4 Frauen und der Tango

4 Frauen und der Tango

Vor ein bisschen mehr als einem Jahr sind wir uns zum ersten Mal begegnet, und es war schnell klar, dass der Tango uns verbindet und dass wir gemeinsam den Tango auf die Bühne bringen wollen – mit Musik, Gesang und Tanz.
Lisa, die Sängerin, kontaktierte uns, nachdem sie ein Posting von uns gesehen hatte. Sie und Christine, die Bandoneonspielerin, bilden gemeinsam das Duo Chantoneon. Schon nach einer kurzen  Beschreibung ihrer Kunst waren wir fasziniert und vereinbarten kurzerhand ein Treffen in Lisas Gesangstudio in Graz. Der herzliche Empfang, die schöne Altbauwohnung mit dem schwarzen Flügel, die beiden sympathischen Frauen, eine Kostprobe ihrer Kunst – da wussten wir, das ist eine dieser Begegnungen, aus der eine wunderbare Zusammenarbeit entstehen kann.

So folgten gleich die nächsten Treffen, sowohl privater Natur, um uns kennen zu lernen, als auch erste gemeinsame Proben. Es fiel uns von Anfang an leicht, zu Lisas Gesang und Christines Bandoneonspiel zu tanzen. Sie als Duo waren ja schon „zusammengespielt“ und nun fügten wir uns noch mit unserem Tanz ein. Zu Livemusik zu tanzen, ist für uns immer ein ganz besonderes Erlebnis – irgendwie noch viel unmittelbarer und intensiver. Und der Dialog, den wir tanzend führen, erweitert sich noch auf einen Dialog mit Musikerin und Sängerin.

Heuer im Frühjahr machten wir uns dann daran, ein Konzept für einen gemeinsamen Auftritt zu entwickeln. Ideen sammeln, ein Programm zusammenstellen, organisatorische Besprechungen, Requisiten und Outfits festlegen, extra Proben und gemeinsame Proben, … und Anfang Juni war es dann so weit. Beim Zinzengrinsen, einem Straßenfest in der Zinzendorfgasse in Graz, hatten wir die Gelegenheit für unseren ersten gemeinsamen Auftritt. Für Lisa und Christine war es der erste Auftritt auf der Straße und für uns der erste Auftritt zu Live-Musik. Also eine Premiere in vielerlei Hinsicht, die uns allen großen Spaß gemacht und, ich denke, auch das Publikum begeistert hat.
Lisas Feststellung nach diesem Auftritt: „Wir sind jetzt eine Band!“, macht deutlich, dass noch viele gemeinsame Auftritte folgen werden, auf die wir uns schon jetzt freuen.

Andrea

 

Die 4 Frauen sind:

Lisa Cristelli, Gesang, www.alphastimme.com

Christine Swoboda, Bandoneon, www.feelfreeyoga.at

Andrea Tieber und Sigrid Mark, Tanz

 

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Bei fünf Auftritten vergangene Woche in Graz haben wir die Verrücktheit zelebriert. Dabei haben wir große und kleine Kinder zum Staunen gebracht, unser Publikum mitgenommen auf eine Reise in die Welt der Phantasie und die Straßen der Stadt mit diesem wunderbaren Tango von Astor Piazzolla erfüllt. Um noch mehr eintauchen zu können in diese verrückte Magie des Lebens und der Liebe gibt es hier den Text der Ballade für einen Verrückten, auf der unser wo/men tango act basiert:

 

Balada para un loco
M: Astor Piazzolla, T: Horacio Ferrer

Die Nachmittage in Buenos Aires
haben etwas, ich weiß nicht was.
Verstehst du? Ich verlasse
mein Haus und schlendere die
Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
als er plötzlich hinter diesem Baum erschien.
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und
einzigen Landstreicher
und dem ersten blinden Passagier auf einer
Reise zur Venus.

