Graz – Vertrautes neu entdecken

Graz – Vertrautes neu entdecken

Anfand dieses Monats waren wir ja, wie Andrea berichtet hat, für eine Woche in Graz. Auch diesmal war die Straßenkunst der Anlass für unsere Reise und auch diesmal wurde es zu einer Mischung aus Arbeit und Genuss. Denn das Durchstreifen der Stadt auf der Suche nach Auftrittsorten macht ähnlich viel Spaß wie ein Stadtbummel. Die Aufführungen von La Strada haben wir angeschaut, um Erfahrungen und Eindrücke für unsere Straßenkunst zu sammeln, während wir wie alle anderen einfach begeisterte Zuschauerinnen waren. Und wie auch in Berlin haben wir das Leben – diesmal in einer kleinen, überschaubaren – Stadt genossen.

DSCF5315Wir sind beide in Graz geboren, ich habe bis zum Studienabschluss und später nochmals für zwei Jahre in Graz gelebt. In den letzten Jahren sind wir oft für einen Tag nach Graz gefahren, um Besorgungen zu erledigen, FreundInnen zu besuchen oder bei Veranstaltungen dabei zu sein. Aber eine Woche lang in Graz zu sein, fühlt sich ganz anders an. Graz ist wirklich eine lebenswerte Stadt! Nicht umsonst wird ihr Charme gerühmt und das südliche Flair hervorgehoben. Die Innenstadt ist klein und überschaubar und uns Grazerinnen ist oft gar nicht bewusst, welche architektonischen und kulturellen Schätze sich da verbergen. Eine ganz besondere Atmosphäre schaffen die unzähligen Schanigärten, die an den lauen Sommerabenden jener Woche bis auf die letzten Plätze gefüllt waren. Sie tragen viel bei zu der entspannten, lockeren Stimmung in der Stadt, die gleich so etwas wie Urlaubsfeeling aufkommen lässt.

DSCF5316Und es gibt ja viele, die Graz als Urlaubsziel auswählen! Ob sie wie diesmal wegen La Strada oder wegen einem der anderen kulturellen Festivals kommen, ob sie vom „Weltkulturerbe Graz“ angezogen werden oder ob es die Weihnachtsmärkte im Winter sind: in den letzten Jahren sind spürbar mehr TouristInnen in Graz unterwegs. Und das belebt eine Stadt natürlich sehr. Angesichts der Reisenden in meiner Heimatstadt erinnerte ich mich daran, dass ich selbst schon einmal meinen Urlaub in Graz verbracht habe. Ich glaube es muss im Sommer 1994 gewesen sein. Unsere Reisekasse war damals nicht gerade üppig gefüllt und so entschlossen wir uns zu einem Urlaub in Graz! Wir kauften einen Reiseführer (was ich mittlerweile schon lange nicht mehr mache, ich entdecke heute eine Stadt lieber ohne Jahreszahlen, Daten und Fakten), spazierten von unserer zentralen Stadtwohnung manchmal schon zum Frühstück los und waren einfach Touristinnen. Die doppelte Wendeltreppe in der Grazer Burg zum Beispiel, habe ich damals zum ersten Mal gesehen. Nach den Besichtigungen suchten wir uns ein nettes Lokal fürs Mittagessen, schlenderten auf den Schloßberg zur Siesta und ließen uns einfach treiben. Herrliche Urlaubstage, bei denen wir uns die Anreise und die Hotelkosten ersparten und direkt mit dem Genießen beginnen konnten. Es war damals eine spontane Idee, die sich heute in dem Buch Slow Travel von Dan Kieran als Variante der „Kunst des Reisens“ findet. Es gibt darin Kapitel mit der Überschrift Bleib zu Hause – als ich es gelesen habe, wusste ich schon, wovon er spricht und welch schöne Art zu reisen das sein kann!

