Marmor, ein kostbarer Stein

Marmor, ein kostbarer Stein

Wenn man vom Meer aus die Apuanischen Alpen betrachtet, scheint auf den ersten Blick auf deren Gipfeln Schnee zu liegen. Dass das hier im September – wir haben für unsere Begriffe noch hochsommerliches Wetter – nicht sein kann, weiß man. Es ist der Marmor, der, von der Sonne angestrahlt, herunter leuchtet. Ein schönes und bizarres Bild zugleich – die Berge haben weiße Wunden.

dscf5665Wenn man sich an der Costa Versilia aufhält, kommt man um den Marmor nicht herum. Er begleitet einen auf Schritt und Tritt im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier bestehen die Gehsteige aus Marmor- in Seravezza aus Marmorresten, in Forte dei Marmi aus schönen Marmorplatten. Man hat ihn in allen Verarbeitungsstufen vom Abbau bis zur fertigen Statue oder Domfassade ständig vor Augen und in manchen Orten liegt Mamorstaub in der Luft.

Auch die Ortsnamen erzählen davon: Carrara kommt von „kar“, was so viel wie „Stein“ bedeutet, Forte dei Marmi heißt „Marmorfestung“ und Pietrasanta bedeutet „heiliger Stein“. Der Marmorabbau hat hier schon eine sehr lange Tradition und geht zurück bis auf die Römer, die ihre Sklaven die schwere Arbeit verrichten ließen. Im frühen Mittelalter gab es dann eine Gesellschaftsform, die sich leider nicht gehalten hat, denn die Orte hier waren freie Kommunen und die Menschen Arbeiter und Herren zugleich. Alle haben vom Marmorabbau profitiert. Es dauerte aber nicht lange bis die großen Adelsgeschlechter, wie z.B. die Medici, den Reichtum rochen, den man mit Marmor erlangen kann. dscf5662Von da an herrschten hier die sogenannten Marmorbarone, die das große Geld verdienten, während sie ihre Arbeiter ausbeuteten. Der Abbau des Marmors war und ist immer noch Schwerstarbeit. Wenn dann noch dazu die Arbeitsbedingungen katastrophal waren, 12 Stunden Arbeitszeit und schlechte Sicherheitsvorkehrungen zu einem äußerst geringen Lohn, war es kein Wunder, wenn es zu Aufständen kam. Die hat es hier immer wieder gegeben, sodass sich eine Anarchistenszene entwickelt hat. Bis herauf ins 20. Jhd. wurden sogar Anarchistenkongresse abgehalten und man ist hier ein bisschen stolz auf diese Tradition des Widerstandes. In Carrara sind heute noch an den Hauswänden die Symbole der Anarchisten zu finden.

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Nun, mittlerweile gibt es Gewerkschaften und bessere Arbeitsbedingungen und Maschinen, die die Arbeit erleichtern. Aber es ist immer noch eine sehr schwere Arbeit, die auch viel Fachwissen erfordert. Der Stein wird nämlich auf Grund seines großen Wertes aus den Bergen mit diamantenbesetzten Stahlseilen bzw. Riesensägen herausgeschnitten – so sehen hier manche Berggipfel selbst wie riesengroße Skulpturen aus. Die so entstandenen Marmorblöcke werden dann mit Lastwagen zu Tal befördert, normales Transportgut sind 30 Tonnen Gewicht. Es verlangt großes Geschick von den Fahrern mit diesem Gewicht die schmalen und kurvenreichen Straßen zu bewältigen. Wir haben einen der Marmorsteinbrüche an einem Wochenende besucht und waren heilfroh, keinem dieser LKWs zu begegnen. Unten in den Tälern, an den Flüssen gibt es dann die unzähligen Marmorsägereien, mit ein paar Ausnahmen fast alle Kleinbetriebe. Hier wird der Marmor in Platten zersägt. Aus einem Zweimeterblock erhält man zwar 80 Platten auf einmal, aber es dauert 100 Stunden bis so ein Block zersägt ist. Gleich in der Nähe unseres Hauses befindet sich auch so eine Sägerei, die Tag und Nacht selbst am Wochenende in Betrieb ist – jetzt wissen wir warum.

