Ein Wald im Großstadtdschungel

Ein Wald im Großstadtdschungel

Hallo!

Wie ja schon in meinem ersten Bericht aus Berlin erwähnt, ist die Wohnung, in der wir hier sind, ein äußerst angenehmer Erholungsort, wenn wir von unseren Auftritten oder Streifzügen „heimkommen“ – ja, wir fühlen uns hier wirklich schon zuhause und können so richtig entspannen. Wenn das Wetter schön ist, wie jetzt zum Glück wieder, freuen wir uns aber auch, wenn wir Erholungsorte im Freien finden. Einer dieser Orte ist ganz nah bei unserer Wohnung, z.B. für eine kurze Mittagsrast bestens geeignet.

DSCF4862Es ist der Garten des Jüdischen Museums Berlin, das insgesamt eine sehr interessante Anlage ist. Das alte Gebäude wurde um einen großen, modernen Zubau erweitert, der mit vielen architektonischen Details, immer wieder zu neuen Entdeckungen führt. Nun, ein Teil dieser komplexen Anlage ist ein großer, schöner Garten, der auch ohne Eintrittskarte zugänglich ist, und das Beste daran – es werden Liegestühle zur Verfügung gestellt, die man sich einfach nehmen kann, um sich damit einen Platz im Garten zu suchen. So haben wir es schon genossen, dort zu liegen, in die Bäume zu schauen, die Wolken am Himmel ziehen zu sehen und die Gedanken schweifen zu lassen – süßes Nichtstun eben.

An einem auftrittsfreien Tag haben wir uns weiter auf den Weg gemacht, um einen viel größeren Erholungsort zu erkunden – den Tiergarten. Das ist ein Wald mitten in der Stadt, in den Parkanlagen eingestreut sind. Auf zahlreichen Wegen kann man durch diesen Wald spazieren, entlang von Bächen oder kleinen Teichen. Zwischendurch vergisst man wirklich, dass man sich eigentlich inmitten einer Großstadt befindet. Ich jedenfalls, als wir im Rhododendron-Hain angekommen waren. Es gab unzählige Rhododendren so groß wie Bäume und alle gerade in vollster Blüte. Ein Farbenspiel von weiß über gelb bis orange, lila und rot! Kleine Wege führten mitten hinein in diesen Wald im Wald und ich kam mir vor wie in einem Zauberwald. Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle jetzt einfach die Fotos sprechen lassen.

DSCF4820DSCF4818DSCF4831DSCF4836DSCF4825DSCF4817DSCF4839 (3)DSCF4839 (2)

DSCF4813 (2)Auch Tiere kann man hier beobachten, verschiedenste Vogelarten und sogar Schildkröten, die gerade ein Sonnenbad nehmen. Und erst wenn man auf eine Parkanlage stößt, wie z.B. den Rosengarten oder den Floraplatz, weiß man, dass man sich doch in einer Stadt befindet. Am Floraplatz haben wir aber auch eine schöne Entdeckung gemacht. In der Mitte des Platzes umgeben von Blumen erhob sich die Statue einer stolzen Amazone zu Pferd, ausgestattet mit ihrer Doppelaxt. Ein Denkmal zu Ehren der Amazonen – das haben wir noch in keiner Stadt gesehen!

Als wir dann nach einigen Stunden bei der Siegessäule ankamen, dem Mittelpunkt von Berlin und neben dem Brandenburger Tor und dem Alexanderturm eines der Wahrzeichen der Stadt, waren wir schnell wieder der Zauberwald-Atmosphäre entrissen. Verkehrslärm, TouristInnen aus aller Welt und Großstadthitze empfingen uns. Mit einem Bus machten wir uns auf den Heimweg.

DSCF4851In „unserer“ Wohnung empfingen uns die drei Zwerge, die es hier im Bücherregal gibt und die mich, seit wir hier sind, faszinieren. Seit jenem Ausflug versetzt mich ihr Anblick jedenfalls zurück in diesen Zauberwald aus Rhododendren, und so hat diese Wohnung einen Erholungsfaktor mehr.

Liebe Grüße aus einem Berlin, das immer wieder für Überraschungen sorgt!

