María de Buenos Aires

María de Buenos Aires

Ein Konzertabend, letzte Woche in Graz erlebt, war so beeindruckend, dass ich davon erzählen möchte. Tangomusik von Astor Piazzolla, interpretiert von dem Ensemble folksmilch und der Sängerin Christiane Boesiger, im Grazer Orpheum – María de Buenos Aires, eine „Tango-Operita“.

Dieses eher selten aufgeführte Werk wurde in Graz erst zum zweiten Mal auf die Bühne gebracht. Vor vielen Jahren (1970er, 80er ?) im Minoritensaal wurde es zu einem Flop mit nicht einmal 200 verkauften Karten, diesmal im ausverkauften Orpheum löste es Begeisterungsstürme aus.

Auf der Bühne nichts als die drei Musiker in Schwarz mit ihren Instrumenten, ein Sofa, ein Tisch und eine Stehlampe, und ebenfalls in Schwarz mit Hut die virtuose Luzerner Sopranistin. Sie füllte die Rolle der Maria mit so viel Temperament, Leidenschaft und Sinnlichkeit, dass man sie für eine „echte Portena“ halten könnte. Im Laufe des Abends fühlte ich mich sowieso nach Buenos Aires versetzt. Die Musik von Piazzolla, die gesungene Sprache – dieser typische Klang aus dem Gebiet des Rio de la Plata, immer wieder eingespielter Verkehrslärm der Stadt und die Texte von Horacio Ferrer, die die Verrücktheit dieser Stadt zum Ausdruck bringen. Das alles zusammengefügt zu einem Ganzen als Verneigung vor Buenos Aires und seinen Frauen.

Nun, wie entstand es eigentlich, dieses besondere Stück Tangomusikgeschichte? Im Jahr 1968 am Rio de la Plata. Es war gerade Horacio Ferrers erster Gedichtband erschienen und Piazzolla war von Ferrers Lyrik angetan: „Du verwirklichst in der Poesie dasselbe wie ich in der Musik.“ Eine sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit begann. Piazzolla beauftragte Ferrer, sich einen Stoff für ein musikalisch-lyrisches Theater zu überlegen. Ferrer lieferte darauf die Vorlage für María. Piazzolla war begeistert und zog sich Anfang 1968 nach Uruguay zurück, wo er mit der Arbeit begann. Er vollendete sie in Buenos Aires, wo am 8. Mai 1968 die Uraufführung stattfand.

Es ist eine Oper in 16 Bildern, die sehr oft konzertant aufgeführt wird. Eine Nummernoper, in der sich Gesangsnummern, Sprecheinlagen und instrumentale Zwischenspiele abwechseln. Die Musik ist geprägt von verschiedensten Stilen des Tangos und seiner Vorläufer, vermischt sich aber auch mit Elementen der klassischen Musik und des Jazz. Die instrumentale Besetzung besteht üblicherweise aus einem Bandonéon oder Akkordeon, einem Klavier, mindestens einer Geige bzw. Streicher und einem Schlagzeug. An Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug haben die drei Musiker von folksmilch dieses Werk hier in Graz zum Leben erweckt. Die berühmtesten Nummern aus diesem Stück sind Fuga y misterio und Yo soy María, in der Maria sich temperamentvoll selbst vorstellt: „Ich bin María … María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“

Im weiteren Verlauf wird in surrealen Bildern die Geschichte dieser Maria, die von Anfang an unter einem Unglücksstern stand, erzählt: von ihrem tristen Leben in der Vorstadt, von ihrem Abstieg in die Unterwelt der Stadt, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von ihrem Schatten, der, nachdem ihr Körper begraben ist, verloren durch Buenos Aires streift, und davon wie dieser Schatten zu gebären beginnt. Marías Schatten gebiert ein Mädchen. Ob es die wiedergeborene María ist, lässt das Ende offen.

Nachdem der letze Applaus hier in Graz verklungen war, nach diesem feurigen wie berührenden Abend zugleich, haben mich die Bilder, die Musik und dieses Buenos Aires-Feeling jedenfalls noch länger begleitet …

Andrea

 

Gibt es Tango – Weihnachtsmusik?

Gibt es Tango – Weihnachtsmusik?

In vielen Genres gibt es eigene Musikstücke für Weihnachten, die meist schon Tage und Wochen vor dem Fest erklingen. Ich denke an weihnachtliche Gospels oder traditionelle Volkslieder, alte Madrigale oder die Weihnachtshits der Rock- und Popmusik. Letztere werden in unseren Breiten bekanntlich in Geschäften und Lokalen und sämtlichen Radiosendern so häufig gespielt, dass man sie am liebsten gar nicht mehr hören möchte – oder wie steht es mit deiner Vorliebe für Last Christmas … ? Während ich das schreibe fällt mir übrigens auf, dass ich diesen Song heuer noch gar nicht gehört habe – dieses Glück hatte ich bisher nur einmal, nämlich vor drei Jahren, als wir ab Mitte November in Buenos Aires waren und dort eine gänzlich andere Advent- und Weihnachtsstimmung erlebten. Und Buenos Aires ist auch schon das Stichwort für die Frage, die diesem Artikel zugrunde liegt: Gibt es auch im Genre Tango eigene Musikstücke für die Weihnachtszeit?

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Nun, ich habe bisher keinen Tango gehört, in dem die Worte felicidas festas oder navidad* vorgekommen wären, würde mich aber nicht getrauen, deshalb diese Frage mit hundertprozentiger Sicherheit zu verneinen, denn so sehr ich Tangomusik liebe und mittlerweile schon viele Stücke kenne, so ist die Welt der Tangomusik zu groß, um alles kennen zu können. Bei genauerem Nachdenken, Hinhören und Hineinlesen in die Texte fällt mir aber ein ganz wesentlicher Aspekt auf, der bei vielen Tangos auftaucht und der doch ganz nahe an die modernen Weihnachtslieder aus Pop und Rock kommt: Im Tango geht es um die „großen Gefühle“ – um Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Verlassen werden, Liebeskummer, …

Der Text von Last Christmas wäre da nicht unpassend:
Last Christmas, I gave you my heart
But the very next day, you gave it away
This year, to save me from tears
I’ll give it to someone special

So weit, so gut. Aber mir geht es ja um den Tango, also auch um die Tangotexte. Die Texte sind eigentlich Gedichte, die älteren davon im Dialekt Lunfardo, der in den Hafenvierteln von Buenos Aires gesprochen wurde. Aber auch die Texte auf Spanisch sind oft schwer zu übersetzen, will man nicht nur die Worte, sondern die Stimmung vermitteln. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Begegnung mit einem alten Herrn in Buenos Aires. Wir waren zum Tanzen ausgegangen und saßen neben ihm. Lange Zeit tanzte er nicht, sondern sang die jeweiligen Tangos mit. Er fragte dann, ob uns die Texte auch so gut gefallen und war ganz verwundert, dass wir sie ja gar nicht verstehen, weil wir die Sprache nicht so gut beherrschen. Erstaunt frage er, wie wir dennoch den Tango lieben können. Für ihn gehörten Musik und Text untrennbar zusammen und erst in jenen Tagen, als er schon über 70 Jahre alt war, lernte er das Tangotanzen. Seine Frage hat mich veranlasst, immer wieder Übersetzungen anzuschauen und so in die Welt der Tangotexte einzutauchen.

