L’ultimo Tango!

L’ultimo Tango!

In der Welt des Tangos gibt es einige Traditionen, vielleicht könnte man sogar von Ritualen sprechen, die sich im Lauf der Zeit rund um den Globus verfestigt haben. Der typische Aufbau einer Tango-Tanzveranstaltung wird beispielsweise auf den meisten Milongas weltweit praktiziert. Andere Rituale wie die Mirada, also das Auffordern zum Tanz über den Blick, gibt es fast nur noch in traditionellen Kreisen. Und nicht immer ist klar, ob der ursprüngliche Schlusspunkt einer Milonga noch in der Weise praktiziert wird, wie es in Buenos Aires üblich ist – denn so manche*r hört und tanzt frühmorgens den letzten Tango einer Milonga nicht mehr. Wir pflegen diese Tradition – den letzten Tango anzukündigen und dabei immer dasselbe Musikstück, nämlich eine La Cumparsita, zu spielen, nicht nur auf unseren Milongas und Übungsabenden, sondern beenden auch jeden unserer Kurse und Workshops mit diesem „Tango der Tangos“. Und so beschließen wir auch diese kleine Reihe zur Tangomusik mit L’ultimo Tango – aber nicht nur mit einer Version, sondern mit ganz unterschiedlichen Interpretationen.

Er wurde schon im Jahr 1916 von Gerardo Matos Rodriguez komponiert, und zwar für den Karnevalsumzug in Montevideo. Daher auch der Titel, denn La Cumparsita heißt Der kleine Karnevalsumzug. Es gibt dieses Stück nicht nur in mehreren Textversionen, sondern auch die Arrangements sind unglaublich vielfältig. An den Anfang setze ich eine Variante mit gesprochenem Text, in dem der Sprecher der Frage nachgeht, was den Tango eigentlich ausmacht. Er schließt mit den Worten: „ … para mi, eso es el tango – dies ist für mich der Tango!“

In den Goldenen Jahren des Tangos entwickelte sich La Cumparsita zum selbstverständlichen Abschluss einer Milonga. Daher war dieser Tango im Repertoire jedes Orchesters, jeder Sängerin und jedes Sängers. Als Beispiel für eine gesungene Cumparsita wähle ich „La dama del Tango“: Mercedes Simone:

Mit La Cumparsita ist es demnach auch gut möglich, einige der bekanntesten Tangoorchester jener Zeit zu beschreiben. Beim Anhören desselben Musikstücks in den jeweiligen Interpretationen sind die charakteristischen Merkmale, der Stil ihrer Arrangements gut erkennbar. Den Anfang macht hier der „König des Taktschlages“ höchstpersönlich, Juan D’Arienzo. Typisch für ihn ist der schnelle, klare Beat, der manchmal auch als Staccato-Schliff bezeichnet wird. Andere wieder nennen sein Orchester eine Rhythmusmaschine, in der das Klavier das tragende Element ist. Mit fünf Geigen und fünf Bandoneons – jeweils eines mehr als üblich – ist das Orchester sehr beweglich und flexibel. In vielen der Arrangements von D‘Arienzo gibt es kaum Pausen, die Aufnahme aus dem Jahr 1961, die ich hier gewählt habe, spielt aber genau mit diesem Überraschungseffekt und lässt uns zwischendurch glauben, wir wären schon am Ende angelangt. Überhaupt würde ich empfehlen, dieses Video zweimal anzuklicken – einmal, um dem einzigartigen Stil des Dirigierens von D’Arienzo und dem Ausdruck der Musiker zuzusehen, ein zweites Mal, um genau hinzuhören:

Als nächstes kommen wir zu Carlos di Sarli, der selbst das Klavier spielt und vom Klavier aus das Orchester dirigiert. Charakteristisch für ihn ist das mittelschnelle Tempo – deutlich langsamer als vorhin bei D’Arienzo – und dass die Melodie im Zentrum der Arrangements steht. Der typische Di Sarli- Klang entsteht durch die Geigen – manche sagen sogar: Di Sarli macht alles mit den Geigen! Doch bei genauem Hinhören fallen auch die trillerartigen Einwürfe des Klaviers auf, mit denen Di Sarli die einzelnen Phrasen verbindet und so die Musik geschmeidig abrundet.

Mit Anibal Troilo kommen wir zu jenem Orchester, dem extrem hohe Qualität und brillante Arrangements zugesprochen werden. Der sogenannte Troilo-Sound versteht es, zügig zwischen abgehackten, stakkatoartigen Passagen und glattem Legato hin und her zu wechseln. Obwohl Troilo selbst das Bandoneon spielt und aufgrund der Ausdrucksstärke seines Spiels vielfach als bester Bandoneonspieler aller Zeiten bezeichnet wird, tritt er damit nicht in den Vordergrund – seine Soli sind eher schlicht und zurückhaltend. Die zentrale Rolle spielt vielmehr das Klavier, über viele Jahre hinweg ist der Pianist Orlando Goni, der einen neuen Stil des Tango-Klavierspiels entwickelte, die tragendende Figur dieses Orchesters.

Nach diesen drei Beispielen aus den Goldenen Jahren und von klassischen Tangoorchestern machen wir einen großen zeitlichen Sprung in das heutige Buenos Aires. Reduziert auf Klavier und Bandoneon versteht es das Duo Ranas dennoch, den ganzen Raum mit ihrer Musik zu füllen und überraschende Akzente zu setzen. Mehrmals schon hatten wir – in Buenos Aires und in Graz – das Vergnügen, zu ihrer Livemusik zu tanzen. Immer wieder aber sind ihre Arrangements nicht in erster Linie zum Tanzen, sondern einfach für den Hörgenuss gedacht. So, wie diese Version der Cumparsita:

Wenn wir am Ende eines Workshopwochenendes oder einer Tangowoche „L’ultimo Tango“ ankündigen, entscheiden wir uns oft für ein grande finale: die süddeutsche Formation Quadro Nuevo hat 2011 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunkorchester eine CD aufgenommen und die darin enthaltene Version von La Cumparsita ist wahrlich ein krönender Abschluss. So bleibt mir auch jetzt nur noch die Ankündigung: L’ultimo Tango!