Andrea

Berlin entdecken

Berlin entdecken

Vor einer Woche sind wir nun hier in dieser ganz besonderen Stadt angekommen. Wie immer, wenn wir in einer Großstadt sind, kaufen wir uns zwar ein Monatsticket für die Öffis, sind dann aber auch stundenlang zu Fuß unterwegs. Bei diesen Streifzügen können wir eine Stadt sehr intensiv erleben, die jeweils eigene Atmosphäre eines Stadtteils spüren, eintauchen in den Alltag und die Lebenswelt der Menschen, nicht Landschaften und Natur, sondern Straßen und Architektur erwandern.

Zum Beispiel gleich bei unserem ersten Streifzug durch die „Friedrichstraße“. Unsere Wohnung liegt nahe am „Halleschen Tor“, dem südlichen Beginn dieser kerzengeraden, langen Straße, die etwa in ihrer Mitte den Prachtboulevard „Unter den Linden“ quert und weiter nach Norden bis zum „Oranienburger Tor“ führt. Wir sind am Vormittag eines Feiertags losspaziert, anfangs vorbei an Kebabläden, dem Lebensmittelgeschäft „Bagdad“, einer Art Trafik mit Telefonservice in alle Welt – ganz wie man es aus jenen Bezirken, in denen Menschen aus aller Welt zusammenleben, in vielen europäischen Großstädten kennt. Nach einiger Zeit kamen wir an einem Bio-Bistrot, dem wunderschönen Geschäft einer Maßschuhmacherin und an einem neu eröffneten Haubenlokal vorbei. Noch immer war es sehr ruhig, nur wenige Menschen waren an diesem frühsommerlichen Vormittag unterwegs. Plötzlich änderte sich dies schlagartig: Imbisslokale, Souvenirgeschäfte, eine Tapasbar und eine Pizzeria, Mc Donalds und Starbucks – und mittendrin der Touristenmagnet „Checkpoint Charlie“ mit allem, was dazugehört. Die Touristenbusse auf ihren Stadtrundfahrten halten hier, ein Fotograf bietet vor dem ehemaligen Grenzhäuschen an, dich in einer der Uniformen der Besatzungsmächte zu fotografieren (und es gibt tatsächlich einige, die das machen!), Gedränge am Gehsteig, Kitsch in allen erdenklichen Formen. Nach etwa 200 Metern ist der Spuk wieder vorbei und die Friedrichstraße wechselt erneut ihr Aussehen. Im letzten Abschnitt dieser 2000 Meter langen Strecke gibt es Nobelboutiquen, exquisite Shoppingmalls, Luxushotels und teure Restaurants – wir sind angekommen in Berlin-Mitte!

Jeder Stadtteil hier ist einzigartig. In Mitte gibt man sich luxuriös, international und modern. TouristInnen aus aller Welt bevölkern das Spreeufer, die Museumsinsel, den Hackeschen Markt, den Alexanderplatz. All diese klingenden Namen sind Programm – Berlin ist eine Weltstadt, die zeigt, was sie zu bieten hat. Noch immer „geschmückt“ mit unzähligen Kränen bleibt sie aber auch dem Titel „Ewige Baustelle“ treu.

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Ebenfalls mit Kränen versehen, und doch atmosphärisch ganz anders ist Charlottenburg. In den letzten Jahren war der Stadtteil im ehemaligen Westberlin out – der Osten war angesagt. Trotzig sagten die einen „Alle ziehen jetzt nach Osten!“ und meinten Treptow oder den Prenzlauer Berg. Letzterer hatte sich zum Inbegriff des neuen Berlin nach der Wende gemausert: wunderschön renovierte Altbauten, Szenelokale, gemütliche Bars, Geschäfte vieler DesignerInnen, Vintageläden, die Straßen frequentiert von RadfahrerInnen und die Gehwege überdurchschnittlich dicht von Kinderwägen befahren. Der Westen war nicht mehr gefragt.

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Heute erwacht Charlottenburg von Neuem. Einige Wolkenkratzer, die gerade rund um den Bahnhof Zoo in den Himmel wachsen, sind der sichtbare Beweis eines neuen Trends. Die Nobelboutiquen, Luxushotels und schicken Geschäfte sind zurückgekehrt oder neu erwacht. Der größte Apple-Store Deutschlands am Ku’damm in einem alten Prachtbau hat gigantische Dimensionen. Ein paar Schritte weiter sind BMW- Limousinen mit Elektroantrieb in den Auslagen geparkt und wieder nicht weit entfernt ist der Tesla zu bewundern. Auch hier ist man chic, aber eben auf eine andere Art. Irgendwie reservierter, vielleicht bürgerlicher, beständig. Denn in Charlottenburg gibt es auch die stuckverzierten Bürgerhäuser, gemütliche, zum Teil sehr alte Kaffeehäuser, den Savignyplatz über den die Westberliner Boheme spaziert oder auf dem man im schnittigen Sportwagen vorfährt, die Kantstraße zum Flanieren.

