Reisen, nicht nur um anzukommen

„Reise nicht nur, um anzukommen“ ist eine Kapitelüberschrift in dem Buch „Slow Travel“ von Dan Kieran. Das Buch des Engländers, der von manchen Journalisten als der „Meister des langsamen Reisens“ bezeichnet wird, ist uns vor einiger Zeit in die Hände gefallen und es war in weiten Teilen eine Bestätigung für unsere Art des Reisens.

Wann immer es möglich ist, reisen wir mit dem Zug. Die einzige Ausnahme in den letzten Jahrzehnten war die Reise nach Buenos Aires. Wir hatten damals noch überlegt die mehrwöchige Schiffsreise zu wählen, mussten dann aber doch den Langstreckenflug in Kauf nehmen. Der Umweltgedanke spielt in der Frage des Fliegens natürlich eine wesentliche Rolle, aber er ist nicht der einzige Grund, nicht zu fliegen. Wir lieben einfach das langsame Reisen mit der Bahn! Und auf dem Weg nach Berlin und wieder zurück nach Hause konnten wir diese Art zu reisen wieder voll auskosten!

Bei der Anreise waren wir tagsüber unterwegs. In der Früh ging es zuerst mit der S-Bahn von Fehring nach Graz und weiter mit dem Railjet über Wien nach Prag. Dort sind wir in einen Intercityzug, der aus Budapest kam, umgestiegen und direkt bis Berlin gefahren. Und es war ein wunderschöner, ein geschenkter Tag! Ich liebe es, dazusitzen, einfach nur aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft an mir vorbeigleiten zu lassen! An so einem Reisetag kann – und muss – ich endlich einmal nichts tun! Meist, so auch auf dieser Fahrt nach Berlin, habe ich nicht einmal Lust etwas zu lesen. Dieser Blick auf die Landschaft, dieses Kommen und Gehen der Bildausschnitte hat eine beruhigende, entspannende Wirkung auf mich. Wie die Bilder im Äußeren, kommen und gehen auch meine Gedanken, viele fliegen ebenso schnell vorbei wie die Landschaften, andere begleiten mich einige Kilometer lang. Selten bin ich so frei im Kopf wie auf einer Zugfahrt. An jenem Reisetag bin ich manchmal ein wenig eingeschlafen (wir sind an diesem Morgen schon sehr zeitig aufgestanden), ohne dabei auf die Zeit zu achten. Und manchmal hatte sich während dieses Schläfchens die Landschaft sehr verändert. Die Strecke führt ja quer durch die Tschechei, lange Zeit entlang der Moldau und später der Elbe und dann, von Dresden nordwärts, durch die ehemalige DDR. Als der Hunger kam, sind wir in den Speisewagen gegangen, zuerst zu einem gemütlichen Frühstück und auf der letzten Wegstrecke auf eine ungarische Gulaschsuppe – immerhin waren wir ja in einem ungarischen Zug. So sind wir gut gestärkt am Hauptbahnhof in Berlin angekommen, einem modernen und architektonisch äußerst interessanten Bauwerk mit perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr der Großstadt. Zugegeben, obwohl frau den ganzen Tag nur herumsitzt, ist so ein Reisetag anstrengend und wir waren müde, als wir die Wohnung erreicht hatten. Aber es ist eine angenehme Müdigkeit.

DSCF4990Für die Heimreise vor wenigen Tagen haben wir den Nachtzug gewählt. Weil wir sehr viel Gepäck hatten war klar, dass wir in einem 4er Liegeabteil nicht Platz haben werden und so buchten wir einen Double-Schlafwagen. Und das war einfach perfekt! Es gab nicht nur reichlich Platz für unser Gepäck, sondern das Bett ist viel breiter und bequemer als die Liegefläche im Liegewagen. Versteckt in einem Schrank befindet sich das Waschbecken mit Trinkwasser und Handtüchern. Beim Schlafwagenschaffner gibt es sogar Snacks, Getränke und Naschereien und in der Toilette könnte frau sogar duschen. Wir richteten uns gemütlich ein, stärkten uns mit einer Jause und einem guten Tropfen Rosé, den wir uns mitgenommen hatten und blickten hinaus auf die weite Heidelandschaft, die von der Abendsonne angestrahlt wurde. Um ca. 20.00 Uhr erreichten wir Dresden und da gab es eine ziemliche Überraschung: Die Lautsprecherdurchsage informierte uns, dass der Zug „planmäßigen Aufenthalt bis 21.08 Uhr hat“. Mehr als eine Stunde? Perfekt! Das Schlagwagenabteil kann abgeschlossen werden, wir stiegen aus dem Zug und spazierten los. DSCF4983Zuerst schauten wir den Bahnhof selbst an, der uns bei der Durchreise schon so gut gefallen hat. Ein alter Kopfbahnhof wurde hier auf ästhetische und praktische Weise umgebaut: dort, wo früher die Züge eingefahren sind und nicht wenden können, sind heute die Bahnsteige für die Regionalzüge und für die Fernzüge, für die ein Kopfbahnhof nicht praktisch ist, wurde erhöht eine Trasse mit durchlaufenden Gleisen eingezogen. Bald sind wir am Bahnhofsvorplatz gelandet und ein Blick auf die Uhr machte klar, dass wir in die angrenzende Fußgängerzone spazieren können. Wir gelangten bis in die Altstadt, auf den Alten Markt, sahen einige der berühmten Dresdner Bauwerke, hörten im Vorbeigehen StraßenmusikerInnen zu und waren rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück in der großen Bahnhofshalle! Das macht das Reisen so wertvoll – diese unerwarteten Geschenke und Gelegenheiten! Wieder in unserem Abteil eingetroffen, legten wir uns bald zu Bett und konnten in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Um sieben Uhr morgens erreichten wir dann den Wiener Hauptbahnhof.

Der letzte Streckenabschnitt dieser Reise ist uns sehr vertraut, da wir mit dem „Thermenlandexpress“ sehr oft von Fürstenfeld über Wiener Neustadt nach Wien fahren. Im Vergleich zu den Fernzügen scheint es, als würde hier eine Straßenbahn durch die kleinen Ortschaften, durch Wald und Wiesen fahren. Diese bekannten Bilder, Wegabschnitte und Ausblicke, das langsame Tempo des Zuges erleichtern dieses Abtauchen in das Gefühl des Reisens, von dem ich anfangs schon erzählt habe, noch mehr. Die Verbindung aus Vertrautheit und Fremde, aus Unterwegssein und „sich auskennen“ hat eine ganz eigene Qualität. Und so ist es – nach einer Reise von einem Monat – ein langsames Nach-Hause-kommen, ein gleitender Übergang zurück in den Alltag. Und das ist es wohl, was „Slow Travel“ ausmacht. Der Slogan ist gerade mal wieder modern, aber darum geht es mir nicht. Mit dem Autor des Buches „Slow Travel“ kann ich auch für mich sagen: „In Wirklichkeit reise ich auf diese Weise, weil es einfach interessanter und unterhaltsamer ist. Darüber hinaus habe ich nicht das Gefühl, tatsächlich zu reisen, wenn ich nicht langsam reise.“ Und ich möchte hinzufügen: Und am besten gelingt langsames Reisen mit dem Zug!

Schöne Reise!

Sigrid

 

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