Entdeckungen und Liebesgeschichten

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Wir lieben den Tango. Und wir lieben Berlin. Da liegt es nahe, zu einem Tangofestival nach Berlin zu reisen. Und bei dieser Reise haben wir erlebt, wie spannend es ist, an dem oder der Geliebten immer wieder Neues zu entdecken!

Wir haben diesmal in Alt-Moabit gewohnt und somit einen neuen Teil der Stadt kennengelernt. Gleich am ersten Vormittag sind wir entlang der Spree im Tiergarten spaziert, vorbei am Haus der Kulturen und dem neuen Glockenturm gelangten wir zum Platz der Republik. Man könnte diesen Winkel der Stadt als Zentrum der Macht bezeichnen, stehen hier doch auf engem Raum das Bundeskanzleramt, der Bundestag mit seinen drei Parlamentsgebäuden und der alte Reichstag. Die Symbolik spielt in dieser Architektur eine große Rolle: eine Brücke über die Spree innerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels verbindet nun die beiden Hälften der einst geteilten Stadt. Und die Kombination aus alten Gebäuden und moderner Architektur, das Zusammenspiel von alt und neu war für mich Spiegel für den Parlamentarismus, auf dem unsere Demokratien basieren: Verbindungen zu suchen, auf Altem aufbauen, um neue Wege zu gehen, ist wohl die hohe Kunst der Politik. Und bei all der Kritik an aktuellen politischen Umständen wird der Wert dieses Parlamentarismus allzu oft vergessen.

Für die Mittagsrast fanden wir an diesem Tag ein kleines Kaffeehaus, ebenfalls direkt an der Spree nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Zimt  & Zucker möchte die Wiener Kaffeehauskultur lebendig halten, für mich war es eher wie ein Bistro in Paris. Alte Holzmöbel, liebevolle Details bestimmen die Atmosphäre und die Auswahl an Köstlichkeiten ist groß. Das Parfait aus Erdnüssen, Schokolade und gesalzenem Karamell war ein einziger Genuss! Kein Wunder, dass das Lokal sehr beliebt ist und so fanden wir bei einem zweiten Besuch leider keinen Platz und ließen uns weitertreiben.

Auch im Tiergarten haben wir ein neues Eck entdeckt: den Englischen Garten mit dem Englischen Teehaus. Auf Vorschlag des britischen Stadtkommandanten spendeten König Georg VI.  und die englische Bevölkerung 5000 Bäume und so wurde 1952 aus diesem Teil des verwüsteten, baumlosen Tiergartens eine Parkanlage.  Als Berlin dann von der Mauer umgeben war, war der Tiergarten als Erholungsbereich für die Menschen von großer Bedeutung und das Teehaus ein beliebter Freizeitort – im Sommer mit lauschigen Plätzchen im Park und im Winter im Restaurant mit Kamin. Heute wird das Teehaus mit seinem Selbstbedienungsbereich im Biergarten und dem Restaurant von Familien beim Radausflug ebenso besucht wie von elegant gekleideten Damen und Herren beim Spazieren und Flanieren.

Der Mittelpunkt unserer Berlinwoche war aber ein Ort, den man gewöhnlich nur bei der Ankunft und der Abreise aufsucht – der Hauptbahnhof. Dort fand das Contemporary Tango Festival statt und dieses hat uns nach Berlin gelockt. Eine Woche lang wurde im öffentlichen Raum Tango getanzt, während der Bahnhofsbetrieb wie gewohnt ablief. So mischten sich die Tanzenden mit den Reisenden, so gab es überraschte Blicke und spontane ZuschauerInnen. Eine großartige Atmosphäre, zugleich sehr offen und extrem dicht. In die Tangoklänge mischten sich die Lautsprecherdurchsagen, während des Tanzens mussten wir plötzlich einem Koffer ausweichen und Menschen Platz machen, die es eilig hatten, um ihren Zug zu erreichen. Und dabei zeigte sich wiedermal, wie sehr der Tango im öffentlichen Raum zu Hause ist, wie er mit dem Alltag verschmelzen kann und sich mitten im Trubel seinen Platz sucht.

