Bühne frei in Berlin!

Bühne frei in Berlin!

„Die Straße ist ihre liebste Bühne“ betitelte Viktória Kery-Erdélyi den Artikel über uns im Magazin Die Burgenländerin. Nach drei Wochen Straßenkunst in Berlin können wir wieder einmal sagen: ja, es stimmt! Es ist einfach wunderbar, an den unterschiedlichsten Orten mitten im pulsierenden Leben einer Stadt aufzutreten. Berlin ist nach wie vor eine Stadt, in der Straßenkunst zum Stadtleben gehört, und auf Grund sehr weniger Bestimmungen einfach zu praktizieren ist. So haben wir unseren wo/men tango act  Mascarada auf zahlreichen „Bühnen“ zur Aufführung gebracht:

Mal bei der Museumsinsel – auf der Friedrichsbrücke beim Sonnenuntergang oder direkt an der Spree, wo die Menschen den Feierabend ausklingen lassen oder am Wochenende chillen, dann in der noblen Friedrichsstraße unter Arkaden mit Marmorboden, oder am betriebsamen Hackeschen Markt, wo die meisten sehr geschäftig vorüber eilen, im Gegensatz zum Breitscheidplatz, den manche zu ihrem Wohnzimmer erklärt haben. Jeder Ort bekommt dadurch sein ganz eigenes Flair und unser wo/men tango act somit immer ein anderes Bühnenbild.

Auch das Publikum und seine Reaktionen auf die dargebotene Kunst sind dadurch sehr unterschiedlich. Solche, die fasziniert stehen bleiben, sich das ganze Stück ansehen und sich danach bedanken oder sichtlich berührt sind, bis zu jenen die im Vorübereilen mit einem Lächeln reagieren, ist die Bandbreite sehr groß. Vor allem Kinder können sich auf so eine spontane Situation einlassen, tauchen ein, tanzen mit und geben auch Feedback. In der Friedrichstraße hatten wir unsere erste Drive-in-Vorstellung: vor den Arkaden, in denen wir tanzten, gibt es ein paar Plätze zum Halten für Autos. Während einer Aufführung bemerkten wir, dass ein Auto direkt vor uns hielt, die Scheiben herunterließ und ein 5 oder 6jähriges Mädchen uns vom Beifahrersitz aus fasziniert beobachtete, danach sogar ausstieg, um Geld in unseren Koffer zu geben, bevor es wieder weiter fuhr. Gleich darauf parkte an derselben Stelle wieder ein Auto sehr rasant ein, drei Frauen sprangen heraus mit der erleichterten Feststellung, dass wir noch da seien. Sie hätten von der gegenüberliegenden Straßenseite, als sie an der Ampel halten mussten, einen Blick erhascht und daraufhin beschlossen umzudrehen. Da wären sie nun und hofften, wir waren schon am Zusammenpacken, das Stück noch zu sehen. Diese Zugabe tanzten wir natürlich sehr gerne, denn diese spontanen und direkten Begegnungen sind es gerade, die die Straßenkunst so besonders machen. Diesmal hatten wir außerdem das Glück, dass es an allen Orten, an denen wir tanzten, zu ganz spontanen  Fotoshootings kam, von denen wir die Bilder zugeschickt bekamen. Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Fotograf*innen Jasmin von Löwenberg, Konstantin Thomopoulos, Silke Gahleitner, Ute Greiling, Mo Photography Berlin und Frank-Michael Arndt, deren Fotos im Folgenden Einblicke in diese drei Straßenkunstwochen geben.

Zweimal waren unsere Auftritte von einem Event begleitet. Der Beginenhof Kreuzberg veranstaltete mit uns und dem Chor der Spreediven einen „Abend voll Sehnsucht und Lebensfreude“, wie sie es betitelten.  Am Vorplatz des modernen Gebäudes tanzten wir in der Abendsonne nicht nur unseren act, sondern auch zu zwei Songs der Spreediven: Barcarolle und Sound of Silence. Den krönenden Abschluss unserer Zeit in Berlin bildete dann die Feier zum 8jährigen Jubiläum von WomenFairTravel. Viele Frauen kamen zusammen an diesem heißen Sommerabend am Crelleplatz: mit Kunsthandwerk und wieder Tanz und Gesang, AdanzaS und die Spreediven waren nun schon gut zusammen gespielt, und reichlich Sekt wurde das Leben gefeiert!

