Alte Tangos treffen alte Autos

Alte Tangos treffen alte Autos

Wer den Tango liebt, bewegt sich manchmal haarscharf an der Grenze zur Nostalgie. Oder überschreitet diese bewusst, wie wir es bei unserem Auftritt am Freitag Abend gemacht haben. Wir waren eingeladen beim Eröffnungsevent der Vulkan Klassik 2017 zu tanzen. Schauplatz war das Atrium im Chateau Agata, besser bekannt als Schloss Oberradkersburg gleich über die Grenze, auf der slowenischen Seite der geteilten Stadt Radkersburg.

Für diesen Anlass erschien uns der wo/men tango act Encuentro / Begegnung, mit dem wir im Vorjahr auf der Straße aufgetreten sind, passend, und so haben wir das Stück in der letzten Woche wieder aufgefrischt. Es machte großen Spaß diese Geschichte nach so langer Zeit zu tanzen und wir haben schnell wieder in unsere Rollen hineingefunden: Andrés (Andrea), der reiche Gutsbesitzer, der geschäftlich in Buenos Aires zu tun hatte und nun – in der geänderten Form für diesen Event nicht am Bahnhof Retiro steht, sondern – auf seinen Chauffeur wartet, der ihn wieder auf sein Landgut bringt. Er strahlt Selbstbewusstsein aus, ist stolz und arrogant, zugleich aber auch einsam. Von den anderen Menschen auf den Straßen von Buenos Aires nimmt er keine Notiz. Einer dieser Menschen ist Segundo (Sigrid). Er ist auf der Suche, deshalb ist er oft auf den Straßen der Stadt unterwegs. Er ist ein unsicherer, zweifelnder Mensch mit wenig Selbstwertgefühl. Aber er tanzt wunderbar Tango und er trägt auch diese Sehnsucht in sich, die ihn hoffen lässt …

Schon bei unserer Ankunft im Schloss wurden wir inspiriert von dem Ambiente der alten Mauern und von den vielen, blitzblanken, schönen, alten Autos, die vor dem Schloss auf ihre Ausfahrt warteten. In unseren Kostümen im Vintagestil, sagen wir der 1930er Jahre, passten wir perfekt in dieses Bild. Erst waren die Anwesenden ein wenig überrascht über diese beiden „Herren“, bald aber wurden wir wohlwollend aufgenommen in den Kreis der LiebhaberInnen alter Autos. Und bei unserem Auftritt dann ist der Funke übergesprungen: sie sind tatsächlich mit uns in die Straßen von Buenos Aires gekommen und vielleicht haben sie ihren schönen Oldtimer neben diesem tanzenden Paar als einen der parkenden Wagen gesehen. Ein gelungener Auftritt und beinahe ein magischer Moment, wenn Raum und Zeit sich verschieben.

Sigrid und ein Maserati Vignale Spider, Baujahr 1962, Andrea und ein Volvo 544 Sport, Baujahr 1963

Für uns war diese Zeitreise noch am selben Abend zu Ende, für die 44 Fahrzeuge und die teilnehmenden Personen ging es am nächsten Tag erst so richtig los. Die 200 km lange Rundfahrt der Vulkan Klassik 2017 mit dem Start vor den Toren des Schlosses führte auf kleinen Straßen durch das steirische Vulkanland, über Straden und St. Anna am Aigen bis zum Ziel am Hauptplatz in Bad Radkersburg. Dabei folgen die FahrerInnen den Anweisungen ihrer BeifahrerInnen, die anhand des Roadbooks den Weg weisen. Es werden nicht nur Kontrollpunkte angefahren, sondern es gibt auch mehrere Sonderprüfungen, die unterwegs zu absolvieren sind. Bei der ganzen Rundfahrt geht es aber vor allem um die Langsamkeit! Schon bei der Eröffnung am Freitag hat eine der Organisatorinnen klar gemacht, welche Art des Fahrens bei diesem Event gefragt ist, als sie sagte: „Bitte nicht rasen!“. Und tatsächlich, einig Male wird gerade die Langsamkeit bewertet, zum Beispiel wenn eine kurze Strecke, markiert durch zwei am Boden liegende Schläuche, in exakt 7 Sekunden – und nicht schneller! – gefahren werden muss. Und wer die Gesamtstrecke zu schnell absolviert, bekommt dafür Strafpunkte! Ist das nicht herrlich! Nun weiß ich auch, warum mir diese alten Autos einfach gut gefallen: sie sind Symbole der Entschleunigung – und damit sind wir ja wieder beim Tango, der mir nach wie vor Lektionen punkto Langsamkeit beschert. So wie wir im Tangotanzen, so finden wohl auch die TeilnehmerInnen einer Oldtimerralley im Tun, oder besser gesagt im Fahren immer wieder diese Entschleunigung, die uns im Alltag so oft abhanden kommt. Dafür lohnt es sich ein wenig Nostalgie in Kauf zu nehmen!

