Gesucht: Der schönste Platz der Welt

Gesucht: Der schönste Platz der Welt

Ist dir auch schon einmal passiert, dass du dich beim Lesen eines Romans mit der Aussage einer Person völlig identifizieren konntest? Und das, obwohl du genau wusstest, dass die Romanfigur mit ihren Worten nicht über das spricht, was du als Bild im Kopf hast? Nun, mir ist es kürzlich so ergangen, als Maria, eine der Hauptfiguren in Unberechenbare Geometrie der Liebe während eines Spazierganges durch Rom auf ihrem Lieblingsplatz ankommt. Es war ein eigenartiges Gefühl diese Worte zu lesen, denn ich würde dieselben Worte verwenden, um meinen Lieblingsplatz zu beschreiben, und der liegt nicht in Rom! Wie können zwei verschiedene Plätze mit den gleichen Worten beschrieben werden? Wie kann es sein, dass eine andere Person (ich nehme einmal an, dass die Autorin Susanna Guzner hier ihre Gefühle und Gewohnheiten auf die Romanfigur übertragen hat) sich beim Betreten ihres Lieblingsplatzes fast gleich verhält wie ich es tue? Und, so fragte ich mich weiter, kann es sein, dass andere Menschen bei diesen Worten ebenfalls im Kopf zu ihrem Lieblingsplatz reisen? Nun, der Textausschnitt lautet:

Als wir rechts abbogen, kamen wir auf die Piazza Navona. Abrupt unterbrach ich meine Erzählung. Die Piazza Navona gefällt mir von allen Plätzen dieser Welt am besten. Ihre aristokratische Ausstrahlung, ihre Weitläufigkeit und ihre Proportionen beeindrucken mich immer wieder aufs Neue. Jedes Mal, wenn ich hierher komme, lege ich eine Schweigeminute ein, um ihrer Schönheit Respekt zu zollen. Eva war ebenfalls verstummt, vielleicht weil sie spürte, wie bewegt ich war … Gemächlich schlenderten wir über die Piazza und bewunderten die Architektur. Wie immer bevölkerten Schwärme von Touristen den Platz, um die wir einen regelrechten Slalom laufen mussten. …

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Für mich ist es die perfekte Beschreibung meines Verhaltens, wenn ich den Il Campo in Siena betrete. Und für dich? Denkst du an einen anderen Platz in einer Stadt irgendwo auf dieser Welt?

Wenn ja, dann lass es mich bitte wissen! Ist diese Suche erfolgreich und verraten mir viele Leserinnen und Lesern, welcher Platz für sie der Schönste Platz der Welt ist, gibt es einen weiteren Blogartikel, ich dem ich all diese Städte mit ihren Plätzen vereinen werde. Ich bin schon gespannt, wohin wir alle in Gedanken reisen werden, angeregt durch ein und denselben Text!

Sigrid

 

Gibt es Tango – Weihnachtsmusik?

Gibt es Tango – Weihnachtsmusik?

In vielen Genres gibt es eigene Musikstücke für Weihnachten, die meist schon Tage und Wochen vor dem Fest erklingen. Ich denke an weihnachtliche Gospels oder traditionelle Volkslieder, alte Madrigale oder die Weihnachtshits der Rock- und Popmusik. Letztere werden in unseren Breiten bekanntlich in Geschäften und Lokalen und sämtlichen Radiosendern so häufig gespielt, dass man sie am liebsten gar nicht mehr hören möchte – oder wie steht es mit deiner Vorliebe für Last Christmas … ? Während ich das schreibe fällt mir übrigens auf, dass ich diesen Song heuer noch gar nicht gehört habe – dieses Glück hatte ich bisher nur einmal, nämlich vor drei Jahren, als wir ab Mitte November in Buenos Aires waren und dort eine gänzlich andere Advent- und Weihnachtsstimmung erlebten. Und Buenos Aires ist auch schon das Stichwort für die Frage, die diesem Artikel zugrunde liegt: Gibt es auch im Genre Tango eigene Musikstücke für die Weihnachtszeit?

