Entdeckungen und Liebesgeschichten

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Wir lieben den Tango. Und wir lieben Berlin. Da liegt es nahe, zu einem Tangofestival nach Berlin zu reisen. Und bei dieser Reise haben wir erlebt, wie spannend es ist, an dem oder der Geliebten immer wieder Neues zu entdecken!

Wir haben diesmal in Alt-Moabit gewohnt und somit einen neuen Teil der Stadt kennengelernt. Gleich am ersten Vormittag sind wir entlang der Spree im Tiergarten spaziert, vorbei am Haus der Kulturen und dem neuen Glockenturm gelangten wir zum Platz der Republik. Man könnte diesen Winkel der Stadt als Zentrum der Macht bezeichnen, stehen hier doch auf engem Raum das Bundeskanzleramt, der Bundestag mit seinen drei Parlamentsgebäuden und der alte Reichstag. Die Symbolik spielt in dieser Architektur eine große Rolle: eine Brücke über die Spree innerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels verbindet nun die beiden Hälften der einst geteilten Stadt. Und die Kombination aus alten Gebäuden und moderner Architektur, das Zusammenspiel von alt und neu war für mich Spiegel für den Parlamentarismus, auf dem unsere Demokratien basieren: Verbindungen zu suchen, auf Altem aufbauen, um neue Wege zu gehen, ist wohl die hohe Kunst der Politik. Und bei all der Kritik an aktuellen politischen Umständen wird der Wert dieses Parlamentarismus allzu oft vergessen.

Für die Mittagsrast fanden wir an diesem Tag ein kleines Kaffeehaus, ebenfalls direkt an der Spree nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Zimt  & Zucker möchte die Wiener Kaffeehauskultur lebendig halten, für mich war es eher wie ein Bistro in Paris. Alte Holzmöbel, liebevolle Details bestimmen die Atmosphäre und die Auswahl an Köstlichkeiten ist groß. Das Parfait aus Erdnüssen, Schokolade und gesalzenem Karamell war ein einziger Genuss! Kein Wunder, dass das Lokal sehr beliebt ist und so fanden wir bei einem zweiten Besuch leider keinen Platz und ließen uns weitertreiben.

Auch im Tiergarten haben wir ein neues Eck entdeckt: den Englischen Garten mit dem Englischen Teehaus. Auf Vorschlag des britischen Stadtkommandanten spendeten König Georg VI.  und die englische Bevölkerung 5000 Bäume und so wurde 1952 aus diesem Teil des verwüsteten, baumlosen Tiergartens eine Parkanlage.  Als Berlin dann von der Mauer umgeben war, war der Tiergarten als Erholungsbereich für die Menschen von großer Bedeutung und das Teehaus ein beliebter Freizeitort – im Sommer mit lauschigen Plätzchen im Park und im Winter im Restaurant mit Kamin. Heute wird das Teehaus mit seinem Selbstbedienungsbereich im Biergarten und dem Restaurant von Familien beim Radausflug ebenso besucht wie von elegant gekleideten Damen und Herren beim Spazieren und Flanieren.

Der Mittelpunkt unserer Berlinwoche war aber ein Ort, den man gewöhnlich nur bei der Ankunft und der Abreise aufsucht – der Hauptbahnhof. Dort fand das Contemporary Tango Festival statt und dieses hat uns nach Berlin gelockt. Eine Woche lang wurde im öffentlichen Raum Tango getanzt, während der Bahnhofsbetrieb wie gewohnt ablief. So mischten sich die Tanzenden mit den Reisenden, so gab es überraschte Blicke und spontane ZuschauerInnen. Eine großartige Atmosphäre, zugleich sehr offen und extrem dicht. In die Tangoklänge mischten sich die Lautsprecherdurchsagen, während des Tanzens mussten wir plötzlich einem Koffer ausweichen und Menschen Platz machen, die es eilig hatten, um ihren Zug zu erreichen. Und dabei zeigte sich wiedermal, wie sehr der Tango im öffentlichen Raum zu Hause ist, wie er mit dem Alltag verschmelzen kann und sich mitten im Trubel seinen Platz sucht.

