Das liebe Geld …

Das liebe Geld …

Über Geld spricht man nicht. Geld hat man! So lautete einer der unantastbaren Stehsätze meiner Kindheit. Ich finde, es ist höchste Zeit dieses Tabu zu brechen und über Geld zu reden! Auf unserem Weg in die Selbständigkeit war dieses Thema von Anfang an zentral und durchaus emotional, also auch mit Sorgen und Ungewissheiten verbunden. Aber schön langsam, beginnen wir der Reihe nach …

Seit meinem 23. Lebensjahr war ich in der glücklichen Lage, monatlich ein Gehalt auf meinem Konto vorzufinden. Erst als klar war, dass ich als Lehrerin kündigen werde, wurde mir diese scheinbare Selbstverständlichkeit immer bewusster und die Frage, wie es sein wird, wenn diese Sicherheit wegfällt, drängte sich auf. Ich nahm das zum Anlass über mein Verhältnis zu Geld nachzudenken und bin auf das Buch SteinReich von Luisa Francia gestoßen. Gleich am Anfang des Buches stellt sie fest, dass wir Menschen es sind, die dem Geld, diesem Stück Papier oder diesem runden Metall, seine Wertigkeit und damit seinen Wert und seine große Bedeutung geben. Als Kinder haben wir schöne Steine gesammelt und sie als großen Schatz angesehen. Die Augen konnten sich nicht daran sattsehen. Warum sollten die Augen eines Erwachsenen nicht mehr beim Anblick von Steinen, sondern von Münzen leuchten? Eine wunderbare, fast magische Begegnung in Buenos Aires verdeutlichte mir dieses Thema eindrucksvoll:

Wir saßen in der U-Bahn, die gerade erstaunlich leer war. Da stieg eine alte Frau ein, klein, mit dunkler Hautfarbe, barfuß und ärmlich gekleidet – aber mit einer aufrechten Körperhaltung und der Ausstrahlung einer Königin! Ohne Worte ging sie an uns vorbei und reichte uns im Vorbeigehen ein kleines Stückchen Papier, herausgerissen aus einer Zeitung. Wir waren irritiert und überlegten, was dies zu bedeuten habe. Ein Mann nebenan machte mit einer Geste klar, dass er sie für verrückt hielt. Aber uns wurde bald klar, worum es ging – es war ein Tausch! Und tatsächlich, kurz drauf kam die Frau zurück, blieb wieder nicht stehen, sondern verlangsamte nur ihren würdevollen Schritt und nahm aus meiner Hand das Stück Papier entgegen, das ich ihr reichte – einen Geldschein. Ohne sich umzudrehen verließ sie die U-Bahn an der nächsten Station. Ich war tief berührt, hatte das Gefühl von dieser Frau, die wie aus dem Nichts auftauchte und wieder verschwand, eine Lektion für mein Leben geschenkt bekommen zu haben: Wir selbst geben den Dingen ihren Wert und wir selbst haben den größten Wert, den es auf dieser Welt gibt!

Ein weiteres Thema rund ums Geld, von dem Luisa Franca in ihrem Buch spricht, war in dieser Begegnung enthalten – nämlich dass das Geld fließen muss. Gerade in Zeiten der Knappheit rät unsere Gesellschaft zum Sparen, zum Festhalten dessen, was man/frau hat. Aber nur wenn ich loslassen kann, das Geld fließen lasse, wird es auch wieder zu mir zurückfließen. So war es uns in jenen ersten Monaten nach der Kündigung wichtig, zwar bewusster mit Geld umzugehen, aber es weder zu horten noch anzufangen, damit zu knausern. Nicht das Festhalten, sondern das Loslassen hält alles im Fluss! Und schon  nach kurzer Zeit merkten wir, dass wir mit viel weniger Geld auskamen als zu jener Zeit, da wir beide „gut verdient“ hatten und uns „etwas leisten konnten“. Wir haben uns materiell sehr reduziert, aber wir haben das nie als Einschränkung oder Verzicht erlebt, sondern überrascht festgestellt, dass uns nichts abgeht, wenn wir weniger konsumieren! Das Geld konnte nach wie vor fließen, etwa für gute Lebensmittel oder einen schönen Espresso, für Momente des Genießens. Aber viele andere materielle Dinge, so haben wir festgestellt, brauchen wir einfach nicht (mehr). Und so hatten wir auch immer genug Geld, obwohl wir viel weniger zur Verfügung hatten als in jenen Jahren, als das Konto monatlich mit einem Gehalt gefüttert wurde.

Im letzten Teil des Buches formuliert Luisa Franca 64 Orakelsprüche rund ums Geld und einer davon hat uns sofort angesprochen und in der Folge begleitet:

Du machst neue Lernprozesse und gehst an viele Orte, um viele verschiedene neue Dinge zu erfahren und zu lernen. Es ist nicht gerade eine besitzintensive Zeit, dafür sammelst du Erfahrungen und Wissen, die du später in Materie umsetzen kannst. Deine Lehr- und Wanderjahre stehen an, egal wie alt du bist. Denk daran, dass viele Frauen mit vierzig, sogar mit fünfzig ein völlig neues Leben anfangen. Frauen sind unbegrenzt lernfähig! Werde eine Nomadin in der Welt der starren Gesetze und Unveränderlichkeiten. Denn wenn du beweglich bist, bewegst du auch die Welt. (Orakel 56).

Treffender könnten die Jahre, in denen wir unsere Selbständigkeit aufgebaut haben, kaum beschrieben werden! Anfangs scherzten wir noch, ob die Lehrzeit drei oder vier Jahre lang sein werde. Sie dauerte exakt drei Jahre! Und heute sind wir soweit, unsere Erfahrungen in Materie, sprich in Geld, umsetzen zu können und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Wir verdienen viel weniger als früher, aber wir kommen auch mit viel weniger Geld aus und haben dennoch das Gefühl – im wahrsten Sinne des Wortes – im Wohlstand zu leben. Für mich hat sich außerdem der Bezug von Arbeit und Lohn stark verändert. Als Lehrerin war das Gehalt etwas, das automatisch auf mein Konto kam. Ich habe nie darüber nachgedacht, aber meine Arbeit hatte keinen direkten Bezug zu meinem Gehalt. Wenn wir jetzt zum Beispiel eine Tango-Privatsunde geben, dann haben wir am nächsten Tag Geld in der Tasche, um einkaufen oder essen gehen zu können. Das ist viel unmittelbarer und konkreter. Und das Schöne ist, es geht sich einfach immer aus! Wir haben das, was wir brauchen. Wir machen uns nicht wirklich Sorgen ums Geld, die Ängste vor der Selbständigkeit haben sich schrittweise in Luft aufgelöst, sobald wir uns auf den Weg gemacht haben und unsere Lehr- und Wanderjahre begonnen hatten. Als wir in dieser Zeit einmal die Grundzüge für unsere Selbständigkeit zusammengetragen haben, haben wir folgende Sätze aufgeschrieben: Mehr und mehr sind wir uns des Wertes unserer Arbeit bewusst. Geld und unser Verhältnis zu Geld fühlen sich gut an. Wir sind begeistert davon, in Wohlstand zu leben!

