Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Der August war für uns keine Urlaubs- sondern mit zwei Kurswochen eine intensive Arbeitszeit. Den Anfang machte die Tangowoche Vom solo ins Paar im Künstlerdorf Neumarkt hier im Südburgenland. Wir haben das Konzept mit Solo Tango an den Vormittagen, Tango im Paar an den Nachmittagen und an den Abenden die Möglichkeit zum freien Tanzen verfeinert. In diesen Kurswochen gibt es eigentlich nur Tango, Essen, Schlafen und schöne Begegnungen. Danach sind wir ziemlich erschöpft, wir haben viel gegeben und sind erfüllt von all dem, was wir zurückbekommen. Immer wieder erreichen uns nach den Kursen Mails mit Rückmeldungen der Teilnehmer*innen, die uns beglücken und dankbar machen. In diesem Blogartikel möchte ich sie – anonym – zu Wort kommen lassen.

… Ich wollte mich nochmals bei euch bedanken, ich habe auch im Nachhinein bemerkt, wie gut dieses tägliche Tangosolo-Training war, es hat sich einfach in den Körper eingeschrieben und dann läuft es auf der Milonga im Paar natürlich viel besser. Ich habe mir jetzt angewöhnt, in der Wohnung auch mal zwischendrin ein bisschen Tangosolo zu machen! 

… Ich habe das Gefühl, ihr habt in den Tagen echt alles gegeben. Das hat nicht nur mit Tanz-Haltung zu tun, sondern mit euren Persönlichkeiten. So engagiert, wie ihr unterrichtet, aber auch als einzelne Frauen und als Paar präsent seid, ist sehr besonders.

Die meisten Feedbacks betreffen Solo Tango – nicht nur nach der Solo Tango Sommerwoche, die es heuer zum zweiten Mal in der GEA Akademie im Waldviertel gab, sondern auch nach vielen anderen Workshops. Das Gehen und die aufrechte Haltung werden hier immer wieder genannt:

… Ich vermisse das morgendliche Gehen – welche hätte das gedacht!  Gehen und sonst nichts tun.  Das hat mir sooo gut getan!

Tangoschritte erden — das brauche ich 😉

… Eigentlich hatte ich ja nicht damit gerechnet, dass mir das Tanzseminar so zusagen wird! Mittlerweile verstehe ich auch, dass ihr den Tag gleich mit ein paar Tangos beginnt. Hatte ja selber schon am vorletzten und letzten Seminartag nach dem Aufwachen Tangomusik im Kopf. Als ich aber am Samstag im Supermarkt den Einkaufswagen im Tangoschritt geschoben habe, überlegte ich mir schon, ob ich mich davon nicht wieder „entwöhnen“ sollte!?😄

Auch heute noch, eben auf der Hunderunde, bewege ich mich im Tangoschritt.

… TANGO hilft dabei den Weg zu gehen. Ganz im Hintergrund wirkend.
Ich werde es bewusst einsetzen für mich
IM EIGENEN TEMPO
MIT ERHOBENEM HAUPT
MIT DER MÖGLICHKEIT ZUR FREIEN ERNTSCHEIDUNG

Ich habe gelernt, Haltung zu bewahren und gehe jetzt aufrechter und traue mich mehr aufzuschauen, das habe ich in der jetzigen Lebensphase gebraucht!

… Euer Workshop war mehr für mich als „nur“ tanzen, es war auch Inspiration für eine neue Körper- und vermutlich auch Lebenshaltung!

Vorerst schreite ich nur mit erhobenem Haupte vom Arbeitsplatz zum Drucker und wieder zurück, aber ich studiere schon den Tangokalender!

Dass wir mit Solo Tango vielen Menschen erstmals das Tangotanzen eröffnen, freut uns jedes Mal ganz besonders. Einige betonen das dann auch in ihren Rückmeldungen:

… Mit dem Solo Tango habt ihr einen Raum kreiert, der etwas Einzigartiges ermöglicht: Tanzen. Ich muss nicht warten, bis ich eine Tanzpartnerin habe – ich tanze, also bin ich.

… Habe heute schon intensiv an euch und Tango gedacht, da in Ö1 zwischen 17.30 und 18 Uhr Tangomusik aus Finnland und Buenos Aires. Habe kurz das Einkochen unterbrochen, um zu tanzen :-).

