Mi Buenos Aires querido

Mi Buenos Aires querido

Dass die Menschen in Buenos Aires ihre Stadt lieben, haben wir in unserer Zeit dort auf vielfältige Weise erlebt. Nun aber wurde diese Erinnerung beim Workshop SOLO TANGO II wachgerüttelt, denn eine Teilnehmerin, ich nenne sie hier Sonja, war eine Portena. „HafenbewohnerInnen“ nennen sie sich, die Menschen, die in Buenos Aires geboren sind und Buenos Aires im Herzen tragen.

Sonja war schon im Jänner bei einem SOLO TANGO Wochenende in der GEA Akademie und sie ist mir gleich am ersten Abend aufgefallen, weil sie bei allen alten, klassischen Tangos die Texte mitgesungen hat. Und bei ihrem Tanz war sofort zu merken, dass sie zwar die Tangotechnik, die Art der Tangoschritte nicht kennt, aber den Rhythmus spürt und tanzt. Bald kamen wir ins Gespräch und sie erzählte, dass sie in Buenos Aires geboren sei und dort bis zu ihrem 24. Lebensjahr gelebt habe, aber noch nie Tango getanzt hat. Und damit sind wir schon mitten in ihrer Geschichte, die zugleich die Geschichte einer ganzen Generation von Portenas und Portenos ist. Also mal langsam und schön der Reihe nach:

Ihre Großeltern väterlicherseits sind 1933 wie so viele andere aus Deutschland ausgewandert. Ihr 6jähriger Sohn war mit an Bord des Schiffes, das sie nach Buenos Aires brachte. Auch ihre Mutter ist das Kind deutscher Auswanderer, wurde aber bereits in der „Neuen Welt“ geboren. Ihre Geschichte bleibt wie die der Zehntausenden anderen, die von Europa aufgebrochen sind mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, im Dunkeln. Die meisten von ihnen kamen aus Italien, dann folgte Spanien und schon an dritter Stelle steht Deutschland. So erstaunt es auch nicht, dass es in einigen Stadtvierteln von Buenos Aires deutsche Gemeinden und mehrere deutsche Schulen gibt. Sonja besuchte eine dieser deutschen Schulen, ging zur Konfirmation und lebte als Jugendliche in der Stadt des Tangos – die in den späten 1970er und frühen 1980ern keineswegs die Stadt des Tangos war! Sie erzählt, dass der Tango für sie als Jugendliche überhaupt keinen Reiz hatte. Tango – das war etwas für die Alten! Sie und ihre FreundInnen tanzten Ballroom oder Rock’ n Roll, aber doch nicht Tango! Und wirklich, auch wir haben in Buenos Aires erfahren, dass es da eine ganze Generation gibt, die nie einen Zugang zum Tangotanzen gefunden hat und die auch heute, als Erwachsene 50+ , nicht Tango tanzen können oder wollen. Aber das heißt dennoch nicht, dass sie mit dem Tango nicht vertraut wären! Wie schon eingangs gesagt, Sonja kennt die Texte vieler alter Tangos, singt sie mit und hat den Tangorhythmus im Blut.

Als Sonja 24 Jahre alt ist, verlässt sie Buenos Aires und geht zu ihrem Bruder nach Deutschland, bleibt dort viele Jahre, heiratet später einen Österreicher und lebt nun schon jahrzehntelang hier. Manchmal taucht der Wunsch auf, das Tangotanzen zu lernen, aber ihr Mann kann mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen und so gab es für sie nie die passende Gelegenheit. Bis Sonja im brennstoff, der Zeitung von GEA mit dem Programm der GEA Akademie, von SOLO TANGO liest und sich sofort für einen Workshop anmeldet. Bei diesem ersten Wochenende ist sie immer wieder zu Tränen gerührt. Sie dankt uns, dass wir ihr einen Zugang zum Tango erschlossen hätten, nach dem sie sich so gesehnt habe. Und wir? Wir danken ihr, denn durch ihr Dabeisein wurde dieses Workshopwochenende enorm bereichert und wir reichlich beschenkt! Wir erleben bei ihr den Humor, den wir bei den Menschen in Buenos Aires so geschätzt haben und diese unglaubliche Herzlichkeit. In ihrer offenen Art erzählt sie uns und den TeilnehmerInnen immer wieder von „ihrer Stadt“ und dadurch werden die Musik, der Tanz, die Stimmung des Tangos noch viel greifbarer.

