Milonga …

Milonga …

… ein klingender Name für alle, die sich vom Tango angezogen fühlen. Ein Name mit zwei Bedeutungen: einerseits meint er eine bestimmte Musikrichtung im Tango (eine beschwingtere, fröhlichere Variante im 2/4-Takt) und andererseits die Tanzveranstaltung für TangotänzerInnen.

Es dauerte ein paar Momente, bis sich ihre Augen an die spärliche Beleuchtung gewöhnt hatten. Das Lokal war nicht sehr groß und hoffnungslos überfüllt. Zwei Reihen Tische und Stühle grenzten die quadratische Tanzfläche nach allen Seiten hin ab. Die eng umschlungenen Paare dort waren so dicht gedrängt, dass sie mehr standen als sich bewegten. Die Luft war stickig, die Musik laut … Die Pausenmelodie erklang, dann setzte die Musik aus. Die Tanzfläche leerte sich … Die Tanzfläche war noch immer leer, Gläser klirrten, Stimmengewirr erfüllte den Raum. Noch immer kamen neue Gäste durch die Eingangstür herein. Dann erklang die Stimme des Discjockeys aus den Lautsprechern, und fast zeitgleich setzte die Musik ein … Sie beobachtete die Tanzpaare. Die meisten Frauen hatten die Augen geschlossen und hingen wie schlafend an der Brust ihrer Tanzpartner. Deren Gesichtsausdruck verriet indessen äußerste Konzentration, da sie sich einen Weg durch das Gewimmel suchen mussten, ohne die kostbare Fracht in ihren Armen irgendwo anzustoßen … Die Tanzfläche war jetzt so voll gepackt wie ein Stadtbus am Feierabend. Wie machten die das bloß, auf solch engem Raum zu tanzen?

Diese Beschreibung einer Milonga in Buenos Aires stammt aus dem Roman Drei Minuten mit der Wirklichkeit von Wolfram Fleischhauer. Er beschreibt sozusagen das „Original“, denn mittlerweile kann man auf der ganzen Welt Milongas besuchen, in unterschiedlichsten Lokalitäten von Schlosssälen bis zu Kellerkneipen.

Wir waren am vergangenen Samstag auf einer von Tango GRAZioso veranstalteten Milonga in der Nähe von Graz. Als wir um ca. 22.00 Uhr eintrafen, wurde bereits getanzt. Auch bei uns in Europa orientiert man sich bei den Beginnzeiten an den Buenos Aires-Zeiten. Dort braucht man allerdings vor 23.00 Uhr nicht da sein, denn richtig los geht es eigentlich ab Mitternacht. Hier in Graz gab es ab 22.00 Uhr Livemusik. Das Tango-Orchester Graz spielte wieder einmal auf. Wir sind große Fans dieses Orchesters, denn ihr Spiel ist nicht nur ein Hörgenuss, sondern man kann auch wunderbar dazu tanzen, und so war die Tanzfläche bald ähnlich voll wie oben beschrieben. An diesem Abend spielten sie für uns fünf tandas. Tandas – was ist das? Man könnte sagen, es ist die Struktur einer Milonga. Gemeint sind damit die Musikabschnitte. Eine tanda besteht aus drei oder vier Tangos. Dann folgt die sogenannte cortina, dabei wird nicht Tangomusik, sondern irgendeine andere Musik gespielt. Währenddessen leert sich die Tanzfläche, die Tanzpaare trennen sich, um sich für die nächste tanda neu zu mischen.

Traditionelle Milongas laufen nach bestimmten Ritualen ab. Das beginnt schon bei der Aufforderung zum Tanzen. Dies geschieht nämlich über Blickkontakte. Wenn ein Mann, meist sind es die Männer, die auffordern, mit einer bestimmten Frau tanzen möchte, blickt er sie an, selbst wenn sie sich am anderen Ende des Saales befindet. Wenn die Frau es bemerkt und den Blick erwidert, nimmt sie die Aufforderung an. Die beiden treffen sich auf der Tanzfläche und beginnen zu tanzen. Es ist eine sehr subtile Art der Aufforderung und erspart den Männern die peinliche Situation, sich einen Korb zu holen. Zugleich ermöglicht sie den Frauen, eine Aufforderung diskret abzulehnen, indem sie den Blick abwenden. Überhaupt dienen diese bestimmte Struktur einer Milonga und die Rituale dazu, Peinlichkeiten zu vermeiden. So ist es eine feste Regel, eine ganze tanda mit dem- bzw. derselben TanzpartnerIn zu tanzen. Man muss jedoch nicht gleich zu Beginn einer tanda auffordern, sondern kann das z.B. erst ab dem zweiten oder dritten Tango tun, wenn man mit jemandem noch nie getanzt hat. Am Ende der tanda, während die cortina gespielt wird, trennt man sich auf jeden Fall. So kann man ohne peinliche Erklärung wieder zu tanzen aufhören. „Ohne Rituale kann es keine Begegnung von Fremden geben“, sagt eine der Protagonistinnen im Roman von Wolfram Fleischhauer. Auch wenn es anfangs etwas umständlich und sonderbar wirkt, sie haben einen Sinn, diese Rituale, und mit der Zeit üben sie eine besondere Faszination aus.

