Wie werden wir in Zukunft reisen?

Anders! Das ist aber auch schon das Einzige, das ich mich mit Sicherheit zu behaupten getraue, denn in welche Richtung es gehen wird, scheint noch völlig offen zu sein. Die Travel-News der internationalen Reisebranche sind zwiespältig: Einerseits erfährt man, dass allein heuer schon 30 neue Airlines angemeldet wurden, die alle den Kurz- und Mittelstreckenbereich bedienen wollen. Anderseits sind einige Regionen, die 2019 vom Massentourismus überrannt wurden, gerade dabei mit neuen Regelungen eine Rückkehr zu jenem Reiseverhalten, wie es vor der Pandemie war, zu verhindern: Hawaii  wird die aktuellen Zugangsbegrenzungen für Nationalparks beibehalten, in Florenz gibt es neue Bestimmungen für Ferienwohnungen und Island und Venedig haben Gesetze erlassen, die die Kreuzfahrtbranche  einschränken. Doch das Angebot an Kreuzfahrten scheint nicht kleiner, sondern um ein Vielfaches größer zu werden. Da geht es vor allem um Luxusreisen und um die Idee, die Schiffe zu coronafreien Zonen zu machen: alle Menschen an Bord – Urlauber*innen sowie die gesamte Crew – sind getestet, wenn sie das Schiff betreten und dieses wird dann einfach nicht mehr verlassen. Ein schwimmendes Luxusresort, das auf Landgänge verzichtet und die heile Welt vorgaukelt. Nun, ein übermäßig großes Interesse an einer Begegnung mit Land und Leuten hat wohl die meisten Passagiere auch bisher nicht zu dieser Art des Reisens angetrieben, in Zukunft würde sie gleich ganz gestrichen werden.

Wie aber werden jene Menschen in Zukunft reisen, denen genau diese Begegnungen mit Land und Leuten wichtig sind, die offen sind für andere Kulturen und gerne auch die Gastfreundschaft anderer annehmen? Kann es auch für sie eine neue Art des Reisens geben? Tatsächlich sind in der Reisebranche zuletzt viele neue Ideen entwickelt und umgesetzt worden – zum Beispiel mit der Plattform Schau aufs Land, die Campingreisenden freie Stellplätze auf über 200 Bauernhöfen, Weingütern oder Manufakturen in Österreich anbietet. Du kommst mit deinem Campingbus, Wohnmobil oder Zelt, kannst die Produkte des Hofes genießen und völlig legal außerhalb eines offiziellen Campingplatzes übernachten. Okay, das ist jetzt nicht gerade eine fremde Kultur, der Fernreisende gerne begegnen. Aber ein Umdenken hin zu einem neuen Reisen beinhaltet ja auch die Frage der kurzen Wege. Und zu entdecken gibt es auch innerhalb Europas – und selbst innerhalb Österreichs – noch genug.

Damit bin ich bei der Frage angelangt, wie wir in Zukunft unser Reiseziel erreichen werden. Für uns ist Slow Travel mit der Bahn schon seit Jahren die bevorzugte Art des Reisens. Das Angebot dafür wird immer größer und die Abwicklung immer einfacher. Dass momentan rund 1500 Nachtzüge in Europa unterwegs sind, ist wahrscheinlich vielen nicht bewusst. Gerade die ÖBB hat dieses Angebot bereits in den letzten Jahren enorm erweitert und durch Kooperationen mit anderen Staatsbahnen soll es 2021 weitere neue Verbindungen auf Teilstücken der traditionellen Orient-Express-Strecke nach Paris oder bis nach Schweden geben. Die zahlreichen neuen Plattformen oder Reisebüros, die sich auf Bahnreisen spezialisiert haben, erleichtern die Buchung der Tickets. Traivelling zum Beispiel, gegründet von einem jungen Wiener, der sogar seine Asienreise per Bahn gemacht hat, wurde mehrfach ausgezeichnet und ist spezialisiert auf die Umsetzung individueller Reisewünsche. Und wie steht es mit Gruppenreisen? WomenFairTravel, das Berliner Frauenreisebüro, mit dem wir seit Jahren kooperieren, hat für 2021 bei einigen Angeboten eine gemeinsame Anreise  per Bahn und Schiff im Programm: „Slow Motion vom Anbeginn“ gibt es etwa nach der Ankunft des Nachtzuges in Florenz bei einem Zwischenstopp inklusive Stadtspaziergang und Mittagessen bevor es mit der Bahn weiter bis Livorno und dann per Schiff nach Sardinien geht. 

Neben der Anreise könnten sich beim Reisen auch die Häufigkeit und die Dauer verändern. Eine Idee, die nicht neu, sondern nur in Vergessenheit geraten ist, hat das Hotel Miramar in Kroatien – ja, auch dies eine unserer langjährigen Kooperationen – im letzten Herbst umgesetzt: das Reisen selbst war wegen notwendiger Tests aufwendiger und lohnte sich nicht für wenige Tage, warum also nicht, so wie früher in diesem Kurort an der Adria üblich, gleich für mehrere Wochen bleiben? Da viele Stammgäste dieses Hotels bereits im Pensionsalter sind und daher für längere Zeit verreisen können, kam das attraktive Angebot gerade recht, um die aufgestaute Sehnsucht nach dem Meer zu stillen.

Genau diese Sehnsucht – nach dem Meer, nach neuen Entdeckungen, nach vielfältigen Genüssen und Begegnungen – lässt auch uns schon wieder vom Reisen träumen. Manche meinen, wenn die Pandemie überstanden sei, werden die Menschen mehr und noch ausgelassener reisen als zuvor, andere wieder sagen, sie werden bewusster und nachhaltiger reisen und wahrlich neue Wege gehen. In welche Richtung es geht, hängt wohl einmal mehr von jeder und jedem einzelnen ab. Da ich eine hoffnungslose Optimistin bin, schließe ich hier mit einem Satz, der mir kürzlich zugefallen ist und der nicht im Schatten der Pandemie, sondern bereits im 18. Jhd. von einem klugen Menschen gesagt wurde: Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

Sigrid

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