Die Tugend der Neugierde

Katzen gelten als neugierige Tiere. Ihnen wird diese Eigenschaft quasi als naturgegeben zuerkannt. Bei uns Menschen sieht es da ganz anders aus: „Sei nicht so neugierig!“, haben wir als Kinder oft zu hören bekommen, und zu einer guten Erziehung gehörte es, das Laster der Neugierde auszurotten. Warum eigentlich? Ist sie nicht eher eine Tugend, die uns im Leben weiterkommen lässt?

Da ist erstens einmal das Reisen, das ohne einer gehörigen Portion Neugierde undenkbar wäre. Die berühmten Reisenden früherer Jahrhunderte haben enorme Strapazen auf sich genommen, um großartige Entdeckungen zu machen und davon zu berichten. Vieles, das heute zum selbstverständlichen Grundwissen unserer Zeit gehört, verdanken wir der Tatsache, dass diese Frauen und Männer ihrer Neugierde gefolgt sind. Heute ist das Reisen viel einfacher geworden und manchmal fehlt es dabei leider auch an dieser Lust auf das Neue. Vielfach erinnert das Reiseverhalten eher an ein Konsumieren von Sehenswürdigkeiten, an das Abhacken einer imaginären TO SEE LIST oder an eine Flucht aus dem Alltag mit der Hoffnung, im Urlaubsparadies alles möglichst so wie zu Hause, nur ohne Arbeitsalltag, vorzufinden. Neugierige Menschen geben sich damit nicht zufrieden und reisen auch heute noch wie jene EntdeckerInnen von damals. Sie reisen langsam, wollen Land und Leute wirklich kennenlernen und gehen abseits der üblichen Wege. Sie schauen genau hin und folgen den versteckten Aufforderungen zum Neugierigsein – wie zum Beispiel jene kleinen „Gucklöcher“ in Istrien, die den Blick frei gaben auf das, was als Panorama vor uns lag: mit einem Mal, wussten wir, welcher Gipfel der Triglav ist und welches Dorf da so malerisch auf der Bergkuppe thront!

Für neugierige Reisende passt auch jener Rat, den der Dalai Lama in einer Sammlung von „Tipps für ein glückliches Leben im neuen Jahrtausend“ gegeben hat: „Begib dich einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch nie gewesen bist!“ Ich denke oft an diesen Satz, denn er lässt so viele Möglichkeiten offen: niemand muss einen Langstreckenflug buchen, um sich an solch einen Ort zu begeben, man muss nicht weit reisen und auch nicht viel Geld ausgeben, sondern man braucht nur die Tugend der Neugierde und schon kann es losgehen. Für uns ist es im Moment ja wirklich leicht, diesem Rat zu folgen, da uns unser Workshop Solo Tango an viele Orte bringt, an denen wir noch nie gewesen sind. Wir müssen uns also nur die Zeit und die Muße nehmen, neben der Arbeit auch auf Entdeckungsreise zu gehen. Aber wie ihr wisst, fällt uns das nicht schwer!

Ein zweites Feld, in dem die Tugend der Neugierde Wunderbares zum Vorschein bringen kann, ist all das, von dem wir meinen, es längst zu kennen: Die Gegend, in der wir wohnen, die Stadt, in der wir aufgewachsen sind, die Menschen, die wir lieben, … . Ich staune immer wieder darüber, welch unerwartete Entdeckungen möglich sind, wenn es mir gelingt, offen und neugierig zu bleiben! All das, was auf den ersten Blick so vertraut wirkt, birgt immer wieder Überraschungen. Wenn die Neugierde das selbstgefällige Gefühl, bereits alles zu wissen und zu kennen, besiegt, wird es im Leben erst so richtig spannend.

Und da ist noch etwas, das in letzter Zeit meine Neugierde geweckt hat: Begegnungen mit Menschen! Auch in meinem früheren Beruf als Lehrerin hatte ich täglich mit Menschen zu tun. Ich schätzte diesen Teil meiner Arbeit, aber es war durch die Rahmenbedingungen unseres Schulsystems auch jener Teil, der oft sehr belastend war und den Arbeitsalltag erschwerte. Nun hatte ich einige Jahre lang einen heilenden Abstand zu Menschen. Nicht, dass ich zur Einsiedlerin geworden wäre, aber die Monate, in denen wir unsere Projekte geplant und unsere Selbständigkeit aufgebaut haben, waren nicht so intensiv von Kontakten geprägt. Jetzt läuft unser Workshop Solo Tango so richtig gut und er schenkt uns wunderbare Begegnungen. Es sind äußerst interessante Menschen, die wir da kennenlernen und mit denen sich neben dem gemeinsamen Tanzen auch tolle Gespräche ergeben. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen, manche sind jünger, viele älter als wir, sie sind bereit, sich auf Neues einzulassen und uns ein Stück an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Mit unserer Geschichte, vor allem der Tatsache, dass wir als Lehrerinnen gekündigt haben, um unserem Traum zu folgen, wecken wir wiederum ihre Neugierde. Und so ist es ein Geben und Nehmen mit Worten, mit Gesten und im Tanz. Jedes Mal, wenn wir uns wieder aufmachen, um auf Reisen zu gehen und einen Workshop zu halten, wird meine Neugierde geweckt. Und jedes Mal bin ich bereichert, reich beschenkt, wieder nach Hause gefahren.

Also, vergessen wir endgültig unsere gute Erziehung! Es lebe die Tugend der Neugierde!

Sigrid

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