Sigrid

Verwendete Literatur: Tangogeschichten, Michael Lavocah

 

In 8 Tangos um die Welt

In 8 Tangos um die Welt

Nun ja, nicht ganz, Afrika, Europa und Lateinamerika sind die musikalischen Stationen dieser Reise. Der Tango hat ja mehrmals ausgehend vom Rio de la Plata-Gebiet eine Weltreise angetreten und ist heute auf allen Kontinenten zu Hause. Mit den Einflüssen der jeweiligen Kultur hat er somit viele unterschiedliche Klangfarben erhalten, die diese Musik immer wieder spannend machen.

Beginnen wir unsere Reise also in Afrika. Eine der Wurzeln des Tangos ist nämlich die afrikanische Musik. Der Rhythmus der Candombe ist zur Entstehungszeit des Tangos in dessen Musik eingeflossen. Aber auch heute entstehen am afrikanischen Kontinent Tangos, wie jener aus dem Senegal, dessen Titel übersetzt „die Flamme“ heißt:

In Buenos Aires wurde der Tango anfangs von der „besseren Gesellschaft“ abgelehnt, was dazu führte, dass ca. ab 1910 Musiker, zu der Zeit waren es nur Männer, nach Europa aufbrachen. In Paris wurden diese Musik und dann auch der Tanz begeistert aufgenommen und im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig. Das Paris der 1930er Jahre lasse ich nun mit einem Ausschnitt aus dem Film Tango von Carlos Saura wieder aufleben:

Von Paris ausgehend wird der Tango in ganz Europa bekannt und kommt schon bald in das „Paris des Ostens“, nach Bukarest. In den 1930ern verschmilzt die Musik des Tango Argentino dort mit der traditionellen Musik Rumäniens und die melancholischen „Tangos á la Romanesque“ entstehen. Die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu interpretiert heute diese Tangos neu:

Ein Land, in dem der Tango auf seiner Reise durch Europa auf besonders fruchtbaren Boden fiel, war Finnland. Nach dem zweiten Weltkrieg traf er genau den Nerv der Menschen, die ohnehin sentimentale Musik in Moll bevorzugten. Der Finnische Tango wurde ein eigenes Genre und zur Volksmusik. Er wird zu den Mittsommernächten auf den Straßen der Städte und in den kleinsten Dörfern getanzt und gespielt:

Das zweite Mal trat der Tango in den 1980er Jahren ausgehend von Buenos Aires seine Weltreise an. Zur Zeit der Militärdiktatur in Buenos Aires selbst verboten, brach in Europa, aber auch in Nordamerika und Asien, der Tangohype aus. In Europa entwickelte sich vor allem Berlin zur Tangohauptstadt. Eine vielfältige Musik- und Tanzszene blüht hier bis heute. Ein Beispiel dafür ist die Bandoneonspielerin Judith Brandenburg mit ihrem Trio La Bicicleta:

Ein Land, das man eher nicht mit Tango assoziiert, ist Griechenland. Dennoch ist einer der wohl bekanntesten Tangos ein griechischer: To Tango tis Nefelis. Lassen wir nun also so richtig Urlaubsstimmung aufkommen:

Von Griechenland ist es nicht sehr weit bis Serbien und zur Musik der Roma ebendort. Wie der Tango, so hat auch diese Musik Einflüsse verschiedenster Kulturen und Stile in sich vereint, vom Flamenco und dem Walzer bis hin zu Reggae. Und natürlich Tango! Sind wir jetzt also auf den Straßen Osteuropas oder in einer Tangobar in Buenos Aires?

Unsere letzte Station muss auf alle Fälle Buenos Aires sein. Denn in der Geburtsstadt des Tangos, vielleicht auch durch seine Weltreisen belebt, entwickelt sich diese Musik immer weiter, wird neu interpretiert oder nimmt moderne Formen an. Mittlerweile gibt dort die Enkelgeneration der großen Tangomusiker*innen den Ton an, wie Carla Pugliese gemeinsam mit Andrés Linetzky im folgenden Electrotango:

Diese Entdeckungsreise durch die Welt des Tangos zeigt einmal mehr, was schon Leopoldo Marechal meinte: Der Tango ist mannigfaltig, er ist eine unendliche Möglichkeit!

Andrea

 

Die Vielfalt der Tangomusik

Die Vielfalt der Tangomusik

Die frühen Tangos, komponiert vor mehr als hundert Jahren, die Tangos der Goldenen Jahre ab den 1930ern, Astor Piazzolla und sein Tango Nuevo, bis hin zu Electrotangos unserer Tage – das Spektrum der Tangomusik ist unendlich weit und bunt! Bei unseren Kursen und Workshops versuchen wir, diese Vielfalt hörbar und tanzbar zu machen und einige Beispiele möchte ich in diesem Artikel präsentieren.

Die Musik der großen Tangoorchester ab 1935 ist die klassische Tanzmusik in der Welt des Tangos. Vor allem Carlos di Sarli gilt als leicht tanzbar, das mittelschnelle Tempo seines Orchesters und die von den Geigen getragene Melodie helfen dabei, als Paar oder bei SOLO TANGO als Gruppe in den Tangorhythmus zu finden. Daher spielen wir seine Musik sowohl bei Kursen im Paar als auch bei jenem Teil unseres Workshops, bei dem wir gemeinsam eine Abfolge tanzen. Und so wird manchen von euch El Ingeniero durchaus vertraut sein:

Diese alten Aufnahmen vermitteln eine ganz bestimmte Atmosphäre, die heute nicht mehr alle Tangofans anspricht. Gerne nehmen wir daher auch moderne Interpretationen von altbekannten Tangos, die dann überraschend anders klingen. Las Rositas, 2007 in Buenos Aires geründet, finden wir besonders spannend, denn mit Klavier, Violine und Viola schaffen es die drei jungen Frauen, zum Beispiel dem Klassiker Por una cabeza neues Leben, Frische und Esprit einzuhauchen:

Bei Quadro Nuevo aus Süddeutschland bekommt der Tango allein schon durch die Instrumente eine völlig andere Klangnote – Bassklarinette, Saxofon und Harfe gab es in den großen Tangoorchestern einfach nicht. Als Beispiel nehme ich hier nicht eines der Stücke, die schnell, frech und jazzig daherkommen, sondern eine sehr ruhige, sehr reduzierte Version von El dia que me quieras – ein Tango, der in die Tiefe führt, bei dem sich Entschleunigung und Präsenz beinahe von selbst einstellen:

Doch nicht erst heute gibt es große Veränderungen in der unendlichen Welt der Tangomusik. Gerade in jener Zeit, in der der Tango als Tanz weder in Argentinien und schon gar nicht weltweit populär war, hat er als Musikrichtung neue Impulse erhalten. Bis heute gibt es in Buenos Aires übrigens viele Menschen, die nicht Tango tanzen, aber täglich Tangomusik hören und diese lieben. In den 1970ern war Hugo Diaz einer derjenigen, der mit seiner Mundharmonika eine neue Klangfarbe einbrachte. Seine Interpretationen der klassischen Tangos sind nicht ganz leicht zu tanzen – im SOLO TANGO genießen wir da aber einen größeren Spielraum, sodass wir seine Musik gerne bei Workshops spielen. Als Beispiel wähle ich hier Vida mia:

Wenn wir von Umbrüchen in der Tangomusik und von schwer tanzbarer Musik sprechen, dann sind wir bei Astor Piazzolla angekommen. Der heute wohl bekannteste Tangomusiker und –komponist hat mit seinem Tango Nuevo neue Welten eröffnet. Zu Lebzeiten abgelehnt und manchmal sogar diffamiert, sagen böse Zungen, er habe seine Musik absichtlich noch mehr „untanzbar“ gemacht und als Konzertmusik konzipiert. Einige seiner Stücke wie Libertango oder Adios Nonino werden nicht nur häufig gespielt, sondern gelten auch als gut tanzbar. Ich nehme hier aber das weniger bekannte Musikstück Lo que vendra, das ich sehr gerne SOLO tanzend interpretiere.

Rund um die Jahrtausendwende bis heute ist es der Electrotango, der die Tangomusik wieder auf neue und vielfältige Weise bereichert. Aus der Fülle der Künstler*innen und der Stücke dieser Musikform wähle ich hier Narcotango, gegründet von Carlos Libedinsky. Bei einer Milonga in Berlin haben wir zur Livemusik von ihm und seiner Formation getanzt und waren angetan, von der Feinheit und der Getragenheit ihrer Musik. Das Stück Otra Luna spiegelt diese Atmosphäre gut wider:

Ich habe schon erwähnt, dass Tangomusik nicht immer nur als Tanzmusik verstanden wird. An den Abschluss dieses Überblicks möchte ich aber einen Electrotango von Antonio Colucci stellen, den wir gerne am Ende einer Workshopeinheit spielen. Ich sage an dieser Stelle häufig: „Folgen wir nun einfach der Aufforderung im Titel des nächsten Musikstückes: Dance Tango!“ In diesem Sinne ist es vielleicht spätestens jetzt auch für dich als Leserin oder Leser Zeit, aufzustehen und zu tanzen!

Sigrid

PS: In zwei bzw. vier Wochen gibt es weitere Artikel in dieser kleinen Serie zur Tangomusik!

 

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Eine musikalische Reise nach Buenos Aires

Die Sehnsucht nach dem Reisen können wir im Moment nicht real stillen, so lade ich zu einer imaginären Reise ein in die Geburtsstadt des Tangos, untermalt mit Tangomusik, in der diese Stadt besungen und verehrt wird. Es gibt nämlich gar nicht so wenige Tangos, in denen Buenos Aires ganz im Allgemeinen oder einzelne Stadtviertel, sogenannte barrios, Wege, Straßen, sogar die Straßenecken, oder ganz einfach die Nächte in dieser Stadt in der Musik und den Texten beschrieben werden. Entonces vamos!

Beginnen wir also mit einem Tango, in dem die Liebe der portenos (so nennen sich die Bewohner*innen von Buenos Aires) zu ihrer Stadt ganz besonders zum Ausdruck kommt. In Mi Buenos Aires querido singt Carlos Gardel stellvertretend für viele: Mein geliebtes Buenos Aires, am Tag, an dem ich dich wiedersehe, wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben. Carlos Gardel gilt ja neben Evita und Maradonna als einer der drei Nationalheiligen Argentiniens, und dieser von ihm komponierte Tango ist wohl so etwas wie eine Hymne, zumindest für seine Hauptstadt.

Nach diesem alten Tango aus dem Jahr 1934 wechseln wir nun zu dem modernen Electrotango Santa Maria Del Buen Ayre von Gotan Project, der uns zurückführt in die Anfänge dieser Stadt. Gegründet als Hafen im Jahr 1536 war Maria die Schutzheilige der Seeleute und man wünschte sich gute Winde für die Überfahrt nach Europa.

Der Ursprung von Buenos Aires war also der Hafen, der heute ein Stadtteil namens La Boca ist. Der Mund, der alle Einwander*innen aufnahm und sich einverleibte. Dort liegen auch die Ursprünge des Tangos, in den Hafenkneipen, Spelunken und Mietskasernen wurden die ersten Tangos gespielt und gesungen. So wie damals ist es auch heute noch ein armes Viertel, nur ein ganz kleiner Teil direkt am Hafen ist zur Touristenmeile avanciert. Die Bilder von den bunten Häusern aus Blechteilen kennt man aus jeder Reisebroschüre und ein Weg, der da durchführt, heißt Caminito. Im folgenden Tango wird ein kleiner Weg in dieser Stadt besungen und mittlerweile assoziiert man damit genau diesen Weg.

Nicht um einen Weg, sondern um genau das Gegenteil handelt es sich bei der nächsten Sehenswürdigkeit. Mit 16 Fahrspuren, 3 Ampelphasen um sie zu überqueren, gesäumt von Jacaranda und anderen exotischen Bäumen, ausgestattet mit dem Obelisken und dem Teatro Colon (Opernhaus) ist sie für die portenos die größte und schönste Prachtstraße der Welt und die Pulsader von Buenos Aires. In der Interpretation von Juan D’Arienzo hört man, wie schnell der Puls dieser Stadt schlägt.

