753 Stufen über dem Meer

753 Stufen über dem Meer

An der Opatija-Riviera gibt es viele schöne Plätzchen, die zwar längst kein Geheimtipp mehr, aber jetzt im Herbst ohne den Trubel der Saison besonders reizvoll sind. Wir sind der Küstenstraße von Lovran aus weiter gefolgt, die hoch über dem Meer verläuft, denn die bewaldeten Abhänge des Učkagebirges formen hier eine Steilküste. Nur in wenigen Buchten ist ein Zugang zum Meer möglich und dort schmiegen sich kleine Orte an den Berghang. Unser Ziel war Mošćenička Draga, ein altes Fischerdorf mit einem kleinen Hafen, pittoresken Häusern und einem langen Kiesstrand. Und einmal mehr haben wir es genossen, jetzt im Spätherbst an der Adria zu sein – die Parkplätze waren nicht nur frei, sondern auch kostenlos, in den Bars haben an diesem Vormittag die Menschen des Dorfes ihren Kaffee genossen, andere sind ihrer täglichen Arbeit nachgegangen und eine Kindergartengruppe ist zum Spielen nicht auf einen Spielplatz, sondern an den Strand gegangen. Alltagsleben am Meer ohne Touristinnen und Touristen.

Wir ließen uns treiben, schlenderten durch die kleinen Gassen und am Hafen bevor wir den Kiesstrand entlang gingen. Direkt nach dem letzten Gebäude wird es wieder felsig und der Wald reicht bis an die Klippen. Im Licht der tiefstehenden Sonne ein bezaubernder Anblick!

Und hier, am Ende der Bucht, beginnt ein alter Treppenweg, der das Fischerdorf mit dem kleinen, mittelalterlichen Ort Mošćenice, der hoch über dem Meer thront, verbindet. Die alten Steintreppen und die kleinen Steinmauern, die den Weg hier und da stützen, sind mit Moos bedeckt. Manchmal ist es dunkel und fast mystisch, dann wieder findet die Sonne einen Weg zwischen den alten Steineichen und den Lorbeersträuchern, die hier so groß wie Bäume sind, und verzaubert den Wald nochmals ganz anders. Der Aufstieg ist nicht ganz mühelos und wir sind selbst an diesem strahlend schönen Herbsttag froh über den Schatten der Bäume.

Oben angekommen erwarteten uns Sonne und Weite. Hoch über dem Meer blickten wir über die Kvarner Bucht zu den Inseln Cres und Krk, die tiefstehende Herbstsonne tauchte alles in ein weiches Licht und wie schon in den Jahren zuvor, wenn wir im Spätherbst hier waren, strahlte das leere Meer – ohne Boote oder Schiffe – eine unglaubliche Ruhe aus. Die Bäume in den kleinen Gärten direkt vor uns haben ihre Blätter bereits verloren oder leuchteten im gelben Herbstkleid. Doch wenn wir uns umdrehten und auf das kleine Dorf blickten, hätten die blühenden Rosen und der Lavendel uns glauben lassen können, es sei noch Sommer. Und auch die Kraft der Sonne war hier oben deutlich zu spüren und die herbstliche Kleidung, die am Morgen passend erschien, war nun zu viel des Guten. Kurzentschlossen kauften wir in dem kleinen Geschäft von Mošćenice eine Jause und machten es uns für ein Picknick gemütlich, blickten aufs Meer und waren glücklich und zugleich dankbar für diesen Augenblick.

Nach dem Abstieg führte unser Weg wieder direkt am Strand entlang. Die Kindergartenkinder waren wohl schon zu Hause, die Menschen des Dorfes beim Mittagessen – jedenfalls waren wir fast allein unterwegs. Auch im Café Porto waren alle Tische frei und wir krönten diesen zauberhaften Tag mit einem schönen Espresso.

Spontan kam der Gedanke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie es hier im Sommer zugeht und sogleich stellte ich fest: ich will es auch gar nicht wissen!

