Tango.Poesie

Tango.Poesie

Diese Kombination von tanzen und schreiben fand Mitte Februar im schönen Ambiente der Landhofmühle im Südburgenland statt. Wie es der Zufall wollte, waren wir 13 Frauen und so nehmen wir den Frauentag zum Anlass, um darüber zu berichten, bevor wir beginnen eine Reihe der entstandenen Gedichte zu veröffentlichen.

Poema ist der Titel eines Tangos von Eduardo Bianco, der Text stammt von Mario Melfi. Dieser Titel bringt zum Ausdruck, was auf die meisten Tangos zutrifft, nämlich dass ihre Texte Gedichte sind. Und Monika Tieber-Dorneger, die den schreibenden Teil dieses Workshops leitete, fasste es folgendermaßen zusammen: La poema, der Tango, das Leben ist ein Gedicht.

Die versammelten Frauen waren einerseits Tangotänzerinnen, mit und ohne Schreiberfahrung und andererseits schreibende Frauen ohne Tangoerfahrung, die aber alle Spaß am Ausdruck, sowohl beim Tanzen als auch beim Schreiben, mitbrachten.

Der Tangoteil, unser Workshop SOLO TANGO, machte immer den Anfang und war mit seinen Themen, z.B. Improvisation, Begegnung oder Entschleunigung, die Schreibanregung. So konnten wir zunächst beim automatischen Schreiben der Feder freien Lauf lassen, um danach unseren Texten eine Form zu geben. Diese Form waren einerseits Rondelle, Gedichte, bei denen sich Zeilen im vorgegebenen Abstand wiederholen und dadurch an Dringlichkeit gewinnen, angelehnt an die Musikform des Rondos. Oder es waren Haikus, eine japanische Gedichtform, bestehend aus drei Zeilen und diese aus 5-7-5 Silben, wodurch das die kürzeste Gedichtform ist, die es gibt.

Wir wurden von Monika mit edlen Schreibbüchern, Stiften und Impulsen versorgt und hatten Zeit und Muße, um unsere Schreibideen zu entwickeln. Schließlich konnte jede, die wollte ihre Texte auch vorlesen und ein Feedback bekommen. Diesen Erfahrungsaustausch, welcher mittelbar durch die Texte, aber auch unmittelbar im Gespräch stattfinden konnte, empfand ich als sehr bereichernd. Es herrschte eine offene und achtsame Atmosphäre in der Gruppe. Vielleicht konnten wir auch deshalb so offen und ausgelassen sein, weil sich bei der Premiere dieses Formats ein Kreis von 13 Frauen ergeben hatte?

Jedenfalls an dieser Stelle ein großes DANKE an alle Frauen, die ihre Texte für die nun folgende Gedichtreihe Tango.Poema zur Verfügung stellen!

Andrea

PS: Dieser Workshop fand in Kooperation mit Schreibflow statt.

Zugreisen im Kopf

Zugreisen im Kopf

Dass wir gerne mit dem Zug reisen, ist allseits bekannt. Und dass wir einigermaßen verrückt sind, ist auch nichts Neues. Soeben haben wir jedoch erkannt: da geht noch mehr! Wir verbringen die langen Winterabende daheim gerade mit der Lektüre von Reiseliteratur, genauer gesagt mit zwei Büchern übers Zugreisen: Monisha Rajesh nimmt uns mit auf ihre Weltreise per Zug und Jaroslav Rudiš singt seine Ode ans Zugfahren in Europa.

Der tschechische Schriftsteller bezeichnet sich selbst als „Eisenbahnmensch“ und seine Leidenschaft für alles, was eben mit der Eisenbahn zu tun hat, als verrückt. In dieser Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen berichtet er nicht nur über die schönsten Bahnstrecken Europas, in welchen Speisewagen noch frisch gekocht wird, in welchen Bahnhofskneipen es das beste Bier bzw. in welchen Bars es den besten Café gibt, und welche Bahnhöfe Kathedralen gleich kommen. Frau erfährt auch viel Wissenswertes über die Geschichte der Eisenbahn, die Logistik und die Technik, die im Hintergrund für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Und er erzählt von den Menschen, die bei der Bahn arbeiten und für ihren Beruf brennen. Jaroslav Rudiš wollte selbst Eisenbahner werden, wurde dann aber Schriftsteller, wofür wir ihm sehr dankbar sind, denn bei den Beschreibungen seiner Zugreisen etwa von Palermo nach Lappland oder von der Schweiz nach Italien über die alte Gotthardstrecke möchten wir sofort in den nächsten Zug steigen und die Landschaften Europas am Fenster vorbeiziehen lassen. Aber die Reise im Kopf ist schon mal ein guter Anfang!