So hat es uns nicht wirklich erstaunt, aber enorm gefreut, als wir sahen, dass Sonja sich zum Aufbauworkshop angemeldet hatte. Und all das, womit sie den ersten Workshop bereichert hatte, intensivierte sich noch: Um Argentinien in den Tanzraum zu holen hat sie eine ganze Reisetasche voller Gegenstände mitgebracht: angefangen von einem Poncho, wie die Gauchos ihn tragen, über Bücher und Bildbände, allem, was ein argentinischer Fußballfan so braucht bis hin zum Mate und zum argentinischen Wein! Und sie erzählt und erzählt und erzählt … und den Wein spendiert sie der ganzen Gruppe bei unserer GEA-Milonga, dem Tanzabend am Samstag! Zu später Stunde fragt sie mich dann, ob wir den Tango Mi Buenos Aires querido spielen könnten.  Ich wähle eine Originalaufnahme aus dem Jahr 1934 und Sonja tanzt und singt gemeinsam mit Carlos Gardel:

Mi Buenos Aires querido                                             Mein geliebtes Buenos Aires
Cuando yo te vuelva a ver                                          am Tag, an dem ich dich wiedersehe

No habrá más penas ni olvido                                  wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben

Irgendwann an diesem Wochenende sagte sie, dass sie all die Jahre vielleicht deshalb so eine Sehnsucht nach dem Tango hatte, weil sie schon so lange so weit weg von Buenos Aires lebt. Aber ich meine, es ist nicht nur das. Es ist diese Kraft der Tangomusik, die tief in ihr geschlummert hat und die nun einen Weg gefunden hat, um gelebt zu werden. Und wir sind unbeschreiblich glücklich darüber, dass wir dabei ein wenig Geburtshilfe leisten konnten …

Sigrid

 

Don’t cry for me, Argentina!

Don’t cry for me, Argentina!

Dieses Wochenende sind wir ganz auf celeste, auf himmelblau, auf die Nationalfarbe Argentiniens eingestellt. Denn in den nächsten Tagen treffen Ereignisse zusammen, die uns intensiv mit Argentinien verbinden …

8084347736_73a3daa368_bZunächst einmal sind wir gerade in den Proben für einen Musical-Abend, der morgen hier in unserer Nachbargemeinde stattfindet. Ein Abend mit Musik und Tanz aus zahlreichen Musicals und da darf auch Evita nicht fehlen. Sie zählte wohl zu den zwiespältigsten Frauen des 20. Jhds., von den einen abgelehnt und gehasst, von den anderen vergöttert und geliebt. Als dann das Musical von Andrew Lloyd Webber verfilmt und die Titelrolle mit Madonna besetzt wurde, war die Aufregung in Argentinien nicht mehr zu bremsen – für die einen ein Affront, dass ihre Heilige von sooooo einer Person dargestellt werden soll, für die anderen der Beweis von Evitas Unehrbarkeit. Nun, die Regisseurin des Musical-Abends hat uns schon vor Monaten gefragt, ob wir bei dieser Aufführung einen Tango tanzen würden. Aber, es gibt im Musical keinen „richtigen“ Tango und außerdem werden aus allen Musicals die Highlights herausgenommen, die „Ohrwürmer“, die jeder und jede kennt und liebt. Also, wir tanzen Tango – crossover zu Nicht-Tango-Musik – zu Don’t cry for me, Argentina! Für mich war und ist es total spannend, sich in den Proben nicht nur mit dem Tanz sondern mit der Geschichte dahinter zu beschäftigen, den Film nochmals anzuschauen und diese Eindrücke in die Interpretation des Stückes einfließen zu lassen. Erinnerungen kamen hoch, zum Beispiel an jenen Samstag in Buenos Aires, an dem wir mit unseren argentinischen Freunden im Evita-Museum waren und natürlich angeregt diskutiert haben über diese Frau und darüber, wie sie als Argentinier heute zu ihr stehen. All das schwingt jetzt mit, wenn wir morgen auf die Bühne gehen werden, als Evita und Che, und tanzen.