Sigrid

 

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Tanzen und tanzen und nichts als tanzen

Das galt für die Tänzerinnen der Moderne, die Anfang des 20. Jahrhunderts den Tanz revolutionierten. Den Weg dafür ebnete wohl Isadora Duncan. Man kann den Augenblick, wo es zum ersten Male möglich wurde, von modernem Tanz oder gar moderner Tanzkunst zu reden, nur bezeichnen, indem man den Namen der Isadora Duncan nennt, mit deren Auftreten jener Augenblick überhaupt erst gegeben ist, wird Hans Brandenburg im Buch mit obigem Titel zitiert.

So ist sie auch eine der Tänzerinnen, die in der Ausstellung „Alles tanzt. Kosmos Wiener Tanzmoderne“ im Theatermuseum in Wien vertreten ist. Wien zählte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts zu den internationalen Zentren des Modernen Tanzes: wegweisende Tänzerinnen neben Isadora Duncan, wie z.B. Grete Wiesenthal, Gertrud Bodenwieser, Rosalia Chladek, Gertrud Kraus, Hilde Holger und viele mehr wirkten hier. Insgesamt waren es ca. 200, erfährt man in dieser Ausstellung. Die NS-Diktatur zerstörte dann allerdings diese lebendige, von Frauen bestimmte Tanzszene. Die meisten mussten emigrieren und nur einigen gelang es, im Exil ihren Tanz weiter zu entwickeln.

Isadora Duncan blieb das zwar erspart, denn sie kam schon 1927 bei einem Autounfall, ihr langer Schal verfing sich in den Hinterreifen ihres Bugatti und erdrosselte sie, tragisch ums Leben. Ihr Leben endete in Nizza. Geboren wurde sie 1878 in San Francisco. Als 21-Jährige übersiedelte sie mit ihrer ganzen Familie nach London, wo sie ein Jahr später erstmals mit ihren Solostücken öffentliche Beachtung fand. Ihre nächste Station war Paris und von hier aus begann ihre steile Karriere. 1903 hielt sie in Berlin ihren berühmten Vortrag Der Tanz der Zukunft, in dem sie sagt: Die Tänzerin der Zukunft wird die Freiheit des Weibes in ihrem Tanz ausdrücken. Ihr Kennzeichen wird sein: der höchste Geist in dem freiesten Körper.

Mit Aussagen wie dieser und ihrer Ablehnung von Spitzenschuh, Tútú und Korsett galt sie auch als Ikone der Frauenbewegung. So war z.B. bei ihrem Auftritt 1902 in der Wiener Secession die Frauenrechtlerin Marie Lang anwesend und bezeichnete ihren Tanz als Offenbarung. Isadora Duncan tanzte barfuß, in fließenden Gewändern, drückte mit natürlichen Bewegungen Stimmungen und Gefühle aus, paarte Momente von Leichtigkeit mit denen von ungeheurer Kraft und Energie und nutzte den Boden als Ausgangs- und Endpunkt dieser Körperenergien. Mit dieser Art zu tanzen wurde sie zur Galionsfigur der westlichen Tanzmoderne und feierte große Erfolge in Europa und Amerika.

Eine ihrer vielen Stationen in Europa war auch Abbazia, das heutige Opatija. Sie kam des Öfteren hierher und weilte immer in der Villa Amalia. Aus den Fenstern der Villa beobachtete sie das Flattern der Palmenblätter und das soll sie zu den sanften Schulterbewegungen, für die sie berühmt wurde, inspiriert haben. Als Andenken steht heute vor der Villa ein Bronzeguss der tanzenden Isadora Duncan. Und an der wall of fame im Park von Opatija ist sie als einzige Frau in einer Riege von großen Künstlern, Wissenschaftlern und Pionieren vertreten.

Es gäbe noch viel zu erzählen über diese große Tänzerin, die auch Choreografin, Tanztheoretikerin, Lehrerin und Schulgründerin war. Untenstehender Buchtipp und die Ausstellung in Wien, die noch bis 10. Februar läuft, sind jedenfalls sehr zu empfehlen, wenn dich die Tänzerinnen der Moderne interessieren. Für uns sind sie jedenfalls immer wieder eine Inspirationsquelle. Im Moment genießen wir es, auf den Spuren der Isadora Duncan hier in Opatija zu wandeln.

