So schön alt!

So schön alt!

Altes übt auf mich Faszination aus, egal ob alte Häuser, alte Autos,  alte Möbel, Antiquitäten aller Art, Kleidung aus zweiter Hand, … die Spuren der Zeit sind es, die mich interessieren. Für mich erzählen die alten Dinge eine Geschichte. Wenn ich sie sehe, frage ich mich immer, was sie schon alles gesehen und erlebt haben, wo sie schon überall waren, mit welchen Menschen sie in Berührung kamen, und lasse meine Phantasie spielen.

So haben wir auch am vergangenen Wochenende in Ulm, wo wir für Auftritte waren, den Bummel durch die Altstadt sehr genossen. In den kleinen Gassen mit den alten Fachwerk- bzw. Sgraffitihäusern wandert der Blick immer wieder nach oben bis in die Spitzen ihrer hohen Giebel.

Aber auch auf ebener Erde ziehen die schön erhaltenen alten Holzportale die Blicke auf sich. In einer Auslage entdecken wir alte Taschenuhren, und gleich daneben lädt eine Second-Hand-Boutique zum Eintreten ein. Second-Hand-Läden haben es uns überhaupt angetan, in jeder Stadt finden wir sie, suchen wir sie, fallen hinein, um zu schmökern, und fast immer nehmen wir auch etwas mit, so wie hier. Diese Boutique ist ein ganz besonderes Juwel, bis ins kleinste Detail liebevoll gestaltet. Die ehemalige Hutmacherei bietet jetzt nicht nur Hüten, sondern auch Kleidern, Schuhen, Taschen, Schmuck, Tüchern, … Platz. Alles sehr ausgesuchte Stücke, schön präsentiert! In zwei geräumigen Umkleiden kann frau probieren, ob das was gefällt, auch passt. Eine schöne alte Dame beantwortet als Verkäuferin bereitwillig alle Fragen und auch die Besitzerin lässt sich gerne auf einen Plausch ein. Ein Besuch bei Claudine ist auf jeden Fall ein Erlebnis.

Wir lassen uns weitertreiben durch die Gassen und als sich langsam der Hunger meldet, kommen wir gerade bei Fräulein Berger vorbei. Diese Konditorei passt ja perfekt zu unserem Bummel auf den Spuren der alten Dinge. Die Sitzgruppen aus unterschiedlichen alten Möbeln laden sofort zum Verweilen ein. An den Wänden Bilder von Frauen aus den 20er- und 30er-Jahren, ein altes Kofferradio, auf jedem Tisch eine andere Zuckerdose, schon wieder so viel zum Schauen. Aber auch das, was wir serviert bekommen, macht zufrieden, liebevoll arrangiert und köstlich. Gut gestärkt machen wir uns also wieder auf den Weg, denn wir müssen uns rüsten für unsere Auftritte.

Und es könnte gar nicht besser passen, denn in unserem Stück Encuentro schlüpfen wir als Herrendarstellerinnen in Kostüme der 30er-Jahre. Ich ausgerüstet mit Hut, Taschenuhr und Zigarre, Sigrid mit Hosenträgern und Kappe, entführen wir unser Publikum nicht nur in die Welt des Tango Argentino sondern auch in eine andere Zeit. So schließt sich der Kreis dieses wunderschönen Wochenendes in Ulm.

Andrea

 

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Entdeckungen und Liebesgeschichten

Wir lieben den Tango. Und wir lieben Berlin. Da liegt es nahe, zu einem Tangofestival nach Berlin zu reisen. Und bei dieser Reise haben wir erlebt, wie spannend es ist, an dem oder der Geliebten immer wieder Neues zu entdecken!

Wir haben diesmal in Alt-Moabit gewohnt und somit einen neuen Teil der Stadt kennengelernt. Gleich am ersten Vormittag sind wir entlang der Spree im Tiergarten spaziert, vorbei am Haus der Kulturen und dem neuen Glockenturm gelangten wir zum Platz der Republik. Man könnte diesen Winkel der Stadt als Zentrum der Macht bezeichnen, stehen hier doch auf engem Raum das Bundeskanzleramt, der Bundestag mit seinen drei Parlamentsgebäuden und der alte Reichstag. Die Symbolik spielt in dieser Architektur eine große Rolle: eine Brücke über die Spree innerhalb des Parlaments- und Regierungsviertels verbindet nun die beiden Hälften der einst geteilten Stadt. Und die Kombination aus alten Gebäuden und moderner Architektur, das Zusammenspiel von alt und neu war für mich Spiegel für den Parlamentarismus, auf dem unsere Demokratien basieren: Verbindungen zu suchen, auf Altem aufbauen, um neue Wege zu gehen, ist wohl die hohe Kunst der Politik. Und bei all der Kritik an aktuellen politischen Umständen wird der Wert dieses Parlamentarismus allzu oft vergessen.

