Eine „heiße“ Woche …

Eine „heiße“ Woche …

Hola,

einige Stichworte aus dem Bericht von Andrea möchte ich aufgreifen, aber vorher muss ich wieder einmal übers Wetter berichten: Am Donnerstag sind wir um 12.30 aus der Tanzschule gegangen und es war unerträglich heiß und erstmals extrem schwül. Die Tage davor waren auch schon wieder hochsommerlich, aber so schlimm war es noch nie. Wir sind nur in unsere Wohnung und haben uns zur Siesta hingelegt. Am späten Nachmittag sind wir dann doch nochmals außer Haus gegangen, aber es war kaum auszuhalten. Erst am Abend, als wir die Nachrichten im Fernsehen eingeschaltet haben, wussten wir, warum der Tag so unerträglich war: es hatte 47° erreicht und um 21.00 Uhr waren es noch 43°!!! Und dann kam noch die Meldung, dass dieser Jänner der heißeste seit 53 Jahren ist. Na toll, und gerade den haben wir erwischt! Viele von euch wissen ja, dass wir den Winter nicht mögen und deshalb den Zeitpunkt unserer Reise so gewählt haben, aber mit diesen Extremen haben wir nicht gerechnet. In der Nacht zum Freitag kam übrigens ein heftiges Gewitter und den ganzen Freitag war es “kalt” bei 20° – wirklich erlösend!

Noch in einer anderen Hinsicht war es eine “heiße Woche” in Buenos Aires. Andrea hat ja vom Schwarzgeld berichtet. Am Mittwoch und Donnerstag hat der Argentinische Peso enorm an Wert gegenüber dem Dollar verloren, der Schwarzmarktwert dagegen ist stark gestiegen. In den Nachrichten war große Aufregung, denn seit dem „Corralito“ 2001, also dem großen Zusammenbruch der Wirtschaft und der Währung hier, ist der Peso noch nie so schnell so stark gefallen. Für uns bedeutet das natürlich einen guten Wechselkurs, für 1000 Pesos brauchen wir jetzt nur 96 € zu bezahlen, im November waren es über 120 €, aber wir denken und fühlen schon auch mit den Menschen, die wir hier kennengelernt haben, und verstehen ihre Unsicherheit. Das Land scheint wirklich wieder auf eine größere Krise zuzusteuern und es muss schwierig sein, mit dieser Situation umzugehen. Wir vermuten z.B., dass ein Grund für die jetzig Reise von Patricia und Nestor nach Europa darin liegen könnte, erspartes Geld auszugeben, bevor es nichts mehr wert ist oder wieder im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar auf der Bank liegt. Denn das hatten sie leider schon einmal erlebt. So können wir den Menschen hier nur wünschen, dass auch in Bezug auf diese „Hitze“ bald eine „Abkühlung“ kommt.

“Buenas noches” auch von mir, Sigrid

 

Lebensformen in Buenos Aires

Lebensformen in Buenos Aires

Hola muchachos!

Nun ist schon wieder eine Woche um, und in drei Wochen werden wir bereits zuhause sein. Hier beginnen wir schon mit dem Verabschieden. Gestern haben wir unseren letzten Ausflug mit Nestor und Patricia gemacht und sind bei ihnen zuhause ein letztes Mal bei einem Gläschen Champagne zusammen gesessen. Sie sind wirklich sehr nett und wir haben die Zeit mit ihnen sehr genossen. Sie haben uns hier nicht nur viele schöne Plätze gezeigt, die wir selber wahrscheinlich nicht gefunden hätten, sie waren auch sehr herzlich und offen. Die Unterhaltungen mit ihnen waren auch immer sehr interessant und wir haben so einiges über dieses Land erfahren. Nestor hat es gestern so zusammengefasst: El pais es loco, pero la gente son maravilloso. (Das Land ist verrückt, aber die Leute sind wunderbar.) So haben auch wir es hier erlebt. Es gibt so vieles, das hier nicht funktioniert und angeblich bricht die Wirtschaft im Rhythmus von zehn Jahren zusammen. Aber die Menschen sind trotzdem optimistisch, humorvoll und sehr hilfsbereit und herzlich. Viele müssen hier zu ÜberlebenskünstlerInnen werden.

