hierher zum Wandern gekommen und haben nur einen Schwimmer gemacht. Das nette Städtchen Ameglia auf einer Hügelkuppe am Rande des Magratales, eine kompakte, runde Häuserkrone, war unser Ausgangspunkt. Äußerst gut markierte Wege führen über die Halbinsel, die wir gequert haben, um in Tellaro am Golfo di La Spezia anzukommen. Ein Weg durch verwilderte Olivengärten, teilweise auf den Steinmauern, die für deren Terrassierung errichtet wurden, und Macchia mit Steineichen, Lorbeer, Mastixbäumen … Beim Abstieg dann atemberaubende Ausblicke auf die Felswände der Steilküste, ein türkisblaues Meer und das Bilderbuchdörfchen Tellaro. Es erinnert schon sehr an das nicht ferne Cinque Terre, ist aber nicht so bekannt und deshalb auch nicht so überlaufen.

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Wir haben die Mittagsrast in diesem Küstenörtchen genossen mit allem was dazugehört. Zuerst eine Focaccia und dazu den köstlichen, lokalen vino frizzante in einer Bar mit Blick aufs Meer. Danach ein Verdauungsspaziergang durch die engen, verwinkelten Treppengassen. Und schließlich ein Sprung ins kühle Nass. Der Strand hier felsig, eine Leiter erleichtert den Einstieg, das Meer ziemlich bewegt, aber das Schwimmen wieder ein Genuss. Am Weg zurück sehen wir „unsere“ Badebucht schon bald aus der Ferne von oben. Die Sonne glitzert jetzt am Wasser und man kann sich nicht sattsehen am Meer, bevor wir wieder in unser Tal zurückkehren.

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dscf5466Aber es dauert nicht lange, bis es uns wieder anzieht, auch wenn es „nur“ für einen Abendspaziergang am Strand ist, zumindest mit den Füßen im Wasser das Naturschauspiel eines Sonnenuntergangs genießend. Oder wir flanieren auf einem der pontiles, die sie hier in jedem der Orte ins Meer hinaus gebaut haben, il mare entgegen. An deren Ende ist man – außer schwimmend – dem Meer am nächsten. Einmal konnten wir sogar riesengroße Quallen, diese faszinierenden Urlebewesen, beobachten. Zwischendurch hat das Wetter hier umgeschlagen und da standen wir einfach nur draußen, ließen uns den Wind um die Ohren blasen und die gewaltigen Wellen auf uns zu rauschen. Ewig könnte ich so dastehen und das Kommen und Gehen der Wellen beobachten – es ist wie eine Meditation.

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dscf5799Diesen Artikel schreibe ich natürlich am Meer, möglichst nahe, solange es ein heranziehendes Gewitter erlaubt. Eine ganz besondere Stimmung, wenn über dem Meer noch die Sonne scheint und von den Bergen her die dunklen Gewitterwolken aufziehen. Ein Farbenspiel auf dem Wasser von golden glitzernd über türkis bis schwarz. Der Abschied fällt schwer!

Andrea

 

 

Buon appetito!

Buon appetito!

Essen und Trinken, Schlemmen und Genießen war für uns schon immer wichtig, wenn es ums Reisen ging. Sind wir damals im Urlaub meist abends zum Essen ausgegangen, so kochen wir jetzt, auf unseren langen Reisen, selbst für uns. Die Vorstellungen von einer Reise ins Schlaraffenland sind ja wohl recht unterschiedlich, aber mit Italien im Allgemeinen und der Toskana im Besonderen erfüllt sich für uns dieser Traum!

Die Küche der Toskana ist im Grunde genommen sehr einfach und bodenständig. Die Gerichte bestehen aus relativ wenigen verschiedenen Zutaten, diese aber sind von hervorragender Qualität. Durch die eher einfache Zubereitung kommt der Geschmack voll zur Geltung. Und an Stelle von Milch und Honig fließen hier ja bekanntlich Olivenöl und Wein …