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Nun, ich habe bisher keinen Tango gehört, in dem die Worte felicidas festas oder navidad vorgekommen wären, würde mich aber nicht getrauen, deshalb diese Frage mit hundertprozentiger Sicherheit zu verneinen, denn so sehr ich Tangomusik liebe und mittlerweile schon viele Stücke kenne, so ist die Welt der Tangomusik zu groß, um alles kennen zu können. Bei genauerem Nachdenken, Hinhören und Hineinlesen in die Texte fällt mir aber ein ganz wesentlicher Aspekt auf, der bei vielen Tangos auftaucht und der doch ganz nahe an die modernen Weihnachtslieder aus Pop und Rock kommt: Im Tango geht es um die „großen Gefühle“ – um Liebe, Sehnsucht, Schmerz, Verlassen werden, Liebeskummer, …

Der Text von Last Christmas wäre da nicht unpassend:
Last Christmas, I gave you my heart
But the very next day, you gave it away
This year, to save me from tears
I’ll give it to someone special

So weit, so gut. Aber mir geht es ja um den Tango, also auch um die Tangotexte. Die Texte sind eigentlich Gedichte, die älteren davon im Dialekt Lunfardo, der in den Hafenvierteln von Buenos Aires gesprochen wurde. Aber auch die Texte auf Spanisch sind oft schwer zu übersetzen, will man nicht nur die Worte, sondern die Stimmung vermitteln. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Begegnung mit einem alten Herrn in Buenos Aires. Wir waren zum Tanzen ausgegangen und saßen neben ihm. Lange Zeit tanzte er nicht, sondern sang die jeweiligen Tangos mit. Er fragte dann, ob uns die Texte auch so gut gefallen und war ganz verwundert, dass wir sie ja gar nicht verstehen, weil wir die Sprache nicht so gut beherrschen. Erstaunt frage er, wie wir dennoch den Tango lieben können. Für ihn gehörten Musik und Text untrennbar zusammen und erst in jenen Tagen, als er schon über 70 Jahre alt war, lernte er das Tangotanzen. Seine Frage hat mich veranlasst, immer wieder Übersetzungen anzuschauen und so in die Welt der Tangotexte einzutauchen.

Manchmal erlebe ich dabei eine ziemliche Überraschung, zum Beispiel bei dem Tango Vida mia: Die Melodie klingt romantisch, beim Zuhören und Tanzen habe ich das Gefühl nicht nur Sehnsucht und Liebe sondern auch Geborgenheit, Nähe und Erfüllung zu spüren. Der Blick auf den Text enthüllt aber einen Tango über die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen und über den Schmerz, die Trennung, die Einsamkeit:

Mein Leben
Aus der Ferne liebe ich dich mehr.
Mein Leben, denk an meine Rückkehr.
Ich weiß, dass man für Gold deine Küsse nicht haben kann …
Und ich wünsche mir, dich zu halten
An meine Seite gebunden
Und so zu ersticken
Meine Einsamkeit.

Und da bin ich, fast möchte ich sagen „leider“, schon wieder bei Last Christmas, einem romantisch-schmalzigen Ohrwurm über eine unglückliche Liebe …

Tangotexte erzählen zwar häufig, aber doch nicht ausschließlich von enttäuschter Liebe. Die Sehnsucht, die Hoffnung und Erwartung wird immer neu besungen und durch die Musik verstärkt. So etwa bei einem der ganz berühmten Tangos, der in den Goldenen Jahren von Carlos Gardel gesungen wurde und seither sozusagen „sein Tango“ geworden ist:2127081511_1cb5e6b1be_o

El Dia que me quieras / Der Tag an dem du mich liebst

Am Tag, an dem du mich liebst
Wird die Rose sich schmücken
Und sich feierlich kleiden in den schönsten Farben.
Und Glockenläuten zum Wind
Um zu sagen, dass du nun mir gehörst …

Am Tag, an dem du mich liebst,
Wird es nichts als Glück geben. …
Das Leben wird blühen
Und es wird kein Leid mehr geben.

Mit einem Text, der in ganz anderer Weise über die Sehnsucht nach Liebe spricht, beschäftigen wir uns derzeit intensiv beim Erarbeiten eines neuen wo/men tango acts. Der Text der Balada para un loco zur Musik von Astor Piazzolla stammt von Horacio Ferrer, einem der ganz großen Tangodichter. Die Sehnsucht nach Liebe kann uns ja wirklich manchmal verrückt werden lassen …

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe, so dass wir die verrückte Magie des Lebens
noch mal versuchen werden …

So komme ich zur Erkenntnis, dass es keinen Weihnachtstango braucht, um einzutauchen in die Sehnsucht nach Liebe und die Magie des Lebens, von der viele gerade in diesen Tagen träumen. Denn eigentlich geht es dabei ja nicht um Weihnachten, um diese wenigen Tage im Jahr, die manchmal gar so überhäuft sind mit Sentimentalität. Es geht um unsere Sehnsucht als Menschen, zu lieben und geliebt zu werden, an jedem Tag des Jahres. Und davon erzählen viele Tangotexte – egal, wann wir sie hören.