DSCF5308Gerade das köstliche Essen und Trinken ist für uns ein wesentlicher Teil des Reisens. Das haben wir in dieser „Grazwoche“ ebenfalls genossen. Im La Meskla in der Kaiserfeldgasse waren wir jeden Tag zum Mittagessen. Zwei junge Frauen führen dieses Lokal und schaffen eine gemütliche, weltoffene Atmosphäre. Die Menüs dieser Woche führten uns kulinarisch um die halbe Welt. Eine der beiden kommt nämlich aus Peru und kocht köstliche Gerichte aus Südamerika mit ganz neuen Aromen und Geschmäckern. Aber auch Asiatisches oder Mediteranes kommt auf den Teller. Dazu ein schönes Glas Wein, ein gemütlicher Schanigarten und äußerst moderate Preise. Kein Wunder, dass es eines unserer Lieblingslokale ist! Eine andere köstliche Entdeckung ist die kleine Eisdiele Gianola an der Ecke Stempfergasse/Bischofsplatz. Die Besitzerin aus Italien bereitet das Eis direkt im Geschäft zu. Es gibt nicht die Unmenge an Sorten, aber du hast dennoch die Qual der Wahl, denn alle sind außergewöhnlich. Purer Geschmack! Nachmittags, für eine Erfrischung und ein wenig Büroarbeit mit dem dortigen WLAN, waren wir gerne im Kunsthauscafe. Sehr hipp und trendig, fast meinten wir wieder zurück in Berlin zu sein, und immer gut besucht. Es gibt eine große Auswahl an Getränken abseits der üblichen „Getränkeliste“, die du gleich in der Kühlvitrine aussuchen kannst. An der water bar stehen Karaffen und Gläser für Leitungswasser bereit und können gleich selbst befüllt werden. Sehr praktisch und passend zur lockeren Atmosphäre. Und der Burger, den wir gegessen haben, war köstlich!

Das klingt ja wirklich wie Urlaub in Graz, oder? Dass wir in jener Woche fast täglich gearbeitet haben, mit mehreren Auftritten und einer Tango-Privatstunde, scheint so ganz nebenbei gelaufen zu sein. Und genau das ist das Schöne an unserem Leben als Straßenkünstlerinnen: die Arbeit ist Genuss und das Reisen ein Teil davon. Ich weiß, wir sind Glückspilze, und begeisterte Grazerinnen!

Sigrid

AdanzaS goes facebook

AdanzaS goes facebook

Here we are! Mittendrin in der größten Abenteuerreise meines Lebens! Selbst, als ich vor knapp drei Jahren in Buenos Aires meine Füße auf den Boden eines anderen Kontinentes gesetzt habe, hatte ich nicht so sehr das Gefühl, Neuland zu betreten, wie in diesen Tagen! Die digitale Welt ist mir fremd und ich muss gestehen, auch nicht immer ganz geheuer. Mir fehlen nicht nur die Erfahrungen, wie ich mich hier bewegen sollte, sondern alle meine bisherigen Erfahrungen helfen mir kaum. Um mich zum Beispiel in den Straßenschluchten des Großstadtdschungels zurecht zu finden, werfe ich vorher einen Blick auf den Stadtplan – jawohl, richtig gelesen, nicht auf das Display am GPS – und dank meines guten Orientierungssinnes, auf den ich mich zum Glück verlassen kann, finde ich mich fast immer zurecht. In der digitalen Welt fehlt mir die Orientierung, mein „sechster Sinn“ greift da ins Leere und ich finde keine Anhaltspunkte! Und vor allem – ich tue das nicht, was ich in der realen Welt, in einer fremden Stadt mit dem Stadtplan in der Tasche, ganz selbstverständlich tue – ich beginne nicht, einfach los zu spazieren und mich umzuschauen, auf Entdeckungsreise zu gehen und mich neugierig in das Unbekannte aufzumachen. Warum eigentlich nicht?

Die simpelste Antwort ist wie immer zu kurz gegriffen: dass ich noch vor dem Computerzeitalter meine Schulzeit abgeschlossen und niemals „Informatik“ auf meinem Zeugnis stand, ist es wohl nicht. Meine erste Begegnung mit dem Computer war die Abschlussarbeit an der Pädagogischen Akademie, die ich damals, anstatt in eine Schreibmaschine in den Computer eines Onkels tippte. Und so, wie sich das anhört, war es auch: ich habe den Computer als „bessere“ Schreibmaschine gesehen und benutzt. Aber wie gesagt, daran, dass ich nicht mit dem Computer und noch weniger mit dem World Wide Web aufgewachsen bin, liegt es wohl nicht, denn jede und jeder von euch – und auch ich selbst – kennt Personen, auf die das ebenso zutrifft, und die dort voll und ganz beheimatet sind. Was ist es also dann? Was unterscheidet mich von jenen Menschen?