Die unterschiedlichen Lebensformen, die es hier gibt, haben mich überhaupt sehr interessiert. In unserer Gesellschaft ist ja die Lebensform sehr davon abhängig, wie man sein Geld verdient. So gibt es hier z.B. viele Berufe/Jobs, die es bei uns so nicht mehr gibt oder zumindest nicht in so großer Anzahl. Einer davon ist der Portier.  Hier gibt es bei jedem Wohnhaus noch eine Portiersloge und sie ist auch besetzt. Die Häuser sind nämlich alle verschlossen und wenn man keinen Schlüssel hat, öffnet der Portier und wacht darüber, wer das Haus betritt.

Alle anderen Gebäude, wie Kaufhäuser, Hotels, Banken, öffentliche Gebäude, … werden von Sicherheitsbeamten bewacht, die den ganzen Tag beim Eingang stehen. Es gibt also kaum unbewachte Häuser und Sicherheit ist hier ein großes Thema. Manche gehen aus Gründen der Sicherheit sogar freiwillig ins “Gefängnis”. Bei unserem gestrigen Ausflug waren wir außerhalb von Buenos Aires noch einmal im Deltagebiet des Rio Parana, im sogenannten Norddelta. Dort ist es gerade sehr in, sich ein Haus zu kaufen. Patricia hat gemeint, alle wollen hier wohnen. Entsprechend hoch sind auch die Preise. Die Häuser, die es dort gibt, sind alle innerhalb von hohen Mauern oder Zäunen mit Stacheldraht. An den Ecken gibt es Wachtürme, wahrscheinlich auch Überwachungskameras und einen Einfahrtsbereich mit Schranken, der natürlich auch bewacht ist. Sehr sicher! Diese Menschen arbeiten nicht in der Stadt, weil der Weg zu weit ist, sondern von zu Hause aus über den Computer. Sie leben also in ihrer eigenen kleinen Welt.

DSCF3727Zurück nach Buenos Aires – hier arbeiten viele Menschen auf der Straße. Da gibt es an vielen Ecken Schuhputzer, die für ihre Kunden sehr komfortable Stühle bereit stehen haben und deren Schuhe ganz professionell auf Hochglanz bringen. Dann gibt es unzählige Straßenverkäufer, die Socken, Handtücher, T-Shirts, eigene Handwerksprodukte, Blumen, Wurst und Käse, … feilbieten. Sie haben ihre Angebote entweder auf Decken ausgebreitet oder haben kleine Wägelchen, mit denen sie herumziehen oder sie haben überhaupt nur sich selbst beladen und preisen ihre Produkte wie Marktschreier an.

Dann gibt es noch einen sehr seltsamen Job. Die Menschen, die ihn ausüben, nennt man “arbolitos” (Bäumchen). Unzählige von ihnen stehen den ganzen Tag in allen Fußgängerzonen und rufen unablässig: “Cambio! Change! Dolares, Euro, Real!” Man kann bei ihnen schwarz Geld wechseln. Es existiert ein riesiger Schwarzgeldmarkt ganz offiziell. Und es heißt hier nicht Schwarzgeld sondern “Dollar blue” mit einem eigenen Wechselkurs, den man auch in den Nachrichten erfährt. Die “arbolitos” bringen ihre Kunden in versteckte Wechselstuben, wo dann das Geschäft abgeschlossen wird.