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Ja, und wir wohnen in Kreuzberg. Auch dieser Stadtteil hat die Zeit, als er „in“ war, schon hinter sich gelassen und den ersten Platz als coolsten, angesagtesten, verrücktesten, internationalsten Stadtteil längst an Neukölln abgegeben. Aber Kreuzberg scheint gerade deshalb ein guter Platz zum Leben zu sein. An einigen Ecken, wie der Bergmannstraße oder der Oranienstraße ist sehr viel los, ein Lokal reiht sich an das andere und du kannst dich auf wenigen Metern einmal um die ganze Welt schlemmen. Zwischen der Oberbaumbrücke und dem Schlesischen Tor ist Kreuzberg sogar ziemlich schräg geblieben – fast meinen wir, wir seien in den 1968ern angekommen. In anderen Ecken von Kreuzberg, so wie hier, wo wir wohnen, ist es angenehm ruhig, Parks und kleinere Grünflächen bieten Erholungsorte und mit der U-Bahn bist du ohnehin in kürzester Zeit wieder dort, wo der Bär los ist.

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Und auch das haben wir in den wenigen Tagen schon mitbekommen – los ist hier wirklich unvorstellbar viel! Mal sehen, was wir in diesem Monat hier noch alles erleben!

Sigrid

 

 

Ciao Italia!

Ciao Italia!

Salve vom schönen Lago di Garda!

Nun haben wir hier schon unsere letzte Woche angefangen. Obwohl die Kirchturmglocke auf unserem Platz jede Stunde doppelt schlägt – wir fragen uns bis heute, warum sie das macht (um zu betonen, dass es wirklich schon so spät ist oder für diejenigen, die beim ersten Mal vergessen haben, mitzuzählen?) – vergeht die Zeit wie im Flug. Und das trotz des Schlechtwetters das wir zurzeit haben. Denn kaum hatten wir unsere letzten Berichte gepostet, war der „Sommer vom Feinsten“ vorbei. Begonnen hat es mit einem Sturm, uns wurde sogar ein ziemlich großer Ast gegen das Auto geschleudert, der Göttin sei Dank ist aber weder uns noch dem Auto etwas passiert. Die Stimmung am See war auf einmal ganz anders. Das Wasser zeigte auf Grund des Wechsels von Sonne und Wolken alle erdenklichen Blau- und Grüntöne. Außerdem gab es Wellen mit Schaumkrönchen und an den Felsen eine ziemliche Gischt. Wir fuhren an diesem Tag die Ostküste entlang bis Torri, je weiter wir nach Norden kamen, umso rauer und wilder wurde es. In dem sehr, sehr netten kleinen Ort Torri war der Sturm schließlich so stark, dass die Gischt der Wellen den Lungolago immer wieder unter Wasser setzte. Ein faszinierendes Schauspiel der Natur, das einen Auftritt unsererseits erübrigte. Es wäre ohnehin unmöglich, bei so einem Wetter zu tanzen. Nun, dem Sturm folgten Gewitter und drei Tage Regenwetter, sodass wir überhaupt eine längere Auftrittspause hatten. Die Ruhephase hat uns sicher gutgetan, aber nach einem Auftritt am Sonntag in Bardolino, hat es heute schon wieder wie aus Kübeln geschüttet. Nun scharren wir schon ziemlich in den Startlöchern, um noch einmal loszulegen, bevor wir abreisen. Wir hoffen also, dass die Wetterprognose, nach der es schön werden soll, stimmt.