Manchmal erlebe ich dabei eine ziemliche Überraschung, zum Beispiel bei dem Tango Vida mia: Die Melodie klingt romantisch, beim Zuhören und Tanzen habe ich das Gefühl nicht nur Sehnsucht und Liebe sondern auch Geborgenheit, Nähe und Erfüllung zu spüren. Der Blick auf den Text enthüllt aber einen Tango über die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen und über den Schmerz, die Trennung, die Einsamkeit:

Mein Leben
Aus der Ferne liebe ich dich mehr.
Mein Leben, denk an meine Rückkehr.
Ich weiß, dass man für Gold deine Küsse nicht haben kann …
Und ich wünsche mir, dich zu halten
An meine Seite gebunden
Und so zu ersticken
Meine Einsamkeit.

Und da bin ich, fast möchte ich sagen „leider“, schon wieder bei Last Christmas, einem romantisch-schmalzigen Ohrwurm über eine unglückliche Liebe …

Tangotexte erzählen zwar häufig, aber doch nicht ausschließlich von enttäuschter Liebe. Die Sehnsucht, die Hoffnung und Erwartung wird immer neu besungen und durch die Musik verstärkt. So etwa bei einem der ganz berühmten Tangos, der in den Goldenen Jahren von Carlos Gardel gesungen wurde und seither sozusagen „sein Tango“ geworden ist:2127081511_1cb5e6b1be_o

El Dia que me quieras / Der Tag an dem du mich liebst

Am Tag, an dem du mich liebst
Wird die Rose sich schmücken
Und sich feierlich kleiden in den schönsten Farben.
Und Glockenläuten zum Wind
Um zu sagen, dass du nun mir gehörst …

Am Tag, an dem du mich liebst,
Wird es nichts als Glück geben. …
Das Leben wird blühen
Und es wird kein Leid mehr geben.

Mit einem Text, der in ganz anderer Weise über die Sehnsucht nach Liebe spricht, beschäftigen wir uns derzeit intensiv beim Erarbeiten eines neuen wo/men tango acts. Der Text der Balada para un loco zur Musik von Astor Piazzolla stammt von Horacio Ferrer, einem der ganz großen Tangodichter. Die Sehnsucht nach Liebe kann uns ja wirklich manchmal verrückt werden lassen …

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe, so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden …

So komme ich zur Erkenntnis, dass es keinen Weihnachtstango braucht, um einzutauchen in die Sehnsucht nach Liebe und die Magie des Lebens, von der viele gerade in diesen Tagen träumen. Denn eigentlich geht es dabei ja nicht um Weihnachten, um diese wenigen Tage im Jahr, die manchmal gar so überhäuft sind mit Sentimentalität. Es geht um unsere Sehnsucht als Menschen, zu lieben und geliebt zu werden, an jedem Tag des Jahres. Und davon erzählen viele Tangotexte – egal, wann wir sie hören.

Sigrid

* Im Dezember 2020 sind wir bei der Recherche für die Reihe Tango del dia gleich auf mehrere „Weihnachtstangos“ gestoßen. Jeweils mit einem Klick direkt zum Reinhören:
54. Tango del dia / 55. Tango del dia / 56. Tango del dia

 

Don’t cry for me, Argentina!

Don’t cry for me, Argentina!

Dieses Wochenende sind wir ganz auf celeste, auf himmelblau, auf die Nationalfarbe Argentiniens eingestellt. Denn in den nächsten Tagen treffen Ereignisse zusammen, die uns intensiv mit Argentinien verbinden …

8084347736_73a3daa368_bZunächst einmal sind wir gerade in den Proben für einen Musical-Abend, der morgen hier in unserer Nachbargemeinde stattfindet. Ein Abend mit Musik und Tanz aus zahlreichen Musicals und da darf auch Evita nicht fehlen. Sie zählte wohl zu den zwiespältigsten Frauen des 20. Jhds., von den einen abgelehnt und gehasst, von den anderen vergöttert und geliebt. Als dann das Musical von Andrew Lloyd Webber verfilmt und die Titelrolle mit Madonna besetzt wurde, war die Aufregung in Argentinien nicht mehr zu bremsen – für die einen ein Affront, dass ihre Heilige von sooooo einer Person dargestellt werden soll, für die anderen der Beweis von Evitas Unehrbarkeit. Nun, die Regisseurin des Musical-Abends hat uns schon vor Monaten gefragt, ob wir bei dieser Aufführung einen Tango tanzen würden. Aber, es gibt im Musical keinen „richtigen“ Tango und außerdem werden aus allen Musicals die Highlights herausgenommen, die „Ohrwürmer“, die jeder und jede kennt und liebt. Also, wir tanzen Tango – crossover zu Nicht-Tango-Musik – zu Don’t cry for me, Argentina! Für mich war und ist es total spannend, sich in den Proben nicht nur mit dem Tanz sondern mit der Geschichte dahinter zu beschäftigen, den Film nochmals anzuschauen und diese Eindrücke in die Interpretation des Stückes einfließen zu lassen. Erinnerungen kamen hoch, zum Beispiel an jenen Samstag in Buenos Aires, an dem wir mit unseren argentinischen Freunden im Evita-Museum waren und natürlich angeregt diskutiert haben über diese Frau und darüber, wie sie als Argentinier heute zu ihr stehen. All das schwingt jetzt mit, wenn wir morgen auf die Bühne gehen werden, als Evita und Che, und tanzen.