Als auf der Milonga am Samstag der letzte live gespielte Tango der letzten tanda verklungen war, war die Begeisterung groß und frenetischer Applaus entlockte den MusikerInnen noch eine Zugabe. Wir wollten alle nicht aufhören zu tanzen …

Andrea

 

Führen und Folgen

Führen und Folgen

Vor kurzem waren wir eingeladen, bei einem 60er-Fest einige Tangos zu tanzen. Danach sprach uns eine Frau an und meinte, unser Tanz sei etwas ganz Besonderes, weil das Führen und Folgen bei uns ganz auf Augenhöhe passiere. Wir freuten uns sehr über dieses Feedback und nehmen es zum Anlass, in diesem Blogartikel unsere Gedanken über einen ganz wesentlichen Aspekt des Tangotanzens zusammenzutragen – und zwar indem wir diesen Artikel gemeinsam schreiben: ich, Sigrid, aus der Sicht der Führenden, Andrea aus der Sicht der Folgenden.

Nun, mit diesen beiden Begriffen sind wir schon mitten in jenem Zwiespalt, der beim Tangotanzen oft zu spüren ist: Führen und Folgen klingt nach Hierarchie und wird nicht zufällig oft mit dem Machogehabe so mancher Tangueros assoziiert. Und nicht selten wird die Rolle des Führens als die dominante Rolle, die alles vorgibt, interpretiert. Da werden dann manchmal tatsächlich die Worte „du wirst gezwungen …“ verwendet. Umso spannender fand ich vor Jahren die Definition, die wir von den beiden Lehrern Maurizio Ghella und Martin Maldonado gehört haben. Sie sprachen vom „Proposer“, also dem, der vorschlägt und vom „Interpreter“, der die Impulse interpretiert und gestaltet. Dieser Ansatz hat wohl wesentlich dazu beigetragen, unseren Tanzstil so zu entwickeln, dass wir tatsächlich auf Augenhöhe miteinander tanzen. Aber was heißt das eigentlich?

Da der Argentinische Tango ein Improvisationstanz ist, bei dem es keinen Grundschritt und keine Figuren und fixen Abfolgen im üblichen Sinn gibt, ist es notwendig, dass es zu einem Dialog der beiden Tanzenden kommt, in dem die Person in der Führungsrolle durch körperliche Signale anzeigt, welche Schritte und Bewegungen gemeinsam ausgeführt werden. Als Führende lasse ich also den Tanz zuerst in meinem Kopf entstehen. Ausgehend von der Musik, vom Raum und von den vorhergehenden Bewegungen setzt sich der Tanz immer wieder neu zusammen. Es ist ein gemeinsames Interpretieren der Musik und ein spannendes Zwiegespräch ohne Worte. Denn es sind nicht nur meine Ideen, die den Tanz entstehen lassen, sondern durch die Interpretation und Gestaltung dieser Signale durch die folgende Person ergeben sich neue Impulse. Sonst könnte man ja auch nicht von einem Dialog sprechen, sondern es wäre eher ein Monolog – womit wir wieder beim Machogehabe angelangt wären. Die Aufgabe der/des Führenden ist es, klar und deutlich zu kommunizieren. Einer unserer ersten Lehrer, Clemens Mazza, sagte gleich zu Beginn: „Wenn etwas nicht funktioniert, dann sind immer die Führenden schuld!“ Das klingt zwar hart, aber letztlich stimmt es: wenn die Folgende nicht weiß, was ich mit dem Signal gemeint habe, dann ist ein gemeinsames Tanzen kaum möglich. Deshalb gehört es wohl auch zu den Aufgaben der führenden Person, Ruhe und Sicherheit zu vermitteln und klare Entscheidungen zu treffen. Da ist das Führen im Tango für mich zum Beispiel oft eine Lebensschule, denn im Alltag bin ich nicht gerade sehr entscheidungsfreudig, sondern wäge alles lange ab. Beim Tanz ist dafür kein Raum: wenn ich nicht klar zeige, wie und in welche Richtung der nächste Schritt gesetzt werden soll, dann können wir nicht gemeinsam weitertanzen. So ist es für mich immer wieder eine neue Herausforderung, einen Tanz zu führen und dabei in einen Dialog zu treten.