Andrea

Buchtipp:
Tanzen und tanzen und nichts als tanzen, Tänzerinnen der Moderne von Josephine Baker bis Mary Wigman, Hg. von Amelie Soyka, 2012 AvivA Verlag

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Das süße Nichtstun bei Yoga & Tango

Dolce far niente ist der Inbegriff des italienischen Lebensgefühls: einfach dasitzen und nichts tun, vielleicht aufs Meer hinausschauen oder, wie im Filmklassiker La dolce vita, dem Müßiggang frönen. Was damals 1960 ein Privileg der Bohemiens war, ist heute in Zeiten von Handy & Co die Sehnsucht von vielen. Doch dieses Nichtstun muss nicht immer ganz wörtlich genommen werden, auch im Tun lässt es sich erfahren. Andrea hat im letzten Artikel dieses Blogs Marina Abramovic zitiert, die bezogen auf die Kunst sagt: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“ Dieser Satz, nicht bezogen auf Kunst, sondern weiter gefasst, passt als Motto für den Workshop Yoga & Tango am vergangenen Wochenende. Mit dem Hotel Das Eisenberg gibt es den perfekten Ort dafür, denn hier im Südburgenland gehen die Uhren ohnehin ein bisschen langsamer, ist alles ein wenig entschleunigt. Und Entschleunigung ist für uns eine wesentliche Qualität des Tangos. In den ersten Jahren des Tangotanzens ist es mir sehr schwer gefallen, die Langsamkeit im Tanz zu erleben, Pausen einzulegen. Heute ist gerade das zu unserem individuellen Tanzstil geworden und ich genieße dieses Nichtstun im Tun, dieses Innehalten und Hineinspüren bevor der nächste Schritt kommt. Unser Tanz ist daher nicht spektakulär wie eine Tangoshow, aber immer wieder gelingt es uns, ganz in die Tiefe und in Einklang zu kommen – mit der Musik, miteinander, mit unserem Publikum. Sowohl im SOLO TANGO – wie an diesem Wochenende – als auch beim Tanz im Paar versuchen wir diesen Wesenszug des Tangos zu vermitteln. Augenzwinkernd werden wir von einigen Tänzer*innen auch schon zitiert, wenn sie sagen: „No stress, wir genießen die Pause, wie unsere Tangolehrerinnen immer wieder sagen!“ und meinen damit gar nicht nur das Tanzen, sondern eine Alltagssituation wie das Autofahren.

Um aus dem Alltag heraus leichter in dieses dolce far niente zu kommen ist Yoga – und hier insbesondere Yin-Yoga ein guter Weg. Es wird oft als das „passive“ Yoga bezeichnet, weil es dabei nicht um spektakuläre Positionen und kraftvolle Bewegungen, sondern um das lange Halten – immerhin 3 bis 5 Minuten! – in dehnenden Positionen geht. Die Yogalehrerin Christine Swoboda, die an diesem Workshopwochenende die Yogaeinheiten leitete, sagt: Wir lassen los und erlangen mehr Flexibilität für Körper, Geist und Seele. „Gehen lassen“ kann oft schwieriger sein als anstrengende Asanas, ist aber eine lohnende, lebenslange Übung. Mit ihrer feinen Art führte Christine uns behutsam durch die Yogaeinheiten und begleitete das Entspannen mit Livemusik – am Bandoneon, dem Tangoinstrument schlechthin, und einigen Klanginstrumenten.

So ergab sich an diesem Wochenende ein harmonisches Nichtstun im Tun – wenn wir im Yoga entspannt auf den Matten lagen und bei den ruhigen Klängen des Bandoneons jedes Gefühl für die Zeit verloren und danach beim Tanzen die aufrechte Haltung im Tango, das Gehen, das Spiel mit den Verzierungen wie von selbst ins Fließen kamen. Spektakulär unspektakulär ist einer der Slogans des Hotels Das Eisenberg und genau so könnte man auch den Workshop Yoga & Tango zusammenfassen. Und einmal mehr weiß ich, dass dolce far niente nicht nur in Italien funktioniert!