Und wir haben gelernt, übers Geld zu reden, unsere Finanzen zu planen, das Geld fließen zu lassen. Immer wieder denke ich dabei an jene Frau in Buenos Aires, die sich ihres Wertes so sicher war und werde durch sie ermutigt, für unsere Arbeit einen angemessenen Preis zu verlangen. Auch sie war eine Nomadin in der Welt der starren Gesetze. Und sie hat uns gezeigt, dass diese auch in Sachen Geld nicht unveränderlich sind, sondern dass es auf den Blickwinkel ankommt.

Sigrid

Verwendete Literatur:
SteinReich, Luisa Francia, Verlag Frauenoffensive

 

Über die Liebe, den Mut, die Wirtschaft und das Leben!

Über die Liebe, den Mut, die Wirtschaft und das Leben!

Die Überschrift dieses Artikels war das Thema eines Vortrages von Heini Staudinger in Feldbach, bei dem wir gestern gewesen sind. Wie bei unseren ersten beiden Begegnungen mit ihm an unseren Workshopwochenenden im Waldviertel trug er wieder seine rote Jacke, dunkle Jeans und natürlich Waldviertler. Und wie im persönlichen Gespräch wirkte er auch am Podium im ersten Moment beinahe unsicher, vielleicht unschlüssig. Er spricht anfangs sehr langsam und bedächtig und unterbricht seine Rede immer wieder an ungewöhnlichen Stellen, mitten im Satz, nach einem Wort. Es scheint so, als wollte er seine Gedanken gerade erst ordnen oder als wollte er gerade dieses eine Wort hervorheben, indem er es so isoliert im Satzgefüge dastehen lässt. Es braucht einige Minuten, um sich auf seine ganz besondere Sprechweise einzustellen und diese Pausen als Anker zu erkennen, um sich selbst in den Worten wiederzufinden. Im Laufe des Vortrages erzählt er von seinem Leben, beginnend mit einer Reise nach Afrika, per Moped von seiner Heimatstadt in Oberösterreich aus, die er mit einem Freund als 19jähriger gemacht hat. Er erzählt von seinem beruflichen Weg, von der Entstehung seiner Firma und natürlich von der Auseinandersetzung mit der Finanzmarktaufsicht, die ihm den Titel „Finanzrebell“ eingebracht hat. In all diese Erzählungen fließen seine Gedanken über das Leben, über die Welt, über uns Menschen und unsere Werte ein und immer wieder redet er sich richtig in Schwung. Da ist dann nichts mehr von Ruhe und Bedächtigkeit zu spüren, da kann es schon passieren, dass er sehr leidenschaftlich wird und manchmal Gefahr läuft ins Moralisieren zu kommen. Aber sogleich folgt die nächste Pause, in der er sich und uns Zeit lässt, wieder zur Ruhe zu kommen und das Gesagte nachklingen zu lassen. Im Folgenden möchte ich versuchen, einige seiner Aussagen zusammenfassen:

Immer wieder geht es um die Kraft der Ideen als Ausgangsbasis für Veränderungen. Darum, die eigenen Kräfte zu mobilisieren, um seiner Sehnsucht zu folgen. Da muss ich zuerst in mich hinein hören, um diese Sehnsucht überhaupt einmal zu spüren. Natürlich ist es dann nicht ganz leicht, die Zwänge aufzubrechen und auszubrechen aus dem üblichen Muster des Lebens. Da gibt es ja auch viele Ängste, die sich zu Wort melden. Er schlägt vor, mit diesen Ängsten in einen Dialog zu treten und ihnen zu sagen: „Heute Abend hab‘ ich was vor, bei dem ich froh wäre, wenn du ein bisschen zur Seite trittst…“ In dieser Aussage zeigt sich auch einer seiner Wesenszüge, die humorvolle Selbstkritik, mit der er an das Leben herangeht. Heini Staudinger meint, dass nicht Geldmangel unsere Projekte verhindert, sondern es sind unsere Ängste. Aber so wie es ansteckende Krankheiten gibt, gibt es auch ansteckende Gesundheit – so, wie Angst ansteckend ist, ist es auch der Mut!

Ein weiteres Thema, das immer wieder in kurzen Zwischensätzen auftaucht, ist die Freude an meiner Arbeit, an meinem Alltag. „Wenn du am Stammtisch im Wirtshaus sagst, dass es heute in der Arbeit leiwand war, dann wirst du für verrückt erklärt!“ Jahrzehntelang hat man uns eingeredet, schön sei es nur, wenn man möglichst wenig tun muss, nur faul sein kann und trotzdem viel Geld hat.

Das Thema Geld zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Für Heini Staudinger gilt: Nicht, weil man viel Geld hat, kann man etwas machen, sondern weil man wenig braucht. Auf seiner Reise nach Afrika hat er gelernt, dass das Wichtigste im Leben das Leben selbst ist. In unserer Gesellschaft gelten so viele andere Dinge, etwa das Geld, das Auto, der Besitz … als die wichtigsten Dinge. Er erzählt auch von der Greißlerei seiner Eltern, in der er aufgewachsen ist und wo er die Grundfähigkeiten fürs Leben gelernt hat (grüßen, dienen und bedienen und kopfrechnen zählt er etwa dazu). Die wichtigste Erkenntnis habe er gewonnen, als es für kleine Greißler immer schwieriger wurde und rundum viele zugesperren mussten. Da sagten seine Eltern: „Solange wir das Auskommen haben, gibt es nichts zu jammern!“ Das sei der entscheidende Punkt für ein gelungenes Leben, den er auch noch mit einem Zitat von Seneca unterstreicht: Nie ist zu wenig, was genügt! In seiner Firma habe er sich jahrelang gefreut, wenn in der Bilanz eine „0“ herausgekommen ist, denn das hat bedeutet: wir haben das Auskommen! In diesem Zusammenhang erwähnt er auch, dass das Waldviertel häufig als „Krisenregion“ bezeichnet wird. Einmal habe ein Journalist ihn gefragt, ob dort jetzt Armut herrsche. Heini Staudinger hat geantwortet: „Wer weiß, dass er genug hat, der ist reich. In diesem Sinne haben wir viele Arme!“

Jetzt, während ich diese, seine Gedanken niederschreibe und sie in mir nachklingen, spüre ich, wie nahe mir vieles von dem, was Heini Staudinger als Basis für sein Leben bezeichnet, ist. Wir haben bisher noch nie ein längeres, persönliches Gespräch mit ihm geführt. Er kennt uns, unsere Geschichte der letzten Jahre und unseren Lebenstraum nicht. Aber ich weiß jetzt, warum uns unser Weg in die GEA Akademie geführt hat und diese Firma unser wichtigster Kooperationspartner geworden ist – wir denken sehr ähnlich über das Leben, wir setzten die gleichen Maßstäbe und wir schätzen das Glück des Lebens. Am Freitag werden wir zum dritten Mal in diesem Jahr ins Waldviertel fahren und unseren Workshop halten. Meine Freude und Dankbarkeit ist nun, nach diesem Vortrag und dem „gedanklichen Unterbau“ noch größer geworden. Danke, Heini Staudinger!