Sigrid

 

PS: Schon einmal sind wir – out of program – bei einem Oldtimerevent mit Encuentro aufgetreten: bei der Mille Miglia 2016. In einem Blogartikel haben wir damals von den Begegnungen bei diesen Auftritten erzählt.

 

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Eine Ballade und zwei Verrückte in Graz

Bei fünf Auftritten vergangene Woche in Graz haben wir die Verrücktheit zelebriert. Dabei haben wir große und kleine Kinder zum Staunen gebracht, unser Publikum mitgenommen auf eine Reise in die Welt der Phantasie und die Straßen der Stadt mit diesem wunderbaren Tango von Astor Piazzolla erfüllt. Um noch mehr eintauchen zu können in diese verrückte Magie des Lebens und der Liebe gibt es hier den Text der Ballade für einen Verrückten, auf der unser wo/men tango act basiert:

 

Balada para un loco
M: Astor Piazzolla, T: Horacio Ferrer

Die Nachmittage in Buenos Aires
haben etwas, ich weiß nicht was.
Verstehst du? Ich verlasse
mein Haus und schlendere die
Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
als er plötzlich hinter diesem Baum erschien.
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und
einzigen Landstreicher
und dem ersten blinden Passagier auf einer
Reise zur Venus.

Eine halbe Melone auf seinem Kopf
ein gestreiftes Hemd auf die Haut gemalt
zwei Ledersohlen an die Füße genagelt und ein
„Taxi-zu-vermieten“- Schild in jeder Hand …
Ha … ha … ha … ha …
Es scheint, als wäre ich der Einzige
der ihn sieht.
Denn er taumelt zwischen den Leuten
und die Schaufensterpuppen zwinkern mir zu.
Die Ampellichter geben mir
drei himmelblaue Lichter
und die Orangen im Obstladen an der Ecke
werfen ihre Blüten nach mir.

Und dann, halb tanzend, halb fliegend,
nimmt er die Melone ab, um mich zu grüßen.
Er gibt mir ein Taxischild und sagt auf Wiedersehen.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Siehst du nicht den Mond
durch die Callao-Straße rollen
und einen Chor von Astronauten und Kindern
die um mich herum tanzen … ?

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt.
Ich sehe Buenos Aires von einem Spatzennest aus,
und ich sah dich so traurig.
Komm, flieg, fühl das verrückte Verlangen
was ich nach dir habe.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wenn Dunkelheit sich in deiner städtischen
Einsamkeit breit macht
zu den Ufern deiner
Bettwäsche sollte ich kommen
mit einem Gedicht und einer Posaune
um dein Herz wach zu halten.

Verrückt! Verrückt! Verrückt!
Wie ein verrückter Akrobat sollte ich tauchen
in den Abgrund deiner Kluft bis ich fühle
dass ich dein Herz verrückt gemacht habe
mit Freiheit.
Du wirst schon sehen.

Und dann lädt mich der
verrückte Mann zu einer Fahrt
in seiner super Sport-Illusion ein
und wir rasen über die Riffs
mit einer Schwalbe im Motor.

In Vieytes applaudieren sie uns: „Hurra! Hurra!“
Die Bekloppten, die die Liebe erfunden haben.
Und ein Engel, ein Soldat und ein Mädchen
schenken uns einen Walzer.
Die schönen Leute kommen heraus
um hallo zu sagen.

Und verrückt, aber das bist du, ich weiß nicht
mein Irrer.
Erlöst mit seinem Lachen
ein grelles Klingen von Kirchenglocken aus
und schließlich sieht er mich an und singt sanft:

Liebe mich, so wie ich bin
verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige
Zärtlichkeit, die ich in mir habe.
Zieh dir eine Perücke mit Spaß auf deinen Kopf
und flieg.

Flieg jetzt mit mir: komm, flieg, fühle …
Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden.
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

 

 

Eine großartige Fotografin begleitete einen unserer Auftritte und dabei sind diese wunderschönen Fotos entstanden. Danke, liebe Elisabeth Paulitsch für das einfühlsame, tolle Fotoshooting!

Noch ist die Straßenkunst-Saison nicht vorbei und wir freuen uns schon auf weitere Auftritte.

Andrea und Sigrid

 

Istrien – ein schöner Arbeitsplatz!