In 80 Zügen um die Welt ist mehr als ein Reisebericht und viel mehr als eine Abenteuergeschichte, auch wenn die 7monatige Tour alles bietet, was dafür nötig wäre. Aber die zum Teil sehr persönlichen Beobachtungen und Gedanken sowie die fundierten Recherchen verleihen diesem Buch genau das, was eine Weltreise ausmacht: das Erleben von Weite. Aus dem Zugfenster in die Weite der Steppen in der Mongolei oder in Kasachstan, in die Wälder Kanadas und die Unendlichkeit Tibets zu blicken, offen zu sein für die Geschmäcker der Küchen dieser Welt und für unzählige Begegnungen. Die Begegnungen und Gespräche in den Speisewagen oder Nachtzügen dieser Welt, die Kontakte zu Mitreisenden werden erzählt aus der Perspektive einer jungen, indischstämmigen Frau aus London. Eigentlich wollte sie diese Reise alleine machen, doch kurz bevor sie den ersten Zug bestieg, entschloss sich ihr Verlobter, sie nicht nur ein kleines Stück, sondern vom Anfang bis zum Ende zu begleiten. Keine Frage, alleine zu reisen ist für Frauen auch heute noch ein Wagnis. Und ja, es macht einen Unterschied, ob eine Einzelperson mit genauer dieser Hautfarbe, ein junges Heteropaar oder vielleicht ein Frauenpaar in ihren 50ern unterwegs ist. Aber gerade davon erzählt dieses Buches: jede Reise ist einmalig, jedes Land und jeder Mensch wird bei der nächsten Begegnung verändert sein. Und genau das macht dieses Reisebuch so spannend – es ist eine Momentaufnahme und zugleich eine Hommage an das Reisen mit der Eisenbahn!

Auch wir können bestätigen: Beim Reisen mit dem Zug gibt es unerwartete Momente und immer etwas zu erzählen. Erst kürzlich waren wir auf unserer Stammstrecke (ja, nicht nur Jaroslav Rudiš hat eine solche!) von Berlin nach Graz unterwegs und hatten ein ganz besonderes Eisenbahnerlebnis. Der Zug wurde aus Hamburg kommend fehlgeleitet und ist nicht am Bahnsteig Berlin Tief eingefahren, sondern oben auf der Berliner Ringbahn. Beim Eisenbahnspielen als Kinder hätten wir den Zug genommen und auf sein richtiges Gleis gestellt. Im wirklichen Leben meldete sich eine äußerst freundliche und hörbar verzweifelte Zugbegleiterin, die uns mitteilte, dass dieses Missgeschick uns nun eine unerwartete, einstündige (!) Berlinrundfahrt bescheren wird. Und schon ging es los – vorbei an der Museumsinsel und dem Fernsehturm zogen wir eine große Schleife weit in den Osten, plötzlich tauchte der Fernsehturm im gegenüberliegenden Zugfenster auf, wir fuhren durch uns unbekannte Stadtteile gen Norden und gelangten über den Bahnhof Gesundbrunnen genau auf jenen Bahnsteig, auf dem wir ursprünglich den Zug erwartet hatten. 33 Minuten dieser Verspätung hatten wir vor dem nächsten Stopp schon aufgeholt, den Rest nahmen wir mit bis Wien, wo das Umsteigen zum Nervenkitzel wurde. Nachdem wir den Anschluss buchstäblich auf die Sekunde genau erwischt hatten, nahmen wir im Speisewagen Platz, bestellten ein Bier und stießen an auf das verrückte Leben – und die Eisenbahn!