Ein Punkt ist wohl – und ich hoffe, ich bin damit nicht bei allen Freaks endgültig abgeschrieben – dass mich diese Welt nicht wirklich interessiert. Ich arbeite natürlich seit vielen Jahren, in meinem Beruf als Lehrerin und jetzt im Aufbau unserer Selbständigkeit als Künstlerinnen, sehr viel mit und am Computer, aber er ist für mich Mittel zum Zweck und kein Objekt der Leidenschaft. Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder gefragt, warum mir diese Leidenschaft fehlt. Eigentlich bin ich keine Technikverweigerin, ich habe ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und natürlich auch noch zahlreiche andere technische Geräte. Aber sie sind für mich Gebrauchsgegenstände, die das Leben erleichtern sollen und es (meistens, wenn sie mich nicht gerade wieder einmal ärgern) ja auch tun. Würde ich ohne sie auskommen, hätte ich sie dann nicht? Wahrscheinlich! Das Handy zum Beispiel haben wir erst, seit wir als Künstlerinnen viel unterwegs sind und wir es daher einfach brauchen. Bis vor drei Jahren sah ich absoluten keinen Grund, ein Handy zu besitzen. Es stand kein ideologischer, moralischer oder sonstiger Gedanke dahinter, sondern einfach die Frage des Bedarfs. Naja, und dieser Ansatz reicht wohl nicht, um leidenschaftlich an die Welt der Technik heranzugehen. Sie führt uns aber wieder zurück zur aktuellen Abenteuerreise mit facebook. Denn, ihr habt es wohl schon erraten, wieder ist dies der Ausgangspunkt gewesen: unzählige Male haben wir in den letzten Wochen und Monaten zu hören bekommen, dass wir „facebook unbedingt brauchen!“ Darüber, ob das stimmt, sind schon viele (Blog)Artikel veröffentlicht worden und ich kann nur sagen: wir ließen uns von dieser Notwendigkeit überzeugen. „Endlich“, „Wurde ja auch Zeit“, „Gratuliere“ … meinen jetzt wohl einige.

5474851038_b1437e9853_oOkay, here we are! Aber der Weg ist steinig und mühsam! Zum Glück haben wir – wie bei Abenteuerreisen ja häufig der Fall – Aussicht auf einen Guide. Wir haben unseren jungen Nachbarn, gerade mit dem Zivildienst fertig und kurz vor dem Beginn seines Studiums um eine „Einschulung“ gebeten. Hoffentlich nimmt er die Herausforderung an!

Sigrid

Spontane Straßenkunst versus Festivals

Spontane Straßenkunst versus Festivals

DSCF5187La Strada ist vorbei, und wir sind wieder einmal von der Stadt zurückgekehrt aufs Land. Hier sinniere ich noch nach über die Eindrücke der vergangenen Woche. So ein Straßenkunst-Festival versetzt eine Stadt schon in eine ganz besondere Stimmung. Gebündelte Kreativität und viele Menschen, die dem offen und mit Neugier begegnen. Wir sahen, wie ich ja schon im letzten Beitrag beschrieben habe, einige großartige Aufführungen und hatten auch selbst einige ganz tolle Auftritte – beides auf Straßen und Plätzen der Stadt, mit engem Kontakt zum Publikum und einfachen Mitteln umgesetzt. Im Gegensatz dazu gab es im Programm von La Strada aber auch Vorführungen im Opernhaus mit 40 € Eintritt. Sicherlich eine aufwendige und auch faszinierende Produktion, aber es stellt sich die Frage, was das mit Straßenkunst zu tun hat bzw. ob dadurch nicht eine 2-Klassen-Straßenkunst geschaffen wird. Wir hörten im Laufe der Woche diesbezüglich jedenfalls viele kritische Stimmen.

DSCF5188Es hat sich mittlerweile ja ein Festivalmarkt entwickelt, bei dem anscheinend auch die Devise immer mehr, immer aufwendiger, immer spektakulärer, … vorherrscht bzw. einen großen Teil einnimmt. Es gibt unzählige Straßenkunst-Festivals in vielen Ländern Europas. Allein innerhalb Frankreichs z.B. kann eine Gruppe mit einer Produktion drei Jahre lang auf Tournee gehen, so viele Festivals gibt es da. Mit dieser Entwicklung ging aber auch eine andere Entwicklung einher, nämlich die, dass spontane Straßenkunst, also Straßenkunst außerhalb von Festivals, fast verschwunden ist. Auf Grund der Bestimmungen und rigorosen Einschränkungen, die es mittlerweile in fast allen Städten gibt, aber auch kein Wunder. In Graz z.B. muss man sich für den Innenstadtbereich Platzkarten besorgen, die man persönlich mit Lichtbildausweis bis 14.00 Uhr an Werktagen im Rathaus abholen muss. Während der Auftritte werden diese Platzkarten von den Ordnungswachen kontrolliert und auch da muss man einen Lichtbildausweis vorweisen. Wenn das der Fall ist, ist in der Zwischenzeit das Publikum dahin. In der La Strada-Woche war allerdings sehr auffällig, dass erstens kaum Ordnungswachen unterwegs waren und zweitens, wenn sie vorbeikamen, dass sie nicht kontrolliert haben. Anscheinend hatten sie Instruktionen, sich in dieser Woche zurückzuhalten. Außerdem muss man nach jeder halben Stunde den Platz wechseln, gewisse Uhrzeiten und Abstände zu Eingängen, Lokalen, … einhalten. Es gibt aber auch Städte, in denen die Bestimmungen noch strenger sind oder man für Platzkarten zahlen muss, manchmal so viel, dass sich ein Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes nicht auszahlt. Aber da in vielen Städten Straßenkunst als Störung oder Bettelei gesehen wird, und nicht als Belebung einer Stadt, erreicht man so, dass spontane Straßenkunst verschwindet.