Ich, Andrea, liebe die Rolle der Folgenden im Tango. Ich liebe es, mich fallen zu lassen, mich der Musik hinzugeben, mich überraschen zu lassen, den Kopf zu leeren, nur zu spüren … Ich liebe es dann, wenn ich das Gefühl habe, es ist ein gleichberechtigter Dialog, der sich im Laufe des Tanzes entwickelt – ein Geben und Nehmen von beiden Seiten, ein achtsames Aufeinander-Eingehen. Sich führen zu lassen, bedeutet auf keinen Fall Unterwerfung, sondern braucht Selbstbewusstsein, damit dieser Dialog gelingen kann. Es ist sicher auch von Vorteil, die andere Rolle zu kennen. Für mich ist es jedes Mal sehr spannend, das Führen auszuprobieren und dabei zu merken, wie schwer es ist, präsent zu sein und klare körperliche Impulse zu geben. Aber diese Erkenntnisse kann ich dann auch beim Folgen in den Tanz einfließen lassen. Denn wenn ich auch als Folgende präsent bin und klar kommuniziere, wird es eine Begegnung auf Augenhöhe.

Sigrid und Andrea

 

María de Buenos Aires

María de Buenos Aires

Ein Konzertabend, letzte Woche in Graz erlebt, war so beeindruckend, dass ich davon erzählen möchte. Tangomusik von Astor Piazzolla, interpretiert von dem Ensemble folksmilch und der Sängerin Christiane Boesiger, im Grazer Orpheum – María de Buenos Aires, eine „Tango-Operita“.

Dieses eher selten aufgeführte Werk wurde in Graz erst zum zweiten Mal auf die Bühne gebracht. Vor vielen Jahren (1970er, 80er ?) im Minoritensaal wurde es zu einem Flop mit nicht einmal 200 verkauften Karten, diesmal im ausverkauften Orpheum löste es Begeisterungsstürme aus.

Auf der Bühne nichts als die drei Musiker in Schwarz mit ihren Instrumenten, ein Sofa, ein Tisch und eine Stehlampe, und ebenfalls in Schwarz mit Hut die virtuose Luzerner Sopranistin. Sie füllte die Rolle der Maria mit so viel Temperament, Leidenschaft und Sinnlichkeit, dass man sie für eine „echte Portena“ halten könnte. Im Laufe des Abends fühlte ich mich sowieso nach Buenos Aires versetzt. Die Musik von Piazzolla, die gesungene Sprache – dieser typische Klang aus dem Gebiet des Rio de la Plata, immer wieder eingespielter Verkehrslärm der Stadt und die Texte von Horacio Ferrer, die die Verrücktheit dieser Stadt zum Ausdruck bringen. Das alles zusammengefügt zu einem Ganzen als Verneigung vor Buenos Aires und seinen Frauen.

Nun, wie entstand es eigentlich, dieses besondere Stück Tangomusikgeschichte? Im Jahr 1968 am Rio de la Plata. Es war gerade Horacio Ferrers erster Gedichtband erschienen und Piazzolla war von Ferrers Lyrik angetan: „Du verwirklichst in der Poesie dasselbe wie ich in der Musik.“ Eine sich gegenseitig inspirierende Zusammenarbeit begann. Piazzolla beauftragte Ferrer, sich einen Stoff für ein musikalisch-lyrisches Theater zu überlegen. Ferrer lieferte darauf die Vorlage für María. Piazzolla war begeistert und zog sich Anfang 1968 nach Uruguay zurück, wo er mit der Arbeit begann. Er vollendete sie in Buenos Aires, wo am 8. Mai 1968 die Uraufführung stattfand.