Nun, was kommt also derzeit bei uns auf den Tisch? Pasta, und zwar beinahe täglich! Dass dies keineswegs langweilig wird, liegt einerseits an den unzähligen vielen Formen, in denen es die Teigwaren hier gibt und den ebenfalls vielfältigen Möglichkeiten an Nudelgerichten, jeweils abgestimmt auf die Pasta, die daraus entstehen. Zuerst also einmal die klassische Pasta pomodori, mit voll reifen, geschmackvollen Fleischtomaten, klein geschnitten, lange in Olivenöl geschmort, gewürzt mit selbst gesammelten Kräutern und am Tisch noch mit frischem Parmigiano vollendet. Einfach, köstlich, einfach köstlich! Das Schälen der Tomaten, das hierfür notwendig ist, geht viel leichter als in sämtlichen Kochbüchern beschrieben: Man braucht kein Wasser aufzukochen und die Tomaten darin ziehen lassen, um die Haut anschließend abziehen zu können. Von Elena, einer Frau, die in Cortona hier in der Toskana gelebt hat und letzten Winter mit 90 Jahren gestorben ist, haben wir vor Jahren gelernt, wie sie Tomaten schält: Mit dem Messerrücken fest über die Tomatenhaut streifen und danach einfach die Haut abziehen. Einzige Voraussetzung, damit es bestens funktioniert: die Tomaten müssen gut reif sein und es müssen natürlich Fleischtomaten sein – denn wie bei der Pasta gilt auch hier – Tomaten sind nicht gleich Tomaten! Beim Würfeln dann die Kerne und die Flüssigkeit weggeben und nur das Tomatenfleisch zerkleinern. Fertig!

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Da wir hier nahe der Grenze zu Ligurien sind, gibt es in den Geschäften Pesto Genovese, das Sugo aus Basilikum, Pinien und Olivenöl, offen zu kaufen. Wir machen daraus ein typisches Gericht aus Ligurien: Trenete. Wie der Name schon verrät sind hierfür drei Zutaten nötig: kleine und möglichst junge grüne Bohnen in Stücke geschnitten, gewürfelte Kartoffeln und Pasta. Diese drei werden gemeinsam gekocht und direkt am Teller kommt das Pesto darüber. Wir reiben den Parmigiano auch hier frisch über die Pasta, man kann ihn aber auch ins Pesto einrühren.

Nun, in Italien gibt es ja üblicherweise auch ein Antipasto, also eine Vorspeise. Auch die lassen wir uns hier nicht entgehen. Da wäre einmal eine Insalata di finocchio, äußerst simpel und köstlich: Den Fenchel in möglichst dünne Streifen schneiden, am Teller auflegen, bestes Olivenöl, frisch gemahlenen Pfeffer und Salz darüber – fertig ist der Antipasto! Oder, wenn es einmal etwas deftiger sein soll, dann machen wir uns Radicchio con Lardo: Lardo ist der weiße Speck, den es in diesem Teil der Toskana gibt (ansonsten ist er eher in den Alpenregionen Italiens zu finden). Radicchio vierteln, der Strunk bleibt dabei, damit er nicht auseinanderfällt, und in eine Form geben. Wieder kommt Olivenöl, Salz und Pfeffer darüber und dann wird der Lardo darauf verteilt. Das ganze kommt für ca. 15 Minuten ins Rohr. Eine perfekte Vorspeise, weil die Bitterstoffe des Radicchio die Magensäfte so richtig in Gang bringen ….

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Dass die toskanische Küche gerne mal deftig ist, merkt man, wenn man in einem Rifugio, einer Berghütte, zum Mittagessen Rast macht, wie wir es bei unseren zwei Wanderungen getan haben. Einmal gab es Zuppa fagioli, also eine kräftige Bohnensuppe, wie es sich gehört mit einem kräftigen Strahl Olivenöl. Anschließend aßen wir eine Frittata di zucchini, ein Fladen aus Eiern und ganz kleinen Zucchini mitsamt deren Blüten. Im zweiten Rifugio kosteten wir, ebenfalls nach einer kräftigen Zuppa toscana, ein Gericht aus Polenta. Als es serviert wurde, waren wir überrascht über die Farbe dieses Gerichts, denn es war nicht gelb, sondern beinahe schwarz. Wie sich herausstellte, wurde das Maismehl hier mit Mohn vermengt und das ganze wurde danach mit Käse überbacken. Sehr interessant und köstlich und vor allem auch perfekt, um sich für den Rest der Wanderung zu stärken. Ganz selbstverständlich war es übrigens auf diesen Berghütten, zum Mittagessen Rotwein zu trinken – wir sind ja in der Toskana!