Contemporary Tango bedeutet aber auch, dem Tango ganz neu zu begegnen, ihn in vielen Facetten zu erleben und seine Vielfalt zu zelebrieren. Zum Beispiel den Tanzstil des Tango Nuevo zu sehen, der viel freier und extrovertierter ist als unsere Art zu tanzen. Oder zu großartiger Livemusik zu tanzen, die Anklänge von anderen Musikrichtungen in den Tango hereinnimmt, diese mit dem Tango verschmilzt und so ganz Neues entstehen lässt. Besonders fasziniert waren wir von Judith Brandenburg und ihrer Formation La  Bicicleta. Sie spielten nicht nur einige Sets, zu denen zu tanzen der reinste Genuss war, sondern gestalteten auch die Show jenes Abends mit. Üblicherweise tanzt dabei ein Paar einige Tangos, diesmal aber gab es eine Fusion von asiatischer Kampfkunst und dem Tango: ein Shaolinmönch und eine Tanguera begegneten sich, improvisierten gemeinsam zur Livemusik, eine unglaubliche Dichte und Spannung entstand auf der Tanzfläche und zwischen diesen fünf Menschen. Wir waren wie verzaubert!

Auch die DJs und DJanes öffneten die Welt des Tangos, wenn wir zu Nontango, also nicht zu Tangomusik tanzten. Da gab es spanische Gitarrenmusik ebenso wie Filmmusik, Frank Sinatra und elektronische Klänge bis hin zu Edith Piaf. Einiges davon war sehr schräg und ungewohnt, anderes äußerst ansprechend und wunderbar zu tanzen.

Tango an sechs Abenden, intensiv und dicht, mit müden Füßen und erfüllten Herzen. Tango immer wieder neu und anders, und wie so oft bei langjährigen Liebesgeschichten flammt plötzlich dieses neue Verliebtsein auf, dieses Hingerissen sein, dieses nicht genug bekommen können. Dennoch irgendwann müde schlafen zu gehen und beglückt aufzuwachen, um der zweiten Liebe zu frönen und sich tagsüber einfach durch Berlin treiben zu lassen. Eigentlich zu schön, um es beschreiben zu können …

Sigrid

 

La Strada

La Strada

Wenn die Straßen und Plätze der Stadt in Bewegung geraten, dann ist La Strada, heißt es im Programmheft des Festivals. Es stimmt, zu dieser Zeit herrscht in der Stadt eine ganz eigene Atmosphäre – lebendig, offen, fröhlich, phantastisch, …

Dass es uns als Straßenkünstlerinnen zu dieser Zeit nach Graz zieht, ist selbstverständlich, einerseits, um uns Aufführungen anzusehen, andererseits, um „out of program“ aufzutreten und so Teil des Festivals zu werden. Gleich zu Beginn unseres ersten Auftrittes hatten wir eine Begegnung, die zeigte, wie sehr dieses Festival wirkt auf die Menschen der Stadt. Wir trafen gerade am Eisernen Tor ein, um hier mit unseren Auftritten zu starten, als uns eine ältere Dame ansprach. „Ah, La Strada?“, meinte sie zuerst, stellte dann fest, dass sie uns schon im Juni hier gesehen hatte, und war nicht mehr zu bremsen, um ganz begeistert von ihren Festivaleindrücken zu erzählen. Sie sei jeden Abend unterwegs und in dieser Zeit werde Graz zu einer Welt, in der sie sich zu Hause fühle, wo sie wieder ein Stück weit Kind sein könne, wo sie inspiriert werde, … und die Begeisterung sprühte aus ihren Augen. Es war einfach schön mit einem wildfremden Menschen so ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Und wir ließen uns von dieser Begeisterung gleich anstecken für unsere ersten Auftritte, und konnten so auch wieder Begeisterung bei anderen Menschen wecken – den Puls am Schlagen halten, wie es im Festival-Programm so schön heißt.