Contemporary Tango bedeutet aber auch, dem Tango ganz neu zu begegnen, ihn in vielen Facetten zu erleben und seine Vielfalt zu zelebrieren. Zum Beispiel den Tanzstil des Tango Nuevo zu sehen, der viel freier und extrovertierter ist als unsere Art zu tanzen. Oder zu großartiger Livemusik zu tanzen, die Anklänge von anderen Musikrichtungen in den Tango hereinnimmt, diese mit dem Tango verschmilzt und so ganz Neues entstehen lässt. Besonders fasziniert waren wir von Judith Brandenburg und ihrer Formation La  Bicicleta. Sie spielten nicht nur einige Sets, zu denen zu tanzen der reinste Genuss war, sondern gestalteten auch die Show jenes Abends mit. Üblicherweise tanzt dabei ein Paar einige Tangos, diesmal aber gab es eine Fusion von asiatischer Kampfkunst und dem Tango: ein Shaolinmönch und eine Tanguera begegneten sich, improvisierten gemeinsam zur Livemusik, eine unglaubliche Dichte und Spannung entstand auf der Tanzfläche und zwischen diesen fünf Menschen. Wir waren wie verzaubert!

Auch die DJs und DJanes öffneten die Welt des Tangos, wenn wir zu Nontango, also nicht zu Tangomusik tanzten. Da gab es spanische Gitarrenmusik ebenso wie Filmmusik, Frank Sinatra und elektronische Klänge bis hin zu Edith Piaf. Einiges davon war sehr schräg und ungewohnt, anderes äußerst ansprechend und wunderbar zu tanzen.

Tango an sechs Abenden, intensiv und dicht, mit müden Füßen und erfüllten Herzen. Tango immer wieder neu und anders, und wie so oft bei langjährigen Liebesgeschichten flammt plötzlich dieses neue Verliebtsein auf, dieses Hingerissen sein, dieses nicht genug bekommen können. Dennoch irgendwann müde schlafen zu gehen und beglückt aufzuwachen, um der zweiten Liebe zu frönen und sich tagsüber einfach durch Berlin treiben zu lassen. Eigentlich zu schön, um es beschreiben zu können …

Sigrid

 

Alles Tango!

Alles Tango!

Tango ist nicht gleich Tango. Es gibt nämlich drei verschiedene Musikrichtungen im Tango, die sich vor allem in ihrem Rhythmus unterscheiden: den Tango, die Milonga und den Vals. Dass es diese drei Varianten gibt, ist auf die Entstehung des Tangos und seine Geschichte zurückzuführen.

Die Vermischung der Kulturen im Buenos Aires der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert führte auch zu einer Vermischung der verschiedenen Volksmusiken und Folklore-Melodien. Der Candombe und die Land-Milonga bildeten zusammen mit dem Walzer und der kubanischen Habanera ein Rhythmusquartett, aus dem sich schließlich der Tango entwickelte. Der Candombe ist eine schwarze Musik mit schnellem, heiterem Rhythmus, obwohl diese Heiterkeit in gewisser Weise mehrdeutig zu sein scheint und vom Elend der AfrikanerInnen erzählt. Die Land-Milonga ist eine Art gesprochene Klage von einsamen Landarbeitern, die von einer einfachen Gitarre begleitet wird und deren Melodien geradezu obsessiv wiederholt werden. Die Habanera ist dem Tango ursprünglich am nächsten, während die Milonga eher mit dem Candombe verwandt ist. Auch das Wort „Milonga“ kommt aus der Quimbunda-Sprache, die von der angolanischen Bevölkerung Brasiliens gesprochen wurde. In dieser Sprache bedeutet „Mulonga“ Wort und der Plural „Milonga“ Wörter. Die europäischen EinwanderInnen haben auch den Walzer nach Buenos Aires gebracht und so war auch dieser von Anfang an ein grundlegender Rhythmus, der nun im Tango-Vals seinen Ausdruck findet.

Was unterscheidet nun die Milonga vom Tango? Die Milonga ist im Wesentlichen heiterer und schneller, ihre Musik hat einen einfachen Rhythmus im 2/4-Takt, ein bisschen vergleichbar mit unserer Polka. Sie wird selten von Gesang begleitet. Auch der Tanz einer Milonga macht einen fröhlicheren und entspannteren Eindruck. Beispiele für bekannte Milongas sind: Vieja Milonga, La Punalada, Milonga de mis amores, Milongon

Der Tango seinerseits ist mit seinem 4/8-Takt sehr rhythmisch, leidenschaftlich, theatralisch, melancholisch, ernst, … und hat in seiner Weiterentwicklung sogar Formen von Kunstmusik angenommen. Er ist das, was allgemein als Tango bekannt ist.