Für die Mittagsrast fanden wir an diesem Tag ein kleines Kaffeehaus, ebenfalls direkt an der Spree nahe dem Bahnhof Friedrichstraße. Das Zimt  & Zucker möchte die Wiener Kaffeehauskultur lebendig halten, für mich war es eher wie ein Bistro in Paris. Alte Holzmöbel, liebevolle Details bestimmen die Atmosphäre und die Auswahl an Köstlichkeiten ist groß. Das Parfait aus Erdnüssen, Schokolade und gesalzenem Karamell war ein einziger Genuss! Kein Wunder, dass das Lokal sehr beliebt ist und so fanden wir bei einem zweiten Besuch leider keinen Platz und ließen uns weitertreiben.

Auch im Tiergarten haben wir ein neues Eck entdeckt: den Englischen Garten mit dem Englischen Teehaus. Auf Vorschlag des britischen Stadtkommandanten spendeten König Georg VI.  und die englische Bevölkerung 5000 Bäume und so wurde 1952 aus diesem Teil des verwüsteten, baumlosen Tiergartens eine Parkanlage.  Als Berlin dann von der Mauer umgeben war, war der Tiergarten als Erholungsbereich für die Menschen von großer Bedeutung und das Teehaus ein beliebter Freizeitort – im Sommer mit lauschigen Plätzchen im Park und im Winter im Restaurant mit Kamin. Heute wird das Teehaus mit seinem Selbstbedienungsbereich im Biergarten und dem Restaurant von Familien beim Radausflug ebenso besucht wie von elegant gekleideten Damen und Herren beim Spazieren und Flanieren.

Der Mittelpunkt unserer Berlinwoche war aber ein Ort, den man gewöhnlich nur bei der Ankunft und der Abreise aufsucht – der Hauptbahnhof. Dort fand das Contemporary Tango Festival statt und dieses hat uns nach Berlin gelockt. Eine Woche lang wurde im öffentlichen Raum Tango getanzt, während der Bahnhofsbetrieb wie gewohnt ablief. So mischten sich die Tanzenden mit den Reisenden, so gab es überraschte Blicke und spontane ZuschauerInnen. Eine großartige Atmosphäre, zugleich sehr offen und extrem dicht. In die Tangoklänge mischten sich die Lautsprecherdurchsagen, während des Tanzens mussten wir plötzlich einem Koffer ausweichen und Menschen Platz machen, die es eilig hatten, um ihren Zug zu erreichen. Und dabei zeigte sich wiedermal, wie sehr der Tango im öffentlichen Raum zu Hause ist, wie er mit dem Alltag verschmelzen kann und sich mitten im Trubel seinen Platz sucht.

Contemporary Tango bedeutet aber auch, dem Tango ganz neu zu begegnen, ihn in vielen Facetten zu erleben und seine Vielfalt zu zelebrieren. Zum Beispiel den Tanzstil des Tango Nuevo zu sehen, der viel freier und extrovertierter ist als unsere Art zu tanzen. Oder zu großartiger Livemusik zu tanzen, die Anklänge von anderen Musikrichtungen in den Tango hereinnimmt, diese mit dem Tango verschmilzt und so ganz Neues entstehen lässt. Besonders fasziniert waren wir von Judith Brandenburg und ihrer Formation La  Bicicleta. Sie spielten nicht nur einige Sets, zu denen zu tanzen der reinste Genuss war, sondern gestalteten auch die Show jenes Abends mit. Üblicherweise tanzt dabei ein Paar einige Tangos, diesmal aber gab es eine Fusion von asiatischer Kampfkunst und dem Tango: ein Shaolinmönch und eine Tanguera begegneten sich, improvisierten gemeinsam zur Livemusik, eine unglaubliche Dichte und Spannung entstand auf der Tanzfläche und zwischen diesen fünf Menschen. Wir waren wie verzaubert!

