Begegnungen

Hola mis queridas!

In den letzten Berichten haben wir ja schon einige Male erwähnt, wie sehr wir von den Menschen hier angetan sind. An einem Tag dieser Woche, am Mittwoch, hatten wir besonders viele überraschende Begegnungen, sodass ich davon berichten möchte.

Begonnen hat der Tag mit einer nervigen Begegnung. Wir wollten uns ein Fahrrad ausleihen um in einen weiter entfernten Stadtteil zu fahren, um dort CDs zu kaufen. Als wir im Fahrradcontainer wie üblich die Reisepassnummer und unseren Code nennen, um uns registrieren zu lassen, meint die junge Frau, dass mein Zugang abgelaufen sei und ich kein Rad bekommen könnte. Die Registrierung im November hat sehr einfach funktioniert: Als TouristIn brauchst du nur deinen Reisepass vorzulegen, vom Einreisedatum an hast du 3 Monate Aufenthaltsgenehmigung und in diesen 3 Monaten kannst du ein Fahrrad leihen. Warum also soll meine Zeit schon abgelaufen sein? Während wir mit unserem bisschen Spanisch versuchen, mit der jungen Frau zu kommunizieren, spricht uns eine Frau, die gerade auch in den Radcontainer gekommen ist, auf Englisch an und fragt, ob sie helfen kann. Sie dolmetscht dann für uns und es stellt sich heraus, dass ich meinen Reisepass brauche, um das Datum zu checken. Die Frau entschuldigt sich dann fast dafür, dass wir Komplikationen haben und meint, in diesem Land braucht man viel Geduld. Wir gehen also zurück in unsere Wohnung und holen meinen Reisepass. (Übrigens ein Tipp fürs Reisen: Wir haben immer nur die Kopie des Reisepasses eingesteckt und der Pass selbst liegt sicher in der Wohnung!) Zurück im Radcontainer bestätigt sich, dass ich am 13. November in Argentinien eingereist bin. Die junge Frau meint aber: Klar, also ist mein Zugang am 13. Jänner abgelaufen! Für sie sind das 3 Monate – Nov / Dez/ Jän – und sie lässt sich das, noch dazu mit unseren Spanischkenntnissen, nicht ausreden. Da kommt ein Paar in den Radcontainer und der Mann schaltet sich gleich in die Diskussion ein. In aller Ruhe redet er auf die junge Frau und ihre Kollegin ein. Ich zeige dann, als Ausweg, in meinem Reisepass den Stempel, der bestätigt, dass ich am 9. Jänner aus Uruguay kommend erneut in Argentinien eingereist bin. Sie solle also die 3 Monate einfach erneut eingeben. Das gehe vom System her nicht, meint die junge Frau. Der Mann, ein Argentinier aus einer Provinz, der hier scheinbar auf Urlaub ist, erklärt ihr dann in aller Ruhe, dass das System niemals so wichtig sein kann wie die Menschen. Man müsse versuchen mit Systemen so umzugehen, dass sie für und nicht gegen die Menschen arbeiten. Nach der Art, wie er mit den beiden jungen Frauen gesprochen hat und ihnen gleich eine Lektion in Zivilcourage geben wollte, vermute ich, dass er Mittelschulprofessor gewesen sein könnte. Er hat die junge Frau jedenfalls so weit gebracht, dass sie telefonisch nachgefragt hat, ob ich mich neu registrieren lassen kann. Dann haben er und seine Partnerin sich verabschiedet und noch gemeint: paciencia! Wir haben also geduldig gewartet bis der Rückruf gekommen ist. Die Lösung war ganz einfach: vom 9. Jänner weg kann ich wieder für 3 Monate registriert werden und die junge Frau hat mit voller Überzeugung den 9. März (!) als Ablaufdatum eingegeben. Aber was soll’s, da bin ich schon lange wieder in Österreich. Wir haben also nach einer 3/4 Stunde unsere Fahrräder bekommen. (Kleines Detail am Rande: Andrea hat sich natürlich am gleichen Tag wie ich, am 26. 11., registrieren lassen und der junge Mann, der damals ihre Eingabe gemacht hat, hat gleich von diesem Datum weg die 3 Monate gerechnet – sie darf bis 26. Februar in Buenos Aires radfahren! So viel zum Thema  “Systeme”.)

Wir sind also ziemlich verspätet und auch einigermaßen verärgert losgefahren. Andererseits haben wir es toll gefunden, wie diese völlig fremden Personen uns geholfen haben. Nach zwei Häuserblöcken hören wir Rufe und sehen zwei Leute aufgeregt winken: Das Paar von vorhin kommt auf uns zugelaufen und will wissen, wie es nun doch geklappt  hat. Wir bleiben stehen und erzählen kurz. “Felicitacion” – Gratulation! rufen sie uns zu und gehen weiter.

Später sind wir im CD-Geschäft und suchen nach Tango-CDs (eh klar, was sonst, denkt ihr euch wahrscheinlich). Nach einiger Zeit kommt eine junge Frau mit einer CD in der Hand auf uns zu und fragt, ob wir nach Tango Ausschau halten. Diese CD könnte sie uns sehr empfehlen, wir sollen sie uns anhören, sie sei sehr gespannt, ob sie uns gefällt. Wir hören sie gleich an und sie ist großartig. Lidia Borda heißt die Sängerin, die Tangos aus den 30er und 40erJahren, also der “Goldenen Zeit” des Tango singt. Und sie singt wirklich toll. Wir suchen die junge Frau und bedanken uns für den Tipp. Sie freut sich sichtlich und meint, die Sängerin sei eine der besten, die es momentan in Buenos Aires gibt. Würde bei uns wohl kaum vorkommen, dass du von einer völlig fremden Person einen Musiktipp bekommst.

Am frühen Abend nach Buenos Aires Zeit, also um 22.00 Uhr, sind wir unterwegs zur Milonga und stoppen ein Taxi. Ich grüße und sage, wohin wir möchten. Der Taxler antwortet: Your spanish is as bad as my englisch! Und er lacht herzlich. Während der Fahrt unterhalten wir uns über die TangotouristInnen aus aller Welt.

Die Milonga, zu der wir gefahren sind, war keine Queermilonga, aber es gab an diesem Abend Livemusik und außerdem wollten wir mal sehen, wie es auf einer traditionellen Milonga ist. Wir waren das einzige Frauenpaar und wurden während des Tanzens entsprechend stark beobachtet. In einer Tanzpause kam dann ein Mann, wie sich später herausstellte, ein Porteno, auf mich zu und meinte: Congratulation to yor leading! Ich war ziemlich überrascht von einer mir fremden Person einfach so ein Kompliment zu bekommen. Wir haben dann eine Weile übers Tanzen und über das Führen im Tanz geplaudert und dann ist er wieder gegangen.

An diesem einen Tag waren die Begegnungen besonders dicht komprimiert und sie zeigen die Offenheit und Herzlichkeit der Menschen hier. Diese Begegnungen nehmen wir als starke Erinnerung an Buenos Aires mit und sie werden uns wohl ein bisschen abgehen.  Aber auch wenn in Österreich die Begegnungen mit Fremden nicht so ablaufen, wir freuen uns schon sehr, euch wiederzusehen.

Also, bis bald

Sigrid

 

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