Tango!

Tango!

Hola,

Andrea hat ja in ihrem letzten Bericht über “Arbeit/Jobs” hier in Buenos Aires geschrieben. Ich möchte diesbezüglich noch den Tango erwähnen, denn der Tango ist hier ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Er zieht TouristInnen – für kürzere oder wie man sieht auch längere Zeit – an und er gibt vielen einen Arbeitsplatz: ob das unsere TanzlehrerInnen und die Tanzschulen sind, die Clubs und Bars mit den Milongas, die Herstellung und der Verkauf von Tanzschuhen und Kleidung zum Tanzen oder natürlich die vielen Tango-Shows, die überall angeboten werden. Und wie immer, wenn Tourismus zum Wirtschaftsfaktor wird, bleibt die Frage nach der Qualität.

Vor allem in Bezug auf die Tango-Shows waren und sind wir da sehr skeptisch. Deshalb hatten wir nicht vor zu einer Tango-Show zu gehen. Patricia und Nestor mussten uns dazu überreden, aber sie hatten ein starkes Argument: Es gibt eine Show, die ihrer Meinung nach die beste ist und bei der Juan Carlos Copes, der “Tangotänzer des Jahrhunderts”  die Leitfigur ist. Wir haben ihn schon in einem Tangofilm gesehen und über ihn gelesen und er steht wirklich für großartigen Tango. Also waren wir am Freitagabend in einem wunderschönen ehemaligen Kinosaal, der zum Tanztheater umfunktioniert wurde. Und es war großartig! Ein Liveorchester hat gespielt, eine Sängerin und ein Sänger haben Tangos gesungen und das Tanzensemble, alles ausgebildete TänzerInnen nicht nur im Tango, sondern auch in Ballett, waren toll. Es wurde also der Tango als Musik (einige Stücke von Piazzolla wurden nur vom Orchester, ohne Tanz, gespielt), als Gesang (auch ohne Tanz, so wie in der “Goldenen Zeit” des Tango) und als Tanz präsentiert. Der Tanz war natürlich, wie bei Shows üblich, eine einstudierte Choreographie mit viel Akrobatik und spektakulären Figuren, die eigentlich nicht zum Tango gehören.  Am meisten beeindruckt haben uns aber die drei Stücke, zu denen Juan Carlos Copes selbst getanzt hat. Er ist mittlerweile 83 Jahre alt und wirklich ein Maestro des Tango. Das Faszinierende war, mit wie wenigen Bewegungen er und seine Partnerinnen getanzt haben. Die Bewegungen waren langsam, aber unheimlich wirkungsvoll und harmonisch.  “Weniger ist mehr” trifft also auch im Tango zu und gerade im direkten Vergleich mit den einstudierten Tangos der anderen TänzerInnen ist dieser Unterschied deutlich hervorgetreten. Wir waren wirklich fasziniert. Wir hätten nie gedacht, Copes einmal live tanzen zu sehen. Und in diesen Tänzen war für uns wieder einmal klar, wie sehr der Tango uns in den Bann zieht und wie tief er für uns geht. Wir konnten dann lange nicht einschlafen – wieder ein neuer Grund, um nicht schlafen zu können – aber es hat sich gelohnt.

Jetzt ist es auch für uns schon spät und wir müssen schlafen gehen, um morgen wieder fit zu sein – fürs Tanzen!

Adios, Sigrid

 

Eine „heiße“ Woche …

Eine „heiße“ Woche …

Hola,

einige Stichworte aus dem Bericht von Andrea möchte ich aufgreifen, aber vorher muss ich wieder einmal übers Wetter berichten: Am Donnerstag sind wir um 12.30 aus der Tanzschule gegangen und es war unerträglich heiß und erstmals extrem schwül. Die Tage davor waren auch schon wieder hochsommerlich, aber so schlimm war es noch nie. Wir sind nur in unsere Wohnung und haben uns zur Siesta hingelegt. Am späten Nachmittag sind wir dann doch nochmals außer Haus gegangen, aber es war kaum auszuhalten. Erst am Abend, als wir die Nachrichten im Fernsehen eingeschaltet haben, wussten wir, warum der Tag so unerträglich war: es hatte 47° erreicht und um 21.00 Uhr waren es noch 43°!!! Und dann kam noch die Meldung, dass dieser Jänner der heißeste seit 53 Jahren ist. Na toll, und gerade den haben wir erwischt! Viele von euch wissen ja, dass wir den Winter nicht mögen und deshalb den Zeitpunkt unserer Reise so gewählt haben, aber mit diesen Extremen haben wir nicht gerechnet. In der Nacht zum Freitag kam übrigens ein heftiges Gewitter und den ganzen Freitag war es “kalt” bei 20° – wirklich erlösend!

Noch in einer anderen Hinsicht war es eine “heiße Woche” in Buenos Aires. Andrea hat ja vom Schwarzgeld berichtet. Am Mittwoch und Donnerstag hat der Argentinische Peso enorm an Wert gegenüber dem Dollar verloren, der Schwarzmarktwert dagegen ist stark gestiegen. In den Nachrichten war große Aufregung, denn seit dem „Corralito“ 2001, also dem großen Zusammenbruch der Wirtschaft und der Währung hier, ist der Peso noch nie so schnell so stark gefallen. Für uns bedeutet das natürlich einen guten Wechselkurs, für 1000 Pesos brauchen wir jetzt nur 96 € zu bezahlen, im November waren es über 120 €, aber wir denken und fühlen schon auch mit den Menschen, die wir hier kennengelernt haben, und verstehen ihre Unsicherheit. Das Land scheint wirklich wieder auf eine größere Krise zuzusteuern und es muss schwierig sein, mit dieser Situation umzugehen. Wir vermuten z.B., dass ein Grund für die jetzig Reise von Patricia und Nestor nach Europa darin liegen könnte, erspartes Geld auszugeben, bevor es nichts mehr wert ist oder wieder im wahrsten Sinne des Wortes unerreichbar auf der Bank liegt. Denn das hatten sie leider schon einmal erlebt. So können wir den Menschen hier nur wünschen, dass auch in Bezug auf diese „Hitze“ bald eine „Abkühlung“ kommt.

