Unvergänglicher Tango

Unvergänglicher Tango

Es gibt ihn bereits seit mehr als hundert Jahren – den Tango Argentino. Er hat viele Veränderungen durchlebt, seine Entwicklung hat sich in vier Phasen abgespielt: die sogenannte génesis währte von 1880 bis 1900, die zweite Phase von 1900 bis 1920 ist bekannt als die guardia vieja (Veteranen, traditionelle Tango-Musiker), in der Carlos Gardel eine Schlüsselfigur darstellt, die dritte dauerte von 1920 bis 1940, es waren die „goldenen Jahre“ des Tangos. Heutzutage bewegt sich der Tango durch seine vierte Etappe, die 1940 begann und als tango nuevo, als „Neuer Tango“ bezeichnet wird.

Astor Piazzolla ist der herausragendste Repräsentant dieser letzten Phase. Seine Kompositionen sind weltweit bekannt. 1921 in Argentinien geboren, verbrachte er seine Kindheit in New York. Als er neun Jahre alt war, kaufte ihm sein Vater ein Bandoneon und Astor fing an, das Instrument spielen zu lernen. Seine Begabung trat bald zu Tage, mit elf Jahren komponierte er bereits seine ersten Tangos und im Alter von zwölf spielte er bereits Konzerte. 1938 kehrte er nach Buenos Aires zurück und wurde hier zu einem virtuosen Bandoneonisten. Ständig auf der Suche nach der Musik, über die er sich am besten ausdrücken konnte, zog es ihn immer wieder ins Ausland, nach Paris, in die USA, wo er sowohl Klassik als auch Jazz studierte. Diese Musikrichtungen ließ er schließlich in „seine“ Musik, den „Neuen Tango“ einfließen. Er erhob Tangomusik zu einer Kunstform, in Konzertsälen und Opernhäusern auf aller Welt aufgeführt. Er schrieb Opern (Maria de Buenos Aires), Sinfonien (Sinfonía de Buenos Aires) und die Musik für mehrere Filme. Seine wohl berühmtesten Tangos sind Adiós Nonino, Balada para un loco und Libertango. Sein Aufstieg, seine unangepasste Persönlichkeit und seine revolutionäre Musik führten aber auch zu Spannungen zwischen dem „Neuen“ und dem „Alten“, zwischen der Avantgardebewegung und der Tradition.

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Die Tradition wurde durch die großen Orchester repräsentiert, doch diese verschwanden schließlich und die Leute wollten sie nicht mehr hören. So kam es, dass der Tango während der 1960er und 1970er Jahre in kleinen Konzertsälen und Tanguerías (Orte, an denen ausschließlich Tango aufgeführt wurde) Unterschlupf fand. Es war ein schwaches Echo, eine Art Parodie der goldenen Jahre des Tangos. Auch Tango getanzt wurde in dieser Zeit kaum, bei den jungen Leuten war der Rock’n’Roll „in“. Und als dann Ende der 70er Jahre in Argentinien die Zeit einer der furchtbarsten Militärdiktaturen anbrach, stand es sowieso schlecht um den Tango. Viele Intellektuelle und KünstlerInnen emigrierten, lebten fortan in Paris, Berlin und London. Und ein zweites Mal, wie vor 100 Jahren, kehrte der Tango dann über den „Umweg Europa“, wo es in den 80er Jahren zu einem Tango-Boom kam, wieder nach Buenos Aires zurück.

dsc_6960s2Ausgelöst wurde dieser Boom durch Tango-Produktionen, wie z.B. das Musical Tango Argentino, das ein großer Welterfolg wurde. TangomusikerInnen, -sängerInnen und –tänzerInnen gingen in Folge auf Tourneen um die ganze Welt und so ist der Tango heute auf allen Kontinenten zu Hause und wurde sogar zum Weltkulturerbe erhoben. Und wieder einmal lassen die Einflüsse der unterschiedlichen Kulturen oder Musikstile, elektronische Instrumentierungen z.B., ganz neue Tangos entstehen.

Als Soundtrack der Stadt Buenos Aires, die permanenten Veränderungen unterlag, hat der Tango jeden Wandel miterlebt: Sowohl die Förderung der beliebten Leidenschaft als auch den Widerstand und die Nebensächlichkeit. Im globalen Umfeld der jetzigen Zeit hält Buenos Aires an seiner mächtigen Identität fest, die in der Art der Musik begründet liegt, die vielmehr ist als einfach nur Musik. Es ist die Art zu gehen, die Art zu sein, eine Haltung, ein Gefühl.

