Begegnungen mit Menschen und Natur

Begegnungen mit Menschen und Natur

Hola

aus einem angenehm kühlen Buenos Aires. Nach einem Gewitter gestern und heute Nacht regnet es jetzt und hat stark abgekühlt – wir genießen es richtig!

Erst diese Woche haben wir ein Naturparadies, gar nicht sehr weit von unserer Wohnung entfernt, entdeckt – den Parque Ecologica Costanera Sur. Wir müssen uns aber nicht ärgern, dass wir ihn nicht schon früher entdeckt haben, denn nachdem seine Wege nur sehr wenig beschattet sind, wäre es bei der Hitze, die wir bisher hatten, sowieso nicht möglich gewesen, ihn aufzusuchen.

Nun, dieser Park ist ein riesengroßes Naturreservat direkt am Rio de la Plata. Wir haben ihn per Rad erkundet. Die Wege führen durch einen Urwald, der teilweise vom Fluss her unter Wasser steht. Es gibt auch riesige Wasserbecken, die mit Schilf bedeckt sind. Gesäumt sind die Wege von exotischen Pflanzen, die es bei uns nur als Zimmerpflanzen gibt, teilweise in voller Blütenpracht. Dattelpalmen mit Unmengen von Dattelrispen, Bananenstauden mit Blüten und schon angesetzten Früchten und andere riesige Bäume ragen aus der Wildnis.

DSCF4265Wir sind überhaupt von den Bäumen hier, auch in der Stadt, in den Parks oder Alleen sehr angetan. Sie sind so groß und mächtig. Zu jeder Zeit blüht irgendeine Art auf das Prächtigste. Und die Gummibäume sind überhaupt der Wahnsinn. Sie werden so groß, dass ihre Äste, so groß wie ein Baum, teilweise am Boden aufliegen oder abgestützt werden müssen. Der größte und älteste Gummibaum, den es in Buenos Aires gibt, füllt einen ganzen Platz aus, und die Plätze sind hier wahrlich nicht klein.

Nun aber noch einmal zurück in den Naturpark.  Hier finden auch viele Tiere einen Zufluchtsort und es ist vor allem ein Vogelparadies. Wir konnten Vögel in den unterschiedlichsten Größen und Farben beobachten. Ein ganz besonderes Erlebnis war es, als wir uns einer Baumgruppe näherten, aus der lautes Gekrächze kam. Dort angelangt, entdeckten wir in den Baumkronen einen riesigen Papageienschwarm.  Ich habe noch nie Papageien in freier Natur gesehen – es war  einfach toll!

Ein anderes faszinierendes Tier hat nur Sigrid zu Gesicht bekommen. Eine große Echse ist, nachdem sie uns wahrgenommen hat, in den Büschen verschwunden. Sigrid meint, sie war knapp einen halben Meter lang, schwarz, und hatte gelbe Streifen. Außerdem soll es dort auch viele Schlangen geben, von denen sich uns aber keine gezeigt hat.

Das war wirklich ein ganz besonderer Nachmittag mitten aus dem Großstadtdschungel in so ein Naturerlebnis einzutauchen. Irgendwie wäre es ja schön, noch einmal dorthin zu kommen, aber mittlerweile sind unsere Tage hier gezählt und es gibt noch einiges, das wir gerne machen möchten. Wir werden sehen.

dsc_5800s[1]Morgen haben wir unsere letzte Unterrichtsstunde in der Escuela – der nächste Abschied. Aber die beiden Lehrenden, bei denen wir hauptsächlich unseren Unterricht genommen haben, sehen wir noch im Lauf der Woche. Von Augusto (dritter von rechts in der ersten Reihe) haben wir ja schon in unserem Bericht über das Queertangofestival erzählt. Er ist ein großartiger Tänzer und Lehrer. Von ihm werden wir uns am Freitag bei der Milonga, die er veranstaltet, verabschieden.