Es ist eine Oper in 16 Bildern, die sehr oft konzertant aufgeführt wird. Eine Nummernoper, in der sich Gesangsnummern, Sprecheinlagen und instrumentale Zwischenspiele abwechseln. Die Musik ist geprägt von verschiedensten Stilen des Tangos und seiner Vorläufer, vermischt sich aber auch mit Elementen der klassischen Musik und des Jazz. Die instrumentale Besetzung besteht üblicherweise aus einem Bandonéon oder Akkordeon, einem Klavier, mindestens einer Geige bzw. Streicher und einem Schlagzeug. An Akkordeon, Geige, Kontrabass und Schlagzeug haben die drei Musiker von folksmilch dieses Werk hier in Graz zum Leben erweckt. Die berühmtesten Nummern aus diesem Stück sind Fuga y misterio und Yo soy María, in der Maria sich temperamentvoll selbst vorstellt: „Ich bin María … María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft, María der Liebe zu Buenos Aires bin ich!“

Im weiteren Verlauf wird in surrealen Bildern die Geschichte dieser Maria, die von Anfang an unter einem Unglücksstern stand, erzählt: von ihrem tristen Leben in der Vorstadt, von ihrem Abstieg in die Unterwelt der Stadt, von ihrem Tod und ihrem Begräbnis, von ihrem Schatten, der, nachdem ihr Körper begraben ist, verloren durch Buenos Aires streift, und davon wie dieser Schatten zu gebären beginnt. Marías Schatten gebiert ein Mädchen. Ob es die wiedergeborene María ist, lässt das Ende offen.

Nachdem der letze Applaus hier in Graz verklungen war, nach diesem feurigen wie berührenden Abend zugleich, haben mich die Bilder, die Musik und dieses Buenos Aires-Feeling jedenfalls noch länger begleitet …

Andrea

 

Tango around the world

Tango around the world

Diesmal möchte ich zu einer Weltreise auf den Spuren des Tangos einladen, denn er ist heute auf allen Kontinenten zuhause: in trendigen Nachtclubs von Seattle bis Stockholm genauso wie in kultivierten Tanzsälen rund um den Globus.

Seine Verbreitung begann schon ziemlich früh – vor ca. 100 Jahren trat er seine erste Weltreise an. Entstanden am Rio de la Plata, in Buenos Aires und Montevideo, unter den Einflüssen unterschiedlichster Kulturen, gelangte er nach Paris. Er kam schnell in Mode, und ausgehend von Frankreich war bald ganz Europa vom Tangofieber gepackt.

So kam er 1913 nach Finnland und fand dort besonderen Anklang, da sich die Finnen durch den Tango in ihrem Leid unter der russischen Herrschaft verstanden fühlten. Der Tango drückte das aus, worüber zu sprechen unmöglich war. Es entwickelte sich ein eigener Musikstil voller Poesie, Trauer und Tiefe. Wahrscheinlich steht finnischer Tango deshalb öfter in Moll statt in Dur. Die bekanntesten Komponisten sind Toivo Kärki und Unto Mononen, die finnischen Tango zu einer Art Nationalmusik machten. Er ist auch heute noch weit verbreitet und man trifft in Restaurants, Tanzlokalen und im Sommer beim sogenannten „Tanz auf dem Bretterboden“ auf Tangomusik. Tangotanzen gilt als Freizeitvergnügen. Das Seinäjoki Tango Festival, das jeden Sommer stattfindet, zieht BesucherInnen aus aller Welt an. Und es ermöglicht jungen MusikerInnen, die sich dem Tango widmen, bekannt zu werden. 14097480675_888b7bd64c_bSo gibt es z. B. die freche, junge Formation Las chicas del Tango, die eine Brücke zwischen der Welt des finnischen und argentinischen Tangos bauen, indem sie spanische Liedertexte mit Eigenkompositionen kombinieren. Auf ihrer CD Tango de norte a sur vereinigen sich Klassiker des argentinischen und finnischen Tangos mit einem Wirbel von Tango Nuevo im Helsinki-Stil. Sehr zu empfehlen! Jedenfalls ist finnischer Tango, nach dem argentinischen, wohl am meisten bekannt und ausgeprägt. Es gibt sogar Finnen, die behaupten, der Tango sei eigentlich in Finnland entstanden.