Eine halbe Melone auf seinem Kopf
ein gestreiftes Hemd auf die Haut gemalt
zwei Ledersohlen an die Füße genagelt und ein
„Taxi-zu-vermieten“- Schild in jeder Hand …
Ha … ha … ha … ha …
Es scheint, als wäre ich der Einzige
der ihn sieht.
Denn er taumelt zwischen den Leuten
und die Schaufensterpuppen zwinkern mir zu.
Die Ampellichter geben mir
drei himmelblaue Lichter
und die Orangen im Obstladen an der Ecke
werfen ihre Blüten nach mir.

Und dann, halb tanzend, halb fliegend,
nimmt er die Melone ab, um mich zu grüßen.
Er gibt mir ein Taxischild und sagt auf Wiedersehen.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Siehst du nicht den Mond
durch die Callao-Straße rollen
und einen Chor von Astronauten und Kindern
die um mich herum tanzen … ?

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Ich sehe Buenos Aires von einem Spatzennest aus,
und ich sah dich so traurig.
Komm, flieg, fühl das verrückte Verlangen
was ich nach dir habe.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wenn Dunkelheit sich in deiner städtischen
Einsamkeit breit macht
zu den Ufern deiner
Bettwäsche sollte ich kommen
mit einem Gedicht und einer Posaune
um dein Herz wach zu halten.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wie ein verrückter Akrobat sollte ich tauchen
in den Abgrund deiner Kluft bis ich fühle
dass ich dein Herz verrückt gemacht habe
mit Freiheit.
Du wirst schon sehen.

Und dann lädt mich der
verrückte Mann zu einer Fahrt
in seiner super Sport-Illusion ein
und wir rasen über die Riffs
mit einer Schwalbe im Motor.

In Vieytes applaudieren sie uns: „Hurra! Hurra!“
Die Bekloppten, die die Liebe erfunden haben.
Und ein Engel, ein Soldat und ein Mädchen
schenken uns einen Walzer.
Die schönen Leute kommen heraus
um hallo zu sagen.

Und verrückt, aber das bist du, ich weiß nicht
mein Irrer.
Erlöst mit seinem Lachen
ein grelles Klingen von Kirchenglocken aus
und schließlich sieht er mich an und singt sanft:

Liebe mich, so wie ich bin
verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige
Zärtlichkeit, die ich in mir habe.
Zieh dir eine Perücke mit Spaß auf deinen Kopf
und flieg.

Flieg jetzt mit mir: komm, flieg, fühle …
Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden.
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

 

 

Eine großartige Fotografin begleitete einen unserer Auftritte und dabei sind diese wunderschönen Fotos entstanden. Danke, liebe Elisabeth Paulitsch für das einfühlsame, tolle Fotoshooting!

Noch ist die Straßenkunst-Saison nicht vorbei und wir freuen uns schon auf weitere Auftritte.

Andrea und Sigrid

 

La Strada

La Strada

Wenn die Straßen und Plätze der Stadt in Bewegung geraten, dann ist La Strada, heißt es im Programmheft des Festivals. Es stimmt, zu dieser Zeit herrscht in der Stadt eine ganz eigene Atmosphäre – lebendig, offen, fröhlich, phantastisch, …

Dass es uns als Straßenkünstlerinnen zu dieser Zeit nach Graz zieht, ist selbstverständlich, einerseits, um uns Aufführungen anzusehen, andererseits, um „out of program“ aufzutreten und so Teil des Festivals zu werden. Gleich zu Beginn unseres ersten Auftrittes hatten wir eine Begegnung, die zeigte, wie sehr dieses Festival wirkt auf die Menschen der Stadt. Wir trafen gerade am Eisernen Tor ein, um hier mit unseren Auftritten zu starten, als uns eine ältere Dame ansprach. „Ah, La Strada?“, meinte sie zuerst, stellte dann fest, dass sie uns schon im Juni hier gesehen hatte, und war nicht mehr zu bremsen, um ganz begeistert von ihren Festivaleindrücken zu erzählen. Sie sei jeden Abend unterwegs und in dieser Zeit werde Graz zu einer Welt, in der sie sich zu Hause fühle, wo sie wieder ein Stück weit Kind sein könne, wo sie inspiriert werde, … und die Begeisterung sprühte aus ihren Augen. Es war einfach schön mit einem wildfremden Menschen so ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Und wir ließen uns von dieser Begeisterung gleich anstecken für unsere ersten Auftritte, und konnten so auch wieder Begeisterung bei anderen Menschen wecken – den Puls am Schlagen halten, wie es im Festival-Programm so schön heißt.