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Dieser Stein zieht natürlich auch seit jeher KünstlerInnen an. Schon Michelangelo hat eine Zeit lang hier gelebt, um sich die Marmorblöcke für seine Statuen selbst auszusuchen. Der Marmor, der dafür verwendet wird, „Statuario“ genannt, ist der begehrteste – weiß, feinkörnig und seidig-glänzend. Es gibt nämlich 50 verschiedene Mamortypen, darum gibt es im Italienischen auch eine Mehrzahl für diesen Stein – „marmi“. Allora, wir haben vor einigen Tagen in Seravezza einen Künstler kennengelernt, der sich hier niedergelassen hat. Er, ein Franzose, und seine Frau, eine Asiatin, sind ein angesehenes Bildhauerehepaar, das hier die Foundation ARKAD zur Unterstützung anderer KünstlerInnen betreibt. Letzten Sonntag hatten sie einen Tag der offenen Tür und wir konnten ihre Arbeitshalle und ihre Ausstellungsräume besichtigen. Die Arbeitshalle hat uns besonders beeindruckt – riesengroß, alles mit weißem Mamorstaub überzogen, halbfertige Arbeiten und die Werkzeuge, die man für die Bearbeitung des Marmors braucht – eine ganz besondere Atmosphäre. In den Ausstellungsräumen konnten wir dann die Modelle ihrer Arbeiten besichtigen, denn sie erschaffen riesengroße Mamorskulpturen für den öffentlichen Raum – auf Bildern zu sehen. Überwältigend schön wie diese sich auf einem Platz, in einem Park oder am Meeresufer einfügen! Es ist sehr beeindruckend, wenn die Schönheit dieses Steines so zur Geltung gebracht wird. Man muss als BildhauerIn neben dem künstlerischen Ausdruck und dem handwerklichen Können, aber sicher auch den Respekt vor diesem Stück Natur und auch den Menschen, die die Schwerstarbeit des Abbaus leisten, einfließen lassen.

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Gestern erst waren wir in Carrara, das sich ja Welthauptstadt des Marmors nennt. Der Name dieser Stadt steht für den Marmor hier, aber der Stadt selbst ist das nicht anzumerken. Bei unserer Wanderung durch die Gassen wurden wir immer bedrückter, denn fast die gesamte Altstadt steht leer. Lokale, Geschäfte und Wohnungen werden zum Verkauf angeboten, an jedem zweiten Haus findet man das Schild „Vendesi“. Vieles schon sehr baufällig, macht die Stadt einen heruntergekommen Eindruck, es ist nichts von Reichtum zu bemerken. Diese Stadt verdient also nicht am Marmor. Wer macht also heute das große Geld damit, anstelle der Marmorbarone? Wir konnten es nicht herausfinden, aber man kann es sich denken. Mit diesem Hintergrundwissen, das wir über den Marmor hier gesammelt haben, fühlt es sich jedenfalls anders an, diesen besonderen Stein zu berühren, als vorher.

Andrea

Mare e Monti

Mare e Monti

In all den Jahren, in denen wir Italien bereist haben, ist uns die Costa Versilia nie wirklich aufgefallen. Einmal sind wir auf dem Weg vom Cinque Terre nach Siena mit dem Auto hier durchgefahren und haben die Bergkette bewundert, auf die Idee, hier zu stoppen sind wir aber nicht gekommen. Erst als wir letzen Winter die Italienkarte auf der Suche nach einem geeigneten Platz für unser Auftrittsmonat genau studiert haben, ist uns aufgefallen, dass es hier auf wenigen Kilometern ganz viele Badeorte, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, gibt. Bei genauerem Hinschauen haben wir entdeckt, dass es nur wenige Kilometer im Hinterland eine Reihe von alten, kleineren und größeren Städten gibt. So waren wir uns sicher, dass dies ein guter Platz für unsere Straßenkunst sein würde. Und erst kurz vor unserer Abreise hierher haben wir unseren Wanderführer für die Toskana aus dem Regal genommen, um festzustellen, dass die Apuanischen Alpen allein schon eine Reise wert wären. So haben wir also noch schnell unsere Wanderschuhe eingepackt. Und tatsächlich, dieser Landstrich ist nicht nur bestens geeignet für uns als Straßenkünstlerinnen, er bietet eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten!