Istrien – ein schöner Arbeitsplatz!

Kennst du dieses Gefühl der Unwirklichkeit, jene Momente, in denen du das, was du gerade erlebst, kaum fassen kannst? In den letzten Tagen häufen sich diese Glücksmomente bei mir. Aber jetzt mal langsam und von Anfang an:

Am Freitag machten wir uns bei strömendem Regen auf den Weg und sind quer durch Slowenien gefahren. Ab Postojna wurde die Wolkendecke etwas heller und das frische Grün der Bäume in der Karstlandschaft weckte unsere Vorfreude. Als wir bei Crni Kal die Karstlandschaft hinter uns ließen und steil bergab Richtung Meer fuhren, tauchten die ersten Olivenbäume auf, die Blüten des Ginsters und der Akazien begrüßten uns und schon gab es diesen freudigen Moment: der erste Blick aufs Meer! Die Luft war reingewaschen vom Regen, hell und klar leuchtete die mediterrane Landschaft. Auch auf der nun folgenden Strecke im kroatischen Teil von Istrien mit seiner dunkelroten Erde, dem jungen Grün der Weinstöcke und den abertausenden von Akazienblüten war sofort wieder dieses Gefühl von Urlaub und Entspannung da. Denn bisher waren wir ja immer als Urlauberinnen in Istrien unterwegs. Diesmal aber sind wir zum Arbeiten hier! Zugegeben, ein wunderschöner Arbeitsplatz!

TANGO und YOGA in Rovinj – in einem Apartment-Resort direkt am Meer und mit einem herrlichen Blick auf die Altstadt. Nach Norden zu folgte ein naturbelassener, völlig unbebauter Küstenabschnitt, der in den Pausen zum Spazierengehen einlud. Da gab es auch unzählige Plätzchen, um es sich windgeschützt zwischen den Felsen am Meer gemütlich zu machen und einfach auf den Horizont zu schauen, dem Rauschen der Wellen zu lauschen und das Leben zu genießen. Andere TeilnehmerInnen wieder zog es zum Flanieren nach Rovinj, vielleicht zu einem Cappuccino auf der Piazza oder einem Aperol in einer Bar am Hafen … . All das war das Rahmenprogramm zu intensiven Yogaeinheiten und für Solo Tango! Wir tanzten auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer, den Horizont vor Augen und umgeben von Tangomusik tauchten wir mit den TeilnehmerInnen immer tiefer ein in die Welt des Tango Argentino. Wunderbar!

Am Sonntag hatten wir nur eine kurze Wegstrecke, um an einen weiteren Ort, in dem wir schon mehrmals unseren Urlaub genossen hatten, zu reisen: Piran, das malerische Städtchen auf einer kleinen Landzunge im slowenischen Teil von Istrien, hatten wir als den Ort ausgewählt, an dem wir unsere vierte Straßenkunstsaison eröffneten.

Die große, ovale Piazza Tartini unterhalb der mächtigen Kirche wurde die Bühne für die Premiere des neuen wo/men tango acts, von dem Andrea im letzten Blogartikel erzählt hat. Und schon nach den ersten Takten, dem ersten Tango, der ersten Begrüßung unseres Publikums war sie wieder da – die Faszination der Straßenkunst! Nach den vielen Monaten der Winterpause ist es beinahe unglaublich, wie sehr sich diese Liebe zum Auftreten sofort wieder einstellt, dieses Wissen und Fühlen: Das ist es, woran unser Herz hängt! Dreimal tanzten wir unser neues Stück, immer wieder umringt von Kindern, die von unseren Seifenblasen begeistert waren und fasziniert unser Stück beobachteten. Wir hatten schon vermutet, dass dieses surreale, bunte Stück – kleine und große – Kinder besonders ansprechen wird.

Surreal wie die Geschichte, die wir in dieser Saison tanzen, ist eben auch unser Leben! Und bunt, abwechslungsreich und voller Überraschungen. Wir hätten uns niemals träumen lassen, dass diese schönen Orte unsere neuen Arbeitsplätze sein könnten! Das Hier-Sein, die Begegnungen mit den TeilnehmerInnen beim Workshop und mit unserem Publikum, unsere Tangoleidenschaft mit Solo Tango weitergeben zu können und als Straßenkünstlerinnen aufzutreten – einfach unglaublich, das größte Glück! Und so sind diese Tage hier auch verbunden mit einer großen Dankbarkeit!
Gracias a la vida heißt ein Tango von Violeta Parra – dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen!

Sigrid

Oder doch noch ein Tipp, zum Weiterlesen?
Vor zwei Jahren erzählte ich in einem Blogartikel von Bella Italia als schönem Arbeitsplatz.