Zwei Hörbeispiele sollen den Unterschied deutlich machen. Sowohl die Milonga als auch der Tango sind eine Interpretation des Orchesters von Juan D’Arienzo:

Vieja Milonga, also die „alte Milonga“

Loca, ein Tango, den wir in unserem heurigen wo/men tango act „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen.

Der Vals schließlich ist ein Tango im 3/4-Takt. Sehr fließend, schwelgend, melodiös, … wird er auch gerne gesungen. Es gibt einige Valses, die sehr an den Wiener Walzer erinnern, wie z.B. Tres Jolie oder Dolores vom französischen Komponisten Emil Waldteufel. Andere Beispiele für bekannte Tango-Walzer sind Desde el alma (Aus der Seele) von der 14jährigen Rosita Melo im Jahr 1911 komponiert oder Corazón de oro (Herz aus Gold) von Franzisco Canaro.

Auch hier ein Beispiel zum Reinhören: Corazón de oro in einer Interpretation des Quinteto Pirincho

Es gibt die Aussage von Leopoldo Marechal: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit. Das zeigt sich auch in diesen drei Tango-Varianten mit ihren unterschiedlichen Rhythmen und Stimmungen sehr deutlich. Und es ist wohl auch einer der Gründe, warum Tangomusik und Tangotanzen nie langweilig werden!

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Begegnungen am Meer

Begegnungen am Meer

Bei unserem letzten Aufenthalt im Miramar ist der Fotograf, der für das Hotel immer wieder Fotos und Videos aufnimmt, gerade eingetroffen. Die Direktorin hat gleich vorgeschlagen, dass er auch Aufnahmen von uns machen könnte und so lernten wir Ernst von Chaulin kennen. Er stammt aus Bayern und war uns mit seinem weichakzentuierten Dialekt gleich sympathisch. Und er überraschte uns, indem er uns für das Fotoshooting auf das Dach des 4. Stockes einlud, und uns so eine völlig neue Perspektive auf das Miramar und die Kvarner Bucht eröffnete. Das Shooting selbst war dann die nächste angenehme Erfahrung: eine sehr achtsame Herangehensweise des Fotografen ließ uns schon ahnen, dass dies ganz besondere Aufnahmen werden könnten.

Nun, seither sind viele Wochen vergangen. Im Miramar ist Sommer-Hochsaison und wir haben nachgefragt, wie es um die Fotos steht. Und nach wenigen Tagen haben wir eine große Auswahl an Bildern zugesandt bekommen – und waren bzw. sind begeistert! Unser Eindruck, dass es sich hier um eine feine Arbeit mit Tiefgang handelt, wurde bestätigt! Die Fotos sind ausdrucksstark und vermitteln viel von dem, was wir mit dem Tango verbinden. Danke, lieber Ernst!

Aber nicht nur diese Begegnung im Miramar hat mich spontan dazu veranlasst, diesen Artikel zu schreiben, sondern auch zwei Links zu Videos, die Ernst von Chaulin in den vergangenen Wochen in und rund um das Hotel Miramar gedreht hat. Auch sie spiegeln intensive Begegnungen und dieses Sich-Einlassen auf das Gegenüber wider. Im ersten Video ist es die Begegnung mit der Kunst und dem Künstler Ante Bakter. Er lebt im Landesinneren Kroatiens und wird vom Miramar immer wieder eingeladen, sich vom Meer inspirieren zu lassen und im Hotel Bilder zu gestalten. Während unseres Aufenthaltes im Mai hat er an einem Nachmittag im Garten des Hotels ein Bild gemalt und den Gästen so die Möglichkeit gegeben, dabei zu sein und zu erleben, wie die Blütenpracht auf die Leinwand gezaubert wird. Nun hat er ein Wandgemälde im Bereich des großen, neuen SPAs angefertigt und die Arbeit des Malers wurde vom Fotographen festgehalten. Entstanden ist ein Video, das den Respekt vor der Kunst und dem Künstler ebenso darstellt, wie den Entstehungsprozess eines Kunstwerkes.
Mit diesem Link kommt ihr zum Video:

Ein Wandgemälde entsteht
im Hotel MIRAMAR

Auch wenn es verlockend ist, im Sommer faul am Strand zu liegen und die Erholung in der Entspannung zu suchen – mit einem zweiten Video zeigt Ernst von Chaulin, dass die Region Kvarner viel mehr zu bieten hat. Und dass eine Begegnung mit Land und Leuten, mit ihrer Musik und ihrer Kultur und der Natur ringsum äußerst lohnend ist! Es ist ein Video der langsamen Art, ohne schnelle Schnitte und ohne Action. Aber gerade durch diese Langsamkeit, die von der ruhigen Musik der Gruppe Pesekani unterstrichen wird, geschieht allein schon beim Zuschauen ein Stück Erholung, ein wenig Entschleunigung, einfach, das, was wir mit Urlaub verbinden. Hier wieder der Link zum Video:

Pesekani – eine kroatische Musikgruppe
entführt in die Kvarner Bucht

Begegnungen, Entschleunigung, Achtsamkeit – drei Begriffe, die für mich in den letzten Jahren wesentlich geworden sind und die ich in unserer Arbeit als Tangotänzerinnen so sehr schätze. So erfreut und überrascht es mich ganz besonders, diese in Fotos und Videos in und rund um das Hotel Miramar anzutreffen. Und umso mehr freue ich mich auf unseren nächsten Aufenthalt dort – Ende November – für Tango am Meer mit AdanzaS!

Sigrid

 

Tango Orchester Graz

Tango Orchester Graz

Der Tango ist heute auf der ganzen Welt zu Hause und in beinah jeder mittelgroßen Stadt in Europa gibt es Tangoclubs, Tangoveranstaltungen, Tangobegeisterte. So auch in Graz, wo an mehreren Abenden jeder Woche an diesem oder jenem Ort Tango getanzt wird – veranstaltet von mehreren Vereinen oder Tanzschulen. Dass es aber in einer Stadt wie Graz auch ein Tangoorchester gibt ist schon außergewöhnlich!

Seit zweieinhalb Jahren gibt es das Tango Orchester Graz. Es sind großteils LaienmusikerInnen, die sich nach einem Tangofestival entschlossen haben, weiterhin gemeinsam Tangomusik zu machen. Der Kern besteht aus sechs Personen, die regelmäßig gemeinsam musizieren und zu denen je nach zeitlicher Möglichkeit andere hinzukommen. Spannend ist auch, dass die Mitglieder aus ganz verschiedenen Lebensbereichen kommen: junge Leute, die noch studieren, musizieren gemeinsam mit anderen, die bereits in Pension sind. Die Leidenschaft für die Tangomusik verbindet sie und diese Leidenschaft ist bei jedem Auftritt spürbar. Gemeinsam arbeiten sie auch regelmäßig mit einem Profi, der Musikstücke für ihre Besetzung arrangiert und diese mit ihnen erarbeitet. Einige der Mitglieder tanzen selbst schon lange Tango und so war es von Anfang an das Ziel des Orchesters, auf Milongas zu spielen und uns TänzerInnen somit in den Genuss von Livemusik kommen zu lassen. Andere Mitglieder sind durch die Musik – und vielleicht auch durch die Atmosphäre auf einer Milonga und das Zuschauen – sozusagen auf den Tangogeschmack gekommen und haben nun begonnen, das Tangotanzen zu lernen. Das erinnert mich an eine Rückmeldung, die wir kürzlich nach einem Solo Tango Workshop von einer Teilnehmerin, die ebenfalls Musikerin ist, bekommen haben. Sie meinte, dass sie, seitdem sie Solo Tango getanzt hat, das Spielen eines Tangos ganz anders und viel intensiver erlebt. Musik und Tanz sind beim Tango Argentino also schon sehr eng verwoben.

Für mich als Tangotänzerin ist es immer ein ganz besonderes Tanzerlebnis, wenn es Livemusik gibt. Gerade beim Tango Orchester Graz ist die Verbindung, die sich zwischen den MusikerInnen und den TänzerInnen entwickelt, enorm stark spürbar und die Energie überträgt sich von einer Seite auf die andere. Als wir das Tango Orchester erstmals erlebt haben, hatten sich die MusikerInnen nicht, wie allgemein üblich, auf einer Seite der Tanzfläche aufgestellt, sondern sie hatten sich in der Mitte postiert. Auf einer Milonga wird ja die Tanzrichtung sehr streng eingehalten und alle Paare bewegen sich in einem Kreis gegen den Uhrzeigersinn. Und an jenem Abend tanzten wir buchstäblich um die Musik herum! Es war unbeschreiblich faszinierend! Je nach unserer Position war einmal dieses, dann jenes Instrument im Vordergrund und wurde damit auch das Leitinstrument für die Interpretation der Musik. Ich hatte damals das Gefühl, dass wir – die Tanzenden und die Musizierenden – uns gegenseitig inspiriert haben und gemeinsam etwas Unbeschreibliches entstehen konnte.