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008

 

Goldene Jahre des Tangos

Goldene Jahre des Tangos

Wie ich schon im Blogartikel über die Entstehung des Tangos erzählt habe, wurde er in seinen Anfängen von der Mehrheit der Leute als eine Art niedere Musik betrachtet, unzüchtig und der Beachtung nicht wert. 1921 hieß es noch in einer argentinischen Zeitschrift, dass „die gebildeten Bürger noch nicht bereit seien, diese vorstädtische Musik zu akzeptieren, die für die Unterschicht gemacht war.“ Aber nach und nach hat er sich doch Eintritt verschafft und „unter das kultivierte Ästhetikempfinden der Oberschicht gemischt“.

Die Cafés im Zentrum der Stadt Buenos Aires begannen Tango-Trios zu engagieren. Tangopartituren wurden von den jungen Leuten der Oberschicht, zuerst zwar noch heimlich, aber doch erworben und gespielt. Langsam löste sich die Tangomusik vom Rotlichtmilieu, um in Bars, Cafés und Salons aufgeführt zu werden.

13192685785_2fecdf5ab9_oSeinen Durchbruch erhielt der Tango Argentino aber über den Umweg Paris. Es gab ein paar wagemutige Argentinier, junge Männer der Oberschicht, die den Tango in den noblen Pariser Salons einführten, die so anders und so weit weg waren von der Welt, in der er geboren wurde. Ab 1907 kamen argentinische Musiker (in den Tango-Orchestern gab es damals keine Frauen) und SängerInnen nach Paris. Fest steht, dass der Tango 1912 Paris ganz und gar erobert hat, man tanzte ihn genau so viel oder mehr als Walzer. Paris war ja zu Anfang des Jahrhunderts das kulturelle Zentrum der westlichen Welt, was dort angesagt war, strahlte auf ganz Europa und auf die Vereinigten Staaten aus. Das Tangofieber erfasste alle sozialen Schichten von den Varietétänzerinnen bis zum Präsidenten Frankreichs und seiner Frau. Kirche, PolitikerInnen, Adlige, BürgerInnen, Intellektuelle, KünstlerInnen, alle beteiligten sich an dem heiß geführten Meinungsstreit, niemand der nicht Position bezogen hätte zum Tango. Sogar vor dem Papst wurde Tango getanzt, um zu entscheiden, ob er Sünde sei oder nicht. Das finde ich sehr amüsant, wenn ich daran denke, dass der jetzige Papst Argentinier ist und selbst Tango getanzt hat.

In nur wenigen Jahren verbreitete sich also der Tango von den Salons der Adeligen und KünstlerInnen zu den Tangotees, den Dancings und den Musette-Bällen. Dabei muss man bedenken, welches Klima in jenen Jahren herrschte: die Spannungen vor dem ersten Weltkrieg, der Streik der Staatsbediensteten, die Trennung von Kirche und Staat, … Der damaligen französischen Gesellschaft passte der Tango wie angegossen. Alles war in Aufruhr, im Umbruch. Diese dumpfe, überall unterschwellig zu spürende Unruhe, dieser Befreiungsdrang, der in diesen angespannten Körpern nahezu explodierte, nichts anderes war der Tango. Das alles lässt Elsa Osorio ihre Protagonistin in ihrem Roman Im Himmel Tango sagen. Vielleicht hat der Tango-Boom heute mit den Parallelen zu jener Zeit zu tun?

4322248164_0293b7d336_oDie ArgentinierInnen waren erst mal überrascht, als in den französischen Gesellschaftsseiten zum Thema Argentinien nicht von Fleisch und Getreide die Rede war, sondern vom Tango. Über den Umweg Paris wurde der Tango schließlich auch in Buenos Aires akzeptiert, und bald gefeiert. Es entstanden in Folge die „typischen Orchester“ mit ihren großen Namen, wie Julio De Caro, Osvaldo Fresedo, Anibal Troilo, Juan D’Arienzo, Carlos Di Sarli, … um nur einige zu nennen. Auch heute noch wird auf den Milongas zu den Werken dieser Musiker getanzt. Außerdem traten in der Zeit auch erstmals Chansonniers in Erscheinung, die später die eigentlichen TangosängerInnen wurden.