Noch nicht erzählt haben wir, glaube ich, von Aurora, am Foto links neben Augusto. Sie war auch eine Lehrerin am Festival und von ihr konnten wir auch das Studio für unser Training mieten. Sie ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Ziemlich bald, nachdem wir sie kennen gelernt haben, erfuhren wir, dass sie an Krebs erkrankt ist. In einer der ersten Wochen, die wir hier waren, hatte sie ihre letzte Chemotherapie. Vorher schon hatte sie alle ihre Haare verloren. Ich werde es nicht vergessen, wie sie beim Festival zum ersten Mal erschien – eine sehr kleine, glatzköpfige Frau, aber mit einer faszinierenden Ausstrahlung. Sie war inmitten der vielen Menschen nicht zu übersehen und hat mit viel Elan und Humor den Workshop geleitet. Mittlerweile beginnen ihre Haare gerade wieder zu wachsen. Sie ist uns hier sehr vertraut geworden, weil wir sie fast jeden zweiten Tag gesehen haben. Wir haben bei ihr auch Privatstunden genommen, von denen wir sehr profitiert haben. Sie ist eine Profi-Tänzerin und beherrscht beide Rollen im Tango perfekt. In den Privatstunden tanzt sie abwechselnd mit Sigrid und mit mir. Und sie hat so viel Humor. In ihren Stunden wird mindestens drei Mal herzlich gelacht. Wie so viele Menschen hier, ist auch sie uns so herzlich und offen begegnet, ein Geschenk. Ich glaube, sie wird diese Krankheit überwinden, denn sie hat noch so viel Lebensenergie und noch so viel zu geben. Sie ist gerade am Planen im September für Tangounterricht nach Wien zu kommen. Also wird der Abschied von ihr nicht ganz so schwer, denn da wollen wir sie unbedingt wiedersehen.

Heute wollen wir noch auf die Sonntagnachmittags-Milonga in der Confiteria Ideal, ganz bei uns in der Nähe, gehen. Also verabschiede ich mich jetzt mit vielen Grüßen an euch alle,

Andrea

 

Begegnungen

Begegnungen

Hola mis queridas!

In den letzten Berichten haben wir ja schon einige Male erwähnt, wie sehr wir von den Menschen hier angetan sind. An einem Tag dieser Woche, am Mittwoch, hatten wir besonders viele überraschende Begegnungen, sodass ich davon berichten möchte.

Begonnen hat der Tag mit einer nervigen Begegnung. Wir wollten uns ein Fahrrad ausleihen um in einen weiter entfernten Stadtteil zu fahren, um dort CDs zu kaufen. Als wir im Fahrradcontainer wie üblich die Reisepassnummer und unseren Code nennen, um uns registrieren zu lassen, meint die junge Frau, dass mein Zugang abgelaufen sei und ich kein Rad bekommen könnte. Die Registrierung im November hat sehr einfach funktioniert: Als TouristIn brauchst du nur deinen Reisepass vorzulegen, vom Einreisedatum an hast du 3 Monate Aufenthaltsgenehmigung und in diesen 3 Monaten kannst du ein Fahrrad leihen. Warum also soll meine Zeit schon abgelaufen sein? Während wir mit unserem bisschen Spanisch versuchen, mit der jungen Frau zu kommunizieren, spricht uns eine Frau, die gerade auch in den Radcontainer gekommen ist, auf Englisch an und fragt, ob sie helfen kann. Sie dolmetscht dann für uns und es stellt sich heraus, dass ich meinen Reisepass brauche, um das Datum zu checken. Die Frau entschuldigt sich dann fast dafür, dass wir Komplikationen haben und meint, in diesem Land braucht man viel Geduld. Wir gehen also zurück in unsere Wohnung und holen meinen Reisepass. (Übrigens ein Tipp fürs Reisen: Wir haben immer nur die Kopie des Reisepasses eingesteckt und der Pass selbst liegt sicher in der Wohnung!) Zurück im Radcontainer bestätigt sich, dass ich am 13. November in Argentinien eingereist bin. Die junge Frau meint aber: Klar, also ist mein Zugang am 13. Jänner abgelaufen! Für sie sind das 3 Monate – Nov / Dez/ Jän – und sie lässt sich das, noch dazu mit unseren Spanischkenntnissen, nicht ausreden. Da kommt ein Paar in den Radcontainer und der Mann schaltet sich gleich in die Diskussion ein. In aller Ruhe redet er auf die junge Frau und ihre Kollegin ein. Ich zeige dann, als Ausweg, in meinem Reisepass den Stempel, der bestätigt, dass ich am 9. Jänner aus Uruguay kommend erneut in Argentinien eingereist bin. Sie solle also die 3 Monate einfach erneut eingeben. Das gehe vom System her nicht, meint die junge Frau. Der Mann, ein Argentinier aus einer Provinz, der hier scheinbar auf Urlaub ist, erklärt ihr dann in aller Ruhe, dass das System niemals so wichtig sein kann wie die Menschen. Man müsse versuchen mit Systemen so umzugehen, dass sie für und nicht gegen die Menschen arbeiten. Nach der Art, wie er mit den beiden jungen Frauen gesprochen hat und ihnen gleich eine Lektion in Zivilcourage geben wollte, vermute ich, dass er Mittelschulprofessor gewesen sein könnte. Er hat die junge Frau jedenfalls so weit gebracht, dass sie telefonisch nachgefragt hat, ob ich mich neu registrieren lassen kann. Dann haben er und seine Partnerin sich verabschiedet und noch gemeint: paciencia! Wir haben also geduldig gewartet bis der Rückruf gekommen ist. Die Lösung war ganz einfach: vom 9. Jänner weg kann ich wieder für 3 Monate registriert werden und die junge Frau hat mit voller Überzeugung den 9. März (!) als Ablaufdatum eingegeben. Aber was soll’s, da bin ich schon lange wieder in Österreich. Wir haben also nach einer 3/4 Stunde unsere Fahrräder bekommen. (Kleines Detail am Rande: Andrea hat sich natürlich am gleichen Tag wie ich, am 26. 11., registrieren lassen und der junge Mann, der damals ihre Eingabe gemacht hat, hat gleich von diesem Datum weg die 3 Monate gerechnet – sie darf bis 26. Februar in Buenos Aires radfahren! So viel zum Thema  “Systeme”.)