 

Ballade für zwei Verrückte

Ballade für zwei Verrückte

In wenigen Tagen ist es wieder so weit – wir eröffnen unsere Straßenkunstsaison, diesmal in Piran und Umgebung. Unser neues Stück ist „reif“ und jetzt zieht es uns förmlich hinaus auf die Straßen. Es hat sich heuer wieder, wie auch die letzten Jahre schon, so ergeben, dass die Premiere im Ausland stattfindet. Und wir stellen fest, dass uns das sehr recht ist. In der Fremde, wo uns niemand kennt, ist es am Anfang leichter. Aber wir haben heuer auch vor, öfter in Graz aufzutreten.

Balada para dos locos – Ballade für zwei Verrückte, nennt sich unser neues Stück. In Anlehnung an einen berühmten Tango namens Balada para un loco haben wir es entwickelt. Die Musik dieses Tangos stammt von Astor Piazzolla, der Text von Horacio Ferrer. Es ist ein Tango, der uns immer schon fasziniert hat, in dem wir uns irgendwie wieder gefunden haben. Das ist auch nachzulesen im Blogartikel Loco, loco, loco, …, den ich vor einem knappen Jahr geschrieben habe. Als wir über das neue Stück nachzudenken begannen, war jedenfalls bald klar, dass dieser „verrückte Tango“ der Ausgangspunkt wird.

Am Anfang war also diese Idee. Der Prozess der Entstehung – eben von einer Idee bis zum fertigen Stück – ist für mich das Spannendste und Schönste an unserer momentanen Arbeit: fantasieren, Bilder im Kopf entstehen lassen, sich austauschen (was wollen wir ausdrücken?), im Text versinken, die Musik auswählen, tanzen, Kostüme entwerfen, Requisiten beschaffen, eine Choreografie festlegen, proben, verändern, proben, proben, uns filmen, proben, verändern, … und dann das Gefühl „Jetzt haben wir es!“

Entstanden ist diesmal ein surreales Stück: bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen entführen wir in die Straßen von Buenos Aires und auf eine Reise zur Venus. Es ist ein Stück über die verrückte Magie des Lebens und der Liebe!

Die Proben der letzten Tage haben unsere Vorfreude auf die heurige Straßenkunstsaison so richtig angefacht. Und das, obwohl es einige Pannen gab. So ist z.B. Sigrid’s Hose gleich bei der ersten Kostümprobe aufgeplatzt. Ihr Anzug besteht nämlich aus einem ganz besonderen Stoff, der sich aber leider nicht dehnt. Unserer wunderbaren Kostümbildnerin ist zum Glück schnell eine Lösung eingefallen, aber Sigrid musste wieder eine Zeit lang ohne Kostüm proben. Ein paar Proben später ging beim Regenbogenschirm, eine unserer Requisiten, eine der Streben kaputt. Einfach entzwei gebrochen, ob durch einen Materialfehler oder durch die Beanspruchung bei unserem Tanz, wissen wir nicht. Jedenfalls haben wir gleich einen neuen bestellt und hoffen, dass er rechtzeitig da ist. Und irgendwie passen diese Pannen ja zu unserem Stück. Obwohl wir schon hoffen, wenn sie jetzt passieren, dass es bei den Aufführungen keine mehr gibt.

So fiebern wir ihnen entgegen, den Auftritten. Wird alles so klappen, wie wir es uns vorstellen? Wie wird es beim Publikum ankommen? Gerade am Anfang haben wir natürlich auch Lampenfieber. Aber auch das gehört dazu. Denn das wunderbare Gefühl nach einem gelungenen Auftritt macht es wieder wett.

Andrea

 

Tango auf Rumänisch …

Tango auf Rumänisch …

Auf ihrer musikalischen Weltreise hat Andrea uns im letzten Blogartikel auch nach Bukarest entführt und mit ihren Erzählungen sind wir eingetaucht in das „Paris des Ostens“ als Tangometropole der 1920er und 1930er Jahre. Die Tangos auf der CD Bucharest Tango werden von Oana Catalina Chitu in rumänischer Sprache gesungen und wir tanzen nicht nur seit vielen Jahren gerne zu diesen Stücken, sie haben uns schon bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen im Jahr 2014 begleitet. Und gerade im öffentlichen Raum haben diese Tangos in rumänischer Sprache zu überraschenden und berührenden Begegnungen geführt, die uns erfreut und zugleich nachdenklich gemacht haben.