Ebenfalls mitreißend war die erste Vorstellung, bei der wir dabei waren. Ein heißer Sommertag, Schauplatz Burggarten, eine bunte Menschenansammlung vom Säugling bis zu junggeblieben Alten und die Musiker der Compagnie Le Snob. Mit ihren Blas- und Rhythmusinstrumenten und einem Banjo war der Garten, in dem sich manche auch für ein Picknick nieder gelassen hatten, sofort erfüllt von beschwingter Musik. Von Rock und Latin über Funk und Elektro bis zu Klassik und Jazz mit Enthusiasmus dargebracht sorgten die MusikerInnen aus Frankreich für gute Stimmung. Sich selbst im Rhythmus zur Musik zu bewegen, fiel trotz Hitze nicht schwer. Schon eher sich von dieser Musik zu verabschieden, als die Compagnie in ihren orangen Outfits von dannen zog, sich die Menschen zu zerstreuen begannen und nur die Picknickenden zurück blieben. Aber die Musik lag noch in der Luft!

Ganz anders die zwei Aufführungen, die wir am darauffolgenden Tag besuchten. Einmal im Augarten, ein Menschenkreis unter den schattenspendenden Bäumen des Parks, das Duo Joli Vyann & L’Eolienne erwartend. Diesen betraten die beiden barfuß, in Jeans und weißem T-Shirt, und ließen nur ihre Körper sprechen. Ein akrobatischer Tanz unter dem Titel „Wirf mich in die Luft“ zog gleich alle in ihren Bann und sorgte für begeisterten Applaus am Schluss.

Zwei Stunden später dann am Freiheitsplatz neuer Zirkus vom Feinsten. Wieder ein Duo bestehend aus Frau und Mann, die Compagnie Daraomai, zeigte nicht nur eine akrobatische Spitzenleistung, sondern erzählten dabei auch eine berührende Geschichte zwischen Illusion und Realität. Ihr eisernes Gerüst, auf dem sie mit der Leichtigkeit von Äffchen rauf und runter turnten, wurde dabei auch zu einem überdimensionalen Instrument, das sie mit ihren Körpern bespielten. Eine wunderbare Vorstellung, bei der man immer wieder den Atem anhielt ob der phantastischen Akrobatik, und vierzig Minuten im wahrsten Sinne wie im Flug vergingen.

Wir ließen uns nach diesen besonderen Erlebnissen einfach noch ein bisschen durch die Stadt treiben. Als wir am Hauptplatz ankamen, gab es an dem Platz, an dem auch wir immer wieder auftreten, eine Menschenansammlung rund um drei junge Cellisten, die bekannte Nummern von U2 bis zu Musicals wie Phantom der Oper darboten. Auch die spontane Straßenkunst fand hier begeistertes Publikum. Heute werden wir hier wieder unsere „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen – und auch dabei werden die Grenzen zwischen Illusion und Realität verschwimmen, und wir gemeinsam mit dem Publikum eintauchen in die verrückte Magie des Lebens.

Andrea

 

Graz tanzt den Tanz des Lebens

Graz tanzt den Tanz des Lebens

„Musik und Tanz sind untrennbar miteinander verbunden, und wenn wir heute im Konzert sitzen, halten uns nur Benimmregeln davon ab, uns von Musik nicht davontragen zu lassen in Nicken, Tippen, Wippen, Schaukeln und Schunkeln. Es wäre nur natürlich, sich von den Sitzen zu heben, sich in die Arme zu fallen und aufzumachen in das Wohlgefühl oder die Erregung des Tanzens, denn oft liegt genau darin das wahre Wesen der Musik.“ Mit diesen Worten wird das heurige Thema des Festivals STYRIARTE erläutert. Schon erstaunlich, da es sich doch um ein Festival der klassischen Musik handelt, die gerade diese Konventionen von Musikgenuss hervorgebracht hat. Doch Die steirischen Festspiele haben in den letzten Jahren immer wieder für Überraschungen gesorgt, haben Grenzen ausgelotet und nicht selten auch überschritten.