Sigrid

 

PS.: Wie wir Weihnachten 2013 in Buenos Aires erlebt haben, kannst du in diesen beiden Artikeln nachlesen!

Feliz Navidad und Weihnachtsparty

Ich lebe meinen Traum

Ich lebe meinen Traum

Ich habe einen Traum: Menschen beginnen, ihre Träume ernst zu nehmen und sie zu verwirklichen. Sie hören auf, ein Leben zu führen, von dem sie glauben, es führen zu müssen. Ich habe einen Traum: Menschen erkennen, welche besonderen Talente und Fähigkeiten in ihnen schlummern, und setzen diese ein – nicht nur in ihrer Freizeit, sondern auch in ihrer Arbeit. Ich habe einen Traum: Wir erkennen den Wert der Vielfalt und streben danach, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem wir unsere Stärken einsetzen und unsere ganz individuellen Träume verwirklichen. Darin liegt für mich die Zukunft unserer Gesellschaft und die der Arbeit. Sie haben die Wahl! Glauben Sie daran.

dscf6016Ich sitze gerade in unserer gemütlichen Stube mit Blick in die südburgenländische Winterlandschaft und sinniere über diese Aussage von Sabine Varetzka-Pekarz nach. Sie ist eine der MitbegründerInnen von SMARTWORK, eine Initiative zur Gestaltung der Zukunft der Arbeit. In der Oktoberausgabe des MEGAPHON gibt sie auf die Fragen Welche Wege gehen wir? Welche Taten setzen wir? oben genannte Antwort. Ich fühle mich sogleich sehr angesprochen und stimme ihr voll und ganz zu, weil ich das aus eigener Erfahrung sagen kann. Vor drei Jahren habe ich gemeinsam mit meiner Partnerin begonnen, so einen Traum zu verwirklichen, nämlich unsere bis dahin als Hobby betriebene Leidenschaft Tango tanzen zu unserem Beruf zu machen. Wir haben beide unsere Jobs als Lehrerinnen gekündigt, um diesem Traum zu folgen. Von manchen Menschen haben wir Unverständnis gespürt, viele haben uns aber auch bewundert und gemeint, wir seien mutig. Ich weiß nicht, ob in einem Sozialstaat wie Österreich, in dem man im Falle des Falles immer abgesichert ist, wirklich Mut nötig ist, um so einen Schritt zu setzen. Ich würde eher sagen, es erfordert Flexibilität und die Bereitschaft, sein Leben zu ändern. Das haben wir sicherlich getan. Wir haben uns von vielen materiellen Dingen getrennt und kommen mit wenig Geld aus, ohne dass uns etwas abgeht. Wir haben Sicherheiten und ein Leben, das nur auf die Zukunft ausgerichtet ist, aufgegeben und können so das Hier-und-Jetzt mehr genießen. Unser Luxus ist: das, was wir leidenschaftlich gern tun, beruflich zu tun. So gehört es jetzt zu unserem Alltag, jeden Vormittag eine Stunde Yoga für die körperliche Fitness und zwei Stunden Tanztraining zu machen. Ein Bekannter hat eines Tages, als er das mitbekommen hatte, gefragt, ob es nicht eine Überwindung sei, so konsequent zu trainieren. Aber zu etwas, das ich liebe, brauche ich mich nicht überwinden. Beim Tanzen gibt es immer wieder diese Flow-Momente, in denen ich alles um mich herum vergessen kann, nur die Musik und die Bewegung unserer Körper sind im Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei auch zu entdecken, welche Fähigkeiten in einer schlummern, ist ein Geschenk. Fähigkeiten und Talente, die in der Kindheit schon da waren, dann aber im Laufe des Lebens in Vergessenheit gerieten, wieder wach zu rufen, bringt einige Aha-Erlebnisse und Überraschungen. Wenn mir vor vier, fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich in Wien in der Kärntnerstraße, in Berlin am Hackeschen Markt, in Graz am Hauptplatz und auf italienischen Flaniermeilen als Straßenkünstlerin Tango tanzen werde, hätte ich ihn/sie für verrückt erklärt und gemeint, dass ich mich das nie im Leben trauen würde. Jetzt ist es so, dass es uns geradezu dazu drängt vor Publikum aufzutreten und das, was wir können, zu zeigen. Es ist natürlich mit Aufregung, manchmal auch mit Lampenfieber, verbunden, aber es zu lassen, kommt nicht in Frage. Get out of your comfort zone and be amazing hat eine liebe Bekannte, die Yoga unterrichtet und mit der wir gemeinsam einen Workshop machen, als Leitspruch auf einer ihrer Karten. Fähigkeiten und Talente wollen gezeigt werden, nur dann wird man immer besser, kann über sich hinauswachsen und etwas Schönes in die Welt bringen, das zur Vielfalt beiträgt.