“Buenas noches” auch von mir, Sigrid

 

Lebensformen in Buenos Aires

Lebensformen in Buenos Aires

Hola muchachos!

Nun ist schon wieder eine Woche um, und in drei Wochen werden wir bereits zuhause sein. Hier beginnen wir schon mit dem Verabschieden. Gestern haben wir unseren letzten Ausflug mit Nestor und Patricia gemacht und sind bei ihnen zuhause ein letztes Mal bei einem Gläschen Champagne zusammen gesessen. Sie sind wirklich sehr nett und wir haben die Zeit mit ihnen sehr genossen. Sie haben uns hier nicht nur viele schöne Plätze gezeigt, die wir selber wahrscheinlich nicht gefunden hätten, sie waren auch sehr herzlich und offen. Die Unterhaltungen mit ihnen waren auch immer sehr interessant und wir haben so einiges über dieses Land erfahren. Nestor hat es gestern so zusammengefasst: El pais es loco, pero la gente son maravilloso. (Das Land ist verrückt, aber die Leute sind wunderbar.) So haben auch wir es hier erlebt. Es gibt so vieles, das hier nicht funktioniert und angeblich bricht die Wirtschaft im Rhythmus von zehn Jahren zusammen. Aber die Menschen sind trotzdem optimistisch, humorvoll und sehr hilfsbereit und herzlich. Viele müssen hier zu ÜberlebenskünstlerInnen werden.

Die unterschiedlichen Lebensformen, die es hier gibt, haben mich überhaupt sehr interessiert. In unserer Gesellschaft ist ja die Lebensform sehr davon abhängig, wie man sein Geld verdient. So gibt es hier z.B. viele Berufe/Jobs, die es bei uns so nicht mehr gibt oder zumindest nicht in so großer Anzahl. Einer davon ist der Portier.  Hier gibt es bei jedem Wohnhaus noch eine Portiersloge und sie ist auch besetzt. Die Häuser sind nämlich alle verschlossen und wenn man keinen Schlüssel hat, öffnet der Portier und wacht darüber, wer das Haus betritt.

Alle anderen Gebäude, wie Kaufhäuser, Hotels, Banken, öffentliche Gebäude, … werden von Sicherheitsbeamten bewacht, die den ganzen Tag beim Eingang stehen. Es gibt also kaum unbewachte Häuser und Sicherheit ist hier ein großes Thema. Manche gehen aus Gründen der Sicherheit sogar freiwillig ins “Gefängnis”. Bei unserem gestrigen Ausflug waren wir außerhalb von Buenos Aires noch einmal im Deltagebiet des Rio Parana, im sogenannten Norddelta. Dort ist es gerade sehr in, sich ein Haus zu kaufen. Patricia hat gemeint, alle wollen hier wohnen. Entsprechend hoch sind auch die Preise. Die Häuser, die es dort gibt, sind alle innerhalb von hohen Mauern oder Zäunen mit Stacheldraht. An den Ecken gibt es Wachtürme, wahrscheinlich auch Überwachungskameras und einen Einfahrtsbereich mit Schranken, der natürlich auch bewacht ist. Sehr sicher! Diese Menschen arbeiten nicht in der Stadt, weil der Weg zu weit ist, sondern von zu Hause aus über den Computer. Sie leben also in ihrer eigenen kleinen Welt.

DSCF3727Zurück nach Buenos Aires – hier arbeiten viele Menschen auf der Straße. Da gibt es an vielen Ecken Schuhputzer, die für ihre Kunden sehr komfortable Stühle bereit stehen haben und deren Schuhe ganz professionell auf Hochglanz bringen. Dann gibt es unzählige Straßenverkäufer, die Socken, Handtücher, T-Shirts, eigene Handwerksprodukte, Blumen, Wurst und Käse, … feilbieten. Sie haben ihre Angebote entweder auf Decken ausgebreitet oder haben kleine Wägelchen, mit denen sie herumziehen oder sie haben überhaupt nur sich selbst beladen und preisen ihre Produkte wie Marktschreier an.

Dann gibt es noch einen sehr seltsamen Job. Die Menschen, die ihn ausüben, nennt man “arbolitos” (Bäumchen). Unzählige von ihnen stehen den ganzen Tag in allen Fußgängerzonen und rufen unablässig: “Cambio! Change! Dolares, Euro, Real!” Man kann bei ihnen schwarz Geld wechseln. Es existiert ein riesiger Schwarzgeldmarkt ganz offiziell. Und es heißt hier nicht Schwarzgeld sondern “Dollar blue” mit einem eigenen Wechselkurs, den man auch in den Nachrichten erfährt. Die “arbolitos” bringen ihre Kunden in versteckte Wechselstuben, wo dann das Geschäft abgeschlossen wird.