Alle Straßen in Buenos Aires laufen geradlinig, die Stadt wurde wie viele amerikanische Städte schachbrettartig angelegt, und so gibt es auch sehr viele Straßenecken. Sie dienen zur Orientierung, wenn man einen Treffpunkt ausmacht, gibt man eine Straßenecke an. In vielen Eckgebäuden befinden sich Cafés oder Tangolokale. Im folgenden Tangovals besingt Mercedes Simone die Esquinas portenas.

Wenn man Buenos Aires besucht, darf auch ein Ausflug in die Umgebung nicht fehlen. Besonders beeindruckend ist das Delta der beiden Flüsse Rio Parana und Rio Uruguay und einiger kleinerer Flüsse, die schließlich als Rio de la Plata in den Atlantik fließen. Das Mündungsgebiet mit seinen unzähligen Flussläufen und –armen, Inseln und Inselchen liegt nördlich der Stadt. Einen der kleineren Nebenflüsse, den Rio Tigre, lässt Francisco Canaro im Tango El Tigre vor meinem inneren Auge erscheinen.

Zurück in der Stadt suchen wir noch ein Viertel auf, das mit seinen gepflasterten Gassen, alten Straßenlaternen, dem sonntäglichen Flohmarkt, den vielen Tangolokalen und der Plaza Dorrego, wo es regelmäßig Openair-Milongas gibt, den Flair ausstrahlt, der im Kopf entsteht, wenn man an Buenos Aires denkt: San Telmo.

Beenden wir nun unseren musikalischen Trip, indem wir noch in das Nachtleben eintauchen. Es ist wirklich nie ganz ruhig in dieser Stadt, es gibt rund um die Uhr Geschäfte und Lokale, die offen haben, Menschen, die unterwegs sind, man trifft sich um Mitternacht zum Eisessen und geht anschließend noch auf eine Milonga. Buenos Aires, die Stadt, die niemals schläft. So lassen wir unsere Reise mit Noches de Buenos Aires ausklingen.

Buenos noches, Andrea

 

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Tango zwischen zwei Buchdeckeln

Die Pausen zu zelebrieren ist ein wesentlicher Teil des Tangos. Diese Pause, in der wohl europaweit keine Milonga, kein Festival und kein Kurs, kein Practica und kein Übungsabend stattfinden, ist für Tangotänzerinnen und -tänzer jedoch eine ziemliche Herausforderung. Da bleibt nur, Tangomusik aufzulegen und im Wohnzimmer – solo oder together – zu tanzen. Oder es einmal mit Tango auf dem Sofa zu versuchen: gemütlich mit einem Glas Rotwein wie auf einer Milonga oder einer kuscheligen Decke sowie einer dampfenden Teetasse und einem Buch, das von der Welt des Tangos erzählt!

Im Folgenden stelle ich euch einige Bücher vor, die uns besonders gut gefallen haben und jeweils auf ihre Art spannende Einblicke in die Geschichte und die Geschichten des Tangos geben. Und weil wir alle gerade dabei sind, unseren Alltag neu zu ordnen, möchten wir vorschlagen, die Bücher deiner Wahl nicht bei amazon zu bestellen, sondern bei kleinen Buchhandlungen in Österreich*: der Büchersegler in Graz und Hartliebs in Wien zum Beispiel freuen sich über eine Bestellung per Mail und senden die Bücher gerne per Post zu. Also, viel Spaß beim Gustieren und danach beim Lesen!

Die Tangospielerin führt uns in die Anfänge des Tangos, als zugewanderte Menschen aus Europa anstatt der Erfüllung ihrer Träume in Buenos Aires ein Leben in überfüllten Mietskasernen und Elend erwartete. Die junge Italienerin Leda muss bei ihrer Ankunft auch noch feststellen, dass ihr Ehemann tot und sie nun völlig allein ist in diesem fremden Land. Es bleibt ihr nur eine Truhe mit seinen Kleidern und die Geige ihres Vaters. Und die Entdeckung dieser wunderbaren, besonderen Musik – Tango! Weil es Männern vorbehalten ist, diese Musik zu spielen, wagt sie einen kühnen Schritt: mit kurzen Haaren und im Anzug ihres Mannes nimmt sie die Geige in die Hand und wird Teil einer Tangogruppe. Wie lange kann sie ihr Geheimnis bewahren und was soll sie tun, als sie ihrer großen Liebe begegnet?

Fesselnd bis zum Schluss erzählt dieser Roman nicht nur die Geschichte einer faszinierenden Frau am Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern ermöglicht spannende Einblicke in die Geschichte der Tangomusik und die Stadt Buenos Aires jener Zeit – und das in einer wunderbaren Sprache!
Carolina De Robertis, Die Tangospielerin, Fischer Taschenbuch

Drei Minuten mit der Wirklichkeit vereint scheinbar unüberwindbare Gegensätze: Politkrimi und Liebesgeschichte, Tangotanz und Ballett, die Militärdiktatur in Argentinien und den Alltag im heutigen Berlin. Der junge Tangostar Damian verschwindet während eines Gastspiels in Berlin spurlos, nachdem er den Vater seiner Geliebten Giulietta kennenlernte. Um ihn zu suchen, reist die junge Balletttänzerin nach Buenos Aires und begegnet dort nicht nur der dunklen Vergangenheit dieser Stadt, sondern auch der ihrer Heimat und ihres Vaters.
Das Buch wurde uns vor einigen Jahren von einer Freundin, die nicht Tango tanzt, mit den Worten empfohlen: Wenn es für mich schon so spannend war, wie muss es dann erst für euch als Tangotänzerinnen sein!
Wolfram Fleischhauer, Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Knaur Verlag

In Buenos aires, mi amor ist die Stadt des Tangos die eigentliche Hauptdarstellerin!
Nach einem Jahr auf Gran Canaria kehrt die Tangolehrerin Elena nach Buenos Aires zurück und saugt die Atmosphäre der Stadt begierig auf. Nur zum Teil war es ihr in der Ferne gelungen, das Rätsel um das Leben ihrer verstorbenen Tante Marì zu lösen. Und auch ihre Gefühle für Inés, jene Deutsche, die sie dort bei dieser Suche unterstützt hat und mit der sie eine kurze, leidenschaftliche Affäre hatte, sind alles andere als klar. Als Inés nach Buenos Aires kommt und sie gemeinsam diese Suche fortsetzen, durchstreifen sie nicht nur die Barrios der Stadt, sondern finden endlich Worte für ihre Gefühle. Bleibt die Frage, ob sie nochmals miteinander Tango tanzen werden und ob es eine gemeinsame Zukunft für die beiden Frauen gibt.