3658517924_caafbc54dc_oZur Legende unter ihnen wurde Carlos Gardel (1890 – 1935). In Buenos Aires aufgewachsen, galt seine Liebe von Anfang an dem Gesang. Er nahm früh Gesangsunterricht, sang bis 1917 aber ausschließlich Heimatlieder. Berühmtheit erlangte er aber dann als Tangosänger. „Er singt jeden Tag besser“, machte bald die Runde, und so war er schnell fester Bestandteil der Tangoszene. Er betätigte sich auch als Schauspieler und war ein äußerst produktiver Komponist. Sein früher Tod durch einen Flugzeugabsturz und viele geheimnisvolle Rätsel um einige Aspekte seines Lebens (u. a. dass er möglicherweise schwul war) machten ihn jedenfalls, neben Evita und Diego Maradonna, zu einem der drei „Nationalheiligen“ Argentiniens. Sein Grabmal am Friedhof von Chacarita in Buenos Aires ist jedenfalls auch heute noch Pilgerstätte seiner BewunderInnen.

Sicherlich auch durch ihn lebte Buenos Aires als Tango-Metropole auf und ist bis heute Anziehungspunkt der Tangobegeisterten aus aller Welt. So möchte ich meinen Artikel mit den Zeilen aus einem seiner berühmtesten Lieder, Mi Buenos Aires querido, beschließen:

Mein geliebtes Buenos Aires
Am Tag, an dem ich dich wiedersehe
Wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008
Im Himmel Tango, Elsa Osorio, Suhrkamp-Verlag, 2008

 

Entstehung des Tangos

Entstehung des Tangos

Wenn man sich in die Welt des Tango Argentino vertieft, ist natürlich auch seine Geschichte von Bedeutung. Wie ist dieser Tanz entstanden, was sind seine Wurzeln?

Die Geburt des Tangos gibt auch heute noch viele Rätsel auf und in manchen Punkten Uneinigkeiten. Einig ist man sich, was den Zeitpunkt seiner Entstehung betrifft. Die Anfänge des Tango Argentino waren in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Ob sein Ursprung jedoch in Buenos Aires oder in Montevideo liegt, darüber streiten sich die Geister. Heutzutage assoziiert man Tango Argentino sofort mit Buenos Aires, er dürfte aber an beiden Ufern des Rio de la Plata entstanden sein und wurde deshalb auch als Ufermusik bezeichnet.

15635766339_066d8a8afa_bIn beiden Ländern, sowohl Argentinien als auch Uruguay, gab es zu der Zeit eine große Zahl von europäischen Immigranten, die hier den Traum vom besseren Leben verwirklichen wollten. Sehr aktuell, wenn man an die Menschen denkt, die zurzeit bei uns Zuflucht suchen. Damals waren es europäische Wirtschaftsflüchtlinge, sechs Millionen Menschen kamen und mehr als die Hälfte blieb für immer. Buenos Aires war also bald von alleinstehenden Männern überbevölkert und die ärmeren Schichten ließen sich in den Außenbezirken von Buenos Aires nieder. Und in diesem Milieu entstand der Tango – im Armenmilieu, im verbotenen Milieu der Bordelle. Für die gehobene Schicht der damaligen Zeit in Buenos Aires war „Tango“ ein unflätiges Wort. Sie verbanden damit eine niedere Form der Musik, die die Außenseiter der Gesellschaft repräsentierte. Eine interessante Tatsache wenn man bedenkt, dass Tango bei uns heute eher in der gehobenen, intellektuellen Schicht getanzt wird. Aber zurück zu seinen Ursprüngen. Da gibt es, was seine Entstehung betrifft auch ziemlich radikale Aussagen, wie: der Ursprung des Tangos ist schwul und schwarz.

8386532695_76af36f851_oDer oben erwähnte Frauenmangel führte die Männer zusammen. Sie trafen sich in Kneipen und Bordellen, sangen und tanzten Tango. „Tango hat die herkömmliche weiße Männerrolle unterminiert, der Mann wird weiblich, indem er jammert und schluchzt“, lässt der Autor Wolfram Fleischhauer eine seiner Protagonistinnen im Roman Drei Minuten mit der Wirklichkeit sagen. Männer, die miteinander Tango tanzten, waren um diese Zeit also kein ungewöhnliches Bild in Buenos Aires. Das ist auch einer der Hintergründe für unsere wo/men tango acts, in denen wir als Herrendarstellerinnen auftreten.