Nun, vor kurzem hatten wir wieder das Vergnügen zu den Klängen dieses Orchesters zu tanzen. Wie immer haben sie uns mit ihrer individuellen Art, mit der sie bekannte Tangos interpretieren, begeistert. Und wie immer haben wir uns schon sehr auf jene Tanda gefreut, bei der die Valses erklingen. Vielleicht liegt der Walzerrhythmus uns ÖsterreicherInnen wirklich im Blut, ich weiß es nicht. Aber die Art und Weise, wie das Tango Orchester Graz Valses interpretiert ist einfach großartig. Der Rhythmus fließt, die Beine, ja der ganze Körper findet wie von selbst in diese wiegende Bewegung und wird von der Musik durch den Raum getragen. Beinahe unwirklich und unbeschreiblich schön!

An jenem Abend gab es, wie einigen vielleicht auf den Fotos aufgefallen ist, einen Gast im Tango Orchester Graz: Eddie Luis, ein Grazer Musiker, der nicht nur im Jazz und im Tango zu Hause ist, sondern all dies gleich auf mehreren Instrumenten beherrscht, ist eingesprungen, weil der Kontrabassist verhindert war. Für uns war es eine große Freude ihn hier wiederzusehen, denn da er auch mit Schauspiel, Pantomime und Clownerie arbeitet, hatten wir im letzten Jahr beim ihm einige Stunden Schauspielcoaching genommen. Und nun erzählt er, dass die Arbeit mit uns ihn wiederum ein Stück näher zum Tango gebracht hat. Da ist sie also wieder, die Energie, die uns KünstlerInnen verbindet und die hin und her fließt, um uns alle zu bereichern.

Sigrid

María de Buenos Aires

María de Buenos Aires

Ein Konzertabend, letzte Woche in Graz erlebt, war so beeindruckend, dass ich davon erzählen möchte. Tangomusik von Astor Piazzolla, interpretiert von dem Ensemble folksmilch und der Sängerin Christiane Boesiger, im Grazer Orpheum – María de Buenos Aires, eine „Tango-Operita“.

Dieses eher selten aufgeführte Werk wurde in Graz erst zum zweiten Mal auf die Bühne gebracht. Vor vielen Jahren (1970er, 80er ?) im Minoritensaal wurde es zu einem Flop mit nicht einmal 200 verkauften Karten, diesmal im ausverkauften Orpheum löste es Begeisterungsstürme aus.

Auf der Bühne nichts als die drei Musiker in Schwarz mit ihren Instrumenten, ein Sofa, ein Tisch und eine Stehlampe, und ebenfalls in Schwarz mit Hut die virtuose Luzerner Sopranistin. Sie füllte die Rolle der Maria mit so viel Temperament, Leidenschaft und Sinnlichkeit, dass man sie für eine „echte Portena“ halten könnte. Im Laufe des Abends fühlte ich mich sowieso nach Buenos Aires versetzt. Die Musik von Piazzolla, die gesungene Sprache – dieser typische Klang aus dem Gebiet des Rio de la Plata, immer wieder eingespielter Verkehrslärm der Stadt und die Texte von Horacio Ferrer, die die Verrücktheit dieser Stadt zum Ausdruck bringen. Das alles zusammengefügt zu einem Ganzen als Verneigung vor Buenos Aires und seinen Frauen.

Nun, wie entstand es eigentlich, dieses besondere Stück Tangomusikgeschichte? Im Jahr 1968 am Rio de la Plata. Es war gerade Horacio Ferrers erster Gedichtband erschienen und Piazzolla war von Ferrers Lyrik angetan: „Du verwirklichst in der Poesie dasselbe wie ich in der Musik.“ Eine sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit begann. Piazzolla beauftragte Ferrer, sich einen Stoff für ein musikalisch-lyrisches Theater zu überlegen. Ferrer lieferte darauf die Vorlage für María. Piazzolla war begeistert und zog sich Anfang 1968 nach Uruguay zurück, wo er mit der Arbeit begann. Er vollendete sie in Buenos Aires, wo am 8. Mai 1968 die Uraufführung stattfand.