Auch die DJs und DJanes öffneten die Welt des Tangos, wenn wir zu Nontango, also nicht zu Tangomusik tanzten. Da gab es spanische Gitarrenmusik ebenso wie Filmmusik, Frank Sinatra und elektronische Klänge bis hin zu Edith Piaf. Einiges davon war sehr schräg und ungewohnt, anderes äußerst ansprechend und wunderbar zu tanzen.

Tango an sechs Abenden, intensiv und dicht, mit müden Füßen und erfüllten Herzen. Tango immer wieder neu und anders, und wie so oft bei langjährigen Liebesgeschichten flammt plötzlich dieses neue Verliebtsein auf, dieses Hingerissen sein, dieses nicht genug bekommen können. Dennoch irgendwann müde schlafen zu gehen und beglückt aufzuwachen, um der zweiten Liebe zu frönen und sich tagsüber einfach durch Berlin treiben zu lassen. Eigentlich zu schön, um es beschreiben zu können …

Sigrid

 

Ein Dorf an der Grenze und die Kunst

Ein Dorf an der Grenze und die Kunst

Wenn wir für unsere Workshops oder Auftritte unterwegs sind, werden wir immer wieder gefragt, wo wir leben. Und wir sind immer wieder erstaunt, wie vielen Menschen unsere Gemeinde, oder genauer gesagt das Künstlerdorf Neumarkt, ein Begriff ist. Es ist also schon lustig, wenn wir erzählen, dass wir im „letzten Eck“ Österreichs leben und dann zu hören bekommen, dass man dieses eh kennt. Nun, ein Eck ist es ja wirklich, nämlich das Dreiländereck Österreich-Ungarn-Slowenien. Aber gerade dieses abgeschiedene Grenzgebiet war ideal, um ein Anziehungspunkt für KünstlerInnen zu werden. Wie kam es dazu?

Am Anfang, und das waren die 60er Jahre, gab es in Neumarkt ein altes Bauernhaus, das abgerissen werden sollte. Und es gab ein paar Leute, die dieses alte Bauwerk erhalten wollten. Sie konnten den damaligen Landeskonservator, Alfred Schmeller, sofort für ihr Anliegen gewinnen. Dieser hatte die Idee, daraus ein Atelierhaus als Künstlerresidenz zu machen. So wurde zunächst ein Verschönerungsverein zur Rettung des alten Gebäudes gegründet, aus dem später der Kulturverein wurde. Nach dreijähriger Renovierung wurde 1968 das Künstlerrefugium eröffnet, ein Fest, bei dem das ganze Dorf mit gefeiert hat.

Die ersten KünstlerInnen, die diesen Rückzugsort nutzten, ließen nicht lange auf sich warten. Einer der ersten war Johannes Wanke, der Meister des Holzschnittes. Er beschrieb die Gegend hier so: „Im Sommer Sahara, im Winter Sibirien.“ Extreme also, die aber anscheinend anzogen. „Die Abgeschiedenheit und das Klima bedingen die Anziehungskraft dieser Reizgegend“, heißt es im Buch Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab, das von Petra Werkovits und Peter Vukics herausgegeben wurde. Hier konnte man ungestört arbeiten, es lenkte nichts ab, alles konzentrierte sich auf die Arbeit, schöpferische Einsamkeit war möglich.

So kamen im Laufe der Jahre ein weiteres Atelierhaus und andere Gebäude dazu und das Künstlerdorf wurde ein Ort, an dem sich die Créme de la Créme der österreichischen Kunstszene die Türklinke in die Hand gab: Christian Ludwig Attersee, Walter Pichler, Martha Jungwirth, Elfie Semotan, Peter Handke, um nur einige zu nennen. Letzterer hatte sich in Neumarkt eingemietet, um das Konzept für seinen Roman Die Angst des Tormanns beim Elfmeter zu erarbeiten. Auch ihn hatte diese Gegend sehr inspiriert, denn „dieses Buch ist ja eine der schönsten geografischen Beschreibungen von Neumarkt und Jennersdorf“ (Zitat von Peter Sattler).