Sigrid

 

The artist is present

The artist is present

Das ist der Titel einer Performance von Marina Abramovic, die man als „Mutter der Performance-Kunst“ bezeichnet. Es ist nun zwar fast 10 Jahre her, dass sie im Rahmen einer Ausstellung über ihre Kunst im MoMa in New York diese Performance gab, aber ich denke das Thema der Präsenz ist aktueller denn je.

Nun, bei dieser Ausstellung, die unter anderem Videos ihrer älteren Arbeiten und von Student*innen nachgestellte Performances zeigte, war Abramovic selbst präsent: Während der gesamten Ausstellungsdauer saß sie drei Monate lang, sechs Tage die Woche, jeweils sieben Stunden in der Mitte des Atriums bewegungslos auf einem Stuhl. Einzeln konnten Zuschauer*innen sich ihr gegenüber setzen, um mit ihr in einen „geistigen Dialog“ zu treten. In einem Dokumentarfilm mit dem gleichnamigen Titel kann man mit verfolgen, was dieses Präsentsein der Künstlerin beim Publikum bewirkt und ausgelöst hat bzw. wie sie sich darauf vorbereitet hat. Ein sehr spannender Prozess! Das zeigt sich schon in der Aussage von Marina Abramovic dazu: „Das Schwierigste ist, etwas zu tun, das dem Nichtstun nahe kommt.“

Aber warum erzähle ich eigentlich davon? Weil das Thema der Präsenz auch im Tango ein wesentliches ist. Und wir uns als Künstlerinnen natürlich auch immer wieder damit auseinandersetzen. Abramovic meint mit dieser Präsenz, in einen anderen Bewusstseinszustand zu kommen, das Bewusstsein einer erhöhten Aufmerksamkeit für sich selbst und die gegenwärtige Umgebung zu entwickeln. So bereitet sie die Student*innen, die für die oben genannte Ausstellung ihre Performances nachstellen, mehrere Tage lang mit Achtsamkeits- und Wahrnehmungsübungen, zum großen Teil in freier Natur, vor. Dieses GANZ DA SEIN im HIER UND JETZT ist nämlich eine ziemlich schwierige Sache, vor allem in unserer schnelllebigen und von digitalen Medien dominierten Zeit.

Vielleicht ist auch deshalb der Tango gerade so beliebt. Denn Angela Nicotra sagt in ihrem Buch Im Kontakt mit der Realität: Der Tango steht für die Möglichkeit, ganz in der Realität, also da zu sein, in einer Realität des Raumes, der Zeit und der Form.

Wir haben heuer im Sommer bei einem Auftritt versucht, diese Art der Präsenz zu verkörpern. Die Tangobilder von Renate Mehlmauer, ich habe davon in einem anderen Blogartikel schon erzählt, haben uns dazu inspiriert. Und auch die Performancekunst von Marina Abramovic war uns Inspiration – auch wenn ich weiß, dass wir Welten von ihrem künstlerischen Format entfernt sind. Bei besagtem Auftritt ist uns diese Präsenz und ein Möglichst-wenig-tun, glaube ich, ganz gut gelungen. Viel schwieriger ist es allerdings bei Straßenauftritten: wenn plötzlich Kirchenglocken zu läuten beginnen, ein Einsatzfahrzeug mit Folgetonhorn vorbeifährt, ein kleines Kind uns zwischen die Beine läuft, … dann selbst präsent zu bleiben, nicht heraus zu fallen, gelingt uns nicht immer. Aber es ist eine wunderbare Herausforderung, es zu üben, immer und immer wieder. Der Tangotanz an und für sich gibt uns dazu ständig die Gelegenheit. Ich zitiere noch einmal Angela Nicotra. Im Tango erleben wir eine andere Qualität der Zeit: alles, was nicht Tanz ist, bleibt außen, ein Gefühl für das Unendliche entsteht, weil Tango ausschließlich im Hier und Jetzt geschieht.