Sigrid

 

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Bei fünf Auftritten vergangene Woche in Graz haben wir die Verrücktheit zelebriert. Dabei haben wir große und kleine Kinder zum Staunen gebracht, unser Publikum mitgenommen auf eine Reise in die Welt der Phantasie und die Straßen der Stadt mit diesem wunderbaren Tango von Astor Piazzolla erfüllt. Um noch mehr eintauchen zu können in diese verrückte Magie des Lebens und der Liebe gibt es hier den Text der Ballade für einen Verrückten, auf der unser wo/men tango act basiert:

 

Balada para un loco
M: Astor Piazzolla, T: Horacio Ferrer

Die Nachmittage in Buenos Aires
haben etwas, ich weiß nicht was.
Verstehst du? Ich verlasse
mein Haus und schlendere die
Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
als er plötzlich hinter diesem Baum erschien.
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und
einzigen Landstreicher
und dem ersten blinden Passagier auf einer
Reise zur Venus.

Eine halbe Melone auf seinem Kopf
ein gestreiftes Hemd auf die Haut gemalt
zwei Ledersohlen an die Füße genagelt und ein
„Taxi-zu-vermieten“- Schild in jeder Hand …
Ha … ha … ha … ha …
Es scheint, als wäre ich der Einzige
der ihn sieht.
Denn er taumelt zwischen den Leuten
und die Schaufensterpuppen zwinkern mir zu.
Die Ampellichter geben mir
drei himmelblaue Lichter
und die Orangen im Obstladen an der Ecke
werfen ihre Blüten nach mir.

Und dann, halb tanzend, halb fliegend,
nimmt er die Melone ab, um mich zu grüßen.
Er gibt mir ein Taxischild und sagt auf Wiedersehen.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Siehst du nicht den Mond
durch die Callao-Straße rollen
und einen Chor von Astronauten und Kindern
die um mich herum tanzen … ?

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Ich sehe Buenos Aires von einem Spatzennest aus,
und ich sah dich so traurig.
Komm, flieg, fühl das verrückte Verlangen
was ich nach dir habe.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wenn Dunkelheit sich in deiner städtischen
Einsamkeit breit macht
zu den Ufern deiner
Bettwäsche sollte ich kommen
mit einem Gedicht und einer Posaune
um dein Herz wach zu halten.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wie ein verrückter Akrobat sollte ich tauchen
in den Abgrund deiner Kluft bis ich fühle
dass ich dein Herz verrückt gemacht habe
mit Freiheit.
Du wirst schon sehen.

Und dann lädt mich der
verrückte Mann zu einer Fahrt
in seiner super Sport-Illusion ein
und wir rasen über die Riffs
mit einer Schwalbe im Motor.

In Vieytes applaudieren sie uns: „Hurra! Hurra!“
Die Bekloppten, die die Liebe erfunden haben.
Und ein Engel, ein Soldat und ein Mädchen
schenken uns einen Walzer.
Die schönen Leute kommen heraus
um hallo zu sagen.

Und verrückt, aber das bist du, ich weiß nicht
mein Irrer.
Erlöst mit seinem Lachen
ein grelles Klingen von Kirchenglocken aus
und schließlich sieht er mich an und singt sanft:

Liebe mich, so wie ich bin
verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige
Zärtlichkeit, die ich in mir habe.
Zieh dir eine Perücke mit Spaß auf deinen Kopf
und flieg.

Flieg jetzt mit mir: komm, flieg, fühle …
Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden.
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

 

 

 

Eine großartige Fotografin begleitete einen unserer Auftritte und dabei sind diese wunderschönen Fotos entstanden. Danke, liebe Elisabeth Paulitsch für das einfühlsame, tolle Fotoshooting!

Noch ist die Straßenkunst-Saison nicht vorbei und wir freuen uns schon auf weitere Auftritte.

Andrea und Sigrid

 

La Strada

La Strada

Wenn die Straßen und Plätze der Stadt in Bewegung geraten, dann ist La Strada, heißt es im Programmheft des Festivals. Es stimmt, zu dieser Zeit herrscht in der Stadt eine ganz eigene Atmosphäre – lebendig, offen, fröhlich, phantastisch, …

Dass es uns als Straßenkünstlerinnen zu dieser Zeit nach Graz zieht, ist selbstverständlich, einerseits, um uns Aufführungen anzusehen, andererseits, um „out of program“ aufzutreten und so Teil des Festivals zu werden. Gleich zu Beginn unseres ersten Auftrittes hatten wir eine Begegnung, die zeigte, wie sehr dieses Festival wirkt auf die Menschen der Stadt. Wir trafen gerade am Eisernen Tor ein, um hier mit unseren Auftritten zu starten, als uns eine ältere Dame ansprach. „Ah, La Strada?“, meinte sie zuerst, stellte dann fest, dass sie uns schon im Juni hier gesehen hatte, und war nicht mehr zu bremsen, um ganz begeistert von ihren Festivaleindrücken zu erzählen. Sie sei jeden Abend unterwegs und in dieser Zeit werde Graz zu einer Welt, in der sie sich zu Hause fühle, wo sie wieder ein Stück weit Kind sein könne, wo sie inspiriert werde, … und die Begeisterung sprühte aus ihren Augen. Es war einfach schön mit einem wildfremden Menschen so ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen. Und wir ließen uns von dieser Begeisterung gleich anstecken für unsere ersten Auftritte, und konnten so auch wieder Begeisterung bei anderen Menschen wecken – den Puls am Schlagen halten, wie es im Festival-Programm so schön heißt.