dscf3324-2Und genau zu jenem Zeitpunkt, am Abend des 12. November, bin ich mit meinen Gedanken auch in der Vergangenheit: genau vor 3 Jahren sind wir ins Flugzeug gestiegen und am Morgen des 13. November in Buenos Aires angekommen! Die ganze letzte Woche schon tauchen immer wieder Bilder vor meinem inneren Auge auf – die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt, vorbei an den schäbigen Häusern der Randbezirke, die aber an jeder Ecke „geschmückt“ waren mit den lilafarbenen Blüten der Jacarandabäume. Patricia und Nestor, die Freunde meiner Eltern, haben uns nicht nur an diesem ersten Tag abgeholt und in unsere Wohnung gebracht, sondern durch sie konnten wir in all den Wochen so viel über dieses Land und seine Menschen erfahren. Ich erinnere mich an diese erste Autofahrt durch den unvorstellbar dichten Verkehr, den Stau auf der Prachtstraße 9 de Julio mit ihren 16 Spuren, den Lärm und Gestank, der uns den Alltag dieser 3 Monate immer wieder verdrießt hat. Aber auch an all die schönen Ecken, die die beiden uns in Buenos Aires gezeigt haben. Wie alle Portenos lieben sie ihre Stadt und sind sie sehr stolz auf sie. Ich war in den Tagen vor der Reise ziemlich aufgeregt und ehrlich gesagt auch ein wenig ängstlich, was mich da am anderen Ende der Welt in dieser Millionenstadt erwarten würde. Wir hatten einige Romane gelesen, die im Laufe des 20. Jhds. in Buenos Aires spielen und haben uns so mit der Stadt und ihrer Geschichte vertraut gemacht. Wir haben die begeisterten Reiseberichte von Tangotanzenden gelesen, die den Sehnsuchtsort aller Tangotänzerinnen und –tänzer in höchsten Tönen gepriesen haben. Ich war also gespannt und wohl auch positiv voreingenommen. Und tatsächlich, wir waren im Tango-Himmel! Und die Menschen, denen wir begegnet sind, waren großartig mit ihrer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft und ihrem grenzenlosen Humor. Aber, in die Stadt Buenos Aires konnte ich mich bis zum Schluss nicht so ganz verlieben. Und als wir gefragt wurden, wann wir wiederkommen werden, da war für uns schon klar, dass es uns nicht so schnell wieder nach Buenos Aires zieht – sorry, and: Don’t cry form me, Argentina!

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Nun, drei Jahre sind seither vergangen. Auf dem Weg nach Buenos Aires hatten wir den Traum im Gepäck, Straßenkünstlerinnen zu werden und heute sind wir AdanzaS. In Buenos Aires sind die ersten Artikel für diesen Blog entstanden und heute ist er ein fixer Bestandteil unserer Arbeitswoche. Und ebenfalls in Buenos Aires hat unser intensives, tägliches Training mit Yoga und Tango begonnen, ohne das ich mir meinen Alltag nicht mehr vorstellen kann. Vielleicht zieht es uns auch deshalb zurzeit nicht zurück nach Buenos Aires, weil unser momentanes Leben noch immer so stark geprägt ist, von dem, was dort seinen Anfang genommen hat. Also, thank you, Argentina, and – don’t cry …

Adios, Sigrid

 

Goldene Jahre des Tangos

Goldene Jahre des Tangos

Wie ich schon im Blogartikel über die Entstehung des Tangos erzählt habe, wurde er in seinen Anfängen von der Mehrheit der Leute als eine Art niedere Musik betrachtet, unzüchtig und der Beachtung nicht wert. 1921 hieß es noch in einer argentinischen Zeitschrift, dass „die gebildeten Bürger noch nicht bereit seien, diese vorstädtische Musik zu akzeptieren, die für die Unterschicht gemacht war.“ Aber nach und nach hat er sich doch Eintritt verschafft und „unter das kultivierte Ästhetikempfinden der Oberschicht gemischt“.

Die Cafés im Zentrum der Stadt Buenos Aires begannen Tango-Trios zu engagieren. Tangopartituren wurden von den jungen Leuten der Oberschicht, zuerst zwar noch heimlich, aber doch erworben und gespielt. Langsam löste sich die Tangomusik vom Rotlichtmilieu, um in Bars, Cafés und Salons aufgeführt zu werden.