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Der Küstenabschnitt hier im nördlichsten Winkel der Toskana mit feinstem Sandstrand und mondänen Badeorten ist etwa 30 Kilometer lang und reicht von Marina di Carrara im Norden bis Viareggo im Süden. Es reiht sich ein Bagno, also ein Strandbad neben das andere und erst südlich von Viareggio gibt es einen größeren frei zugänglichen Strandabschnitt gesäumt von einem prächtigen Pinienwald. Die Orte der Costa Versilia, die wir bisher kennengelernt haben, sind ihrem Charakter nach sehr verschieden. Viareggio ganz im Süden ist bekannt wegen seiner Prachtbauten entlang des Lungomare. Um 1920 war es ein Nobelseebad und zahlreiche Luxushotels im Jugendstil oder im Stil des Klassizismus zeugen von jener Blütezeit. Ganz besondere Bauten sind die Eingänge zu den Bagni, jedes Strandbad hat dafür ein eigenes Gebäude mit einem Torbogen in der Mitte und dem Schriftzug mit seinem Namen darüber. Links und rechts neben dem Eingang ist Platz für Geschäfte oder Lokale. So ist dieser Lungomare den ganzen Tag und die halbe Nacht lang die Flaniermeile von Viareggio. Heute sind viele dieser Bauten leider nicht mehr im besten Zustand, wenn sie auch nach wie vor in ihrer ursprünglichen Weise genutzt werden. Das alte Grand Caffè Margherita zum Beispiel ist bestens geeignet für einen Aperitivo und ein kleines Häppchen.

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Entlang der Via Aurelia, der alten Staatsstraße Nr. 1, gelangt man nach Pietrasanta am Fuße der Hügel und entdeckt ein toskanisches Bilderbuchstädtchen. Viele KünstlerInnen haben sich hier niedergelassen und in der kleinen Altstadt gibt es daher neben Geschäften und Lokalen auch zahlreiche Kunstgalerien. Eine nette Möglichkeit für einen Abendbummel, es sind ja nur wenige Kilometer von den Badeorten hierher und selbst jetzt in der Nachsaison ist viel los. Aber es ist hier fast zu schön, zu perfekt für TouristInnen herausgeputzt.

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Keine zehn Kilometer entfernt, etwas nördlich wieder am Meer, ist der Ort, der heute das Nobelseebad der Costa Versilia ist. Forte dei Marmi ist der Urlaubsort der VIPs. Die Einkaufsmeile ist mit Marmor gepflastert, Geschäfte mit klingenden Namen reihen sich aneinander: Gucci, Prada, Swarovski, Dolce & Gabbana, … Doch der Reichtum wird hier nicht zur Schau getragen oder hervorgekehrt, die Atmosphäre ist angenehm, gepflegt und elegant. Es gibt wenige Hotels, denn die meisten UrlauberInnen mieten hier ein Ferienhaus für ein oder zwei Monate, wenn nicht gleich für die ganze Saison. Wir sind abends schon mehrmals nach Forte dei Marmi gefahren, denn es gibt dort noch etwas ganz besonderes. Die Mole, die früher dem Verladen des Marmors gedient hat, ist 300 Meter lang und der perfekte Platz für einen kitschigen Sonnenuntergang. Und es ist der Platz, von dem aus man die Berge am besten sehen kann!

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Wie so oft im Leben, sieht man das, in dem man mittendrin steckt, nicht wirklich, sondern man muss einen Schritt heraus machen, um den Überblick zu bekommen. Wir wohnen mitten in den Apuanischen Alpen, aber hier im Tal sehen wir die prachtvollen Gipfel gar nicht. Im Abendlicht vom Meer aus erstrahlen sie in ihrer vollen Schönheit.

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Aber die Berge anzuschauen ist nur der halbe Genuss! Unsere ersten Eindrücke sammelten wir auf einer kleinen Wanderung durch die bewaldeten Hügel auf ca. 500 Meter Höhe. Die Bergdörfer, die dieser Weg verbindet, sind alle bewohnt und gut erschlossen. Vielleicht finden die Menschen, die hier leben, unten an der Küste Arbeit und weil hier alles so nahe beisammen ist, müssen sie ihre Dörfer nicht verlassen. Auf diesem Weg sammelten wir Kräuter und Haselnüsse und naschten von den Bergfeigen und Brombeeren. In dieser Woche haben wir eine erste größere Wanderung gemacht. Es geht steil hinauf von dem kleinen Bergdorf Stazzema auf 450 Meter Seehöhe bis zum schroffen Kalkgestein. Belohnt wird der mühsame Aufstieg aber schon unterwegs auf einem wunderschönen Weg zuerst durch Kastanienwälder mit üppiger Vegetation, vorbei an sprudelnden Quellen und oberhalb der Baumgrenze mit unbeschreiblich schönen Ausblicken. Unser Gipfel an jenem Tag war „nur“ 1149 Meter hoch und doch bist du inmitten einer fantastischen Bergwelt – mit Blick zum Meer. Zum Strand von Forte dei Marmi sind es genau 13 Kilometer Luftlinie. Einfach paradiesisch und irgendwie kaum zu beschreiben. Einfach ein Glücksmoment!