Es gäbe hier noch viele andere Jobs zu erwähnen, aber ich will meinen Bericht nicht unendlich werden lassen. Erzählen muss ich noch von den Menschen, die keine Arbeit oder keinen Job haben und deshalb buchstäblich auf der Straße leben. Es gehört hier zum Straßenbild, an dem sich niemand zu stören scheint, dass Menschen am Gehsteig liegen und schlafen. Manche liegen auf einer Matratze in einer Hausnische, andere am blanken Stein nur mit einer Decke oder einem Tuch bedeckt. Einen Mann gibt es, der wie zum Hohn, sein Nachtlager regelmäßig in der Eingangsnische zum Wohnungsamt aufschlägt. Sehr berührt hat mich auch eine Entdeckung, die wir vor kurzem in dem Park, in dem wir unsere Spazierrunden drehen, gemacht haben.  In einem Baum, den wir wegen seiner Blütenpracht näher betrachtet haben, fanden wir ein fein säuberlich zusammengerolltes Bündel von Habseligkeiten. Es gehört sicher einem Menschen, der in diesem Park sein Nachtquartier bezieht. Man stößt also an allen Ecken und Enden auf die großen Widersprüchlichkeiten dieser Stadt, dieses Landes. Regiert wird es nämlich von einer Präsidentin, die schon mehrere Schönheitsoperationen hinter sich hat und Evita zu imitieren versucht. Ich bin vielleicht von Patricia und Nestor beeinflusst, sie mögen Christina Kirchner nicht und trauen ihr nicht zu, Argentinien aus der momentanen Krise zu führen.

Wie es mit diesem Land weitergeht, werden wir bald auch nur mehr aus der Ferne mitbekommen, aber mit einem anderen Bewusstsein.

Bei euch ist es jetzt ja schon mitten in der Nacht und so verabschiede ich mich mit einem “Buenas noches” !

Andrea

 

 

Die Stadt, die nie schläft

Die Stadt, die nie schläft

Hola,

ja, so ein fauler Sonntag tut richtig gut. Vor allem auch deshalb, weil wir ziemlich an Schlafmangel leiden. Schon bevor wir hierherkamen, haben wir über Buenos Aires gelesen: diese Stadt schläft nie. Und so ist es. Zum Essen geht man frühestens um 22.00 Uhr, zum Eis essen trifft man sich um Mitternacht, die Milongas dauern bis 3.00 oder 4.00 Uhr früh, viele Bars haben die ganze Nacht offen, der Verkehr strömt unaufhörlich. Selbst um 7.00 Uhr in der Früh – als wir nach Uruguay aufbrachen, waren wir so früh unterwegs – ist Betrieb und es erwacht eine Stadt zum Leben, die sich nie zum Schlaf gelegt hat. Entonces, in einer Stadt, die nicht schläft, kann man auch nicht schlafen, zumindest nicht eine Nacht durchschlafen. Hier, wo unsere Wohnung liegt, begleiten uns viele Geräusche, um nicht zu sagen Lärmquellen, durch die Nacht: das Entleeren der Mülltonnen durch die Müllabfuhr, das Hupen von Autos, Busse oder LKWs, die an unsrer Kreuzung stehenbleiben und wieder losfahren, Alarmanlagen von Autos, die plötzlich losgehen, Sirenengeheul, Lärm von einer Party, die genau vor unserem Balkon gefeiert wird, schreiende Menschen, ein Opernsänger, der gerade seine Arien übt und sogar Schüsse. Zusätzlich erschwert die Hitze das Schlafen und das Surren des Ventilators, den wir laufen haben, damit es ein bisschen einen Luftzug gibt. Dieses Problem der Schlaflosigkeit scheinen aber alle zu haben, die hierher kommen. Zumindest denjenigen, die wir kennengelernt haben, und die aus Deutschland oder den USA auch eine Zeit lang hier leben, ergeht es genauso. Selbst in dem Roman, den ich gerade gelesen habe, leidet der Protagonist, ein amerikanischer Schriftsteller, der ebenfalls einige Monate in Buenos Aires verbringt, an Schlaflosigkeit. Es scheint also etwas zu sein, das zu dieser Stadt gehört.

Die stillen Nächte daheim sind also eines der Dinge, auf die wir uns schon sehr freuen. Langsam beginnen wir uns ja schon mit dem Nachhause kommen auseinanderzusetzen. Gestern haben wir erfahren, dass wir die letzten Tage hier, nämlich die Februartage, ohne Patricia und Nestor auskommen müssen. Sie fliegen mit ihrer Nichte Sonja, die wir ja auch kennengelernt haben, für drei Wochen nach Europa, Barcelona und Paris. So reisen sie uns also voran.

Wir müssen also unsere Abreise und die Fahrt zum Flughafen alleine managen, aber da wir uns hier ja mittlerweile schon sehr gut auskennen, haben wir damit kein Problem.

Schön langsam kann ich also anfangen zu sagen: auf ein baldiges Wiedersehen!

Andrea

 

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Orte der Erholung: Im Cafe und im Park

Hola mis queridas!

Heute haben wir einmal einen faulen Sonntag verbracht. Seit Mitte der Woche gibt es hier die “ola de calor: parte II”, also die zweite Hitzewelle und gestern hatten wir die 40° erreicht. Auch für heute war ein heißer Tag angesagt, aber in der Nacht gab es einen heftigen Sturm, der für eine ordentliche Abkühlung gesorgt hat. So ist es heute erfreulicherweise wieder recht angenehm, ein schöner Sommertag mit einem kühlen Lüfterl.

