Sprühender Jahreswechsel

Sprühender Jahreswechsel

Die Silvesterreise von WomenFairTravel in Norddeutschland ist gestern zu Ende gegangen, wir sind auf der Heimreise und so wie die Landschaft, die gerade am Zugfenster vorbeigleitet, kommen und gehen in mir viele Bilder, Gespräche und Begegnungen der letzten Tage. Zum vierten Mal schon haben wir den Jahreswechsel im Tangoflow im Kreis von Frauen verbracht, aber diesmal war es wirklich ganz besonders. Bis zuletzt haben wir gezittert, ob die Reise stattfinden kann, waren wir gespannt, ob alle Frauen kommen können. Neben unserem Tangokurs fand auch ein Schreibkurs mit der Schriftstellerin Traude Bührmann statt und so kam es zu spannenden Begegnungen und einer kreativ-unterhaltsamen Silvesternacht, in der wir das gemeinsame Feiern in vollen Zügen genossen. Und vielleicht haben wir uns gegenseitig inspiriert, denn die „Schreibfrauen“ haben begeistert getanzt und eine der Tänzerinnen hat dieses Gedicht verfasst und es uns zum Abschluss vorgetragen:

17 Frauen liefen auf,
nahmen Fahrzeiten in Kauf,
mit der Intention:
Ihr wisst es alle schon:
Wie man Tango lernen kann,
das geht bestens ohne Mann!

AdanzaS nennen sich die beiden,
die  uns alle Schritte zeigen;
klar und deutlich, sprecht elaboriert:
Ihr ladet ein, ins Thema führt.
Können, Witz und viel Humor
kommt in euren Worten vor.

Ihr korrigiert in feinem Ton:
„Sei stets bemüht um Projektion,
mit dem goldenen Faden wachse,
achte außerdem auf deine Achse.“
Seid nicht müde im Offerieren,
wie man kann den Schritt verzieren.

Mit Dank wir uns jetzt an euch wenden,
wir künftig atmen in die Lenden;
jetzt hoffen wir auf bessere Zeiten,
bis dahin üben wir das Schreiten.

Vielen Dank an die AdanzaS,
es war ein umwerfender Workshop.

I.A.Linde 2.1.22

Was sollte ich da noch hinzufügen, außer diesen Dank zurückzugeben, denn auch wir wurden reich beschenkt in diesen Tagen!

Sigrid

Ladies first!

Ladies first!

Im heurigen Jahr gab es in Graz eine großartige Ausstellung mit diesem Titel. Hier wurden bildende Künstlerinnen eines Jahrhunderts (1850 – 1950) aus der Steiermark vorgestellt. Künstlerinnen, die kaum bekannt sind, da sie in der Kunstgeschichte keine Erwähnung finden bzw. an den Rand gedrängt wurden. Und so erging es Frauen in vielen Bereichen, also auch den Frauen in der darstellenden Kunst und im Speziellen in der Geschichte des Tango Argentino. In diesem musikalischen Blogartikel sollen sie in der ersten Reihe stehen!

Tatsächlich waren die Frauen schon immer ein wichtiger Teil der Tangogeschichte, als Musikerinnen, Komponistinnen und Sängerinnen. Einen Platz auf den Bühnen bekamen sie erst als der Gesang an Bedeutung gewann, denn als Musikerinnen wurden Frauen in den „typischen“ Orchestern nicht aufgenommen. Manche schafften es trotzdem Aufmerksamkeit zu erlangen, wie z. B. Parquita Bernardo (1900 – 1925) als erste professionelle Bandoneonista. Von ihr selbst gibt es keine Aufnahmen, aber einige ihrer Werke wurden später unter anderem von Carlos Gardel oder Roberto Firpo aufgenommen und sind somit bis heute erhalten.

Eine Komponistin, die ebenso in der frühen Zeit des Tangos aktiv war, ist Rosita Melo. Sie gilt als erste weibliche Tangokomponistin, die weltweites Ansehen genoss und war eine Art Wunderkind. Denn schon mit 14 Jahren komponierte sie einen der erfolgreichsten Tangos überhaupt, den Vals Desde el alma aus dem Jahr 1917. Hier eine Version aus dem Jahr 1946 vom Orchester Francisco Canaro und gesungen von Nelly Omar, die als Sängerin 87 Jahre lang aktiv war.

Rosita Quiroga (1896 – 1984) war eine Volkssängerin, die von Ort zu Ort zog, Gitarre spielte und Lieder interpretierte. Eine Frau aus den Slums und die erste, die den Tango der Slums etablierte. Und die erste Frau, die für einen Rundfunksender arbeitete und Radioaufnahmen machte. Oime negro wurde von ihr komponiert und getextet, die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1928.