4647162978_5cdfa38511_bNun ja, der Tango reiste nicht nur nach Norden sondern auch gegen Osten. Hier entwickelte sich Bukarest, das „Paris des Ostens“ in den 1920er und 1930er Jahren zur Tangometropole. Das elegante und multikulturelle Bukarest der damaligen Zeit war ein Zentrum europäischer Kultur. Rumänische Tangostars wie Jean Moscopol oder Maria Tanase prägten den Bucharest Tango. In den besten Restaurants und Hotels der Stadt mit klingenden Namen wie Lafayette, Lido oder Astoria, konnte man Tangos hören. Nach dem 2. Weltkrieg gerieten sie allerdings vollkommen in Vergessenheit und vor einigen Jahren hat sie nun die rumänische Sängerin Oana Catalina Chitu wieder belebt. Auf ihrer CD Bucharest Tango öffnet sie wieder die Türen zu den Tangos und Liedern des Bukarest jener Zeit. Diese Tangos haben einen ganz besonderen Charme und einige davon gehören zu unseren Lieblingstangos.

6846938318_2504aff84e_oSchon die Wurzeln des Tangos sind ja multikulturell. Unter den Einflüssen afrikanischer, kubanischer und europäischer Musik entstand er und wenn heute auf der ganzen Welt Tangoklassiker interpretiert oder neue Tangos komponiert werden, dann auch meist unter den Einflüssen der jeweiligen Kulturen. Auf der CD Tango around the world kann man dem nachspüren und sich auf musikalische Tangoweltreise begeben. Hier finden sich neben Tangos aus Argentinien auch solche aus Senegal, Finnland, Brasilien, Norwegen, Griechenland, Serbien und Portugal. Tango beeinflusst die Musik rund um den Erdball und umgekehrt.

Ich denke, dass gerade dieses Gemisch der Kulturen, angefangen bei seiner Entstehung bis herauf in die heutige Zeit, die Seele des Tangos ausmachen.

Andrea

 

Solo Tango – ein Traum wird wahr!

Solo Tango – ein Traum wird wahr!

Kennst du das Gefühl, das dir ganz klar sagt: wenn du das nicht machst, wirst du es irgendwann bereuen! Ich erinnere mich genau an einen Abend im September 2015, als diese Erkenntnis sich wie aus dem Nichts ganz deutlich in mein Bewusstsein drängte. Wir hatten uns einen ruhigen Abend in der Therme Bad Gleichenberg gegönnt, aber wie so oft, wenn mein Körper zur Ruhe kommt, galoppieren meine Gedanken umso schneller. So ist mir eine Idee, die wir gemeinsam schon vor Monaten geboren, aber nicht weiterverfolgt hatten, wieder in den Sinn gekommen: Einen neuen Zugang zum Tango zu entwickeln, Tango ohne PartnerIn in einer Gruppe zu tanzen. Und uns mit solch einem Workshop eine Einkommensmöglichkeit zu schaffen, die neben der Straßenkunst unsere Selbständigkeit ermöglicht. In diesem Augenblick war da eine absolute Gewissheit, dass dieses Neue, von dem ich selbst noch nicht ganz genau wusste, wie es sein wird, einfach großartig ist und realisiert werden muss. Ein seltener Moment, ganz ohne Zweifel, ein kostbares Gefühl! Und ein Auftrag, aktiv zu werden …

Ich erzählte Andrea davon, aber sie konnte mein Gefühl noch nicht nachempfinden, da sie noch kein Bild von diesem Workshop im Kopf hatte, doch sie ermutigte mich, dran zu bleiben. So schrieb ich meine Gedanken auf, machte eine Ideensammlung zu Solo Tango. Diese ersten Ideen waren eine Basis für das Konzept des Workshops. Dieses zu erstellen war dann aber die geistige und kreative Knochenarbeit, die uns lange Zeit beschäftigte. Von der Euphorie im ersten Moment der Erkenntnis war da manchmal gar nichts mehr zu spüren. Nun, das Konzept war fertig, der Workshop wurde erstmals abgehalten und ist gut angekommen. Wir haben Erfahrungen gesammelt, einiges überarbeitet, Neues hinzugefügt … der übliche Prozess eben. Wir haben KooperationspartnerInnen gesucht und sind dabei viele Umwege gegangen und vieles, was zuerst vielversprechend ausgesehen hat, führte doch zu keinem Abschluss. Aber, warum auch immer, wir sind weiter dran geblieben. Natürlich gab es oftmals Zweifel, aber es gab nie den Moment, an dem wir die Idee fallen lassen wollten.