Ebenfalls mitreißend war die erste Vorstellung, bei der wir dabei waren. Ein heißer Sommertag, Schauplatz Burggarten, eine bunte Menschenansammlung vom Säugling bis zu junggeblieben Alten und die Musiker der Compagnie Le Snob. Mit ihren Blas- und Rhythmusinstrumenten und einem Banjo war der Garten, in dem sich manche auch für ein Picknick nieder gelassen hatten, sofort erfüllt von beschwingter Musik. Von Rock und Latin über Funk und Elektro bis zu Klassik und Jazz mit Enthusiasmus dargebracht sorgten die MusikerInnen aus Frankreich für gute Stimmung. Sich selbst im Rhythmus zur Musik zu bewegen, fiel trotz Hitze nicht schwer. Schon eher sich von dieser Musik zu verabschieden, als die Compagnie in ihren orangen Outfits von dannen zog, sich die Menschen zu zerstreuen begannen und nur die Picknickenden zurück blieben. Aber die Musik lag noch in der Luft!

Ganz anders die zwei Aufführungen, die wir am darauffolgenden Tag besuchten. Einmal im Augarten, ein Menschenkreis unter den schattenspendenden Bäumen des Parks, das Duo Joli Vyann & L’Eolienne erwartend. Diesen betraten die beiden barfuß, in Jeans und weißem T-Shirt, und ließen nur ihre Körper sprechen. Ein akrobatischer Tanz unter dem Titel „Wirf mich in die Luft“ zog gleich alle in ihren Bann und sorgte für begeisterten Applaus am Schluss.

Zwei Stunden später dann am Freiheitsplatz neuer Zirkus vom Feinsten. Wieder ein Duo bestehend aus Frau und Mann, die Compagnie Daraomai, zeigte nicht nur eine akrobatische Spitzenleistung, sondern erzählten dabei auch eine berührende Geschichte zwischen Illusion und Realität. Ihr eisernes Gerüst, auf dem sie mit der Leichtigkeit von Äffchen rauf und runter turnten, wurde dabei auch zu einem überdimensionalen Instrument, das sie mit ihren Körpern bespielten. Eine wunderbare Vorstellung, bei der man immer wieder den Atem anhielt ob der phantastischen Akrobatik, und vierzig Minuten im wahrsten Sinne wie im Flug vergingen.

Wir ließen uns nach diesen besonderen Erlebnissen einfach noch ein bisschen durch die Stadt treiben. Als wir am Hauptplatz ankamen, gab es an dem Platz, an dem auch wir immer wieder auftreten, eine Menschenansammlung rund um drei junge Cellisten, die bekannte Nummern von U2 bis zu Musicals wie Phantom der Oper darboten. Auch die spontane Straßenkunst fand hier begeistertes Publikum. Heute werden wir hier wieder unsere „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen – und auch dabei werden die Grenzen zwischen Illusion und Realität verschwimmen, und wir gemeinsam mit dem Publikum eintauchen in die verrückte Magie des Lebens.

Andrea

 

Graz tanzt den Tanz des Lebens

Graz tanzt den Tanz des Lebens

„Musik und Tanz sind untrennbar miteinander verbunden, und wenn wir heute im Konzert sitzen, halten uns nur Benimmregeln davon ab, uns von Musik nicht davontragen zu lassen in Nicken, Tippen, Wippen, Schaukeln und Schunkeln. Es wäre nur natürlich, sich von den Sitzen zu heben, sich in die Arme zu fallen und aufzumachen in das Wohlgefühl oder die Erregung des Tanzens, denn oft liegt genau darin das wahre Wesen der Musik.“ Mit diesen Worten wird das heurige Thema des Festivals STYRIARTE erläutert. Schon erstaunlich, da es sich doch um ein Festival der klassischen Musik handelt, die gerade diese Konventionen von Musikgenuss hervorgebracht hat. Doch Die steirischen Festspiele haben in den letzten Jahren immer wieder für Überraschungen gesorgt, haben Grenzen ausgelotet und nicht selten auch überschritten.

Gegründet wurde STYRIARTE im Jahr 1985 mit dem Ziel, den damals bereits weltbekannten Dirigenten Nikolaus Harnoncourt stärker an seine Heimatstadt Graz zu binden. Tatsächlich wurden es „seine Festspiele“, in denen er nicht nur seinen Zugang zur Musik, sondern mehr und mehr auch seine Weltsicht einfließen ließ. Seit 1992 stand und steht das Programm jedes Jahr unter einem Thema, das nicht nur die einzelnen Konzerte verbindet, sondern auch zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit eben diesem Thema einlädt. Und dabei weit über das hinausgeht, was man sich üblicherweise unter einem Festival der klassischen Musik vorstellt.