13192685785_2fecdf5ab9_oSeinen Durchbruch erhielt der Tango Argentino aber über den Umweg Paris. Es gab ein paar wagemutige Argentinier, junge Männer der Oberschicht, die den Tango in den noblen Pariser Salons einführten, die so anders und so weit weg waren von der Welt, in der er geboren wurde. Ab 1907 kamen argentinische Musiker (in den Tango-Orchestern gab es damals keine Frauen) und SängerInnen nach Paris. Fest steht, dass der Tango 1912 Paris ganz und gar erobert hat, man tanzte ihn genau so viel oder mehr als Walzer. Paris war ja zu Anfang des Jahrhunderts das kulturelle Zentrum der westlichen Welt, was dort angesagt war, strahlte auf ganz Europa und auf die Vereinigten Staaten aus. Das Tangofieber erfasste alle sozialen Schichten von den Varietétänzerinnen bis zum Präsidenten Frankreichs und seiner Frau. Kirche, PolitikerInnen, Adlige, BürgerInnen, Intellektuelle, KünstlerInnen, alle beteiligten sich an dem heiß geführten Meinungsstreit, niemand der nicht Position bezogen hätte zum Tango. Sogar vor dem Papst wurde Tango getanzt, um zu entscheiden, ob er Sünde sei oder nicht. Das finde ich sehr amüsant, wenn ich daran denke, dass der jetzige Papst Argentinier ist und selbst Tango getanzt hat.

In nur wenigen Jahren verbreitete sich also der Tango von den Salons der Adeligen und KünstlerInnen zu den Tangotees, den Dancings und den Musette-Bällen. Dabei muss man bedenken, welches Klima in jenen Jahren herrschte: die Spannungen vor dem ersten Weltkrieg, der Streik der Staatsbediensteten, die Trennung von Kirche und Staat, … Der damaligen französischen Gesellschaft passte der Tango wie angegossen. Alles war in Aufruhr, im Umbruch. Diese dumpfe, überall unterschwellig zu spürende Unruhe, dieser Befreiungsdrang, der in diesen angespannten Körpern nahezu explodierte, nichts anderes war der Tango. Das alles lässt Elsa Osorio ihre Protagonistin in ihrem Roman Im Himmel Tango sagen. Vielleicht hat der Tango-Boom heute mit den Parallelen zu jener Zeit zu tun?

4322248164_0293b7d336_oDie ArgentinierInnen waren erst mal überrascht, als in den französischen Gesellschaftsseiten zum Thema Argentinien nicht von Fleisch und Getreide die Rede war, sondern vom Tango. Über den Umweg Paris wurde der Tango schließlich auch in Buenos Aires akzeptiert, und bald gefeiert. Es entstanden in Folge die „typischen Orchester“ mit ihren großen Namen, wie Julio De Caro, Osvaldo Fresedo, Anibal Troilo, Juan D’Arienzo, Carlos Di Sarli, … um nur einige zu nennen. Auch heute noch wird auf den Milongas zu den Werken dieser Musiker getanzt. Außerdem traten in der Zeit auch erstmals Chansonniers in Erscheinung, die später die eigentlichen TangosängerInnen wurden.

3658517924_caafbc54dc_oZur Legende unter ihnen wurde Carlos Gardel (1890 – 1935). In Buenos Aires aufgewachsen, galt seine Liebe von Anfang an dem Gesang. Er nahm früh Gesangsunterricht, sang bis 1917 aber ausschließlich Heimatlieder. Berühmtheit erlangte er aber dann als Tangosänger. „Er singt jeden Tag besser“, machte bald die Runde, und so war er schnell fester Bestandteil der Tangoszene. Er betätigte sich auch als Schauspieler und war ein äußerst produktiver Komponist. Sein früher Tod durch einen Flugzeugabsturz und viele geheimnisvolle Rätsel um einige Aspekte seines Lebens (u. a. dass er möglicherweise schwul war) machten ihn jedenfalls, neben Evita und Diego Maradonna, zu einem der drei „Nationalheiligen“ Argentiniens. Sein Grabmal am Friedhof von Chacarita in Buenos Aires ist jedenfalls auch heute noch Pilgerstätte seiner BewunderInnen.

Sicherlich auch durch ihn lebte Buenos Aires als Tango-Metropole auf und ist bis heute Anziehungspunkt der Tangobegeisterten aus aller Welt. So möchte ich meinen Artikel mit den Zeilen aus einem seiner berühmtesten Lieder, Mi Buenos Aires querido, beschließen:

Mein geliebtes Buenos Aires
Am Tag, an dem ich dich wiedersehe
Wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008
Im Himmel Tango, Elsa Osorio, Suhrkamp-Verlag, 2008

 

Entstehung des Tangos

Entstehung des Tangos

Wenn man sich in die Welt des Tango Argentino vertieft, ist natürlich auch seine Geschichte von Bedeutung. Wie ist dieser Tanz entstanden, was sind seine Wurzeln?

