L’ultimo Tango!

In der Welt des Tangos gibt es einige Traditionen, vielleicht könnte man sogar von Ritualen sprechen, die sich im Lauf der Zeit rund um den Globus verfestigt haben. Der typische Aufbau einer Tango-Tanzveranstaltung wird beispielsweise auf den meisten Milongas weltweit praktiziert. Andere Rituale wie die Mirada, also das Auffordern zum Tanz über den Blick, gibt es fast nur noch in traditionellen Kreisen. Und nicht immer ist klar, ob der ursprüngliche Schlusspunkt einer Milonga noch in der Weise praktiziert wird, wie es in Buenos Aires üblich ist – denn so manche*r hört und tanzt frühmorgens den letzten Tango einer Milonga nicht mehr. Wir pflegen diese Tradition – den letzten Tango anzukündigen und dabei immer dasselbe Musikstück, nämlich eine La Cumparsita, zu spielen, nicht nur auf unseren Milongas und Übungsabenden, sondern beenden auch jeden unserer Kurse und Workshops mit diesem „Tango der Tangos“. Und so beschließen wir auch diese kleine Reihe zur Tangomusik mit L’ultimo Tango – aber nicht nur mit einer Version, sondern mit ganz unterschiedlichen Interpretationen.

Er wurde schon im Jahr 1916 von Gerardo Matos Rodriguez komponiert, und zwar für den Karnevalsumzug in Montevideo. Daher auch der Titel, denn La Cumparsita heißt Der kleine Karnevalsumzug. Es gibt dieses Stück nicht nur in mehreren Textversionen, sondern auch die Arrangements sind unglaublich vielfältig. An den Anfang setze ich eine Variante mit gesprochenem Text, in dem der Sprecher der Frage nachgeht, was den Tango eigentlich ausmacht. Er schließt mit den Worten: „ … para mi, eso es el tango – dies ist für mich der Tango!“

In den Goldenen Jahren des Tangos entwickelte sich La Cumparsita zum selbstverständlichen Abschluss einer Milonga. Daher war dieser Tango im Repertoire jedes Orchesters, jeder Sängerin und jedes Sängers. Als Beispiel für eine gesungene Cumparsita wähle ich „La dama del Tango“: Mercedes Simone:

Mit La Cumparsita ist es demnach auch gut möglich, einige der bekanntesten Tangoorchester jener Zeit zu beschreiben. Beim Anhören desselben Musikstücks in den jeweiligen Interpretationen sind die charakteristischen Merkmale, der Stil ihrer Arrangements gut erkennbar. Den Anfang macht hier der „König des Taktschlages“ höchstpersönlich, Juan D’Arienzo. Typisch für ihn ist der schnelle, klare Beat, der manchmal auch als Staccato-Schliff bezeichnet wird. Andere wieder nennen sein Orchester eine Rhythmusmaschine, in der das Klavier das tragende Element ist. Mit fünf Geigen und fünf Bandoneons – jeweils eines mehr als üblich – ist das Orchester sehr beweglich und flexibel. In vielen der Arrangements von D‘Arienzo gibt es kaum Pausen, die Aufnahme aus dem Jahr 1961, die ich hier gewählt habe, spielt aber genau mit diesem Überraschungseffekt und lässt uns zwischendurch glauben, wir wären schon am Ende angelangt. Überhaupt würde ich empfehlen, dieses Video zweimal anzuklicken – einmal, um dem einzigartigen Stil des Dirigierens von D’Arienzo und dem Ausdruck der Musiker zuzusehen, ein zweites Mal, um genau hinzuhören:

Als nächstes kommen wir zu Carlos di Sarli, der selbst das Klavier spielt und vom Klavier aus das Orchester dirigiert. Charakteristisch für ihn ist das mittelschnelle Tempo – deutlich langsamer als vorhin bei D’Arienzo – und dass die Melodie im Zentrum der Arrangements steht. Der typische Di Sarli- Klang entsteht durch die Geigen – manche sagen sogar: Di Sarli macht alles mit den Geigen! Doch bei genauem Hinhören fallen auch die trillerartigen Einwürfe des Klaviers auf, mit denen Di Sarli die einzelnen Phrasen verbindet und so die Musik geschmeidig abrundet.

Mit Anibal Troilo kommen wir zu jenem Orchester, dem extrem hohe Qualität und brillante Arrangements zugesprochen werden. Der sogenannte Troilo-Sound versteht es, zügig zwischen abgehackten, stakkatoartigen Passagen und glattem Legato hin und her zu wechseln. Obwohl Troilo selbst das Bandoneon spielt und aufgrund der Ausdrucksstärke seines Spiels vielfach als bester Bandoneonspieler aller Zeiten bezeichnet wird, tritt er damit nicht in den Vordergrund – seine Soli sind eher schlicht und zurückhaltend. Die zentrale Rolle spielt vielmehr das Klavier, über viele Jahre hinweg ist der Pianist Orlando Goni, der einen neuen Stil des Tango-Klavierspiels entwickelte, die tragendende Figur dieses Orchesters.

Nach diesen drei Beispielen aus den Goldenen Jahren und von klassischen Tangoorchestern machen wir einen großen zeitlichen Sprung in das heutige Buenos Aires. Reduziert auf Klavier und Bandoneon versteht es das Duo Ranas dennoch, den ganzen Raum mit ihrer Musik zu füllen und überraschende Akzente zu setzen. Mehrmals schon hatten wir – in Buenos Aires und in Graz – das Vergnügen, zu ihrer Livemusik zu tanzen. Immer wieder aber sind ihre Arrangements nicht in erster Linie zum Tanzen, sondern einfach für den Hörgenuss gedacht. So, wie diese Version der Cumparsita:

Wenn wir am Ende eines Workshopwochenendes oder einer Tangowoche „L’ultimo Tango“ ankündigen, entscheiden wir uns oft für ein grande finale: die süddeutsche Formation Quadro Nuevo hat 2011 gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunkorchester eine CD aufgenommen und die darin enthaltene Version von La Cumparsita ist wahrlich ein krönender Abschluss. So bleibt mir auch jetzt nur noch die Ankündigung: L’ultimo Tango!

Sigrid

Verwendete Literatur: Tangogeschichten, Michael Lavocah

 

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