Es gäbe hier noch viele andere Jobs zu erwähnen, aber ich will meinen Bericht nicht unendlich werden lassen. Erzählen muss ich noch von den Menschen, die keine Arbeit oder keinen Job haben und deshalb buchstäblich auf der Straße leben. Es gehört hier zum Straßenbild, an dem sich niemand zu stören scheint, dass Menschen am Gehsteig liegen und schlafen. Manche liegen auf einer Matratze in einer Hausnische, andere am blanken Stein nur mit einer Decke oder einem Tuch bedeckt. Einen Mann gibt es, der wie zum Hohn, sein Nachtlager regelmäßig in der Eingangsnische zum Wohnungsamt aufschlägt. Sehr berührt hat mich auch eine Entdeckung, die wir vor kurzem in dem Park, in dem wir unsere Spazierrunden drehen, gemacht haben.  In einem Baum, den wir wegen seiner Blütenpracht näher betrachtet haben, fanden wir ein fein säuberlich zusammengerolltes Bündel von Habseligkeiten. Es gehört sicher einem Menschen, der in diesem Park sein Nachtquartier bezieht. Man stößt also an allen Ecken und Enden auf die großen Widersprüchlichkeiten dieser Stadt, dieses Landes. Regiert wird es nämlich von einer Präsidentin, die schon mehrere Schönheitsoperationen hinter sich hat und Evita zu imitieren versucht. Ich bin vielleicht von Patricia und Nestor beeinflusst, sie mögen Christina Kirchner nicht und trauen ihr nicht zu, Argentinien aus der momentanen Krise zu führen.

Wie es mit diesem Land weitergeht, werden wir bald auch nur mehr aus der Ferne mitbekommen, aber mit einem anderen Bewusstsein.

Bei euch ist es jetzt ja schon mitten in der Nacht und so verabschiede ich mich mit einem “Buenas noches” !

Andrea

 

 

Die Stadt, die nie schläft

Die Stadt, die nie schläft

Hola,

ja, so ein fauler Sonntag tut richtig gut. Vor allem auch deshalb, weil wir ziemlich an Schlafmangel leiden. Schon bevor wir hierherkamen, haben wir über Buenos Aires gelesen: diese Stadt schläft nie. Und so ist es. Zum Essen geht man frühestens um 22.00 Uhr, zum Eis essen trifft man sich um Mitternacht, die Milongas dauern bis 3.00 oder 4.00 Uhr früh, viele Bars haben die ganze Nacht offen, der Verkehr strömt unaufhörlich. Selbst um 7.00 Uhr in der Früh – als wir nach Uruguay aufbrachen, waren wir so früh unterwegs – ist Betrieb und es erwacht eine Stadt zum Leben, die sich nie zum Schlaf gelegt hat. Entonces, in einer Stadt, die nicht schläft, kann man auch nicht schlafen, zumindest nicht eine Nacht durchschlafen. Hier, wo unsere Wohnung liegt, begleiten uns viele Geräusche, um nicht zu sagen Lärmquellen, durch die Nacht: das Entleeren der Mülltonnen durch die Müllabfuhr, das Hupen von Autos, Busse oder LKWs, die an unsrer Kreuzung stehenbleiben und wieder losfahren, Alarmanlagen von Autos, die plötzlich losgehen, Sirenengeheul, Lärm von einer Party, die genau vor unserem Balkon gefeiert wird, schreiende Menschen, ein Opernsänger, der gerade seine Arien übt und sogar Schüsse. Zusätzlich erschwert die Hitze das Schlafen und das Surren des Ventilators, den wir laufen haben, damit es ein bisschen einen Luftzug gibt. Dieses Problem der Schlaflosigkeit scheinen aber alle zu haben, die hierher kommen. Zumindest denjenigen, die wir kennengelernt haben, und die aus Deutschland oder den USA auch eine Zeit lang hier leben, ergeht es genauso. Selbst in dem Roman, den ich gerade gelesen habe, leidet der Protagonist, ein amerikanischer Schriftsteller, der ebenfalls einige Monate in Buenos Aires verbringt, an Schlaflosigkeit. Es scheint also etwas zu sein, das zu dieser Stadt gehört.