Vorhin haben wir einen kleinen Spaziergang in unser Stammkaffeehaus und in unseren Lieblingspark gemacht. Einen guten, starken Kaffee zu finden, wie wir ihn lieben, war nicht so einfach. Die ersten eineinhalb Monate haben wir viele Kaffeehäuser ausprobiert. Es waren zum Teil sehr schöne und alte Cafes, aber der Cafecito, also der kleine Espresso war viel zu lang und zu dünn. Dann haben wir in einem Reiseführer, der hier in der Wohnung lag, den Tipp für “den besten Kaffee der Stadt” gefunden. Das Florida Garden, also der “blühende Garten” ist hier ganz in der Nähe, mit einem kleinen Umweg zu unseren Tanzstunden sind wir nun beinahe täglich dort. Mittlerweile brauchen wir gar nicht mehr zu bestellen, wenn wir an die Theke kommen, wir bekommen unseren Ristretto schon hingestellt und er ist wirklich köstlich – für unseren Geschmack tatsächlich der beste Kaffee der Stadt. Beim Verabschieden sagt der Kellner oder die Frau an der Kassa schon “hasta manana”, also bis morgen. Wir haben da also nicht nur einen sehr guten Kaffee gefunden, sondern auch ein Plätzchen, an dem wir ein wenig daheim sind. Dass der Kaffee dort noch dazu am billigsten ist und auch noch ein Kuchenhäppchen serviert wird, macht die Sache perfekt.

In den Park San Martin spazieren wir immer wieder gerne. Die ersten Fotos nach unserer Ankunft mit den blühenden Jacarandabäumen sind auch von diesem Park. Die Hauptblütezeit dieser Bäume ist natürlich längst vorbei, aber überraschenderweise blühen sie vereinzelt immer wieder neu, obwohl die Bäume von den ersten Blüten schon die Samenkapseln tragen. Außerdem gibt es dort einen riesigen Gummibaum und prächtige Palmen. Ein anderer Baum, dessen Namen wir nicht wissen, ist jetzt übervoll mit gelben Blüten. Es ist richtig erholsam in diesem Park ein paar Runden zu drehen. Der Verkehr rundum ist nicht extrem stark und die umliegenden Gebäude sind prächtige, alte Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende.

DSCF4261DSCF4184

Einen anderen Park haben wir gestern mit Patricia und Nestor besucht. Sie haben vorgeschlagen,  den missglückten Spaziergang vom Neujahrstag nachzuholen, wir waren also nochmals im Palermo-Park. Der Rosengarten, ein Teil dieses Parks, ist wunderschön. Es ist ein alter Park aus dem 19. Jhd., angelegt von einem französischen Gartenarchitekten, und auch die Rosenstöcke sind schon sehr alt. Wenn nicht die Hochhäuser hinter den Bäumen hervorschauen würden, könnte man vergessen, dass man sich mitten in einer riesengroßen Stadt befindet. Das einzige Problem war die extreme Hitze in der vollen Sonne.

Weil wir heute faul sind, fällt auch dieser Bericht kürzer aus als die letzten Male. Ich schicke liebe Grüße aus dem Sommer über den Atlantik.

Adios, Sigrid

Gedanken über das Reisen

Gedanken über das Reisen

Hola,

auf unserer kleinen Reise konnten wir wirklich ein wenig ausspannen. Während Andrea in dem englischsprachigen Buch, das sie in unserer Wohnung gefunden hat, und das in Buenos Aires spielt, weitergelesen hat, habe ich die Ruhe genossen und meine Gedanken fliegen lassen. Ich bin dabei ein bisschen ins Philosophieren über das Reisen gekommen. Nun sind wir ja schon seit 2 Monaten Reisende und jetzt waren wir auch noch für 2 Tage “auf Urlaub” in Colonia. Diese Unterscheidung zwischen Reise und Urlaub, Reisende oder Touristin zu sein, war meine erste Erkenntnis. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich damit keine Wertung zum Ausdruck bringen möchte (philosophieren sollte meiner Ansicht nach grundsätzlich wertfrei sein, obwohl ich weiß, dass dies fast nie so gesehen wird; ich denke nur an die sogenannten “großen Philosophen”. Vielleicht konnte ich deshalb beim Studium mit Philosophie nie viel anfangen, aber das ist jetzt ein ganz anderes Thema!) Es geht also nicht darum, die Reisenden und die UrlauberInnen als besser oder schlechter zu bewerten, aber ich meine, es ist wichtig sie zu unterscheiden und dann auch selbst zu wählen, in welcher Position man sich wiederfinden möchte. Als Urlauberinnen in Colonia z.B. waren wir viel mehr auf uns selbst bezogen: wir haben uns ausgeschlafen, sind herumgebummelt und haben alle schönen Bilder in uns aufgenommen, haben die freie Zeit ohne Termine etc. genossen. Kurz, wir waren in einer fremden, schönen, anregenden Umgebung stark auf uns selbst bezogen. Die Frage nach “Land und Leute”, wie das Leben hier sein mag, wie es den Menschen hier im Alltag geht, hat uns in Montevideo und natürlich in der ganzen Zeit hier in Buenos Aires beschäftigt. Da waren und sind wir viel stärker auf das Außen, auf das, was uns umgibt, bezogen als in einem Urlaub. Und interessanterweise sind wir gerade in dieser Situation als Urlauberinnen in ein Touristenlokal mit hohen Preisen und schlechtem Essen getappt. Wir haben es selbst ausgewählt, weil man dort mit Kreditkarte bezahlen konnte …