Einer, dessen Name ganz eng mit dem Künstlerdorf verbunden ist, ist Edi Sauerzopf. Seine Zeichnungen bilden sozusagen eine bildliche Chronik dieses Ortes. Und er war es auch, der die Idee für die Sommerkurse hatte. Im Jahr 1971 gab es zum ersten Mal einen „Sommerkurs für werkgerechtes Gestalten“ mit sieben Teilnehmern. Im zweiten Jahr waren es schon zwanzig und so wurde die Angebotspalette erweitert.

Seither finden jährlich Sommerkurse statt. Die heurige Sommerakademie bietet bzw. bot sechs Wochen lang Kurse zu Malerei und Zeichnung, Drucktechniken, Bildhauerei und Plastisches Gestalten, Fotografie, Musik, Tanz und Schreiben an. Auch Kurse für Kinder waren im Programm. Und im Bereich Tanz gibt es erstmals Tango Argentino. Wir freuen uns schon sehr auf diese Woche mitten im August, Tango vom Solo ins Paar ist das Motto, und der Kurs so gut wie ausgebucht. Wir werden also die Dorfgalerie mit Tangomusik füllen und ausgiebig betanzen.

Dass das Künstlerdorf und darin die Kunst immer noch leben und gedeihen, ist der jetzigen Obfrau des Kulturvereins, Petra Werkovits, zu verdanken. Sie organisiert mit ihrem Team nicht nur die Sommerakademie, sondern auch Ausstellungen, Lesungen und Konzerte das ganze Jahr hindurch. Wir besuchen diese Veranstaltungen, wann immer es der Zeitplan erlaubt, gerne, denn hier finden wir Kunst von hoher Qualität, noch dazu vor der Haustür, und interessante Begegnungen. Gerade auch weil es ein Ort für künstlerischen Austausch ist, ist er weit über das Burgenland hinaus bekannt.

So möchte ich diesen Beitrag mit einem Satz aus dem Programmheft der Sommerakademie beenden:
Der Genuss der Einfachheit hat sie (die KünstlerInnen) das Wesentliche spüren und Großartiges erschaffen lassen.

Andrea

Verwendete Literatur:
Das Künstlerdorf Neumarkt an der Raab, herausgegeben von Petra Werkovits und Peter Vukics, Residenz Verlag

 

4 Frauen und der Tango

4 Frauen und der Tango

Vor ein bisschen mehr als einem Jahr sind wir uns zum ersten Mal begegnet, und es war schnell klar, dass der Tango uns verbindet und dass wir gemeinsam den Tango auf die Bühne bringen wollen – mit Musik, Gesang und Tanz.
Lisa, die Sängerin, kontaktierte uns, nachdem sie ein Posting von uns gesehen hatte. Sie und Christine, die Bandoneonspielerin, bilden gemeinsam das Duo Chantoneon. Schon nach einer kurzen  Beschreibung ihrer Kunst waren wir fasziniert und vereinbarten kurzerhand ein Treffen in Lisas Gesangstudio in Graz. Der herzliche Empfang, die schöne Altbauwohnung mit dem schwarzen Flügel, die beiden sympathischen Frauen, eine Kostprobe ihrer Kunst – da wussten wir, das ist eine dieser Begegnungen, aus der eine wunderbare Zusammenarbeit entstehen kann.

So folgten gleich die nächsten Treffen, sowohl privater Natur, um uns kennen zu lernen, als auch erste gemeinsame Proben. Es fiel uns von Anfang an leicht, zu Lisas Gesang und Christines Bandoneonspiel zu tanzen. Sie als Duo waren ja schon „zusammengespielt“ und nun fügten wir uns noch mit unserem Tanz ein. Zu Livemusik zu tanzen, ist für uns immer ein ganz besonderes Erlebnis – irgendwie noch viel unmittelbarer und intensiver. Und der Dialog, den wir tanzend führen, erweitert sich noch auf einen Dialog mit Musikerin und Sängerin.