Die stillen Nächte daheim sind also eines der Dinge, auf die wir uns schon sehr freuen. Langsam beginnen wir uns ja schon mit dem Nachhause kommen auseinanderzusetzen. Gestern haben wir erfahren, dass wir die letzten Tage hier, nämlich die Februartage, ohne Patricia und Nestor auskommen müssen. Sie fliegen mit ihrer Nichte Sonja, die wir ja auch kennengelernt haben, für drei Wochen nach Europa, Barcelona und Paris. So reisen sie uns also voran.

Wir müssen also unsere Abreise und die Fahrt zum Flughafen alleine managen, aber da wir uns hier ja mittlerweile schon sehr gut auskennen, haben wir damit kein Problem.

Schön langsam kann ich also anfangen zu sagen: auf ein baldiges Wiedersehen!

Andrea

 

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Hola mis queridas!

Heute haben wir einmal einen faulen Sonntag verbracht. Seit Mitte der Woche gibt es hier die “ola de calor: parte II”, also die zweite Hitzewelle und gestern hatten wir die 40° erreicht. Auch für heute war ein heißer Tag angesagt, aber in der Nacht gab es einen heftigen Sturm, der für eine ordentliche Abkühlung gesorgt hat. So ist es heute erfreulicherweise wieder recht angenehm, ein schöner Sommertag mit einem kühlen Lüfterl.

Vorhin haben wir einen kleinen Spaziergang in unser Stammkaffeehaus und in unseren Lieblingspark gemacht. Einen guten, starken Kaffee zu finden, wie wir ihn lieben, war nicht so einfach. Die ersten eineinhalb Monate haben wir viele Kaffeehäuser ausprobiert. Es waren zum Teil sehr schöne und alte Cafes, aber der Cafecito, also der kleine Espresso war viel zu lang und zu dünn. Dann haben wir in einem Reiseführer, der hier in der Wohnung lag, den Tipp für “den besten Kaffee der Stadt” gefunden. Das Florida Garden, also der “blühende Garten” ist hier ganz in der Nähe, mit einem kleinen Umweg zu unseren Tanzstunden sind wir nun beinahe täglich dort. Mittlerweile brauchen wir gar nicht mehr zu bestellen, wenn wir an die Theke kommen, wir bekommen unseren Ristretto schon hingestellt und er ist wirklich köstlich – für unseren Geschmack tatsächlich der beste Kaffee der Stadt. Beim Verabschieden sagt der Kellner oder die Frau an der Kassa schon “hasta manana”, also bis morgen. Wir haben da also nicht nur einen sehr guten Kaffee gefunden, sondern auch ein Plätzchen, an dem wir ein wenig daheim sind. Dass der Kaffee dort noch dazu am billigsten ist und auch noch ein Kuchenhäppchen serviert wird, macht die Sache perfekt.

In den Park San Martin spazieren wir immer wieder gerne. Die ersten Fotos nach unserer Ankunft mit den blühenden Jacarandabäumen sind auch von diesem Park. Die Hauptblütezeit dieser Bäume ist natürlich längst vorbei, aber überraschenderweise blühen sie vereinzelt immer wieder neu, obwohl die Bäume von den ersten Blüten schon die Samenkapseln tragen. Außerdem gibt es dort einen riesigen Gummibaum und prächtige Palmen. Ein anderer Baum, dessen Namen wir nicht wissen, ist jetzt übervoll mit gelben Blüten. Es ist richtig erholsam in diesem Park ein paar Runden zu drehen. Der Verkehr rundum ist nicht extrem stark und die umliegenden Gebäude sind prächtige, alte Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende.

