Ladies first!

Im heurigen Jahr gab es in Graz eine großartige Ausstellung mit diesem Titel. Hier wurden bildende Künstlerinnen eines Jahrhunderts (1850 – 1950) aus der Steiermark vorgestellt. Künstlerinnen, die kaum bekannt sind, da sie in der Kunstgeschichte keine Erwähnung finden bzw. an den Rand gedrängt wurden. Und so erging es Frauen in vielen Bereichen, also auch den Frauen in der darstellenden Kunst und im Speziellen in der Geschichte des Tango Argentino. In diesem musikalischen Blogartikel sollen sie in der ersten Reihe stehen!

Tatsächlich waren die Frauen schon immer ein wichtiger Teil der Tangogeschichte, als Musikerinnen, Komponistinnen und Sängerinnen. Einen Platz auf den Bühnen bekamen sie erst als der Gesang an Bedeutung gewann, denn als Musikerinnen wurden Frauen in den „typischen“ Orchestern nicht aufgenommen. Manche schafften es trotzdem Aufmerksamkeit zu erlangen, wie z. B. Parquita Bernardo (1900 – 1925) als erste professionelle Bandoneonista. Von ihr selbst gibt es keine Aufnahmen, aber einige ihrer Werke wurden später unter anderem von Carlos Gardel oder Roberto Firpo aufgenommen und sind somit bis heute erhalten.

Eine Komponistin, die ebenso in der frühen Zeit des Tangos aktiv war, ist Rosita Melo. Sie gilt als erste weibliche Tangokomponistin, die weltweites Ansehen genoss und war eine Art Wunderkind. Denn schon mit 14 Jahren komponierte sie einen der erfolgreichsten Tangos überhaupt, den Vals Desde el alma aus dem Jahr 1917. Hier eine Version aus dem Jahr 1946 vom Orchester Francisco Canaro und gesungen von Nelly Omar, die als Sängerin 87 Jahre lang aktiv war.

Rosita Quiroga (1896 – 1984) war eine Volkssängerin, die von Ort zu Ort zog, Gitarre spielte und Lieder interpretierte. Eine Frau aus den Slums und die erste, die den Tango der Slums etablierte. Und die erste Frau, die für einen Rundfunksender arbeitete und Radioaufnahmen machte. Oime negro wurde von ihr komponiert und getextet, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1928.

Die wichtigste Tangosängerin der 1920er Jahre war Azucena Maizani (1902 – 1970). Sie trat viele Jahre lang in Männerkleidung auf und wurde auch als Schauspielerin zu einem internationalen Star. Und sie war, wie viele andere Tangosängerinnen, Komponistin. Der Tango Pero … yo sé aus dem Jahr 1928 ist ihr berühmtestes Werk.

Ebenfalls Schauspielerin und Sängerin,  vor allem bekannt durch ihre Interpretation von Tangos, war Libertad Lamarque (1908 – 2000). Sie gehörte zu den Ikonen der goldenen Ära des argentinischen und mexikanischen Kinos und gilt bis heute als die im Ausland erfolgreichste Schauspielerin Argentiniens. Der Vals Una vez en la vida stammt aus dem gleichnamigen Film von 1941.

Tita Merello (1904 – 2002) wuchs in einem Waisenhaus in Armut auf und beschloss eines Tages: Ich sollte eine große Schauspielerin in Buenos Aires werden! Ihre Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, sie drehte über 30 Filme und hatte 20 Theaterstücke uraufgeführt. Die Milonga Se dice de mi zählt zu ihren bekanntesten Stücken, hier in einem Filmausschnitt aus dem Jahr 1955.

Nun von den Sängerinnen wieder zu den Musikerinnen. Eine, der die Musik in die Wiege gelegt wurde, war Beba Pugliese. Sie wurde 1936 in die Musikfamilie Pugliese geboren – nicht nur ihr Vater Osvaldo, sondern auch der Großvater, die Tante (ihre Klavierlehrerin), mehrere Onkel und Cousins waren Musiker*innen. Sie selbst wird trotz des nicht immer leichten Erbes, das sie trägt, eine anerkannte Pianistin und Komponistin. Sie spielt in mehreren Orchestern bevor sie das ihres berühmten Vaters übernimmt und als Orquesta Beba Pugliese weiterführt.  Hier Memorias von ebendiesem gespielt.

Aktuell gibt es unzählige Frauen, die Tangos komponieren, als Musikerinnen interpretieren oder singen. Die drei folgenden Beispiele sind also nur eine kleine Auswahl aus der Vielfalt von Tangomusik, die heute von Frauen gemacht wird.

Beata Söderberg ist eine schwedische Cellistin. Sie begegnete dem Tango 1997 in New York, begann zuerst zu tanzen und sich dann mit der Tangomusik zu beschäftigen. Sie komponierte erste Tangos als Fusion zwischen der Melancholie der skandinavischen Volksmusik und der Leidenschaft des argentinischen Tangos, aufgepeppt mit ein bisschen Jazz. 2004 ging sie nach Buenos Aires, gründete eine Band und nahm die ersten Tangoplatten auf. Hier zu hören Está loca mit ihrem Quintett bestehend aus klassischen Tangoinstrumenten, aber dem Cello als Führungsstimme.

Wir bleiben in Skandinavien, bei Las chicas del Tango aus Finnland. Das sind drei junge Frauen (Akkordeon, Klavier und Gesang), die in ihren Kompositionen finnischen Tango mit Klassikern des argentinischen Tangos verbinden oder argentinische Poesie vertonen, wie hier das Gedicht Un sol von Alfonsina Storni.

Den Schlusspunkt setzt das kosmopolitische Damenorchester Sciammarella Tango  bestehend aus Musikerinnen aus verschiedenen Ländern, die sich in Buenos Aires niedergelassen haben und dort in renommierten Symphonie- und Tangoorchestern spielen. Ihr Album Tangos Franco-Argentinos aus dem Jahr 2018 ist der Verbindung von Frankreich und Argentinien durch den Tango gewidmet, etwa, in dem der klassische argentinische Tango Comme il faut französisch gesungen wird.

Andrea

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