Gegründet wurde STYRIARTE im Jahr 1985 mit dem Ziel, den damals bereits weltbekannten Dirigenten Nikolaus Harnoncourt stärker an seine Heimatstadt Graz zu binden. Tatsächlich wurden es „seine Festspiele“, in denen er nicht nur seinen Zugang zur Musik, sondern mehr und mehr auch seine Weltsicht einfließen ließ. Seit 1992 stand und steht das Programm jedes Jahr unter einem Thema, das nicht nur die einzelnen Konzerte verbindet, sondern auch zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit eben diesem Thema einlädt. Und dabei weit über das hinausgeht, was man sich üblicherweise unter einem Festival der klassischen Musik vorstellt.

Heuer also ist es der Tanz des Lebens, den STYIARTE sich auf die Fahnen geschrieben hat und das Festival macht sich auf die Suche nach der Verbindung von Musik und Tanz: Wir verknüpfen die Musik mit ihrer tänzerischen Basis, … , wir beleben vergessene Tanztraditionen neu … oder entdecken das Tänzerische in scheinbar strenger Kunstmusik. … Wir tauchen ein in die lebendigen Traditionen der Tänze ganz fremder und entfernter Kulturen. Vor allem aber: Wir bieten Ihnen immer wieder die Möglichkeit, mitzumachen, ob im Geiste oder ganz direkt auf beiden Beinen: Reihen Sie sich ein in den Tanz des Lebens!

Genau das, was hier im Programmheft angekündigt wurde, war die Quintessenz der Eröffnung am letzten Freitag, in der Graz tanzt kein leeres Versprechen war! Unzählige Menschen sind der Einladung zu diesem Event in die Grazer Altstadt gefolgt. Da gab es zum einen in der Schmiedgasse Tanz auf der Straße: Eddie Luis und die Gnadenlosen spielten auf zum Tanz, luden mit ihrer großartigen Interpretation von Tanzmusik ein zum Mittanzen und Abtanzen, zum Zuhören und Zuschauen. Krönender Abschluss dieses Tanzabends auf der Straße war ein Crossover-Tango: Iliyan Donchev und Thessa Hinteregger tanzten Tango Argentino zu Sound of Silence: Einfühlsam, ruhig und tiefsinnig, einfach großartig!

Im Landhaushof gab es eine musikalische Reise rund um die Welt, bei der das Publikum nicht selbst tanzte, sondern sich jenes Nicken und Wippen und Schaukeln in den Reihen der Menschen breitmachte. Eine Schuhplattlergruppe aus Schladming und eine Trommlergruppe aus Ruanda entführten mit kurzen Sessions in ihre je eigene Welt. Unter dem Motto Weltreise mit Stimmband begeisterten die Jugendlichen vom HIB.art.chor und überraschten nicht nur mit einem vielfältigen Programm und stimmlicher Präzession, sondern vor allem mit tollen Choreographien, bei denen die jungen Sängerinnen und Sänger die Musik in Bewegung transformierten und Gesang und Tanz ineinanderfließen konnte. All das gewürzt mit Humor, Lebensfreude und spürbarer Verbundenheit!

Nun, wenn es in Österreich um Musik und Tanz geht, so ist dies scheinbar nicht möglich, ohne einen Wiener Walzer ins Programm zu nehmen. Als Abschluss des Eröffnungsabends wurden alle TeilnehmerInnen eingeladen, am Grazer Hauptplatz den Donauwalzer zu singen und zu tanzen. Unterstützt von mehreren Jugendchören und am Klavier begleitet standen nun unzählige Menschen beisammen, sich im Walzerrhythmus von einem Bein auf das andere wiegend, mehr oder weniger mitsingend und dabei den Blick starr auf das Display ihres Handys gerichtet, auf dem sie den Text mitlasen. Für mich war es eher skurril denn stimmungsvoll und nicht so ganz das, was ich als Höhepunkt des Abends bezeichnen würde. Aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlecht, dass der Eröffnungsabend noch nicht alles erfolgreich ausgelotet hat, was die Verbindung von Musik und Tanz zu bieten hat – sonst würde ja niemand an den einzelnen Konzerten und Events teilnehmen wollen. Und das Programm verspricht da noch so manche Überraschungen!