6727445515_af07b40539_bWir haben uns die letzten Tage, außer uns auszuschlafen und weiterhin zu trainieren, einfach treiben lassen: Stadtbummel in Brescia, Weinverkostung in einem Bioweingut, stimmungsvolles Chorkonzert in „unserer“ wunderschönen, romanischen Pieve San Pancrazio. Dieser Hügel, auf dem diese Kirche steht, wurde überhaupt zu einem Kraftplatz für uns. Es ist sicher ein sehr alter Kultort, schon lange Zeit, bevor es die Kirche gab. Wir sind jedenfalls mindestens einmal am Tag dort oben, auch bei Schlechtwetter.

Wir haben in diesen Tagen auch viel über uns und unser momentanes Leben nachgedacht. Einerseits sind wir von großer Dankbarkeit erfüllt, das alles erleben zu dürfen. Andrerseits ist auch hier ganz klar, auch wenn es sehr gut läuft, dass wir uns mit unserer Straßenkunst ein schönes Taschengeld verdienen, aber nicht mehr. Wir brauchen also im Winter einen Brotjob, mit dem wir uns die Sommer finanzieren. Denn diese Form des Reisens wollen wir nicht so schnell aufgeben. Wir haben nämlich festgestellt, dass ein wichtiger Teil des Ganzen auch das Reisen ist. Sich längere Zeit an einem fremden Ort aufzuhalten, in das Leben hier einzutauchen, ein bisschen Einblick zu bekommen, wie die Menschen hier leben und sich auf Begegnungen einzulassen. Es macht uns auch wirklich Spaß, davon zu berichten und so andere ein wenig teilhaben zu lassen. So verabschiede ich mich jetzt zum letzten Mal vom Gardasee.

Ciao e cari saluti,

Andrea

Gedanken über das Reisen

Gedanken über das Reisen

Hola,

auf unserer kleinen Reise konnten wir wirklich ein wenig ausspannen. Während Andrea in dem englischsprachigen Buch, das sie in unserer Wohnung gefunden hat, und das in Buenos Aires spielt, weitergelesen hat, habe ich die Ruhe genossen und meine Gedanken fliegen lassen. Ich bin dabei ein bisschen ins Philosophieren über das Reisen gekommen. Nun sind wir ja schon seit 2 Monaten Reisende und jetzt waren wir auch noch für 2 Tage “auf Urlaub” in Colonia. Diese Unterscheidung zwischen Reise und Urlaub, Reisende oder Touristin zu sein, war meine erste Erkenntnis. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit keine Wertung zum Ausdruck bringen möchte (philosophieren sollte meiner Ansicht nach grundsätzlich wertfrei sein, obwohl ich weiß, dass dies fast nie so gesehen wird; ich denke nur an die sogenannten “großen Philosophen”. Vielleicht konnte ich deshalb beim Studium mit Philosophie nie viel anfangen, aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema!) Es geht also nicht darum, die Reisenden und die UrlauberInnen als besser oder schlechter zu bewerten, aber ich meine, es ist wichtig sie zu unterscheiden und dann auch selbst zu wählen, in welcher Position man sich wiederfinden möchte. Als Urlauberinnen in Colonia z.B. waren wir viel mehr auf uns selbst bezogen: wir haben uns ausgeschlafen, sind herumgebummelt und haben alle schönen Bilder in uns aufgenommen, haben die freie Zeit ohne Termine etc. genossen. Kurz, wir waren in einer fremden, schönen, anregenden Umgebung stark auf uns selbst bezogen. Die Frage nach “Land und Leute”, wie das Leben hier sein mag, wie es den Menschen hier im Alltag geht, hat uns in Montevideo und natürlich in der ganzen Zeit hier in Buenos Aires beschäftigt. Da waren und sind wir viel stärker auf das Außen, auf das, was uns umgibt, bezogen als in einem Urlaub. Und interessanterweise sind wir gerade in dieser Situation als Urlauberinnen in ein Touristenlokal mit hohen Preisen und schlechtem Essen getappt. Wir haben es selbst ausgewählt, weil man dort mit Kreditkarte bezahlen konnte …