Nun, das Schöne an der spontanen Straßenkunst, finde ich, ist der Überraschungseffekt – für die KünstlerInnen ebenso wie für das Publikum. Wir sind jedes Mal vorher sehr gespannt, wie ein Auftritt wird, weil das von so vielen Faktoren abhängt und immer anders ist. Wie wirkt der Platz, wie ist das Wetter, welche Menschen kommen vorbei? Es können sich spontane Begegnungen ergeben, die noch lange nachwirken. Menschen, die in der Stadt unterwegs sind, werden überrascht, indem da etwas stattfindet, mit dem sie nicht gerechnet haben, das sie für kurze Zeit innehalten lässt. Es ist jedes Mal ein besonderes Glücksgefühl, wenn es uns gelingt, Menschen für einen Moment aus ihrem Alltag heraus in eine andere Welt eintauchen zu lassen. Und das ist etwas, das die spontane Straßenkunst auszeichnet.

Auf Festivals läuft Straßenkunst in organisierter Form in einem begrenzten Zeitraum ab. Man hat alles unter Kontrolle. Ich möchte dadurch die Darbietungen und großartigen Leistungen der KünstlerInnen nicht schmälern. Auch die Atmosphäre, die durch so ein Festival in einer Stadt entsteht, ist wunderbar – aber eben nur für eine Woche oder gar nur für ein Wochenende. Und das finde ich schade.

DSCF4926 (2)Auch wir werden uns diesen Winter erstmals für Festivals bewerben, weil wir sie brauchen, um von unserer Kunst leben zu können. Aber die spontane Straßenkunst wird immer ein wesentlicher Teil unserer Auftritte bleiben, denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir bisher damit gemacht haben, sind unvergesslich und besonders wertvoll.

Andrea

 

 

La Strada

La Strada

Ganz Graz wird zur Bühne, wenn Straßenkunst-Ensembles aus aller Welt die Stadt bespielen. Heuer mischen auch wir uns ins Geschehen, tauchen ein in die „kreative Stadt“. Das Wetter ist perfekt, die Atmosphäre in den Straßen, auf den Plätzen, in den Parks, … heiter und offen. Offen für das, was an kreativem Potenzial, an Emotionen, an Lachen und Lebenslust entsteht, wenn die ArtistInnen gemeinsam mit dem Publikum einen Ort der Stadt beleben.