… Ich bin sehr dankbar für den Ort in mir, den ich wiederfinden durfte, wo es tanzt. Es ist kein unbekannter Ort, und doch ein Ort, den ich nicht kannte. Als ob etwas in mir sich erinnert und heimgekehrt ist, obwohl ich nicht wusste, dass ich fort war. Eine tiefe Berührung.

Und wenn die Teilnehmer*innen am Ende einer Kurswoche nach dem Termin für das nächste Jahr fragen, dann wissen wir, dass die Woche gut war. Dass es aber sogar eine Tango-Zeitrechnung gibt hat uns dann doch überrascht:

… Vielen Dank für den Termin für 2020 – eigentlich plane ich nicht so früh im Voraus, aber der Tango ist fix! So geht mein Jahr von Tango zu Tango (August zu August). Auch eine Zeitrechnung!

Also dann, auf ein – weiteres – gemeinsames Tanzen!
Sigrid

 

Anmerkung:
Herzlichen Dank an euch alle, die ihr diese Rückmeldungen geschrieben und euch beim Lesen wiedererkannt habt!

Wien im Tanzfieber

Wien im Tanzfieber

Jedes Jahr im Sommer wird Wien zu einer großen Bühne für den zeitgenössischen Tanz, wenn IMPULSTANZ zu Aufführungen, Performances, Workshops, Ausstellungen, … lädt. Und wir haben die Gelegenheit genutzt, nach unserem Sommerfrischeaufenthalt im Ötschergebiet nicht direkt, sondern über Wien heim zu reisen. Denn dieses Jahr gab es im Rahmen des oben genannten Festivals eine ganz besondere Vorstellung: die Compagnie von Pina Bausch spielte deren Stück Masurca Fogo als österreichische Erstaufführung am Burgtheater. Das mussten wir sehen!

Schon lange interessierten wir uns für die deutsche Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. Sie übernahm 1973 als 33Jährige in Wuppertal das Tanzensemble der Ballettsparte und nannte es sehr bald in Tanztheater um. Ihr Ziel war, Tanz und Theater miteinander zu verbinden. Sie fügte Sprache, Schauspiel, Gesang und später Einflüsse aus der Kunst der ganzen Welt hinzu. Dadurch entwickelte sie eine neue Tanzsprache und wurde zu einer der bedeutendsten Choreografinnen der Gegenwart.  Insgesamt schuf sie 44 Stücke. In diesen steht stets der Mensch mit seinen Hoffnungen, Zweifeln, Ängsten und Freuden im Mittelpunkt. Über Fragen an die Tänzer*innen näherte sich Pina Bausch ihren Themen, jede*r brachte die eigene Persönlichkeit ein und so wurden die Stücke gemeinsam erarbeitet.
Die Compagnie wurde als Tanztheater Wuppertal weltberühmt und gab auf allen Kontinenten Gastspiele. Als Pina Bausch 2009 plötzlich starb, war das für das gesamte Ensemble ein Schock. Im Film Pina von Wim Wenders, der erst nach ihrem Tod entstand, kommen die einzelnen Mitglieder zu Wort und sprechen über ihre Beziehung zu Pina Bausch bzw. tanzen noch einmal für sie, lassen ihr Leben und Werk hochleben. Für alle, die Tanzfilme lieben, sehr zu empfehlen! Das Ensemble blieb weiter bestehen und zehn Jahre nach dem Tod der Gründerin zählt ein Großteil ihrer Werke noch immer zum Repertoire der Compagnie, die das Erbe pflegt und es mit großer Leidenschaft und Sorgfalt für kommende Generationen erhält.

Und so kamen wir in den Genuss Masurca Fogo zu sehen. In diesem Werk paaren sich südliche Atmosphäre und pure Lebensfreude mit großartiger Musik. Von Jazz und Pop – auch Songs von k.d.lang – über Fado bis zu afrikanischen Trommeln reicht das musikalische Spektrum. Entstanden ist dieses Stück 1998 in Lissabon. Der portugiesische Alltag, seine Menschen, das Land und die Musik dienten als Inspiration. Jetzt in Wien brachten es 34 Tänzer*innen aus unterschiedlichen Generationen, 11 davon haben noch mit Pina Bausch persönlich gearbeitet, auf die Bühne. Wunderbare Soli wechselten mit humorvollen, farbenprächtigen, den Süden feiernden Szenen ab, etwa wenn in einer improvisierten Hütte am Strand die Paare dicht an dicht ausgelassen tanzen. Alle Sinne sind angesprochen, wenn mit Essen, Trinken, Planschen und innigem Tanzen das Leben gefeiert wird – rauschend wie ein portugiesisches Fest. Beim Zusehen packt es eine*n, dieses Fieber, von dem es gut ist, wenn es ansteckend ist. Denn wie sagte doch Pina Bausch: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