Die wichtigste Tangosängerin der 1920er Jahre war Azucena Maizani (1902 – 1970). Sie trat viele Jahre lang in Männerkleidung auf und wurde auch als Schauspielerin zu einem internationalen Star. Und sie war, wie viele andere Tangosängerinnen, Komponistin. Der Tango Pero … yo sé aus dem Jahr 1928 ist ihr berühmtestes Werk.

Ebenfalls Schauspielerin und Sängerin,  vor allem bekannt durch ihre Interpretation von Tangos, war Libertad Lamarque (1908 – 2000). Sie gehörte zu den Ikonen der goldenen Ära des argentinischen und mexikanischen Kinos und gilt bis heute als die im Ausland erfolgreichste Schauspielerin Argentiniens. Der Vals Una vez en la vida stammt aus dem gleichnamigen Film von 1941.

Tita Merello (1904 – 2002) wuchs in einem Waisenhaus in Armut auf und beschloss eines Tages: Ich sollte eine große Schauspielerin in Buenos Aires werden! Ihre Karriere erstreckte sich über sieben Jahrzehnte, sie drehte über 30 Filme und hatte 20 Theaterstücke uraufgeführt. Die Milonga Se dice de mi zählt zu ihren bekanntesten Stücken, hier in einem Filmausschnitt aus dem Jahr 1955.

Nun von den Sängerinnen wieder zu den Musikerinnen. Eine, der die Musik in die Wiege gelegt wurde, war Beba Pugliese. Sie wurde 1936 in die Musikfamilie Pugliese geboren – nicht nur ihr Vater Osvaldo, sondern auch der Großvater, die Tante (ihre Klavierlehrerin), mehrere Onkel und Cousins waren Musiker*innen. Sie selbst wird trotz des nicht immer leichten Erbes, das sie trägt, eine anerkannte Pianistin und Komponistin. Sie spielt in mehreren Orchestern bevor sie das ihres berühmten Vaters übernimmt und als Orquesta Beba Pugliese weiterführt.  Hier Memorias von ebendiesem gespielt.

Aktuell gibt es unzählige Frauen, die Tangos komponieren, als Musikerinnen interpretieren oder singen. Die drei folgenden Beispiele sind also nur eine kleine Auswahl aus der Vielfalt von Tangomusik, die heute von Frauen gemacht wird.

Beata Söderberg ist eine schwedische Cellistin. Sie begegnete dem Tango 1997 in New York, begann zuerst zu tanzen und sich dann mit der Tangomusik zu beschäftigen. Sie komponierte erste Tangos als Fusion zwischen der Melancholie der skandinavischen Volksmusik und der Leidenschaft des argentinischen Tangos, aufgepeppt mit ein bisschen Jazz. 2004 ging sie nach Buenos Aires, gründete eine Band und nahm die ersten Tangoplatten auf. Hier zu hören Está loca mit ihrem Quintett bestehend aus klassischen Tangoinstrumenten, aber dem Cello als Führungsstimme.

Wir bleiben in Skandinavien, bei Las chicas del Tango aus Finnland. Das sind drei junge Frauen (Akkordeon, Klavier und Gesang), die in ihren Kompositionen finnischen Tango mit Klassikern des argentinischen Tangos verbinden oder argentinische Poesie vertonen, wie hier das Gedicht Un sol von Alfonsina Storni.

Den Schlusspunkt setzt das kosmopolitische Damenorchester Sciammarella Tango  bestehend aus Musikerinnen aus verschiedenen Ländern, die sich in Buenos Aires niedergelassen haben und dort in renommierten Symphonie- und Tangoorchestern spielen. Ihr Album Tangos Franco-Argentinos aus dem Jahr 2018 ist der Verbindung von Frankreich und Argentinien durch den Tango gewidmet, etwa, in dem der klassische argentinische Tango Comme il faut französisch gesungen wird.