Das kann man sicher auch bei vielen anderen Tätigkeiten erleben, etwa beim Yoga, um nur ein Beispiel zu nennen. Der Tango ist, wie viele Arten der Meditation, ein Arbeiten an der Achtsamkeit und am Bewusstsein für sich selbst und die Welt. So schließt sich der Kreis vom Bewusstseinszustand, den Marina Abramovic beschreibt, bis zu dem, den Tangotänzer*innen erleben und den wir als Künstlerinnen mehr und mehr erlangen.

Andrea

Literatur- und Filmtipp:
Im Kontakt mit der Realität, Angela Nicotra, Logos Verlag Berlin
The artist is present, Marina Abramovic, 2012

Straßenkunst, Berge und Meer

Straßenkunst, Berge und Meer

… immer schön piano wurde zum Motto unserer heurigen Herbstreise, bei der wir jene drei Dinge, die wir so sehr lieben, verbinden konnten: auf der Straße zu tanzen, in den Bergen und am Meer wandern und genießen! Tatsächlich war die Straßenkunst der Anlass für diese Reise, denn wir wurden eingeladen, beim Blausteiner Herbst als Künstlerinnen dabei zu sein und so war auch der Saisonabschluss dieses Jahres keine spontane Straßenkunst, sondern ein Auftritt, zu dem wir gebucht wurden. Erstmals tanzten wir an einem Nachmittag zwei unserer wo/men tango acts. Encuentro gab gewissermaßen schon das Motto vor, denn wir bezeichnen diesen act als Hommage an die Langsamkeit, herausgefallen aus Zeit und Raum! Und auch wenn wir die Ballade für zwei Verrückte als bunt und frech, voller Spaß und Überraschungen beschreiben, so haben wir sie in dieser Straßenkunstsaison ruhiger, tiefer und noch magischer interpretiert.

An einem strahlend schönen Herbsttag war die Stimmung bei diesem Volksfest fröhlich und entspannt, wir tanzten jeden act dreimal und hatten ein begeistertes Publikum. Gleich nach dem ersten Auftritt mit Encuentro kam es, wie so oft bei Auftritten auf der Straße, zu einer schönen Begegnung: eine Frau kam auf uns zu und meinte, sie habe schon seit Jahren einen Vintage-Lederkoffer, der genau für dieses Stück passen würde und den sie uns schenken möchte! Sie gab uns ihre Adresse und bei unserer Abreise am nächsten Tag fuhren wir in Ulm bei ihr vorbei und nahmen tatsächlich einen alten Lederkoffer mit auf die Reise. Einmal mehr erlebten wir die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen in und um Ulm, die wir auch bei den Auftritten im Vorjahr so schätzten. Wer weiß, vielleicht waren wir nicht das letzte Mal dort?

Von Ulm aus machten wir uns nicht direkt auf den Weg nach Hause, sondern wieder einmal wurde aus einem Arbeitstermin ein kleiner Urlaub. Wir fuhren über den Fernpass nach Tirol und weiter ins Oberinntal, denn ich wollte die Gelegenheit nutzen und in jenes Dorf im Tiroler Oberland fahren, aus dem meine Großeltern im Jahr 1938 ausgewandert und nach Graz gezogen sind. Durch das Torhaus betraten wir Pfunds und spazierten durch die Gassen. Jenes Haus, in dem heute das Heimatmuseum zu finden ist, ist das Geburtshaus meiner Großmutter und auch das Elternhaus meines Großvaters, etwas außerhalb des Dorfes, haben wir gefunden. Es war schön, an diesen Ort zu kommen und meiner Geschichte ein wenig nachzuspüren.

 

Über den Reschenpass kamen wir nach Südtirol und machten gleich mal einen ersten Stopp, um einen Espresso zu genießen und in Bella Italia anzukommen.