Für alle, die sich also noch dem Tanz hingeben wollen, das Festival geht noch bis 11. August, auch wenn dieses Stück nicht mehr gespielt wird.
Und selber tanzen ist sowieso immer angesagt, egal in welcher Form!

Andrea

Filmtipp: Pina, Wim Wenders, Deutschland 2011

 

Schön ist’s in Schöneberg!

Schön ist’s in Schöneberg!

Wieder einmal sind wir in Berlin! Und wieder lernen wir einen anderen Stadtteil neu und intensiv kennen. Natürlich waren wir schon häufig in Schöneberg, aber so richtig vertraut werden wir auf unseren Reisen mit jenem Teil einer Stadt, in dem wir wohnen, in dem wir die täglichen Wege gehen, in dem wir zu unterschiedlichen Tageszeiten unterwegs sind. Und jetzt im Mai waren wir in der Flanierstraße von Schöneberg, der Akazienstraße, genau richtig und so lasse ich gleich mal einige Bilder sprechen – den wunderbaren Blütenduft konnten wir damit leider nicht einfangen.

Um Schöneberg zu beschreiben, hab ich diesmal jene Menschen befragt, die in der Akazienstraße und den anderen kleinen Straßen in diesem Kiez leben und arbeiten. „Was ist schön an Schöneberg?“, nicht für uns als Besucherinnen, sondern für die Berlinerinnen und Berliner. Der junge Kellner in einem der vielen, netten Cafés, meinte: Ich bin hier aufgewachsen und hier kennt jeder jeden. Wir haben uns am Spielplatz im Park zum Fußballspielen getroffen. Man brauchte kein Telefon, sondern hat einfach geklingelt. In Schöneberg ist es wie in einem Dorf. Er bezeichnete sich übrigens als Halb-Türke und Halb-Italiener und fühlt sich als Berliner.

Als nächstes befragte ich den Besitzer eines winzig kleinen CD-Ladens. Nachdem wir gestöbert haben und eine CD – klar, mit Tangomusik – gekauft haben, kam ich mit ihm ins Gespräch: Der Kiez hier hat noch viele kleine Geschäfte, bunt gemischt. Manche verschwinden und machen mehr und mehr der Gastronomie Platz, aber es gibt uns noch.  Und auch er sprach von den Parkanlagen: Schön an Schöneberg ist, dass es so grün ist – hier in der Straße mit den Bäumen oder im großen Park hinter dem Rathaus Schöneberg. So machten wir uns auf den Weg zu diesem durchaus geschichtsträchtigen Ort in Berlin. Das heutige Bezirksrathaus war das Rathaus von Westberlin, als die Stadt durch die Mauer geteilt war. Und hier hat John F. Kennedy den berühmten Ausspruch „Ich bin ein Berliner!“ gemacht, mit dem er sich 1963 mit den Menschen in der eingeschlossenen Stadt solidarisierte.

Wenn wir durch eine Stadt flanieren, sind wir immer auf der Suche nach einem Second Hand Laden – und in diesem Kiez fanden wir gleich zwei besonders schöne (klar, wir sind ja in Schöneberg!). Wieder stellte ich meine Frage und die Verkäuferin meinte: Das Schöne hier ist die Vielfalt an kleinen, inhabergeführten Geschäften. Wir haben hier keine großen Ketten, die halten sich hier auch nicht – an der Ecke gab es mal ein Starbucks, das hat nach zwei Jahren wieder zugesperrt. Die Leute wollen das hier gar nicht. Der Laden nennt sich übrigens „Erst meins, dann deins“ –  und auch wir haben ein schönes Stück gefunden, das unseres geworden ist.