Heuer also ist es der Tanz des Lebens, den STYIARTE sich auf die Fahnen geschrieben hat und das Festival macht sich auf die Suche nach der Verbindung von Musik und Tanz: Wir verknüpfen die Musik mit ihrer tänzerischen Basis, … , wir beleben vergessene Tanztraditionen neu … oder entdecken das Tänzerische in scheinbar strenger Kunstmusik. … Wir tauchen ein in die lebendigen Traditionen der Tänze ganz fremder und entfernter Kulturen. Vor allem aber: Wir bieten Ihnen immer wieder die Möglichkeit, mitzumachen, ob im Geiste oder ganz direkt auf beiden Beinen: Reihen Sie sich ein in den Tanz des Lebens!

Genau das, was hier im Programmheft angekündigt wurde, war die Quintessenz der Eröffnung am letzten Freitag, in der Graz tanzt kein leeres Versprechen war! Unzählige Menschen sind der Einladung zu diesem Event in die Grazer Altstadt gefolgt. Da gab es zum einen in der Schmiedgasse Tanz auf der Straße: Eddie Luis und die Gnadenlosen spielten auf zum Tanz, luden mit ihrer großartigen Interpretation von Tanzmusik ein zum Mittanzen und Abtanzen, zum Zuhören und Zuschauen. Krönender Abschluss dieses Tanzabends auf der Straße war ein Crossover-Tango: Iliyan Donchev und Thessa Hinteregger tanzten Tango Argentino zu Sound of Silence: Einfühlsam, ruhig und tiefsinnig, einfach großartig!

Im Landhaushof gab es eine musikalische Reise rund um die Welt, bei der das Publikum nicht selbst tanzte, sondern sich jenes Nicken und Wippen und Schaukeln in den Reihen der Menschen breitmachte. Eine Schuhplattlergruppe aus Schladming und eine Trommlergruppe aus Ruanda entführten mit kurzen Sessions in ihre je eigene Welt. Unter dem Motto Weltreise mit Stimmband begeisterten die Jugendlichen vom HIB.art.chor und überraschten nicht nur mit einem vielfältigen Programm und stimmlicher Präzession, sondern vor allem mit tollen Choreographien, bei denen die jungen Sängerinnen und Sänger die Musik in Bewegung transformierten und Gesang und Tanz ineinanderfließen konnte. All das gewürzt mit Humor, Lebensfreude und spürbarer Verbundenheit!

Nun, wenn es in Österreich um Musik und Tanz geht, so ist dies scheinbar nicht möglich, ohne einen Wiener Walzer ins Programm zu nehmen. Als Abschluss des Eröffnungsabends wurden alle TeilnehmerInnen eingeladen, am Grazer Hauptplatz den Donauwalzer zu singen und zu tanzen. Unterstützt von mehreren Jugendchören und am Klavier begleitet standen nun unzählige Menschen beisammen, sich im Walzerrhythmus von einem Bein auf das andere wiegend, mehr oder weniger mitsingend und dabei den Blick starr auf das Display ihres Handys gerichtet, auf dem sie den Text mitlasen. Für mich war es eher skurril denn stimmungsvoll und nicht so ganz das, was ich als Höhepunkt des Abends bezeichnen würde. Aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, dass der Eröffnungsabend noch nicht alles erfolgreich ausgelotet hat, was die Verbindung von Musik und Tanz zu bieten hat – sonst würde ja niemand an den einzelnen Konzerten und Events teilnehmen wollen. Und das Programm verspricht da noch so manche Überraschungen!