Sigrid

 

Verwendete Literatur: Programmheft Tanz des Lebens, STYRIARTE 2017

 

Tango Orchester Graz

Tango Orchester Graz

Der Tango ist heute auf der ganzen Welt zu Hause und in beinah jeder mittelgroßen Stadt in Europa gibt es Tangoclubs, Tangoveranstaltungen, Tangobegeisterte. So auch in Graz, wo an mehreren Abenden jeder Woche an diesem oder jenem Ort Tango getanzt wird – veranstaltet von mehreren Vereinen oder Tanzschulen. Dass es aber in einer Stadt wie Graz auch ein Tangoorchester gibt ist schon außergewöhnlich!

Seit zweieinhalb Jahren gibt es das Tango Orchester Graz. Es sind großteils LaienmusikerInnen, die sich nach einem Tangofestival entschlossen haben, weiterhin gemeinsam Tangomusik zu machen. Der Kern besteht aus sechs Personen, die regelmäßig gemeinsam musizieren und zu denen je nach zeitlicher Möglichkeit andere hinzukommen. Spannend ist auch, dass die Mitglieder aus ganz verschiedenen Lebensbereichen kommen: junge Leute, die noch studieren, musizieren gemeinsam mit anderen, die bereits in Pension sind. Die Leidenschaft für die Tangomusik verbindet sie und diese Leidenschaft ist bei jedem Auftritt spürbar. Gemeinsam arbeiten sie auch regelmäßig mit einem Profi, der Musikstücke für ihre Besetzung arrangiert und diese mit ihnen erarbeitet. Einige der Mitglieder tanzen selbst schon lange Tango und so war es von Anfang an das Ziel des Orchesters, auf Milongas zu spielen und uns TänzerInnen somit in den Genuss von Livemusik kommen zu lassen. Andere Mitglieder sind durch die Musik – und vielleicht auch durch die Atmosphäre auf einer Milonga und das Zuschauen – sozusagen auf den Tangogeschmack gekommen und haben nun begonnen, das Tangotanzen zu lernen. Das erinnert mich an eine Rückmeldung, die wir kürzlich nach einem Solo Tango Workshop von einer Teilnehmerin, die ebenfalls Musikerin ist, bekommen haben. Sie meinte, dass sie, seitdem sie Solo Tango getanzt hat, das Spielen eines Tangos ganz anders und viel intensiver erlebt. Musik und Tanz sind beim Tango Argentino also schon sehr eng verwoben.

Für mich als Tangotänzerin ist es immer ein ganz besonderes Tanzerlebnis, wenn es Livemusik gibt. Gerade beim Tango Orchester Graz ist die Verbindung, die sich zwischen den MusikerInnen und den TänzerInnen entwickelt, enorm stark spürbar und die Energie überträgt sich von einer Seite auf die andere. Als wir das Tango Orchester erstmals erlebt haben, hatten sich die MusikerInnen nicht, wie allgemein üblich, auf einer Seite der Tanzfläche aufgestellt, sondern sie hatten sich in der Mitte postiert. Auf einer Milonga wird ja die Tanzrichtung sehr streng eingehalten und alle Paare bewegen sich in einem Kreis gegen den Uhrzeigersinn. Und an jenem Abend tanzten wir buchstäblich um die Musik herum! Es war unbeschreiblich faszinierend! Je nach unserer Position war einmal dieses, dann jenes Instrument im Vordergrund und wurde damit auch das Leitinstrument für die Interpretation der Musik. Ich hatte damals das Gefühl, dass wir – die Tanzenden und die Musizierenden – uns gegenseitig inspiriert haben und gemeinsam etwas Unbeschreibliches entstehen konnte.

