Straßenkunst in Berlin

Straßenkunst in Berlin

Ja, hier in Berlin lebt sie wirklich noch, die Straßenkunst – vor allem in Form von Straßenmusik. Das neueste GEO Special über Berlin hat sogar der Straßenmusik einen ausführlichen Beitrag gewidmet, den wir schon im Vorhinein mit großem Interesse gelesen hatten. Hier gibt es wirklich junge MusikerInnen, die lieber auf der Straße musizieren, als sich mit einem Plattenvertrag zu binden und damit ihre Freiheit aufzugeben. Manche von ihnen sind trotzdem so erfolgreich, dass sie davon leben können. Und so sieht man hier auch, wenn man durch Berlin streift, an allen möglichen oder auch unmöglichen Ecken (z.B. die lauteste Straßenkreuzung Berlins) MusikerInnen aller Genres. Fast alle sind mit Verstärkeranlagen ausgestattet, worüber wir anfangs sehr gestaunt haben, denn das ist in jeder anderen Stadt verboten. Die insgesamt liberalen Bestimmungen für Straßenkunst und die offene Atmosphäre dieser Stadt machen eben diese lebendige und kreative Straßenkunstszene möglich. So waren wir natürlich sehr gespannt, wie es uns hier ergehen wird in dieser riesigen Stadt, mit viel Konkurrenz und unserem neuen Programm.

DSCF4726Die Suche nach geeigneten Auftrittsorten hat sich erst einmal schwieriger herausgestellt, als wir erwartet hatten. Einerseits brauchen wir einen tanzbaren Boden, in Berlin gibt es sehr viel Kopfsteinpflaster, und andererseits fürs Tanzen auch viel mehr Platz als MusikerInnen, wir können uns nicht an jede Straßenecke stellen. Auf wiederum zu großen Plätzen wie dem Alexanderplatz verlieren wir uns und außerdem fühlen wir uns besser, wenn wir Rückendeckung haben. So waren unsere ersten Auftritte hier eher frustrierend. Als erstes versuchten wir es wie gesagt gleich einmal am Alexanderplatz. Aber auf diesem riesigen Platz mit Menschenmassen, hatten wir das Gefühl, wir gehen unter. Als dann auch noch eine christliche „Sekte“ eine Missionsveranstaltung mit einer platzbeschallenden Verstärkeranlage abhielt, wussten wir, das war´s hier für uns!

Am nächsten Tag versuchten wir es auf der Museumsinsel, da auf Grund des langen Wochenendes sehr viele TouristInnen in der Stadt waren. Am liebsten hätten wir in den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie getanzt, ein wunderschöner Ort, aber auf Nachfrage beim Wachpersonal durften wir da nicht auftreten, ist ja auch kein öffentlicher Raum. Also haben wir den Platz davor ausgewählt, bei dem uns allerdings die Rückendeckung fehlte. Menschen kamen aus allen Richtungen und so taten wir uns mit der Ausrichtung unseres Stückes schwer. Außerdem gab es hier auch eine Begegnung, die uns sehr irritierte. Bald nachdem wir angefangen hatten, tauchte eine andere Straßenmusikerin mit Ziehharmonika auf. Sie platzierte sich direkt neben uns und obwohl wir gerade mitten in unserem Stück waren und auch Publikum hatten, begann sie laut auf ihrem Instrument zu spielen und auch zu singen, leider nicht einmal gut. Anfangs versuchten wir sie zu ignorieren, aber da fing sie dann an, uns ganz bewusst zu stören, indem sie ganz in unseren Raum eindrang. Wir suchten also das Gespräch, merkten aber bald, dass das zu nichts führen würde, dann sie begann sofort in einer fremden Sprache herumzuschreien und uns zu beschimpfen. Sigrid wollte anfangs noch unseren Platz verteidigen, aber ich hatte unter diesen Umständen keine Lust, hier länger zu bleiben. Wir fingen also auch noch an zu streiten, anstatt das Ganze mit Humor zu nehmen. Ziemlich genervt, verärgert und frustriert packten wir unsere Siebensachen und zogen ab. So eine Erfahrung hatten wir noch nie gemacht. Und auch daran merkten wir, Berlin ist eben ein anderes Pflaster. Aber zum Glück hat sich das Blatt inzwischen gewendet.