Sigrid

 

Verwendete Literatur: Programmheft Tanz des Lebens, STYRIARTE 2017

 

Spontane Straßenkunst versus Festivals

Spontane Straßenkunst versus Festivals

DSCF5187La Strada ist vorbei, und wir sind wieder einmal von der Stadt zurückgekehrt aufs Land. Hier sinniere ich noch nach über die Eindrücke der vergangenen Woche. So ein Straßenkunst-Festival versetzt eine Stadt schon in eine ganz besondere Stimmung. Gebündelte Kreativität und viele Menschen, die dem offen und mit Neugier begegnen. Wir sahen, wie ich ja schon im letzten Beitrag beschrieben habe, einige großartige Aufführungen und hatten auch selbst einige ganz tolle Auftritte – beides auf Straßen und Plätzen der Stadt, mit engem Kontakt zum Publikum und einfachen Mitteln umgesetzt. Im Gegensatz dazu gab es im Programm von La Strada aber auch Vorführungen im Opernhaus mit 40 € Eintritt. Sicherlich eine aufwendige und auch faszinierende Produktion, aber es stellt sich die Frage, was das mit Straßenkunst zu tun hat bzw. ob dadurch nicht eine 2-Klassen-Straßenkunst geschaffen wird. Wir hörten im Laufe der Woche diesbezüglich jedenfalls viele kritische Stimmen.

DSCF5188Es hat sich mittlerweile ja ein Festivalmarkt entwickelt, bei dem anscheinend auch die Devise immer mehr, immer aufwendiger, immer spektakulärer, … vorherrscht bzw. einen großen Teil einnimmt. Es gibt unzählige Straßenkunst-Festivals in vielen Ländern Europas. Allein innerhalb Frankreichs z.B. kann eine Gruppe mit einer Produktion drei Jahre lang auf Tournee gehen, so viele Festivals gibt es da. Mit dieser Entwicklung ging aber auch eine andere Entwicklung einher, nämlich die, dass spontane Straßenkunst, also Straßenkunst außerhalb von Festivals, fast verschwunden ist. Auf Grund der Bestimmungen und rigorosen Einschränkungen, die es mittlerweile in fast allen Städten gibt, aber auch kein Wunder. In Graz z.B. muss man sich für den Innenstadtbereich Platzkarten besorgen, die man persönlich mit Lichtbildausweis bis 14.00 Uhr an Werktagen im Rathaus abholen muss. Während der Auftritte werden diese Platzkarten von den Ordnungswachen kontrolliert und auch da muss man einen Lichtbildausweis vorweisen. Wenn das der Fall ist, ist in der Zwischenzeit das Publikum dahin. In der La Strada-Woche war allerdings sehr auffällig, dass erstens kaum Ordnungswachen unterwegs waren und zweitens, wenn sie vorbeikamen, dass sie nicht kontrolliert haben. Anscheinend hatten sie Instruktionen, sich in dieser Woche zurückzuhalten. Außerdem muss man nach jeder halben Stunde den Platz wechseln, gewisse Uhrzeiten und Abstände zu Eingängen, Lokalen, … einhalten. Es gibt aber auch Städte, in denen die Bestimmungen noch strenger sind oder man für Platzkarten zahlen muss, manchmal so viel, dass sich ein Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes nicht auszahlt. Aber da in vielen Städten Straßenkunst als Störung oder Bettelei gesehen wird, und nicht als Belebung einer Stadt, erreicht man so, dass spontane Straßenkunst verschwindet.

Nun, das Schöne an der spontanen Straßenkunst, finde ich, ist der Überraschungseffekt – für die KünstlerInnen ebenso wie für das Publikum. Wir sind jedes Mal vorher sehr gespannt, wie ein Auftritt wird, weil das von so vielen Faktoren abhängt und immer anders ist. Wie wirkt der Platz, wie ist das Wetter, welche Menschen kommen vorbei? Es können sich spontane Begegnungen ergeben, die noch lange nachwirken. Menschen, die in der Stadt unterwegs sind, werden überrascht, indem da etwas stattfindet, mit dem sie nicht gerechnet haben, das sie für kurze Zeit innehalten lässt. Es ist jedes Mal ein besonderes Glücksgefühl, wenn es uns gelingt, Menschen für einen Moment aus ihrem Alltag heraus in eine andere Welt eintauchen zu lassen. Und das ist etwas, das die spontane Straßenkunst auszeichnet.