Wir sind also ziemlich verspätet und auch einigermaßen verärgert losgefahren. Andererseits haben wir es toll gefunden, wie diese völlig fremden Personen uns geholfen haben. Nach zwei Häuserblöcken hören wir Rufe und sehen zwei Leute aufgeregt winken: Das Paar von vorhin kommt auf uns zugelaufen und will wissen, wie es nun doch geklappt  hat. Wir bleiben stehen und erzählen kurz. “Felicitacion” – Gratulation! rufen sie uns zu und gehen weiter.

Später sind wir im CD-Geschäft und suchen nach Tango-CDs (eh klar, was sonst, denkt ihr euch wahrscheinlich). Nach einiger Zeit kommt eine junge Frau mit einer CD in der Hand auf uns zu und fragt, ob wir nach Tango Ausschau halten. Diese CD könnte sie uns sehr empfehlen, wir sollen sie uns anhören, sie sei sehr gespannt, ob sie uns gefällt. Wir hören sie gleich an und sie ist großartig. Lidia Borda heißt die Sängerin, die Tangos aus den 30er und 40erJahren, also der “Goldenen Zeit” des Tango singt. Und sie singt wirklich toll. Wir suchen die junge Frau und bedanken uns für den Tipp. Sie freut sich sichtlich und meint, die Sängerin sei eine der besten, die es momentan in Buenos Aires gibt. Würde bei uns wohl kaum vorkommen, dass du von einer völlig fremden Person einen Musiktipp bekommst.

Am frühen Abend nach Buenos Aires Zeit, also um 22.00 Uhr, sind wir unterwegs zur Milonga und stoppen ein Taxi. Ich grüße und sage, wohin wir möchten. Der Taxler antwortet: Your spanish is as bad as my englisch! Und er lacht herzlich. Während der Fahrt unterhalten wir uns über die TangotouristInnen aus aller Welt.

Die Milonga, zu der wir gefahren sind, war keine Queermilonga, aber es gab an diesem Abend Livemusik und außerdem wollten wir mal sehen, wie es auf einer traditionellen Milonga ist. Wir waren das einzige Frauenpaar und wurden während des Tanzens entsprechend stark beobachtet. In einer Tanzpause kam dann ein Mann, wie sich später herausstellte, ein Porteno, auf mich zu und meinte: Congratulation to yor leading! Ich war ziemlich überrascht von einer mir fremden Person einfach so ein Kompliment zu bekommen. Wir haben dann eine Weile übers Tanzen und über das Führen im Tanz geplaudert und dann ist er wieder gegangen.

An diesem einen Tag waren die Begegnungen besonders dicht komprimiert und sie zeigen die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen hier. Diese Begegnungen nehmen wir als starke Erinnerung an Buenos Aires mit und sie werden uns wohl ein bisschen abgehen.  Aber auch wenn in Österreich die Begegnungen mit Fremden nicht so ablaufen, wir freuen uns schon sehr, euch wiederzusehen.