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Mittlerweile haben wir unseren Platz gefunden. Es scheint hier überhaupt so zu sein, dass jede/r Künstler/in einen Platz hat, an dem er/sie hauptsächlich auftritt. Nun, unserer ist der Hackesche Markt. Wie der Name sagt, findet hier zweimal die Woche ein Markt statt. Es ist ein sehr netter Platz mit Bäumen, vielen Lokalen, Bänken zum Verweilen, einem S-Bahnhof (gut für unser Stück, das ja auf einem Bahnhof spielt!) und stark frequentiert, da die Hackeschen Höfe daneben ein Touristenmagnet sind. Vor einem blühenden Kastanienbaum und vielen Sträuchern, nach drei Seiten offen, haben wir unseren idealen Platz gefunden. Hier haben wir unser Stück bereits sechsmal (an zwei Tagen mit je drei Durchgängen) mit Erfolg und begeistertem Publikum aufgeführt. Und es hat uns wieder gepackt, dieses Fieber, das uns förmlich auf die Straße zieht, um aufzutreten. Es macht uns einfach Riesenspaß zu tanzen und zu spielen und dem Publikum zu begegnen. Und wir hatten wieder einige wunderbare Begegnungen. Zum Beispiel mit einer jungen, spanisch sprechenden Straßenkünstlerin, die mit Seifenblasen Kunststücke vollführt. Auch hier war es so, dass sie kurz nach uns auf dem Platz eintraf, aber sofort fragte, ob es für uns okay wäre, wenn sie neben uns ihre Darbietungen mache, da wir ohnehin ein anderes Publikum ansprechen würden. Wir waren einverstanden und haben uns sogar gegenseitig befruchtet, denn Leute, die zuerst bei ihr stehen blieben, haben dann auch bei uns zugesehen und umgekehrt. Und wir haben inmitten von Seifenblasen getanzt. Das hat, glaube ich, wunderschön ausgesehen, denn es wurden sehr viele Fotos gemacht. Nach jeder Aufführung von uns wurden wir auch von Leuten aus dem Publikum angesprochen, die uns Komplimente machten oder von einer Fotografin, die fragte, ob sie Porträts von uns machen dürfe. Eine Begegnung wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Mit einem Berliner, der zuerst einmal feststellte: „Ihr habt sicher schon bemerkt, dass es in Berlin sehr viel Straßenkunst gibt, leider ist sie nicht immer gut, aber das, was ihr macht, ist etwas ganz Besonderes.“ Nach unserem Gespräch hatte er sich dann eigentlich schon verabschiedet, kam aber nochmals zurück, um uns spontan zu sich nach Hause einzuladen, er würde nicht weit von hier wohnen. Nach unserem letzten Auftritt an diesem Tag suchten wir also seine Wohnung auf und wurden herzlich empfangen. Eine wunderschöne Wohnung in Top-Lage mit Dachterrasse! Hier saßen wir dann bei Sonnenuntergang über Berlin und wurden von unserem Gastgeber mit köstlicher Jause und ausgezeichnetem Wein verwöhnt. Die Gespräche mit ihm waren so interessant, die Atmosphäre so angenehm, der Abend so lau, dass wir bis 11.00 Uhr nachts blieben, um dann reich beschenkt den Heimweg anzutreten. Diese Erlebnisse sind es unter anderem, die Straßenkunst so schön machen!

Im Moment hat uns das Wetter wieder ein paar Pausentage beschert, die auch guttun. Wir haben zwar kaum Regen, aber es hat extrem abgekühlt, gestern hatten wir nicht einmal 10 Grad und starken Wind, äußerst ungemütlich. Aber sobald es besser wird, werden wir wieder den Hackeschen Markt bespielen.

Aus dem lauten, spannenden, coolen Berlin grüßt euch

Andrea

Berlin entdecken

Berlin entdecken

Vor einer Woche sind wir nun hier in dieser ganz besonderen Stadt angekommen. Wie immer, wenn wir in einer Großstadt sind, kaufen wir uns zwar ein Monatsticket für die Öffis, sind dann aber auch stundenlang zu Fuß unterwegs. Bei diesen Streifzügen können wir eine Stadt sehr intensiv erleben, die jeweils eigene Atmosphäre eines Stadtteils spüren, eintauchen in den Alltag und die Lebenswelt der Menschen, nicht Landschaften und Natur, sondern Straßen und Architektur erwandern.