Andrea

Die Weite suchen

Die Weite suchen

Es ist schon verrückt: da geht ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, just zu einer Zeit, in der dieses Glück so gar nicht angebracht erscheint. Weil die Umstände scheinbar nicht passen, weil es fast zynisch wäre, gerade jetzt in diesem Artikel davon zu erzählen, weil einfach alles so skurril ist in diesen Tagen. Wovon ich eigentlich rede? Davon, dass wir seit vielen Jahren, wenn wir Ende November mit TANGO AM MEER hier in Opatija sind, eine ganz besondere Wanderung machen und davon berichten wollen, aber dieser Wunsch bisher nie realisiert werden konnte. Jetzt sind wir gerade wieder hier im Hotel Miramar – und wir haben den Vojak bestiegen! Aber können wir in diesen Tagen darüber einen Blogartikel schreiben? Während zu Hause in Österreich nicht nur das Wetter novembernebelgrau, sondern auch die Stimmung der Menschen am Tiefpunkt ist? Während Europa mitten in der vierten, dieser nicht mehr erwarteten, Coronawelle gefangen ist und die Gefühle hin- und herspringen zwischen Traurigkeit, Wut und Sorge? Ja, ich kann und will gerade jetzt von diesem Tag im Paradies erzählen, um nicht zu vergessen, dass es auch das noch gibt: Glück, Dankbarkeit, Schönheit!

Der Vojak ist mit 1400 Metern die höchste Erhebung im Učka-Gebirge und zugleich der höchste Berg Istriens. Von Opatija aus sind wir zuerst mit unserem kleinen Fiat mehr als 900 Höhenmeter auf den Poklon-Pass gefahren. Es war ein strahlend schöner Herbsttag, ja, wir hatten ordentlich Sonnencreme aufgelegt, und sind gleich losgewandert. Der Weg führte – wie zuerst die Straße – in unendlich vielen Serpentinen durch einen lichtdurchfluteten Buchenwald. Die silbergrauen Baumstämme, dahinter der blaue Himmel, die weißen Kalkfelsen dieser Karstlandschaft und ein Teppich aus Buchenblättern wirkten als Gesamtbild entrückt, unwirklich, fast wie eine Theaterkulisse. So schön es war, den Blick schweifen zu lassen, wir mussten auf den Boden schauen und jeden Schritt behutsam setzen, denn die Blätter raschelten nicht nur, sondern waren ein äußerst rutschiger Untergrund. So merkte ich bald, dass dieses Gehen dem Gehen im Tango sehr ähnlich war: jeden Schritt bewusst zu setzen und ihm die volle Aufmerksamkeit zu widmen, ganz im Hier und Jetzt zu sein.

Nach 1 ½ Stunden Gehzeit und weiteren 500 Höhenmetern erreichten wir den Gipfel mit dem kleinen Aussichtturm aus Stein. Also sind wir noch einige Stufen hinaufgestiegen und dann – ein 360° Rundblick zwischen Meer und Land: Vom Triglav über die Karnischen Alpen und die Gipfel der Dolomiten über ganz Istrien hinweg zu den Inseln der Kvarner Bucht, dem Velebit-Gebirge bis Rijeka! Nicht nur die Schönheit war überwältigend, sondern vor allem dieses Gefühl der Weite. Bei all der Enge, die wir seit 20 Monaten erleben, bei der Ungewissheit wie es weitergehen wird, bei der Erfahrung, dass es nötig ist, unsere Freiheit zu begrenzen, diesen Moment zu erleben, war beinahe magisch und auf jeden Fall unendlich wohltuend.

Beim Abstieg wurde mir klar, dass wir trotz allem diese Momente suchen und finden können, dass sie uns – vielleicht zu einem nicht erwarteten Zeitpunkt – geschenkt werden! Für uns war es diese Wanderung auf den Vojak, aber es könnte auch ein ganz anderer Ort sein.

Sigrid      

Eine Jukebox voll mit Tangomusik

Eine Jukebox voll mit Tangomusik

Lange ist’s her, als wir in den Taschen nach Münzen gegraben haben, um per Knopfdruck Musik erklingen zu lassen. Und eigentlich hat sich ja gar nicht so viel geändert, wenn wir heute per Mausklick von einem Musikstück zum nächsten gelangen. Damit dies möglichst einfach geht, ohne Buchstaben- und Nummernkombinationen wie damals, haben wir alle Musikstücke unserer Reihe Tango del  dia nun zu einem Schlagwort zusammengefasst: 61 mal Tangomusik – einmal als Hörgenuss, dann wieder als Einladung zum Tanzen, einmal ein Orchester der Goldenen Jahre des Tangos, dann ein Electrotango, ein Tango Nuevo von Astor Piazzola, eine seltene Originalaufnahme aus den 1920ern, Valses oder Milongas, sogar weihnachtliche Tangos und vieles mehr.

Also, lass deine Münzen eingesteckt, mit diesem Link bist du direkt in unserer Tango-Jukebox:

Tango del dia | AdanzaS

Andrea und Sigrid

Tango caminando …

Tango caminando …

… eine Art zu gehen.