Die Geburt des Tangos gibt auch heute noch viele Rätsel auf und in manchen Punkten Uneinigkeiten. Einig ist man sich, was den Zeitpunkt seiner Entstehung betrifft. Die Anfänge des Tango Argentino waren in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Ob sein Ursprung jedoch in Buenos Aires oder in Montevideo liegt, darüber streiten sich die Geister. Heutzutage assoziiert man Tango Argentino sofort mit Buenos Aires, er dürfte aber an beiden Ufern des Rio de la Plata entstanden sein und wurde deshalb auch als Ufermusik bezeichnet.

15635766339_066d8a8afa_bIn beiden Ländern, sowohl Argentinien als auch Uruguay, gab es zu der Zeit eine große Zahl von europäischen Immigranten, die hier den Traum vom besseren Leben verwirklichen wollten. Sehr aktuell, wenn man an die Menschen denkt, die zurzeit bei uns Zuflucht suchen. Damals waren es europäische Wirtschaftsflüchtlinge, sechs Millionen Menschen kamen und mehr als die Hälfte blieb für immer. Buenos Aires war also bald von alleinstehenden Männern überbevölkert und die ärmeren Schichten ließen sich in den Außenbezirken von Buenos Aires nieder. Und in diesem Milieu entstand der Tango – im Armenmilieu, im verbotenen Milieu der Bordelle. Für die gehobene Schicht der damaligen Zeit in Buenos Aires war „Tango“ ein unflätiges Wort. Sie verbanden damit eine niedere Form der Musik, die die Außenseiter der Gesellschaft repräsentierte. Eine interessante Tatsache wenn man bedenkt, dass Tango bei uns heute eher in der gehobenen, intellektuellen Schicht getanzt wird. Aber zurück zu seinen Ursprüngen. Da gibt es, was seine Entstehung betrifft auch ziemlich radikale Aussagen, wie: der Ursprung des Tangos ist schwul und schwarz.

8386532695_76af36f851_oDer oben erwähnte Frauenmangel führte die Männer zusammen. Sie trafen sich in Kneipen und Bordellen, sangen und tanzten Tango. „Tango hat die herkömmliche weiße Männerrolle unterminiert, der Mann wird weiblich, indem er jammert und schluchzt“, lässt der Autor Wolfram Fleischhauer eine seiner Protagonistinnen im Roman Drei Minuten mit der Wirklichkeit sagen. Männer, die miteinander Tango tanzten, waren um diese Zeit also kein ungewöhnliches Bild in Buenos Aires. Das ist auch einer der Hintergründe für unsere wo/men tango acts, in denen wir als Herrendarstellerinnen auftreten.

Was hat nun aber Tango mit den Schwarzen zu tun? Unter den vielen Bewohnern von Buenos Aires und Montevideo gab es auch eine schwarze Bevölkerung, die ursprünglich als Sklaven auf den Kontinent kam. Sie durchmischten sich mit der europäischen Bevölkerung, bzw. unzählige verschwanden – in Kriegen und auf Plantagen verschlissen. 4418261974_e7f8b8ac04_bSie waren aber für diese neu aufkeimende Musik wesentlich. Das Wort Tango soll aus dem Äthiopischen kommen. Tangú bezeichnet einen bestimmten Rhythmus, der in der Candombe, einer schwarzen Musik mit schnellen, heiteren Rhythmen, vorkommt. Und auch die älteste überlieferte Zeichnung eines Tango tanzenden Paares zeigt zwei Schwarze. Mit der Zeit kam es zu einer Fusion der europäischen und afrikanischen Musik. Verschiedene volkstümliche Musikstile, die Habanera aus Kuba, die Candombe aus Afrika, die Land-Milonga aus Spanien und der Walzer verschmolzen zu der Musik, die wir heute Tango nennen.

Außerdem kam zu dieser Zeit auch eine neue Tanzmode auf, nämlich der Volkstanz, bei dem es ebenso zu einer Vermischung von Gesellschaftstanz und schwarzem Tanz kam. Es entstanden neue Tanzzentren, in denen sich die Tanzpaare im Tangorhythmus wiegten. Anfangs wurde dieser Tanz noch mit größerem Abstand getanzt und man imitierte die schwungvollen Bewegungen der Candombe. Mit der Verbreitung des Tangos bis nach Europa, in der Modestadt Paris wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts schnell modern, verschwanden die afrikanischen Wurzeln immer mehr und man ist sich heute dessen kaum noch bewusst.