Und in den letzten Wochen ist plötzlich alles ins Laufen gekommen. Neue Kontakte und Kooperationen haben sich ergeben, Interessenten für eine Kooperation sind von sich aus, ohne unser Zutun, auf uns zugekommen und die bevorstehenden Workshoptermine sind total gefragt! Wir bekommen Anrufe und Mails von Menschen, die wir persönlich gar nicht kennen und die begeistert sind von der Idee Solo Tango. Besonders überrascht hat uns, dass der Workshop sogar in Zürich bekannt geworden ist und eine Tangotänzerin extra mit dem Nachtzug nach Wien reisen wird, um an dem Tagesworkshop in Breitenfurt teilzunehmen! Sie schreibt uns, dass sie selbst nicht genau weiß, wie die Informationswege gelaufen sind, aber nun werdet  Ihr auch in Zürich weitergereicht und wer weiß was daraus entsteht:-)))… Hätte uns das eine/r prophezeit, wir hätten es nicht geglaubt!

Dass unser Traum wahr geworden ist und Solo Tango ein voller Erfolg wird, haben wir aber vor allem durch die Kooperation mit der GEA Akademie im Waldviertel erfahren! Der Kontakt besteht erst seit Ende Dezember und er war von Anfang an so, wie wir uns eine perfekte Kooperation vorstellen, mit klaren Bedingungen, einem respektvollen und prompten Mailkontakt und dazu noch voll Herzlichkeit und Humor! Mitte Jänner ist das firmeneigene Magazin brennstoff verschickt worden. Der Text, den die Redaktion darin über uns und unseren Workshop schreibt, ist einfach toll. Wir hätten uns und den Workshop nicht besser beschreiben können:

Tango Argentino – das ist leidenschaftliche Musik, elegante Körperhaltung, getanzter Dialog … Entstanden auf den Straßen von Buenos Aires, erzählt der Tango vom wahren Leben – von seinen Schicksalen, Sehnsüchten und (unerfüllten) Liebesgeschichten. Obwohl längst salonfähig geworden, zieht es Andrea Tieber und Sigrid Mark alias AdanzaS mit ihren Tango-Street-Perfomances gerne zurück auf die Straße. Das Künstlerinnenpaar wird euch, die ihr gerne Tango solo und ohne Partnerzwang erlernen wollt, an diesem Wochenende in ihre große Leidenschaft, den Tango Argentino verführen. Alleine einen Tango zu tanzen, das heißt Unabhängigkeit, heißt eins sein mit Musik, Raum und sich selbst. Eine starke Selbsterfahrung. … Ihr werdet mit dem Tangotanz die (seltene) Kunst, klar und respektvoll ohne Worte zu kommunizieren, kennenlernen. Vorkenntnisse braucht ihr dafür keine, eure Freude am Tanz und an der Bewegung genügen. Es könnte allerdings sein, dass sich eure Freude nach diesem Wochenende in eine lebenslange Leidenschaft zum Tango Argentino – solo oder together – verwandelt.

Und die größte Überraschung war dann eine Mail Anfang Februar mit der Information, dass der Maitermin in der GEA Akademie mit 20 Personen (!) bereits ausgebucht sei. Nun sind wir gerade dabei, für Sommer oder Herbst weitere Termine auszumachen! Wow!!! Unglaublich, und unsere Freude ist riesengroß!

Gar nicht mehr vorstellbar, wenn wir Solo Tango nicht realisiert hätten!!!

Sigrid

 

Infotext zum Workshop Solo Tango aus: brennstoff Nr. 47, Jänner 2017, GEA Verlag Wien

Yoga und Tango

Yoga und Tango

Ganz bei sich sein, Erdung, bewusstes Atmen, Anspannung, Entspannung, bewusste Bewegung, Flow, Was beschreibe ich mit diesen Worten? Für alle, die Yoga betreiben, wird es ganz klar Yoga sein. Aber ich denke, auch viele, die Tango tanzen, werden sich darin finden. Für mich ist es nämlich beides. Tango und Yoga haben sehr viele Gemeinsamkeiten und ergänzen sich wunderbar.