Eine andere, bunte Straße in diesem Kiez ist die Crellestraße. Auch hier gibt es kleine Geschäfte, nette Lokale und das Büro von WomenFairTravel. Bei jedem Berlinaufenthalt kommen wir an diesen kleinen, gemütlichen Frauenort, an dem neben all den anderen Reiseangeboten unsere Tangoreisen für Frauen organisiert werden. Evelyn Bader, die Gründerin und Geschäftsführerin von WomenFairTravel, und ihre Mitarbeiterin Rita haben uns herzlich empfangen. Bei einem gemeinsamen Mittagessen besprachen wir unsere nächste Tangoreise im Herbst an die Elbe, visionierten mögliche Reiseorte für das nächste Jahr und wussten einmal mehr, warum wir diese Kooperation so sehr schätzen – von Frauen mit Frauen, fair auf allen Ebenen hat das Reisen eine besondere Qualität! Bevor wir uns verabschiedeten, wollte ich auch von Evelyn wissen, was schön ist an Schöneberg: Es ist schön, in so einer Straße zu arbeiten. An dem kleinen Platz vor unserem Büro plantschen im Sommer die Kinder im Brunnen, die Eltern oder Großeltern sitzen nebenan im Café. Es ist hier so vielfältig und bunt, es gibt soziale Projekte, mehrere Kitas (Kindergärten), viele Künstlerinnen und Künstler leben hier, am Samstag gibt es das Crellechorfest. Diese Straße ist wie ein Dorf in der Großstadt.

Bunt und vielfältig,  – das ist es also, was Schöneberg ausmacht! So ist es auch nicht erstaunlich, dass der Regenbogen so ganz selbstverständlich ist in diesem Stadtteil. Und dass ein Ort der Toleranz und Vielfalt lebenswert ist, bestätigt sich hier auch erneut. So freuen wir uns schon jetzt auf unseren nächsten Besuch in Schöneberg!

Sigrid

 

Mascarada

Mascarada

… ist der Titel unseres neuen women tango acts, der am Samstag beim evangelischen Frühlingsball in Wien seine Premiere hatte. Interessant ist, dass sich die Entstehung dieses Stückes einfach ergeben hat, ohne als Vorhaben für den vergangenen Winter geplant gewesen zu sein. Den ersten Anstoß dazu hatten wir letzten Herbst, als wir ein paar Tage in Venedig verbrachten. Dort begegnen einer, auch wenn nicht gerade Karnevalszeit ist, auf Schritt und Tritt Masken, die einfach faszinieren. Und wir erinnerten uns, dass wir venezianische Masken besitzen, die wir vor langer Zeit erstanden, aber erst einmal getragen hatten. Die Idee, diese für eine Tango-Tanzgeschichte zu verwenden, tauchte auf. Als wir dann bald darauf Überlegungen für unsere Tanzvorführung zu Silvester anstellten, war sie gleich wieder da, diese Idee. So probierten wir einmal, wie es sich mit Masken tanzt. Anfangs sehr ungewohnt durch das eingeschränkte Gesichtsfeld und die offenere Tanzhaltung, wurde es aber schnell zu einem faszinierenden Spiel, das uns nicht mehr losließ. Zwei Bücher, die uns in die Hände fielen, eines über Tänzerinnen der Moderne, in dem von Mary Wigman erzählt wird, die in ihrem Tanz Masken einsetzte, das zweite ein Roman, in dem von einer Frau erzählt wird, die im Laufe ihres Lebens zu einer Meisterin der Maskerade wird, lieferten dann den entsprechenden Hintergrund. Und die Trainingswoche, die wir uns im Februar im Gleichenbergerhof gönnten, gab uns die Zeit, um dranbleiben zu können und die Tanzgeschichte reifen zu lassen.

Man könnte also sagen dieses Stück fiel uns einfach zu und wir konnten gar nicht anders, als es umzusetzen. Mascarada wagt es, unsere alltäglichen Maskeraden zu hinterfragen und tanzend zu erforschen, ob wir den Blick hinter die Masken riskieren können.
Ein wo/men tango act als geheimnisvolles und tiefgründiges Maskenspiel – einfach verzaubernd!

Mit diesen Worten beschreiben wir es ganz kurz. Und mit der entsprechenden Musik von Mercedes Simone und den Kostümen, entworfen von Michaela Eckhardt, entführen wir auch in die 1930er Jahre.