Also, bis bald

Sigrid

 

Eine „heiße“ Woche …

Eine „heiße“ Woche …

Hola,

einige Stichworte aus dem Bericht von Andrea möchte ich aufgreifen, aber vorher muss ich wieder einmal übers Wetter berichten: Am Donnerstag sind wir um 12.30 aus der Tanzschule gegangen und es war unerträglich heiß und erstmals extrem schwül. Die Tage davor waren auch schon wieder hochsommerlich, aber so schlimm war es noch nie. Wir sind nur in unsere Wohnung und haben uns zur Siesta hingelegt. Am späten Nachmittag sind wir dann doch nochmals außer Haus gegangen, aber es war kaum auszuhalten. Erst am Abend, als wir die Nachrichten im Fernsehen eingeschaltet haben, wussten wir, warum der Tag so unerträglich war: es hatte 47° erreicht und um 21.00 Uhr waren es noch 43°!!! Und dann kam noch die Meldung, dass dieser Jänner der heißeste seit 53 Jahren ist. Na toll, und gerade den haben wir erwischt! Viele von euch wissen ja, dass wir den Winter nicht mögen und deshalb den Zeitpunkt unserer Reise so gewählt haben, aber mit diesen Extremen haben wir nicht gerechnet. In der Nacht zum Freitag kam übrigens ein heftiges Gewitter und den ganzen Freitag war es “kalt” bei 20° – wirklich erlösend!

Noch in einer anderen Hinsicht war es eine “heiße Woche” in Buenos Aires. Andrea hat ja vom Schwarzgeld berichtet. Am Mittwoch und Donnerstag hat der Argentinische Peso enorm an Wert gegenüber dem Dollar verloren, der Schwarzmarktwert dagegen ist stark gestiegen. In den Nachrichten war große Aufregung, denn seit dem „Corralito“ 2001, also dem großen Zusammenbruch der Wirtschaft und der Währung hier, ist der Peso noch nie so schnell so stark gefallen. Für uns bedeutet das natürlich einen guten Wechselkurs, für 1000 Pesos brauchen wir jetzt nur 96 € zu bezahlen, im November waren es über 120 €, aber wir denken und fühlen schon auch mit den Menschen, die wir hier kennengelernt haben, und verstehen ihre Unsicherheit. Das Land scheint wirklich wieder auf eine größere Krise zuzusteuern und es muss schwierig sein, mit dieser Situation umzugehen. Wir vermuten z.B., dass ein Grund für die jetzig Reise von Patricia und Nestor nach Europa darin liegen könnte, erspartes Geld auszugeben, bevor es nichts mehr wert ist oder wieder im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar auf der Bank liegt. Denn das hatten sie leider schon einmal erlebt. So können wir den Menschen hier nur wünschen, dass auch in Bezug auf diese „Hitze“ bald eine „Abkühlung“ kommt.

“Buenas noches” auch von mir, Sigrid

 

Lebensformen in Buenos Aires

Lebensformen in Buenos Aires

Hola muchachos!

Nun ist schon wieder eine Woche um, und in drei Wochen werden wir bereits zuhause sein. Hier beginnen wir schon mit dem Verabschieden. Gestern haben wir unseren letzten Ausflug mit Nestor und Patricia gemacht und sind bei ihnen zuhause ein letztes Mal bei einem Gläschen Champagne zusammen gesessen. Sie sind wirklich sehr nett und wir haben die Zeit mit ihnen sehr genossen. Sie haben uns hier nicht nur viele schöne Plätze gezeigt, die wir selber wahrscheinlich nicht gefunden hätten, sie waren auch sehr herzlich und offen. Die Unterhaltungen mit ihnen waren auch immer sehr interessant und wir haben so einiges über dieses Land erfahren. Nestor hat es gestern so zusammengefasst: El pais es loco, pero la gente son maravilloso. (Das Land ist verrückt, aber die Leute sind wunderbar.) So haben auch wir es hier erlebt. Es gibt so vieles, das hier nicht funktioniert und angeblich bricht die Wirtschaft im Rhythmus von zehn Jahren zusammen. Aber die Menschen sind trotzdem optimistisch, humorvoll und sehr hilfsbereit und herzlich. Viele müssen hier zu ÜberlebenskünstlerInnen werden.

Die unterschiedlichen Lebensformen, die es hier gibt, haben mich überhaupt sehr interessiert. In unserer Gesellschaft ist ja die Lebensform sehr davon abhängig, wie man sein Geld verdient. So gibt es hier z.B. viele Berufe/Jobs, die es bei uns so nicht mehr gibt oder zumindest nicht in so großer Anzahl. Einer davon ist der Portier.  Hier gibt es bei jedem Wohnhaus noch eine Portiersloge und sie ist auch besetzt. Die Häuser sind nämlich alle verschlossen und wenn man keinen Schlüssel hat, öffnet der Portier und wacht darüber, wer das Haus betritt.