20140721_108_web-3Am Ufer des Donaukanals im Juli 2014 zum Beispiel haben sich zwei junge Frauen an der Kaimauer niedergelassen und uns lange Zeit zugeschaut. In einer Pause haben sie uns angesprochen und wollten gleich mehr über den Tango Zaraza, zu dem wir gerade getanzt hatten, wissen. Eine der beiden war nämlich aus Rumänien und studierte damals in Wien. Sie war überrascht und hocherfreut einen Tango in ihrer Muttersprache zu hören. Etwas schüchtern erzählte sie dann, dass sie selbst begonnen habe, Tango zu tanzen und fragte, ob ich mit ihr tanzen würde. So tanzte ich mit ihr zu Zaraza und es war deutlich zu spüren, wie viel ihr dieses Erlebnis bedeutete. Auch für uns war es eine der ersten intensiven Begegnungen mit unserem Publikum – ausgelöst durch diesen Tango in rumänischer Sprache.

Im Sommer 2015 gab ein anderer Tango jener CD den Impuls, unsere Auftritte zu verändern und neben dem Tanz auch mit Gesten und Mimik und mit Requisiten zu spielen. Es war das Stück Aprinde o tigara, der wie so viele Tangos von einer unglücklichen Liebe erzählt und in dem das Rauchen einer Zigarette Trost spenden soll. Nun, wir ließen uns nicht vom ganzen Text, sondern nur vom Titel inspirieren und machten daraus die erste Version unserer „Zigarrennummer“. Das Echo darauf war bei jedem Auftritt groß und somit war der Anfang für unsere wo/men tango acts gemacht: Wir entwickelten eine Geschichte, bestehend aus mehreren Tangos inklusive Aprinde o tigara. Andrea schlüpft darin in die Rolle des reichen Gutsbesitzers Andres, der am Bahnhof wartend Zigarre raucht …

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Als dieser wo/men tango act im Mai 2016 am Hackeschen Markt in Berlin Premiere hatte, dauerte es nicht lange, bis der Tango in rumänischer Sprache erneut zu überraschenden Begegnungen führte. Einmal war da ein Mann im Publikum, dem äußeren Anschein nach ein Obdachloser, einfach gekleidet und sehr verschüchtert in seiner Art. Dennoch kam er in der Pause auf uns zu und sagte mehrmals „Rumänien“. Wir bestätigen, dass da wirklich ein Tango in rumänischer Sprache dabei war und er strahlte. Dann bat er um ein wenig Geld und wir gaben ihm ein paar Münzen aus unserem Koffer. Ein andermal wartete eine Musikgruppe bis wir mit unserem Auftritt fertig waren, damit sie den Platz bespielen konnten. Auch sie waren aus Rumänien und haben den rumänischen Tango gleich erkannt. Leider konnten sie selbst keinen Tango spielen, sonst hätten wir zu ihrer Livemusik tanzen können. Wir begannen zu überlegen, warum diese Männer so berührt waren und meinen, dass es daran liegt, im öffentlichen Raum ihre Muttersprache zu hören. Sprache hat ja sehr viel mit Identität zu tun. Und diese Menschen leben mitten unter uns, sprechen mehr oder weniger gut unsere Sprache, aber hören ihre Sprache nur im privaten Umfeld. Ähnliche Erlebnisse hatten wir auch im Augartenpark in Graz, wo wir im Juni zweimal aufgetreten sind. Der Park war an jenen lauen Sommerabenden voller Leben, Kinder spielten, ganze Familien waren mit den Fahrrädern unterwegs, viele machten es sich auf den Parkbänken gemütlich. Es hatte den Anschein, als wäre der Park für einige von ihnen das Wohnzimmer, denn als wir zum zweiten Auftritt kamen, saßen die gleichen Männer auf den gleichen Bänken wie einige Tage zuvor. Einmal kam ein kleiner Junge zu uns und fragte, ob wir aus Rumänien seien. Er war ganz erstaunt, als wir verneinten und meinte: „Aber das war ja rumänisch!“ Dann eilte er zu dem Mann zurück, der auf der Bank saß. Dieser blieb bis zum Ende unserer Aufführung sitzen und als wir unsere Requisiten zusammenpackten kam er zu uns, bedankte sich und gab uns eine 2-Euro-Münze. Wir waren höchst überrascht, nicht nur darüber, dass er direkt auf uns zugekommen ist, sondern auch, dass er so großzügig war. Scheinbar haben wir uns gegenseitig beschenkt …