Andrea und Sigrid

Buchtipps:
Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen,
Jaroslav Rudiš, Piper Verlag
In 80 Zügen um die Welt,
Monisha Rajesh, Edel Books

Sprühender Jahreswechsel

Sprühender Jahreswechsel

Die Silvesterreise von WomenFairTravel in Norddeutschland ist gestern zu Ende gegangen, wir sind auf der Heimreise und so wie die Landschaft, die gerade am Zugfenster vorbeigleitet, kommen und gehen in mir viele Bilder, Gespräche und Begegnungen der letzten Tage. Zum vierten Mal schon haben wir den Jahreswechsel im Tangoflow im Kreis von Frauen verbracht, aber diesmal war es wirklich ganz besonders. Bis zuletzt haben wir gezittert, ob die Reise stattfinden kann, waren wir gespannt, ob alle Frauen kommen können. Neben unserem Tangokurs fand auch ein Schreibkurs mit der Schriftstellerin Traude Bührmann statt und so kam es zu spannenden Begegnungen und einer kreativ-unterhaltsamen Silvesternacht, in der wir das gemeinsame Feiern in vollen Zügen genossen. Und vielleicht haben wir uns gegenseitig inspiriert, denn die „Schreibfrauen“ haben begeistert getanzt und eine der Tänzerinnen hat dieses Gedicht verfasst und es uns zum Abschluss vorgetragen:

17 Frauen liefen auf,
nahmen Fahrzeiten in Kauf,
mit der Intention:
Ihr wisst es alle schon:
Wie man Tango lernen kann,
das geht bestens ohne Mann!

AdanzaS nennen sich die beiden,
die  uns alle Schritte zeigen;
klar und deutlich, sprecht elaboriert:
Ihr ladet ein, ins Thema führt.
Können, Witz und viel Humor
kommt in euren Worten vor.

Ihr korrigiert in feinem Ton:
„Sei stets bemüht um Projektion,
mit dem goldenen Faden wachse,
achte außerdem auf deine Achse.“
Seid nicht müde im Offerieren,
wie man kann den Schritt verzieren.

Mit Dank wir uns jetzt an euch wenden,
wir künftig atmen in die Lenden;
jetzt hoffen wir auf bessere Zeiten,
bis dahin üben wir das Schreiten.

Vielen Dank an die AdanzaS,
es war ein umwerfender Workshop.

I.A.Linde 2.1.22

Was sollte ich da noch hinzufügen, außer diesen Dank zurückzugeben, denn auch wir wurden reich beschenkt in diesen Tagen!

Sigrid

Ladies first!

Ladies first!

Im heurigen Jahr gab es in Graz eine großartige Ausstellung mit diesem Titel. Hier wurden bildende Künstlerinnen eines Jahrhunderts (1850 – 1950) aus der Steiermark vorgestellt. Künstlerinnen, die kaum bekannt sind, da sie in der Kunstgeschichte keine Erwähnung finden bzw. an den Rand gedrängt wurden. Und so erging es Frauen in vielen Bereichen, also auch den Frauen in der darstellenden Kunst und im Speziellen in der Geschichte des Tango Argentino. In diesem musikalischen Blogartikel sollen sie in der ersten Reihe stehen!

Tatsächlich waren die Frauen schon immer ein wichtiger Teil der Tangogeschichte, als Musikerinnen, Komponistinnen und Sängerinnen. Einen Platz auf den Bühnen bekamen sie erst als der Gesang an Bedeutung gewann, denn als Musikerinnen wurden Frauen in den „typischen“ Orchestern nicht aufgenommen. Manche schafften es trotzdem Aufmerksamkeit zu erlangen, wie z. B. Parquita Bernardo (1900 – 1925) als erste professionelle Bandoneonista. Von ihr selbst gibt es keine Aufnahmen, aber einige ihrer Werke wurden später unter anderem von Carlos Gardel oder Roberto Firpo aufgenommen und sind somit bis heute erhalten.

Eine Komponistin, die ebenso in der frühen Zeit des Tangos aktiv war, ist Rosita Melo. Sie gilt als erste weibliche Tangokomponistin, die weltweites Ansehen genoss und war eine Art Wunderkind. Denn schon mit 14 Jahren komponierte sie einen der erfolgreichsten Tangos überhaupt, den Vals Desde el alma aus dem Jahr 1917. Hier eine Version aus dem Jahr 1946 vom Orchester Francisco Canaro und gesungen von Nelly Omar, die als Sängerin 87 Jahre lang aktiv war.