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Zu oben genanntem Traum gehört auch, so weit wie möglich ein selbstbestimmtes Leben zu leben. Nun, ich habe mich vor ein bisschen mehr als einem Jahr als Künstlerin selbstständig gemacht. Eine ganz neue Erfahrung für mich! Natürlich gibt es keine finanziellen Sicherheiten, aber dafür den Freiraum, seine Zeit größtenteils selbstbestimmt zu gestalten. Das beginnt beim Tagesablauf. Man legt selbst einen Tagesrhythmus fest: wie schon erwähnt, eine Stunde Yoga, ca. zwei Stunden Tanztraining, ausreichend Zeit für kochen und Mittagessen, nachmittags Büroarbeit, netzwerken, Termine wahrnehmen, … , abends und wochenends (nicht immer) auftreten oder unterrichten. Und dasselbe gilt auch für die Planung eines größeren Zeitraumes: Wie wollen wir uns künstlerisch entwickeln? Wo wollen wir auftreten, wo Workshops anbieten? Wohin wollen wir reisen? Wo wollen wir uns beteiligen? Mit wem möchten wir Kooperationen eingehen? Wie betreiben wir Werbung? Es sind viele Entscheidungen zu treffen, aber wir bestimmen, was wir wann und wo tun. Wir sind für uns selbst verantwortlich. Was wir in diesem ersten Jahr ein bisschen übersehen haben, ist, auch Erholung einzuplanen. In der Aufbauphase ist natürlich sehr viel zu tun, man könnte eigentlich ständig arbeiten und das Meiste an unserer Arbeit macht uns großen Spaß, trotzdem braucht es auch Erholungsphasen. Jetzt, am Ende des Jahres haben wir gemerkt, dass wir davon zu wenige eingeplant hatten, wir waren zeitweise ziemlich erschöpft. Mein Vorsatz für das nächste Jahr ist also, jeden Tag, jedes Wochenende „Urlaub“ einzuplanen, dann brauche ich keine zwei oder drei Wochen Urlaub am Stück, um mich zu erholen. Mal sehen, ob es gelingt.

Auch wenn es noch viele Unsicherheiten gibt, und ich noch nicht genau weiß, wo uns der eingeschlagene Weg hinführen wird, glaube ich an unseren Traum. Und ich genieße es jetzt schon, ihn zu leben!

Andrea

 

Tango ist Entschleunigung!

Tango ist Entschleunigung!

Es ist soweit – das Thema Tango und die Zeit ist reif für einen Blogartikel! Ein Monat ist verflogen, seit ich darüber schreiben wollte und ich könnte, ganz im Trend der Zeit, über das rasante Tempo klagen, mit dem sich unsere Gesellschaft von einem Jahr ins nächste katapultiert. Oder ich könnte das – leider oft schon abgegriffene – Wort Entschleunigung benutzen, um mich selbst und die Leserinnen und Leser dieses Artikels mit einem imaginären erhobenen Zeigefinger zu ermahnen, doch endlich … Aber genau darum geht es im Folgenden nicht! Es geht um meine Erfahrungen mit dem Tango und um einige sehr persönliche Lektionen, die er mir im Bezug auf das Tempo meines Lebens beschert hat. Und falls sich darin die eine oder der andere wiederfinden kann und ebenfalls zu buchstabieren beginnt, wie es um die Zeit steht, so freut mich das – ohne jeglichen moralischen Anspruch!

20160626_210305-1-2Nun, meine Gedanken gehen zurück zu einem Auftritt im Juni in Graz, bei dem eine gute Freundin im Publikum war, die uns danach ihre Eindrücke rückgemeldet hat. Sie hat dabei diese Formulierung „Tango ist Entschleunigung!“ verwendet und gemeint, unser Tanz ist in seiner Langsamkeit ein absoluter Kontrast zu dem, was sich sonst im öffentlichen Raum, in der Fußgängerzone und den Plätzen der Stadt, abspielt. Während um uns herum alles eher schnell, ja hektisch ist, scheinen wir von all dem entrückt zu sein. Mir war dies bis zu jenem Auftritt gar nicht bewusst und, überrascht über diese Wahrnehmung, habe ich diesem Aspekt seither Aufmerksamkeit geschenkt. Und zwar nicht nur bei unseren Auftritten, sondern generell beim Tanzen.