DSCF5208 (2)Es ist allein das schon ein spannender Prozess, was mit einem Ort passiert, wenn er für kurze Zeit zur Bühne wird. Wir waren z.B. vorgestern Vormittag im Volksgarten, wo die Zygos Brass Band aufgespielt hat. Als wir ankamen, wir waren recht früh dran, präsentierte sich dieser Park so, wie man ihn als GrazerIn kennt. Ein schöner Park mit ausgedehnten Grünflächen und viel Wasser, bevölkert von den Randgruppen unserer Gesellschaft, die auf den Bänken lagern, dahin dösen oder auch lautstarke Monologe halten. Und dann beginnt sich dieser Ort zu verändern, Menschen trudeln ein, kommen in Gruppen oder treffen sich da. Von Babys bis zu SeniorInnen sind alle Altersgruppen vertreten und bald ist der Park bevölkert und es herrscht fast eine Feststimmung. Alle sind in Erwartung – und dann ist es soweit. Aus der Ferne hört man die ersten Klänge der Band. Sehr zart und verhalten noch, ab und zu ein Klingeln, ein Rasseln, ein leises Trommeln, so kommen sie näher bis man sie auch zu sehen bekommt. Mit Masken, Federn und Ketten geschmückt, nehmen sie zuerst Aufstellung im Kreis und beginnen mit einem Gesang, dass man meint, man sei bei einer Voodoo-Zeremonie. Dann löst sich dieser Kreis auf und sie beginnen mit ihrem Spiel, bei dem sie durchgehend die Musik des Mississippi mit Elementen des Voodoo vereinen. Die Musiker sind ständig in Bewegung und in Interaktion mit dem Publikum, zwei Streetdancer wirbeln zwischen ihnen umher und bringen auch noch Akrobatik dazu. Die Stimmung wird immer ausgelassener, manche im Publikum beginnen zu tanzen bzw. werden von den beiden Streetdancern zum Tanz geholt. Seinen Körper nicht zu bewegen, wird jedenfalls unmöglich, und wenn es auch nur ein Mitklatschen ist. So entsteht auf dem runden Platz mitten im Park so etwas wie ein Feuerwerk der Lebenslust. Am Ende werden die Künstler auch mit tosendem Applaus bedankt, bevor sich diese hier gebündelte Energie langsam wieder aufzulösen beginnt. Die Menschen zerstreuen sich, bleiben noch in Grüppchen stehen, tauschen sich aus, plaudern, Kinder laufen umher, die Künstler verkaufen CDs, geben Autogramme und machen Dehnungsübungen. Nach und nach verlassen dann aber immer mehr Menschen den Park, die Künstler werden von La Strada-Mitarbeitern abgeholt, und bald schon gehört der Park wieder denen, die immer hier sind. Der Platz hat sich nicht sichtbar verändert, aber er ist verändert. Es würde mich sehr interessieren, wie die Menschen, die sozusagen in diesem Park leben, die Aufführung erlebt haben und ob sich für sie etwas verändert hat. Aber diese Frage kommt mir erst, als auch wir den Park schon wieder verlassen haben.

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Ganz anders die Situation an einem Abend dieser Woche am Mariahilferplatz. Als wir dort ankommen, hat sich schon ein riesengroßer Kreis bestehend aus ein paar hundert Menschen gebildet. Wir fügen uns ein und man kann bereits jetzt die Energie spüren, die von diesem Kreis ausgeht. Die Leere in der Mitte erwartet den Künstler Joan Català. Er kommt allein, beladen mit einem Baumstamm an dessen einem Ende ein alter Eimer baumelt. Und er braucht nicht mehr als diesen Baumstamm und den Inhalt des Eimers – vier Tücher und Seile, um die Leere in der Mitte 45 Minuten lang mit Faszination zu füllen. Er führt virtuose Akrobatik und Körperbeherrschung vor, schafft Momente des Atemanhaltens genauso wie humorvolle Unterhaltung. Vier Männer aus dem Publikum werden zu einem wesentlichen Teil dieser Performance, in dem sie es sind, denen er beim Höhepunkt seines Auftrittes ganz und gar vertrauen muss. Immer wieder bezieht er auch den gesamten Publikumskreis mit ein, sodass das Gefühl entsteht, Teil eines Ganzen zu sein, eines positiven Ganzen, in dem teilen, zuhören und vertrauen wesentlich sind. Ich bin mir sicher, dass auch hier etwas von dieser positiven Energie zurück bleibt auf diesem Platz.

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DSCF5299 (2)Wir haben in dieser Woche auch Auftritte „out of Program“ geplant. Auf dem Weg zu unserem ersten Auftritt war es ein anderes Gefühl in unserem Aufzug durch die Stadt zu gehen als sonst. Meist werden wir da nämlich angestarrt oder mit irritierten Blicken bedacht. Diesmal nicht, denn diesmal sind wir viele. Als wir am Jakominiplatz auf unseren Bus warten, steigt der Clown Murmuyo aus der Straßenbahn und zieht alle Blicke auf sich. Bei seinen Rundgängen durch die Stadt auf der Suche nach Freunden und Freundinnen (Quieres ser mi amigo?) gewinnt er alle Herzen. Als wir dann gerade beim Aufbauen für unseren Auftritt sind, fährt ein Bus von La Strada, besetzt mit KünstlerInnen vorbei, die uns sofort zuwinken. Oder dann am Heimweg hören wir eine Frau im Vorbeigehen sagen: „Ah, da sind auch wieder welche!“ Die Stimmung ist also schon eine Besondere, wenn so ein Straßenkunst-Festival stattfindet, und wir schmarotzen diesmal einfach ein bisschen mit, haben als Künstlerinnen das Gefühl, Teil eines Ganzen zu sein.

Andrea