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Einen anderen Park haben wir gestern mit Patricia und Nestor besucht. Sie haben vorgeschlagen,  den missglückten Spaziergang vom Neujahrstag nachzuholen, wir waren also nochmals im Palermo-Park. Der Rosengarten, ein Teil dieses Parks, ist wunderschön. Es ist ein alter Park aus dem 19. Jhd., angelegt von einem französischen Gartenarchitekten, und auch die Rosenstöcke sind schon sehr alt. Wenn nicht die Hochhäuser hinter den Bäumen hervorschauen würden, könnte man vergessen, dass man sich mitten in einer riesengroßen Stadt befindet. Das einzige Problem war die extreme Hitze in der vollen Sonne.

Weil wir heute faul sind, fällt auch dieser Bericht kürzer aus als die letzten Male. Ich schicke liebe Grüße aus dem Sommer über den Atlantik.

Adios, Sigrid

La Boca und Palermo Soho

La Boca und Palermo Soho

Hola,

gestern waren wir mal so richtig als Touristinnen unterwegs. Wie in vielen anderen Städten gibt es auch hier diese typischen Touristenplätze, an denen Klischees am Leben erhalten oder künstlich produziert werden – denkt nur an Wien und “Sisi”. Hier geht es natürlich um den Tango, besser gesagt um den Platz, an dem der Tango in Spelunken und Hafenkneipen seinen Anfang genommen hat. Das barrio “La Boca” ist der alte Hafen von Buenos Aires gewesen, in dem sich zuerst afrikanische Sklaven und ab 1880 viele ItalienerInnen, vor allem aus Genua, niedergelassen haben. Es war immer schon ein armes Viertel und die Menschen haben ihre Häuser aus den Materialen gebaut, die es am Hafen gab: Wellblechwände, die in bunten Farben (von den Schiffen?!) angemalt waren. Auch heute noch ist La Boca ein armes Viertel und bis auf jenen kleinen Teil, der touristisch vermarktet wird, ist es eine sehr gefährliche Gegend. Es wird dringend davon abgeraten den kleinen Touristenbereich zu verlassen – ein junges Paar aus Deutschland, das schon seit August hier ist, wurde beim Spaziergang in einer Seitengasse am helllichten Tag mit der Pistole bedroht und ausgeraubt. Aber keine Sorge, wir wussten ja Bescheid und außerdem waren wir mit Patricia und Nestor dort. Uns ist gleich nach der Ankunft aufgefallen, dass die beiden sich hier als unsere Bodyguards verstanden haben: Patricia ist vorangegangen, Nestor war immer knapp hinter uns, wenn wir stehengeblieben sind um uns umzuschauen oder zu fotografieren, haben sie gewartet … Es waren sehr viele Leute dort (obwohl das angeblich noch nicht viele waren, heute, Sonntag sei dreimal so viel los) und es war so richtig ein Touristenspektakel mit Verkaufsständen von “Kunsthandwerk” und Bildern (zum Teil sehr schön!), mit überteuerten, schlechten Restaurants, mit StraßenkünstlerInnen, die Folklore oder Tango präsentierten. Beim Tango gab es SängerInnen, dann Tanzpaare, die sich nur fürs Foto postierten und Tanzpaare, die von den Restaurants engagiert waren und die auf winzig kleinen Tanzflächen tanzten. Die bunten Häuser sind wirklich nett und die kleinen Hinterhöfe, in denen es jetzt Souvenirgeschäfte gibt, schauen schön aus. Wenn man sich dann aber vorstellt, wie die Einwanderfamilien hier auf engstem Raum gelebt haben, dann sieht die Sache schon wieder anders aus.

DSCF3963 (2)Das alte Hafenbecken ist schon längere Zeit nicht mehr in Betrieb und die alten Fabriken sind verfallen. Es waren hauptsächlich Lederfabriken (Rinderzucht in Argentinien, Einwanderer als billige Arbeitskräfte, … die Geschichte wiederholt sich immer wieder) und der Fluss dort ist tot, weil alle Abwässer der Fabriken hineingeleitet wurden.