Es gibt zwei Dinge, die wir besonders lieben: den Tango und das Wandern. Wenn wir auf Reisen sind, dann tanzen oder wandern wir. Und die Basis beider Bewegungsformen ist die gleiche: das Gehen.

So kam uns die Idee, einen Tangokurs zu entwickeln, bei dem wir das Gehen in der Natur mit dem Gehen im Tanz verbinden. Sie spukte eine Zeit lang in unseren Köpfen, bis das Konzept stand. Gemeinsam mit WomenFairTravel kreierten wir dann eine Tango-Wander-Reise ins Allgäu, die dieses Jahr Anfang August das erste Mal stattfand und gleich auf Begeisterung stieß.

Vormittags waren wir in der abwechslungsreichen Natur rund um Steibis im Oberallgäu unterwegs. Hügelauf, hügelab, entlang von Bächen und kleinen Wasserfällen bis in luftige Höhen auf 1800 m führten die Wege. Wir genossen das satte Grün, die gute Luft, die schönen Ausblicke und das bewusste Gehen. Bei jeder Wanderung gab es auch einen kurzen Impuls von uns zu einem Tangothema, das sich beim Gehen in der Natur umsetzen ließ, und auf das die Teilnehmerinnen im Laufe der Woche schon immer gespannt warteten. Untermalt wurde das Ganze nicht von Tangomusik sondern vom Allgäuer Glockenspiel: dort trägt nämlich jede Kuh, von denen es unzählige gibt, eine Glocke und das ergibt ein ständiges Geläut als Begleitmusik.

Nach einer ausgiebigen Mittagspause, um im wunderschönen Landhaus Kennerknecht, in dem wir untergebracht waren, gemütlich im Garten zu liegen, die Sauna oder eine Massage zu genießen, ging es spätnachmittags ans Tanzen. „Für die Tangoschritte am Nachmittag waren die Füße schon in ihrem Element“, schrieb eine Teilnehmerin in ihrer Rückmeldung. So war das Caminar im Tango also kein Problem mehr. Zuerst solo und dann im Paar ging es um die vielfältigen Möglichkeiten des Gehens im Tango: dem Spiel mit Gewichtswechseln, dem Tempo, kleinen Verzierungen und den verschiedenen Spursystemen. In dieser reduzierten Form des Tangotanzens wurde spürbar, was Angela Nicotra meint, wenn sie sagt: Tango ist ein Liebkosen der Erde.

Beides, das Gehen in der Natur und das Gehen im Tanzsaal, empfanden die Teilnehmerinnen als lustvolle Bewegungsformen, die sich wunderbar ergänzten und zu einer besonderen Bewusstheit führten. Und das Landhaus Kennerknecht im Allgäu war dafür der perfekte Ort. Wir freuen uns jedenfalls, dass das Konzept aufging, wie wir es uns vorstellten und der Termin für Tango caminando im Sommer 2022 schon steht.

Vamos, Andrea

Auf und ab im Allgäu

Auf und ab im Allgäu

Wo bitte? Im Allgäu? Wo ist denn das? Tatsächlich ist dieses Stückchen Alpenvorland bei uns in Österreich kaum bekannt. Warum sollten wir zum Wandern nach Deutschland fahren, wenn es bei uns zahlreiche Almen, Hochmoore, Wasserfälle und Berggipfel gibt? Und doch ist es hier in Steibis im Oberallgäu anders als in den Bergen der Alpenrepublik. Anstelle des Blickes auf schneebedeckte Gipfelketten und mächtige Felswände schaut frau hier in die unendliche Weite sanfter Hügellandschaft und auf grüne Bergkuppen ringsum. Die Landschaft ist abwechslungsreich und hinter jeder Biegung kann es schon wieder ganz anders aussehen: mal geht es über eine Almwiese, hier „Alpe“ genannt, dann durch den Wald, plötzlich steigt der Weg steil bergan und auf der anderen Seite wieder hinab zu einem kleinen Bach, einer Brücke, einem Wasserfall … Selbst das Gestein hier ist anders. Es heißt Nagelfluh, bildete sich schon im Tertiär und besteht aus vielen kleinen Kieselsteinen, die sich verdichtet haben und ein wenig an Waschbetonplatten erinnern. Durch die Auffaltung entstand statt schroffen Felswänden eine sanft geneigte Seite, die in vielen Grüntönen schimmert. Der Hochgrat ist mit 1834 Metern der höchste Gipfel der Nagelfluhkette und von dort oben schweift der Blick über den Bregenzer Wald zum Bodensee und ich stelle fest, dass ich hier im Süden Deutschlands zugleich auch ein Stück Österreich, das ich noch nicht kenne, entdecke. Nun lasse ich aber die Bilder sprechen, die ich während der Wanderungen gemacht habe:

Hergeführt hat uns – wie könnte es anders sein – der Tango! Allerdings über den Umweg des Büros von WomenFairTravel in Berlin. Im Bio-Landhaus Kennerknecht hier im Allgäu finden schon seit Jahren sehr beliebte Frauenreisen statt, und als wir der Geschäftsführerin Evelyn Bader erzählten, dass wir das Gehen in der Natur mit dem Gehen im Tango verbinden möchten, hat sie gleich diesen Ort vorgeschlagen. Mittlerweile wissen wir, warum die Frauen gerne hierher kommen: das Landhaus liegt abseits und ruhig, umgeben von Wiesen und Wald, ein Ort zum Erholen und Genießen. Axel Hüttenrauch führt das Haus mit einer wohltuenden Gelassenheit und einer unaufdringlichen Freundlichkeit. Der Tag beginnt, bei schönem Wetter auf der Terrasse, mit einem Frühstück vom Feinsten, denn „bio“ ist hier kein Mascherl, sondern die bestmöglichste Qualität der Zutaten ist für Axel eine Selbstverständlichkeit. Nach den täglichen Wanderungen haben wir reichlich Appetit  und beim Abendessen, vielleicht begleitet mit einem guten Glas Wein, kann das Genießen weitergehen.

Weil diese Reise heuer erstmals stattfindet, sind wir vorgereist und erkunden seit einigen Tagen die Gegend, gehen die Wanderwege vorab allein und verkosten die Schmankerln in den Almhütten. Morgen reisen die Frauen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz an und TANGO CAMINANDO kann beginnen!

Sigrid

Bühne frei in Berlin!

Bühne frei in Berlin!

„Die Straße ist ihre liebste Bühne“ betitelte Viktória Kery-Erdélyi den Artikel über uns im Magazin Die Burgenländerin. Nach drei Wochen Straßenkunst in Berlin können wir wieder einmal sagen: ja, es stimmt! Es ist einfach wunderbar, an den unterschiedlichsten Orten mitten im pulsierenden Leben einer Stadt aufzutreten. Berlin ist nach wie vor eine Stadt, in der Straßenkunst zum Stadtleben gehört, und auf Grund sehr weniger Bestimmungen einfach zu praktizieren ist. So haben wir unseren wo/men tango act  Mascarada auf zahlreichen „Bühnen“ zur Aufführung gebracht:

Mal bei der Museumsinsel – auf der Friedrichsbrücke beim Sonnenuntergang oder direkt an der Spree, wo die Menschen den Feierabend ausklingen lassen oder am Wochenende chillen, dann in der noblen Friedrichsstraße unter Arkaden mit Marmorboden, oder am betriebsamen Hackeschen Markt, wo die meisten sehr geschäftig vorüber eilen, im Gegensatz zum Breitscheidplatz, den manche zu ihrem Wohnzimmer erklärt haben. Jeder Ort bekommt dadurch sein ganz eigenes Flair und unser wo/men tango act somit immer ein anderes Bühnenbild.

Auch das Publikum und seine Reaktionen auf die dargebotene Kunst sind dadurch sehr unterschiedlich. Solche, die fasziniert stehen bleiben, sich das ganze Stück ansehen und sich danach bedanken oder sichtlich berührt sind, bis zu jenen die im Vorübereilen mit einem Lächeln reagieren, ist die Bandbreite sehr groß. Vor allem Kinder können sich auf so eine spontane Situation einlassen, tauchen ein, tanzen mit und geben auch Feedback. In der Friedrichstraße hatten wir unsere erste Drive-in-Vorstellung: vor den Arkaden, in denen wir tanzten, gibt es ein paar Plätze zum Halten für Autos. Während einer Aufführung bemerkten wir, dass ein Auto direkt vor uns hielt, die Scheiben herunterließ und ein 5 oder 6jähriges Mädchen uns vom Beifahrersitz aus fasziniert beobachtete, danach sogar ausstieg, um Geld in unseren Koffer zu geben, bevor es wieder weiter fuhr. Gleich darauf parkte an derselben Stelle wieder ein Auto sehr rasant ein, drei Frauen sprangen heraus mit der erleichterten Feststellung, dass wir noch da seien. Sie hätten von der gegenüberliegenden Straßenseite, als sie an der Ampel halten mussten, einen Blick erhascht und daraufhin beschlossen umzudrehen. Da wären sie nun und hofften, wir waren schon am Zusammenpacken, das Stück noch zu sehen. Diese Zugabe tanzten wir natürlich sehr gerne, denn diese spontanen und direkten Begegnungen sind es gerade, die die Straßenkunst so besonders machen. Diesmal hatten wir außerdem das Glück, dass es an allen Orten, an denen wir tanzten, zu ganz spontanen  Fotoshootings kam, von denen wir die Bilder zugeschickt bekamen. Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Fotograf*innen Jasmin von Löwenberg, Konstantin Thomopoulos, Silke Gahleitner, Ute Greiling, Mo Photography Berlin und Frank-Michael Arndt, deren Fotos im Folgenden Einblicke in diese drei Straßenkunstwochen geben.