Abschließend kann jedoch gesagt werden, dass die Entstehung des Tangos eine gemeinschaftliche Schöpfung der Portenos, der Hafenbewohner unterschiedlicher Kulturen, dies- und jenseits des Rio de la Plata, war.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, HEEL Verlag, 2008
Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Wolfram Fleischhauer, Knaur Verlag, 2002

 

Eine „heiße“ Woche …

Eine „heiße“ Woche …

Hola,

einige Stichworte aus dem Bericht von Andrea möchte ich aufgreifen, aber vorher muss ich wieder einmal übers Wetter berichten: Am Donnerstag sind wir um 12.30 aus der Tanzschule gegangen und es war unerträglich heiß und erstmals extrem schwül. Die Tage davor waren auch schon wieder hochsommerlich, aber so schlimm war es noch nie. Wir sind nur in unsere Wohnung und haben uns zur Siesta hingelegt. Am späten Nachmittag sind wir dann doch nochmals außer Haus gegangen, aber es war kaum auszuhalten. Erst am Abend, als wir die Nachrichten im Fernsehen eingeschaltet haben, wussten wir, warum der Tag so unerträglich war: es hatte 47° erreicht und um 21.00 Uhr waren es noch 43°!!! Und dann kam noch die Meldung, dass dieser Jänner der heißeste seit 53 Jahren ist. Na toll, und gerade den haben wir erwischt! Viele von euch wissen ja, dass wir den Winter nicht mögen und deshalb den Zeitpunkt unserer Reise so gewählt haben, aber mit diesen Extremen haben wir nicht gerechnet. In der Nacht zum Freitag kam übrigens ein heftiges Gewitter und den ganzen Freitag war es “kalt” bei 20° – wirklich erlösend!

Noch in einer anderen Hinsicht war es eine “heiße Woche” in Buenos Aires. Andrea hat ja vom Schwarzgeld berichtet. Am Mittwoch und Donnerstag hat der Argentinische Peso enorm an Wert gegenüber dem Dollar verloren, der Schwarzmarktwert dagegen ist stark gestiegen. In den Nachrichten war große Aufregung, denn seit dem „Corralito“ 2001, also dem großen Zusammenbruch der Wirtschaft und der Währung hier, ist der Peso noch nie so schnell so stark gefallen. Für uns bedeutet das natürlich einen guten Wechselkurs, für 1000 Pesos brauchen wir jetzt nur 96 € zu bezahlen, im November waren es über 120 €, aber wir denken und fühlen schon auch mit den Menschen, die wir hier kennengelernt haben, und verstehen ihre Unsicherheit. Das Land scheint wirklich wieder auf eine größere Krise zuzusteuern und es muss schwierig sein, mit dieser Situation umzugehen. Wir vermuten z.B., dass ein Grund für die jetzig Reise von Patricia und Nestor nach Europa darin liegen könnte, erspartes Geld auszugeben, bevor es nichts mehr wert ist oder wieder im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar auf der Bank liegt. Denn das hatten sie leider schon einmal erlebt. So können wir den Menschen hier nur wünschen, dass auch in Bezug auf diese „Hitze“ bald eine „Abkühlung“ kommt.

“Buenas noches” auch von mir, Sigrid

 

Politische Lage in Argentinien

Politische Lage in Argentinien

Hola,

wieder zurück von unserem “Urlaub” am Meer, schreibe ich nun über die politischen Ereignisse in Argentinien. In den letzten Tagen waren nämlich Tagespolitik und Zeitgeschichte ganz eng verwoben und wir haben einiges mitbekommen von der aktuellen Situation hier.

Während unserer Tage am Meer haben wir mit Patricia und Nestor – zum Teil auch auf Spanisch – nicht nur geplaudert, sondern sie haben ihre Sicht der politischen und wirtschaftlichen Lage beschrieben. Argentinien hatte im 20. Jhd. mehrere Militärregierungen und dazwischen gewählte, sehr populistische Regierungen, die man hier als “Peronismus” – zurückgehend auf Präsident Peron, den Mann von Evita – bezeichnet. Nestor meint, in diesem Land gab es immer ein Auf und Ab, wie eine Pendelbewegung. In den 1990iger Jahren z.B. hat Präsident Menem im Stil des Neoliberalismus das Land ausverkauft und es dabei heruntergewirtschaftet bis zum “Corralito”, der Staatspleite 2001. Danach hat Argentinien sich zwar wieder erholt (für uns fast unvorstellbar, wie ein Staat nach einem Bankrott weiterbestehen kann) aber jetzt ist die wirtschaftliche Lage wieder sehr schwierig. Die Inflation liegt bei 40% im Vergleich zum Vorjahr! Wir haben das selbst schon bemerkt, wenn wir am Bankomat Geld beheben. Bei unserer Ankunft vor einem Monat kosteten uns 1000 Arg. Pesos inkl. Spesen der Bank hier 128€, jetzt sind es nur noch 120€.