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Die berührendste Begegnung ausgelöst durch den Tango in rumänischer Sprache hatten wir aber im Herbst an der toskanischen Küste. In Italien leben ja viele Menschen aus Rumänien, weil ihre Sprache dem Italienischen sehr ähnlich ist und es für sie deshalb leichter ist, in diesem Land Fuß zu fassen. Wie überall in Europa leben sie, obgleich EU-BürgerInnen, aber auch dort am Rande der Gesellschaft und verrichten jene Arbeiten, die nicht viel wert und daher schlecht bezahlt sind. Bei unserem ersten Auftritt in Forte dei Marmi sind wir zu früh dran und daher sind noch sehr wenige Menschen unterwegs. Auf dem Platz, den wir als Auftrittsort gewählt haben, steht ein Brunnen, bei dem immer wieder Menschen Wasser holen. So auch eine ältere Frau, die gleich mehrere Kanister anfüllt und uns währenddessen zuschaut. Nach dem Stück kommt sie auf uns zu und wir sehen, dass sie Tränen in den Augen hat. Sie bedankt sich in einer Mischung aus Italienisch und Rumänisch und gibt uns einen 5-Euro-Schein. Wahrscheinlich arbeitet sie in einem der Hotels, sicher hat sie nicht viel Geld, und dennoch will sie uns diesen Schein unbedingt geben. Sie war berührt, so unerwartet ihre Sprache an jenem Platz zu hören, an dem sie wohl immer wieder Wasser holt. Auch wir sind tiefberührt und reich beschenkt. Das sind die Momente, in denen wir voll Dankbarkeit sind für die Erlebnisse als Straßenkünstlerinnen!

Nun, ein Tango in rumänischer Sprache hat den letzten Sommer begleitet. Seine Sprache hat Menschen berührt, die fern ihrer Heimat in einem anderen Land leben und dort ihr Glück suchen. So schließt sich der Kreis und die Weltreise des Tangos führt uns zurück nach Buenos Aires, wo er entstanden ist unter Menschen, die ihre Heimat verlassen hatten auf der Suche nach einem besseren Leben. Vor mehr als hundert Jahren in Buenos Aires, heute mitten unter uns. Die Melodien des Tangos sprechen von Sehnsucht und Hoffnung, egal ob auf Italienisch, Spanisch oder eben in rumänischer Sprache. Und rühren die Menschen an, berühren ihre Herzen. Und wir als Straßenkünstlerinnen sind Gebende und Nehmende zugleich!

Sigrid

 

Tango ist Entschleunigung!

Tango ist Entschleunigung!

Es ist soweit – das Thema Tango und die Zeit ist reif für einen Blogartikel! Ein Monat ist verflogen, seit ich darüber schreiben wollte und ich könnte, ganz im Trend der Zeit, über das rasante Tempo klagen, mit dem sich unsere Gesellschaft von einem Jahr ins nächste katapultiert. Oder ich könnte das – leider oft schon abgegriffene – Wort Entschleunigung benutzen, um mich selbst und die Leserinnen und Leser dieses Artikels mit einem imaginären erhobenen Zeigefinger zu ermahnen, doch endlich … Aber genau darum geht es im Folgenden nicht! Es geht um meine Erfahrungen mit dem Tango und um einige sehr persönliche Lektionen, die er mir im Bezug auf das Tempo meines Lebens beschert hat. Und falls sich darin die eine oder der andere wiederfinden kann und ebenfalls zu buchstabieren beginnt, wie es um die Zeit steht, so freut mich das – ohne jeglichen moralischen Anspruch!

20160626_210305-1-2Nun, meine Gedanken gehen zurück zu einem Auftritt im Juni in Graz, bei dem eine gute Freundin im Publikum war, die uns danach ihre Eindrücke rückgemeldet hat. Sie hat dabei diese Formulierung „Tango ist Entschleunigung!“ verwendet und gemeint, unser Tanz ist in seiner Langsamkeit ein absoluter Kontrast zu dem, was sich sonst im öffentlichen Raum, in der Fußgängerzone und den Plätzen der Stadt, abspielt. Während um uns herum alles eher schnell, ja hektisch ist, scheinen wir von all dem entrückt zu sein. Mir war dies bis zu jenem Auftritt gar nicht bewusst und, überrascht über diese Wahrnehmung, habe ich diesem Aspekt seither Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur bei unseren Auftritten, sondern generell beim Tanzen.