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Und somit bin ich beim Wein angelangt. Der übliche Rotwein hier wird aus „der Toskanatraube“, Sangiovese, gekeltert und ist daher auch sofort als „echter Toskaner“ zu erkennen: Beim ersten Schluck eher kantig, gar nicht rund und geschmeidig, entfaltet er sich erst so richtig, wenn man etwas dazu isst. Und genau das ist hier üblich: man trinkt Wein eigentlich nicht einfach so, sondern es wird immer etwas dazu gegessen. Wenn man also in einer Bar ein Glas Wein bestellt, dann gibt es dazu auf jeden Fall etwas zum Knabbern. Wirklich überrascht waren wir aber, als wir gleich eine ganze Jause serviert bekommen haben – wir hatten zwei Glas Rotwein bestellt und auch nur diese bezahlt! Der Weißwein dieser Gegend wird aus jener Traube gemacht, die in den Colli di Luni, gleich über die Grenze in Liguren, und an der ganzen toskanischen Küste zu Hause ist. Vermentino heißt sie, die Menschen hier sagen aber einfach „Vermo“ zu „ihrem“ Weißwein: ein trockener, vollmundiger Wein, der sich wunderbar als Essensbegleiter eignet. Außerdem wird hier auch gerne ein Frizzante getrunken, leicht und frisch, mit wenig Kohlensäure der perfekte Aperitivo.

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Da fehlt für mich nur noch eines, um im Schlemmerparadies zu sein: Brot! Ich liebe Weißbrot und hier wird es in unzähligen Varianten gebacken: Focaccia, ein Fladenbrot mit viel Olivenöl, senza sale, also ohne Salz, wie es für das toskanische Bauernbrot üblich ist, Integrale, zur Hälfte gemischt mit Dinkelvollkornmehl, Ciabatta, leicht und luftig, … Spätestens jeden dritten Tag sind wir in der Bäckerei, um uns erneut mit diesen Köstlichkeiten zu versorgen. Und dann geht es wieder weiter mit dem Genießen!

Buon appetito!
Sigrid

Marmor, ein kostbarer Stein

Marmor, ein kostbarer Stein

Wenn man vom Meer aus die Apuanischen Alpen betrachtet, scheint auf den ersten Blick auf deren Gipfeln Schnee zu liegen. Dass das hier im September – wir haben für unsere Begriffe noch hochsommerliches Wetter – nicht sein kann, weiß man. Es ist der Marmor, der, von der Sonne angestrahlt, herunter leuchtet. Ein schönes und bizarres Bild zugleich – die Berge haben weiße Wunden.

dscf5665Wenn man sich an der Costa Versilia aufhält, kommt man um den Marmor nicht herum. Er begleitet einen auf Schritt und Tritt im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier bestehen die Gehsteige aus Marmor- in Seravezza aus Marmorresten, in Forte dei Marmi aus schönen Marmorplatten. Man hat ihn in allen Verarbeitungsstufen vom Abbau bis zur fertigen Statue oder Domfassade ständig vor Augen und in manchen Orten liegt Mamorstaub in der Luft.

Auch die Ortsnamen erzählen davon: Carrara kommt von „kar“, was so viel wie „Stein“ bedeutet, Forte dei Marmi heißt „Marmorfestung“ und Pietrasanta bedeutet „heiliger Stein“. Der Marmorabbau hat hier schon eine sehr lange Tradition und geht zurück bis auf die Römer, die ihre Sklaven die schwere Arbeit verrichten ließen. Im frühen Mittelalter gab es dann eine Gesellschaftsform, die sich leider nicht gehalten hat, denn die Orte hier waren freie Kommunen und die Menschen Arbeiter und Herren zugleich. Alle haben vom Marmorabbau profitiert. Es dauerte aber nicht lange bis die großen Adelsgeschlechter, wie z.B. die Medici, den Reichtum rochen, den man mit Marmor erlangen kann. dscf5662Von da an herrschten hier die sogenannten Marmorbarone, die das große Geld verdienten, während sie ihre Arbeiter ausbeuteten. Der Abbau des Marmors war und ist immer noch Schwerstarbeit. Wenn dann noch dazu die Arbeitsbedingungen katastrophal waren, 12 Stunden Arbeitszeit und schlechte Sicherheitsvorkehrungen zu einem äußerst geringen Lohn, war es kein Wunder, wenn es zu Aufständen kam. Die hat es hier immer wieder gegeben, sodass sich eine Anarchistenszene entwickelt hat. Bis herauf ins 20. Jhd. wurden sogar Anarchistenkongresse abgehalten und man ist hier ein bisschen stolz auf diese Tradition des Widerstandes. In Carrara sind heute noch an den Hauswänden die Symbole der Anarchisten zu finden.