Seit nunmehr drei Jahren beginnt jeder Tag für mich mit Yoga. Damit begrüße ich den neuen Tag, es ist ein sanftes Aufwecken des Körpers, ich übe den achtsamen Umgang mit dem Körper als Vorbereitung auf das Tanzen. Bevor wir uns vor mehr als drei Jahren auf den Weg nach Buenos Aires gemacht haben, war uns bewusst geworden, dass wir neben dem intensiven Tanzen noch eine andere Form der Körperarbeit brauchen. Da fiel uns Yoga in Form der Yogatrainerin Petra Stiefsohn von Lebens-Welten zu. In einigen Privatstunden stellte sie speziell für uns ein Programm zusammen, das wir im Großen und Ganzen bis heute immer gleich praktizieren. Wir wurden schon mehrmals gefragt, ob uns dabei nicht fad würde. Ich kann nur sagen: überhaupt nicht! Einerseits sind mittlerweile die Bewegungsabläufe so verinnerlicht, dass ich den Kopf ausschalten kann und die Bewegungen einfach fließen. Andererseits fühlen sich die gleichen Bewegungen von Tag zu Tag anders an. Und das Schönste für mich, ist zu beobachten, wie im Lauf von Monaten und Jahren, Beweglichkeit, die schon verloren war, wieder zurückkommt. Mittlerweile gehört Yoga für mich zum Tagesbeginn wie das Frühstücken und es fehlt etwas, wenn es aus irgendeinem Grund ausfällt.

e160323p036Für mein Tangotanzen profitiere ich ungemein durch Yoga. Ich stehe sowohl am Beginn vom Yoga als auch beim Tangotanzen gleich da. Ich achte bewusst auf meine Atmung, meine Haltung, versuche mich zu erden und ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wenn ich dann zu tanzen beginne, geht es einfach leichter. Außerdem gelingt es mir durch regelmäßiges Yoga eine Körperspannung aufzubauen, die gerade fürs Tangotanzen notwendig ist. Aber auch die Entspannung, die es danach braucht, übe ich beim Yoga. Und ganz wichtig ist mir auch das Dehnen. Intensives Tanzen ist nichts anderes als Sport. Da weiß mittlerweile jeder, dass Muskeln nach der Anstrengung gedehnt werden müssen. Für die vielen Dehnübungen im Yoga bin ich also besonders dankbar, denn ich habe das Gefühl, dass sie wesentlich sind, um beweglich zu bleiben.

Auf Grund dieser Erfahrungen, entstand die Idee, Yoga und Tango in Kombination auch für andere anzubieten. yogarovinj2016-300x300Wieder ein schöner Zufall führte uns zu der begnadeten Yogatrainerin Eva Maria Flucher und ihrem DO YOGA. Gemeinsam bieten wir nun ein Wochenende, 28. – 30. April, in Rovinj an. Gruber Reisen Deutschlandsberg veranstaltet diese Tango & Yoga Reise, bei der es täglich sowohl zwei Stunden Yoga als auch zwei Stunden Solo Tango gibt. Untergebracht im 4* Hotel Amarin auf einer grünen Halbinsel etwas außerhalb von Rovinj bleibt auch genug Zeit, um den Frühling am Meer zu genießen. Wenn du jetzt Lust bekommen hast, diese Kombination auch einmal zu probieren, kannst du dich hier informieren und anmelden.

 

Yoga ist eine Einladung zum Glücklichsein! Mit diesen Worten von Eva Maria Flucher beschließe ich diesen Blogartikel und kann nur hinzufügen: Das Gleiche gilt für den Tango!

Andrea

Mujeres y Tango – Frauen und Tango

Mujeres y Tango – Frauen und Tango

Vor drei Jahren in Buenos Aires besuchten wir regelmäßig die Tangoschule „Escuela de Tango Argentino“, die sich im selben Haus mit einer Galerie befand. Anfang Jänner gab es in dieser Galerie die Ausstellung Somos mujeres (Wir sind Frauen). Und jedes Mal auf dem Weg zu unserem Tangounterricht gingen wir durch die Ausstellungsräume. Ein Text beschrieb, worum es in dieser Ausstellung ging:dscf3750

Ser
hacer
parecer
pertenecer

Somos mujeres
desde ese lugar hacemos
a veces parecemos p
ero sobre todo pertenecemos

Ich würde diesen Text folgendermaßen übersetzen:dscf3755

Sein
tun
scheinen
gehören

Wir sind Frauen
seit wir diesen Ort schaffen
manchmal scheinen wir …
aber vor allem gehören wir …