Zu La Boca gehört natürlich auch der Fußball und auch wenn wir uns dafür nicht so interessieren, da kommt man nicht dran vorbei! Das Stadion der “Boca Juniors” ist mitten in die kleinen Straßen des Viertels hinein gebaut. Es wird La Bombonera, die Pralinenschachtel genannt, denn wegen Platzmangel sind die Tribünen extrem steil und reichen direkt bis ans Spielfeld. Es ist unvorstellbar, wie es sein muss, wenn “Boca” ein Spiel hat, Zehntausende durch diese Straßen ziehen und die Bombonera kocht. Und sogar nicht-Fußball-Fans wie wir haben gewusst, dass Diego Maradona von diesem Club gekommen ist.

Danach haben Patricia und Nestor uns quer durch die Stadt chauffiert und wir sind in das Designerviertel Palermo Soho gefahren. Gegensätzlicher hätten die Eindrücke dieses Tages nicht sein können! Hier gibt es auch kleine Straßen, die Häuser sind fast alle nur einstöckig und zum Teil sehr schön renoviert. Und es reiht sich ein Modegeschäft mit argentinischer Designermode neben das andere. Die Mode war sehr interessant, weil sie ganz anders ist, als das, was man in Europa unter “Designerstücken” versteht. Mindestens gleich interessant fand ich die Geschäftsräume: jeder war anders gestaltet, die alten Räumlichkeiten wurden mit modernen Elementen ergänzt und beeindruckend gestaltet. Einige gaben den Blick frei auf kleine, üppig grüne Innenhöfe. Außer den Geschäften gibt es unzählig viele Lokale. Die meisten haben die Tische am Gehsteig und es war zum ersten Mal, seid wir hier sind, dass es nette Plätze zum Draußen-Sitzen gab. Auch hier waren sehr viele Leute, aber die Stimmung war ganz anders als in La Boca. Wie Andrea im letzten Bericht schon geschrieben hat, wurden wir an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert. Auch dort sind die alten Häuser revitalisiert, es gibt viele Lokale und interessante Geschäfte.

Und zum Abschluss des Tages haben wir ausgesprochen gut gegessen! Patricia und Nestor haben uns in eines ihrer Lieblingslokale geführt, wo sie auch gleich als Stammgäste herzlich begrüßt wurden und wir dadurch überhaupt einen Tisch bekommen haben. Dort gibt es Grillspezialitäten, aber nicht nur, dass das Fleisch sehr köstlich war, es gab dazu ca. 15 – 20 verschiedene kleine Schälchen mit Saucen, Beilagen und Salaten. Wir müssen jetzt also endgültig unser Urteil über die Küche in Buenos Aires zurücknehmen und feststellen, dass wir bisher beim Essen gehen entweder Pech hatten oder eben einfach nicht gewusst haben, wo es wirklich gut schmeckt. Allerdings eine Feststellung bleibt: wenn du gut essen willst, dann musst du hier Fleisch bestellen; alles andere, inklusive Pasta, ist nicht nach unserem Geschmack.

Morgen fahren wir, wie schon angekündigt, für vier Tage nach Uruguay. Mal sehen, wie es auf der anderen Seite des Rio de la Plata so ist. Außerdem brauchen wir eine kleine Pause von Buenos Aires – und dem Tango.

Sigrid

 

Bueno ano nuevo!

Bueno ano nuevo!

Hola mis queridos,

irgendwie ist es immer schwierig auszuwählen, von welchen Eindrücken und Erlebnissen ich berichten soll, denn es gäbe so vieles zu erzählen, dass unser Bericht unendlich lang würde.