Alle anderen Gebäude, wie Kaufhäuser, Hotels, Banken, öffentliche Gebäude, … werden von Sicherheitsbeamten bewacht, die den ganzen Tag beim Eingang stehen. Es gibt also kaum unbewachte Häuser und Sicherheit ist hier ein großes Thema. Manche gehen aus Gründen der Sicherheit sogar freiwillig ins “Gefängnis”. Bei unserem gestrigen Ausflug waren wir außerhalb von Buenos Aires noch einmal im Deltagebiet des Rio Parana, im sogenannten Norddelta. Dort ist es gerade sehr in, sich ein Haus zu kaufen. Patricia hat gemeint, alle wollen hier wohnen. Entsprechend hoch sind auch die Preise. Die Häuser, die es dort gibt, sind alle innerhalb von hohen Mauern oder Zäunen mit Stacheldraht. An den Ecken gibt es Wachtürme, wahrscheinlich auch Überwachungskameras und einen Einfahrtsbereich mit Schranken, der natürlich auch bewacht ist. Sehr sicher! Diese Menschen arbeiten nicht in der Stadt, weil der Weg zu weit ist, sondern von zu Hause aus über den Computer. Sie leben also in ihrer eigenen kleinen Welt.

DSCF3727Zurück nach Buenos Aires – hier arbeiten viele Menschen auf der Straße. Da gibt es an vielen Ecken Schuhputzer, die für ihre Kunden sehr komfortable Stühle bereit stehen haben und deren Schuhe ganz professionell auf Hochglanz bringen. Dann gibt es unzählige Straßenverkäufer, die Socken, Handtücher, T-Shirts, eigene Handwerksprodukte, Blumen, Wurst und Käse, … feilbieten. Sie haben ihre Angebote entweder auf Decken ausgebreitet oder haben kleine Wägelchen, mit denen sie herumziehen oder sie haben überhaupt nur sich selbst beladen und preisen ihre Produkte wie Marktschreier an.

Dann gibt es noch einen sehr seltsamen Job. Die Menschen, die ihn ausüben, nennt man “arbolitos” (Bäumchen). Unzählige von ihnen stehen den ganzen Tag in allen Fußgängerzonen und rufen unablässig: “Cambio! Change! Dolares, Euro, Real!” Man kann bei ihnen schwarz Geld wechseln. Es existiert ein riesiger Schwarzgeldmarkt ganz offiziell. Und es heißt hier nicht Schwarzgeld sondern “Dollar blue” mit einem eigenen Wechselkurs, den man auch in den Nachrichten erfährt. Die “arbolitos” bringen ihre Kunden in versteckte Wechselstuben, wo dann das Geschäft abgeschlossen wird.

Es gäbe hier noch viele andere Jobs zu erwähnen, aber ich will meinen Bericht nicht unendlich werden lassen. Erzählen muss ich noch von den Menschen, die keine Arbeit oder keinen Job haben und deshalb buchstäblich auf der Straße leben. Es gehört hier zum Straßenbild, an dem sich niemand zu stören scheint, dass Menschen am Gehsteig liegen und schlafen. Manche liegen auf einer Matratze in einer Hausnische, andere am blanken Stein nur mit einer Decke oder einem Tuch bedeckt. Einen Mann gibt es, der wie zum Hohn, sein Nachtlager regelmäßig in der Eingangsnische zum Wohnungsamt aufschlägt. Sehr berührt hat mich auch eine Entdeckung, die wir vor kurzem in dem Park, in dem wir unsere Spazierrunden drehen, gemacht haben.  In einem Baum, den wir wegen seiner Blütenpracht näher betrachtet haben, fanden wir ein fein säuberlich zusammengerolltes Bündel von Habseligkeiten. Es gehört sicher einem Menschen, der in diesem Park sein Nachtquartier bezieht. Man stößt also an allen Ecken und Enden auf die großen Widersprüchlichkeiten dieser Stadt, dieses Landes. Regiert wird es nämlich von einer Präsidentin, die schon mehrere Schönheitsoperationen hinter sich hat und Evita zu imitieren versucht. Ich bin vielleicht von Patricia und Nestor beeinflusst, sie mögen Christina Kirchner nicht und trauen ihr nicht zu, Argentinien aus der momentanen Krise zu führen.