Der Kaffee war köstlich, aber das mit Italien ist in Südtirol ja bekanntlich nicht so einfach. Ist das jetzt Tirol oder Italien? In den drei Tagen, die wir in Meran verbrachten, sind wir eigentlich ständig hin- und hergewechselt: in den Sprachen ebenso wie beim Essen und Trinken – mittags eine südtiroler Merende mit Speck und Apfelmost, abends italienische Küche vom Feinsten mit einem köstlichen Wein. Nur wenn es um die Vergangenheit geht, führen die Spuren eindeutig nach Tirol und Österreich. Und es sind zwei Frauen, die die Geschicke Merans stark geprägt haben: Gräfin Margarethe Maultasch, die von hier aus Tirol regiert hat und Kaiserin Elisabeth, die mit ihren langen Aufenthalten in Meran, der guten Luft und des milden Klimas wegen, den Grundstein für die Kurtradition der Stadt gelegt hat. So spazierten wir abwechselnd durch die mittelalterlichen Laubengassen und flanierten auf der Kurpromenade am Fluss. Das Kurhaus und die Wandelhalle lassen tatsächlich den Flair des Fin de siècle lebendig werden, als Meran von Adeligen und Reichen aus ganz Europa besucht wurde und zu den beliebtesten Kurorten der Habsburgermonarchie zählte.

Aber nicht nur als Kurstadt hat Meran viel zu bieten – mitten in der Südtiroler Bergwelt kommen die Urlauber*innen heute zum Wandern, Radfahren und Bergsteigen. Wir sind es piano angegangen und haben keinen Gipfel bestiegen, sondern eine wunderschöne Wanderung an einem der Waalwege gemacht. Diese Wege verlaufen entlang alter Kanäle, die das Wasser von den Flüssen ableiten, um die Obst- und Weingärten zu bewässern. Am Wasser entlang zu gehen war ein Genuss, das Plätschern begleitet die Schritte, die Gedanken fliegen dahin und der Kopf wird frei.

Nach drei Tagen setzten wir unsere Reise und damit unsere ausgedehnte Heimfahrt fort. Unser nächstes Ziel war das Meer – und der schönste Weg dorthin führte uns durch die Dolomiten. Vielleicht lasse ich hier einfach die Bilder sprechen …

Auch am Meer haben wir einen geschichtsträchtigen Ort ausgewählt: Grado, mit seiner verwinkelten Altstadt und dem altem Hafen. Von der Zeit, als Grado ein berühmtes Seebad des österreichischen Küstenlandes und somit auch ein K&K Kurort war, ist fast nichts mehr zu sehen und die Gebäude der letzten Jahrzehnte sind leider nicht besonders schön. Warum also zieht es uns dorthin? Urlauben heißt für uns gehen – in diesem Fall ein mehrstündiger Spaziergang am Strand, direkt am Meer und mit salziger Luft in der Nase – und köstliches Essen genießen. Und dafür ist Grado bekannt!

Dass an diesem Wochenende dann auch noch das Festival Mare nostrum stattfand, bei dem die Kultur und die Genüsse jener Zeit, als Grado eine Insel der Fischer*innen war, zelebriert wurde, war ein glücklicher Zufall. Beim Schlendern durch die Gassen gab es köstliche Häppchen hier und dort, wir sahen eine Ausstellung mit faszinierenden Fotos einer alten Fischerin und nach einem genüsslichen Abendessen spazierten wir nochmals zum Hafen und auf der Uferpromenade. Wunderbar – und immer schön piano!

Sigrid

 

Bilder einer Ausstellung

Bilder einer Ausstellung

Bevor wir demnächst für unsere letzten Auftritte dieser Saison nach Deutschland aufbrechen, möchte ich noch von einem Event dieses Sommers berichten: der Ausstellung „Tango“ im Rahmen der Tangowoche im Künstlerdorf Neumarkt a. d. Raab.