Ebenfalls mitreißend war die erste Vorstellung, bei der wir dabei waren. Ein heißer Sommertag, Schauplatz Burggarten, eine bunte Menschenansammlung vom Säugling bis zu junggeblieben Alten und die Musiker der Compagnie Le Snob. Mit ihren Blas- und Rhythmusinstrumenten und einem Banjo war der Garten, in dem sich manche auch für ein Picknick nieder gelassen hatten, sofort erfüllt von beschwingter Musik. Von Rock und Latin über Funk und Elektro bis zu Klassik und Jazz mit Enthusiasmus dargebracht sorgten die MusikerInnen aus Frankreich für gute Stimmung. Sich selbst im Rhythmus zur Musik zu bewegen, fiel trotz Hitze nicht schwer. Schon eher sich von dieser Musik zu verabschieden, als die Compagnie in ihren orangen Outfits von dannen zog, sich die Menschen zu zerstreuen begannen und nur die Picknickenden zurück blieben. Aber die Musik lag noch in der Luft!

Ganz anders die zwei Aufführungen, die wir am darauffolgenden Tag besuchten. Einmal im Augarten, ein Menschenkreis unter den schattenspendenden Bäumen des Parks, das Duo Joli Vyann & L’Eolienne erwartend. Diesen betraten die beiden barfuß, in Jeans und weißem T-Shirt, und ließen nur ihre Körper sprechen. Ein akrobatischer Tanz unter dem Titel „Wirf mich in die Luft“ zog gleich alle in ihren Bann und sorgte für begeisterten Applaus am Schluss.

Zwei Stunden später dann am Freiheitsplatz neuer Zirkus vom Feinsten. Wieder ein Duo bestehend aus Frau und Mann, die Compagnie Daraomai, zeigte nicht nur eine akrobatische Spitzenleistung, sondern erzählten dabei auch eine berührende Geschichte zwischen Illusion und Realität. Ihr eisernes Gerüst, auf dem sie mit der Leichtigkeit von Äffchen rauf und runter turnten, wurde dabei auch zu einem überdimensionalen Instrument, das sie mit ihren Körpern bespielten. Eine wunderbare Vorstellung, bei der man immer wieder den Atem anhielt ob der phantastischen Akrobatik, und vierzig Minuten im wahrsten Sinne wie im Flug vergingen.

Wir ließen uns nach diesen besonderen Erlebnissen einfach noch ein bisschen durch die Stadt treiben. Als wir am Hauptplatz ankamen, gab es an dem Platz, an dem auch wir immer wieder auftreten, eine Menschenansammlung rund um drei junge Cellisten, die bekannte Nummern von U2 bis zu Musicals wie Phantom der Oper darboten. Auch die spontane Straßenkunst fand hier begeistertes Publikum. Heute werden wir hier wieder unsere „Ballade für zwei Verrückte“ tanzen – und auch dabei werden die Grenzen zwischen Illusion und Realität verschwimmen, und wir gemeinsam mit dem Publikum eintauchen in die verrückte Magie des Lebens.

Andrea

 

Wie will ich leben?

Wie will ich leben?

Ist diese Frage nicht vermessen? Zugegeben, sie spiegelt unsere privilegierte Lebenssituation in einem reichen europäischen Land wider, denn wir wissen alle, dass Millionen von Menschen sich den Luxus dieser Frage gar nicht leisten können. Und dennoch, ich glaube, dass auch bei uns viele Menschen sich kaum die Muse nehmen, diese Frage immer wieder mal durchzudenken, um sich klar zu werden, wie sie ihr Leben gestalten möchten. Denn im Unterschied zu früheren Generationen, in denen die Berufswahl und der Familienstand als wesentliche Eckpfeiler des Lebens meist vorgegeben waren, können wir unser Leben heute viel freier und individueller gestalten – wenn wir uns dies bewusst machen und die Konsequenzen dieser Entscheidungen bedenken. Als Lehrerin in der Berufsschule wählte ich das Thema „Wie will ich leben“ für eine der letzten Unterrichtseinheiten der Abschlussklassen. Die angehenden GärtnerInnen standen kurz vor ihrer Lehrabschlussprüfung und für viele stellte sich die Frage, ob sie in diesem Beruf bleiben wollen, ob sie eine Familie gründen oder ob andere Lebensziele in ihnen schlummern. Es war immer wieder spannend zu erleben, wie schnell den jungen Leuten klar wurde, dass ihre Träume konkrete Konsequenzen bringen werden: wenn mir Geld wichtig ist und ich viel verdienen möchte, wird es kaum möglich sein, einen Job zu haben, bei dem mir viel Freizeit bleibt. Was also ist mir wichtiger – freie Zeit oder Geld? Wenn ich eine Familie gründe, dann wird es schwierig, mich voll auf eine Karriere zu konzentrieren – auch wenn sich diese Frage bisher eher Frauen als Männer stellen mussten, denn kaum ein Manager wurde je gefragt: „Wie bringst du einen 80 Stunden Job in Einklang mit deinem Vatersein?“ Und wenn ich ein Haus mit großem Garten haben möchte, wird aus langen Reisen und Spontanität auch nicht viel werden. Also: wie will ich leben?

Wir, Andrea und ich, sind die besten Beispiele dafür, dass sich diese Frage nicht nur beim Eintritt ins Berufsleben – so wie für meine ehemaligen SchülerInnen – stellt, sondern dass es immer wieder im Leben spannend sein kann, darüber nach zu denken und dann kleinere oder, wie in unserem Fall, auch größere Veränderungen vorzunehmen. Wenn man sich zu solchen Veränderungen entschließt, ist es oft hilfreich, zu erfahren, wie es anderen dabei ergangen ist. Kürzlich ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das dieser Frage äußerst amüsant nachgeht. Der Untertitel zeigt schon, dass hier so manches über den Kopf geworfen wird: Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen und dabei Geld zu verdienen. Tom Hodgkinson gibt in Business für Bohemiens auf unterhaltsame Art seine persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema wieder. Immer wieder wagt er den geistigen Spagat zwischen fundiertem Fachwissen und klarer Information einerseits und humorvollen Anekdoten rund um sein Unternehmen und seine Ansicht von einem glücklichen Leben andererseits. Er zeigt auf, dass die Frage „Wie will ich leben“ durchaus nicht neu ist: Die alten Griechen hatten ein ethisches Prinzip, das als eudaimonia bezeichnet wurde. Es bedeutet Glückseligkeit im Sinne von Erfüllung. … Sie sollten darüber nachdenken, woraus Ihr „gutes Leben“ bestehen könnte.