Auf Festivals läuft Straßenkunst in organisierter Form in einem begrenzten Zeitraum ab. Man hat alles unter Kontrolle. Ich möchte dadurch die Darbietungen und großartigen Leistungen der KünstlerInnen nicht schmälern. Auch die Atmosphäre, die durch so ein Festival in einer Stadt entsteht, ist wunderbar – aber eben nur für eine Woche oder gar nur für ein Wochenende. Und das finde ich schade.

DSCF4926 (2)Auch wir werden uns diesen Winter erstmals für Festivals bewerben, weil wir sie brauchen, um von unserer Kunst leben zu können. Aber die spontane Straßenkunst wird immer ein wesentlicher Teil unserer Auftritte bleiben, denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir bisher damit gemacht haben, sind unvergesslich und besonders wertvoll.

Andrea

 

 

La Strada

La Strada

Ganz Graz wird zur Bühne, wenn Straßenkunst-Ensembles aus aller Welt die Stadt bespielen. Heuer mischen auch wir uns ins Geschehen, tauchen ein in die „kreative Stadt“. Das Wetter ist perfekt, die Atmosphäre in den Straßen, auf den Plätzen, in den Parks, … heiter und offen. Offen für das, was an kreativem Potenzial, an Emotionen, an Lachen und Lebenslust entsteht, wenn die ArtistInnen gemeinsam mit dem Publikum einen Ort der Stadt beleben.

DSCF5208 (2)Es ist allein das schon ein spannender Prozess, was mit einem Ort passiert, wenn er für kurze Zeit zur Bühne wird. Wir waren z.B. vorgestern Vormittag im Volksgarten, wo die Zygos Brass Band aufgespielt hat. Als wir ankamen, wir waren recht früh dran, präsentierte sich dieser Park so, wie man ihn als GrazerIn kennt. Ein schöner Park mit ausgedehnten Grünflächen und viel Wasser, bevölkert von den Randgruppen unserer Gesellschaft, die auf den Bänken lagern, dahin dösen oder auch lautstarke Monologe halten. Und dann beginnt sich dieser Ort zu verändern, Menschen trudeln ein, kommen in Gruppen oder treffen sich da. Von Babys bis zu SeniorInnen sind alle Altersgruppen vertreten und bald ist der Park bevölkert und es herrscht fast eine Feststimmung. Alle sind in Erwartung – und dann ist es soweit. Aus der Ferne hört man die ersten Klänge der Band. Sehr zart und verhalten noch, ab und zu ein Klingeln, ein Rasseln, ein leises Trommeln, so kommen sie näher bis man sie auch zu sehen bekommt. Mit Masken, Federn und Ketten geschmückt, nehmen sie zuerst Aufstellung im Kreis und beginnen mit einem Gesang, dass man meint, man sei bei einer Voodoo-Zeremonie. Dann löst sich dieser Kreis auf und sie beginnen mit ihrem Spiel, bei dem sie durchgehend die Musik des Mississippi mit Elementen des Voodoo vereinen. Die Musiker sind ständig in Bewegung und in Interaktion mit dem Publikum, zwei Streetdancer wirbeln zwischen ihnen umher und bringen auch noch Akrobatik dazu. Die Stimmung wird immer ausgelassener, manche im Publikum beginnen zu tanzen bzw. werden von den beiden Streetdancern zum Tanz geholt. Seinen Körper nicht zu bewegen, wird jedenfalls unmöglich, und wenn es auch nur ein Mitklatschen ist. So entsteht auf dem runden Platz mitten im Park so etwas wie ein Feuerwerk der Lebenslust. Am Ende werden die Künstler auch mit tosendem Applaus bedankt, bevor sich diese hier gebündelte Energie langsam wieder aufzulösen beginnt. Die Menschen zerstreuen sich, bleiben noch in Grüppchen stehen, tauschen sich aus, plaudern, Kinder laufen umher, die Künstler verkaufen CDs, geben Autogramme und machen Dehnungsübungen. Nach und nach verlassen dann aber immer mehr Menschen den Park, die Künstler werden von La Strada-Mitarbeitern abgeholt, und bald schon gehört der Park wieder denen, die immer hier sind. Der Platz hat sich nicht sichtbar verändert, aber er ist verändert. Es würde mich sehr interessieren, wie die Menschen, die sozusagen in diesem Park leben, die Aufführung erlebt haben und ob sich für sie etwas verändert hat. Aber diese Frage kommt mir erst, als auch wir den Park schon wieder verlassen haben.