Zum Beispiel gleich bei unserem ersten Streifzug durch die „Friedrichstraße“. Unsere Wohnung liegt nahe am „Halleschen Tor“, dem südlichen Beginn dieser kerzengeraden, langen Straße, die etwa in ihrer Mitte den Prachtboulevard „Unter den Linden“ quert und weiter nach Norden bis zum „Oranienburger Tor“ führt. Wir sind am Vormittag eines Feiertags losspaziert, anfangs vorbei an Kebabläden, dem Lebensmittelgeschäft „Bagdad“, einer Art Trafik mit Telefonservice in alle Welt – ganz wie man es aus jenen Bezirken, in denen Menschen aus aller Welt zusammenleben, in vielen europäischen Großstädten kennt. Nach einiger Zeit kamen wir an einem Bio-Bistrot, dem wunderschönen Geschäft einer Maßschuhmacherin und an einem neu eröffneten Haubenlokal vorbei. Noch immer war es sehr ruhig, nur wenige Menschen waren an diesem frühsommerlichen Vormittag unterwegs. Plötzlich änderte sich dies schlagartig: Imbisslokale, Souvenirgeschäfte, eine Tapasbar und eine Pizzeria, Mc Donalds und Starbucks – und mittendrin der Touristenmagnet „Checkpoint Charlie“ mit allem, was dazugehört. Die Touristenbusse auf ihren Stadtrundfahrten halten hier, ein Fotograf bietet vor dem ehemaligen Grenzhäuschen an, dich in einer der Uniformen der Besatzungsmächte zu fotografieren (und es gibt tatsächlich einige, die das machen!), Gedränge am Gehsteig, Kitsch in allen erdenklichen Formen. Nach etwa 200 Metern ist der Spuk wieder vorbei und die Friedrichstraße wechselt erneut ihr Aussehen. Im letzten Abschnitt dieser 2000 Meter langen Strecke gibt es Nobelboutiquen, exquisite Shoppingmalls, Luxushotels und teure Restaurants – wir sind angekommen in Berlin-Mitte!

Jeder Stadtteil hier ist einzigartig. In Mitte gibt man sich luxuriös, international und modern. TouristInnen aus aller Welt bevölkern das Spreeufer, die Museumsinsel, den Hackeschen Markt, den Alexanderplatz. All diese klingenden Namen sind Programm – Berlin ist eine Weltstadt, die zeigt, was sie zu bieten hat. Noch immer „geschmückt“ mit unzähligen Kränen bleibt sie aber auch dem Titel „Ewige Baustelle“ treu.

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Ebenfalls mit Kränen versehen, und doch atmosphärisch ganz anders ist Charlottenburg. In den letzten Jahren war der Stadtteil im ehemaligen Westberlin out – der Osten war angesagt. Trotzig sagten die einen „Alle ziehen jetzt nach Osten!“ und meinten Treptow oder den Prenzlauer Berg. Letzterer hatte sich zum Inbegriff des neuen Berlin nach der Wende gemausert: wunderschön renovierte Altbauten, Szenelokale, gemütliche Bars, Geschäfte vieler DesignerInnen, Vintageläden, die Straßen frequentiert von RadfahrerInnen und die Gehwege überdurchschnittlich dicht von Kinderwägen befahren. Der Westen war nicht mehr gefragt.

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Heute erwacht Charlottenburg von Neuem. Einige Wolkenkratzer, die gerade rund um den Bahnhof Zoo in den Himmel wachsen, sind der sichtbare Beweis eines neuen Trends. Die Nobelboutiquen, Luxushotels und schicken Geschäfte sind zurückgekehrt oder neu erwacht. Der größte Apple-Store Deutschlands am Ku’damm in einem alten Prachtbau hat gigantische Dimensionen. Ein paar Schritte weiter sind BMW- Limousinen mit Elektroantrieb in den Auslagen geparkt und wieder nicht weit entfernt ist der Tesla zu bewundern. Auch hier ist man chic, aber eben auf eine andere Art. Irgendwie reservierter, vielleicht bürgerlicher, beständig. Denn in Charlottenburg gibt es auch die stuckverzierten Bürgerhäuser, gemütliche, zum Teil sehr alte Kaffeehäuser, den Savignyplatz über den die Westberliner Boheme spaziert oder auf dem man im schnittigen Sportwagen vorfährt, die Kantstraße zum Flanieren.

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Ja, und wir wohnen in Kreuzberg. Auch dieser Stadtteil hat die Zeit, als er „in“ war, schon hinter sich gelassen und den ersten Platz als coolsten, angesagtesten, verrücktesten, internationalsten Stadtteil längst an Neukölln abgegeben. Aber Kreuzberg scheint gerade deshalb ein guter Platz zum Leben zu sein. An einigen Ecken, wie der Bergmannstraße oder der Oranienstraße ist sehr viel los, ein Lokal reiht sich an das andere und du kannst dich auf wenigen Metern einmal um die ganze Welt schlemmen. Zwischen der Oberbaumbrücke und dem Schlesischen Tor ist Kreuzberg sogar ziemlich schräg geblieben – fast meinen wir, wir seien in den 1968ern angekommen. In anderen Ecken von Kreuzberg, so wie hier, wo wir wohnen, ist es angenehm ruhig, Parks und kleinere Grünflächen bieten Erholungsorte und mit der U-Bahn bist du ohnehin in kürzester Zeit wieder dort, wo der Bär los ist.