Nun, zuerst einmal sind wir gut ins neue Jahr gerutscht. Wir haben uns mit Nestor, Patricia, deren Schwester Estrela, ihrem Mann und ihrer Tochter Sonja in einem Lokal in Palermo getroffen. Palermo ist ein Barrio (Stadtviertel) von Buenos Aires, das mehr an den Prenzlauer Berg von Berlin als an das Palermo Siziliens erinnert. Am Silvesterabend war die Straße, in der das Lokal liegt, für Autos gesperrt und stattdessen wurden dort die Tische aufgestellt. Es herrschte eine angenehme, entspannte Stimmung und es war ein lauer Sommerabend. Das angebotene Silvestermenu war ausgezeichnet. Das erste Mal, dass wir in dieser Stadt in einem Lokal wirklich sehr gut gegessen haben, bisher waren wir von der argentinischen Küche eher enttäuscht. Um Mitternacht wurde Sekt ausgeschenkt und mit einem “Feliz ano” auf das neue Jahr angestoßen.

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Danach ging die Party los. Es wurden alle möglichen “Faschingsartikel” wie Hüte, bunte Kränze, leuchtende Reifen, etc. verteilt, alle haben sich damit geschmückt und dann wurde auf der Straße getanzt, nicht Tango und auch nicht Walzer (wir haben noch zu Hause in unsrer Wohnung, als es in Österreich Mitternacht war, übers Internet den Donauwalzer empfangen können und dazu getanzt), sondern wie in der Disco zu ganz populären argentinischen Songs, bei denen auch alle mitgesungen haben. Die Stimmung wurde ziemlich ausgelassen und irgendwie hatte man den Eindruck, es tanzen alle miteinander.

Was es im Unterschied zu Weihnachten nur sehr wenig gab, waren Feuerwerke. Patricia hat uns erklärt, dass das in schlechten Jahren immer so ist und ein Signal an die Politik sein soll. Die Inflation ist hier sehr hoch, wir merken es allein in der kurzen Zeit, die wir hier sind schon, und die Menschen hier wissen nicht, was im nächsten Jahr auf sie zukommen wird. Noch dazu haben die Menschen hier, wenn sie sich in den letzten Tagen ein “Feliz ano” gewünscht haben, im gleichen Atemzug einander nachgefragt “Tiene agua, tiene luz?” Denn hier kam es in letzter Zeit immer wieder zu Strom- oder Wasserausfällen. Plötzlich ohne Ankündigung hatte ein ganzes Viertel kein Wasser oder keinen Strom und das nicht nur für kurze Zeit sondern mehrere Tage oder sogar Wochen. Am Silvesterabend hatte gerade Patricias Schwester keinen Strom und erst vorgestern, als wir in der Stadt unterwegs waren, gab es eine Demonstration, bei der die Menschen Strom eingefordert haben. Es ist also im Moment hier eine schwierige Situation. Auch wir erleben hier immer wieder Situationen, in denen wir uns fragen “Es realidad o no?”

So zum Beispiel am Neujahrstag. Nachdem wir uns halbwegs ausgeschlafen hatten, denn wie immer hier in Buenos Aires ist es auch zu Silvester sehr spät geworden, haben wir gemeint, wir könnten ein bisschen frische Luft und Bewegung gebrauchen. Also haben wir beschlossen, in die großen Parkanlagen von Palermo zu fahren. Wir nahmen den Bus, denn an Feiertagen kann man leider kein Fahrrad leihen. Mit  1. Jänner wurden nun hier die Tarife für den Bus ziemlich erhöht und man kann nur mit Münzen bezahlen. Wir haben also für die Fahrt hin schon alle unsre Münzen aufgebraucht. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass die größten und schönsten Teile des Parks abgeschlossen waren (sie sind nur am 1. Jänner geschlossen). Was jetzt? Wir beschließen bis zur nächsten größeren Plaza zu gehen, von der es eine U-Bahn zurück in die Innenstadt gibt. Der erste U-Bahn-Abgang zu dem wir kommen, ist ebenso geschlossen. Wir überlegen schon, ob am 1. Jänner auch keine U-Bahn fährt, da zeigt uns ein Passant einen Abgang auf der anderen Seite des Platzes und meint, dass dieser offen sei. Wir gehen also dorthin, er ist offen und als wir das Ticket kaufen wollen, erklärt uns die Frau am Schalter, dass zur Zeit wegen einer Störung keine U-Bahn fährt und sie wisse nicht, wie lange es dauern würde. Nun versuchten wir noch in Bars, Kiosken oder bei Passanten unser Papiergeld in Münzen zu wechseln, um doch den Bus nehmen zu können. Ohne Erfolg, es ging ja auch vielen anderen gleich wie uns. Wie waren also in Palermo gestrandet, das ziemlich weit von unserer Wohnung entfernt liegt. Wir machten uns also zu Fuß auf den Weg, wir wollten ja Bewegung machen. Und dann hatten wir doch noch Glück. Als wir zur nächsten U-Bahn-Station kamen, ist sie wieder gefahren und wir kamen doch auf Rädern zurück in die Innenstadt. Solche Situationen passieren immer wieder – vieles kommt anders als geplant. Aber das ist vielleicht eine gute Übung für uns, um gelassener und flexibler zu werden, aber manchmal ist es schon verrückt. Es gibt einen Tango, der heißt “ballada para un loco” (Ballade für einen Verrückten) – dieser Tango könnte zur Hymne für Buenos Aires werden.