dscf3324-2Und genau zu jenem Zeitpunkt, am Abend des 12. November, bin ich mit meinen Gedanken auch in der Vergangenheit: genau vor 3 Jahren sind wir ins Flugzeug gestiegen und am Morgen des 13. November in Buenos Aires angekommen! Die ganze letzte Woche schon tauchen immer wieder Bilder vor meinem inneren Auge auf – die Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt, vorbei an den schäbigen Häusern der Randbezirke, die aber an jeder Ecke „geschmückt“ waren mit den lilafarbenen Blüten der Jacarandabäume. Patricia und Nestor, die Freunde meiner Eltern, haben uns nicht nur an diesem ersten Tag abgeholt und in unsere Wohnung gebracht, sondern durch sie konnten wir in all den Wochen so viel über dieses Land und seine Menschen erfahren. Ich erinnere mich an diese erste Autofahrt durch den unvorstellbar dichten Verkehr, den Stau auf der Prachtstraße 9 de Julio mit ihren 16 Spuren, den Lärm und Gestank, der uns den Alltag dieser 3 Monate immer wieder verdrießt hat. Aber auch an all die schönen Ecken, die die beiden uns in Buenos Aires gezeigt haben. Wie alle Portenos lieben sie ihre Stadt und sind sie sehr stolz auf sie. Ich war in den Tagen vor der Reise ziemlich aufgeregt und ehrlich gesagt auch ein wenig ängstlich, was mich da am anderen Ende der Welt in dieser Millionenstadt erwarten würde. Wir hatten einige Romane gelesen, die im Laufe des 20. Jhds. in Buenos Aires spielen und haben uns so mit der Stadt und ihrer Geschichte vertraut gemacht. Wir haben die begeisterten Reiseberichte von Tangotanzenden gelesen, die den Sehnsuchtsort aller Tangotänzerinnen und –tänzer in höchsten Tönen gepriesen haben. Ich war also gespannt und wohl auch positiv voreingenommen. Und tatsächlich, wir waren im Tango-Himmel! Und die Menschen, denen wir begegnet sind, waren großartig mit ihrer Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft und ihrem grenzenlosen Humor. Aber, in die Stadt Buenos Aires konnte ich mich bis zum Schluss nicht so ganz verlieben. Und als wir gefragt wurden, wann wir wiederkommen werden, da war für uns schon klar, dass es uns nicht so schnell wieder nach Buenos Aires zieht – sorry, and: Don’t cry form me, Argentina!

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Nun, drei Jahre sind seither vergangen. Auf dem Weg nach Buenos Aires hatten wir den Traum im Gepäck, Straßenkünstlerinnen zu werden und heute sind wir AdanzaS. In Buenos Aires sind die ersten Artikel für diesen Blog entstanden und heute ist er ein fixer Bestandteil unserer Arbeitswoche. Und ebenfalls in Buenos Aires hat unser intensives, tägliches Training mit Yoga und Tango begonnen, ohne das ich mir meinen Alltag nicht mehr vorstellen kann. Vielleicht zieht es uns auch deshalb zurzeit nicht zurück nach Buenos Aires, weil unser momentanes Leben noch immer so stark geprägt ist, von dem, was dort seinen Anfang genommen hat. Also, thank you, Argentina, and – don’t cry …

Adios, Sigrid

 

Goldene Jahre des Tangos

Goldene Jahre des Tangos

Wie ich schon im Blogartikel über die Entstehung des Tangos erzählt habe, wurde er in seinen Anfängen von der Mehrheit der Leute als eine Art niedere Musik betrachtet, unzüchtig und der Beachtung nicht wert. 1921 hieß es noch in einer argentinischen Zeitschrift, dass „die gebildeten Bürger noch nicht bereit seien, diese vorstädtische Musik zu akzeptieren, die für die Unterschicht gemacht war.“ Aber nach und nach hat er sich doch Eintritt verschafft und „unter das kultivierte Ästhetikempfinden der Oberschicht gemischt“.

Die Cafés im Zentrum der Stadt Buenos Aires begannen Tango-Trios zu engagieren. Tangopartituren wurden von den jungen Leuten der Oberschicht, zuerst zwar noch heimlich, aber doch erworben und gespielt. Langsam löste sich die Tangomusik vom Rotlichtmilieu, um in Bars, Cafés und Salons aufgeführt zu werden.

13192685785_2fecdf5ab9_oSeinen Durchbruch erhielt der Tango Argentino aber über den Umweg Paris. Es gab ein paar wagemutige Argentinier, junge Männer der Oberschicht, die den Tango in den noblen Pariser Salons einführten, die so anders und so weit weg waren von der Welt, in der er geboren wurde. Ab 1907 kamen argentinische Musiker (in den Tango-Orchestern gab es damals keine Frauen) und SängerInnen nach Paris. Fest steht, dass der Tango 1912 Paris ganz und gar erobert hat, man tanzte ihn genau so viel oder mehr als Walzer. Paris war ja zu Anfang des Jahrhunderts das kulturelle Zentrum der westlichen Welt, was dort angesagt war, strahlte auf ganz Europa und auf die Vereinigten Staaten aus. Das Tangofieber erfasste alle sozialen Schichten von den Varietétänzerinnen bis zum Präsidenten Frankreichs und seiner Frau. Kirche, PolitikerInnen, Adlige, BürgerInnen, Intellektuelle, KünstlerInnen, alle beteiligten sich an dem heiß geführten Meinungsstreit, niemand der nicht Position bezogen hätte zum Tango. Sogar vor dem Papst wurde Tango getanzt, um zu entscheiden, ob er Sünde sei oder nicht. Das finde ich sehr amüsant, wenn ich daran denke, dass der jetzige Papst Argentinier ist und selbst Tango getanzt hat.

In nur wenigen Jahren verbreitete sich also der Tango von den Salons der Adeligen und KünstlerInnen zu den Tangotees, den Dancings und den Musette-Bällen. Dabei muss man bedenken, welches Klima in jenen Jahren herrschte: die Spannungen vor dem ersten Weltkrieg, der Streik der Staatsbediensteten, die Trennung von Kirche und Staat, … Der damaligen französischen Gesellschaft passte der Tango wie angegossen. Alles war in Aufruhr, im Umbruch. Diese dumpfe, überall unterschwellig zu spürende Unruhe, dieser Befreiungsdrang, der in diesen angespannten Körpern nahezu explodierte, nichts anderes war der Tango. Das alles lässt Elsa Osorio ihre Protagonistin in ihrem Roman Im Himmel Tango sagen. Vielleicht hat der Tango-Boom heute mit den Parallelen zu jener Zeit zu tun?

4322248164_0293b7d336_oDie ArgentinierInnen waren erst mal überrascht, als in den französischen Gesellschaftsseiten zum Thema Argentinien nicht von Fleisch und Getreide die Rede war, sondern vom Tango. Über den Umweg Paris wurde der Tango schließlich auch in Buenos Aires akzeptiert, und bald gefeiert. Es entstanden in Folge die „typischen Orchester“ mit ihren großen Namen, wie Julio De Caro, Osvaldo Fresedo, Anibal Troilo, Juan D’Arienzo, Carlos Di Sarli, … um nur einige zu nennen. Auch heute noch wird auf den Milongas zu den Werken dieser Musiker getanzt. Außerdem traten in der Zeit auch erstmals Chansonniers in Erscheinung, die später die eigentlichen TangosängerInnen wurden.