Das Leben als Reisende hier in Buenos Aires ist nach wie vor spannend. Ich stelle fest, dass eine so lange Reise, wie wir sie jetzt erleben, eine Art “Ausnahmezustand” ist. Erstens bist du aus deinem gewohnten Alltag herausgenommen, in unserem Fall nicht nur in einem anderen Land, einem anderen Kontinent, sondern sogar in einer anderen Jahreszeit angekommen. Du siehst völlig andere – und zum Großteil absolut nicht wünschenswerte – Lebensformen. Du merkst, wie selbstverständlich zu Hause all die gewohnten Annehmlichkeiten wie Strom, Wasser, Internet, … sind. Und wie selbstverständlich wir in Österreich davon ausgehen, dass immer alles funktioniert. Hier in Buenos Aires musst du eigentlich fast immer davon ausgehen, dass du nicht wirklich weißt, was auf dich zukommen wird und ob das, was du vorhast auch so funktionieren wird (denkt nur an unseren “Ausflug” am Neujahrstag). Interessanterweise beobachte ich bei mir selbst, dass ich diesen “Überraschungen” gegenüber immer gelassener werde. Es stört mich nicht wirklich, ich finde es nur absolut skurril und ich komme noch immer nicht aus dem Staunen heraus. Das Wort  “Ausnahmezustand” meine ich aber noch in einem zweiten Sinn: auf einer Reise wie dieser bist du gezwungen – und interessanterweise auch dazu bereit – viele Ausnahmen gegenüber deinem gewohnten Leben und seinen Prioritäten zu machen. Damit meine ich nicht, dass hier der Alltag völlig anders abläuft, sondern dass es einfach nicht möglich ist, hier die gleichen Prioritäten zu setzen wie zu Hause. Wenn wir uns hier z.B. wie zu Hause zum Großteil biologisch ernähren wollten, dann wären wir schon verhungert, denn Gemüse, Obst, Brot, Käse und natürlich Fleisch gibt es hier nicht biologisch. Der Gemüseladen ums Eck hat (meistens) eine gute Auswahl, aber wir haben keine Ahnung woher die Lebensmittel kommen und wie sie angebaut wurden. Oder das Stichwort Elektrosmog: zu Hause versuchen wir Belastungen dieser Art weitgehend zu vermeiden, hier steht am Dach des Hauses gegenüber der Handymasten und in unserem Schlafzimmer blinkt die Funkstation für unser WLAN munter vor sich hin. Und wie viel Blei wir mit dieser schmutzigen Luft schon abgekommen haben, lässt sich gar nicht einschätzen. Und trotzdem – wir sind hier Reisende und wir sind bereit diese Ausnahmen in Kauf zu nehmen. Das ändert nichts an unseren Grundsätzen und daran, dass wir zu Hause wieder zu unseren üblichen Maßstäben zurückkehren werden. Warum aber ist man bereit diesen “Ausnahmezustand” zeitlich begrenzt zu akzeptieren? Man hört oft den Spruch, dass das Reisen verändert, dass man anders zurückkehrt als man aufgebrochen ist. Vielleicht sind es diese Verschiebungen der Maßstäbe und des Alltages, die dir deine Einstellungen bewusster machen und die dich entweder dazu führen, Dinge zu ändern oder sie später gleich, aber mit anderem Bewusstsein zu tun.

In unserem Fall kommt ja noch hinzu, dass unsere Reise nicht zweckfrei ist (wobei die Frage ist, ob das nicht meistens so ist, aber nicht immer klar definiert wird). Der Zweck unserer Reise ist der Tango. Und in diesem Punkt kommen wir ganz bestimmt verändert zurück, obwohl es auch hier viele “Überraschungen” gegeben hat. So besteht etwa ein großer Teil unserer Unterrichtseinheiten nicht darin, neue Schritte oder Kombinationsmöglichkeiten zu erlernen, sondern an unserer Körperhaltung zu arbeiten. Wir trainieren das Anspannen von Muskeln, das Lockerlassen der Schultern, die richtige Drehung des Oberkörpers … Wir arbeiten also sehr viel mit uns und unserem Körper und das verändert dich ganz entschieden! Es ist anstrengend und wohltuend zugleich und es bewirkt, dass du dich selbst körperlich und emotional neu spürst. Und der Tango ist reine Kommunikation zwischen den beiden Tanzenden. Auch dieses sich einlassen aufeinander, dieses Hinhören und Sprechen mit dem Körper bringt Veränderung für mich selbst und für uns als Paar.

Aber keine Sorge, so ganz verändert werden wir schon nicht zurückkehren! Und doch, es stimmt: so eine Reise, die macht etwas mit dir! Und ich meine, das ist gut so.

Genug der vielen Gedanken und stattdessen ein herzlicher Gruß

Sigrid

 

Urlaubstage in Uruguay

Urlaubstage in Uruguay

Hola wieder aus Buenos Aires,

wir sind gut zurück aus Uruguay und haben unsere kleine Reise sehr genossen. Montag früh ging es los mit einem ganz neuen Schnellboot namens Francisco (natürlich nach dem Papst benannt!) über den Rio de la Plata. Auf dem Boot hatte man Aussicht nach hinten und so haben wir zum ersten Mal die Skyline von Buenos Aires gesehen. Nach knapp 3 Stunden Fahrt erreichten wir Montevideo bei strahlendem Sonnenschein und einem “cielo azul”. Unser Erkundungsgang führte uns vom Zentrum in der Neustadt, in der unser Hotel lag, in die Altstadt, in der wir uns sofort wohl gefühlt haben. Wunderschöne alte Häuser, große schattige Plätze und nette Gassen mit Blick hinaus auf den Rio de la Plata wechselten sich ab – und es war im Vergleich zu Buenos Aires sehr, sehr ruhig. Viele der alten Häuser sind noch nicht renoviert und stehen zum Verkauf und so haben wir schon gescherzt, wenn wir hier bleiben wollten, dann wäre das unsere Stadt. Aber wir wissen, dass auch das Leben in Uruguay nicht einfach ist. Noch zu Hause hat uns unsere Spanischlehrerin, die aus Montevideo kommt, erzählt, dass hier alles sehr teuer ist, aber die Leute viel weniger verdienen, eigentlich nicht genug, um davon gut leben zu können. Wir mussten feststellen, dass alles gleich viel kostet, wie bei uns. Deshalb gibt es hier eine große Auswanderungswelle, jährlich verlassen zurzeit 26.000 junge Leute das Land, viele Richtung Spanien.