Zweimal waren unsere Auftritte von einem Event begleitet. Der Beginenhof Kreuzberg veranstaltete mit uns und dem Chor der Spreediven einen „Abend voll Sehnsucht und Lebensfreude“, wie sie es betitelten.  Am Vorplatz des modernen Gebäudes tanzten wir in der Abendsonne nicht nur unseren act, sondern auch zu zwei Songs der Spreediven: Barcarolle und Sound of Silence. Den krönenden Abschluss unserer Zeit in Berlin bildete dann die Feier zum 8jährigen Jubiläum von WomenFairTravel. Viele Frauen kamen zusammen an diesem heißen Sommerabend am Crelleplatz: mit Kunsthandwerk und wieder Tanz und Gesang, AdanzaS und die Spreediven waren nun schon gut zusammen gespielt, und reichlich Sekt wurde das Leben gefeiert!

Andrea

Mittendrin

Mittendrin

Endlich wieder sind wir in Berlin! Jener Stadt, die wir so sehr lieben und die zu beschreiben dennoch nicht leicht fällt, da sie so viele Gegensätze in sich vereint, alles nebeneinander Platz hat und Überraschungen daher vorprogrammiert sind. Dass jeder Stadtteil sein eigenes Flair hat, trifft ja auf viele Metropolen zu, aber hier gibt es keine Grenzen, keine fixen Vorgaben, an jeder Ecke hier kann es schick oder schräg sein. Bei unseren zahlreichen Berlinaufenthalten haben wir schon in vielen Bezirken gewohnt und jeweils die nähere Umgebung zu Fuß erkundet, die Stimmung in diesem Kiez eingeatmet und uns einfach durch die Gassen treiben lassen. Diesmal sind wir mittendrin – in Mitte, im alten Scheunenviertel. Von der Dachterrasse unserer Wohnung scheint der Fernsehturm zum Greifen nah und schnell hat sich ein Ritual eingestellt: Ein „Guten Morgen, Alex!“ und „Gute Nacht, Alex!“ umspannt unsere Tage.

Mittendrin im Großstadtgeschehen zu sein, heißt für uns aber auch, die kleinen und unscheinbaren Ecken eines Viertels zu suchen. Ein Blick in die Hinterhöfe ist da sehr lohnend. Die bekanntesten davon, wie die Hackeschen Höfe und die Heckmannhöfe, präsentieren sich derzeit so still und leer wie nie zu vor – die Tourist*innen aus aller Welt fehlen auch hier in Berlin. Doch es gibt noch weit mehr zu entdecken, ein wenig Muse und Neugier vorausgesetzt, entdeckt frau so manches Kleinod in diesem Häusergewirr:

Ein Bummel durch das Viertel führt uns auch in die vielen kleinen Geschäfte hier. Und die sind durchaus eine Sehenswürdigkeit für sich – mal schick und hipp, mal so gestylt, dass frau gar nicht auf den ersten Blick erkennen kann, was da eigentlich verkauft wird. Die häufigsten Vokabel an den Schaufenstern sind eindeutig bio, vegan, fair und Vintage. Die Nähe zum Prenzlauer Berg mag da mitspielen, die Dichte an Fahrradfahrer*innen mit und ohne Kinderanhänger, die Fülle an alternativen Bildungs- und Freizeiteinrichtungen wie einer Kunstschule, einer Waldorfschule und einem Abenteuerspielplatz spiegelt einen Teil der Bevölkerung von Mitte wieder. Das ist durchaus zwiespältig, denn Bezirke mit diesem Flair werden meist in wenigen Jahren zu teuren Wohngegenden, in denen sich viele die Mieten nicht mehr leisten können. Anderseits sind es genau diese Menschen in diesen Bezirken, die den Städten ein neues Gesicht geben, die offen sind für neue Verkehrs- und Umweltkonzepte. Aber auch bei den Geschäften und den Häusern gilt: alles hat nebeneinander Platz, wie die Bilder zweier Vintage-Läden und das Bild mit einem der letzten besetzen Abrisshäusern Berlins neben einem Nobelneubau, in dem eine Rechtsanwaltskanzlei logiert, zeigen.