Was hat nun aber Tango mit den Schwarzen zu tun? Unter den vielen Bewohnern von Buenos Aires und Montevideo gab es auch eine schwarze Bevölkerung, die ursprünglich als Sklaven auf den Kontinent kam. Sie durchmischten sich mit der europäischen Bevölkerung, bzw. unzählige verschwanden – in Kriegen und auf Plantagen verschlissen. 4418261974_e7f8b8ac04_bSie waren aber für diese neu aufkeimende Musik wesentlich. Das Wort Tango soll aus dem Äthiopischen kommen. Tangú bezeichnet einen bestimmten Rhythmus, der in der Candombe, einer schwarzen Musik mit schnellen, heiteren Rhythmen, vorkommt. Und auch die älteste überlieferte Zeichnung eines Tango tanzenden Paares zeigt zwei Schwarze. Mit der Zeit kam es zu einer Fusion der europäischen und afrikanischen Musik. Verschiedene volkstümliche Musikstile, die Habanera aus Kuba, die Candombe aus Afrika, die Land-Milonga aus Spanien und der Walzer verschmolzen zu der Musik, die wir heute Tango nennen.

Außerdem kam zu dieser Zeit auch eine neue Tanzmode auf, nämlich der Volkstanz, bei dem es ebenso zu einer Vermischung von Gesellschaftstanz und schwarzem Tanz kam. Es entstanden neue Tanzzentren, in denen sich die Tanzpaare im Tangorhythmus wiegten. Anfangs wurde dieser Tanz noch mit größerem Abstand getanzt und man imitierte die schwungvollen Bewegungen der Candombe. Mit der Verbreitung des Tangos bis nach Europa, in der Modestadt Paris wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts schnell modern, verschwanden die afrikanischen Wurzeln immer mehr und man ist sich heute dessen kaum noch bewusst.

Abschließend kann jedoch gesagt werden, dass die Entstehung des Tangos eine gemeinschaftliche Schöpfung der Portenos, der Hafenbewohner unterschiedlicher Kulturen, dies- und jenseits des Rio de la Plata, war.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, HEEL Verlag, 2008
Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Wolfram Fleischhauer, Knaur Verlag, 2002

 

Loco, loco, loco …

Loco, loco, loco …

4521832941_0199802f07_bEs gibt einen berühmten gesungenen Tango namens „Balada para un loco“ (Ballade für einen Verrückten), der uns schon lange fasziniert. Erst kürzlich in Berlin haben wir ihn bei einem Tango-Chanson-Abend live gehört und unsere Faszination wurde dadurch noch gesteigert. Der Text ist von Horacio Ferrer, die Musik von Astor Piazzolla. Ich möchte diesmal Auszüge aus diesem Tango für meinen Artikel verwenden.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt
Siehst du nicht den Mond durch die Callao-Straße rollen
Und einen Chor von Astronauten und Kindern
Die um mich herum tanzen …?

Nun, dieses Gefühl, verrückt zu sein, überkommt mich auch immer wieder, seit wir uns auf den Weg gemacht haben, um Tango-Straßentänzerinnen zu werden. Oder ist es nicht verrückt, einen gut bezahlten, sicheren Job als Lehrerin aufzugeben, um auf der Straße zu tanzen? Zuerst einmal für drei Monate nach Buenos Aires zu gehen, in eine Stadt, die ebenso verrückt ist wie der Tango.

Die Nachmittage in Buenos Aires
Haben etwas, ich weiß nicht was
Verstehst du? Ich verlasse mein Haus
Und schlendere die Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
Als er plötzlich hinter diesem Baum erschien
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und einzigen Landstreicher
Und dem ersten blinden Passagier auf einer Reise zur Venus.

10163015685_b72f3bcc29_oAn den Nachmittagen in Buenos Aires mit 40 Grad und mehr, von den es viele gab, als wir dort waren, meinte ich auch manchmal Halluzinationen zu haben, wenn wir durch die Straßen mehr schlichen als schlenderten. Das Tangotanzen konnten wir trotz der Hitze nicht lassen. In den Tanzstudios gab es zwar Klimaanlagen oder Ventilatoren, aber oft waren sie auch kaputt. In einer der Tanzstunden bei unserem Lehrer Augusto Balizano fragte er, nachdem es am Vortag 47 Grad gehabt hatte: „Wer hat gestern getanzt?“ Als wir uns meldeten, meinte er, wir seien verrückt – loco!