Es ist eine Oper in 16 Bildern, die sehr oft konzertant aufgeführt wird. Eine Nummernoper, in der sich Gesangsnummern, Sprecheinlagen und instrumentale Zwischenspiele abwechseln. Die Musik ist geprägt von verschiedensten Stilen des Tangos und seiner Vorläufer, vermischt sich aber auch mit Elementen der klassischen Musik und des Jazz. Die instrumentale Besetzung besteht üblicherweise aus einem Bandonéon oder Akkordeon, einem Klavier, mindestens einer Geige bzw. Streicher und einem Schlagzeug. An Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug haben die drei Musiker von folksmilch dieses Werk hier in Graz zum Leben erweckt. Die berühmtesten Nummern aus diesem Stück sind Fuga y misterio und Yo soy María, in der Maria sich temperamentvoll selbst vorstellt: „Ich bin María … María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“

Im weiteren Verlauf wird in surrealen Bildern die Geschichte dieser Maria, die von Anfang an unter einem Unglücksstern stand, erzählt: von ihrem tristen Leben in der Vorstadt, von ihrem Abstieg in die Unterwelt der Stadt, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von ihrem Schatten, der, nachdem ihr Körper begraben ist, verloren durch Buenos Aires streift, und davon wie dieser Schatten zu gebären beginnt. Marías Schatten gebiert ein Mädchen. Ob es die wiedergeborene María ist, lässt das Ende offen.

Nachdem der letze Applaus hier in Graz verklungen war, nach diesem feurigen wie berührenden Abend zugleich, haben mich die Bilder, die Musik und dieses Buenos Aires-Feeling jedenfalls noch länger begleitet …

Andrea

 

Tango auf Rumänisch …

Tango auf Rumänisch …

Auf ihrer musikalischen Weltreise hat Andrea uns im letzten Blogartikel auch nach Bukarest entführt und mit ihren Erzählungen sind wir eingetaucht in das „Paris des Ostens“ als Tangometropole der 1920er und 1930er Jahre. Die Tangos auf der CD Bucharest Tango werden von Oana Catalina Chitu in rumänischer Sprache gesungen und wir tanzen nicht nur seit vielen Jahren gerne zu diesen Stücken, sie haben uns schon bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen im Jahr 2014 begleitet. Und gerade im öffentlichen Raum haben diese Tangos in rumänischer Sprache zu überraschenden und berührenden Begegnungen geführt, die uns erfreut und zugleich nachdenklich gemacht haben.

20140721_108_web-3Am Ufer des Donaukanals im Juli 2014 zum Beispiel haben sich zwei junge Frauen an der Kaimauer niedergelassen und uns lange Zeit zugeschaut. In einer Pause haben sie uns angesprochen und wollten gleich mehr über den Tango Zaraza, zu dem wir gerade getanzt hatten, wissen. Eine der beiden war nämlich aus Rumänien und studierte damals in Wien. Sie war überrascht und hocherfreut einen Tango in ihrer Muttersprache zu hören. Etwas schüchtern erzählte sie dann, dass sie selbst begonnen habe, Tango zu tanzen und fragte, ob ich mit ihr tanzen würde. So tanzte ich mit ihr zu Zaraza und es war deutlich zu spüren, wie viel ihr dieses Erlebnis bedeutete. Auch für uns war es eine der ersten intensiven Begegnungen mit unserem Publikum – ausgelöst durch diesen Tango in rumänischer Sprache.

Im Sommer 2015 gab ein anderer Tango jener CD den Impuls, unsere Auftritte zu verändern und neben dem Tanz auch mit Gesten und Mimik und mit Requisiten zu spielen. Es war das Stück Aprinde o tigara, der wie so viele Tangos von einer unglücklichen Liebe erzählt und in dem das Rauchen einer Zigarette Trost spenden soll. Nun, wir ließen uns nicht vom ganzen Text, sondern nur vom Titel inspirieren und machten daraus die erste Version unserer „Zigarrennummer“. Das Echo darauf war bei jedem Auftritt groß und somit war der Anfang für unsere wo/men tango acts gemacht: Wir entwickelten eine Geschichte, bestehend aus mehreren Tangos inklusive Aprinde o tigara. Andrea schlüpft darin in die Rolle des reichen Gutsbesitzers Andres, der am Bahnhof wartend Zigarre raucht …