So wie ich meinen SchülerInnen, so macht er seinen LeserInnen den Vorschlag, sich genau dafür Zeit zu nehmen: Jetzt rate ich Ihnen, einen langen Spaziergang zu machen und über Ihr Leben nachzudenken. Wenn Sie wieder nach Hause kommen, setzen Sie sich mit einem Notizblock hin und schreiben auf, was Sie tun möchten und wie Sie leben wollen. Was macht Ihnen Spaß und was verschafft Ihnen Befriedigung? Wie würde Ihr idealer Tag aussehen? Und er verheimlicht auch nicht, dass die Antworten auf diese Fragen mit ganz konkreten Konsequenzen verbunden sind. Materielle Dinge, viel Geld und Besitz sind ihm nicht wichtig – es reicht ihm, wenn er sich abends sein Bier im Pub um die Ecke leisten kann und anstelle weiter Urlaubsreisen mit der Familie ein Picknick im Grünen macht.

Auch für uns hat die Entscheidung das Leben zu ändern, einen sicheren und gut bezahlten Beruf aufzugeben und unserem Traum zu folgen, materielle Auswirkungen gebracht. Aber auch wenn wir uns finanziell zur Zeit weniger leisten können, so sind wir der Meinung, den größten Luxus haben, den es in unserer westlichen Welt geben kann: Wir leben nicht nur unseren Traum, wir erleben viele ideale Tage mit einem Tagesablauf, der uns entspricht und einem Arbeitsalltag, an dem wir Zeit haben für scheinbar so selbstverständliche Dinge wie ein gemütliches Frühstück und ein selbst gekochtes Mittagessen. Der Konsum wird für uns immer weniger wichtig, wir merken, dass wir kaum mehr daran interessiert sind. So fällt es absolut nicht schwer auf Materielles zu verzichten. Denn so leben zu können, wie ich will, ist einfach der pure Genuss – und wohl auch ein ziemlicher Luxus. Aber eigentlich geht es nur um die Frage, wie die Konsequenzen einer Veränderung im Leben aussehen, und ob ich mit diesen gut leben kann. Dann steht der eudaimonia, der Glückseligkeit im Sinne von Erfüllung nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne wünsche ich: „Ein gutes Leben!“

Sigrid

 

Verwendete Literatur: Tom Hodgkinson, Business für Bohemiens, Verlag Kein & Aber

 

Istrien – ein schöner Arbeitsplatz!

Istrien – ein schöner Arbeitsplatz!

Kennst du dieses Gefühl der Unwirklichkeit, jene Momente, in denen du das, was du gerade erlebst, kaum fassen kannst? In den letzten Tagen häufen sich diese Glücksmomente bei mir. Aber jetzt mal langsam und von Anfang an:

Am Freitag machten wir uns bei strömendem Regen auf den Weg und sind quer durch Slowenien gefahren. Ab Postojna wurde die Wolkendecke etwas heller und das frische Grün der Bäume in der Karstlandschaft weckte unsere Vorfreude. Als wir bei Crni Kal die Karstlandschaft hinter uns ließen und steil bergab Richtung Meer fuhren, tauchten die ersten Olivenbäume auf, die Blüten des Ginsters und der Akazien begrüßten uns und schon gab es diesen freudigen Moment: der erste Blick aufs Meer! Die Luft war reingewaschen vom Regen, hell und klar leuchtete die mediterrane Landschaft. Auch auf der nun folgenden Strecke im kroatischen Teil von Istrien mit seiner dunkelroten Erde, dem jungen Grün der Weinstöcke und den abertausenden von Akazienblüten war sofort wieder dieses Gefühl von Urlaub und Entspannung da. Denn bisher waren wir ja immer als Urlauberinnen in Istrien unterwegs. Diesmal aber sind wir zum Arbeiten hier! Zugegeben, ein wunderschöner Arbeitsplatz!

TANGO und YOGA in Rovinj – in einem Apartment-Resort direkt am Meer und mit einem herrlichen Blick auf die Altstadt. Nach Norden zu folgte ein naturbelassener, völlig unbebauter Küstenabschnitt, der in den Pausen zum Spazierengehen einlud. Da gab es auch unzählige Plätzchen, um es sich windgeschützt zwischen den Felsen am Meer gemütlich zu machen und einfach auf den Horizont zu schauen, dem Rauschen der Wellen zu lauschen und das Leben zu genießen. Andere TeilnehmerInnen wieder zog es zum Flanieren nach Rovinj, vielleicht zu einem Cappuccino auf der Piazza oder einem Aperol in einer Bar am Hafen … . All das war das Rahmenprogramm zu intensiven Yogaeinheiten und für Solo Tango! Wir tanzten auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer, den Horizont vor Augen und umgeben von Tangomusik tauchten wir mit den TeilnehmerInnen immer tiefer ein in die Welt des Tango Argentino. Wunderbar!

Am Sonntag hatten wir nur eine kurze Wegstrecke, um an einen weiteren Ort, in dem wir schon mehrmals unseren Urlaub genossen hatten, zu reisen: Piran, das malerische Städtchen auf einer kleinen Landzunge im slowenischen Teil von Istrien, hatten wir als den Ort ausgewählt, an dem wir unsere vierte Straßenkunstsaison eröffneten.

Die große, ovale Piazza Tartini unterhalb der mächtigen Kirche wurde die Bühne für die Premiere des neuen wo/men tango acts, von dem Andrea im letzten Blogartikel erzählt hat. Und schon nach den ersten Takten, dem ersten Tango, der ersten Begrüßung unseres Publikums war sie wieder da – die Faszination der Straßenkunst! Nach den vielen Monaten der Winterpause ist es beinahe unglaublich, wie sehr sich diese Liebe zum Auftreten sofort wieder einstellt, dieses Wissen und Fühlen: Das ist es, woran unser Herz hängt! Dreimal tanzten wir unser neues Stück, immer wieder umringt von Kindern, die von unseren Seifenblasen begeistert waren und fasziniert unser Stück beobachteten. Wir hatten schon vermutet, dass dieses surreale, bunte Stück – kleine und große – Kinder besonders ansprechen wird.

Surreal wie die Geschichte, die wir in dieser Saison tanzen, ist eben auch unser Leben! Und bunt, abwechslungsreich und voller Überraschungen. Wir hätten uns niemals träumen lassen, dass diese schönen Orte unsere neuen Arbeitsplätze sein könnten! Das Hier-Sein, die Begegnungen mit den TeilnehmerInnen beim Workshop und mit unserem Publikum, unsere Tangoleidenschaft mit Solo Tango weitergeben zu können und als Straßenkünstlerinnen aufzutreten – einfach unglaublich, das größte Glück! Und so sind diese Tage hier auch verbunden mit einer großen Dankbarkeit!
Gracias a la vida heißt ein Tango von Violeta Parra – dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen!

Sigrid

Oder doch noch ein Tipp, zum Weiterlesen?
Vor zwei Jahren erzählte ich in einem Blogartikel von Bella Italia als schönem Arbeitsplatz.