Heuer im Frühjahr machten wir uns dann daran, ein Konzept für einen gemeinsamen Auftritt zu entwickeln. Ideen sammeln, ein Programm zusammenstellen, organisatorische Besprechungen, Requisiten und Outfits festlegen, extra Proben und gemeinsame Proben, … und Anfang Juni war es dann so weit. Beim Zinzengrinsen, einem Straßenfest in der Zinzendorfgasse in Graz, hatten wir die Gelegenheit für unseren ersten gemeinsamen Auftritt. Für Lisa und Christine war es der erste Auftritt auf der Straße und für uns der erste Auftritt zu Live-Musik. Also eine Premiere in vielerlei Hinsicht, die uns allen großen Spaß gemacht und, ich denke, auch das Publikum begeistert hat.
Lisas Feststellung nach diesem Auftritt: „Wir sind jetzt eine Band!“, macht deutlich, dass noch viele gemeinsame Auftritte folgen werden, auf die wir uns schon jetzt freuen.

Andrea

 

Die 4 Frauen sind:

Lisa Cristelli, Gesang, www.alphastimme.com

Christine Swoboda, Bandoneon, www.feelfreeyoga.at

Andrea Tieber und Sigrid Mark, Tanz

 

Mi Buenos Aires querido

Mi Buenos Aires querido

Dass die Menschen in Buenos Aires ihre Stadt lieben, haben wir in unserer Zeit dort auf vielfältige Weise erlebt. Nun aber wurde diese Erinnerung beim Workshop SOLO TANGO II wachgerüttelt, denn eine Teilnehmerin, ich nenne sie hier Sonja, war eine Portena. „HafenbewohnerInnen“ nennen sie sich, die Menschen, die in Buenos Aires geboren sind und Buenos Aires im Herzen tragen.

Sonja war schon im Jänner bei einem SOLO TANGO Wochenende in der GEA Akademie und sie ist mir gleich am ersten Abend aufgefallen, weil sie bei allen alten, klassischen Tangos die Texte mitgesungen hat. Und bei ihrem Tanz war sofort zu merken, dass sie zwar die Tangotechnik, die Art der Tangoschritte nicht kennt, aber den Rhythmus spürt und tanzt. Bald kamen wir ins Gespräch und sie erzählte, dass sie in Buenos Aires geboren sei und dort bis zu ihrem 24. Lebensjahr gelebt habe, aber noch nie Tango getanzt hat. Und damit sind wir schon mitten in ihrer Geschichte, die zugleich die Geschichte einer ganzen Generation von Portenas und Portenos ist. Also mal langsam und schön der Reihe nach:

Ihre Großeltern väterlicherseits sind 1933 wie so viele andere aus Deutschland ausgewandert. Ihr 6jähriger Sohn war mit an Bord des Schiffes, das sie nach Buenos Aires brachte. Auch ihre Mutter ist das Kind deutscher Auswanderer, wurde aber bereits in der „Neuen Welt“ geboren. Ihre Geschichte bleibt wie die der Zehntausenden anderen, die von Europa aufgebrochen sind mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, im Dunkeln. Die meisten von ihnen kamen aus Italien, dann folgte Spanien und schon an dritter Stelle steht Deutschland. So erstaunt es auch nicht, dass es in einigen Stadtvierteln von Buenos Aires deutsche Gemeinden und mehrere deutsche Schulen gibt. Sonja besuchte eine dieser deutschen Schulen, ging zur Konfirmation und lebte als Jugendliche in der Stadt des Tangos – die in den späten 1970er und frühen 1980ern keineswegs die Stadt des Tangos war! Sie erzählt, dass der Tango für sie als Jugendliche überhaupt keinen Reiz hatte. Tango – das war etwas für die Alten! Sie und ihre FreundInnen tanzten Ballroom oder Rock’ n Roll, aber doch nicht Tango! Und wirklich, auch wir haben in Buenos Aires erfahren, dass es da eine ganze Generation gibt, die nie einen Zugang zum Tangotanzen gefunden hat und die auch heute, als Erwachsene 50+ , nicht Tango tanzen können oder wollen. Aber das heißt dennoch nicht, dass sie mit dem Tango nicht vertraut wären! Wie schon eingangs gesagt, Sonja kennt die Texte vieler alter Tangos, singt sie mit und hat den Tangorhythmus im Blut.