Neben spannenden Einblicken in den Alltag Argentiniens nach dem Corralito und einem Blick auf das gesellschaftliche Leben im Buenos Aires der 1960er Jahre lässt die Autorin uns eintauchen in diese faszinierende Stadt, die so lebendig beschrieben wird, wie wir selbst sie in Erinnerung haben.
Bettina Isabel Rocha, Buenos Aires, mi amor, Verlag Krug & Schadenberg

Auch in Die Schönheit der Nacht ist der Tango nicht Haupt- sondern nur ein Nebendarsteller, der erst im letzten Viertel des Buches seinen Auftritt hat. Dann aber wird das, was den Tango ausmacht, vortrefflich beschrieben und das Tanzen verändert die Personen und ihre Beziehungen zueinander grundlegend.
Die Geschichte zweier gänzlich unterschiedlicher Frauen ergründet, wie ein erfülltes Leben gelingen kann – ohne Masken und Verstellung. So war dieses Buch ein wesentlicher Impuls für unseren wo/men tango act Mascarada – einem Spiel mit den Masken, dem Blick hinter die Maske und der Bereitschaft, Masken abzunehmen und einander anzusehen wie niemals zuvor.
Nina George, Die Schönheit der Nacht, Knaur Verlag

Sigrid

 

Anmerkungen:
Das Beitragsbild zeigt die Libreria El Ateneo, die in Buenos Aires, mi amor ab S. 110 beschrieben wird.

* Die Leserinnen und Leser in Deutschland bitte ich, selbst eine Buchhandlung in ihrer Nähe ausfindig zu machen oder direkt beim Verlag zu bestellen.

 

Making of …

Making of …

Subterráneo (span. für unterirdisch) ist der Titel unseres neuen Videos und der Titel des Tangos, zu dem wir dabei tanzen. Ich möchte euch heute mit meiner Erzählung einen Einblick in die Entstehungsgeschichte geben. Dieses Projekt des letzten Sommers war nämlich ein besonders spannendes in Kooperation mit mehreren kreativen Frauen.

Schnell war klar, dass wir als Filmerin Astrid Rampula von astrimage FILM wollten. Wir kennen sie persönlich, hatten aber auch schon einige Filme von ihr gesehen. Sie hat bei ihren Projekten eine besondere Herangehensweise, indem sie zuerst einmal viele Fragen stellt. Was ist euch wichtig? Welche Geschichte wollt ihr erzählen? Für wen soll das Video sein? Und dann erst geht es ans gemeinsame Planen: Musik, Location, Outfit, …

Von Anfang an war das Schöne an diesem Projekt, dass es so leicht von der Hand ging, es ist im Flow entstanden, indem das Eine das Andere ergeben hat. Zu dem Zeitpunkt, als wir über die Musik nachdachten, sahen wir zufällig ein Video von Christine Swoboda, in dem sie das Bandoneon spielt. Wir kennen Christine schon eine Weile, machen gemeinsam die Tango & Yoga Workshops, und dachten, wir fragen sie einfach, ob sie nicht auch bei unserem Video mitwirken möchte. Sie war nicht nur dazu bereit, sondern hat in kürzester Zeit für uns einen Tango komponiert, geprobt und im Studio aufgenommen, damit bis zum Drehtermin die Musik im Kasten war. Ein wunderbares Geschenk!

Ähnlich hat es sich auch mit der Frage des Outfits ergeben. Michaela Eckhardt betreibt in Jennersdorf ein Modeatelier. Wir hatten sie im Frühsommer bei einer Veranstaltung von Frau in der Wirtschaft kennengelernt, so fiel sie uns gleich ein. Ich erzählte ihr von meinen Vorstellungen und sie hatte doch tatsächlich so ein Stück schon fertig bei sich hängen. Es musste nur noch an meine Maße angepasst und um die Farbe rot ergänzt werden. Eine gleichfarbige Schärpe dazu für Sigrid, und so stand auch unser Outfit innerhalb von kürzester Zeit.

Bezüglich der Location hatte dann Astrid die entscheidende Idee: die Tiefgarage in ihrem Wohnhaus. Sie hatte dort für ein anderes Projekt schon einmal gedreht. Nach einem Lokalaugenschein, ob diese auch fürs Tanzen geeignet ist, wurde dann der Drehtermin festgesetzt.

Am 10. August war es so weit. An diesem heißen Hochsommertag waren wir über die gewählte Location besonders glücklich. Michael, Sigrids Bruder, konnten wir als Kameraassistent gewinnen. Er sorgte dafür, dass wir im rechten Licht tanzen konnten. Da in der Tiefgarage immer wieder die Lichter ausgingen, musste er ständig die Bewegungsmelder aktivieren. Als Statist und Lichtquelle war auch unser Fiat 500 anwesend. Der hat sich dabei allerdings so angestrengt, dass am Ende des Drehs die Batterie leer war. Dank einer Nachbarin von Astrid, die vorbeikam und uns ein Starterkabel borgte, und Michaels Hilfe konnten wir ihn dann wieder in die Gänge bringen. Christine mit ihrem Bandoneon war natürlich auch mit dabei und Astrid hat uns alle ganz wunderbar durch den Drehtag geführt. Bei einem gemeinsamen Essen ließen wir die schöne Zusammenarbeit ausklingen.

Für uns war dann die Arbeit getan, für Astrid keinesfalls. Denn erst mit Schnitt und Bearbeitung ist das daraus geworden, was ihr hier jetzt sehen könnt – eine Arbeit mit der wir überglücklich sind.

Andrea

 

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Wir lieben den Tango. Und wir lieben Berlin. Da liegt es nahe, zu einem Tangofestival nach Berlin zu reisen. Und bei dieser Reise haben wir erlebt, wie spannend es ist, an dem oder der Geliebten immer wieder Neues zu entdecken!