Das zeigt auch schon einen der Aspekte, warum dieser Tanz so verrückt ist. Wenn er eine gepackt hat, kann sie nicht mehr davon lassen. Ich weiß nicht, ob es die Musik ist, die besondere Art sich zu bewegen, das Fühlen und Spüren, was die Tanzpartnerin an Bewegungssignalen aussendet und diese zu interpretieren, das Versinken in eine andere Welt, … oder alles zusammen, das eine wie in einem Sog mitzieht und dem sie sich dann nur schwer entreißen kann. Seit wir vor ein bisschen mehr als zwei Jahren aus Buenos Aires zurückgekehrt sind, tanzen wir ungefähr fünfmal die Woche Tango und es wird nie langweilig. Einerseits ist die Welt des Tango Argentino unendlich, es gibt immer Neues zu lernen, andererseits ist dieser Tanz ein Improvisationstanz, das heißt jeder Tanz entsteht neu, je nach Musik, Stimmung, Können, Beziehung, … Und außerdem muss man auch ständig an den Basics arbeiten – der Körperhaltung, der bestimmten Art zu gehen, der Umarmung und der „Disociación“ (Verdrehung des Körpers). Ich weiß nicht, wie oft wir verzweifelten, weil wir das Gefühl hatten, wieder von vorne anfangen zu müssen. Mittlerweile ist es aber so, dass wir es schätzen, uns immer wieder auch mit diesen Grundelementen auseinanderzusetzen, weil sie ein besseres Körpergefühl geben.

Liebe mich, so wie ich bin
Verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige Zärtlichkeit, die ich in mir habe

In vielen Tangos wird die Liebe besungen, aber auch Schmerz, Trauer und Abschied. Auf alle Fälle geht es um große Gefühle. Darum geht es auch in einem Tangofilm, der gerade in den Kinos läuft: Ein letzter Tango. Eine Mischung aus Dokumentation und nachgespielten Szenen über zwei der großartigsten TangotänzerInnen aus Buenos Aires – Maria Nieves und Juan Carlos Copes. Dass mittlerweile auf der ganzen Welt Tango getanzt wird, ist zu einem großen Teil diesen beiden zu verdanken, denn durch ihre Art zu tanzen, wurde er wieder populär. Die beiden waren auch im Leben ein Paar, zunächst das Traumpaar. Mit der Zeit war ihre Beziehung dann aber von einer Hassliebe geprägt, wie sie verrückter nicht sein kann. Es gab unzählige Trennungen und Versöhnungen, bis zu jener Trennung, die endgültig war, weil Juan Carlos Copes eine um vieles jüngere Frau heiratete. Auf der Bühne tanzten sie zunächst dennoch gemeinsam, und Maria Nieves empfand dabei nichts als Hass. Die Eifersucht der jungen Frau machte jedoch auch diesen gemeinsamen Auftritten ein Ende. Jetzt sind beide über 80 und man spürt, wenn sie selber zu Wort kommen, die Verletzungen und Wunden, den Hass, der immer noch da ist, aber auch immer noch eine gegenseitige Anziehung und Achtung.

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens noch mal versuchen werden
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

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Wahrscheinlich muss man ein bisschen verrückt sein, wenn man sich der Tangoleidenschaft verschreibt. Und wenn man Tango mit Straßenkunst kombiniert, erst recht! Aber gelegentlich spielt sie eben verrückt – die Magie des Lebens.

Andrea

 

Berlin und der Tango

Berlin und der Tango

Nochmals hallo aus der Großstadt!

Ja, er verfolgt uns hier auf Schritt und Tritt, der Tango. Aber eigentlich haben wir es gar nicht anders erwartet, denn unsere erste wirklich intensive Begegnung mit dem Tango fand vor fünf Jahren beim Queer-Tango-Festival hier in Berlin statt. Da haben wir gespürt, der Tango lässt uns nicht mehr los.

Berlin gilt ja als die Tangohauptstadt Europas, einmal abgesehen vom finnischen Tango. Vor allem was Tangomusik betrifft, ist eben Berlin schon einige Jahre der Hotspot. Hier oder von hier aus entstehen viele Produktionen, Aufnahmen oder auch die Proben dafür, finden hier statt. Einige unserer Lieblings-CDs wurden hier aufgenommen. Es leben auch viele Menschen aus Argentinien bzw. Buenos Aires zumindest für eine Zeit lang hier. So haben auch wir vor kurzem drei MusikerInnen aus Buenos Aires kennengelernt.