3658517924_caafbc54dc_oZur Legende unter ihnen wurde Carlos Gardel (1890 – 1935). In Buenos Aires aufgewachsen, galt seine Liebe von Anfang an dem Gesang. Er nahm früh Gesangsunterricht, sang bis 1917 aber ausschließlich Heimatlieder. Berühmtheit erlangte er aber dann als Tangosänger. „Er singt jeden Tag besser“, machte bald die Runde, und so war er schnell fester Bestandteil der Tangoszene. Er betätigte sich auch als Schauspieler und war ein äußerst produktiver Komponist. Sein früher Tod durch einen Flugzeugabsturz und viele geheimnisvolle Rätsel um einige Aspekte seines Lebens (u. a. dass er möglicherweise schwul war) machten ihn jedenfalls, neben Evita und Diego Maradonna, zu einem der drei „Nationalheiligen“ Argentiniens. Sein Grabmal am Friedhof von Chacarita in Buenos Aires ist jedenfalls auch heute noch Pilgerstätte seiner BewunderInnen.

Sicherlich auch durch ihn lebte Buenos Aires als Tango-Metropole auf und ist bis heute Anziehungspunkt der Tangobegeisterten aus aller Welt. So möchte ich meinen Artikel mit den Zeilen aus einem seiner berühmtesten Lieder, Mi Buenos Aires querido, beschließen:

Mein geliebtes Buenos Aires
Am Tag, an dem ich dich wiedersehe
Wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, Heel-Verlag 2008
Im Himmel Tango, Elsa Osorio, Suhrkamp-Verlag, 2008

 

Entstehung des Tangos

Entstehung des Tangos

Wenn man sich in die Welt des Tango Argentino vertieft, ist natürlich auch seine Geschichte von Bedeutung. Wie ist dieser Tanz entstanden, was sind seine Wurzeln?

Die Geburt des Tangos gibt auch heute noch viele Rätsel auf und in manchen Punkten Uneinigkeiten. Einig ist man sich, was den Zeitpunkt seiner Entstehung betrifft. Die Anfänge des Tango Argentino waren in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Ob sein Ursprung jedoch in Buenos Aires oder in Montevideo liegt, darüber streiten sich die Geister. Heutzutage assoziiert man Tango Argentino sofort mit Buenos Aires, er dürfte aber an beiden Ufern des Rio de la Plata entstanden sein und wurde deshalb auch als Ufermusik bezeichnet.

15635766339_066d8a8afa_bIn beiden Ländern, sowohl Argentinien als auch Uruguay, gab es zu der Zeit eine große Zahl von europäischen Immigranten, die hier den Traum vom besseren Leben verwirklichen wollten. Sehr aktuell, wenn man an die Menschen denkt, die zurzeit bei uns Zuflucht suchen. Damals waren es europäische Wirtschaftsflüchtlinge, sechs Millionen Menschen kamen und mehr als die Hälfte blieb für immer. Buenos Aires war also bald von alleinstehenden Männern überbevölkert und die ärmeren Schichten ließen sich in den Außenbezirken von Buenos Aires nieder. Und in diesem Milieu entstand der Tango – im Armenmilieu, im verbotenen Milieu der Bordelle. Für die gehobene Schicht der damaligen Zeit in Buenos Aires war „Tango“ ein unflätiges Wort. Sie verbanden damit eine niedere Form der Musik, die die Außenseiter der Gesellschaft repräsentierte. Eine interessante Tatsache wenn man bedenkt, dass Tango bei uns heute eher in der gehobenen, intellektuellen Schicht getanzt wird. Aber zurück zu seinen Ursprüngen. Da gibt es, was seine Entstehung betrifft auch ziemlich radikale Aussagen, wie: der Ursprung des Tangos ist schwul und schwarz.

8386532695_76af36f851_oDer oben erwähnte Frauenmangel führte die Männer zusammen. Sie trafen sich in Kneipen und Bordellen, sangen und tanzten Tango. „Tango hat die herkömmliche weiße Männerrolle unterminiert, der Mann wird weiblich, indem er jammert und schluchzt“, lässt der Autor Wolfram Fleischhauer eine seiner Protagonistinnen im Roman Drei Minuten mit der Wirklichkeit sagen. Männer, die miteinander Tango tanzten, waren um diese Zeit also kein ungewöhnliches Bild in Buenos Aires. Das ist auch einer der Hintergründe für unsere wo/men tango acts, in denen wir als Herrendarstellerinnen auftreten.

Was hat nun aber Tango mit den Schwarzen zu tun? Unter den vielen Bewohnern von Buenos Aires und Montevideo gab es auch eine schwarze Bevölkerung, die ursprünglich als Sklaven auf den Kontinent kam. Sie durchmischten sich mit der europäischen Bevölkerung, bzw. unzählige verschwanden – in Kriegen und auf Plantagen verschlissen. 4418261974_e7f8b8ac04_bSie waren aber für diese neu aufkeimende Musik wesentlich. Das Wort Tango soll aus dem Äthiopischen kommen. Tangú bezeichnet einen bestimmten Rhythmus, der in der Candombe, einer schwarzen Musik mit schnellen, heiteren Rhythmen, vorkommt. Und auch die älteste überlieferte Zeichnung eines Tango tanzenden Paares zeigt zwei Schwarze. Mit der Zeit kam es zu einer Fusion der europäischen und afrikanischen Musik. Verschiedene volkstümliche Musikstile, die Habanera aus Kuba, die Candombe aus Afrika, die Land-Milonga aus Spanien und der Walzer verschmolzen zu der Musik, die wir heute Tango nennen.

Außerdem kam zu dieser Zeit auch eine neue Tanzmode auf, nämlich der Volkstanz, bei dem es ebenso zu einer Vermischung von Gesellschaftstanz und schwarzem Tanz kam. Es entstanden neue Tanzzentren, in denen sich die Tanzpaare im Tangorhythmus wiegten. Anfangs wurde dieser Tanz noch mit größerem Abstand getanzt und man imitierte die schwungvollen Bewegungen der Candombe. Mit der Verbreitung des Tangos bis nach Europa, in der Modestadt Paris wurde er Anfang des 20. Jahrhunderts schnell modern, verschwanden die afrikanischen Wurzeln immer mehr und man ist sich heute dessen kaum noch bewusst.

Abschließend kann jedoch gesagt werden, dass die Entstehung des Tangos eine gemeinschaftliche Schöpfung der Portenos, der Hafenbewohner unterschiedlicher Kulturen, dies- und jenseits des Rio de la Plata, war.