Nun, vor kurzem hatten wir wieder das Vergnügen zu den Klängen dieses Orchesters zu tanzen. Wie immer haben sie uns mit ihrer individuellen Art, mit der sie bekannte Tangos interpretieren, begeistert. Und wie immer haben wir uns schon sehr auf jene Tanda gefreut, bei der die Valses erklingen. Vielleicht liegt der Walzerrhythmus uns ÖsterreicherInnen wirklich im Blut, ich weiß es nicht. Aber die Art und Weise, wie das Tango Orchester Graz Valses interpretiert ist einfach großartig. Der Rhythmus fließt, die Beine, ja der ganze Körper findet wie von selbst in diese wiegende Bewegung und wird von der Musik durch den Raum getragen. Beinahe unwirklich und unbeschreiblich schön!

An jenem Abend gab es, wie einigen vielleicht auf den Fotos aufgefallen ist, einen Gast im Tango Orchester Graz: Eddie Luis, ein Grazer Musiker, der nicht nur im Jazz und im Tango zu Hause ist, sondern all dies gleich auf mehreren Instrumenten beherrscht, ist eingesprungen, weil der Kontrabassist verhindert war. Für uns war es eine große Freude ihn hier wiederzusehen, denn da er auch mit Schauspiel, Pantomime und Clownerie arbeitet, hatten wir im letzten Jahr beim ihm einige Stunden Schauspielcoaching genommen. Und nun erzählt er, dass die Arbeit mit uns ihn wiederum ein Stück näher zum Tango gebracht hat. Da ist sie also wieder, die Energie, die uns KünstlerInnen verbindet und die hin und her fließt, um uns alle zu bereichern.

Sigrid

María de Buenos Aires

María de Buenos Aires

Ein Konzertabend, letzte Woche in Graz erlebt, war so beeindruckend, dass ich davon erzählen möchte. Tangomusik von Astor Piazzolla, interpretiert von dem Ensemble folksmilch und der Sängerin Christiane Boesiger, im Grazer Orpheum – María de Buenos Aires, eine „Tango-Operita“.

Dieses eher selten aufgeführte Werk wurde in Graz erst zum zweiten Mal auf die Bühne gebracht. Vor vielen Jahren (1970er, 80er ?) im Minoritensaal wurde es zu einem Flop mit nicht einmal 200 verkauften Karten, diesmal im ausverkauften Orpheum löste es Begeisterungsstürme aus.

Auf der Bühne nichts als die drei Musiker in Schwarz mit ihren Instrumenten, ein Sofa, ein Tisch und eine Stehlampe, und ebenfalls in Schwarz mit Hut die virtuose Luzerner Sopranistin. Sie füllte die Rolle der Maria mit so viel Temperament, Leidenschaft und Sinnlichkeit, dass man sie für eine „echte Portena“ halten könnte. Im Laufe des Abends fühlte ich mich sowieso nach Buenos Aires versetzt. Die Musik von Piazzolla, die gesungene Sprache – dieser typische Klang aus dem Gebiet des Rio de la Plata, immer wieder eingespielter Verkehrslärm der Stadt und die Texte von Horacio Ferrer, die die Verrücktheit dieser Stadt zum Ausdruck bringen. Das alles zusammengefügt zu einem Ganzen als Verneigung vor Buenos Aires und seinen Frauen.

Nun, wie entstand es eigentlich, dieses besondere Stück Tangomusikgeschichte? Im Jahr 1968 am Rio de la Plata. Es war gerade Horacio Ferrers erster Gedichtband erschienen und Piazzolla war von Ferrers Lyrik angetan: „Du verwirklichst in der Poesie dasselbe wie ich in der Musik.“ Eine sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit begann. Piazzolla beauftragte Ferrer, sich einen Stoff für ein musikalisch-lyrisches Theater zu überlegen. Ferrer lieferte darauf die Vorlage für María. Piazzolla war begeistert und zog sich Anfang 1968 nach Uruguay zurück, wo er mit der Arbeit begann. Er vollendete sie in Buenos Aires, wo am 8. Mai 1968 die Uraufführung stattfand.