Mittendrin braucht es natürlich auch noch nette Lokale. Und die gibt es – neben Fastfood und Billig-Asia-Food – zu Genüge. Zum Beispiel die italienische Vinothek muret LA BARBA gleich am Anfang unserer Straße – selbstredend mit einer so großen Auswahl an offenen Bioweinen, wie ich sie noch nirgends gesehen habe. Ein Teller Pasta, ein Glas Wein, ein Espresso – mehr braucht es nicht (obwohl es natürlich noch viel mehr gäbe). Oder das kleine Café mittendrin, von dem ich mir den Titel abgeschaut habe: Um Platz für Tische im Freien zu haben (im Lokal braucht es hier noch einen Coronatest) haben sie wohl in der Sophienkirche angefragt und so sitzen die Gäste nun gemütlich im Grünen und im Schatten der alten Bäume. Und so köstlich wie hier war noch kein Flammkuchen – mit Frühlingszwiebeln und Spargel! – wo auch immer wir ihn bisher gegessen haben.

Die Krönung unserer Zeit hier in Berlin – mittendrin in dieser schönen, lebendigen, verrückten Stadt tanzen wir unseren neuen wo/men tango act Mascarada! Für die Premiere haben wir das Spreeufer gewählt, dort, wo in der Strandbar Mitte seit Jahren getanzt wird, die nun coronabedingt aber noch nicht zum OpenAir-Parkett umgestaltet wurde. Erstmals betanzt haben wir die Arkaden in der Friedrichstraße / Unter den Linden mit ihrem wunderbaren Marmorboden, einem spannenden Flair und unerwarteten Begegnungen.

Und, quasi vor der Haustür, wie schon vor fünf Jahren, den Hackeschen Markt, an dem dieses Gefühl, mit der Straßenkunst mitten im Leben, am Puls einer Stadt zu sein, am deutlichsten spürbar ist. Die freudigen Gesichter der Menschen, egal ob sie lange stehen bleiben oder uns im Vorbeigehen ein kurzes Lächeln schenken, die kurzen oder längeren Gespräche, all das erfüllt uns jeden Abend und gibt uns das Gefühl, hier in Berlin (wieder) mittendrin im Leben zu sein!

Sigrid

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

Eine heftige Sehnsucht nach Freiheit …

… war eine der Antriebsfedern für die Entstehung des Tangos als Tanz. Und seine Entstehung war eine große Entwicklung in der Geschichte des Tanzes überhaupt, denn es wurde etwas Neues geschaffen, das sich von allem Bisherigen unterschied. Tango Argentino ist ein einmaliger, besonderer Tanz und das rührt sicher von seinen Wurzeln her, vom Ursprung. Die Choreografie des Tangos hat sich dann, wie alles Lebendige und Beständige, fortwährend weiterentwickelt und zählt heute sogar zum Weltkulturerbe.

So gibt es auch sehr viel Literatur über Tango und dessen Entstehung. Bisher haben wir eher über die Entwicklung der Tangomusik von ihren Anfängen bis herauf zum modernen Elektro-Tango gelesen und darüber in einigen Blogartikeln berichtet. Unlängst ist uns ein Buch in die Hände gefallen, in dem es neben der Tanztheorie um die Tanzgeschichte des Tango Argentino geht: Tango – eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel. Das Folgende gibt einen kurzen Einblick in Erkenntnisse, die ich besonders spannend fand.

Woher kommen also die Besonderheiten dieses Tanzes?
Die Menschen, die ihn formten, lehnten sich gegen die damalige Kultur und Gesellschaftsstruktur auf und sie hatten den Mut, das Gesicherte der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zur Zeit der Entstehung des Tangos (ca. 1860 – 1890) wuchs in den Vorstädten von Buenos Aires eine Bevölkerung von zweierlei Herkunft. Erstens kamen sie aus dem Landesinneren Argentiniens, die sogenannten Gauchos, die als Nomaden durchs Land zogen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts aber ihr Leben nicht mehr in dieser Weise fortsetzen konnten, da das Land privatisiert wurde. Und zweitens waren es die Einwanderer aus Europa, die sich in der „neuen Welt“ ein besseres Leben erwarteten. Beide Gruppen waren entwurzelt und aus der Bahn geworfen. Sie galten als fremd in der Stadt und ihnen fehlte eine Identität. Und sie trugen ein unbändiges Verlangen nach Freiheit in sich. Diese Situation bereitete den Boden für die Entstehung von etwas Neuem.

