Tanzen bis ins hohe Alter

… ist im Tango eine Selbstverständlichkeit. Erst kürzlich hat der ORF einen Beitrag über die 92jährige Argentinierin Norma Maturano, die in Salzburg mit ihrem 70jährigen Sohn tanzte, gesendet. Sie tanzt bereits seit 80 Jahren und bewegt sich noch immer geschmeidig und anmutig. Schälmisch lächelnd meint sie: „Wenn ich nicht tanze, sterbe ich!“ In Österreich klingt das unglaublich und außergewöhnlich, in Buenos Aires haben wir alte Menschen immer wieder als Teil der Tangowelt erlebt.

So zum Beispiel das Paar auf dem Foto, das jeden Sonntag während des berühmten Antiquitätenmarktes von San Telmo an einer Ecke der Plaza Dorrego tanzte – begleitet von einem Bandoneonspieler und bestaunt von den zahlreichen Touristinnen und Touristen. Ebenfalls sonntags sind wir regelmäßig in der Confiteria Ideal auf jene Milonga gegangen, die vorwiegend von älteren Tänzerinnen und Tänzern besucht wurde. Gerade die älteren Tanzpaare zelebrieren den Tango in seiner Langsamkeit, interpretieren vor allem die klassische Tangomusik sehr ausdrucksstark und scheinen in ihren Bewegungen ein ganzes Tangoleben zu verdichten. Ihr Tanz lebt nicht von spektakulären Figuren, sondern von der Harmonie als Paar und der Eleganz ihrer Bewegungen. Immer wieder sind uns aber auch Menschen begegnet, die erst im Alter das Tangotanzen erlernen. So zum Beispiel jener Herr, der mit seinen Enkelkindern auf einer Milonga war und sich von ihnen die Basics zeigen ließ. Er gehört zu jener Generation, die in ihrer Jugend keinen Zugang zum Tango gefunden hat, sei es, weil der Rock’n‘Roll verlockender war, sei es, weil die Militärdiktatur der späten 1970er und frühen 1980er Jahre den Tango verboten hat. Sie haben ihr Leben lang die Tangomusik geliebt, aber nie dazu getanzt und als Seniorinnen und Senioren versuchen sie nun die ersten Schritte.

Genau das ist nun auch in Wien möglich, denn seit Februar haben die Pensionistenklubs der Stadt Wien Tango Argentino in ihrem Programm. Jeweils am letzten Freitag des Monats sind wir in zwei Seniorentreffs, am Vormittag im 21. Bezirk und am Nachmittag im 6. Bezirk, und geben einen Tangokurs. Die Idee dazu hatte Markus Gebhardt, ein junger Mann, der im Projektmanagement der Pensionistenklubs tätig ist. Als er gerade am Konzept für einen Regenbogen.Treff im 6. Bezirk, also einem Angebot für gleichgeschlechtlich liebende Seniorinnen und Senioren, feilte, hat er von uns erfahren. Er hat uns kontaktiert und gefragt, ob wir in diesem Rahmen einen Tangokurs geben würden und konnte nicht ahnen, dass das Tangotanzen mit alten Menschen schon lange als Idee in unseren Köpfen herumgeistert. Denn einerseits haben wir ja im SOLO TANGO häufig ältere Teilnehmer*innen. Sie erleben den Tango als Training für den Körper, etwa für das Gleichgewicht, und für den Geist. Und dass Tangotanzen bei Demenz und Parkinson sowohl als Prävention als auch in der Therapie große Erfolge hat, ist mittlerweile reichlich belegt. Ein spannendes Thema und ein spannender Hintergrund für den Tango. Wir sind ja keine Therapeutinnen, sondern vermitteln den Tango als Tanz – und erleben gerade mit den alten Menschen wieder einmal, dass der Tango so vieles eröffnet.

Das Gehen in Umarmung zu erleben, die Schritte bewusst zu setzen, als Paar gemeinsam in Bewegung zu kommen sind wesentliche Aspekte unserer Kurse in diesen Klubs. Und es ist faszinierend und beglückend zu sehen, welche Freude und Begeisterung in den Gesichtern der alten Damen und Herren aufleuchtet. Es geht nicht so sehr um Perfektion und doch ist es ihnen wichtig zu wissen, wie das im Tango so geht und wie sie ihre Schritte setzen sollen. Aber wir spüren eine Gelassenheit und ein Sich-einlassen ohne Verbissenheit in ihrer Art zu tanzen. Was nicht heißt, dass sie nicht an Neuem interessiert sind – immer wieder fragen sie uns, ob der Kurs aufbauend ist und ob das nächste Mal etwas Neues dazukommt. Beim ersten Mal schon sagte ein Herr, wie schade es sei, dass der Kurs nur einmal im Monat stattfindet und beim zweiten Mal kamen so viele, dass die Tanzfläche fast so voll war wie auf einer Milonga in Buenos Aires. Wir spielen auch ganz bewusst jene klassischen Tangos der 1930er und 1940er Jahre, die in Buenos Aires auf Milongas üblich sind und erleben, wie sehr diese Musik den Seniorinnen und Senioren entspricht. Wenn sie ihre Runden drehen ist ihnen anzusehen, wie sie das Tanzen genießen, wie beglückt sie sind, in die Welt des Tangos einzutauchen. Dass es dabei um gesundheitliche Aspekte, um Demenzvorbeugung, um Stabilität der Schritte geht, braucht gar nicht angesprochen zu werden – es passiert ganz von allein.

Bis Juni sind wir an den letzten Freitagen des Monats wieder in Wien, aber vielleicht ist dieser Kurs erst ein Anfang?   

Sigrid

 

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