Auf unserem Weg zur Arbeit kommen wir an dem Café MadaMe, das nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist, vorbei. Als wir eines Tags gerade auf dem Heimweg waren, sehen wir vor diesem Café die Ankündigungstafel „Heute Tango-Chanson-Abend!“ Wir beschließen spontan, zu kommen und erleben einen wunderbaren Abend. Anahí Setton (Gesang) und Javier Tucat Moreno (Klavier), beide in Buenos Aires geboren, sehen sich als Weltbürger, und so singen sie Geschichten darüber, was Menschen verbindet. Ihr musikalischer Stil ist geprägt von den Einflüssen der argentinischen Folklore und des Tangos. An diesem Abend gab es auch noch einen special guest, nämlich den Chansonsänger Carlos Fassanelli, ebenfalls aus Buenos Aires. Alle drei haben mit ihrer Musik eine so dichte Atmosphäre geschaffen, dass es in dem Moment nichts gab, als diese Musik. Ein „Entrücktsein“, das so richtig gut tat. Im Anschluss an das Konzert haben wir mit ihnen geplaudert, und hatten für einen Moment das Gefühl, wir seien in Buenos Aires.

Die Herzlichkeit der Menschen war ja das, was uns dort so beeindruckt hat. Das haben wir nicht nur mit diesen drei MusikerInnen wieder erlebt, sondern auch bei der Wiederbegegnung mit Mariana Docampo. Sie ist eine der OrganisatorInnen des Queer-Tango-Festivals in Buenos Aires. Sie ist gerade für ein paar Wochen in Europa unterwegs und ihre erste Station war natürlich Berlin. Hier gibt es ja eine große Queer-Tango-Szene mit monatlicher Milonga neben Workshops und Practicas, und das größte Queer-Tango-Festival weltweit, organisiert von Astrid Weiske, findet hier statt. Wir hatten das Glück, dass nun bei der Milonga im Monat Mai, Mariana hier und als DJane tätig war. Sie hat uns sofort wieder erkannt und nicht nur das, sie hat gleich festgestellt, dass Sigrid ihre Frisur verändert hat. Das nach zweieinhalb Jahren und ich weiß nicht wie vielen anderen SchülerInnen in der Zwischenzeit später! Sie wollte sogar zu einem unserer Auftritte kommen, das dürfte sich dann zeitlich aber doch nicht ausgegangen sein. Den Abend haben wir jedenfalls sehr genossen.

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Möglichkeiten, um auf eine Milonga – das sind die Tangotanz-Veranstaltungen – zu gehen, gibt es hier in Berlin ohne Ende. Ein besonderer Ort dafür, wenn das Wetter schön ist, ist die Strandbar Mitte. Eine Freiluft-Milonga direkt an der Spree, die drei Mal die Woche stattfindet. Wir waren an einem Samstagabend dort. Auf Grund einer falschen Auskunft kamen wir dort an, als die Milonga gerade aus war, und ein Schwoof Tanzabend begann. Zuerst waren wir ein wenig enttäuscht, aber die Musik war sehr gut, eine Mischung aus Swing, Walzer, Latein und auch Tango. So kamen wir dazu, auch wieder einmal Foxtrott, Walzer und Co. aufzufrischen. Die Atmosphäre und Stimmung war sehr angenehm – unter den Tanzpaaren auch viele Männer- und Frauenpaare. Sehr zu empfehlen, dorthin zum Tanzen zu gehen! Es gibt dort jeden Tag die Möglichkeit, manchmal sogar zwei unterschiedliche Tanzveranstaltungen pro Tag, immer zu einem anderen Thema.

Wir sind nach jenem Abend jedenfalls beschwingt in „unsere“ Wohnung zurückgekehrt. Und auch hier haben wir täglich den Tango vor Augen. In einem ehemaligen Fabriksgebäude gegenüber ist nämlich das Tanzstudio „Tango Berlin“. Abends, wenn die Lichter angehen, sehen wir vom Küchenfenster aus die Tanzpaare gegenüber vorbei schweben. Ein interessanter Blick, weil man ja immer nur einen Ausschnitt erhascht, aber sehr schön anzusehen. Das ist also das Letzte, das wir vor dem Schlafengehen, sehen. Wie sollen wir da nicht verrückt nach dem Tango sein?

Andrea