Wir haben diesmal in Alt-Moabit gewohnt und somit einen neuen Teil der Stadt kennengelernt. Gleich am ersten Vormittag sind wir entlang der Spree im Tiergarten spaziert, vorbei am Haus der Kulturen und dem neuen Glockenturm gelangten wir zum Platz der Republik. Man könnte diesen Winkel der Stadt als Zentrum der Macht bezeichnen, stehen hier doch auf engem Raum das Bundeskanzleramt, der Bundestag mit seinen drei Parlamentsgebäuden und der alte Reichstag. Die Symbolik spielt in dieser Architektur eine große Rolle: eine Brücke über die Spree innerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels verbindet nun die beiden Hälften der einst geteilten Stadt. Und die Kombination aus alten Gebäuden und moderner Architektur, das Zusammenspiel von alt und neu war für mich Spiegel für den Parlamentarismus, auf dem unsere Demokratien basieren: Verbindungen zu suchen, auf Altem aufbauen, um neue Wege zu gehen, ist wohl die hohe Kunst der Politik. Und bei all der Kritik an aktuellen politischen Umständen wird der Wert dieses Parlamentarismus allzu oft vergessen.

Für die Mittagsrast fanden wir an diesem Tag ein kleines Kaffeehaus, ebenfalls direkt an der Spree nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Zimt  & Zucker möchte die Wiener Kaffeehauskultur lebendig halten, für mich war es eher wie ein Bistro in Paris. Alte Holzmöbel, liebevolle Details bestimmen die Atmosphäre und die Auswahl an Köstlichkeiten ist groß. Das Parfait aus Erdnüssen, Schokolade und gesalzenem Karamell war ein einziger Genuss! Kein Wunder, dass das Lokal sehr beliebt ist und so fanden wir bei einem zweiten Besuch leider keinen Platz und ließen uns weitertreiben.

Auch im Tiergarten haben wir ein neues Eck entdeckt: den Englischen Garten mit dem Englischen Teehaus. Auf Vorschlag des britischen Stadtkommandanten spendeten König Georg VI.  und die englische Bevölkerung 5000 Bäume und so wurde 1952 aus diesem Teil des verwüsteten, baumlosen Tiergartens eine Parkanlage.  Als Berlin dann von der Mauer umgeben war, war der Tiergarten als Erholungsbereich für die Menschen von großer Bedeutung und das Teehaus ein beliebter Freizeitort – im Sommer mit lauschigen Plätzchen im Park und im Winter im Restaurant mit Kamin. Heute wird das Teehaus mit seinem Selbstbedienungsbereich im Biergarten und dem Restaurant von Familien beim Radausflug ebenso besucht wie von elegant gekleideten Damen und Herren beim Spazieren und Flanieren.

Der Mittelpunkt unserer Berlinwoche war aber ein Ort, den man gewöhnlich nur bei der Ankunft und der Abreise aufsucht – der Hauptbahnhof. Dort fand das Contemporary Tango Festival statt und dieses hat uns nach Berlin gelockt. Eine Woche lang wurde im öffentlichen Raum Tango getanzt, während der Bahnhofsbetrieb wie gewohnt ablief. So mischten sich die Tanzenden mit den Reisenden, so gab es überraschte Blicke und spontane ZuschauerInnen. Eine großartige Atmosphäre, zugleich sehr offen und extrem dicht. In die Tangoklänge mischten sich die Lautsprecherdurchsagen, während des Tanzens mussten wir plötzlich einem Koffer ausweichen und Menschen Platz machen, die es eilig hatten, um ihren Zug zu erreichen. Und dabei zeigte sich wiedermal, wie sehr der Tango im öffentlichen Raum zu Hause ist, wie er mit dem Alltag verschmelzen kann und sich mitten im Trubel seinen Platz sucht.

Contemporary Tango bedeutet aber auch, dem Tango ganz neu zu begegnen, ihn in vielen Facetten zu erleben und seine Vielfalt zu zelebrieren. Zum Beispiel den Tanzstil des Tango Nuevo zu sehen, der viel freier und extrovertierter ist als unsere Art zu tanzen. Oder zu großartiger Livemusik zu tanzen, die Anklänge von anderen Musikrichtungen in den Tango hereinnimmt, diese mit dem Tango verschmilzt und so ganz Neues entstehen lässt. Besonders fasziniert waren wir von Judith Brandenburg und ihrer Formation La  Bicicleta. Sie spielten nicht nur einige Sets, zu denen zu tanzen der reinste Genuss war, sondern gestalteten auch die Show jenes Abends mit. Üblicherweise tanzt dabei ein Paar einige Tangos, diesmal aber gab es eine Fusion von asiatischer Kampfkunst und dem Tango: ein Shaolinmönch und eine Tanguera begegneten sich, improvisierten gemeinsam zur Livemusik, eine unglaubliche Dichte und Spannung entstand auf der Tanzfläche und zwischen diesen fünf Menschen. Wir waren wie verzaubert!

Auch die DJs und DJanes öffneten die Welt des Tangos, wenn wir zu Nontango, also nicht zu Tangomusik tanzten. Da gab es spanische Gitarrenmusik ebenso wie Filmmusik, Frank Sinatra und elektronische Klänge bis hin zu Edith Piaf. Einiges davon war sehr schräg und ungewohnt, anderes äußerst ansprechend und wunderbar zu tanzen.

Tango an sechs Abenden, intensiv und dicht, mit müden Füßen und erfüllten Herzen. Tango immer wieder neu und anders, und wie so oft bei langjährigen Liebesgeschichten flammt plötzlich dieses neue Verliebtsein auf, dieses Hingerissen sein, dieses nicht genug bekommen können. Dennoch irgendwann müde schlafen zu gehen und beglückt aufzuwachen, um der zweiten Liebe zu frönen und sich tagsüber einfach durch Berlin treiben zu lassen. Eigentlich zu schön, um es beschreiben zu können …

Sigrid

 

Alles Tango!

Alles Tango!

Tango ist nicht gleich Tango. Es gibt nämlich drei verschiedene Musikrichtungen im Tango, die sich vor allem in ihrem Rhythmus unterscheiden: den Tango, die Milonga und den Vals. Dass es diese drei Varianten gibt, ist auf die Entstehung des Tangos und seine Geschichte zurückzuführen.