Als Sonja 24 Jahre alt ist, verlässt sie Buenos Aires und geht zu ihrem Bruder nach Deutschland, bleibt dort viele Jahre, heiratet später einen Österreicher und lebt nun schon jahrzehntelang hier. Manchmal taucht der Wunsch auf, das Tangotanzen zu lernen, aber ihr Mann kann mit dieser Musik überhaupt nichts anfangen und so gab es für sie nie die passende Gelegenheit. Bis Sonja im brennstoff, der Zeitung von GEA mit dem Programm der GEA Akademie, von SOLO TANGO liest und sich sofort für einen Workshop anmeldet. Bei diesem ersten Wochenende ist sie immer wieder zu Tränen gerührt. Sie dankt uns, dass wir ihr einen Zugang zum Tango erschlossen hätten, nach dem sie sich so gesehnt habe. Und wir? Wir danken ihr, denn durch ihr Dabeisein wurde dieses Workshopwochenende enorm bereichert und wir reichlich beschenkt! Wir erleben bei ihr den Humor, den wir bei den Menschen in Buenos Aires so geschätzt haben und diese unglaubliche Herzlichkeit. In ihrer offenen Art erzählt sie uns und den TeilnehmerInnen immer wieder von „ihrer Stadt“ und dadurch werden die Musik, der Tanz, die Stimmung des Tangos noch viel greifbarer.

So hat es uns nicht wirklich erstaunt, aber enorm gefreut, als wir sahen, dass Sonja sich zum Aufbauworkshop angemeldet hatte. Und all das, womit sie den ersten Workshop bereichert hatte, intensivierte sich noch: Um Argentinien in den Tanzraum zu holen hat sie eine ganze Reisetasche voller Gegenstände mitgebracht: angefangen von einem Poncho, wie die Gauchos ihn tragen, über Bücher und Bildbände, allem, was ein argentinischer Fußballfan so braucht bis hin zum Mate und zum argentinischen Wein! Und sie erzählt und erzählt und erzählt … und den Wein spendiert sie der ganzen Gruppe bei unserer GEA-Milonga, dem Tanzabend am Samstag! Zu später Stunde fragt sie mich dann, ob wir den Tango Mi Buenos Aires querido spielen könnten.  Ich wähle eine Originalaufnahme aus dem Jahr 1934 und Sonja tanzt und singt gemeinsam mit Carlos Gardel:

Mi Buenos Aires querido                                             Mein geliebtes Buenos Aires
Cuando yo te vuelva a ver                                          am Tag, an dem ich dich wiedersehe

No habrá más penas ni olvido                                  wird es kein Leid und keine Achtlosigkeit mehr geben

Irgendwann an diesem Wochenende sagte sie, dass sie all die Jahre vielleicht deshalb so eine Sehnsucht nach dem Tango hatte, weil sie schon so lange so weit weg von Buenos Aires lebt. Aber ich meine, es ist nicht nur das. Es ist diese Kraft der Tangomusik, die tief in ihr geschlummert hat und die nun einen Weg gefunden hat, um gelebt zu werden. Und wir sind unbeschreiblich glücklich darüber, dass wir dabei ein wenig Geburtshilfe leisten konnten …

Sigrid

 

Ulm feiert den Tanz!

Ulm feiert den Tanz!

Das wunderbare Frühlings- und Vollmondwochenende war gerade richtig, um auf den Straßen und Plätzen dieser schönen Stadt zu tanzen. Ulm hat ein ganz besonderes Flair durch die Kombination von sehr alten, geschichtsträchtigen Bauten mit moderner Architektur, durch seine Lage an der Donau mit dem schönen Donauufer und durch die vielen netten kleinen Plätze, die zum Verweilen einladen. Wir genossen eine private Stadtführung mit Anita Schlesak, einer Journalistin aus Ulm, die uns zu diesem Workshopwochenende eingeladen hatte.

Anita hatten wir vor mehr als einem Jahr beim Reiseleiterinnentreffen von WomenFairTravel kennengelernt, denn sie bietet Reisen in die Sahara an – mehr dazu auf http://www.wüstenliebe.de . Nachdem in Ulm der WeltTanzTag am 29. April jedes Jahr ziemlich groß begangen wird, hatte sie die Idee, an diesem Termin einen SOLO TANGO Workshop zu organisieren. So tanzten wir mit den TeilnehmerInnen an diesem besonderen Wochenende nicht nur im Tanzstudio sondern auch am Münsterplatz. Aber auch zwischen den Tanzeinheiten lockte uns das schöne Wetter ins Freie, z. B. zu einem Picknick im Park. Die Begegnungen und Gespräche, das gemeinsame Genießen und Tanzen führten zu einem sehr schönen und intensiven Gruppenerlebnis.