Da der Tango ein Improvisationstanz ist, gibt es keine fixen Abfolgen und die Tanzenden können auch frei mit dem Rhythmus und dem Tempo spielen. Es gibt kein durchzählen der Takte, sondern es können jederzeit Pausen folgen, bei denen die beiden Tanzenden in der jeweiligen Position verharren, sich selbst und sich als Paar, die Musik oder den Text spüren und erst dann wieder weitertanzen. Außerdem kann die führende Person sich in der Gestaltung des Tanzes ganz von der Musik leiten lassen und dabei einmal einem schnelleren Instrument, zum Beispiel dem Bandoneon, in seinem Lauf folgen oder die Bewegungen an ein langsameres Element, vielleicht einen langen, getragenen Part der Geigen, anpassen. Und da sind wir schon bei den Lektionen für mein Leben, die der Tango mir ermöglicht hat! Jeder Mensch hat ja sein eigenes Lebenstempo – es gibt Menschen, die alle ihre Tätigkeiten eher flott und zügig machen und solche, die alles langsam und bedächtig angehen. Letztere werden vom Lebenstempo unserer Gesellschaft häufig angetrieben und können kaum ihr persönliches Lebenstempo realisieren. Ich gehöre zu den schnellen Menschen, nicht selten zu den zu schnellen. Beim Tangotanzen habe ich als Führende deshalb lange Zeit eher auf die schnelleren Impulse in der Musik geachtet und häufig schnellere Schritte eingebaut. Aurora Lubiz, unsere Tangolehrerin in Buenos Aires, hatte das gleich gemerkt und mich immer wieder mit dem Wort pausa aufgefordert, den Tanz langsamer zu gestalten. Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, dieses langsamere Tempo im Tanz zu lieben und so wurde das Tanzen für mich zu einem Ruhepol, der sich von meinem schnellen Lebenstempo abhob. Seit drei Jahren tanzen und trainieren wir nun ja regelmäßig und sehr intensiv und siehe da – der Tango hat tatsächlich mein Leben entschleunigt! Ich genieße es, den ruhigen Instrumenten zu folgen, Pausen einzulegen, Zeit zu haben, um mich und uns als Tanzpaar wahrzunehmen und den Tanz gemeinsam entstehen zu lassen – und zwar ruhig und langsam. So ist es uns wohl gelungen, unserem Tanz diesen individuellen Ausdruck der Langsamkeit zu verleihen und diese Entschleunigung auch bei unseren Auftritten spürbar zu machen.

20160908_205020-3Denn eine weitere Rückmeldung zu unserem wo/men tango act Encuentro, die wir ebenfalls diesen Sommer erhalten haben, bezieht sich auch auf das Thema Zeit: Unser Tanz sei „wie aus der Zeit herausgefallen“ wurde uns gesagt. Nun, die Figur des Andrés blickt tatsächlich nicht auf sein Smartphone, um zu sehen wie spät es ist, sondern auf eine Taschenuhr und der Koffer, den er bei sich hat, ist Vintage. Aber die Requisiten sollen dabei nur das unterstreichen, was sich in der Geschichte abspielt – und da lassen wir unsere beiden Figuren tatsächlich aus der Realität herausfallen, so dass sie sich für einen kurzen Moment wie in Zeitlupe bewegen. Aber auch hier zeigen wir bei unserem Auftritt etwas, was zu den wesentlichen Erfahrungen zählt, die wir beim Tangotanzen immer wieder machen: Ganz im Tanz aufzugehen, Raum und Zeit zu vergessen und nur mehr im Hier und Jetzt, in der Musik und im Tanz zu sein. Tango ist Entschleunigung! Denn gerade in diesen Momenten spüre ich diese Magie des Augenblickes, die im schnellen Lebenstempo so leicht verloren geht. Und vielleicht ist diese Magie eben nicht nur für mich spürbar, sondern auch für die Menschen, die uns beim Tanz zusehen. Ja, und vielleicht springt ein klein wenig von dieser Entschleunigung auf sie über – mitten im öffentlichen Raum und im rasanten Tempo des heutigen Lebens.

Sigrid