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Nun, mittlerweile gibt es Gewerkschaften und bessere Arbeitsbedingungen und Maschinen, die die Arbeit erleichtern. Aber es ist immer noch eine sehr schwere Arbeit, die auch viel Fachwissen erfordert. Der Stein wird nämlich auf Grund seines großen Wertes aus den Bergen mit diamantenbesetzten Stahlseilen bzw. Riesensägen herausgeschnitten – so sehen hier manche Berggipfel selbst wie riesengroße Skulpturen aus. Die so entstandenen Marmorblöcke werden dann mit Lastwagen zu Tal befördert, normales Transportgut sind 30 Tonnen Gewicht. Es verlangt großes Geschick von den Fahrern mit diesem Gewicht die schmalen und kurvenreichen Straßen zu bewältigen. Wir haben einen der Marmorsteinbrüche an einem Wochenende besucht und waren heilfroh, keinem dieser LKWs zu begegnen. Unten in den Tälern, an den Flüssen gibt es dann die unzähligen Marmorsägereien, mit ein paar Ausnahmen fast alle Kleinbetriebe. Hier wird der Marmor in Platten zersägt. Aus einem Zweimeterblock erhält man zwar 80 Platten auf einmal, aber es dauert 100 Stunden bis so ein Block zersägt ist. Gleich in der Nähe unseres Hauses befindet sich auch so eine Sägerei, die Tag und Nacht selbst am Wochenende in Betrieb ist – jetzt wissen wir warum.

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Dieser Stein zieht natürlich auch seit jeher KünstlerInnen an. Schon Michelangelo hat eine Zeit lang hier gelebt, um sich die Marmorblöcke für seine Statuen selbst auszusuchen. Der Marmor, der dafür verwendet wird, „Statuario“ genannt, ist der begehrteste – weiß, feinkörnig und seidig-glänzend. Es gibt nämlich 50 verschiedene Mamortypen, darum gibt es im Italienischen auch eine Mehrzahl für diesen Stein – „marmi“. Allora, wir haben vor einigen Tagen in Seravezza einen Künstler kennengelernt, der sich hier niedergelassen hat. Er, ein Franzose, und seine Frau, eine Asiatin, sind ein angesehenes Bildhauerehepaar, das hier die Foundation ARKAD zur Unterstützung anderer KünstlerInnen betreibt. Letzten Sonntag hatten sie einen Tag der offenen Tür und wir konnten ihre Arbeitshalle und ihre Ausstellungsräume besichtigen. Die Arbeitshalle hat uns besonders beeindruckt – riesengroß, alles mit weißem Mamorstaub überzogen, halbfertige Arbeiten und die Werkzeuge, die man für die Bearbeitung des Marmors braucht – eine ganz besondere Atmosphäre. In den Ausstellungsräumen konnten wir dann die Modelle ihrer Arbeiten besichtigen, denn sie erschaffen riesengroße Mamorskulpturen für den öffentlichen Raum – auf Bildern zu sehen. Überwältigend schön wie diese sich auf einem Platz, in einem Park oder am Meeresufer einfügen! Es ist sehr beeindruckend, wenn die Schönheit dieses Steines so zur Geltung gebracht wird. Man muss als BildhauerIn neben dem künstlerischen Ausdruck und dem handwerklichen Können, aber sicher auch den Respekt vor diesem Stück Natur und auch den Menschen, die die Schwerstarbeit des Abbaus leisten, einfließen lassen.

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Gestern erst waren wir in Carrara, das sich ja Welthauptstadt des Marmors nennt. Der Name dieser Stadt steht für den Marmor hier, aber der Stadt selbst ist das nicht anzumerken. Bei unserer Wanderung durch die Gassen wurden wir immer bedrückter, denn fast die gesamte Altstadt steht leer. Lokale, Geschäfte und Wohnungen werden zum Verkauf angeboten, an jedem zweiten Haus findet man das Schild „Vendesi“. Vieles schon sehr baufällig, macht die Stadt einen heruntergekommen Eindruck, es ist nichts von Reichtum zu bemerken. Diese Stadt verdient also nicht am Marmor. Wer macht also heute das große Geld damit, anstelle der Marmorbarone? Wir konnten es nicht herausfinden, aber man kann es sich denken. Mit diesem Hintergrundwissen, das wir über den Marmor hier gesammelt haben, fühlt es sich jedenfalls anders an, diesen besonderen Stein zu berühren, als vorher.