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Und auch das haben wir in den wenigen Tagen schon mitbekommen – los ist hier wirklich unvorstellbar viel! Mal sehen, was wir in diesem Monat hier noch alles erleben!

Sigrid

 

 

Ankommen in Berlin

Ankommen in Berlin

Hallo!

Nun sind wir wieder einmal in einer Großstadt gelandet. Nach Berlin mussten wir ja kommen, denn hier wurde unser Traum geboren, Straßentänzerinnen zu werden. Nämlich als wir das letzte Mal hier waren, vor fünf Jahren beim Queer-Tango Festival. Wir waren damals im Berliner Frauenhotel abgestiegen und in der Bibliothek des Hotels fiel uns ein Buch in die Hände: Die Straßensängerin von Traude Bührmann. Dieses Buch und die Idee, immer wieder für längere Zeit an einem anderen Ort zu leben, waren also der Ausgangspunkt für den Weg, den wir nun eingeschlagen haben.

DSCF4721 (2)Diesmal sind wir einen Monat hier und haben uns über das Netzwerk der Frauenbude eine Wohnung gemietet. Mitten in Kreuzberg, in der ruhigen Alten Jakob Straße gelegen, ist sie uns ein idealer Rückzugsort in dieser quirligen Stadt. Wir fühlen uns hier sehr wohl und schon nach wenigen Tagen heimelig. Es ist eine Altbauwohnung ganz nach unserem Geschmack gestaltet und eingerichtet. Eine Mischung aus Antiquitäten und modernen Möbeln, viele nette Dinge, die das Auge erfreuen, interessante Bilder und Bücher und eine Küche, in der wir alles vorfinden, um uns zu versorgen. So haben wir schon einige Male köstlich aufgekocht und ich habe mich bereits verliebt – in die Gusseisenpfanne, die es hier gibt. Wir haben uns ja schon darauf gefreut, wieder einmal auf Gas zu kochen. Es lässt sich zwar nicht logisch erklären, aber auf Gas gekocht, schmeckt das Essen besser. Die Steigerung ist jetzt noch: auf Gas in der Gusseisenpfanne gekocht. In ebendieser Pfanne gebratene Pilze oder Gemüse über Nudeln mit frischem Olivenöl, einem guten Parmesan, ein paar Kräutern oder frisch gemahlenem Pfeffer – und ein einfaches, aber köstliches Essen ist fertig.

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Auch fürs Einkaufen haben wir unseren Ort gefunden. Ein paar Stationen mit dem Bus und wir befinden uns bei der Marheineke Markthalle in der Bergmannstraße. In der Markthalle gibt es köstliche französische, italienische und griechische Spezialitäten, durch die wir uns alle durchkosten möchten. Im französischen Bistrot gibt es außerdem Croissants, die schmecken wie in Frankreich und sogar ausgezeichneten Espresso. Wir haben nämlich eigens unsere Espressomaschine mitgenommen, weil wir die letzten Male in Berlin nirgends guten Kaffee bekommen haben. Im Umkreis der Markthalle gibt es einen Bio-Supermarkt und auch sonst alles, was man so braucht. Wir haben uns also schon ganz gut eingelebt.

Es ist auch sehr spannend, in ein anderes Leben hier einzutauchen. Die Vermieterin der Wohnung, sie heißt auch Sigrid, hat uns bei der Ankunft empfangen und uns dann bereitwillig ihre Wohnung überlassen. Durch dieses entgegengebrachte Vertrauen und die netten Empfangsgesten, wie z.B. Blumen am Tisch, haben wir uns gleich willkommen gefühlt. Sie selbst hat einen Garten außerhalb von Berlin mit einem Häuschen, wo sie lebt, während wir in ihrer Wohnung sind. Jetzt beleben, bekochen, betanzen, … wir sie – und trotzdem ist auch die Besitzerin hier, und ich stelle mir Fragen über sie, was für ein Mensch sie ist, was ihr wichtig ist, welche Art Leben sie führt, … Durch ihre Wohnung und die Dinge, die wir hier vorfinden oder auch nicht vorfinden, es gibt z.B. keine Behältnisse aus Plastik (finde ich super), mache ich mir ein Bild von ihr, aber ob es stimmt?

Jedenfalls bin ich dankbar, hier sein zu können und wieder einmal Großstadtleben zu genießen.

Tschüss aus Berlin!

Andrea