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Am Tag darauf, als Ausgleich für die Strapazen, haben wir einen genüsslichen Abendspaziergang am Strand gemacht. Neben der Mole von Forte dei Marmi ist eine schmaler, freier Zugang zum Meer und so sind wir entlang der Reihen der Schirme und Liegen auf der einen Seite und den aufschäumenden Wellen auf der anderen dem Sonnenuntergang entgegen gewandert – natürlich mit Blick auf die Berge!

Che bello!
Sigrid

Arrivato in Italia

Arrivato in Italia

Ciao!

Ich sitze gerade vor unserem Häuschen in einem Tal der Apuanischen Alpen, nicht weit von der Costa Versilia. Über mir azurblauer Himmel, hinter mir ein rauschender Bergbach, neben mir die Nachbarin, die ihr junges Kätzchen ruft, vor mir das kleine Sträßchen, das hinaufführt in die Berge. Jedes Mal wenn ein Auto vorbeifährt, was zum Glück nicht ganz oft ist, wird gehupt, da die Straße so schmal ist und gleich nach unserem Haus eine Kurve kommt. Wir sind nun den dritten Tag hier, haben unsere ersten Erkundigungsfahrten gemacht und fühlen uns in Italien gleich wieder zuhause.

Die Anreise sind wir sehr gemütlich angegangen, diesmal zwar mit dem Auto, aber trotzdem nach dem Motto „Slow travel“. Die erste Etappe führte uns in die Colli Euganee in der Nähe von Padua. Ebenso wie das Haus hier, haben wir das Bed and Breakfast für die eine Nacht dort, über Airbnb gefunden. Wir kamen am frühen Nachmittag an und wurden von unsrer freundlichen Gastgeberin Giulia schon erwartet. Ein altes, sehr schön renoviertes Haus, ein gepflegter Garten und eine absolut ruhige Lage sorgten gleich für Erholung. Nach einer Siesta unternahmen wir als Ausgleich zum langen Sitzen im Auto eine kleine Wanderung. Direkt vom Haus weg führte der Weg „Cammino di Sant‘ Antonio“ durch einen Wald und vorbei an Olivengärten hinunter ins Dorf Pianzio. Eine Ansammlung von ein paar Häusern, eine Villa, eine Azienda Agricola, alte Frauen, die vor ihren Häusern ein Nachmittagsschwätzchen hielten, ein paar streunende Katzen und das wars. Nein, noch ein Feigenbaum mit köstlichen Früchten, damit wir gestärkt den Weg zurück hinauf antreten konnten. Wieder oben angekommen, waren wir hungrig genug für ein ausgiebiges Abendessen. Ein Ristorante noch weiter oben am Monte Rua lud uns mit seiner tollen Aussicht ein. So saßen wir dann bei gutem Wein und Essen mit herrlichem Blick über die Colli Euganee, über denen gerade die Sonne unterging, und ließen den Tag zufrieden ausklingen. Nach einem guten Frühstück und interessanten Gesprächen mit der Gastgeberin Giulia, verabschiedeten wir uns, um unseren Weg weiter fortzusetzen.

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Wir entschlossen uns, bis Bologna auf der Autobahn zu fahren und ab da dann den Weg über die Berge zu nehmen. Für ein langsames Ankommen war es die richtige Wahl, denn es war eine wunderschöne Strecke und so gut wie kein Verkehr. Ein paar kleine, beschauliche Orte unterwegs und ansonsten nur Natur. Wir haben nur viel länger gebraucht als wir dachten, da die Straße eigentlich nur aus Kurven bestand. Ich glaube, ich bin noch nie so viele Kurven gefahren, wie auf diesen doch immerhin ca. 100 Kilometern. Nach einem Anruf bei Susanna, unserer nächsten Gastgeberin, konnten wir uns weiter Zeit lassen. Es sei kein Problem, wenn wir später kämen. So konnten wir an besonders schönen Orten immer wieder anhalten, den Ausblick genießen und Bella Italia begrüßen.