Wie es mit diesem Land weitergeht, werden wir bald auch nur mehr aus der Ferne mitbekommen, aber mit einem anderen Bewusstsein.

Bei euch ist es jetzt ja schon mitten in der Nacht und so verabschiede ich mich mit einem “Buenas noches” !

Andrea

 

 

Die Stadt, die nie schläft

Die Stadt, die nie schläft

Hola,

ja, so ein fauler Sonntag tut richtig gut. Vor allem auch deshalb, weil wir ziemlich an Schlafmangel leiden. Schon bevor wir hierherkamen, haben wir über Buenos Aires gelesen: diese Stadt schläft nie. Und so ist es. Zum Essen geht man frühestens um 22.00 Uhr, zum Eis essen trifft man sich um Mitternacht, die Milongas dauern bis 3.00 oder 4.00 Uhr früh, viele Bars haben die ganze Nacht offen, der Verkehr strömt unaufhörlich. Selbst um 7.00 Uhr in der Früh – als wir nach Uruguay aufbrachen, waren wir so früh unterwegs – ist Betrieb und es erwacht eine Stadt zum Leben, die sich nie zum Schlaf gelegt hat. Entonces, in einer Stadt, die nicht schläft, kann man auch nicht schlafen, zumindest nicht eine Nacht durchschlafen. Hier, wo unsere Wohnung liegt, begleiten uns viele Geräusche, um nicht zu sagen Lärmquellen, durch die Nacht: das Entleeren der Mülltonnen durch die Müllabfuhr, das Hupen von Autos, Busse oder LKWs, die an unsrer Kreuzung stehenbleiben und wieder losfahren, Alarmanlagen von Autos, die plötzlich losgehen, Sirenengeheul, Lärm von einer Party, die genau vor unserem Balkon gefeiert wird, schreiende Menschen, ein Opernsänger, der gerade seine Arien übt und sogar Schüsse. Zusätzlich erschwert die Hitze das Schlafen und das Surren des Ventilators, den wir laufen haben, damit es ein bisschen einen Luftzug gibt. Dieses Problem der Schlaflosigkeit scheinen aber alle zu haben, die hierher kommen. Zumindest denjenigen, die wir kennengelernt haben, und die aus Deutschland oder den USA auch eine Zeit lang hier leben, ergeht es genauso. Selbst in dem Roman, den ich gerade gelesen habe, leidet der Protagonist, ein amerikanischer Schriftsteller, der ebenfalls einige Monate in Buenos Aires verbringt, an Schlaflosigkeit. Es scheint also etwas zu sein, das zu dieser Stadt gehört.

Die stillen Nächte daheim sind also eines der Dinge, auf die wir uns schon sehr freuen. Langsam beginnen wir uns ja schon mit dem Nachhause kommen auseinanderzusetzen. Gestern haben wir erfahren, dass wir die letzten Tage hier, nämlich die Februartage, ohne Patricia und Nestor auskommen müssen. Sie fliegen mit ihrer Nichte Sonja, die wir ja auch kennengelernt haben, für drei Wochen nach Europa, Barcelona und Paris. So reisen sie uns also voran.

Wir müssen also unsere Abreise und die Fahrt zum Flughafen alleine managen, aber da wir uns hier ja mittlerweile schon sehr gut auskennen, haben wir damit kein Problem.

Schön langsam kann ich also anfangen zu sagen: auf ein baldiges Wiedersehen!

Andrea

 

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Hola mis queridas!

Heute haben wir einmal einen faulen Sonntag verbracht. Seit Mitte der Woche gibt es hier die “ola de calor: parte II”, also die zweite Hitzewelle und gestern hatten wir die 40° erreicht. Auch für heute war ein heißer Tag angesagt, aber in der Nacht gab es einen heftigen Sturm, der für eine ordentliche Abkühlung gesorgt hat. So ist es heute erfreulicherweise wieder recht angenehm, ein schöner Sommertag mit einem kühlen Lüfterl.