 

Ballade für zwei Verrückte

Ballade für zwei Verrückte

In wenigen Tagen ist es wieder so weit – wir eröffnen unsere Straßenkunstsaison, diesmal in Piran und Umgebung. Unser neues Stück ist „reif“ und jetzt zieht es uns förmlich hinaus auf die Straßen. Es hat sich heuer wieder, wie auch die letzten Jahre schon, so ergeben, dass die Premiere im Ausland stattfindet. Und wir stellen fest, dass uns das sehr recht ist. In der Fremde, wo uns niemand kennt, ist es am Anfang leichter. Aber wir haben heuer auch vor, öfter in Graz aufzutreten.

Balada para dos locos – Ballade für zwei Verrückte, nennt sich unser neues Stück. In Anlehnung an einen berühmten Tango namens Balada para un loco haben wir es entwickelt. Die Musik dieses Tangos stammt von Astor Piazzolla, der Text von Horacio Ferrer. Es ist ein Tango, der uns immer schon fasziniert hat, in dem wir uns irgendwie wieder gefunden haben. Das ist auch nachzulesen im Blogartikel Loco, loco, loco, …, den ich vor einem knappen Jahr geschrieben habe. Als wir über das neue Stück nachzudenken begannen, war jedenfalls bald klar, dass dieser „verrückte Tango“ der Ausgangspunkt wird.

Am Anfang war also diese Idee. Der Prozess der Entstehung – eben von einer Idee bis zum fertigen Stück – ist für mich das Spannendste und Schönste an unserer momentanen Arbeit: fantasieren, Bilder im Kopf entstehen lassen, sich austauschen (was wollen wir ausdrücken?), im Text versinken, die Musik auswählen, tanzen, Kostüme entwerfen, Requisiten beschaffen, eine Choreografie festlegen, proben, verändern, proben, proben, uns filmen, proben, verändern, … und dann das Gefühl „Jetzt haben wir es!“

Entstanden ist diesmal ein surreales Stück: bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen entführen wir in die Straßen von Buenos Aires und auf eine Reise zur Venus. Es ist ein Stück über die verrückte Magie des Lebens und der Liebe!

Die Proben der letzten Tage haben unsere Vorfreude auf die heurige Straßenkunstsaison so richtig angefacht. Und das, obwohl es einige Pannen gab. So ist z.B. Sigrid’s Hose gleich bei der ersten Kostümprobe aufgeplatzt. Ihr Anzug besteht nämlich aus einem ganz besonderen Stoff, der sich aber leider nicht dehnt. Unserer wunderbaren Kostümbildnerin ist zum Glück schnell eine Lösung eingefallen, aber Sigrid musste wieder eine Zeit lang ohne Kostüm proben. Ein paar Proben später ging beim Regenbogenschirm, eine unserer Requisiten, eine der Streben kaputt. Einfach entzwei gebrochen, ob durch einen Materialfehler oder durch die Beanspruchung bei unserem Tanz, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir gleich einen neuen bestellt und hoffen, dass er rechtzeitig da ist. Und irgendwie passen diese Pannen ja zu unserem Stück. Obwohl wir schon hoffen, wenn sie jetzt passieren, dass es bei den Aufführungen keine mehr gibt.

So fiebern wir ihnen entgegen, den Auftritten. Wird alles so klappen, wie wir es uns vorstellen? Wie wird es beim Publikum ankommen? Gerade am Anfang haben wir natürlich auch Lampenfieber. Aber auch das gehört dazu. Denn das wunderbare Gefühl nach einem gelungenen Auftritt macht es wieder wett.

Andrea

 

Tango auf Rumänisch …

Tango auf Rumänisch …

Auf ihrer musikalischen Weltreise hat Andrea uns im letzten Blogartikel auch nach Bukarest entführt und mit ihren Erzählungen sind wir eingetaucht in das „Paris des Ostens“ als Tangometropole der 1920er und 1930er Jahre. Die Tangos auf der CD Bucharest Tango werden von Oana Catalina Chitu in rumänischer Sprache gesungen und wir tanzen nicht nur seit vielen Jahren gerne zu diesen Stücken, sie haben uns schon bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen im Jahr 2014 begleitet. Und gerade im öffentlichen Raum haben diese Tangos in rumänischer Sprache zu überraschenden und berührenden Begegnungen geführt, die uns erfreut und zugleich nachdenklich gemacht haben.

20140721_108_web-3Am Ufer des Donaukanals im Juli 2014 zum Beispiel haben sich zwei junge Frauen an der Kaimauer niedergelassen und uns lange Zeit zugeschaut. In einer Pause haben sie uns angesprochen und wollten gleich mehr über den Tango Zaraza, zu dem wir gerade getanzt hatten, wissen. Eine der beiden war nämlich aus Rumänien und studierte damals in Wien. Sie war überrascht und hocherfreut einen Tango in ihrer Muttersprache zu hören. Etwas schüchtern erzählte sie dann, dass sie selbst begonnen habe, Tango zu tanzen und fragte, ob ich mit ihr tanzen würde. So tanzte ich mit ihr zu Zaraza und es war deutlich zu spüren, wie viel ihr dieses Erlebnis bedeutete. Auch für uns war es eine der ersten intensiven Begegnungen mit unserem Publikum – ausgelöst durch diesen Tango in rumänischer Sprache.

Im Sommer 2015 gab ein anderer Tango jener CD den Impuls, unsere Auftritte zu verändern und neben dem Tanz auch mit Gesten und Mimik und mit Requisiten zu spielen. Es war das Stück Aprinde o tigara, der wie so viele Tangos von einer unglücklichen Liebe erzählt und in dem das Rauchen einer Zigarette Trost spenden soll. Nun, wir ließen uns nicht vom ganzen Text, sondern nur vom Titel inspirieren und machten daraus die erste Version unserer „Zigarrennummer“. Das Echo darauf war bei jedem Auftritt groß und somit war der Anfang für unsere wo/men tango acts gemacht: Wir entwickelten eine Geschichte, bestehend aus mehreren Tangos inklusive Aprinde o tigara. Andrea schlüpft darin in die Rolle des reichen Gutsbesitzers Andres, der am Bahnhof wartend Zigarre raucht …