Andrea

Mare e Monti

Mare e Monti

In all den Jahren, in denen wir Italien bereist haben, ist uns die Costa Versilia nie wirklich aufgefallen. Einmal sind wir auf dem Weg vom Cinque Terre nach Siena mit dem Auto hier durchgefahren und haben die Bergkette bewundert, auf die Idee, hier zu stoppen sind wir aber nicht gekommen. Erst als wir letzen Winter die Italienkarte auf der Suche nach einem geeigneten Platz für unser Auftrittsmonat genau studiert haben, ist uns aufgefallen, dass es hier auf wenigen Kilometern ganz viele Badeorte, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, gibt. Bei genauerem Hinschauen haben wir entdeckt, dass es nur wenige Kilometer im Hinterland eine Reihe von alten, kleineren und größeren Städten gibt. So waren wir uns sicher, dass dies ein guter Platz für unsere Straßenkunst sein würde. Und erst kurz vor unserer Abreise hierher haben wir unseren Wanderführer für die Toskana aus dem Regal genommen, um festzustellen, dass die Apuanischen Alpen allein schon eine Reise wert wären. So haben wir also noch schnell unsere Wanderschuhe eingepackt. Und tatsächlich, dieser Landstrich ist nicht nur bestens geeignet für uns als Straßenkünstlerinnen, er bietet eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten!

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Der Küstenabschnitt hier im nördlichsten Winkel der Toskana mit feinstem Sandstrand und mondänen Badeorten ist etwa 30 Kilometer lang und reicht von Marina di Carrara im Norden bis Viareggo im Süden. Es reiht sich ein Bagno, also ein Strandbad neben das andere und erst südlich von Viareggio gibt es einen größeren frei zugänglichen Strandabschnitt gesäumt von einem prächtigen Pinienwald. Die Orte der Costa Versilia, die wir bisher kennengelernt haben, sind ihrem Charakter nach sehr verschieden. Viareggio ganz im Süden ist bekannt wegen seiner Prachtbauten entlang des Lungomare. Um 1920 war es ein Nobelseebad und zahlreiche Luxushotels im Jugendstil oder im Stil des Klassizismus zeugen von jener Blütezeit. Ganz besondere Bauten sind die Eingänge zu den Bagni, jedes Strandbad hat dafür ein eigenes Gebäude mit einem Torbogen in der Mitte und dem Schriftzug mit seinem Namen darüber. Links und rechts neben dem Eingang ist Platz für Geschäfte oder Lokale. So ist dieser Lungomare den ganzen Tag und die halbe Nacht lang die Flaniermeile von Viareggio. Heute sind viele dieser Bauten leider nicht mehr im besten Zustand, wenn sie auch nach wie vor in ihrer ursprünglichen Weise genutzt werden. Das alte Grand Caffè Margherita zum Beispiel ist bestens geeignet für einen Aperitivo und ein kleines Häppchen.

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Entlang der Via Aurelia, der alten Staatsstraße Nr. 1, gelangt man nach Pietrasanta am Fuße der Hügel und entdeckt ein toskanisches Bilderbuchstädtchen. Viele KünstlerInnen haben sich hier niedergelassen und in der kleinen Altstadt gibt es daher neben Geschäften und Lokalen auch zahlreiche Kunstgalerien. Eine nette Möglichkeit für einen Abendbummel, es sind ja nur wenige Kilometer von den Badeorten hierher und selbst jetzt in der Nachsaison ist viel los. Aber es ist hier fast zu schön, zu perfekt für TouristInnen herausgeputzt.