Vorhin haben wir einen kleinen Spaziergang in unser Stammkaffeehaus und in unseren Lieblingspark gemacht. Einen guten, starken Kaffee zu finden, wie wir ihn lieben, war nicht so einfach. Die ersten eineinhalb Monate haben wir viele Kaffeehäuser ausprobiert. Es waren zum Teil sehr schöne und alte Cafes, aber der Cafecito, also der kleine Espresso war viel zu lang und zu dünn. Dann haben wir in einem Reiseführer, der hier in der Wohnung lag, den Tipp für “den besten Kaffee der Stadt” gefunden. Das Florida Garden, also der “blühende Garten” ist hier ganz in der Nähe, mit einem kleinen Umweg zu unseren Tanzstunden sind wir nun beinahe täglich dort. Mittlerweile brauchen wir gar nicht mehr zu bestellen, wenn wir an die Theke kommen, wir bekommen unseren Ristretto schon hingestellt und er ist wirklich köstlich – für unseren Geschmack tatsächlich der beste Kaffee der Stadt. Beim Verabschieden sagt der Kellner oder die Frau an der Kassa schon “hasta manana”, also bis morgen. Wir haben da also nicht nur einen sehr guten Kaffee gefunden, sondern auch ein Plätzchen, an dem wir ein wenig daheim sind. Dass der Kaffee dort noch dazu am billigsten ist und auch noch ein Kuchenhäppchen serviert wird, macht die Sache perfekt.

In den Park San Martin spazieren wir immer wieder gerne. Die ersten Fotos nach unserer Ankunft mit den blühenden Jacarandabäumen sind auch von diesem Park. Die Hauptblütezeit dieser Bäume ist natürlich längst vorbei, aber überraschenderweise blühen sie vereinzelt immer wieder neu, obwohl die Bäume von den ersten Blüten schon die Samenkapseln tragen. Außerdem gibt es dort einen riesigen Gummibaum und prächtige Palmen. Ein anderer Baum, dessen Namen wir nicht wissen, ist jetzt übervoll mit gelben Blüten. Es ist richtig erholsam in diesem Park ein paar Runden zu drehen. Der Verkehr rundum ist nicht extrem stark und die umliegenden Gebäude sind prächtige, alte Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende.

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Einen anderen Park haben wir gestern mit Patricia und Nestor besucht. Sie haben vorgeschlagen,  den missglückten Spaziergang vom Neujahrstag nachzuholen, wir waren also nochmals im Palermo-Park. Der Rosengarten, ein Teil dieses Parks, ist wunderschön. Es ist ein alter Park aus dem 19. Jhd., angelegt von einem französischen Gartenarchitekten, und auch die Rosenstöcke sind schon sehr alt. Wenn nicht die Hochhäuser hinter den Bäumen hervorschauen würden, könnte man vergessen, dass man sich mitten in einer riesengroßen Stadt befindet. Das einzige Problem war die extreme Hitze in der vollen Sonne.

Weil wir heute faul sind, fällt auch dieser Bericht kürzer aus als die letzten Male. Ich schicke liebe Grüße aus dem Sommer über den Atlantik.

Adios, Sigrid

La Boca und Palermo Soho

La Boca und Palermo Soho

Hola,

gestern waren wir mal so richtig als Touristinnen unterwegs. Wie in vielen anderen Städten gibt es auch hier diese typischen Touristenplätze, an denen Klischees am Leben erhalten oder künstlich produziert werden – denkt nur an Wien und “Sisi”. Hier geht es natürlich um den Tango, besser gesagt um den Platz, an dem der Tango in Spelunken und Hafenkneipen seinen Anfang genommen hat. Das barrio “La Boca” ist der alte Hafen von Buenos Aires gewesen, in dem sich zuerst afrikanische Sklaven und ab 1880 viele ItalienerInnen, vor allem aus Genua, niedergelassen haben. Es war immer schon ein armes Viertel und die Menschen haben ihre Häuser aus den Materialen gebaut, die es am Hafen gab: Wellblechwände, die in bunten Farben (von den Schiffen?!) angemalt waren. Auch heute noch ist La Boca ein armes Viertel und bis auf jenen kleinen Teil, der touristisch vermarktet wird, ist es eine sehr gefährliche Gegend. Es wird dringend davon abgeraten den kleinen Touristenbereich zu verlassen – ein junges Paar aus Deutschland, das schon seit August hier ist, wurde beim Spaziergang in einer Seitengasse am helllichten Tag mit der Pistole bedroht und ausgeraubt. Aber keine Sorge, wir wussten ja Bescheid und außerdem waren wir mit Patricia und Nestor dort. Uns ist gleich nach der Ankunft aufgefallen, dass die beiden sich hier als unsere Bodyguards verstanden haben: Patricia ist vorangegangen, Nestor war immer knapp hinter uns, wenn wir stehengeblieben sind um uns umzuschauen oder zu fotografieren, haben sie gewartet … Es waren sehr viele Leute dort (obwohl das angeblich noch nicht viele waren, heute, Sonntag sei dreimal so viel los) und es war so richtig ein Touristenspektakel mit Verkaufsständen von “Kunsthandwerk” und Bildern (zum Teil sehr schön!), mit überteuerten, schlechten Restaurants, mit StraßenkünstlerInnen, die Folklore oder Tango präsentierten. Beim Tango gab es SängerInnen, dann Tanzpaare, die sich nur fürs Foto postierten und Tanzpaare, die von den Restaurants engagiert waren und die auf winzig kleinen Tanzflächen tanzten. Die bunten Häuser sind wirklich nett und die kleinen Hinterhöfe, in denen es jetzt Souvenirgeschäfte gibt, schauen schön aus. Wenn man sich dann aber vorstellt, wie die Einwanderfamilien hier auf engstem Raum gelebt haben, dann sieht die Sache schon wieder anders aus.