DSCF5392Hier angekommen, haben uns dann Susanna und ihre Mutter begrüßt, die ganz in der Nähe wohnen. Wir haben unser Häuschen bezogen und uns danach gleich nochmal auf den Weg gemacht, um das nächstgelegene Städtchen zu erkunden. Seravezza hat seinen Namen von den beiden Flüssen Sera und Vezza, die hier zusammenfließen. Eine kleine toskanische Stadt, die den Einheimischen gehört – es gibt kaum TouristInnen – mit italienischem Flair, wie wir ihn lieben. Eine Bar, ein kleines Alimentari mit toskanischen Spezialitäten und Weinfässern, wo man sich den Wein in Flaschen abfüllen kann, ein Ristorante, in dem wir außergewöhnlich gut gespeist haben, ein Supermercato, eine Apotheke, … alles da, was wir brauchen. In der Hauptstraße gibt es einmal in der Woche Markt, die Piazza ist belebt und vor den Kirchstufen kann man abends in einer kleinen Kantine bei einem Glas Wein sitzen und bekommt dazu Wurst und Käse serviert. Als wir das zweite Mal dort waren, wurden wir schon angesprochen, wo wir denn her seien und was wir machen. So kamen wir gleich auf unsere Straßenkunst zu sprechen und Facebook hat sich schon bewährt, denn da konnten sie gleich nachschauen. Sie waren sehr interessiert, denn sie organisieren einmal im Jahr ein Kunstevent, bei dem einheimische KünstlerInnen auf den Straßen und Plätzen der Stadt performen. Mit herzlichem Händedruck und namentlichem Vorstellen verabschiedeten wir uns dann für diesen Abend, aber wir werden mit den Leuten dort sicher noch öfter ins Gespräch kommen.

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Von Seravezza müssen wir ein paar Kilometer taleinwärts fahren bis zu unserem Häuschen, das schon in den Apuanischen Alpen liegt. Ein Wanderweg geht direkt bei unserem Haus los, und das Wandern haben wir uns hier ja auch vorgenommen. So bin ich schon gespannt auf die Entdeckungen in diesem Teil der Toskana, den wir noch nicht so gut kennen. Es ist jedenfalls eine untypische Toskana, so viel ist jetzt schon klar.

Cari saluti d’Italia,

Andrea

Berlin klingt nach …

Berlin klingt nach …

Nun sind wir zwar schon eine Woche zuhause und genießen wieder das Landleben, aber ich muss diesmal doch noch von Berlin berichten – von unserem letzten Abend da und von den Begegnungen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

Also, wir hatten die Idee, wenn wir schon in Berlin sind, die Zeit auch fürs Kontakteknüpfen zu nützen. Ich habe ja schon in meinem ersten Berlin-Artikel erwähnt, dass das Buch „Die Straßensängerin“ eine Inspirationsquelle für unseren Weg war. Nun wussten wir, dass die Autorin dieses Buches, Traude Bührmann, in Berlin lebt und beim Verlag Krug und Schadenberg, ebenfalls mit Sitz in Berlin, als eine der Autorinnen geführt wird. So nahmen wir mit dem Verlag unter dem Motto „Wie Bücher weiterwirken …“ Kontakt auf. Ein anderes Buch, von diesem Verlag herausgegeben, war nämlich der Anlass, dass wir begannen, uns mit Herrendarstellerinnen zu beschäftigen und jetzt auch als solche auftreten: „Die Muschelöffnerin“ von Sarah Waters. Das und unsere Geschichte erzählten wir also kurz in einer Mail und baten darum, den Kontakt zu Frau Bührmann herzustellen. DSCF4961Unser Wunsch, Traude Bührmann persönlich kennenzulernen, ging in Erfüllung. Mehr als das, die beiden Verlegerinnen waren von unserer Geschichte so begeistert, dass sie diese gleich auf ihre Website stellten. Und Traude Bührmann trafen wir insgesamt gleich drei Mal. Sie kam zu einem unserer Auftritte auf dem Hackeschen Markt und interessierte sich sehr dafür, wie es im Moment um die Straßenkunst bestellt ist. Da sie auch Stadtführerin in Berlin ist, kamen wir in den Genuss, eine ganz private Führung zu erhalten. Das Ziel war das Tempelhofer Feld, ehemaliger Flughafen von Berlin. Nach der Stilllegung des Flughafens, haben die BürgerInnen von Berlin per Volksentscheid durchgesetzt, dass dieses Gelände nicht verbaut, sondern als Freizeitareal genutzt wird. Und das wird es, und wie! Radfahren, Skaten, Drachensteigen, Gärtnern, Grillen, Chillen, … – vor allem am Wochenende finden sich hier unzählige Menschen ein und beleben das weite, freie Feld. „Dieser Volksentscheid zeigt, dass wir wirklich etwas bewirken können“, erzählt Traude Bührmann stolz, denn er hat sich gegen massiven Widerstand von der Stadtregierung durchgesetzt.