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Keine zehn Kilometer entfernt, etwas nördlich wieder am Meer, ist der Ort, der heute das Nobelseebad der Costa Versilia ist. Forte dei Marmi ist der Urlaubsort der VIPs. Die Einkaufsmeile ist mit Marmor gepflastert, Geschäfte mit klingenden Namen reihen sich aneinander: Gucci, Prada, Swarovski, Dolce & Gabbana, … Doch der Reichtum wird hier nicht zur Schau getragen oder hervorgekehrt, die Atmosphäre ist angenehm, gepflegt und elegant. Es gibt wenige Hotels, denn die meisten UrlauberInnen mieten hier ein Ferienhaus für ein oder zwei Monate, wenn nicht gleich für die ganze Saison. Wir sind abends schon mehrmals nach Forte dei Marmi gefahren, denn es gibt dort noch etwas ganz besonderes. Die Mole, die früher dem Verladen des Marmors gedient hat, ist 300 Meter lang und der perfekte Platz für einen kitschigen Sonnenuntergang. Und es ist der Platz, von dem aus man die Berge am besten sehen kann!

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Wie so oft im Leben, sieht man das, in dem man mittendrin steckt, nicht wirklich, sondern man muss einen Schritt heraus machen, um den Überblick zu bekommen. Wir wohnen mitten in den Apuanischen Alpen, aber hier im Tal sehen wir die prachtvollen Gipfel gar nicht. Im Abendlicht vom Meer aus erstrahlen sie in ihrer vollen Schönheit.

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Aber die Berge anzuschauen ist nur der halbe Genuss! Unsere ersten Eindrücke sammelten wir auf einer kleinen Wanderung durch die bewaldeten Hügel auf ca. 500 Meter Höhe. Die Bergdörfer, die dieser Weg verbindet, sind alle bewohnt und gut erschlossen. Vielleicht finden die Menschen, die hier leben, unten an der Küste Arbeit und weil hier alles so nahe beisammen ist, müssen sie ihre Dörfer nicht verlassen. Auf diesem Weg sammelten wir Kräuter und Haselnüsse und naschten von den Bergfeigen und Brombeeren. In dieser Woche haben wir eine erste größere Wanderung gemacht. Es geht steil hinauf von dem kleinen Bergdorf Stazzema auf 450 Meter Seehöhe bis zum schroffen Kalkgestein. Belohnt wird der mühsame Aufstieg aber schon unterwegs auf einem wunderschönen Weg zuerst durch Kastanienwälder mit üppiger Vegetation, vorbei an sprudelnden Quellen und oberhalb der Baumgrenze mit unbeschreiblich schönen Ausblicken. Unser Gipfel an jenem Tag war „nur“ 1149 Meter hoch und doch bist du inmitten einer fantastischen Bergwelt – mit Blick zum Meer. Zum Strand von Forte dei Marmi sind es genau 13 Kilometer Luftlinie. Einfach paradiesisch und irgendwie kaum zu beschreiben. Einfach ein Glücksmoment!

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Am Tag darauf, als Ausgleich für die Strapazen, haben wir einen genüsslichen Abendspaziergang am Strand gemacht. Neben der Mole von Forte dei Marmi ist eine schmaler, freier Zugang zum Meer und so sind wir entlang der Reihen der Schirme und Liegen auf der einen Seite und den aufschäumenden Wellen auf der anderen dem Sonnenuntergang entgegen gewandert – natürlich mit Blick auf die Berge!

Che bello!
Sigrid

Arrivato in Italia

Arrivato in Italia

Ciao!

Ich sitze gerade vor unserem Häuschen in einem Tal der Apuanischen Alpen, nicht weit von der Costa Versilia. Über mir azurblauer Himmel, hinter mir ein rauschender Bergbach, neben mir die Nachbarin, die ihr junges Kätzchen ruft, vor mir das kleine Sträßchen, das hinaufführt in die Berge. Jedes Mal wenn ein Auto vorbeifährt, was zum Glück nicht ganz oft ist, wird gehupt, da die Straße so schmal ist und gleich nach unserem Haus eine Kurve kommt. Wir sind nun den dritten Tag hier, haben unsere ersten Erkundigungsfahrten gemacht und fühlen uns in Italien gleich wieder zuhause.