Als Abschluss dann noch Teil des WeltTanzTages zu sein war einfach großartig,  zu erleben wie die Altstadt von Ulm zur Bühne wurde für TänzerInnen aller Sparten und aller Altersgruppen. Aber die Bilder vermitteln die Stimmung dieses Tanzfestes wohl besser als alle Worte.

So bleibt uns nur noch, ein großes DANKE nach Ulm zu schicken, an Anita für die Einladung und die herzliche Begegnung, an Guido Gerlach für einige der wunderschönen Fotos vom Münsterplatz und an die TeilnehmerInnen dieses Workshops!
Irgendwie sagt unser Gefühl, dass wir nicht das letzte Mal in Ulm waren!!!

Andrea und Sigrid

 

Wien again

Wien again

Wien im Frühling! Nachdem es bei unserem letzten Besuch hier noch Schnee und eisigen Wind gab, genießen wir diesmal Sonne und laue Luft. Alles strömt ins Freie und bevölkert die Parks, Eisdielen und Schanigärten. Auch am Abend ist es noch angenehm warm, um zu flanieren oder sich die Live-Übertragung aus dem Opernhaus anzusehen. Einfach eine wunderbare Stadtatmosphäre!

Der Grund unseres Wienbesuchs war diesmal eine interessante Veranstaltung: Open house zur Eröffnung von Lillis Ballroom. In den Stadtbahnbögen am Donaukanal gibt es hier Tanz- und Begegnungsräume für blinde, sehbeeinträchtigte und sehende Menschen. Das Ziel der Initiatorin und Betreiberin Lilli Beresin ist Tango, Samba, Merengue, … zu spüren – tanzen durch und mit Awareness. Wir haben an diesem Eröffnungsnachmittag drei Workshops (Tango, Rhythmus und Vals criollo) besucht und konnten das erleben. Eine Tanzschule der besonderen Art!

Für die Übernachtung an diesem Wochenende hatten wir uns auch eine besondere Bleibe ausgesucht, nämlich den Schlafsaal im Hotel Grand Ferdinand. In dem Luxushotel am Ring, das zu den Weitzer Hotels gehört, kann man um 30 € pro Nacht ein Bett buchen. Im sogenannten Schlafsaal gibt es Platz für 8 Personen. Kronleuchter und Stockbetten aus Mahagoniholz erzeugen das mondäne Flair des Orient Express, übertragen auf dieses Ringstraßenhotel. Für alles Praktische gibt es persönliche Schließfächer, eine Schlafsaalordnung, die man beim Einchecken unterschreiben muss, einen großzügigen Waschbereich, 2 WCs und 2 Duschen. Wir haben es sehr angenehm empfunden, es war alles sauber, die MitbewohnerInnen rücksichtsvoll und die Betten äußerst bequem. Das Einzige, das nicht ganz funktioniert hat, war die Vergabe der Schließfächer, so hatten wir zu zweit nur ein Schließfach zur Verfügung. Da wir diesmal nicht viel Gepäck hatten, war es kein Problem. Ansonsten haben wir auch die Annehmlichkeiten des Hotels genossen, wie ein Mittagessen im dazugehörigen Restaurant Meisl & Schaden oder den Ausblick von der Grand Etage über die Dächer von Wien. Das Rooftop Pool darf man übrigens auch als Schlafsaalgast benutzen. Es war sicher nicht das einzige Mal, dass wir hier übernachtet haben!

Am Sonntag gab es dann noch eine andere Attraktion am Ring – die Friedensbim 2018 war in ihrer 4. Ausgabe unterwegs. Am Nachmittag drehte sie mehrere Runden auf der Wiener Ringstraße und man konnte an allen Haltestellen zu- und aussteigen und kostenlos mitfahren. Unter dem Motto „Der Frieden braucht dich“ gab es viel Freude, viele lächelnde Gesichter und viele Menschen, die beides mitbrachten. Live-Musik und Clownerie in der Bim trugen auch das Ihre dazu bei. Es war schön, als Fahrgast ein Teil dieser Idee zu sein!

So ging ein Wochenende mit unvergesslichen Eindrücken zu Ende und auf der Heimfahrt im Zug konnten wir es noch nachklingen lassen.

Andrea