Andrea

Verwendete Literatur:
Tango, Eduardo Araníbar, HEEL Verlag, 2008
Drei Minuten mit der Wirklichkeit, Wolfram Fleischhauer, Knaur Verlag, 2002

 

Loco, loco, loco …

Loco, loco, loco …

4521832941_0199802f07_bEs gibt einen berühmten gesungenen Tango namens „Balada para un loco“ (Ballade für einen Verrückten), der uns schon lange fasziniert. Erst kürzlich in Berlin haben wir ihn bei einem Tango-Chanson-Abend live gehört und unsere Faszination wurde dadurch noch gesteigert. Der Text ist von Horacio Ferrer, die Musik von Astor Piazzolla. Ich möchte diesmal Auszüge aus diesem Tango für meinen Artikel verwenden.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt
Siehst du nicht den Mond durch die Callao-Straße rollen
Und einen Chor von Astronauten und Kindern
Die um mich herum tanzen …?

Nun, dieses Gefühl, verrückt zu sein, überkommt mich auch immer wieder, seit wir uns auf den Weg gemacht haben, um Tango-Straßentänzerinnen zu werden. Oder ist es nicht verrückt, einen gut bezahlten, sicheren Job als Lehrerin aufzugeben, um auf der Straße zu tanzen? Zuerst einmal für drei Monate nach Buenos Aires zu gehen, in eine Stadt, die ebenso verrückt ist wie der Tango.

Die Nachmittage in Buenos Aires
Haben etwas, ich weiß nicht was
Verstehst du? Ich verlasse mein Haus
Und schlendere die Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
Als er plötzlich hinter diesem Baum erschien
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und einzigen Landstreicher
Und dem ersten blinden Passagier auf einer Reise zur Venus.

10163015685_b72f3bcc29_oAn den Nachmittagen in Buenos Aires mit 40 Grad und mehr, von den es viele gab, als wir dort waren, meinte ich auch manchmal Halluzinationen zu haben, wenn wir durch die Straßen mehr schlichen als schlenderten. Das Tangotanzen konnten wir trotz der Hitze nicht lassen. In den Tanzstudios gab es zwar Klimaanlagen oder Ventilatoren, aber oft waren sie auch kaputt. In einer der Tanzstunden bei unserem Lehrer Augusto Balizano fragte er, nachdem es am Vortag 47 Grad gehabt hatte: „Wer hat gestern getanzt?“ Als wir uns meldeten, meinte er, wir seien verrückt – loco!

Das zeigt auch schon einen der Aspekte, warum dieser Tanz so verrückt ist. Wenn er eine gepackt hat, kann sie nicht mehr davon lassen. Ich weiß nicht, ob es die Musik ist, die besondere Art sich zu bewegen, das Fühlen und Spüren, was die Tanzpartnerin an Bewegungssignalen aussendet und diese zu interpretieren, das Versinken in eine andere Welt, … oder alles zusammen, das eine wie in einem Sog mitzieht und dem sie sich dann nur schwer entreißen kann. Seit wir vor ein bisschen mehr als zwei Jahren aus Buenos Aires zurückgekehrt sind, tanzen wir ungefähr fünfmal die Woche Tango und es wird nie langweilig. Einerseits ist die Welt des Tango Argentino unendlich, es gibt immer Neues zu lernen, andererseits ist dieser Tanz ein Improvisationstanz, das heißt jeder Tanz entsteht neu, je nach Musik, Stimmung, Können, Beziehung, … Und außerdem muss man auch ständig an den Basics arbeiten – der Körperhaltung, der bestimmten Art zu gehen, der Umarmung und der „Disociación“ (Verdrehung des Körpers). Ich weiß nicht, wie oft wir verzweifelten, weil wir das Gefühl hatten, wieder von vorne anfangen zu müssen. Mittlerweile ist es aber so, dass wir es schätzen, uns immer wieder auch mit diesen Grundelementen auseinanderzusetzen, weil sie ein besseres Körpergefühl geben.

Liebe mich, so wie ich bin
Verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige Zärtlichkeit, die ich in mir habe

In vielen Tangos wird die Liebe besungen, aber auch Schmerz, Trauer und Abschied. Auf alle Fälle geht es um große Gefühle. Darum geht es auch in einem Tangofilm, der gerade in den Kinos läuft: Ein letzter Tango. Eine Mischung aus Dokumentation und nachgespielten Szenen über zwei der großartigsten TangotänzerInnen aus Buenos Aires – Maria Nieves und Juan Carlos Copes. Dass mittlerweile auf der ganzen Welt Tango getanzt wird, ist zu einem großen Teil diesen beiden zu verdanken, denn durch ihre Art zu tanzen, wurde er wieder populär. Die beiden waren auch im Leben ein Paar, zunächst das Traumpaar. Mit der Zeit war ihre Beziehung dann aber von einer Hassliebe geprägt, wie sie verrückter nicht sein kann. Es gab unzählige Trennungen und Versöhnungen, bis zu jener Trennung, die endgültig war, weil Juan Carlos Copes eine um vieles jüngere Frau heiratete. Auf der Bühne tanzten sie zunächst dennoch gemeinsam, und Maria Nieves empfand dabei nichts als Hass. Die Eifersucht der jungen Frau machte jedoch auch diesen gemeinsamen Auftritten ein Ende. Jetzt sind beide über 80 und man spürt, wenn sie selber zu Wort kommen, die Verletzungen und Wunden, den Hass, der immer noch da ist, aber auch immer noch eine gegenseitige Anziehung und Achtung.

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens noch mal versuchen werden
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

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Wahrscheinlich muss man ein bisschen verrückt sein, wenn man sich der Tangoleidenschaft verschreibt. Und wenn man Tango mit Straßenkunst kombiniert, erst recht! Aber gelegentlich spielt sie eben verrückt – die Magie des Lebens.

Andrea

 

Adios, Buenos Aires!

Adios, Buenos Aires!