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Ganz anders die Situation an einem Abend dieser Woche am Mariahilferplatz. Als wir dort ankommen, hat sich schon ein riesengroßer Kreis bestehend aus ein paar hundert Menschen gebildet. Wir fügen uns ein und man kann bereits jetzt die Energie spüren, die von diesem Kreis ausgeht. Die Leere in der Mitte erwartet den Künstler Joan Català. Er kommt allein, beladen mit einem Baumstamm an dessen einem Ende ein alter Eimer baumelt. Und er braucht nicht mehr als diesen Baumstamm und den Inhalt des Eimers – vier Tücher und Seile, um die Leere in der Mitte 45 Minuten lang mit Faszination zu füllen. Er führt virtuose Akrobatik und Körperbeherrschung vor, schafft Momente des Atemanhaltens genauso wie humorvolle Unterhaltung. Vier Männer aus dem Publikum werden zu einem wesentlichen Teil dieser Performance, in dem sie es sind, denen er beim Höhepunkt seines Auftrittes ganz und gar vertrauen muss. Immer wieder bezieht er auch den gesamten Publikumskreis mit ein, sodass das Gefühl entsteht, Teil eines Ganzen zu sein, eines positiven Ganzen, in dem teilen, zuhören und vertrauen wesentlich sind. Ich bin mir sicher, dass auch hier etwas von dieser positiven Energie zurück bleibt auf diesem Platz.

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DSCF5299 (2)Wir haben in dieser Woche auch Auftritte „out of Program“ geplant. Auf dem Weg zu unserem ersten Auftritt war es ein anderes Gefühl in unserem Aufzug durch die Stadt zu gehen als sonst. Meist werden wir da nämlich angestarrt oder mit irritierten Blicken bedacht. Diesmal nicht, denn diesmal sind wir viele. Als wir am Jakominiplatz auf unseren Bus warten, steigt der Clown Murmuyo aus der Straßenbahn und zieht alle Blicke auf sich. Bei seinen Rundgängen durch die Stadt auf der Suche nach Freunden und Freundinnen (Quieres ser mi amigo?) gewinnt er alle Herzen. Als wir dann gerade beim Aufbauen für unseren Auftritt sind, fährt ein Bus von La Strada, besetzt mit KünstlerInnen vorbei, die uns sofort zuwinken. Oder dann am Heimweg hören wir eine Frau im Vorbeigehen sagen: „Ah, da sind auch wieder welche!“ Die Stimmung ist also schon eine Besondere, wenn so ein Straßenkunst-Festival stattfindet, und wir schmarotzen diesmal einfach ein bisschen mit, haben als Künstlerinnen das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein.

Andrea

 

 

Berlin und der Tango

Berlin und der Tango

Nochmals hallo aus der Großstadt!

Ja, er verfolgt uns hier auf Schritt und Tritt, der Tango. Aber eigentlich haben wir es gar nicht anders erwartet, denn unsere erste wirklich intensive Begegnung mit dem Tango fand vor fünf Jahren beim Queer-Tango-Festival hier in Berlin statt. Da haben wir gespürt, der Tango lässt uns nicht mehr los.

Berlin gilt ja als die Tangohauptstadt Europas, einmal abgesehen vom finnischen Tango. Vor allem was Tangomusik betrifft, ist eben Berlin schon einige Jahre der Hotspot. Hier oder von hier aus entstehen viele Produktionen, Aufnahmen oder auch die Proben dafür, finden hier statt. Einige unserer Lieblings-CDs wurden hier aufgenommen. Es leben auch viele Menschen aus Argentinien bzw. Buenos Aires zumindest für eine Zeit lang hier. So haben auch wir vor kurzem drei MusikerInnen aus Buenos Aires kennengelernt.