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Als dieser wo/men tango act im Mai 2016 am Hackeschen Markt in Berlin Premiere hatte, dauerte es nicht lange, bis der Tango in rumänischer Sprache erneut zu überraschenden Begegnungen führte. Einmal war da ein Mann im Publikum, dem äußeren Anschein nach ein Obdachloser, einfach gekleidet und sehr verschüchtert in seiner Art. Dennoch kam er in der Pause auf uns zu und sagte mehrmals „Rumänien“. Wir bestätigen, dass da wirklich ein Tango in rumänischer Sprache dabei war und er strahlte. Dann bat er um ein wenig Geld und wir gaben ihm ein paar Münzen aus unserem Koffer. Ein andermal wartete eine Musikgruppe bis wir mit unserem Auftritt fertig waren, damit sie den Platz bespielen konnten. Auch sie waren aus Rumänien und haben den rumänischen Tango gleich erkannt. Leider konnten sie selbst keinen Tango spielen, sonst hätten wir zu ihrer Livemusik tanzen können. Wir begannen zu überlegen, warum diese Männer so berührt waren und meinen, dass es daran liegt, im öffentlichen Raum ihre Muttersprache zu hören. Sprache hat ja sehr viel mit Identität zu tun. Und diese Menschen leben mitten unter uns, sprechen mehr oder weniger gut unsere Sprache, aber hören ihre Sprache nur im privaten Umfeld. Ähnliche Erlebnisse hatten wir auch im Augartenpark in Graz, wo wir im Juni zweimal aufgetreten sind. Der Park war an jenen lauen Sommerabenden voller Leben, Kinder spielten, ganze Familien waren mit den Fahrrädern unterwegs, viele machten es sich auf den Parkbänken gemütlich. Es hatte den Anschein, als wäre der Park für einige von ihnen das Wohnzimmer, denn als wir zum zweiten Auftritt kamen, saßen die gleichen Männer auf den gleichen Bänken wie einige Tage zuvor. Einmal kam ein kleiner Junge zu uns und fragte, ob wir aus Rumänien seien. Er war ganz erstaunt, als wir verneinten und meinte: „Aber das war ja rumänisch!“ Dann eilte er zu dem Mann zurück, der auf der Bank saß. Dieser blieb bis zum Ende unserer Aufführung sitzen und als wir unsere Requisiten zusammenpackten kam er zu uns, bedankte sich und gab uns eine 2-Euro-Münze. Wir waren höchst überrascht, nicht nur darüber, dass er direkt auf uns zugekommen ist, sondern auch, dass er so großzügig war. Scheinbar haben wir uns gegenseitig beschenkt …

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Die berührendste Begegnung ausgelöst durch den Tango in rumänischer Sprache hatten wir aber im Herbst an der toskanischen Küste. In Italien leben ja viele Menschen aus Rumänien, weil ihre Sprache dem Italienischen sehr ähnlich ist und es für sie deshalb leichter ist, in diesem Land Fuß zu fassen. Wie überall in Europa leben sie, obgleich EU-BürgerInnen, aber auch dort am Rande der Gesellschaft und verrichten jene Arbeiten, die nicht viel wert und daher schlecht bezahlt sind. Bei unserem ersten Auftritt in Forte dei Marmi sind wir zu früh dran und daher sind noch sehr wenige Menschen unterwegs. Auf dem Platz, den wir als Auftrittsort gewählt haben, steht ein Brunnen, bei dem immer wieder Menschen Wasser holen. So auch eine ältere Frau, die gleich mehrere Kanister anfüllt und uns währenddessen zuschaut. Nach dem Stück kommt sie auf uns zu und wir sehen, dass sie Tränen in den Augen hat. Sie bedankt sich in einer Mischung aus Italienisch und Rumänisch und gibt uns einen 5-Euro-Schein. Wahrscheinlich arbeitet sie in einem der Hotels, sicher hat sie nicht viel Geld, und dennoch will sie uns diesen Schein unbedingt geben. Sie war berührt, so unerwartet ihre Sprache an jenem Platz zu hören, an dem sie wohl immer wieder Wasser holt. Auch wir sind tiefberührt und reich beschenkt. Das sind die Momente, in denen wir voll Dankbarkeit sind für die Erlebnisse als Straßenkünstlerinnen!

Nun, ein Tango in rumänischer Sprache hat den letzten Sommer begleitet. Seine Sprache hat Menschen berührt, die fern ihrer Heimat in einem anderen Land leben und dort ihr Glück suchen. So schließt sich der Kreis und die Weltreise des Tangos führt uns zurück nach Buenos Aires, wo er entstanden ist unter Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten auf der Suche nach einem besseren Leben. Vor mehr als hundert Jahren in Buenos Aires, heute mitten unter uns. Die Melodien des Tangos sprechen von Sehnsucht und Hoffnung, egal ob auf Italienisch, Spanisch oder eben in rumänischer Sprache. Und rühren die Menschen an, berühren ihre Herzen. Und wir als Straßenkünstlerinnen sind Gebende und Nehmende zugleich!

Sigrid

 

Winterzeit im Südburgenland

Winterzeit im Südburgenland

Nun, bevor er sich verabschiedet, der Winter, ein paar Gedanken über diese Jahreszeit, die nicht gerade meine Lieblingsjahreszeit ist. Dennoch hat sie gewisse Vorzüge, die ich im heurigen Winter entdeckt habe. Und es war ja wirklich ein richtiger Winter: erster Schnee im November, wochenlang dichter Raureif im Dezember, Frost, Eis und Schnee den ganzen Jänner. Direkt vor unseren Fenstern konnten wir diese Naturschauspiele bewundern. Wir machten aber auch trotz Kälte ausgedehnte Spaziergänge durch eine verzauberte, erstarrte Landschaft – vollkommene Stille, alles zur Ruhe gekommen. Und das überträgt sich dann auch auf dich. Winterzeit erlebte ich als Zeit des Rückzugs: in mich gehen, reflektieren, das vergangene Jahr abschließen, Platz schaffen für Neues, …

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Ich stellte fest, dass wir das Glück haben, dass unsere momentane Arbeit dem Rhythmus der Jahreszeiten angepasst ist. Wir hatten Ende November unseren letzten Workshop und starten jetzt Mitte Februar wieder mit dem ersten dieses Jahres, und die Straßenkunstsaison beginnt sowieso erst, wenn es wieder wärmer wird. Nicht dass es in dieser Zwischenzeit keine Arbeit gab, aber es war eine Arbeit, die genau der Jahreszeit entsprach: wir hielten Rückschau, überarbeiteten Dinge, erledigten die Buchhaltung – auch eine Art der Rückschau, planten für das neue Jahr, trainierten intensiv, nahmen und nehmen auch selbst wieder einmal Tango Privatstunden, und hatten auch den Freiraum, den es braucht, um einen kreativen Prozess in Gang zu bringen und ein neues Stück zu entwickeln. Aus einer Idee eine Geschichte zu machen, die wir tanzen können – das war wohl die schönste Arbeit des Winters und wir freuen uns schon darauf, damit auf die Straße zu gehen. Das Stück steht, die Kostüme sind in Arbeit, die Requisiten bestellt, jetzt geht es noch ans Ausfeilen und proben, proben, proben, … Der Frühling kommt, lasst euch überraschen!