Mir scheint dieser Text am Beginn meines Artikels über Frauen und den Tango sehr passend. In der Geschichte des Tangos war die Frau anfangs eindeutig das Opfer, die Fügsame, die Dienende, die durch dominante Männer unterdrückt wurde, die ihnen gehörte. Der Tango entstand ja in den Spelunken, Kneipen und Bordellen des Hafenviertels von Buenos Aires zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So war „die Tanguera ein knappes Jahrhundert lang pures Produkt männlicher Projektionen: eine Hure mit Herz auf der Zunge und Rhythmus im Blut. Eine Frau, die keine Zukunft, dafür aber viel Vergangenheit hatte und dem Mann als Vorwand für sein Unglück diente.“ Diese Beschreibung findet sich im Einleitungstext der CD von Silvana Deluigi mit dem Titel Tanguera Woman in Tango. Sie will auf ihrer musikalischen Suche mit diesem Klischee „saufender Machos und weinender Huren“ aufräumen. Lied für Lied rekapituliert sie die Geschichte des Tangos aus dem Blickwinkel der Frau. Und sie bewegt sich weg von den Hymnen des Machismus hin zur poetischen Beschreibung der Veränderung von Alltag und Gesellschaft, wenn sie z.B. Carlos Gardels Pero hay una melena umtextet und singt:“ Heute scheinen alle Mädchen zu rauchen, Whisky zu trinken und Hosen zu tragen, …“ . Mit der Emanzipation der Frau entstehen als wieder Klischees oder Trugbilder, die der Rolle der Frau nicht gerecht werden.

Nun, konnten sich Frauen in der Welt des Tangos von oben genannten Rollenzuweisungen befreien und zur Entwicklung des Tangos als Schaffende beitragen? Tatsächlich waren Frauen immer schon ein wichtiger Teil der Tangogeschichte. Auch wenn ihre Rolle nur als Tanzpartnerinnen der Männer begann, hatten in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts einige von ihnen einen wohlverdienten Platz als Sängerinnen und Darstellerinnen eingenommen. Es etablierte sich ein neues Frauenbild: starke und begeisterungsfähige Frauen, die ihren eigenen Stil und ihre Persönlichkeit in das Milieu einbrachten, das bis dahin ausschließlich eine Männerdomäne gewesen war. Schwieriger war es für Musikerinnen und Komponistinnen. Auch wenn es eine Zeit gab, in der die sogenannten „Damenorchester“ sehr en vogue waren, gab es doch in den führenden „typischen“ Orchestern lange Zeit keinen Platz für sie. Als Komponistinnen wurden sie überhaupt nicht wahrgenommen. Obwohl z.B. Mercedes Simone, die „die Dame des Tangos“ genannt wurde, bereits in den 1930er Jahren viele ihrer Stücke selbst komponierte und auch textete. Eine der ganz großen Tangokomponistinnen war Eladia Blázquez. Sie hat während der 1970er Jahre Stil und Thematik der Tangopoesie verändert und zu Texten berühmter argentinischer Schriftsteller, wie z.B. Jorge Luis Borges, zahlreiche Kompositionen geschaffen, die zu „Tangohits“ wurden. Diese Tradition setzen heute junge Tangomusikerinnen fort, wenn z.B. Las Chicas del Tango aus Finnland zu Gedichten der großen argentinischen Poetin Alfonsina Storni, bekannt für ihren feministischen Gesichtspunkt zu der Rolle der Frau, Werke komponieren.

mercedes-simoneeladia-blazquez

20140721_142_web-2Heutzutage kann man Frauen an allen Instrumenten eines Tangoorchesters, auch am Bandoneon, bewundern. Einige haben auch die Leitung von Orchestern übernommen. Beba Pugliese z.B., die Tochter des berühmten Musikers Osvaldo Pugliese, leitete das Orchester ihres 1955 verstorbenen Vaters. Als Tänzerinnen hatten Frauen ja schon zur Anfangszeit des Tangos, zwar nur als Tanzpartnerinnen der Männer, ihren Platz. Aber auch in diesem Bereich begannen sie als eigenständige Tänzerinnen und Choreografinnen aufzutreten, wie z.B. auch unsere Lehrerin in Buenos Aires, Aurora Lubiz. Darüber hinaus gibt es Tangotanzformationen, die nur aus Frauen bestehen, wie Tango between women, die beim Queertango-Festival 2016 in Buenos Aires aufgetreten sind. Und auch wir sind als Frauenduo tangotanzend unterwegs.

„Die Damen sind an der Reihe“ heißt die Überschrift zum Kapitel über Frauen und Tango im Buch Tango von Eduardo Araníbar. Ich würde sagen die Frauen sind bereits ein Jahrhundert lang wesentlich an der Entwicklung des Tangos beteiligt, waren also immer schon in der Reihe.

Andrea

Verwendete Literatur: Tango, Eduardo Araníbar, HEEL Verlag