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Als dieser wo/men tango act im Mai 2016 am Hackeschen Markt in Berlin Premiere hatte, dauerte es nicht lange, bis der Tango in rumänischer Sprache erneut zu überraschenden Begegnungen führte. Einmal war da ein Mann im Publikum, dem äußeren Anschein nach ein Obdachloser, einfach gekleidet und sehr verschüchtert in seiner Art. Dennoch kam er in der Pause auf uns zu und sagte mehrmals „Rumänien“. Wir bestätigen, dass da wirklich ein Tango in rumänischer Sprache dabei war und er strahlte. Dann bat er um ein wenig Geld und wir gaben ihm ein paar Münzen aus unserem Koffer. Ein andermal wartete eine Musikgruppe bis wir mit unserem Auftritt fertig waren, damit sie den Platz bespielen konnten. Auch sie waren aus Rumänien und haben den rumänischen Tango gleich erkannt. Leider konnten sie selbst keinen Tango spielen, sonst hätten wir zu ihrer Livemusik tanzen können. Wir begannen zu überlegen, warum diese Männer so berührt waren und meinen, dass es daran liegt, im öffentlichen Raum ihre Muttersprache zu hören. Sprache hat ja sehr viel mit Identität zu tun. Und diese Menschen leben mitten unter uns, sprechen mehr oder weniger gut unsere Sprache, aber hören ihre Sprache nur im privaten Umfeld. Ähnliche Erlebnisse hatten wir auch im Augartenpark in Graz, wo wir im Juni zweimal aufgetreten sind. Der Park war an jenen lauen Sommerabenden voller Leben, Kinder spielten, ganze Familien waren mit den Fahrrädern unterwegs, viele machten es sich auf den Parkbänken gemütlich. Es hatte den Anschein, als wäre der Park für einige von ihnen das Wohnzimmer, denn als wir zum zweiten Auftritt kamen, saßen die gleichen Männer auf den gleichen Bänken wie einige Tage zuvor. Einmal kam ein kleiner Junge zu uns und fragte, ob wir aus Rumänien seien. Er war ganz erstaunt, als wir verneinten und meinte: „Aber das war ja rumänisch!“ Dann eilte er zu dem Mann zurück, der auf der Bank saß. Dieser blieb bis zum Ende unserer Aufführung sitzen und als wir unsere Requisiten zusammenpackten kam er zu uns, bedankte sich und gab uns eine 2-Euro-Münze. Wir waren höchst überrascht, nicht nur darüber, dass er direkt auf uns zugekommen ist, sondern auch, dass er so großzügig war. Scheinbar haben wir uns gegenseitig beschenkt …

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Die berührendste Begegnung ausgelöst durch den Tango in rumänischer Sprache hatten wir aber im Herbst an der toskanischen Küste. In Italien leben ja viele Menschen aus Rumänien, weil ihre Sprache dem Italienischen sehr ähnlich ist und es für sie deshalb leichter ist, in diesem Land Fuß zu fassen. Wie überall in Europa leben sie, obgleich EU-BürgerInnen, aber auch dort am Rande der Gesellschaft und verrichten jene Arbeiten, die nicht viel wert und daher schlecht bezahlt sind. Bei unserem ersten Auftritt in Forte dei Marmi sind wir zu früh dran und daher sind noch sehr wenige Menschen unterwegs. Auf dem Platz, den wir als Auftrittsort gewählt haben, steht ein Brunnen, bei dem immer wieder Menschen Wasser holen. So auch eine ältere Frau, die gleich mehrere Kanister anfüllt und uns währenddessen zuschaut. Nach dem Stück kommt sie auf uns zu und wir sehen, dass sie Tränen in den Augen hat. Sie bedankt sich in einer Mischung aus Italienisch und Rumänisch und gibt uns einen 5-Euro-Schein. Wahrscheinlich arbeitet sie in einem der Hotels, sicher hat sie nicht viel Geld, und dennoch will sie uns diesen Schein unbedingt geben. Sie war berührt, so unerwartet ihre Sprache an jenem Platz zu hören, an dem sie wohl immer wieder Wasser holt. Auch wir sind tiefberührt und reich beschenkt. Das sind die Momente, in denen wir voll Dankbarkeit sind für die Erlebnisse als Straßenkünstlerinnen!

Nun, ein Tango in rumänischer Sprache hat den letzten Sommer begleitet. Seine Sprache hat Menschen berührt, die fern ihrer Heimat in einem anderen Land leben und dort ihr Glück suchen. So schließt sich der Kreis und die Weltreise des Tangos führt uns zurück nach Buenos Aires, wo er entstanden ist unter Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten auf der Suche nach einem besseren Leben. Vor mehr als hundert Jahren in Buenos Aires, heute mitten unter uns. Die Melodien des Tangos sprechen von Sehnsucht und Hoffnung, egal ob auf Italienisch, Spanisch oder eben in rumänischer Sprache. Und rühren die Menschen an, berühren ihre Herzen. Und wir als Straßenkünstlerinnen sind Gebende und Nehmende zugleich!