Wir haben vorher gelesen, dass sich Montevideo die Langsamkeit und Beschaulichkeit erhalten hat, die Buenos Aires schon lange verloren hat. Wir können das nur bestätigen. In Uruguay hatten wir eigentlich das erste Mal das Gefühl in Südamerika zu sein. Es waren die Menschen anders, die Landschaft viel üppiger und sowohl die Hauptstadt als auch die kleinen Orte noch viel ursprünglicher, nicht so amerikanisiert. Es gab nicht so viel Fortschritt, was auf der einen Seite zwar ein ruhigeres, beschaulicheres Leben ermöglicht, auf der anderen Seite aber auch das oben genannte Problem mit sich bringt.

Am nächsten Tag ging es dann mit einem Überlandbus Richtung Colonia. Die Busfahrt war trotz Regenwetter und Gewitterstimmung, in der Nacht hat nämlich das Wetter gewechselt, sehr interessant und schön. Die Landschaft war sehr abwechslungsreich. Es ging vorbei an Eukalyptuswäldern, Palmenhainen, dichter Macchia, kleinen Flüssen und Sümpfen, Kuh-, Schaf- oder Pferdeweiden, Mais-, Getreide- oder Sojaäckern und kleinen Bauernhöfen und Dörfern mit Gebäuden, die wir gerade einmal mit einem “Dach über den Kopf” bezeichnen würden.

Wieder nach knapp 3 Stunden Fahrt erreichten wir durch eine mehrere Kilometer lange Palmenallee unser Ziel. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, sodass wir unser Hotel trocken erreichen konnten, um danach nochmals anzufangen. So hat unser Aufenthalt in Colonia schon sehr gemütlich, nämlich mit einem Schläfchen, begonnen.  In Colonia war es so richtig erholsam. Es ist ein kleiner Ort mit einem alten Teil auf einer Halbinsel in den Rio de la Plata, der noch sehr ursprünglich erhalten ist. Am Abend unseres Ankunftstages hat es doch noch aufgelockert, dass wir den dortigen Leuchtturm besteigen konnten und den Sonnenuntergang über dem Rio de la Plata von hoch oben genießen konnten. Sobald die Sonne weg war, glitzerte das Wasser silbern und so wussten wir, woher der Fluss seinen Namen hat.

DSCF4134DSCF4074

Die weitere Zeit in Colonia haben wir damit verbracht, durch die malerischen Gassen und am Ufer des Flusses zu schlendern, in winzig kleine, sehr nette Lokale einzukehren, in den Pool unseres Hotels zu hüpfen und ein paar Runden zu schwimmen. Wir haben in Uruguay bis auf einmal, wo wir in ein Touristenlokal hineingefallen sind, immer sehr gut gegessen, vor allem sehr köstlichen Käse und auch hier wieder “asado”, gegrillte Würste und Fleisch, aber auch Käse.

Wir haben die Zeit bis zum Schluss ausgekostet und genossen, bevor es mit dem Schnellboot, diesmal nur 1 Stunde, wieder Richtung Buenos Aires ging.  Bei der Ankunft am Donnerstagabend war gerade Büroschluss und so haben uns gleich wieder die Menschenmassen und der Megaverkehr hier empfangen. Aber Gott sei Dank hat es auch hier inzwischen ziemlich abgekühlt und so ist es erträglicher.  Nach ein paar Tagen Pause haben wir uns aber schon wieder sehr auf das Tanzen gefreut und sind gleich wieder eingetaucht in die Welt des Tango.

Viele liebe Grüße an euch alle

Andrea

 