Andrea

 

Ich lebe meinen Traum

Ich lebe meinen Traum

Ich habe einen Traum: Menschen beginnen, ihre Träume ernst zu nehmen und sie zu verwirklichen. Sie hören auf, ein Leben zu führen, von dem sie glauben, es führen zu müssen. Ich habe einen Traum: Menschen erkennen, welche besonderen Talente und Fähigkeiten in ihnen schlummern, und setzen diese ein – nicht nur in ihrer Freizeit, sondern auch in ihrer Arbeit. Ich habe einen Traum: Wir erkennen den Wert der Vielfalt und streben danach, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem wir unsere Stärken einsetzen und unsere ganz individuellen Träume verwirklichen. Darin liegt für mich die Zukunft unserer Gesellschaft und die der Arbeit. Sie haben die Wahl! Glauben Sie daran.

dscf6016Ich sitze gerade in unserer gemütlichen Stube mit Blick in die südburgenländische Winterlandschaft und sinniere über diese Aussage von Sabine Varetzka-Pekarz nach. Sie ist eine der MitbegründerInnen von SMARTWORK, eine Initiative zur Gestaltung der Zukunft der Arbeit. In der Oktoberausgabe des MEGAPHON gibt sie auf die Fragen Welche Wege gehen wir? Welche Taten setzen wir? oben genannte Antwort. Ich fühle mich sogleich sehr angesprochen und stimme ihr voll und ganz zu, weil ich das aus eigener Erfahrung sagen kann. Vor drei Jahren habe ich gemeinsam mit meiner Partnerin begonnen, so einen Traum zu verwirklichen, nämlich unsere bis dahin als Hobby betriebene Leidenschaft Tango tanzen zu unserem Beruf zu machen. Wir haben beide unsere Jobs als Lehrerinnen gekündigt, um diesem Traum zu folgen. Von manchen Menschen haben wir Unverständnis gespürt, viele haben uns aber auch bewundert und gemeint, wir seien mutig. Ich weiß nicht, ob in einem Sozialstaat wie Österreich, in dem man im Falle des Falles immer abgesichert ist, wirklich Mut nötig ist, um so einen Schritt zu setzen. Ich würde eher sagen, es erfordert Flexibilität und die Bereitschaft, sein Leben zu ändern. Das haben wir sicherlich getan. Wir haben uns von vielen materiellen Dingen getrennt und kommen mit wenig Geld aus, ohne dass uns etwas abgeht. Wir haben Sicherheiten und ein Leben, das nur auf die Zukunft ausgerichtet ist, aufgegeben und können so das Hier-und-Jetzt mehr genießen. Unser Luxus ist: das, was wir leidenschaftlich gern tun, beruflich zu tun. So gehört es jetzt zu unserem Alltag, jeden Vormittag eine Stunde Yoga für die körperliche Fitness und zwei Stunden Tanztraining zu machen. Ein Bekannter hat eines Tages, als er das mitbekommen hatte, gefragt, ob es nicht eine Überwindung sei, so konsequent zu trainieren. Aber zu etwas, das ich liebe, brauche ich mich nicht überwinden. Beim Tanzen gibt es immer wieder diese Flow-Momente, in denen ich alles um mich herum vergessen kann, nur die Musik und die Bewegung unserer Körper sind im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei auch zu entdecken, welche Fähigkeiten in einer schlummern, ist ein Geschenk. Fähigkeiten und Talente, die in der Kindheit schon da waren, dann aber im Laufe des Lebens in Vergessenheit gerieten, wieder wach zu rufen, bringt einige Aha-Erlebnisse und Überraschungen. Wenn mir vor vier, fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in Wien in der Kärntnerstraße, in Berlin am Hackeschen Markt, in Graz am Hauptplatz und auf italienischen Flaniermeilen als Straßenkünstlerin Tango tanzen werde, hätte ich ihn/sie für verrückt erklärt und gemeint, dass ich mich das nie im Leben trauen würde. Jetzt ist es so, dass es uns geradezu dazu drängt vor Publikum aufzutreten und das, was wir können, zu zeigen. Es ist natürlich mit Aufregung, manchmal auch mit Lampenfieber, verbunden, aber es zu lassen, kommt nicht in Frage. Get out of your comfort zone and be amazing hat eine liebe Bekannte, die Yoga unterrichtet und mit der wir gemeinsam einen Workshop machen, als Leitspruch auf einer ihrer Karten. Fähigkeiten und Talente wollen gezeigt werden, nur dann wird man immer besser, kann über sich hinauswachsen und etwas Schönes in die Welt bringen, das zur Vielfalt beiträgt.

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Zu oben genanntem Traum gehört auch, so weit wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Nun, ich habe mich vor ein bisschen mehr als einem Jahr als Künstlerin selbstständig gemacht. Eine ganz neue Erfahrung für mich! Natürlich gibt es keine finanziellen Sicherheiten, aber dafür den Freiraum, seine Zeit größtenteils selbstbestimmt zu gestalten. Das beginnt beim Tagesablauf. Man legt selbst einen Tagesrhythmus fest: wie schon erwähnt, eine Stunde Yoga, ca. zwei Stunden Tanztraining, ausreichend Zeit für kochen und Mittagessen, nachmittags Büroarbeit, netzwerken, Termine wahrnehmen, … , abends und wochenends (nicht immer) auftreten oder unterrichten. Und dasselbe gilt auch für die Planung eines größeren Zeitraumes: Wie wollen wir uns künstlerisch entwickeln? Wo wollen wir auftreten, wo Workshops anbieten? Wohin wollen wir reisen? Wo wollen wir uns beteiligen? Mit wem möchten wir Kooperationen eingehen? Wie betreiben wir Werbung? Es sind viele Entscheidungen zu treffen, aber wir bestimmen, was wir wann und wo tun. Wir sind für uns selbst verantwortlich. Was wir in diesem ersten Jahr ein bisschen übersehen haben, ist, auch Erholung einzuplanen. In der Aufbauphase ist natürlich sehr viel zu tun, man könnte eigentlich ständig arbeiten und das Meiste an unserer Arbeit macht uns großen Spaß, trotzdem braucht es auch Erholungsphasen. Jetzt, am Ende des Jahres haben wir gemerkt, dass wir davon zu wenige eingeplant hatten, wir waren zeitweise ziemlich erschöpft. Mein Vorsatz für das nächste Jahr ist also, jeden Tag, jedes Wochenende „Urlaub“ einzuplanen, dann brauche ich keine zwei oder drei Wochen Urlaub am Stück, um mich zu erholen. Mal sehen, ob es gelingt.

Auch wenn es noch viele Unsicherheiten gibt, und ich noch nicht genau weiß, wo uns der eingeschlagene Weg hinführen wird, glaube ich an unseren Traum. Und ich genieße es jetzt schon, ihn zu leben!

Andrea