Das Leben als Reisende hier in Buenos Aires ist nach wie vor spannend. Ich stelle fest, dass eine so lange Reise, wie wir sie jetzt erleben, eine Art “Ausnahmezustand” ist. Erstens bist du aus deinem gewohnten Alltag herausgenommen, in unserem Fall nicht nur in einem anderen Land, einem anderen Kontinent, sondern sogar in einer anderen Jahreszeit angekommen. Du siehst völlig andere – und zum Großteil absolut nicht wünschenswerte – Lebensformen. Du merkst, wie selbstverständlich zu Hause all die gewohnten Annehmlichkeiten wie Strom, Wasser, Internet, … sind. Und wie selbstverständlich wir in Österreich davon ausgehen, dass immer alles funktioniert. Hier in Buenos Aires musst du eigentlich fast immer davon ausgehen, dass du nicht wirklich weißt, was auf dich zukommen wird und ob das, was du vorhast auch so funktionieren wird (denkt nur an unseren “Ausflug” am Neujahrstag). Interessanterweise beobachte ich bei mir selbst, dass ich diesen “Überraschungen” gegenüber immer gelassener werde. Es stört mich nicht wirklich, ich finde es nur absolut skurril und ich komme noch immer nicht aus dem Staunen heraus. Das Wort  “Ausnahmezustand” meine ich aber noch in einem zweiten Sinn: auf einer Reise wie dieser bist du gezwungen – und interessanterweise auch dazu bereit – viele Ausnahmen gegenüber deinem gewohnten Leben und seinen Prioritäten zu machen. Damit meine ich nicht, dass hier der Alltag völlig anders abläuft, sondern dass es einfach nicht möglich ist, hier die gleichen Prioritäten zu setzen wie zu Hause. Wenn wir uns hier z.B. wie zu Hause zum Großteil biologisch ernähren wollten, dann wären wir schon verhungert, denn Gemüse, Obst, Brot, Käse und natürlich Fleisch gibt es hier nicht biologisch. Der Gemüseladen ums Eck hat (meistens) eine gute Auswahl, aber wir haben keine Ahnung woher die Lebensmittel kommen und wie sie angebaut wurden. Oder das Stichwort Elektrosmog: zu Hause versuchen wir Belastungen dieser Art weitgehend zu vermeiden, hier steht am Dach des Hauses gegenüber der Handymasten und in unserem Schlafzimmer blinkt die Funkstation für unser WLAN munter vor sich hin. Und wie viel Blei wir mit dieser schmutzigen Luft schon abgekommen haben, lässt sich gar nicht einschätzen. Und trotzdem – wir sind hier Reisende und wir sind bereit diese Ausnahmen in Kauf zu nehmen. Das ändert nichts an unseren Grundsätzen und daran, dass wir zu Hause wieder zu unseren üblichen Maßstäben zurückkehren werden. Warum aber ist man bereit diesen “Ausnahmezustand” zeitlich begrenzt zu akzeptieren? Man hört oft den Spruch, dass das Reisen verändert, dass man anders zurückkehrt als man aufgebrochen ist. Vielleicht sind es diese Verschiebungen der Maßstäbe und des Alltages, die dir deine Einstellungen bewusster machen und die dich entweder dazu führen, Dinge zu ändern oder sie später gleich, aber mit anderem Bewusstsein zu tun.

In unserem Fall kommt ja noch hinzu, dass unsere Reise nicht zweckfrei ist (wobei die Frage ist, ob das nicht meistens so ist, aber nicht immer klar definiert wird). Der Zweck unserer Reise ist der Tango. Und in diesem Punkt kommen wir ganz bestimmt verändert zurück, obwohl es auch hier viele “Überraschungen” gegeben hat. So besteht etwa ein großer Teil unserer Unterrichtseinheiten nicht darin, neue Schritte oder Kombinationsmöglichkeiten zu erlernen, sondern an unserer Körperhaltung zu arbeiten. Wir trainieren das Anspannen von Muskeln, das Lockerlassen der Schultern, die richtige Drehung des Oberkörpers … Wir arbeiten also sehr viel mit uns und unserem Körper und das verändert dich ganz entschieden! Es ist anstrengend und wohltuend zugleich und es bewirkt, dass du dich selbst körperlich und emotional neu spürst. Und der Tango ist reine Kommunikation zwischen den beiden Tanzenden. Auch dieses sich einlassen aufeinander, dieses Hinhören und Sprechen mit dem Körper bringt Veränderung für mich selbst und für uns als Paar.

Aber keine Sorge, so ganz verändert werden wir schon nicht zurückkehren! Und doch, es stimmt: so eine Reise, die macht etwas mit dir! Und ich meine, das ist gut so.

Genug der vielen Gedanken und stattdessen ein herzlicher Gruß

Sigrid