Andrea

Mittendrin

Mittendrin

Endlich wieder sind wir in Berlin! Jener Stadt, die wir so sehr lieben und die zu beschreiben dennoch nicht leicht fällt, da sie so viele Gegensätze in sich vereint, alles nebeneinander Platz hat und Überraschungen daher vorprogrammiert sind. Dass jeder Stadtteil sein eigenes Flair hat, trifft ja auf viele Metropolen zu, aber hier gibt es keine Grenzen, keine fixen Vorgaben, an jeder Ecke hier kann es schick oder schräg sein. Bei unseren zahlreichen Berlinaufenthalten haben wir schon in vielen Bezirken gewohnt und jeweils die nähere Umgebung zu Fuß erkundet, die Stimmung in diesem Kiez eingeatmet und uns einfach durch die Gassen treiben lassen. Diesmal sind wir mittendrin – in Mitte, im alten Scheunenviertel. Von der Dachterrasse unserer Wohnung scheint der Fernsehturm zum Greifen nah und schnell hat sich ein Ritual eingestellt: Ein „Guten Morgen, Alex!“ und „Gute Nacht, Alex!“ umspannt unsere Tage.

Mittendrin im Großstadtgeschehen zu sein, heißt für uns aber auch, die kleinen und unscheinbaren Ecken eines Viertels zu suchen. Ein Blick in die Hinterhöfe ist da sehr lohnend. Die bekanntesten davon, wie die Hackeschen Höfe und die Heckmannhöfe, präsentieren sich derzeit so still und leer wie nie zu vor – die Tourist*innen aus aller Welt fehlen auch hier in Berlin. Doch es gibt noch weit mehr zu entdecken, ein wenig Muse und Neugier vorausgesetzt, entdeckt frau so manches Kleinod in diesem Häusergewirr:

Ein Bummel durch das Viertel führt uns auch in die vielen kleinen Geschäfte hier. Und die sind durchaus eine Sehenswürdigkeit für sich – mal schick und hipp, mal so gestylt, dass frau gar nicht auf den ersten Blick erkennen kann, was da eigentlich verkauft wird. Die häufigsten Vokabel an den Schaufenstern sind eindeutig bio, vegan, fair und Vintage. Die Nähe zum Prenzlauer Berg mag da mitspielen, die Dichte an Fahrradfahrer*innen mit und ohne Kinderanhänger, die Fülle an alternativen Bildungs- und Freizeiteinrichtungen wie einer Kunstschule, einer Waldorfschule und einem Abenteuerspielplatz spiegelt einen Teil der Bevölkerung von Mitte wieder. Das ist durchaus zwiespältig, denn Bezirke mit diesem Flair werden meist in wenigen Jahren zu teuren Wohngegenden, in denen sich viele die Mieten nicht mehr leisten können. Anderseits sind es genau diese Menschen in diesen Bezirken, die den Städten ein neues Gesicht geben, die offen sind für neue Verkehrs- und Umweltkonzepte. Aber auch bei den Geschäften und den Häusern gilt: alles hat nebeneinander Platz, wie die Bilder zweier Vintage-Läden und das Bild mit einem der letzten besetzen Abrisshäusern Berlins neben einem Nobelneubau, in dem eine Rechtsanwaltskanzlei logiert, zeigen.

Mittendrin braucht es natürlich auch noch nette Lokale. Und die gibt es – neben Fastfood und Billig-Asia-Food – zu Genüge. Zum Beispiel die italienische Vinothek muret LA BARBA gleich am Anfang unserer Straße – selbstredend mit einer so großen Auswahl an offenen Bioweinen, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ein Teller Pasta, ein Glas Wein, ein Espresso – mehr braucht es nicht (obwohl es natürlich noch viel mehr gäbe). Oder das kleine Café mittendrin, von dem ich mir den Titel abgeschaut habe: Um Platz für Tische im Freien zu haben (im Lokal braucht es hier noch einen Coronatest) haben sie wohl in der Sophienkirche angefragt und so sitzen die Gäste nun gemütlich im Grünen und im Schatten der alten Bäume. Und so köstlich wie hier war noch kein Flammkuchen – mit Frühlingszwiebeln und Spargel! – wo auch immer wir ihn bisher gegessen haben.

Die Krönung unserer Zeit hier in Berlin – mittendrin in dieser schönen, lebendigen, verrückten Stadt tanzen wir unseren neuen wo/men tango act Mascarada! Für die Premiere haben wir das Spreeufer gewählt, dort, wo in der Strandbar Mitte seit Jahren getanzt wird, die nun coronabedingt aber noch nicht zum OpenAir-Parkett umgestaltet wurde. Erstmals betanzt haben wir die Arkaden in der Friedrichstraße / Unter den Linden mit ihrem wunderbaren Marmorboden, einem spannenden Flair und unerwarteten Begegnungen.

Und, quasi vor der Haustür, wie schon vor fünf Jahren, den Hackeschen Markt, an dem dieses Gefühl, mit der Straßenkunst mitten im Leben, am Puls einer Stadt zu sein, am deutlichsten spürbar ist. Die freudigen Gesichter der Menschen, egal ob sie lange stehen bleiben oder uns im Vorbeigehen ein kurzes Lächeln schenken, die kurzen oder längeren Gespräche, all das erfüllt uns jeden Abend und gibt uns das Gefühl, hier in Berlin (wieder) mittendrin im Leben zu sein!

Sigrid