Die Beschreibung der Ballnacht, in der nicht nur die Premiere von Mascarada stattfand, sondern auch ein Tango Argentino Schnupperworkshop, den wir geleitet haben, überlasse ich  der Öffentlichkeitsreferentin Martina Schomaker:

Knapp 400 Ball-Begeisterte haben am Samstag, 11. Mai 2019, gemeinsam den traditionellen „Evangelischen Frühlingsball“ gefeiert. … Der Tango-Schnupper-Workshop mit dem Duo AdanzaS sprengte gar die Bijou Bar. Es kamen so viele Neugierige für die halbe Stunde zusammen, dass kurzer Hand im Foyer des Parkhotels der Tango Argentino ausprobiert wurde. „Tango ist Improvisation“, sagte Andrea Tieber vom Duo AdanzaS und Partnerin Sigrid Mark ergänzte: „Wir freuen uns sehr über das große Interesse!“ Die beiden gaben als Mitternachtseinlage vor der Quadrille eine fantastisch arrangierte Tango Argentino-Performance.

Folgendes Video eines Ballgastes zeigt den ersten Tanz von Mascarada bei dieser Premiere:

Die Premiere eines neuen Stückes ist für uns immer aufregend. Diesmal nicht auf der Straße, sondern im wunderschönen Ballsaal des Parkhotels Schönbrunn zu tanzen, war ein ganz besonderes Gefühl!

Andrea

© Fotos: Martina Schomaker, Evangelische Kirche A.B.
© Video: Franz Pfluegl, www.fotograf.at

 

Tanzen bis ins hohe Alter

Tanzen bis ins hohe Alter

… ist im Tango eine Selbstverständlichkeit. Erst kürzlich hat der ORF einen Beitrag über die 92jährige Argentinierin Norma Maturano, die in Salzburg mit ihrem 70jährigen Sohn tanzte, gesendet. Sie tanzt bereits seit 80 Jahren und bewegt sich noch immer geschmeidig und anmutig. Schälmisch lächelnd meint sie: „Wenn ich nicht tanze, sterbe ich!“ In Österreich klingt das unglaublich und außergewöhnlich, in Buenos Aires haben wir alte Menschen immer wieder als Teil der Tangowelt erlebt.

So zum Beispiel das Paar auf dem Foto, das jeden Sonntag während des berühmten Antiquitätenmarktes von San Telmo an einer Ecke der Plaza Dorrego tanzte – begleitet von einem Bandoneonspieler und bestaunt von den zahlreichen Touristinnen und Touristen. Ebenfalls sonntags sind wir regelmäßig in der Confiteria Ideal auf jene Milonga gegangen, die vorwiegend von älteren Tänzerinnen und Tänzern besucht wurde. Gerade die älteren Tanzpaare zelebrieren den Tango in seiner Langsamkeit, interpretieren vor allem die klassische Tangomusik sehr ausdrucksstark und scheinen in ihren Bewegungen ein ganzes Tangoleben zu verdichten. Ihr Tanz lebt nicht von spektakulären Figuren, sondern von der Harmonie als Paar und der Eleganz ihrer Bewegungen. Immer wieder sind uns aber auch Menschen begegnet, die erst im Alter das Tangotanzen erlernen. So zum Beispiel jener Herr, der mit seinen Enkelkindern auf einer Milonga war und sich von ihnen die Basics zeigen ließ. Er gehört zu jener Generation, die in ihrer Jugend keinen Zugang zum Tango gefunden hat, sei es, weil der Rock’n‘Roll verlockender war, sei es, weil die Militärdiktatur der späten 1970er und frühen 1980er Jahre den Tango verboten hat. Sie haben ihr Leben lang die Tangomusik geliebt, aber nie dazu getanzt und als Seniorinnen und Senioren versuchen sie nun die ersten Schritte.