Da der Tango ein Improvisationstanz ist, gibt es keine fixen Abfolgen und die Tanzenden können auch frei mit dem Rhythmus und dem Tempo spielen. Es gibt kein durchzählen der Takte, sondern es können jederzeit Pausen folgen, bei denen die beiden Tanzenden in der jeweiligen Position verharren, sich selbst und sich als Paar, die Musik oder den Text spüren und erst dann wieder weitertanzen. Außerdem kann die führende Person sich in der Gestaltung des Tanzes ganz von der Musik leiten lassen und dabei einmal einem schnelleren Instrument, zum Beispiel dem Bandoneon, in seinem Lauf folgen oder die Bewegungen an ein langsameres Element, vielleicht einen langen, getragenen Part der Geigen, anpassen. Und da sind wir schon bei den Lektionen für mein Leben, die der Tango mir ermöglicht hat! Jeder Mensch hat ja sein eigenes Lebenstempo – es gibt Menschen, die alle ihre Tätigkeiten eher flott und zügig machen und solche, die alles langsam und bedächtig angehen. Letztere werden vom Lebenstempo unserer Gesellschaft häufig angetrieben und können kaum ihr persönliches Lebenstempo realisieren. Ich gehöre zu den schnellen Menschen, nicht selten zu den zu schnellen. Beim Tangotanzen habe ich als Führende deshalb lange Zeit eher auf die schnelleren Impulse in der Musik geachtet und häufig schnellere Schritte eingebaut. Aurora Lubiz, unsere Tangolehrerin in Buenos Aires, hatte das gleich gemerkt und mich immer wieder mit dem Wort pausa aufgefordert, den Tanz langsamer zu gestalten. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dieses langsamere Tempo im Tanz zu lieben und so wurde das Tanzen für mich zu einem Ruhepol, der sich von meinem schnellen Lebenstempo abhob. Seit drei Jahren tanzen und trainieren wir nun ja regelmäßig und sehr intensiv und siehe da – der Tango hat tatsächlich mein Leben entschleunigt! Ich genieße es, den ruhigen Instrumenten zu folgen, Pausen einzulegen, Zeit zu haben, um mich und uns als Tanzpaar wahrzunehmen und den Tanz gemeinsam entstehen zu lassen – und zwar ruhig und langsam. So ist es uns wohl gelungen, unserem Tanz diesen individuellen Ausdruck der Langsamkeit zu verleihen und diese Entschleunigung auch bei unseren Auftritten spürbar zu machen.

20160908_205020-3Denn eine weitere Rückmeldung zu unserem wo/men tango act Encuentro, die wir ebenfalls diesen Sommer erhalten haben, bezieht sich auch auf das Thema Zeit: Unser Tanz sei „wie aus der Zeit herausgefallen“ wurde uns gesagt. Nun, die Figur des Andrés blickt tatsächlich nicht auf sein Smartphone, um zu sehen wie spät es ist, sondern auf eine Taschenuhr und der Koffer, den er bei sich hat, ist Vintage. Aber die Requisiten sollen dabei nur das unterstreichen, was sich in der Geschichte abspielt – und da lassen wir unsere beiden Figuren tatsächlich aus der Realität herausfallen, so dass sie sich für einen kurzen Moment wie in Zeitlupe bewegen. Aber auch hier zeigen wir bei unserem Auftritt etwas, was zu den wesentlichen Erfahrungen zählt, die wir beim Tangotanzen immer wieder machen: Ganz im Tanz aufzugehen, Raum und Zeit zu vergessen und nur mehr im Hier und Jetzt, in der Musik und im Tanz zu sein. Tango ist Entschleunigung! Denn gerade in diesen Momenten spüre ich diese Magie des Augenblickes, die im schnellen Lebenstempo so leicht verloren geht. Und vielleicht ist diese Magie eben nicht nur für mich spürbar, sondern auch für die Menschen, die uns beim Tanz zusehen. Ja, und vielleicht springt ein klein wenig von dieser Entschleunigung auf sie über – mitten im öffentlichen Raum und im rasanten Tempo des heutigen Lebens.

Sigrid

 

Ende der Saison …

Ende der Saison …

Ein letztes Mal in dieser Saison haben wir unsere Requisiten und Kostüme vorbereitet, um heute Nachmittag auf der Straße aufzutreten. Beim Ankleiden und Schminken werden wir wieder in unsere Rollen schlüpfen und uns in Andrés und Segundo verwandeln, die sich im Stück „Encuentro“ begegnen. Dann werden wir uns ins Auto setzen, nach Graz fahren und tanzen – auf dem „Pflaster, das für uns die Welt bedeutet“!