Auf unserem Weg zur Arbeit kommen wir an dem Café MadaMe, das nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist, vorbei. Als wir eines Tags gerade auf dem Heimweg waren, sehen wir vor diesem Café die Ankündigungstafel „Heute Tango-Chanson-Abend!“ Wir beschließen spontan, zu kommen und erleben einen wunderbaren Abend. Anahí Setton (Gesang) und Javier Tucat Moreno (Klavier), beide in Buenos Aires geboren, sehen sich als Weltbürger, und so singen sie Geschichten darüber, was Menschen verbindet. Ihr musikalischer Stil ist geprägt von den Einflüssen der argentinischen Folklore und des Tangos. An diesem Abend gab es auch noch einen special guest, nämlich den Chansonsänger Carlos Fassanelli, ebenfalls aus Buenos Aires. Alle drei haben mit ihrer Musik eine so dichte Atmosphäre geschaffen, dass es in dem Moment nichts gab, als diese Musik. Ein „Entrücktsein“, das so richtig gut tat. Im Anschluss an das Konzert haben wir mit ihnen geplaudert, und hatten für einen Moment das Gefühl, wir seien in Buenos Aires.

Die Herzlichkeit der Menschen war ja das, was uns dort so beeindruckt hat. Das haben wir nicht nur mit diesen drei MusikerInnen wieder erlebt, sondern auch bei der Wiederbegegnung mit Mariana Docampo. Sie ist eine der OrganisatorInnen des Queer-Tango-Festivals in Buenos Aires. Sie ist gerade für ein paar Wochen in Europa unterwegs und ihre erste Station war natürlich Berlin. Hier gibt es ja eine große Queer-Tango-Szene mit monatlicher Milonga neben Workshops und Practicas, und das größte Queer-Tango-Festival weltweit, organisiert von Astrid Weiske, findet hier statt. Wir hatten das Glück, dass nun bei der Milonga im Monat Mai, Mariana hier und als DJane tätig war. Sie hat uns sofort wieder erkannt und nicht nur das, sie hat gleich festgestellt, dass Sigrid ihre Frisur verändert hat. Das nach zweieinhalb Jahren und ich weiß nicht wie vielen anderen SchülerInnen in der Zwischenzeit später! Sie wollte sogar zu einem unserer Auftritte kommen, das dürfte sich dann zeitlich aber doch nicht ausgegangen sein. Den Abend haben wir jedenfalls sehr genossen.

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Möglichkeiten, um auf eine Milonga – das sind die Tangotanz-Veranstaltungen – zu gehen, gibt es hier in Berlin ohne Ende. Ein besonderer Ort dafür, wenn das Wetter schön ist, ist die Strandbar Mitte. Eine Freiluft-Milonga direkt an der Spree, die drei Mal die Woche stattfindet. Wir waren an einem Samstagabend dort. Auf Grund einer falschen Auskunft kamen wir dort an, als die Milonga gerade aus war, und ein Schwoof Tanzabend begann. Zuerst waren wir ein wenig enttäuscht, aber die Musik war sehr gut, eine Mischung aus Swing, Walzer, Latein und auch Tango. So kamen wir dazu, auch wieder einmal Foxtrott, Walzer und Co. aufzufrischen. Die Atmosphäre und Stimmung war sehr angenehm – unter den Tanzpaaren auch viele Männer- und Frauenpaare. Sehr zu empfehlen, dorthin zum Tanzen zu gehen! Es gibt dort jeden Tag die Möglichkeit, manchmal sogar zwei unterschiedliche Tanzveranstaltungen pro Tag, immer zu einem anderen Thema.

Wir sind nach jenem Abend jedenfalls beschwingt in „unsere“ Wohnung zurückgekehrt. Und auch hier haben wir täglich den Tango vor Augen. In einem ehemaligen Fabriksgebäude gegenüber ist nämlich das Tanzstudio „Tango Berlin“. Abends, wenn die Lichter angehen, sehen wir vom Küchenfenster aus die Tanzpaare gegenüber vorbei schweben. Ein interessanter Blick, weil man ja immer nur einen Ausschnitt erhascht, aber sehr schön anzusehen. Das ist also das Letzte, das wir vor dem Schlafengehen, sehen. Wie sollen wir da nicht verrückt nach dem Tango sein?

Andrea