Hola muchachos,

heute melde ich mich zum letzten Mal aus Buenos Aires. Es ist kaum zu glauben, dass die drei Monate um sind. Die vergangene Woche war für uns die Woche der Abschiede – von Orten und von Menschen. Begleitet wurde sie von Gewittern und heftigen Regengüssen. Buenos Aires scheint also sehr traurig zu sein, dass wir es verlassen. Uns jedenfalls fällt jetzt der Abschied auch nicht ganz leicht, obwohl unsere Gefühle dieser Stadt gegenüber nach wie vor gemischte sind. Irgendwie muss man diese Stadt lieben und hassen gleichzeitig. Hassen für ihren Lärm, ihren Gestank und Schmutz, dafür, dass man ständig damit rechnen muss, dass etwas, das man gerade braucht oder benützen will, nicht funktioniert. Lieben für ihre Parks und prächtigen Bäume, für die wunderschönen Jugendstil- und Belle Epoque-Gebäude, für die netten Cafes und Lokale, für den Tango und natürlich für ihre Menschen. Wahrscheinlich machen gerade diese Gegensätze den Reiz dieser Stadt aus. Die Portenos jedenfalls lieben ihre Stadt, auch wenn sie ständig über die Probleme, die es hier gibt, schimpfen. Viele haben uns in den letzten Tagen gefragt, wie uns Buenos Aires gefällt, und man hat gemerkt, dass es für sie wichtig ist, welches Urteil man über ihre Stadt abgibt. Es gibt einen sehr beliebten Tango, “Mi Buenos Aires querida” (mein geliebtes Buenos Aires), in dem der berühmte Tangosänger Carlos Gardel aus der Ferne voll Wehmut seine Stadt besingt. Die Portenos können sich eigentlich nicht vorstellen, woanders zu leben als hier. Wir wiederum könnten hier nicht auf Dauer leben. Die Zeit, die wir hier hatten, war aufregend, interessant und intensiv. Wir sind sehr dankbar für viele Erfahrungen und Begegnungen, und für alles, was wir in der Welt des Tango gelernt haben. Aber jetzt freuen wir uns auch schon sehr wieder auf Zuhause und das ist gut so. Wir werden am Mittwoch also Buenos Aires mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlassen.

So schicke ich zum letzten Mal Grüße über den Atlantik,

Andrea

 

Als Touristinnen in Buenos Aires unterwegs

Als Touristinnen in Buenos Aires unterwegs

Hola,

in dieser Woche waren wir noch ein wenig als Touristinnen in Buenos Aires unterwegs und haben vor allem das Microcenter, in dem wir wohnen, durchstreift. Dabei haben wir einige prachtvolle Jugendstil- und Belle Epoque-Gebäude entdeckt.

DSCF4360 (2)Da ist als erstes einmal das Teatro Colon, das Opernhaus von Buenos Aires. Es wurde vor 100 Jahren gebaut, um die Stadt als Paris des Südens, als große Metropole der Welt zu etablieren. Es ist ein Prunkbau mit verschiedenfarbigem Marmor, wunderschönen Mosaikböden, bunten Glasfenstern, viel Gold und Samt. Der junge Mann, der die Führung gemacht hat, hat es treffend formuliert: Auch wenn es für Sie und für mich schwer zu glauben ist, vor 100 Jahren war dieses Land reich! Und mit dem Teatro Colon wollten die ArgentinierInnen dies der ganzen Welt vor Augen führen.

Ein anderes Beispiel ist  die Galeria Güemes, in der Einkaufsstraße Calle Florida. Sie wurde 1915 gebaut und war schon damals das, was man heute als Shoppingcenter bezeichnet: im Erdgeschoss sind Geschäfte und Cafes, im Unterstock gab es damals ein Theater, ein Cabaret und ein Restaurant und heute werden in diesem Theater Tangoshows gezeigt, die 14 Stockwerke waren und sind Büros und ganz oben, wo heute ein Miradora, also ein Aussichtsplatz ist, gab es früher noch ein Restaurant. Diesen Aussichtsplatz haben wir ganz zufällig beim Bummeln entdeckt und so hatten wir zum Abschluss sogar noch den Blick über die Dächer von Buenos Aires. Auch hier wieder hat sich gezeigt, dass die Stadt anders ist: kein spektakulärer Blick auf den Eiffelturm oder Sacre Coeur, keine Reichstagskuppel oder die modernen Gebäude am Potsdamer Platz, kein Riesenrad oder Stephansdom. Eigentlich gab es gar keinen speziellen Blickpunkt, aber dennoch war der Rundblick faszinierend: Auf der einen Seite das endlose Häusermeer, auf der anderen Seite der Rio de la Plata als natürliche Begrenzung. Einige neue oder nicht mehr so ganz neue Wolkenkratzer dazu und ein interessanter Durchblick auf den Naturpark, von dem wir letzte Woche berichtet haben. Viele Kuppeln der Jugendstilgebäude und dazwischen hässliche Bauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jhds. Und natürlich war hier wieder zu sehen, wie enorm groß die Stadt ist!

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Von unserem Alltagsleben hier gäbe es noch viel zu berichten, aber ich möchte zum Abschluss nur noch einen Punkt erwähnen, der vor unserer Reise hierher in manchen Gesprächen diskutiert wurde: Kriminalität bzw. Sicherheit. Südamerika und Buenos Aires haben den Ruf nicht ganz ungefährlich zu sein. So haben auch wir uns “gerüstet” mit einem Selbstverteidigungskurs und einem Taschenalarmgerät. Aber wir hatten in diesen 3 Monaten nicht eine einzige Situation, die auch nur annähernd gefährlich oder diesbezüglich unangenehm gewesen wäre. Natürlich waren wir vorsichtig, die üblichen Sicherheitsmaßnahmen als Reisende (Kreditkarte und größere Summen Bargeld direkt am Körper, Handtasche und Rucksack fest unterm Arm und mit der Hand gesichert…) sind mittlerweile ja in jeder Großstadt gefragt. Nachts sind wir anfangs zu Fuß nach Hause gegangen und da waren die Straßen hell erleuchtet und es war überhaupt nicht ungut. Bald haben wir dann festgestellt, dass die Taxis sehr billig sind und dann sind wir von den Milongas immer mit dem Taxi heimgefahren, anstatt 30 Minuten zu Fuß zu gehen.

In den Stadtteilen, in denen wir uns bewegt haben, war Kriminalität also wirklich kein Thema; in die ärmeren Stadtteile, von denen wir immer wieder berichtet haben, darfst du als AusländerIn sowieso nicht gehen. Ein einziges Mal ist unser Taschenalarm losgegangen und diese peinliche und zugleich lustige Situation beschreibe ich als Abschluss: Wenn wir auf eine Milonga gegangen sind, dann hatten wir immer eine Umhängtasche mit, in der unsere Tanzschuhe waren. In dieser Tasche lag auch immer das Alarmgerät. Nach der Ankunft haben wir uns dann die Schuhe umgezogen und bei der letzten Queer-Milonga, also sozusagen “im Freundeskreis”, ist mir dabei das Alarmgerät aus der Tasche gefallen und der Alarm ist losgegangen – natürlich schön laut, wie es sich für ein Alarmgerät gehört!!! Da es in dem Raum recht dunkel ist, habe ich nicht viel gesehen und es hat einige Zeit gedauert, bis ich es zum Schweigen bringen konnte. Natürlich haben längst alle zu uns herüber geschaut. Diese Touristinnen!!!