Rosita Quiroga (1896 – 1984) war eine Volkssängerin, die von Ort zu Ort zog, Gitarre spielte und Lieder interpretierte. Eine Frau aus den Slums und die erste, die den Tango der Slums etablierte. Und die erste Frau, die für einen Rundfunksender arbeitete und Radioaufnahmen machte. Oime negro wurde von ihr komponiert und getextet, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1928.

Die wichtigste Tangosängerin der 1920er Jahre war Azucena Maizani (1902 – 1970). Sie trat viele Jahre lang in Männerkleidung auf und wurde auch als Schauspielerin zu einem internationalen Star. Und sie war, wie viele andere Tangosängerinnen, Komponistin. Der Tango Pero … yo sé aus dem Jahr 1928 ist ihr berühmtestes Werk.

Ebenfalls Schauspielerin und Sängerin,  vor allem bekannt durch ihre Interpretation von Tangos, war Libertad Lamarque (1908 – 2000). Sie gehörte zu den Ikonen der goldenen Ära des argentinischen und mexikanischen Kinos und gilt bis heute als die im Ausland erfolgreichste Schauspielerin Argentiniens. Der Vals Una vez en la vida stammt aus dem gleichnamigen Film von 1941.

Tita Merello (1904 – 2002) wuchs in einem Waisenhaus in Armut auf und beschloss eines Tages: Ich sollte eine große Schauspielerin in Buenos Aires werden! Ihre Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, sie drehte über 30 Filme und hatte 20 Theaterstücke uraufgeführt. Die Milonga Se dice de mi zählt zu ihren bekanntesten Stücken, hier in einem Filmausschnitt aus dem Jahr 1955.

Nun von den Sängerinnen wieder zu den Musikerinnen. Eine, der die Musik in die Wiege gelegt wurde, war Beba Pugliese. Sie wurde 1936 in die Musikfamilie Pugliese geboren – nicht nur ihr Vater Osvaldo, sondern auch der Großvater, die Tante (ihre Klavierlehrerin), mehrere Onkel und Cousins waren Musiker*innen. Sie selbst wird trotz des nicht immer leichten Erbes, das sie trägt, eine anerkannte Pianistin und Komponistin. Sie spielt in mehreren Orchestern bevor sie das ihres berühmten Vaters übernimmt und als Orquesta Beba Pugliese weiterführt.  Hier Memorias von ebendiesem gespielt.

Aktuell gibt es unzählige Frauen, die Tangos komponieren, als Musikerinnen interpretieren oder singen. Die drei folgenden Beispiele sind also nur eine kleine Auswahl aus der Vielfalt von Tangomusik, die heute von Frauen gemacht wird.

Beata Söderberg ist eine schwedische Cellistin. Sie begegnete dem Tango 1997 in New York, begann zuerst zu tanzen und sich dann mit der Tangomusik zu beschäftigen. Sie komponierte erste Tangos als Fusion zwischen der Melancholie der skandinavischen Volksmusik und der Leidenschaft des argentinischen Tangos, aufgepeppt mit ein bisschen Jazz. 2004 ging sie nach Buenos Aires, gründete eine Band und nahm die ersten Tangoplatten auf. Hier zu hören Está loca mit ihrem Quintett bestehend aus klassischen Tangoinstrumenten, aber dem Cello als Führungsstimme.

Wir bleiben in Skandinavien, bei Las chicas del Tango aus Finnland. Das sind drei junge Frauen (Akkordeon, Klavier und Gesang), die in ihren Kompositionen finnischen Tango mit Klassikern des argentinischen Tangos verbinden oder argentinische Poesie vertonen, wie hier das Gedicht Un sol von Alfonsina Storni.