Saludas de un Buenos Aires loco

Andrea

 

 

Hitzewelle in Buenos Aires

Hitzewelle in Buenos Aires

Hola chicas y chicos,

“mucho calor” ist zur Zeit hier in aller Munde, denn mittlerweile wird die Hitze ziemlich unerträglich. Es kühlt nun schon längere Zeit überhaupt nicht mehr ab und die Brise, die normalerweise vom Rio de la Plata her weht, hat auch aufgehört. Somit staut sich die Hitze in den Häuserschluchten und gemeinsam mit den Autoabgasen ergibt das ein höllenmäßiges Gemisch – heiß und stinkig.  Wir sind also momentan nur so viel unterwegs wie unbedingt notwendig und stellen uns mindestens dreimal am Tag unter die kalte Dusche.

Zu tanzen wäre im Moment ohne Klimaanlagen unmöglich, aber die gibt es hier ja überall und auch diese altmodischen Ventilatoren, die von der Decke hängen, sind hier vor allem in den alten Häusern im Moment voll im Einsatz. Wenn man nun z.B. in einem alten Café sitzt, einen cafesito oder ein kühlendes Getränk genießt und an der Decke die Ventilatoren summen, fühlt man sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Aber draußen auf der Straße ist man schnell wieder in der Realität angekommen. Von weniger Menschen oder Verkehr, wie von den Einheimischen für die Zeit nach Weihnachten prophezeit, ist noch nichts zu merken. Es gibt zurzeit auch Baustellen an jeder Ecke und der Weg von einem Ort zum nächsten ist ein Hindernislauf.

Wir sind deshalb gerade am Planen für ein paar Tage aus Buenos Aires zu verschwinden und nach Uruguay zu fahren. Zuerst mit der Fähre nach Montevideo und dann mit dem Bus weiter nach Colonia, ein sehr kleiner Ort am Rio de la Plata, der von allen Einheimischen als sehr erholsam gepriesen wird. Von dort gibt es wieder eine Fähre zurück nach Buenos Aires. Den genauen Zeitpunkt dieser kleinen Reise wissen wir allerdings noch nicht, denn wir müssen erst sehen, wann wir ein Zimmer bekommen. Vorher feiern wir ja auch noch Silvester wieder gemeinsam mit Nestor und Patricia und deren Schwester mit Mann und Tochter.

Heute werden wir nichtsdestotrotz noch auf eine Tanzveranstaltung gehen, denn die “Escuela argentina de Tango”, also unsere Schule, feiert heute schon “Milonga a Fin de ano”. Wir beginnen also heute schon einmal damit den Jahreswechsel zu feiern.

Einen guten Rutsch euch allen zu Hause (auch ich, Sigrid schließe mich dem an!) und viele liebe Grüße

Andrea