Die Vermischung der Kulturen im Buenos Aires der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert führte auch zu einer Vermischung der verschiedenen Volksmusiken und Folklore-Melodien. Der Candombe und die Land-Milonga bildeten zusammen mit dem Walzer und der kubanischen Habanera ein Rhythmusquartett, aus dem sich schließlich der Tango entwickelte. Der Candombe ist eine schwarze Musik mit schnellem, heiterem Rhythmus, obwohl diese Heiterkeit in gewisser Weise mehrdeutig zu sein scheint und vom Elend der AfrikanerInnen erzählt. Die Land-Milonga ist eine Art gesprochene Klage von einsamen Landarbeitern, die von einer einfachen Gitarre begleitet wird und deren Melodien geradezu obsessiv wiederholt werden. Die Habanera ist dem Tango ursprünglich am nächsten, während die Milonga eher mit dem Candombe verwandt ist. Auch das Wort „Milonga“ kommt aus der Quimbunda-Sprache, die von der angolanischen Bevölkerung Brasiliens gesprochen wurde. In dieser Sprache bedeutet „Mulonga“ Wort und der Plural „Milonga“ Wörter. Die europäischen EinwanderInnen haben auch den Walzer nach Buenos Aires gebracht und so war auch dieser von Anfang an ein grundlegender Rhythmus, der nun im Tango-Vals seinen Ausdruck findet.

Was unterscheidet nun die Milonga vom Tango? Die Milonga ist im Wesentlichen heiterer und schneller, ihre Musik hat einen einfachen Rhythmus im 2/4-Takt, ein bisschen vergleichbar mit unserer Polka. Sie wird selten von Gesang begleitet. Auch der Tanz einer Milonga macht einen fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Beispiele für bekannte Milongas sind: Vieja Milonga, La Punalada, Milonga de mis amores, Milongon

Der Tango seinerseits ist mit seinem 4/8-Takt sehr rhythmisch, leidenschaftlich, theatralisch, melancholisch, ernst, … und hat in seiner Weiterentwicklung sogar Formen von Kunstmusik angenommen. Er ist das, was allgemein als Tango bekannt ist.

Zwei Hörbeispiele sollen den Unterschied deutlich machen. Sowohl die Milonga als auch der Tango sind eine Interpretation des Orchesters von Juan D’Arienzo:

Vieja Milonga, also die „alte Milonga“

Loca, ein Tango, den wir in unserem heurigen wo/men tango act „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen.

Der Vals schließlich ist ein Tango im 3/4-Takt. Sehr fließend, schwelgend, melodiös, … wird er auch gerne gesungen. Es gibt einige Valses, die sehr an den Wiener Walzer erinnern, wie z.B. Tres Jolie oder Dolores vom französischen Komponisten Emil Waldteufel. Andere Beispiele für bekannte Tango-Walzer sind Desde el alma (Aus der Seele) von der 14jährigen Rosita Melo im Jahr 1911 komponiert oder Corazón de oro (Herz aus Gold) von Franzisco Canaro.

Auch hier ein Beispiel zum Reinhören: Corazón de oro in einer Interpretation des Quinteto Pirincho

Es gibt die Aussage von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit. Das zeigt sich auch in diesen drei Tango-Varianten mit ihren unterschiedlichen Rhythmen und Stimmungen sehr deutlich. Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Tangomusik und Tangotanzen nie langweilig werden!

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Begegnungen am Meer

Begegnungen am Meer

Bei unserem letzten Aufenthalt im Miramar ist der Fotograf, der für das Hotel immer wieder Fotos und Videos aufnimmt, gerade eingetroffen. Die Direktorin hat gleich vorgeschlagen, dass er auch Aufnahmen von uns machen könnte und so lernten wir Ernst von Chaulin kennen. Er stammt aus Bayern und war uns mit seinem weichakzentuierten Dialekt gleich sympathisch. Und er überraschte uns, indem er uns für das Fotoshooting auf das Dach des 4. Stockes einlud, und uns so eine völlig neue Perspektive auf das Miramar und die Kvarner Bucht eröffnete. Das Shooting selbst war dann die nächste angenehme Erfahrung: eine sehr achtsame Herangehensweise des Fotografen ließ uns schon ahnen, dass dies ganz besondere Aufnahmen werden könnten.

Nun, seither sind viele Wochen vergangen. Im Miramar ist Sommer-Hochsaison und wir haben nachgefragt, wie es um die Fotos steht. Und nach wenigen Tagen haben wir eine große Auswahl an Bildern zugesandt bekommen – und waren bzw. sind begeistert! Unser Eindruck, dass es sich hier um eine feine Arbeit mit Tiefgang handelt, wurde bestätigt! Die Fotos sind ausdrucksstark und vermitteln viel von dem, was wir mit dem Tango verbinden. Danke, lieber Ernst!

Aber nicht nur diese Begegnung im Miramar hat mich spontan dazu veranlasst, diesen Artikel zu schreiben, sondern auch zwei Links zu Videos, die Ernst von Chaulin in den vergangenen Wochen in und rund um das Hotel Miramar gedreht hat. Auch sie spiegeln intensive Begegnungen und dieses Sich-Einlassen auf das Gegenüber wider. Im ersten Video ist es die Begegnung mit der Kunst und dem Künstler Ante Bakter. Er lebt im Landesinneren Kroatiens und wird vom Miramar immer wieder eingeladen, sich vom Meer inspirieren zu lassen und im Hotel Bilder zu gestalten. Während unseres Aufenthaltes im Mai hat er an einem Nachmittag im Garten des Hotels ein Bild gemalt und den Gästen so die Möglichkeit gegeben, dabei zu sein und zu erleben, wie die Blütenpracht auf die Leinwand gezaubert wird. Nun hat er ein Wandgemälde im Bereich des großen, neuen SPAs angefertigt und die Arbeit des Malers wurde vom Fotographen festgehalten. Entstanden ist ein Video, das den Respekt vor der Kunst und dem Künstler ebenso darstellt, wie den Entstehungsprozess eines Kunstwerkes.