Sigrid

 

Begegnungen mit Menschen und Natur

Begegnungen mit Menschen und Natur

Hola

aus einem angenehm kühlen Buenos Aires. Nach einem Gewitter gestern und heute Nacht regnet es jetzt und hat stark abgekühlt – wir genießen es richtig!

Erst diese Woche haben wir ein Naturparadies, gar nicht sehr weit von unserer Wohnung entfernt, entdeckt – den Parque Ecologica Costanera Sur. Wir müssen uns aber nicht ärgern, dass wir ihn nicht schon früher entdeckt haben, denn nachdem seine Wege nur sehr wenig beschattet sind, wäre es bei der Hitze, die wir bisher hatten, sowieso nicht möglich gewesen, ihn aufzusuchen.

Nun, dieser Park ist ein riesengroßes Naturreservat direkt am Rio de la Plata. Wir haben ihn per Rad erkundet. Die Wege führen durch einen Urwald, der teilweise vom Fluss her unter Wasser steht. Es gibt auch riesige Wasserbecken, die mit Schilf bedeckt sind. Gesäumt sind die Wege von exotischen Pflanzen, die es bei uns nur als Zimmerpflanzen gibt, teilweise in voller Blütenpracht. Dattelpalmen mit Unmengen von Dattelrispen, Bananenstauden mit Blüten und schon angesetzten Früchten und andere riesige Bäume ragen aus der Wildnis.

DSCF4265Wir sind überhaupt von den Bäumen hier, auch in der Stadt, in den Parks oder Alleen sehr angetan. Sie sind so groß und mächtig. Zu jeder Zeit blüht irgendeine Art auf das Prächtigste. Und die Gummibäume sind überhaupt der Wahnsinn. Sie werden so groß, dass ihre Äste, so groß wie ein Baum, teilweise am Boden aufliegen oder abgestützt werden müssen. Der größte und älteste Gummibaum, den es in Buenos Aires gibt, füllt einen ganzen Platz aus, und die Plätze sind hier wahrlich nicht klein.

Nun aber noch einmal zurück in den Naturpark.  Hier finden auch viele Tiere einen Zufluchtsort und es ist vor allem ein Vogelparadies. Wir konnten Vögel in den unterschiedlichsten Größen und Farben beobachten. Ein ganz besonderes Erlebnis war es, als wir uns einer Baumgruppe näherten, aus der lautes Gekrächze kam. Dort angelangt, entdeckten wir in den Baumkronen einen riesigen Papageienschwarm.  Ich habe noch nie Papageien in freier Natur gesehen – es war  einfach toll!

Ein anderes faszinierendes Tier hat nur Sigrid zu Gesicht bekommen. Eine große Echse ist, nachdem sie uns wahrgenommen hat, in den Büschen verschwunden. Sigrid meint, sie war knapp einen halben Meter lang, schwarz, und hatte gelbe Streifen. Außerdem soll es dort auch viele Schlangen geben, von denen sich uns aber keine gezeigt hat.

Das war wirklich ein ganz besonderer Nachmittag mitten aus dem Großstadtdschungel in so ein Naturerlebnis einzutauchen. Irgendwie wäre es ja schön, noch einmal dorthin zu kommen, aber mittlerweile sind unsere Tage hier gezählt und es gibt noch einiges, das wir gerne machen möchten. Wir werden sehen.

dsc_5800s[1]Morgen haben wir unsere letzte Unterrichtsstunde in der Escuela – der nächste Abschied. Aber die beiden Lehrenden, bei denen wir hauptsächlich unseren Unterricht genommen haben, sehen wir noch im Lauf der Woche. Von Augusto (dritter von rechts in der ersten Reihe) haben wir ja schon in unserem Bericht über das Queertangofestival erzählt. Er ist ein großartiger Tänzer und Lehrer. Von ihm werden wir uns am Freitag bei der Milonga, die er veranstaltet, verabschieden.

Noch nicht erzählt haben wir, glaube ich, von Aurora, am Foto links neben Augusto. Sie war auch eine Lehrerin am Festival und von ihr konnten wir auch das Studio für unser Training mieten. Sie ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Ziemlich bald, nachdem wir sie kennen gelernt haben, erfuhren wir, dass sie an Krebs erkrankt ist. In einer der ersten Wochen, die wir hier waren, hatte sie ihre letzte Chemotherapie. Vorher schon hatte sie alle ihre Haare verloren. Ich werde es nicht vergessen, wie sie beim Festival zum ersten Mal erschien – eine sehr kleine, glatzköpfige Frau, aber mit einer faszinierenden Ausstrahlung. Sie war inmitten der vielen Menschen nicht zu übersehen und hat mit viel Elan und Humor den Workshop geleitet. Mittlerweile beginnen ihre Haare gerade wieder zu wachsen. Sie ist uns hier sehr vertraut geworden, weil wir sie fast jeden zweiten Tag gesehen haben. Wir haben bei ihr auch Privatstunden genommen, von denen wir sehr profitiert haben. Sie ist eine Profi-Tänzerin und beherrscht beide Rollen im Tango perfekt. In den Privatstunden tanzt sie abwechselnd mit Sigrid und mit mir. Und sie hat so viel Humor. In ihren Stunden wird mindestens drei Mal herzlich gelacht. Wie so viele Menschen hier, ist auch sie uns so herzlich und offen begegnet, ein Geschenk. Ich glaube, sie wird diese Krankheit überwinden, denn sie hat noch so viel Lebensenergie und noch so viel zu geben. Sie ist gerade am Planen im September für Tangounterricht nach Wien zu kommen. Also wird der Abschied von ihr nicht ganz so schwer, denn da wollen wir sie unbedingt wiedersehen.

Heute wollen wir noch auf die Sonntagnachmittags-Milonga in der Confiteria Ideal, ganz bei uns in der Nähe, gehen. Also verabschiede ich mich jetzt mit vielen Grüßen an euch alle,

Andrea

 

Begegnungen

Begegnungen

Hola mis queridas!

In den letzten Berichten haben wir ja schon einige Male erwähnt, wie sehr wir von den Menschen hier angetan sind. An einem Tag dieser Woche, am Mittwoch, hatten wir besonders viele überraschende Begegnungen, sodass ich davon berichten möchte.