Die Künstlerin Renate Mehlmauer, die die Bilder gestaltete, ist selbst Tangotänzerin. Nach der Teilnahme am Tangokurs im Vorjahr, hatte sie die Idee, für dieses Jahr Bilder als Inspiration zum Tanzen zu schaffen. Ein spannender Schaffensprozess begann: Am Anfang war also das Tanzen, das einen inneren Prozess ausgelöst hat. Dann die Idee, dann das Forschen. Renate hat sich Fotos und Videos angesehen, hat uns beim Tanzen fotografiert und mit diesen Fotos experimentiert, hat das Wort selbst erforscht. Sie sagt, TAN ist für sie wie ein Code, und GO die Übung. Dass die zweite Silbe GO auf fast allen Bildern zu finden ist, ist kein Zufall. Denn das englische Wort GO – GEHEN ist die Basis des Tangotanzens und immer auch ein wesentlicher Teil unserer Tangokurse.
Auf einem Bild sticht ein Wort, das man nicht gleich mit Tango assoziiert, besonders ins Auge – SOLO! Das spanische Wort für einzig, allein. In unseren Kursen wird nämlich nicht nur im Paar, sondern auch solo getanzt, jede und jeder tanzt für sich. So sind in zwei Bildern „der Tangomoment eines ganz persönlichen Lebenstanzes“ zu sehen.
Wenn wir das Wort Tango hören, löst das, denke ich, in allen von uns Bilder, Assoziationen aus. Für Renate haben sich im Erleben, Auseinandersetzen und Tun zwei Worte herauskristallisiert, die für sie den Tango ausmachen: Leidenschaft und Disziplin. So sind Bilder entstanden, die wohl nicht den gängigen Tangoklischees entsprechen und deshalb zu einer Auseinandersetzung einladen.

Wir beide haben uns von den Bildern zu einer Performance inspirieren lassen. Die bunten Malereien auf transparentem Plexiglas gaben den Raum vor, den wir dann tanzend erforschten. Zuerst jede solo, präsent und bei sich, dann verschmelzend im Tanz als Paar, um am Schluss wieder in die Ausgangsposition zurück zu kehren, denn letztendlich besteht doch auch das Leben aus diesem Wechsel von Alleinsein und in Beziehung treten.

„Tango und Malerei stehen zueinander im Einklang“ lautete die treffende Überschrift eines Berichtes von diesem Abend in einer Bezirkszeitung. Bildende und darstellende Kunst trafen aufeinander, bereicherten einander, verstärkten einander. Das Überschreiten von Grenzen und disziplinübergreifende Arbeiten führt ja meist zu spannenden Ergebnissen. Und ich denke, dass das Ergebnis unserer Kooperation mit der Künstlerin Renate Mehlmauer gut in die Sommerakademie des Künstlerdorfes passte.

Andrea

 

Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Vom Aufrichten bis zur Tango-Zeitrechnung

Der August war für uns keine Urlaubs- sondern mit zwei Kurswochen eine intensive Arbeitszeit. Den Anfang machte die Tangowoche Vom solo ins Paar im Künstlerdorf Neumarkt hier im Südburgenland. Wir haben das Konzept mit Solo Tango an den Vormittagen, Tango im Paar an den Nachmittagen und an den Abenden die Möglichkeit zum freien Tanzen verfeinert. In diesen Kurswochen gibt es eigentlich nur Tango, Essen, Schlafen und schöne Begegnungen. Danach sind wir ziemlich erschöpft, wir haben viel gegeben und sind erfüllt von all dem, was wir zurückbekommen. Immer wieder erreichen uns nach den Kursen Mails mit Rückmeldungen der Teilnehmer*innen, die uns beglücken und dankbar machen. In diesem Blogartikel möchte ich sie – anonym – zu Wort kommen lassen.

… Ich wollte mich nochmals bei euch bedanken, ich habe auch im Nachhinein bemerkt, wie gut dieses tägliche Tangosolo-Training war, es hat sich einfach in den Körper eingeschrieben und dann läuft es auf der Milonga im Paar natürlich viel besser. Ich habe mir jetzt angewöhnt, in der Wohnung auch mal zwischendrin ein bisschen Tangosolo zu machen! 