Es ist eine Oper in 16 Bildern, die sehr oft konzertant aufgeführt wird. Eine Nummernoper, in der sich Gesangsnummern, Sprecheinlagen und instrumentale Zwischenspiele abwechseln. Die Musik ist geprägt von verschiedensten Stilen des Tangos und seiner Vorläufer, vermischt sich aber auch mit Elementen der klassischen Musik und des Jazz. Die instrumentale Besetzung besteht üblicherweise aus einem Bandonéon oder Akkordeon, einem Klavier, mindestens einer Geige bzw. Streicher und einem Schlagzeug. An Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug haben die drei Musiker von folksmilch dieses Werk hier in Graz zum Leben erweckt. Die berühmtesten Nummern aus diesem Stück sind Fuga y misterio und Yo soy María, in der Maria sich temperamentvoll selbst vorstellt: „Ich bin María … María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“

Im weiteren Verlauf wird in surrealen Bildern die Geschichte dieser Maria, die von Anfang an unter einem Unglücksstern stand, erzählt: von ihrem tristen Leben in der Vorstadt, von ihrem Abstieg in die Unterwelt der Stadt, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von ihrem Schatten, der, nachdem ihr Körper begraben ist, verloren durch Buenos Aires streift, und davon wie dieser Schatten zu gebären beginnt. Marías Schatten gebiert ein Mädchen. Ob es die wiedergeborene María ist, lässt das Ende offen.

Nachdem der letze Applaus hier in Graz verklungen war, nach diesem feurigen wie berührenden Abend zugleich, haben mich die Bilder, die Musik und dieses Buenos Aires-Feeling jedenfalls noch länger begleitet …

Andrea

 

Graz – Vertrautes neu entdecken

Graz – Vertrautes neu entdecken

Anfand dieses Monats waren wir ja, wie Andrea berichtet hat, für eine Woche in Graz. Auch diesmal war die Straßenkunst der Anlass für unsere Reise und auch diesmal wurde es zu einer Mischung aus Arbeit und Genuss. Denn das Durchstreifen der Stadt auf der Suche nach Auftrittsorten macht ähnlich viel Spaß wie ein Stadtbummel. Die Aufführungen von La Strada haben wir angeschaut, um Erfahrungen und Eindrücke für unsere Straßenkunst zu sammeln, während wir wie alle anderen einfach begeisterte Zuschauerinnen waren. Und wie auch in Berlin haben wir das Leben – diesmal in einer kleinen, überschaubaren – Stadt genossen.

DSCF5315Wir sind beide in Graz geboren, ich habe bis zum Studienabschluss und später nochmals für zwei Jahre in Graz gelebt. In den letzten Jahren sind wir oft für einen Tag nach Graz gefahren, um Besorgungen zu erledigen, FreundInnen zu besuchen oder bei Veranstaltungen dabei zu sein. Aber eine Woche lang in Graz zu sein, fühlt sich ganz anders an. Graz ist wirklich eine lebenswerte Stadt! Nicht umsonst wird ihr Charme gerühmt und das südliche Flair hervorgehoben. Die Innenstadt ist klein und überschaubar und uns Grazerinnen ist oft gar nicht bewusst, welche architektonischen und kulturellen Schätze sich da verbergen. Eine ganz besondere Atmosphäre schaffen die unzähligen Schanigärten, die an den lauen Sommerabenden jener Woche bis auf die letzten Plätze gefüllt waren. Sie tragen viel bei zu der entspannten, lockeren Stimmung in der Stadt, die gleich so etwas wie Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