Ich weiß, das klingt theatralisch, aber am Ende unserer dritten Saison als Straßenkünstlerinnen trifft nach wie vor das zu, was wir bei unserem allerersten Auftritt, im Mai 2014 ebenfalls in Graz, schon gespürt haben: die Straßenkunst ist einfach unseres! Wir haben seither viele Erfahrungen gemacht, vieles ausprobiert und viel gelernt. Nun sind wir am Ende unseres dritten Lehrjahres und können dankbar auf ein äußerst erfolgreiches Jahr als Straßenkünstlerinnen zurückschauen. Wir sind viel öfter aufgetreten als in den Jahren zuvor und es war spannend an völlig verschiedenen Orten zu tanzen: die Atmosphäre in der Großstadt Berlin, die vertraute Innenstadt von Graz und die Urlaubsorte am Meer in Italien bildeten jeweils einen gänzlich anderen Rahmen. Immer noch ist es nicht ganz leicht den passenden Auftrittsort und die beste Tageszeit herauszufinden. Wir hatten wunderschöne Plätze mit unglaublich tollem Ambiente und viel Publikum, aber manchmal ist es schwierig, die Gegebenheiten richtig einzuschätzen und so waren wir leider auch mal zur falschen Zeit am falschen Ort.

20160908_205020-2Nach wie vor sind wir fasziniert von den Begegnungen mit dem Publikum! Von den vielen spontanen Gesprächen, die sich nach einem Auftritt ergeben, haben wir ja schon des Öfteren berichtet. Bei einem unserer Auftritte in Italien etwa hat uns ein Paar sehr lange zugeschaut und uns dann in der Pause angesprochen. Sie waren aus Amerika und gerade auf ihrer Hochzeitsreise. Wir plauderten einige Zeit über den Tango und beim Verabschieden sagte die Frau, unser Auftritt sei für sie das Schönste auf der ganzen Reise gewesen – und das bei einer Toskanareise! Weil wir im Auftreten und im Tanzen einfach schon routinierter sind, war es in dieser Saison auch möglich, während wir tanzten Reaktionen aus dem Publikum wahrzunehmen, manchmal aufzugreifen oder zumindest einen kurzen Blickkontakt herzustellen. Vor allem in Italien war dies sehr intensiv, weil die ItalienerInnen sehr offen und emotional sind und wir viele Zurufe mit „bravo“ und „complimenti“ erhielten. Das übertrug sich natürlich auf uns und wir tanzten vielleicht noch eine Spur besser …

Das wirklich Besondere an dieser Saison war aber, dass wir mit unserem ersten wo/men tango act „Encuentro“ erstmals eine Geschichte getanzt haben und so neben dem Tango tanzen auch das Theater spielen Teil unserer Auftritte geworden ist. Uns machte es einfach Spaß, mehr und mehr in die Rollen hinein zu wachsen und im Spiel ebenso kreativ zu werden wie im Tanz. Natürlich ist es bei der spontanen Straßenkunst nicht immer so, dass Menschen das ganze Stück lang stehen bleiben und zuschauen. Oftmals haben wir aber erlebt, dass ZuschauerInnen nicht nur bis zum Schluss geblieben sind, sondern richtig mit den beiden Personen und der Handlung mitgelebt haben, gelacht und sich mit uns über den positiven Ausgang dieser Begegnung gefreut haben. Und natürlich war auch das Spiel mit den Geschlechterrollen spannend, das wir als Herrendarstellerinnen in diesen act mit hinein verpacken. Wiederum im Italien haben wir – aufgrund der Sprache – mehrmals erlebt, dass ZuschauerInnen gerätselt und sogar miteinander diskutiert haben, ob wir nun Männer oder Frauen seien. Und an den Zurufen konnten wir dann erkennen, für wen sie uns halten, denn bei zwei Männern heißt das „Bravo“ auf Italienisch „bravi“ und bei zwei Frauen „brave“. Manchmal waren beide Formen gleichzeitig zu hören und wir freuten uns darüber, dass es uns gelingt zu irritieren, zu genauem Hinsehen und zum Nachdenken anzuregen.

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Nun bleibt nur noch jene Frage, die uns schon vor Monaten gestellt wurde, als wir erwähnten, wir seien gerade im „dritten Lehrjahr als Straßenkünstlerinnen“: dauert die Lehrzeit für diesen Beruf drei oder vier Jahre? Auch jetzt, am Ende dieser Saison kann ich sie noch nicht beantworten! Straßenkunst bietet immer Überraschungen und ist immer wieder neu. Womöglich ist die Lehrzeit nie vorbei. Jetzt aber geht es in die Winterpause. Und da wollen wir einen neuen wo/men tango act entwickeln und uns für Straßenkunst-Festivals im kommenden Jahr bewerben. Es wir uns also nicht langweilig werden und auch wenn die Pause gut tun wird, freue ich mich schon jetzt, wenn wir im nächsten Jahr wieder auf dem Straßenpflaster auftreten werden.

Sigrid