… Ich habe das Gefühl, ihr habt in den Tagen echt alles gegeben. Das hat nicht nur mit Tanz-Haltung zu tun, sondern mit euren Persönlichkeiten. So engagiert, wie ihr unterrichtet, aber auch als einzelne Frauen und als Paar präsent seid, ist sehr besonders.

Die meisten Feedbacks betreffen Solo Tango – nicht nur nach der Solo Tango Sommerwoche, die es heuer zum zweiten Mal in der GEA Akademie im Waldviertel gab, sondern auch nach vielen anderen Workshops. Das Gehen und die aufrechte Haltung werden hier immer wieder genannt:

… Ich vermisse das morgendliche Gehen – welche hätte das gedacht!  Gehen und sonst nichts tun.  Das hat mir sooo gut getan!

Tangoschritte erden — das brauche ich 😉

… Eigentlich hatte ich ja nicht damit gerechnet, dass mir das Tanzseminar so zusagen wird! Mittlerweile verstehe ich auch, dass ihr den Tag gleich mit ein paar Tangos beginnt. Hatte ja selber schon am vorletzten und letzten Seminartag nach dem Aufwachen Tangomusik im Kopf. Als ich aber am Samstag im Supermarkt den Einkaufswagen im Tangoschritt geschoben habe, überlegte ich mir schon, ob ich mich davon nicht wieder „entwöhnen“ sollte!?😄

Auch heute noch, eben auf der Hunderunde, bewege ich mich im Tangoschritt.

… TANGO hilft dabei den Weg zu gehen. Ganz im Hintergrund wirkend.
Ich werde es bewusst einsetzen für mich
IM EIGENEN TEMPO
MIT ERHOBENEM HAUPT
MIT DER MÖGLICHKEIT ZUR FREIEN ERNTSCHEIDUNG

Ich habe gelernt, Haltung zu bewahren und gehe jetzt aufrechter und traue mich mehr aufzuschauen, das habe ich in der jetzigen Lebensphase gebraucht!

… Euer Workshop war mehr für mich als „nur“ tanzen, es war auch Inspiration für eine neue Körper- und vermutlich auch Lebenshaltung!

Vorerst schreite ich nur mit erhobenem Haupte vom Arbeitsplatz zum Drucker und wieder zurück, aber ich studiere schon den Tangokalender!

Dass wir mit Solo Tango vielen Menschen erstmals das Tangotanzen eröffnen, freut uns jedes Mal ganz besonders. Einige betonen das dann auch in ihren Rückmeldungen:

… Mit dem Solo Tango habt ihr einen Raum kreiert, der etwas Einzigartiges ermöglicht: Tanzen. Ich muss nicht warten, bis ich eine Tanzpartnerin habe – ich tanze, also bin ich.

… Habe heute schon intensiv an euch und Tango gedacht, da in Ö1 zwischen 17.30 und 18 Uhr Tangomusik aus Finnland und Buenos Aires. Habe kurz das Einkochen unterbrochen, um zu tanzen :-).

… Ich bin sehr dankbar für den Ort in mir, den ich wiederfinden durfte, wo es tanzt. Es ist kein unbekannter Ort, und doch ein Ort, den ich nicht kannte. Als ob etwas in mir sich erinnert und heimgekehrt ist, obwohl ich nicht wusste, dass ich fort war. Eine tiefe Berührung.

Und wenn die Teilnehmer*innen am Ende einer Kurswoche nach dem Termin für das nächste Jahr fragen, dann wissen wir, dass die Woche gut war. Dass es aber sogar eine Tango-Zeitrechnung gibt hat uns dann doch überrascht:

… Vielen Dank für den Termin für 2020 – eigentlich plane ich nicht so früh im Voraus, aber der Tango ist fix! So geht mein Jahr von Tango zu Tango (August zu August). Auch eine Zeitrechnung!

Also dann, auf ein – weiteres – gemeinsames Tanzen!
Sigrid

 

Anmerkung:
Herzlichen Dank an euch alle, die ihr diese Rückmeldungen geschrieben und euch beim Lesen wiedererkannt habt!