Begonnen hat der Tag mit einer nervigen Begegnung. Wir wollten uns ein Fahrrad ausleihen um in einen weiter entfernten Stadtteil zu fahren, um dort CDs zu kaufen. Als wir im Fahrradcontainer wie üblich die Reisepassnummer und unseren Code nennen, um uns registrieren zu lassen, meint die junge Frau, dass mein Zugang abgelaufen sei und ich kein Rad bekommen könnte. Die Registrierung im November hat sehr einfach funktioniert: Als TouristIn brauchst du nur deinen Reisepass vorzulegen, vom Einreisedatum an hast du 3 Monate Aufenthaltsgenehmigung und in diesen 3 Monaten kannst du ein Fahrrad leihen. Warum also soll meine Zeit schon abgelaufen sein? Während wir mit unserem bisschen Spanisch versuchen, mit der jungen Frau zu kommunizieren, spricht uns eine Frau, die gerade auch in den Radcontainer gekommen ist, auf Englisch an und fragt, ob sie helfen kann. Sie dolmetscht dann für uns und es stellt sich heraus, dass ich meinen Reisepass brauche, um das Datum zu checken. Die Frau entschuldigt sich dann fast dafür, dass wir Komplikationen haben und meint, in diesem Land braucht man viel Geduld. Wir gehen also zurück in unsere Wohnung und holen meinen Reisepass. (Übrigens ein Tipp fürs Reisen: Wir haben immer nur die Kopie des Reisepasses eingesteckt und der Pass selbst liegt sicher in der Wohnung!) Zurück im Radcontainer bestätigt sich, dass ich am 13. November in Argentinien eingereist bin. Die junge Frau meint aber: Klar, also ist mein Zugang am 13. Jänner abgelaufen! Für sie sind das 3 Monate – Nov / Dez/ Jän – und sie lässt sich das, noch dazu mit unseren Spanischkenntnissen, nicht ausreden. Da kommt ein Paar in den Radcontainer und der Mann schaltet sich gleich in die Diskussion ein. In aller Ruhe redet er auf die junge Frau und ihre Kollegin ein. Ich zeige dann, als Ausweg, in meinem Reisepass den Stempel, der bestätigt, dass ich am 9. Jänner aus Uruguay kommend erneut in Argentinien eingereist bin. Sie solle also die 3 Monate einfach erneut eingeben. Das gehe vom System her nicht, meint die junge Frau. Der Mann, ein Argentinier aus einer Provinz, der hier scheinbar auf Urlaub ist, erklärt ihr dann in aller Ruhe, dass das System niemals so wichtig sein kann wie die Menschen. Man müsse versuchen mit Systemen so umzugehen, dass sie für und nicht gegen die Menschen arbeiten. Nach der Art, wie er mit den beiden jungen Frauen gesprochen hat und ihnen gleich eine Lektion in Zivilcourage geben wollte, vermute ich, dass er Mittelschulprofessor gewesen sein könnte. Er hat die junge Frau jedenfalls so weit gebracht, dass sie telefonisch nachgefragt hat, ob ich mich neu registrieren lassen kann. Dann haben er und seine Partnerin sich verabschiedet und noch gemeint: paciencia! Wir haben also geduldig gewartet bis der Rückruf gekommen ist. Die Lösung war ganz einfach: vom 9. Jänner weg kann ich wieder für 3 Monate registriert werden und die junge Frau hat mit voller Überzeugung den 9. März (!) als Ablaufdatum eingegeben. Aber was soll’s, da bin ich schon lange wieder in Österreich. Wir haben also nach einer 3/4 Stunde unsere Fahrräder bekommen. (Kleines Detail am Rande: Andrea hat sich natürlich am gleichen Tag wie ich, am 26. 11., registrieren lassen und der junge Mann, der damals ihre Eingabe gemacht hat, hat gleich von diesem Datum weg die 3 Monate gerechnet – sie darf bis 26. Februar in Buenos Aires radfahren! So viel zum Thema  “Systeme”.)

Wir sind also ziemlich verspätet und auch einigermaßen verärgert losgefahren. Andererseits haben wir es toll gefunden, wie diese völlig fremden Personen uns geholfen haben. Nach zwei Häuserblöcken hören wir Rufe und sehen zwei Leute aufgeregt winken: Das Paar von vorhin kommt auf uns zugelaufen und will wissen, wie es nun doch geklappt  hat. Wir bleiben stehen und erzählen kurz. “Felicitacion” – Gratulation! rufen sie uns zu und gehen weiter.

Später sind wir im CD-Geschäft und suchen nach Tango-CDs (eh klar, was sonst, denkt ihr euch wahrscheinlich). Nach einiger Zeit kommt eine junge Frau mit einer CD in der Hand auf uns zu und fragt, ob wir nach Tango Ausschau halten. Diese CD könnte sie uns sehr empfehlen, wir sollen sie uns anhören, sie sei sehr gespannt, ob sie uns gefällt. Wir hören sie gleich an und sie ist großartig. Lidia Borda heißt die Sängerin, die Tangos aus den 30er und 40erJahren, also der “Goldenen Zeit” des Tango singt. Und sie singt wirklich toll. Wir suchen die junge Frau und bedanken uns für den Tipp. Sie freut sich sichtlich und meint, die Sängerin sei eine der besten, die es momentan in Buenos Aires gibt. Würde bei uns wohl kaum vorkommen, dass du von einer völlig fremden Person einen Musiktipp bekommst.

Am frühen Abend nach Buenos Aires Zeit, also um 22.00 Uhr, sind wir unterwegs zur Milonga und stoppen ein Taxi. Ich grüße und sage, wohin wir möchten. Der Taxler antwortet: Your spanish is as bad as my englisch! Und er lacht herzlich. Während der Fahrt unterhalten wir uns über die TangotouristInnen aus aller Welt.

Die Milonga, zu der wir gefahren sind, war keine Queermilonga, aber es gab an diesem Abend Livemusik und außerdem wollten wir mal sehen, wie es auf einer traditionellen Milonga ist. Wir waren das einzige Frauenpaar und wurden während des Tanzens entsprechend stark beobachtet. In einer Tanzpause kam dann ein Mann, wie sich später herausstellte, ein Porteno, auf mich zu und meinte: Congratulation to yor leading! Ich war ziemlich überrascht von einer mir fremden Person einfach so ein Kompliment zu bekommen. Wir haben dann eine Weile übers Tanzen und über das Führen im Tanz geplaudert und dann ist er wieder gegangen.

An diesem einen Tag waren die Begegnungen besonders dicht komprimiert und sie zeigen die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen hier. Diese Begegnungen nehmen wir als starke Erinnerung an Buenos Aires mit und sie werden uns wohl ein bisschen abgehen.  Aber auch wenn in Österreich die Begegnungen mit Fremden nicht so ablaufen, wir freuen uns schon sehr, euch wiederzusehen.

Also, bis bald

Sigrid