Auch wenn es verlockend ist, im Sommer faul am Strand zu liegen und die Erholung in der Entspannung zu suchen – mit einem zweiten Video zeigt Ernst von Chaulin, dass die Region Kvarner viel mehr zu bieten hat. Und dass eine Begegnung mit Land und Leuten, mit ihrer Musik und ihrer Kultur und der Natur ringsum äußerst lohnend ist! Es ist ein Video der langsamen Art, ohne schnelle Schnitte und ohne Action. Aber gerade durch diese Langsamkeit, die von der ruhigen Musik der Gruppe Pesekani unterstrichen wird, geschieht allein schon beim Zuschauen ein Stück Erholung, ein wenig Entschleunigung, einfach, das, was wir mit Urlaub verbinden.

Begegnungen, Entschleunigung, Achtsamkeit – drei Begriffe, die für mich in den letzten Jahren wesentlich geworden sind und die ich in unserer Arbeit als Tangotänzerinnen so sehr schätze. So erfreut und überrascht es mich ganz besonders, diese in Fotos und Videos in und rund um das Hotel Miramar anzutreffen. Und umso mehr freue ich mich auf unseren nächsten Aufenthalt dort – Ende November – für Tango am Meer mit AdanzaS!

Sigrid

 

Tango Orchester Graz

Tango Orchester Graz

Der Tango ist heute auf der ganzen Welt zu Hause und in beinah jeder mittelgroßen Stadt in Europa gibt es Tangoclubs, Tangoveranstaltungen, Tangobegeisterte. So auch in Graz, wo an mehreren Abenden jeder Woche an diesem oder jenem Ort Tango getanzt wird – veranstaltet von mehreren Vereinen oder Tanzschulen. Dass es aber in einer Stadt wie Graz auch ein Tangoorchester gibt ist schon außergewöhnlich!

Seit zweieinhalb Jahren gibt es das Tango Orchester Graz. Es sind großteils LaienmusikerInnen, die sich nach einem Tangofestival entschlossen haben, weiterhin gemeinsam Tangomusik zu machen. Der Kern besteht aus sechs Personen, die regelmäßig gemeinsam musizieren und zu denen je nach zeitlicher Möglichkeit andere hinzukommen. Spannend ist auch, dass die Mitglieder aus ganz verschiedenen Lebensbereichen kommen: junge Leute, die noch studieren, musizieren gemeinsam mit anderen, die bereits in Pension sind. Die Leidenschaft für die Tangomusik verbindet sie und diese Leidenschaft ist bei jedem Auftritt spürbar. Gemeinsam arbeiten sie auch regelmäßig mit einem Profi, der Musikstücke für ihre Besetzung arrangiert und diese mit ihnen erarbeitet. Einige der Mitglieder tanzen selbst schon lange Tango und so war es von Anfang an das Ziel des Orchesters, auf Milongas zu spielen und uns TänzerInnen somit in den Genuss von Livemusik kommen zu lassen. Andere Mitglieder sind durch die Musik – und vielleicht auch durch die Atmosphäre auf einer Milonga und das Zuschauen – sozusagen auf den Tangogeschmack gekommen und haben nun begonnen, das Tangotanzen zu lernen. Das erinnert mich an eine Rückmeldung, die wir kürzlich nach einem Solo Tango Workshop von einer Teilnehmerin, die ebenfalls Musikerin ist, bekommen haben. Sie meinte, dass sie, seitdem sie Solo Tango getanzt hat, das Spielen eines Tangos ganz anders und viel intensiver erlebt. Musik und Tanz sind beim Tango Argentino also schon sehr eng verwoben.

Für mich als Tangotänzerin ist es immer ein ganz besonderes Tanzerlebnis, wenn es Livemusik gibt. Gerade beim Tango Orchester Graz ist die Verbindung, die sich zwischen den MusikerInnen und den TänzerInnen entwickelt, enorm stark spürbar und die Energie überträgt sich von einer Seite auf die andere. Als wir das Tango Orchester erstmals erlebt haben, hatten sich die MusikerInnen nicht, wie allgemein üblich, auf einer Seite der Tanzfläche aufgestellt, sondern sie hatten sich in der Mitte postiert. Auf einer Milonga wird ja die Tanzrichtung sehr streng eingehalten und alle Paare bewegen sich in einem Kreis gegen den Uhrzeigersinn. Und an jenem Abend tanzten wir buchstäblich um die Musik herum! Es war unbeschreiblich faszinierend! Je nach unserer Position war einmal dieses, dann jenes Instrument im Vordergrund und wurde damit auch das Leitinstrument für die Interpretation der Musik. Ich hatte damals das Gefühl, dass wir – die Tanzenden und die Musizierenden – uns gegenseitig inspiriert haben und gemeinsam etwas Unbeschreibliches entstehen konnte.

Nun, vor kurzem hatten wir wieder das Vergnügen zu den Klängen dieses Orchesters zu tanzen. Wie immer haben sie uns mit ihrer individuellen Art, mit der sie bekannte Tangos interpretieren, begeistert. Und wie immer haben wir uns schon sehr auf jene Tanda gefreut, bei der die Valses erklingen. Vielleicht liegt der Walzerrhythmus uns ÖsterreicherInnen wirklich im Blut, ich weiß es nicht. Aber die Art und Weise, wie das Tango Orchester Graz Valses interpretiert ist einfach großartig. Der Rhythmus fließt, die Beine, ja der ganze Körper findet wie von selbst in diese wiegende Bewegung und wird von der Musik durch den Raum getragen. Beinahe unwirklich und unbeschreiblich schön!

An jenem Abend gab es, wie einigen vielleicht auf den Fotos aufgefallen ist, einen Gast im Tango Orchester Graz: Eddie Luis, ein Grazer Musiker, der nicht nur im Jazz und im Tango zu Hause ist, sondern all dies gleich auf mehreren Instrumenten beherrscht, ist eingesprungen, weil der Kontrabassist verhindert war. Für uns war es eine große Freude ihn hier wiederzusehen, denn da er auch mit Schauspiel, Pantomime und Clownerie arbeitet, hatten wir im letzten Jahr beim ihm einige Stunden Schauspielcoaching genommen. Und nun erzählt er, dass die Arbeit mit uns ihn wiederum ein Stück näher zum Tango gebracht hat. Da ist sie also wieder, die Energie, die uns KünstlerInnen verbindet und die hin und her fließt, um uns alle zu bereichern.

Sigrid