Vor kurzem sind wir einer ganz lieben Einladung nach Hamburg gefolgt, und von dort zog es uns weiter Richtung Norden. Sylt war unser Ziel, eine Insel, die sehr gut mit dem Zug erreichbar ist. Der Hindenburgdamm, der die Insel mit dem Festland verbindet, macht dies seit 1927 möglich. Und beschert außerdem ein wunderbares Ankommen auf Sylt, denn der Zug gleitet auf diesem Damm mitten durch das Wattenmeer auf die Insel zu, passiert Marschland, Weiden und einige Dörfer, bevor er an seinem Ziel Westerland, dem Hauptort der Insel, ankommt.

Wir waren noch nie so hoch im Norden, der nördliche Teil von Sylt liegt immerhin auf der Höhe von Dänemark, und eine Zeit lang gehörte die Insel auch zu Dänemark. Was würde uns also erwarten? Erst mal kühles Wetter, nach dem ich mich jetzt mitten in der Hitze der Stadt richtig sehne. An unserem Ankunftstag war es bewölkt, sehr windig und hatte keine 20 Grad, aber wir ließen es uns nicht nehmen, gleich mal die Umgebung des Hotels, in dem wir untergekommen waren, zu erkunden. Dünenlandschaft und Nordseestrand. Beides faszinierend, aber vor allem die Nordsee hatte es uns gleich angetan.


Diese unendliche Weite, wo der Horizont weder Anfang noch Ende vermisst, wie es in einem Gedicht heißt, und die Kraft des Wassers, das unaufhörliche Heranrollen der Wellen, das dem blaugrünen Meer weiße Schaumkronen aufsetzt. Wir konnten Stunden an diesem Strand verbringen und uns nicht sattsehen an diesem einen Bild, das je nach Wetter und Tages- oder Nachtzeit doch immer wieder anders war.

Unser Hotel lag glücklicherweise hoch am Nordseestrand, am sogenannten roten Kliff, das an dieser Stelle steil zum Meer hin abfällt, und so hatten wir mit wenigen Schritten diese ganze Pracht von oben vor unseren Augen.


Mit unserem Hotel hatten wir es überhaupt sehr gut getroffen: familiäre Atmosphäre, nordische Ästhetik in der Gestaltung, köstliches Essen, eine Sauna zum Aufwärmen nach unseren langen Wanderungen und eine perfekte Lage. Zum Ort Kampen gehörend liegt es im mittleren Teil der 40 km langen Insel und wir konnten in alle Richtungen ausschwärmen.

Meist zu Fuß direkt vom Hotel weg, nur einmal nutzten wir den Inselbus, als wir uns ganz in den Norden aufmachten bis zum nördlichsten Punkt Deutschlands. Da waren wir am sogenannten Ellenbogen unterwegs, ein sehr schmaler Inselteil dieser Form, Wattenmeer und Nordsee ganz nah beieinander. Auf der einen Seite ein Vogelparadies, Schafherden und eine ganz besondere Stille, auf der anderen ein wildes Meer, ein Rauschen und Tosen. Beides durch den Rhythmus von Ebbe und Flut in stetem Wandel. Für uns ein Naturschauspiel ohnegleichen und als Draufgabe hatten wir auch noch Begegnung mit einer kleinen Robbe auf Du und Du sozusagen, die plötzlich vor uns im Sand lag, um ein Sonnenbad zu nehmen. Wir blieben stehen, sie wollte wohl doch lieber allein sein, robbte ins Wasser und glitt in den Wellen davon. Ein ganz besonderes Erlebnis!



An einem anderen Tag, als das Wetter noch stürmischer war, begaben wir uns auf die Ostseite der Insel und wanderten durch die Braderuper Heide in den Inselort Keitum. Die Heide, gerade in voller Blüte, war wieder ein Universum für sich. Violette Hänge soweit das Auge reicht, immer wieder der schwarz-weiß gestreifte Leuchtturm von Kampen im Blick und in der Ferne das silbern schimmernde Wattenmeer bei Ebbe.


Wir kamen vorbei am Hafen von Munkmarsch, wo wir im alten Fährhaus einen Tee tranken, um schließlich das Friesendorf Keitum mit seinen reetgedeckten Häusern und der ältesten Kirche der Insel zu erreichen. In diesem Dorf gibt es außerdem eine entzückende kleine Buchhandlung, die wir auf einen Tipp hin aufsuchten. Wir nahmen uns den Roman „Stumme Zeit“ von Silke von Bremen mit, in dem die Protagonist*innen immer wieder den Weg gehen, den auch wir an jenem Tag nahmen. So hatten wir in der Nachlese die Bilder ganz konkret vor Augen.



Am Rückweg wählten wir dann nach Kampen hinein den sogenannten Muldenweg, und wie es der Zufall so wollte, wandelten wir dabei auf den Wegen einer Tänzerin – Valeska Gert. Sie gehörte zur modernen Tanzszene der 1920er und 30er Jahre in Berlin, aus der sie mit ihrem Grotesktanz herausstach. Schon zu dieser Zeit verbrachte sie manchen Sommer auf Sylt und erwarb auch ein kleines Haus am Muldenweg. Als Jüdin und mit ihrer „nicht gefälligen Kunst“ musste sie zur Zeit des Nationalsozialismus Deutschland wie so viele verlassen und ging nach Amerika. Der oben erwähnte Roman ist übrigens eine Aufarbeitung dieser schrecklichen Zeit auf Sylt. Valeska Gert war eine, die wieder kam. Nach einer kurzen Zeit in Berlin übersiedelte sie bald ganz auf die Insel. Ihr kleines Haus wandelte sie in den „Ziegenstall“ um, der schließlich eine provokante Kampener Institution werden sollte. Sie wohnte fortan im Dachgeschoß in zwei Kammern und das Erdgeschoß wurde in eine Bar umfunktioniert. Auch hier alles klein, karg und schmal, aber außergewöhnlich gestaltet. Die engagierten Kellner*innen waren gleichzeitig Künstler*innen, sodass es jeden Abend Darbietungen gab, und auch Valeska Gert trat selbst hin und wieder auf. Es war in den 1970er Jahren jedenfalls der schrägste Ort in Kampen.



Einen neuen Ort kennenzulernen, ist immer dann besonders spannend, wenn man auch etwas über seine Geschichte und Geschichten erfährt. Es war nicht immer alles schön und auch der Tourismus wirft viele Schatten auf diese Insel, aber ihre Natur ist von überwältigender Schönheit.
Andrea
Literaturtipps:
Stumme Zeit, Silke von Bremen, Wilhelm Goldmann Verlag, München 2026
Gebrauchsanweisung für Sylt, Silke von Bremen, Piper Verlag, München 2022
Valeska Gert, Von Berlin bis Kampen auf Sylt, Siegfried Müller, Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin Leipzig 2022


Danke, dass ihr uns auf diese schöne Reise mitgenommen habt….diese Gegend möchte ich ebenfalls gerne einmal bereisen ! Herzliche Grüße, Astrid
Gerne! Und Sylt ist auf jeden Fall eine Reise wert.
Liebe Grüße, Andrea und Sigrid
Schön, danke für diese Eindrücke und Informationen!
Herzlich- Susanne
Nachdem du ja auch so gerne wanderst – auf Sylt geht dies ohne Höhenmeter :))