DSCF3963 (2)Das alte Hafenbecken ist schon längere Zeit nicht mehr in Betrieb und die alten Fabriken sind verfallen. Es waren hauptsächlich Lederfabriken (Rinderzucht in Argentinien, Einwanderer als billige Arbeitskräfte, … die Geschichte wiederholt sich immer wieder) und der Fluss dort ist tot, weil alle Abwässer der Fabriken hineingeleitet wurden.

Zu La Boca gehört natürlich auch der Fußball und auch wenn wir uns dafür nicht so interessieren, da kommt man nicht dran vorbei! Das Stadion der “Boca Juniors” ist mitten in die kleinen Straßen des Viertels hinein gebaut. Es wird La Bombonera, die Pralinenschachtel genannt, denn wegen Platzmangel sind die Tribünen extrem steil und reichen direkt bis ans Spielfeld. Es ist unvorstellbar, wie es sein muss, wenn “Boca” ein Spiel hat, Zehntausende durch diese Straßen ziehen und die Bombonera kocht. Und sogar nicht-Fußball-Fans wie wir haben gewusst, dass Diego Maradona von diesem Club gekommen ist.

Danach haben Patricia und Nestor uns quer durch die Stadt chauffiert und wir sind in das Designerviertel Palermo Soho gefahren. Gegensätzlicher hätten die Eindrücke dieses Tages nicht sein können! Hier gibt es auch kleine Straßen, die Häuser sind fast alle nur einstöckig und zum Teil sehr schön renoviert. Und es reiht sich ein Modegeschäft mit argentinischer Designermode neben das andere. Die Mode war sehr interessant, weil sie ganz anders ist, als das, was man in Europa unter “Designerstücken” versteht. Mindestens gleich interessant fand ich die Geschäftsräume: jeder war anders gestaltet, die alten Räumlichkeiten wurden mit modernen Elementen ergänzt und beeindruckend gestaltet. Einige gaben den Blick frei auf kleine, üppig grüne Innenhöfe. Außer den Geschäften gibt es unzählig viele Lokale. Die meisten haben die Tische am Gehsteig und es war zum ersten Mal, seid wir hier sind, dass es nette Plätze zum Draußen-Sitzen gab. Auch hier waren sehr viele Leute, aber die Stimmung war ganz anders als in La Boca. Wie Andrea im letzten Bericht schon geschrieben hat, wurden wir an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert. Auch dort sind die alten Häuser revitalisiert, es gibt viele Lokale und interessante Geschäfte.

Und zum Abschluss des Tages haben wir ausgesprochen gut gegessen! Patricia und Nestor haben uns in eines ihrer Lieblingslokale geführt, wo sie auch gleich als Stammgäste herzlich begrüßt wurden und wir dadurch überhaupt einen Tisch bekommen haben. Dort gibt es Grillspezialitäten, aber nicht nur, dass das Fleisch sehr köstlich war, es gab dazu ca. 15 – 20 verschiedene kleine Schälchen mit Saucen, Beilagen und Salaten. Wir müssen jetzt also endgültig unser Urteil über die Küche in Buenos Aires zurücknehmen und feststellen, dass wir bisher beim Essen gehen entweder Pech hatten oder eben einfach nicht gewusst haben, wo es wirklich gut schmeckt. Allerdings eine Feststellung bleibt: wenn du gut essen willst, dann musst du hier Fleisch bestellen; alles andere, inklusive Pasta, ist nicht nach unserem Geschmack.

Morgen fahren wir, wie schon angekündigt, für vier Tage nach Uruguay. Mal sehen, wie es auf der anderen Seite des Rio de la Plata so ist. Außerdem brauchen wir eine kleine Pause von Buenos Aires – und dem Tango.

Sigrid