Die Anreise sind wir sehr gemütlich angegangen, diesmal zwar mit dem Auto, aber trotzdem nach dem Motto „Slow travel“. Die erste Etappe führte uns in die Colli Euganee in der Nähe von Padua. Ebenso wie das Haus hier, haben wir das Bed and Breakfast für die eine Nacht dort, über Airbnb gefunden. Wir kamen am frühen Nachmittag an und wurden von unsrer freundlichen Gastgeberin Giulia schon erwartet. Ein altes, sehr schön renoviertes Haus, ein gepflegter Garten und eine absolut ruhige Lage sorgten gleich für Erholung. Nach einer Siesta unternahmen wir als Ausgleich zum langen Sitzen im Auto eine kleine Wanderung. Direkt vom Haus weg führte der Weg „Cammino di Sant‘ Antonio“ durch einen Wald und vorbei an Olivengärten hinunter ins Dorf Pianzio. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, eine Villa, eine Azienda Agricola, alte Frauen, die vor ihren Häusern ein Nachmittagsschwätzchen hielten, ein paar streunende Katzen und das wars. Nein, noch ein Feigenbaum mit köstlichen Früchten, damit wir gestärkt den Weg zurück hinauf antreten konnten. Wieder oben angekommen, waren wir hungrig genug für ein ausgiebiges Abendessen. Ein Ristorante noch weiter oben am Monte Rua lud uns mit seiner tollen Aussicht ein. So saßen wir dann bei gutem Wein und Essen mit herrlichem Blick über die Colli Euganee, über denen gerade die Sonne unterging, und ließen den Tag zufrieden ausklingen. Nach einem guten Frühstück und interessanten Gesprächen mit der Gastgeberin Giulia, verabschiedeten wir uns, um unseren Weg weiter fortzusetzen.

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Wir entschlossen uns, bis Bologna auf der Autobahn zu fahren und ab da dann den Weg über die Berge zu nehmen. Für ein langsames Ankommen war es die richtige Wahl, denn es war eine wunderschöne Strecke und so gut wie kein Verkehr. Ein paar kleine, beschauliche Orte unterwegs und ansonsten nur Natur. Wir haben nur viel länger gebraucht als wir dachten, da die Straße eigentlich nur aus Kurven bestand. Ich glaube, ich bin noch nie so viele Kurven gefahren, wie auf diesen doch immerhin ca. 100 Kilometern. Nach einem Anruf bei Susanna, unserer nächsten Gastgeberin, konnten wir uns weiter Zeit lassen. Es sei kein Problem, wenn wir später kämen. So konnten wir an besonders schönen Orten immer wieder anhalten, den Ausblick genießen und Bella Italia begrüßen.

DSCF5392Hier angekommen, haben uns dann Susanna und ihre Mutter begrüßt, die ganz in der Nähe wohnen. Wir haben unser Häuschen bezogen und uns danach gleich nochmal auf den Weg gemacht, um das nächstgelegene Städtchen zu erkunden. Seravezza hat seinen Namen von den beiden Flüssen Sera und Vezza, die hier zusammenfließen. Eine kleine toskanische Stadt, die den Einheimischen gehört – es gibt kaum TouristInnen – mit italienischem Flair, wie wir ihn lieben. Eine Bar, ein kleines Alimentari mit toskanischen Spezialitäten und Weinfässern, wo man sich den Wein in Flaschen abfüllen kann, ein Ristorante, in dem wir außergewöhnlich gut gespeist haben, ein Supermercato, eine Apotheke, … alles da, was wir brauchen. In der Hauptstraße gibt es einmal in der Woche Markt, die Piazza ist belebt und vor den Kirchstufen kann man abends in einer kleinen Kantine bei einem Glas Wein sitzen und bekommt dazu Wurst und Käse serviert. Als wir das zweite Mal dort waren, wurden wir schon angesprochen, wo wir denn her seien und was wir machen. So kamen wir gleich auf unsere Straßenkunst zu sprechen und Facebook hat sich schon bewährt, denn da konnten sie gleich nachschauen. Sie waren sehr interessiert, denn sie organisieren einmal im Jahr ein Kunstevent, bei dem einheimische KünstlerInnen auf den Straßen und Plätzen der Stadt performen. Mit herzlichem Händedruck und namentlichem Vorstellen verabschiedeten wir uns dann für diesen Abend, aber wir werden mit den Leuten dort sicher noch öfter ins Gespräch kommen.

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Von Seravezza müssen wir ein paar Kilometer taleinwärts fahren bis zu unserem Häuschen, das schon in den Apuanischen Alpen liegt. Ein Wanderweg geht direkt bei unserem Haus los, und das Wandern haben wir uns hier ja auch vorgenommen. So bin ich schon gespannt auf die Entdeckungen in diesem Teil der Toskana, den wir noch nicht so gut kennen. Es ist jedenfalls eine untypische Toskana, so viel ist jetzt schon klar.

Cari saluti d’Italia,

Andrea