Vor diesem Hintergrund stehen nun die Ereignisse der letzten Tage:

Vorgestern, am 10. Dezember, hat die Regierung zu einem großen Fest hier am zentralen Platz, der Plaza de Mayo, vor dem Regierungssitz geladen, um 30 Jahre Demokratie zu feiern. Von 1976 – 1983 war die schlimmste der Militärdiktaturen des Landes im 20. Jhd. Die Militärs wollten das Land “säubern” und “zu den alten Werten” zurückführen. So waren vor allem StudentInnen, KünstlerInnen und Intellektuelle – und davon wiederum die jüngere Generation – massiver Verfolgung ausgesetzt. Zehntausende sind damals “verschwunden”, d.h. auf offener Straße oder am Arbeitsplatz verhaftet worden, in Folterzentren eingesperrt und ermordet und/oder vom Flugzeug aus in den Rio de la Plata geworfen worden. In den Tageszeitungen gibt es heute noch Anzeigen, in denen Familien fragen, wo ihre Kinder/Angehörigen/Väter/Mütter geblieben sind und seit damals demonstrieren bis heute jeden Donnerstag die “Mütter der Plaza de Mayo”, um Gerechtigkeit und Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder zu fordern. Neben den Militärs hat laut Patricia auch die Polizei damals eine große Rolle gespielt.

Das Ende dieser Diktatur wurde also gestern mit einem Volksfest – Konzert, Feuerwerk, … – groß gefeiert. Christina Kirchner, die derzeitige Präsidentin von Argentinien, wird übrigens von vielen mit Evita verglichen. Gestern gab es auf der Straße T-Shirts sowohl mit dem Gesicht von Evita als auch von Christina (wie sie hier nur genannt wird) zu kaufen. Die Stimmung war fröhlich, aber ruhig, die Menschen sind in riesigen Gruppen durch die Straßen gezogen, mit Trommeln und Transparenten. (Wir waren nicht beim Fest – da waren uns zu viele Leute, aber auf dem Weg zur Milonga haben wir die Stimmung mitbekommen).

Kurz vor diesem Jubiläumstag haben wir aber eine ganz andere Seite erlebt. Wir waren ja in Mar del Plata, einer großen Stadt am Meer, die zur Provinz Buenos Aires gehört. (Die Stadt Buenos Aires ist eine eigene Provinz und war von dem, was ich jetzt schildere gar nicht betroffen.) Am Sonntag nach dem Abendessen meinte der Kellner schon, wir sollten keinen Spaziergang mehr an der Uferpromenade machen, das sei zu gefährlich, weil die Polizei der Provinz streikt, um eine Lohnerhöhung zu erreichen. Patricia erzählte, dass dies vor einiger Zeit in der Provinz Cordoba auch der Fall war. Am Montag hat sich dann herausgestellt, dass die Polizei in 5 Provinzen gestreikt hat und dass es bereits zu ersten Einbrüchen in Supermärkten gekommen ist. Bald haben wir bemerkt, dass auch in Mar del Plata die meisten Geschäfte zugesperrt hatten, die Türen waren von innen verbarrikadiert und die Auslagen verdeckt, so dass man nicht sehen konnte, welche Produkte hier ausgestellt sind. Die Nachrichtensender haben pausenlos berichtet und es war eine eigenartige Stimmung in den Straßen. Patricia hat das Ganze ein bisschen heruntergespielt, wir wissen nicht, ob sie uns beruhigen wollte oder ob sie es wirklich nicht so wichtig genommen hat. Am Abend dann gab es keinen öffentlichen Verkehr und keine Taxis mehr und fast alle Restaurants hatten geschlossen, weil die Angestellten nicht zur Arbeit kommen konnten. Im Hotel sind viele Gäste vor dem Fernseher gesessen und haben die Nachrichten verfolgt. Die Bilder zeigten geplünderte Geschäfte und Geschäftsleute wurden interviewt. In einer anderen Provinz gab es einen Toten. Wir sind dann nicht mehr mit zum Essen gegangen – das Hotel hat eine Pizzeria ausfindig gemacht, die geöffnet hatte. Am nächsten Morgen  wurde mitgeteilt, dass es eine Lösung in den Gehaltsverhandlungen gegeben hat und dass wieder alles okay sei.