DSCF5316Und es gibt ja viele, die Graz als Urlaubsziel auswählen! Ob sie wie diesmal wegen La Strada oder wegen einem der anderen kulturellen Festivals kommen, ob sie vom „Weltkulturerbe Graz“ angezogen werden oder ob es die Weihnachtsmärkte im Winter sind: in den letzten Jahren sind spürbar mehr TouristInnen in Graz unterwegs. Und das belebt eine Stadt natürlich sehr. Angesichts der Reisenden in meiner Heimatstadt erinnerte ich mich daran, dass ich selbst schon einmal meinen Urlaub in Graz verbracht habe. Ich glaube es muss im Sommer 1994 gewesen sein. Unsere Reisekasse war damals nicht gerade üppig gefüllt und so entschlossen wir uns zu einem Urlaub in Graz! Wir kauften einen Reiseführer (was ich mittlerweile schon lange nicht mehr mache, ich entdecke heute eine Stadt lieber ohne Jahreszahlen, Daten und Fakten), spazierten von unserer zentralen Stadtwohnung manchmal schon zum Frühstück los und waren einfach Touristinnen. Die doppelte Wendeltreppe in der Grazer Burg zum Beispiel, habe ich damals zum ersten Mal gesehen. Nach den Besichtigungen suchten wir uns ein nettes Lokal fürs Mittagessen, schlenderten auf den Schloßberg zur Siesta und ließen uns einfach treiben. Herrliche Urlaubstage, bei denen wir uns die Anreise und die Hotelkosten ersparten und direkt mit dem Genießen beginnen konnten. Es war damals eine spontane Idee, die sich heute in dem Buch Slow Travel von Dan Kieran als Variante der „Kunst des Reisens“ findet. Es gibt darin Kapitel mit der Überschrift Bleib zu Hause – als ich es gelesen habe, wusste ich schon, wovon er spricht und welch schöne Art zu reisen das sein kann!

DSCF5308Gerade das köstliche Essen und Trinken ist für uns ein wesentlicher Teil des Reisens. Das haben wir in dieser „Grazwoche“ ebenfalls genossen. Im La Meskla in der Kaiserfeldgasse waren wir jeden Tag zum Mittagessen. Zwei junge Frauen führen dieses Lokal und schaffen eine gemütliche, weltoffene Atmosphäre. Die Menüs dieser Woche führten uns kulinarisch um die halbe Welt. Eine der beiden kommt nämlich aus Peru und kocht köstliche Gerichte aus Südamerika mit ganz neuen Aromen und Geschmäckern. Aber auch Asiatisches oder Mediteranes kommt auf den Teller. Dazu ein schönes Glas Wein, ein gemütlicher Schanigarten und äußerst moderate Preise. Kein Wunder, dass es eines unserer Lieblingslokale ist! Eine andere köstliche Entdeckung ist die kleine Eisdiele Gianola an der Ecke Stempfergasse/Bischofsplatz. Die Besitzerin aus Italien bereitet das Eis direkt im Geschäft zu. Es gibt nicht die Unmenge an Sorten, aber du hast dennoch die Qual der Wahl, denn alle sind außergewöhnlich. Purer Geschmack! Nachmittags, für eine Erfrischung und ein wenig Büroarbeit mit dem dortigen WLAN, waren wir gerne im Kunsthauscafe. Sehr hipp und trendig, fast meinten wir wieder zurück in Berlin zu sein, und immer gut besucht. Es gibt eine große Auswahl an Getränken abseits der üblichen „Getränkeliste“, die du gleich in der Kühlvitrine aussuchen kannst. An der water bar stehen Karaffen und Gläser für Leitungswasser bereit und können gleich selbst befüllt werden. Sehr praktisch und passend zur lockeren Atmosphäre. Und der Burger, den wir gegessen haben, war köstlich!

Das klingt ja wirklich wie Urlaub in Graz, oder? Dass wir in jener Woche fast täglich gearbeitet haben, mit mehreren Auftritten und einer Tango-Privatstunde, scheint so ganz nebenbei gelaufen zu sein. Und genau das ist das Schöne an unserem Leben als Straßenkünstlerinnen: die Arbeit ist Genuss und das Reisen ein Teil davon. Ich weiß, wir sind Glückspilze, und begeisterte Grazerinnen!

Sigrid