Genau das ist nun auch in Wien möglich, denn seit Februar haben die Pensionistenklubs der Stadt Wien Tango Argentino in ihrem Programm. Jeweils am letzten Freitag des Monats sind wir in zwei Seniorentreffs, am Vormittag im 21. Bezirk und am Nachmittag im 6. Bezirk, und geben einen Tangokurs. Die Idee dazu hatte Markus Gebhardt, ein junger Mann, der im Projektmanagement der Pensionistenklubs tätig ist. Als er gerade am Konzept für einen Regenbogen.Treff im 6. Bezirk, also einem Angebot für gleichgeschlechtlich liebende Seniorinnen und Senioren, feilte, hat er von uns erfahren. Er hat uns kontaktiert und gefragt, ob wir in diesem Rahmen einen Tangokurs geben würden und konnte nicht ahnen, dass das Tangotanzen mit alten Menschen schon lange als Idee in unseren Köpfen herumgeistert. Denn einerseits haben wir ja im SOLO TANGO häufig ältere Teilnehmer*innen. Sie erleben den Tango als Training für den Körper, etwa für das Gleichgewicht, und für den Geist. Und dass Tangotanzen bei Demenz und Parkinson sowohl als Prävention als auch in der Therapie große Erfolge hat, ist mittlerweile reichlich belegt. Ein spannendes Thema und ein spannender Hintergrund für den Tango. Wir sind ja keine Therapeutinnen, sondern vermitteln den Tango als Tanz – und erleben gerade mit den alten Menschen wieder einmal, dass der Tango so vieles eröffnet.

Das Gehen in Umarmung zu erleben, die Schritte bewusst zu setzen, als Paar gemeinsam in Bewegung zu kommen sind wesentliche Aspekte unserer Kurse in diesen Klubs. Und es ist faszinierend und beglückend zu sehen, welche Freude und Begeisterung in den Gesichtern der alten Damen und Herren aufleuchtet. Es geht nicht so sehr um Perfektion und doch ist es ihnen wichtig zu wissen, wie das im Tango so geht und wie sie ihre Schritte setzen sollen. Aber wir spüren eine Gelassenheit und ein Sich-einlassen ohne Verbissenheit in ihrer Art zu tanzen. Was nicht heißt, dass sie nicht an Neuem interessiert sind – immer wieder fragen sie uns, ob der Kurs aufbauend ist und ob das nächste Mal etwas Neues dazukommt. Beim ersten Mal schon sagte ein Herr, wie schade es sei, dass der Kurs nur einmal im Monat stattfindet und beim zweiten Mal kamen so viele, dass die Tanzfläche fast so voll war wie auf einer Milonga in Buenos Aires. Wir spielen auch ganz bewusst jene klassischen Tangos der 1930er und 1940er Jahre, die in Buenos Aires auf Milongas üblich sind und erleben, wie sehr diese Musik den Seniorinnen und Senioren entspricht. Wenn sie ihre Runden drehen ist ihnen anzusehen, wie sie das Tanzen genießen, wie beglückt sie sind, in die Welt des Tangos einzutauchen. Dass es dabei um gesundheitliche Aspekte, um Demenzvorbeugung, um Stabilität der Schritte geht, braucht gar nicht angesprochen zu werden – es passiert ganz von allein.

Bis Juni sind wir an den letzten Freitagen des Monats wieder in Wien, aber vielleicht ist dieser Kurs erst ein Anfang?   

Sigrid

 

Die berühmten 10.000 Stunden

Die berühmten 10.000 Stunden

Ich, Conchita heißt das Buch, in dem Tom Neuwirth nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 erstmals seine Geschichte erzählt. Darin spricht ein äußerst reflektierter und weltoffener, kritischer und selbstkritischer junger Mann, der davon träumte ein Star zu werden und dessen Traum sich als Conchita erfüllte. Manchen ist er in jener Nacht wie ein Überflieger erschienen, der wie Phönix aus der Asche aus dem Nichts heraus ganz nach oben kam. Wie wird man zum Star? Wie schafft man den Erfolg? Tom Neuwirth verweist auf das Buch Überflieger – Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht von Malcom Gladwell und die darin erwähnte Studie The Making of an Expert des Psychologen Anders Ericsson. Diese hat nachgewiesen, dass die Überflieger nicht als Wunderkinder zur Welt kamen, sondern ihren Erfolg Fleiß und Disziplin verdanken. Heute weiß man, dass es zehntausend Stunden braucht, bis man als Sänger, Pianist, Geiger, Schriftsteller oder Sportler sein Talent perfektioniert hat. Zehntausend Stunden! Als ich das las, ging es mir wie Tom Neuwirth es beschreibt, ich dachte mir: das ist aber ziemlich viel! Er fügt aber gleich hinzu: Auf der anderen Seite sind sie zu schaffen, wenn man von einer Sache begeistert ist. An diesem Wort – Begeisterung – trennt sich die Spreu vom Weizen. Mit einem kleinen Rechenbeispiel veranschaulicht er dann auch, wie diese 10.000 Stunden zu schaffen sind – mit 8 Stunden Training, in seinem Fall ist das Gesangstraining, pro Tag an 1250 Tagen oder 3,5 Jahren.