DSCF4954Als wir dort sind, haben wir noch eine andere interessante Begegnung. Wir kommen an einem Stand mit jungen Menschen vorbei, von denen wir angesprochen werden. Sie seien TänzerInnen und für ein Projekt würden sie Briefe an den Tanz sammeln, ob wir bereit wären etwas zu schreiben. Wenn das kein Zufall ist – eine Autorin und zwei Tänzerinnen schreiben also jeweils einen Brief an den Tanz. Als „Danke“ erhalten wir bereits die Eintrittskarten zu der Performance, in die diese Briefe einfließen werden. Wäre ein schöner Grund, um wieder nach Berlin zu kommen. Aber dass wir wieder kommen müssen, ist nach dem letzten Abend sowieso klar.

wft-imagekarte4-page-001Der zweite Kontakt, den wir geknüpft haben, ist mit Women Fair Travel. Die Frau dahinter ist Evelyn Bader, die schon lange Reisen für Frauen veranstaltet. Auch sie hatte sofort Interesse daran, uns kennenzulernen. Schon die erste Begegnung war von gegenseitigem Wohlwollen geprägt und mittlerweile ist daraus eine Kooperation geworden. Women Fair Travel veranstaltet über Silvester eine Tangoreise nach Umbrien (wo wir ein Jahr gelebt haben!) und wir leiten die Tango-Workshops. Bei einem unserer Treffen mit Evelyn entstand dann auch die Idee, an einem Abend bei ihnen in der Straße aufzutreten. Und das war an unserem letzten Abend in Berlin. Nach einem verregneten Vormittag, begann es nachmittags aufzureißen, um einem Sommerabend, wie man ihn sich nur wünschen kann, Platz zu machen. Die Crellestraße, in der das Büro von Women Fair Travel liegt, öffnet sich ein paar Schritte von diesem entfernt, zu einem kleinen Platz. Der Platz ist von einigen Lokalen mit Tischen im Freien umgeben und hat ein bisschen französisches Flair. Dort traten wir also in der Abendsonne auf und füllten den Platz mit Tangomusik. Wir hatten begeistertes Publikum von kleinen Kindern bis zu TangotänzerInnen, vielen Frauen – Freundinnen von Evelyn, darunter auch Traude Bührmann, bis zu einem Zuseher, der uns im Nachhinein ein Video und Fotos von dem Auftritt geschickt hat. Der „l’ultimo Tango“ in Berlin hätte nicht schöner sein können. Mit Evelyn, Traude und deren Freundinnen sind wir dann noch in einem der Lokale bis spät nachts zusammen gesessen, bei gutem Essen, gutem Wein und anregenden Gesprächen.

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So fiel uns der Abschied von Berlin nicht ganz leicht. Aber dieser Abend und die Begegnungen wirken weiter. Bis hierher ins Südburgenland – ich sitze, während ich das schreibe, an einem ebenso schönen Sommerabend auf unserer Terrasse und lasse unseren Berlinaufenthalt mit großer Dankbarkeit nachklingen …

Andrea

Von hier aus …

Von hier aus …

„Von hier aus“ ist der Titel einer Ausstellung, die im Oktober hier im Südburgenland eröffnet wird. Bildende KünstlerInnen, die mit der Region „Dreiländereck“ verbunden sind, präsentieren ihre Arbeiten und die Schau geht auch gesellschaftspolitischen Fragen nach, die sich „in einer Zeit, in der alte Grenzen wieder neu errichtet werden“, aufdrängen.

Wir leben seit mehr als zehn Jahren in diesem Dreiländereck von Österreich, Ungarn und Slowenien und brechen „von hier aus“ mit unserer Straßenkunst und unseren Workshops immer wieder auf. Das Leben hier am äußersten Rand von Österreich, in einer wirtschaftlich und derzeit zumindest noch politisch unbedeutenden Gegend, läuft viel ruhiger  als anderswo. Wir genießen die Ruhe und die Entschleunigung, die der Alltag hier bietet. Hier können wir vor und nach einer Reise auftanken, die Arbeiten im Haus und im Garten helfen, den Kopf frei zu bekommen und hier ist auch ein guter Platz, um neue Konzepte oder neue acts zu entwickeln. So machen wir als darstellende Künstlerinnen wohl ähnliche Erfahrungen wie die oben genannten bildenden KünstlerInnen.  Es ist also kein Zufall, dass zahlreiche KünstlerInnen sich in dieser Gegend niedergelassen haben, viele davon – so wie auch wir – ein altes Bauernhaus revitalisiert haben und nun ständig oder zeitweise hier leben. Dieses Nebeneinander und Miteinander von „Einheimischen“ und sogenannten „Zua’groasten“ ist hier alltäglich und wir selbst haben es vom ersten Tag an sehr geschätzt, wie offen die Menschen hier waren und wie freundlich wir als neue Nachbarinnen aufgenommen wurden.