La Boca und Palermo Soho

La Boca und Palermo Soho

Hola,

gestern waren wir mal so richtig als Touristinnen unterwegs. Wie in vielen anderen Städten gibt es auch hier diese typischen Touristenplätze, an denen Klischees am Leben erhalten oder künstlich produziert werden – denkt nur an Wien und “Sisi”. Hier geht es natürlich um den Tango, besser gesagt um den Platz, an dem der Tango in Spelunken und Hafenkneipen seinen Anfang genommen hat. Das barrio “La Boca” ist der alte Hafen von Buenos Aires gewesen, in dem sich zuerst afrikanische Sklaven und ab 1880 viele ItalienerInnen, vor allem aus Genua, niedergelassen haben. Es war immer schon ein armes Viertel und die Menschen haben ihre Häuser aus den Materialen gebaut, die es am Hafen gab: Wellblechwände, die in bunten Farben (von den Schiffen?!) angemalt waren. Auch heute noch ist La Boca ein armes Viertel und bis auf jenen kleinen Teil, der touristisch vermarktet wird, ist es eine sehr gefährliche Gegend. Es wird dringend davon abgeraten den kleinen Touristenbereich zu verlassen – ein junges Paar aus Deutschland, das schon seit August hier ist, wurde beim Spaziergang in einer Seitengasse am helllichten Tag mit der Pistole bedroht und ausgeraubt. Aber keine Sorge, wir wussten ja Bescheid und außerdem waren wir mit Patricia und Nestor dort. Uns ist gleich nach der Ankunft aufgefallen, dass die beiden sich hier als unsere Bodyguards verstanden haben: Patricia ist vorangegangen, Nestor war immer knapp hinter uns, wenn wir stehengeblieben sind um uns umzuschauen oder zu fotografieren, haben sie gewartet … Es waren sehr viele Leute dort (obwohl das angeblich noch nicht viele waren, heute, Sonntag sei dreimal so viel los) und es war so richtig ein Touristenspektakel mit Verkaufsständen von “Kunsthandwerk” und Bildern (zum Teil sehr schön!), mit überteuerten, schlechten Restaurants, mit StraßenkünstlerInnen, die Folklore oder Tango präsentierten. Beim Tango gab es SängerInnen, dann Tanzpaare, die sich nur fürs Foto postierten und Tanzpaare, die von den Restaurants engagiert waren und die auf winzig kleinen Tanzflächen tanzten. Die bunten Häuser sind wirklich nett und die kleinen Hinterhöfe, in denen es jetzt Souvenirgeschäfte gibt, schauen schön aus. Wenn man sich dann aber vorstellt, wie die Einwanderfamilien hier auf engstem Raum gelebt haben, dann sieht die Sache schon wieder anders aus.

DSCF3963 (2)Das alte Hafenbecken ist schon längere Zeit nicht mehr in Betrieb und die alten Fabriken sind verfallen. Es waren hauptsächlich Lederfabriken (Rinderzucht in Argentinien, Einwanderer als billige Arbeitskräfte, … die Geschichte wiederholt sich immer wieder) und der Fluss dort ist tot, weil alle Abwässer der Fabriken hineingeleitet wurden.

Zu La Boca gehört natürlich auch der Fußball und auch wenn wir uns dafür nicht so interessieren, da kommt man nicht dran vorbei! Das Stadion der “Boca Juniors” ist mitten in die kleinen Straßen des Viertels hinein gebaut. Es wird La Bombonera, die Pralinenschachtel genannt, denn wegen Platzmangel sind die Tribünen extrem steil und reichen direkt bis ans Spielfeld. Es ist unvorstellbar, wie es sein muss, wenn “Boca” ein Spiel hat, Zehntausende durch diese Straßen ziehen und die Bombonera kocht. Und sogar nicht-Fußball-Fans wie wir haben gewusst, dass Diego Maradona von diesem Club gekommen ist.

Danach haben Patricia und Nestor uns quer durch die Stadt chauffiert und wir sind in das Designerviertel Palermo Soho gefahren. Gegensätzlicher hätten die Eindrücke dieses Tages nicht sein können! Hier gibt es auch kleine Straßen, die Häuser sind fast alle nur einstöckig und zum Teil sehr schön renoviert. Und es reiht sich ein Modegeschäft mit argentinischer Designermode neben das andere. Die Mode war sehr interessant, weil sie ganz anders ist, als das, was man in Europa unter “Designerstücken” versteht. Mindestens gleich interessant fand ich die Geschäftsräume: jeder war anders gestaltet, die alten Räumlichkeiten wurden mit modernen Elementen ergänzt und beeindruckend gestaltet. Einige gaben den Blick frei auf kleine, üppig grüne Innenhöfe. Außer den Geschäften gibt es unzählig viele Lokale. Die meisten haben die Tische am Gehsteig und es war zum ersten Mal, seid wir hier sind, dass es nette Plätze zum Draußen-Sitzen gab. Auch hier waren sehr viele Leute, aber die Stimmung war ganz anders als in La Boca. Wie Andrea im letzten Bericht schon geschrieben hat, wurden wir an den Prenzlauer Berg in Berlin erinnert. Auch dort sind die alten Häuser revitalisiert, es gibt viele Lokale und interessante Geschäfte.

Und zum Abschluss des Tages haben wir ausgesprochen gut gegessen! Patricia und Nestor haben uns in eines ihrer Lieblingslokale geführt, wo sie auch gleich als Stammgäste herzlich begrüßt wurden und wir dadurch überhaupt einen Tisch bekommen haben. Dort gibt es Grillspezialitäten, aber nicht nur, dass das Fleisch sehr köstlich war, es gab dazu ca. 15 – 20 verschiedene kleine Schälchen mit Saucen, Beilagen und Salaten. Wir müssen jetzt also endgültig unser Urteil über die Küche in Buenos Aires zurücknehmen und feststellen, dass wir bisher beim Essen gehen entweder Pech hatten oder eben einfach nicht gewusst haben, wo es wirklich gut schmeckt. Allerdings eine Feststellung bleibt: wenn du gut essen willst, dann musst du hier Fleisch bestellen; alles andere, inklusive Pasta, ist nicht nach unserem Geschmack.

Morgen fahren wir, wie schon angekündigt, für vier Tage nach Uruguay. Mal sehen, wie es auf der anderen Seite des Rio de la Plata so ist. Außerdem brauchen wir eine kleine Pause von Buenos Aires – und dem Tango.

Sigrid

 

Bueno ano nuevo!

Bueno ano nuevo!

Hola mis queridos,

irgendwie ist es immer schwierig auszuwählen, von welchen Eindrücken und Erlebnissen ich berichten soll, denn es gäbe so vieles zu erzählen, dass unser Bericht unendlich lang würde.