Den Schlusspunkt setzt das kosmopolitische Damenorchester Sciammarella Tango  bestehend aus Musikerinnen aus verschiedenen Ländern, die sich in Buenos Aires niedergelassen haben und dort in renommierten Symphonie- und Tangoorchestern spielen. Ihr Album Tangos Franco-Argentinos aus dem Jahr 2018 ist der Verbindung von Frankreich und Argentinien durch den Tango gewidmet, etwa, in dem der klassische argentinische Tango Comme il faut französisch gesungen wird.

Andrea

Die Weite suchen

Die Weite suchen

Es ist schon verrückt: da geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, just zu einer Zeit, in der dieses Glück so gar nicht angebracht erscheint. Weil die Umstände scheinbar nicht passen, weil es fast zynisch wäre, gerade jetzt in diesem Artikel davon zu erzählen, weil einfach alles so skurril ist in diesen Tagen. Wovon ich eigentlich rede? Davon, dass wir seit vielen Jahren, wenn wir Ende November mit TANGO AM MEER hier in Opatija sind, eine ganz besondere Wanderung machen und davon berichten wollen, aber dieser Wunsch bisher nie realisiert werden konnte. Jetzt sind wir gerade wieder hier im Hotel Miramar – und wir haben den Vojak bestiegen! Aber können wir in diesen Tagen darüber einen Blogartikel schreiben? Während zu Hause in Österreich nicht nur das Wetter novembernebelgrau, sondern auch die Stimmung der Menschen am Tiefpunkt ist? Während Europa mitten in der vierten, dieser nicht mehr erwarteten, Coronawelle gefangen ist und die Gefühle hin- und herspringen zwischen Traurigkeit, Wut und Sorge? Ja, ich kann und will gerade jetzt von diesem Tag im Paradies erzählen, um nicht zu vergessen, dass es auch das noch gibt: Glück, Dankbarkeit, Schönheit!

Der Vojak ist mit 1400 Metern die höchste Erhebung im Učka-Gebirge und zugleich der höchste Berg Istriens. Von Opatija aus sind wir zuerst mit unserem kleinen Fiat mehr als 900 Höhenmeter auf den Poklon-Pass gefahren. Es war ein strahlend schöner Herbsttag, ja, wir hatten ordentlich Sonnencreme aufgelegt, und sind gleich losgewandert. Der Weg führte – wie zuerst die Straße – in unendlich vielen Serpentinen durch einen lichtdurchfluteten Buchenwald. Die silbergrauen Baumstämme, dahinter der blaue Himmel, die weißen Kalkfelsen dieser Karstlandschaft und ein Teppich aus Buchenblättern wirkten als Gesamtbild entrückt, unwirklich, fast wie eine Theaterkulisse. So schön es war, den Blick schweifen zu lassen, wir mussten auf den Boden schauen und jeden Schritt behutsam setzen, denn die Blätter raschelten nicht nur, sondern waren ein äußerst rutschiger Untergrund. So merkte ich bald, dass dieses Gehen dem Gehen im Tango sehr ähnlich war: jeden Schritt bewusst zu setzen und ihm die volle Aufmerksamkeit zu widmen, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Nach 1 ½ Stunden Gehzeit und weiteren 500 Höhenmetern erreichten wir den Gipfel mit dem kleinen Aussichtturm aus Stein. Also sind wir noch einige Stufen hinaufgestiegen und dann – ein 360° Rundblick zwischen Meer und Land: Vom Triglav über die Karnischen Alpen und die Gipfel der Dolomiten über ganz Istrien hinweg zu den Inseln der Kvarner Bucht, dem Velebit-Gebirge bis Rijeka! Nicht nur die Schönheit war überwältigend, sondern vor allem dieses Gefühl der Weite. Bei all der Enge, die wir seit 20 Monaten erleben, bei der Ungewissheit wie es weitergehen wird, bei der Erfahrung, dass es nötig ist, unsere Freiheit zu begrenzen, diesen Moment zu erleben, war beinahe magisch und auf jeden Fall unendlich wohltuend.

Beim Abstieg wurde mir klar, dass wir trotz allem diese Momente suchen und finden können, dass sie uns – vielleicht zu einem nicht erwarteten Zeitpunkt – geschenkt werden! Für uns war es diese Wanderung auf den Vojak, aber es könnte auch ein ganz anderer Ort sein.

Sigrid