Spätestens in diesem Augenblick habe ich selbst zu rechnen begonnen: wir tanzen seit März 2007, also seit fast genau 12 Jahren Tango Argentino. In den ersten Jahren war der Tango unser Hobby – wie viele Stunden haben wir damals getanzt? In den drei Monaten unserer intensiven Ausbildung in Buenos Aires sind viele Stunden dazugekommen und seit Februar 2014, als klar war, dass wir unserem Traum folgen und der Tango unser Beruf wird, gehört das regelmäßige Trainieren zu unserem Arbeitsalltag. Bei welcher Zahl stehen wir wohl? Nun, die Antwort ist nicht leicht und heute lässt sich diese Rechenaufgabe wahrscheinlich gar nicht mehr nachholen. Aber das Wort Begeisterung ist wirklich das, worauf es ankommt. Wir wurden immer wieder gefragt, ob wir uns zum Training aufraffen, manchmal überwinden müssen oder ob es uns nicht schwerfällt, unseren Tagesplan so strikt einzuhalten und wir nicht anstelle des Trainings lieber einmal blau machen würden. Ehrlich, das war noch nie ein Thema, ganz im Gegenteil, wenn wir längere Zeit nicht zum Tanzen kommen, dann geht es uns richtig ab. Und so ist wohl auch die Idee entstanden, eine Arbeitswoche ausschließlich dem Tanzen zu widmen und eine Trainingswoche zu machen: an einem schönen Ort, an dem wir mit köstlichem Essen versorgt sind, es vielleicht für den Abend einen Wellnessbereich zum Entspannen gibt und natürlich einem passenden Raum um zu tanzen und zu tanzen und zu tanzen.

Letzte Woche haben wir diese Idee realisiert! Das Hotel Gleichenbergerhof in Bad Gleichenberg war der passende Ort dafür. Als klein und fein und sehr privat beschreiben Gerti und Reinhard Kaulfersch ihr Haus. Ich meine, da fehlt der Zusatz … und auf höchstem Niveau! Die abwechslungsreiche Bio-Küche, der großzügige und ansprechende Wellnessbereich, den wir fast für uns hatten, und die ruhige Atmosphäre im Haus waren wie geschaffen dafür, um uns nur auf den Tango zu konzentrieren.

Die Tage waren intensiv und auch anstrengend, aber es war wunderbar zu spüren, wie viel in solch einer komprimierten Arbeitsweise erreicht werden kann. Wir verstehen uns ja, wie Conchita, als Künstlerinnen mit dem Anspruch, mehr und mehr Meisterinnenschaft zu erlangen. Und auch, wenn wir nach wie vor nicht bei den zehntausend Stunden angelangt sind, so sind wir ein gutes Stück weitergekommen, unserem Ziel näher gekommen. Und dieses Ziel ist die Präzision im Tanz! Kürzlich habe ich ein Interview mit Conchita gelesen in dem sie sagt, sie sei eine Perfektionistin. Da unterscheide ich mich von ihr, denn ich würde nicht Perfektion als Ziel bezeichnen. Erstens, weil ich zweifle, dass diese in einem so komplexen Tanz wie dem Tango überhaupt möglich ist. Und auch, weil es nicht um das Perfektsein an sich geht, sondern um das, was wir mit unserem Tanz vermitteln können. Und da sind Präzision, Harmonie und Eleganz für mich wichtiger als Perfektion. Aber vielleicht sind das nur Wortspielereien, vielleicht ist das, was Conchita meint, gar nicht wesentlich anders. Und auch Gerti und Reinhard Kaulfersch streben wohl danach, ihr Hotel so zu führen, dass für ihre Gäste alles perfekt passt. So ist es nicht verwunderlich, dass wir uns dort  wohl gefühlt haben, ich am Abend nochmals im Buch von Conchita geschmökert habe und am Ende der Woche müde, erfüllt und überglücklich nach Hause gefahren bin – mit einigen Stunden mehr auf unserem Trainingskonto, mit einigen Schritten näher dran am Ziel der Meisterinnenschaft und mit dem Wissen, dass dies zwar die erste, aber bestimmt nicht die letzte Trainingswoche für uns war!