Nun, zuerst einmal sind wir gut ins neue Jahr gerutscht. Wir haben uns mit Nestor, Patricia, deren Schwester Estrela, ihrem Mann und ihrer Tochter Sonja in einem Lokal in Palermo getroffen. Palermo ist ein Barrio (Stadtviertel) von Buenos Aires, das mehr an den Prenzlauer Berg von Berlin als an das Palermo Siziliens erinnert. Am Silvesterabend war die Straße, in der das Lokal liegt, für Autos gesperrt und stattdessen wurden dort die Tische aufgestellt. Es herrschte eine angenehme, entspannte Stimmung und es war ein lauer Sommerabend. Das angebotene Silvestermenu war ausgezeichnet. Das erste Mal, dass wir in dieser Stadt in einem Lokal wirklich sehr gut gegessen haben, bisher waren wir von der argentinischen Küche eher enttäuscht. Um Mitternacht wurde Sekt ausgeschenkt und mit einem “Feliz ano” auf das neue Jahr angestoßen.

DSCF3911 (3)

Danach ging die Party los. Es wurden alle möglichen “Faschingsartikel” wie Hüte, bunte Kränze, leuchtende Reifen, etc. verteilt, alle haben sich damit geschmückt und dann wurde auf der Straße getanzt, nicht Tango und auch nicht Walzer (wir haben noch zu Hause in unsrer Wohnung, als es in Österreich Mitternacht war, übers Internet den Donauwalzer empfangen können und dazu getanzt), sondern wie in der Disco zu ganz populären argentinischen Songs, bei denen auch alle mitgesungen haben. Die Stimmung wurde ziemlich ausgelassen und irgendwie hatte man den Eindruck, es tanzen alle miteinander.

Was es im Unterschied zu Weihnachten nur sehr wenig gab, waren Feuerwerke. Patricia hat uns erklärt, dass das in schlechten Jahren immer so ist und ein Signal an die Politik sein soll. Die Inflation ist hier sehr hoch, wir merken es allein in der kurzen Zeit, die wir hier sind schon, und die Menschen hier wissen nicht, was im nächsten Jahr auf sie zukommen wird. Noch dazu haben die Menschen hier, wenn sie sich in den letzten Tagen ein “Feliz ano” gewünscht haben, im gleichen Atemzug einander nachgefragt “Tiene agua, tiene luz?” Denn hier kam es in letzter Zeit immer wieder zu Strom- oder Wasserausfällen. Plötzlich ohne Ankündigung hatte ein ganzes Viertel kein Wasser oder keinen Strom und das nicht nur für kurze Zeit sondern mehrere Tage oder sogar Wochen. Am Silvesterabend hatte gerade Patricias Schwester keinen Strom und erst vorgestern, als wir in der Stadt unterwegs waren, gab es eine Demonstration, bei der die Menschen Strom eingefordert haben. Es ist also im Moment hier eine schwierige Situation. Auch wir erleben hier immer wieder Situationen, in denen wir uns fragen “Es realidad o no?”

So zum Beispiel am Neujahrstag. Nachdem wir uns halbwegs ausgeschlafen hatten, denn wie immer hier in Buenos Aires ist es auch zu Silvester sehr spät geworden, haben wir gemeint, wir könnten ein bisschen frische Luft und Bewegung gebrauchen. Also haben wir beschlossen, in die großen Parkanlagen von Palermo zu fahren. Wir nahmen den Bus, denn an Feiertagen kann man leider kein Fahrrad leihen. Mit  1. Jänner wurden nun hier die Tarife für den Bus ziemlich erhöht und man kann nur mit Münzen bezahlen. Wir haben also für die Fahrt hin schon alle unsre Münzen aufgebraucht. Dort angekommen mussten wir feststellen, dass die größten und schönsten Teile des Parks abgeschlossen waren (sie sind nur am 1. Jänner geschlossen). Was jetzt? Wir beschließen bis zur nächsten größeren Plaza zu gehen, von der es eine U-Bahn zurück in die Innenstadt gibt. Der erste U-Bahn-Abgang zu dem wir kommen, ist ebenso geschlossen. Wir überlegen schon, ob am 1. Jänner auch keine U-Bahn fährt, da zeigt uns ein Passant einen Abgang auf der anderen Seite des Platzes und meint, dass dieser offen sei. Wir gehen also dorthin, er ist offen und als wir das Ticket kaufen wollen, erklärt uns die Frau am Schalter, dass zur Zeit wegen einer Störung keine U-Bahn fährt und sie wisse nicht, wie lange es dauern würde. Nun versuchten wir noch in Bars, Kiosken oder bei Passanten unser Papiergeld in Münzen zu wechseln, um doch den Bus nehmen zu können. Ohne Erfolg, es ging ja auch vielen anderen gleich wie uns. Wie waren also in Palermo gestrandet, das ziemlich weit von unserer Wohnung entfernt liegt. Wir machten uns also zu Fuß auf den Weg, wir wollten ja Bewegung machen. Und dann hatten wir doch noch Glück. Als wir zur nächsten U-Bahn-Station kamen, ist sie wieder gefahren und wir kamen doch auf Rädern zurück in die Innenstadt. Solche Situationen passieren immer wieder – vieles kommt anders als geplant. Aber das ist vielleicht eine gute Übung für uns, um gelassener und flexibler zu werden, aber manchmal ist es schon verrückt. Es gibt einen Tango, der heißt “ballada para un loco” (Ballade für einen Verrückten) – dieser Tango könnte zur Hymne für Buenos Aires werden.

Saludas de un Buenos Aires loco

Andrea