Wir sind ohne Probleme zurück nach Buenos Aires gefahren – wo die Regierung sich und das Land gefeiert hat. Der Zeitpunkt des Streiks war natürlich kein Zufall und die Lohnerhöhung war ziemlich schnell gelungen. Übrigens ist es auch nicht erstaunlich, dass die Menschen mehr Lohn wollen, viele hier haben einen zweiten oder sogar dritten Job, um leben zu können. Manche Dinge sind etwas billiger als bei uns in Österreich, aber insgesamt ist das Leben hier nicht leicht zu finanzieren.

So, das ist jetzt ein ziemlich langer Bericht geworden. Für uns war es jedenfalls interessant hinter die Kulissen dieses Landes zu schauen und auch wenn wir nicht direkt betroffen waren, haben wir ein wenig gespürt, wie das Leben in einem Land mit solchen politischen und sozialen Schwierigkeiten ist.

Adios, Sigrid

 

Urlaubstage an der Costa Atlantica

Urlaubstage an der Costa Atlantica

Hola,

mittlerweile sind wir wieder mittendrin im Trubel von Buenos Aires und in der Welt des Tango, aber die vier Tage am Meer haben uns sehr gut getan – die gute Luft, das Spazierengehen am Strand, die Ruhe und auch das Zusammensein mit Patricia und Nestor haben wir sehr genossen.

Entonces, nur Schönes kann ich trotzdem nicht berichten, denn nur Schönes gibt es nicht in diesem Land der Gegensätze. Zwei Seiten, die sehr offensichtlich aufeinander prallen, sind die von extremem Luxus und extremer Armut. Auch hier in Buenos Aires, aber sehr deutlich wurde es für mich auf unserer Fahrt ans Meer. Schon beim Verlassen von Buenos Aires Richtung Süden kamen wir durch die ganz armen Viertel, die hier “Villas miserias” genannt werden. Hier leben die Menschen wirklich nur in Baracken und Wellblechhütten. Bei der Weiterfahrt kamen wir dann durch die Pampas, weites, flaches, unendliches Land. Hier leben die Rinder (60 Millionen gibt es laut Patricia in ganz Argentinien) und in den Lüften kreisen die Falken. Nun, und dieses ganze Land durch das wir fuhren, immerhin mehr als drei Stunden Autofahrt, gehört praktisch einer Person. Hier gibt es sie wirklich noch die Großgrundbesitzer.

Unsere erste Station am atlantischen Ozean war dann Carilo. Ein kleiner Ort mitten in einem Pinienwald ohne asphaltierte Straßen. Hier gibt es überall nur Sand, am Strand, in den Dünen und im Ort selbst. Und hier haben die Reichen ihre Ferienvillen – wunderschöne Plätze im Pinienwald mit großen Gartenanlagen und ein paar Schritten zum Meer – also Villas der anderen Art. Wir haben hier in einem Aparthotel gewohnt, so konnten wir uns größtenteils selber verpflegen. Es gab auch einen Grill und Nestor hat seit langem extra für uns einen Asado gemacht. Asado nennt man hier die Zeremonie des Fleischgrillens. Wirklich sehr schön war hier der Strand: die Weite des Ozeans, das Tosen der Wellen, der Sand und die Dünen. Wir haben sehr ausgedehnte Strandspaziergänge unternommen, denn zum Schwimmen war uns das Wasser zu kalt.

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Im Gegensatz dazu war dann Mar del Plata, unsere zweite Station, eine Großstadt am Meer. Mar del Plata ist ein alter Ferienort und hatte seine Blütezeit zur Jahrhundertwende, vom Flair ein bisschen so wie Triest oder Opatja nur viel größer. Aber auch hier gibt es am Stadtrand wieder die Armenviertel und in der Stadt Prunkbauten, wie das riesengroße Casino oder die Luxushotels. Hier sind wir nicht am Strand sondern auf der Promenade spaziert und haben uns vom Wind durchblasen lassen. Mar del Plata hat auch noch einen großen funktionierenden Fischereihafen,  den wir besichtigt haben. Dort leben auch Seelöwen, die sich von den Fischabfällen ernähren. Zwei Seelöwen aus Stein am Hauptplatz von Mar del Plata sind somit auch das Wahrzeichen der Stadt.

 

Ich glaube, jetzt sollte ich langsam Schluss machen und schicke euch Umarmungen und Grüße aus der großen, fernen Stadt.

Andrea