All diese Qualitäten – die Ruhe und Entschleunigung, die Offenheit und die bunte Mischung der BewohnerInnen – machen das Südburgenland aber auch zu einem beliebten Urlaubsziel. Dazu trägt natürlich auch die Landschaft mit ihren sanften Hügeln, mit Streuobstgärten, kleinen Wäldern und Wiesen, bei. Auf einem dieser Hügel befindet sich Das Eisenberg, ein Hotel mit eben dieser freundlichen Atmosphäre. Der Slogan des Hotels beschreibt das, was das Südburgenland auszeichnet, äußerst treffend: spektakulär unspektakulär! Wer hierher kommt, sucht nicht „Action“ sondern Zeit, um in der Natur, bei sich selbst und den eigenen Lieblingsbeschäftigungen oder bei anderen Menschen anzukommen. Klingt das nicht verlockend?

Ich weiß es auf jeden Fall zu schätzen, dass wir nicht nur auf unseren Reisen als Straßenkünstlerinnen – wie letztes Jahr am Gardasee – an schöne Orte kommen, um dort zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, sondern dass wir auch an einem solchen Ort leben! Nun aber ist es wieder an der Zeit „von hier aus“ aufzubrechen. Diesmal freuen wir uns darauf, das ruhige Landleben gegen die bunte, spannende und coole Stadt Berlin auszutauschen!

Bis bald – aus Berlin …

Sigrid

 

 

Wieder in Wien …

Wieder in Wien …

Servas die Madln, servas die Buam!

Seit zwei Wochen sind wir nun schon in Wien. Wir genießen das Stadtleben, lassen uns bei unseren Streifzügen einfach treiben und sind dabei schon auf viele unbekannte und äußerst nette Plätzchen gestoßen. Eigentlich meinte ich, den 1. Bezirk schon gut zu kennen, aber jetzt waren wir in versteckten Winkeln und kleinen Gässchen, die ich noch nie gesehen habe. Abends machen wir es wie viele WienerInnen und flanieren über den Donaukanal, lagern uns im wirklich schönen Innenhof des MQ oder sitzen mit einem Ottakringer in einem Schanigarten. Aber, wie ihr schon an der Begrüßung merkt, das wirklich Neue ist, dass wir diesmal sozusagen in „Ur-Wien“ gelandet sind, denn wir wohnen mitten in Favoriten. Hier leben enorm viele Menschen und es sind Menschen aus der ganzen Welt auf engem Raum beisammen.

14272709639_33bbe848a0_bIn der Fußgängerzone der Favoritenstraße sind den ganzen Tag über sehr viele Leute unterwegs, die Bänke des Reumannplatzes sind fast immer besetzt und man hört Wienerisch im Originalton genauso wie alle möglichen anderen Sprachen. Eine Werbung in der U-Bahn trifft es ganz gut: Mein Leben spricht viele Sprachen, mein Herz spricht Wienerisch. Gleich ums Eck gibt es den Viktor-Adler-Markt, der ebenfalls diese Mischung widerspiegelt, denn Händler mit anderen Muttersprachen schreien hier mit den sprichwörtlichen Wiener Marktfrauen um die Wette und alle preisen lautstark ihre Waren an. So einen lebendigen, bunten Markt habe ich zuletzt in Sizilien erlebt! Wie es hier in Favoriten so zugeht haben wir auch in der Apotheke erlebt, und für die Angestellten dort ist das Multi-Kulti-Leben sicher nicht immer ganz einfach: ein Mann schreit im besten Wienerisch in sein Handy: „Na hearst, auf da e-card, de Numma brauch i!“ und gleich daneben hebt ein anderer Mann sein Knie, zeigt darauf und sagt: „Da, weh!“ …

Wir wohnen diesmal übrigens in der netten, kleinen Altbauwohnung einer Freundin und fühlen uns total wohl hier. Auch eine typisch wienerische Sache, es ist eine „Kuchl-Zimmer-Wohnung“ mit dem WC auf dem Gang. Also nur ein kleiner Unterschied zu unserer Wohnung daheim – da ist halt die Dusche im Freien. Wir haben hier alles, was wir brauchen und die Wohnung ist total gemütlich. Aber uns ist klar, dass so eine Wohnung in dieser Gegend üblicherweise wohl von einer ganzen Familie bewohnt wird und auch deshalb so viele Menschen auf der Straße sind. Direkt im Nebenhaus ist übrigens der berühmte Eissalon Tichy und da strömen Tag und Nacht die Massen hin – leider auch mit dem Auto und mit lautstarken Motorrädern. Wir haben das Eis natürlich gleich einmal verkostet – ist ja fein direkt vor der Haustüre. Leider schmeckt es nicht besonders gut und es bestätigt sich wiedermal, dass das, was Menschenmassen anzieht, oft nicht viel mit Qualität zu tun hat. Aber für unser Geldbörserl ist es ja ganz gut so – wäre das Eis gut, dann würden wir wahrscheinlich täglich eines vernaschen.