Sigrid

 

Tango around the world

Tango around the world

Diesmal möchte ich zu einer Weltreise auf den Spuren des Tangos einladen, denn er ist heute auf allen Kontinenten zuhause: in trendigen Nachtclubs von Seattle bis Stockholm genauso wie in kultivierten Tanzsälen rund um den Globus.

Seine Verbreitung begann schon ziemlich früh – vor ca. 100 Jahren trat er seine erste Weltreise an. Entstanden am Rio de la Plata, in Buenos Aires und Montevideo, unter den Einflüssen unterschiedlichster Kulturen, gelangte er nach Paris. Er kam schnell in Mode, und ausgehend von Frankreich war bald ganz Europa vom Tangofieber gepackt.

So kam er 1913 nach Finnland und fand dort besonderen Anklang, da sich die Finnen durch den Tango in ihrem Leid unter der russischen Herrschaft verstanden fühlten. Der Tango drückte das aus, worüber zu sprechen unmöglich war. Es entwickelte sich ein eigener Musikstil voller Poesie, Trauer und Tiefe. Wahrscheinlich steht finnischer Tango deshalb öfter in Moll statt in Dur. Die bekanntesten Komponisten sind Toivo Kärki und Unto Mononen, die finnischen Tango zu einer Art Nationalmusik machten. Er ist auch heute noch weit verbreitet und man trifft in Restaurants, Tanzlokalen und im Sommer beim sogenannten „Tanz auf dem Bretterboden“ auf Tangomusik. Tangotanzen gilt als Freizeitvergnügen. Das Seinäjoki Tango Festival, das jeden Sommer stattfindet, zieht BesucherInnen aus aller Welt an. Und es ermöglicht jungen MusikerInnen, die sich dem Tango widmen, bekannt zu werden. 14097480675_888b7bd64c_bSo gibt es z. B. die freche, junge Formation Las chicas del Tango, die eine Brücke zwischen der Welt des finnischen und argentinischen Tangos bauen, indem sie spanische Liedertexte mit Eigenkompositionen kombinieren. Auf ihrer CD Tango de norte a sur vereinigen sich Klassiker des argentinischen und finnischen Tangos mit einem Wirbel von Tango Nuevo im Helsinki-Stil. Sehr zu empfehlen! Jedenfalls ist finnischer Tango, nach dem argentinischen, wohl am meisten bekannt und ausgeprägt. Es gibt sogar Finnen, die behaupten, der Tango sei eigentlich in Finnland entstanden.

4647162978_5cdfa38511_bNun ja, der Tango reiste nicht nur nach Norden sondern auch gegen Osten. Hier entwickelte sich Bukarest, das „Paris des Ostens“ in den 1920er und 1930er Jahren zur Tangometropole. Das elegante und multikulturelle Bukarest der damaligen Zeit war ein Zentrum europäischer Kultur. Rumänische Tangostars wie Jean Moscopol oder Maria Tanase prägten den Bucharest Tango. In den besten Restaurants und Hotels der Stadt mit klingenden Namen wie Lafayette, Lido oder Astoria, konnte man Tangos hören. Nach dem 2. Weltkrieg gerieten sie allerdings vollkommen in Vergessenheit und vor einigen Jahren hat sie nun die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu wieder belebt. Auf ihrer CD Bucharest Tango öffnet sie wieder die Türen zu den Tangos und Liedern des Bukarest jener Zeit. Diese Tangos haben einen ganz besonderen Charme und einige davon gehören zu unseren Lieblingstangos.

6846938318_2504aff84e_oSchon die Wurzeln des Tangos sind ja multikulturell. Unter den Einflüssen afrikanischer, kubanischer und europäischer Musik entstand er und wenn heute auf der ganzen Welt Tangoklassiker interpretiert oder neue Tangos komponiert werden, dann auch meist unter den Einflüssen der jeweiligen Kulturen. Auf der CD Tango around the world kann man dem nachspüren und sich auf musikalische Tangoweltreise begeben. Hier finden sich neben Tangos aus Argentinien auch solche aus Senegal, Finnland, Brasilien, Norwegen, Griechenland, Serbien und Portugal. Tango beeinflusst die Musik rund um den Erdball und umgekehrt.

Ich denke, dass gerade dieses Gemisch der Kulturen, angefangen bei seiner Entstehung bis herauf in die heutige Zeit, die Seele des Tangos ausmachen.

Andrea