Sigrid

 

PS: Die Bilder fangen die Stimmung in und um das Hotel Gleichenbergerhof ein und halten unsere schöne Begegnung beim meet & great mit Conchita vor ihrem Konzert am Grazer Schloßberg im August 2017 fest.

Verwendete Literatur:
Conchita Wurst. Ich, Conchita. Meine Geschichte, Verlag LangenMüller

 

Making of …

Making of …

Subterráneo (span. für unterirdisch) ist der Titel unseres neuen Videos und der Titel des Tangos, zu dem wir dabei tanzen. Ich möchte euch heute mit meiner Erzählung einen Einblick in die Entstehungsgeschichte geben. Dieses Projekt des letzten Sommers war nämlich ein besonders spannendes in Kooperation mit mehreren kreativen Frauen.

Schnell war klar, dass wir als Filmerin Astrid Rampula von astrimage FILM wollten. Wir kennen sie persönlich, hatten aber auch schon einige Filme von ihr gesehen. Sie hat bei ihren Projekten eine besondere Herangehensweise, indem sie zuerst einmal viele Fragen stellt. Was ist euch wichtig? Welche Geschichte wollt ihr erzählen? Für wen soll das Video sein? Und dann erst geht es ans gemeinsame Planen: Musik, Location, Outfit, …

Von Anfang an war das Schöne an diesem Projekt, dass es so leicht von der Hand ging, es ist im Flow entstanden, indem das Eine das Andere ergeben hat. Zu dem Zeitpunkt, als wir über die Musik nachdachten, sahen wir zufällig ein Video von Christine Swoboda, in dem sie das Bandoneon spielt. Wir kennen Christine schon eine Weile, machen gemeinsam die Tango & Yoga Workshops, und dachten, wir fragen sie einfach, ob sie nicht auch bei unserem Video mitwirken möchte. Sie war nicht nur dazu bereit, sondern hat in kürzester Zeit für uns einen Tango komponiert, geprobt und im Studio aufgenommen, damit bis zum Drehtermin die Musik im Kasten war. Ein wunderbares Geschenk!

Ähnlich hat es sich auch mit der Frage des Outfits ergeben. Michaela Eckhardt betreibt in Jennersdorf ein Modeatelier. Wir hatten sie im Frühsommer bei einer Veranstaltung von Frau in der Wirtschaft kennengelernt, so fiel sie uns gleich ein. Ich erzählte ihr von meinen Vorstellungen und sie hatte doch tatsächlich so ein Stück schon fertig bei sich hängen. Es musste nur noch an meine Maße angepasst und um die Farbe rot ergänzt werden. Eine gleichfarbige Schärpe dazu für Sigrid, und so stand auch unser Outfit innerhalb von kürzester Zeit.

Bezüglich der Location hatte dann Astrid die entscheidende Idee: die Tiefgarage in ihrem Wohnhaus. Sie hatte dort für ein anderes Projekt schon einmal gedreht. Nach einem Lokalaugenschein, ob diese auch fürs Tanzen geeignet ist, wurde dann der Drehtermin festgesetzt.

Am 10. August war es so weit. An diesem heißen Hochsommertag waren wir über die gewählte Location besonders glücklich. Michael, Sigrids Bruder, konnten wir als Kameraassistent gewinnen. Er sorgte dafür, dass wir im rechten Licht tanzen konnten. Da in der Tiefgarage immer wieder die Lichter ausgingen, musste er ständig die Bewegungsmelder aktivieren. Als Statist und Lichtquelle war auch unser Fiat 500 anwesend. Der hat sich dabei allerdings so angestrengt, dass am Ende des Drehs die Batterie leer war. Dank einer Nachbarin von Astrid, die vorbeikam und uns ein Starterkabel borgte, und Michaels Hilfe konnten wir ihn dann wieder in die Gänge bringen. Christine mit ihrem Bandoneon war natürlich auch mit dabei und Astrid hat uns alle ganz wunderbar durch den Drehtag geführt. Bei einem gemeinsamen Essen ließen wir die schöne Zusammenarbeit ausklingen.

Für uns war dann die Arbeit getan, für Astrid keinesfalls. Denn erst mit Schnitt und Bearbeitung ist das daraus geworden, was ihr hier jetzt sehen könnt – eine Arbeit mit der wir überglücklich sind.

Andrea