Nun fragt ihr euch wahrscheinlich schon, was mit dem Tanzen ist. Tatsächlich sind wir aus mehreren Gründen bisher noch nicht oft aufgetreten, aber davon im nächsten Bericht.

Also, servas!

Sigrid

La Dolce Vita am Gardasee

La Dolce Vita am Gardasee

Salve!

Gerade hat es zu regnen aufgehört und ich schreibe meinen Bericht in „unserer“ Bar auf der Piazza. Andrea liest ein Buch, wir erwarten unseren Cafe und ich erzähle eine kleine Begebenheit, die zeigt, woran wir merken, dass wir in das Leben hier eingetaucht sind: Beim dritten Mal an der kleinen Tankstelle hier im Ort gibt mir Constantin, der Tankwart, Lose für die wöchentliche Verlosung einer Traumreise. Ich brauche sie nur auszufüllen und in die Box werfen; schade, dieses Wochenende kehren wir zurück nach Österreich … aber eigentlich sind wir ja mitten in unserer Traumreise!

Gestern zum Beispiel, das Wetter war unbeständig und wir waren unsicher, ob wir beim Auftritt nicht von einem Regen überrascht werden würden, haben wir uns frei gegeben und erstmals hier einen Abend für uns am See verbracht. Wir sind nach Desenzano gefahren und sind dort in der kleinen Altstadt und am Hafen herumgebummelt. Der Ort ist wirklich sehr schön und angenehm ruhig. Es ist ja ein wenig grotesk, dass wir für unsere Auftritte die übervollen Touristenorte auf der Ostküste brauchen, weil dort genügend Menschen unterwegs sind, dass uns selbst aber diese Orte mit ihren Kitschläden und dem Massenauflauf gar nicht gefallen. In Desenzano sind nur wenige TouristInnen unterwegs, an der Seepromenade stehen einige schöne alte Hotels im Jugendstil und die Geschäfte sind klein und stilvoll. Es gibt hier, wie auch schon in Brescia, wunderschöne Boutiquen, die für sich schon sehenswert sind. Und wie überall in Italien ist die Mode, die sie darin verkaufen, einfach großartig! Diesmal interessieren wir uns ja auch für Männermode – so tolle Hemden und Krawatten für unsere Aufritte werden wir in Österreich nur schwer finden. Zum Abschluss dieses freien Abends beschließen wir, in die kleine Bar zu gehen, neben der wir schon zweimal getanzt haben, und deren BesitzerInnen uns beim ersten Mal so nett bewirtet haben, um diesmal etwas zu konsumieren. Wir trinken köstlichen Rotwein und lassen den Blick über die Piazza schweifen. Wie so oft in den Tagen hier kommt mir unser Leben beinah unwirklich vor. Eigentlich ist es schon frech, wie gut wir es uns gehen lassen. Nach einiger Zeit kommt die Besitzerin und bringt uns zwei Stückchen einer selbstgemachten Tarte (köstlich, mit Tomaten und Melanzani, der passende Begleiter für unseren Wein!). Und als ich dann zahlen möchte, lehnt sie vehement ab: nein, wir sind eingeladen! Ich erwidere, dass wir doch den Wein bezahlen wollen, aber ich habe keine Chance. Wir sind wirklich gerührt von dieser Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Und wir wissen: wir sind reichlich beschenkt!!!

So werden wir viele Eindrücke und Erfahrungen mitnehmen, wenn wir uns am Sonntag auf den Heimweg machen. Neben der genussvollen Zeit in Italien (vom köstlichen Essen hier haben wir gar nie geschrieben, aber es ist ohnehin klar, dass wir diesbezüglich im Paradies gelandet sind) haben wir hier viel ausprobiert und gelernt für unsere Arbeit. Und wir sind schon gespannt darauf, wie es sein wird, wenn wir versuchen, manches davon im Juli in Wien umzusetzen. Davor aber freuen wir uns auf die letzten Auftritte hier – bis Freitag möchten wir noch einmal in den Orten auftreten, an denen es uns am besten gefallen hat.

Cari saluti,

Sigrid