Die erste Tangogeneration entwickelte eine schöpferische Kraft und fand im Tangotanz ein Gefühl der Menschenwürde, ein Empfinden von Freude und eine kollektive Identität. Sie erlangten die höchste Perfektion, die den Menschen jener Zeit für ihre Selbstverwirklichung zur Verfügung stand. Und dieser Hintergrund spiegelt sich in dem, was den Tango als Tanz ausmacht – nämlich das vollkommene Fehlen von im Voraus festgelegten Tanzschritten und Abläufen. Von allen volkstümlichen Tänzen ist der Tango der einzige, in dem die Improvisation das wesentliche Element der choreografischen Form darstellt. Jede*r Tänzer*in kann eine individuelle Choreografie entwickeln und derselbe Tango wird nie zweimal gleich getanzt. Außerdem bietet der Tango als einziger Tanz die Möglichkeit, nicht zu tanzen, sozusagen „nein“ zu sagen – auch das eine Dimension von Freiheit. Seinen spezifischen Charakter erhielt er zusätzlich durch eine vielfältige Symbolik und eine spezielle Technik, die sich unter anderem von der Reit- und Kampfkunst der Gauchos ableitete. Und das Bedürfnis und die Suche nach Identität führten zur stolzen Haltung des sich Vorzeigens. Anfangs nahmen die Menschen die Tanzpositionen sehr genau ein, um ihre Gruppenzugehörigkeit zu erkennen zu geben, und sie entwickelten eine Vielzahl von Codes, um diese zu stärken. Wesen und Antrieb des Tangos war also die Freiheit, das gemeinschaftliche Handeln selbst zu bestimmen.

Sehr interessant finde ich außerdem, dass es den Tango als Tanz vor dem Tango als Musik gab. In dieser ersten Epoche der Entstehung tanzte man eine Choreografie ohne eindeutig definierte Musik. Was an diesem Anfang entstand, lässt sich wohl als neuer Modus, sich zu bewegen und zu tanzen bezeichnen. Man tanzte auf eine andere Weise und in neuer choreografischer Form, aber nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, …

So entstanden in jener Zeit auch die drei Rhythmen, die sich bis heute erhalten haben, nämlich Tango, Milonga und Vals, zu denen in ein und derselben choreografischen Form und Weise getanzt wird. Und so lässt sich auch erklären, dass man auf Nicht-Tango-Musik, sogenannte Nontangos, wunderbar Tango tanzen kann.

An das Ende stelle ich hiermit wieder einmal ein Zitat von Leopoldo Marechal, das auch auf unserer Website zu finden ist: Der Tango ist vielfältig, er ist eine unendliche Möglichkeit, um unsere Sehnsucht nach Freiheit zu stillen, ergänze ich an dieser Stelle.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Wie werden wir in Zukunft reisen?

Wie werden wir in Zukunft reisen?

Anders! Das ist aber auch schon das Einzige, das ich mich mit Sicherheit zu behaupten getraue, denn in welche Richtung es gehen wird, scheint noch völlig offen zu sein. Die Travel-News der internationalen Reisebranche sind zwiespältig: Einerseits erfährt man, dass allein heuer schon 30 neue Airlines angemeldet wurden, die alle den Kurz- und Mittelstreckenbereich bedienen wollen. Anderseits sind einige Regionen, die 2019 vom Massentourismus überrannt wurden, gerade dabei mit neuen Regelungen eine Rückkehr zu jenem Reiseverhalten, wie es vor der Pandemie war, zu verhindern: Hawaii  wird die aktuellen Zugangsbegrenzungen für Nationalparks beibehalten, in Florenz gibt es neue Bestimmungen für Ferienwohnungen und Island und Venedig haben Gesetze erlassen, die die Kreuzfahrtbranche  einschränken. Doch das Angebot an Kreuzfahrten scheint nicht kleiner, sondern um ein Vielfaches größer zu werden. Da geht es vor allem um Luxusreisen und um die Idee, die Schiffe zu coronafreien Zonen zu machen: alle Menschen an Bord – Urlauber*innen sowie die gesamte Crew – sind getestet, wenn sie das Schiff betreten und dieses wird dann einfach nicht mehr verlassen. Ein schwimmendes Luxusresort, das auf Landgänge verzichtet und die heile Welt vorgaukelt. Nun, ein übermäßig großes Interesse an einer Begegnung mit Land und Leuten hat wohl die meisten Passagiere auch bisher nicht zu dieser Art des Reisens angetrieben, in Zukunft würde sie gleich ganz gestrichen werden.

Wie aber werden jene Menschen in Zukunft reisen, denen genau diese Begegnungen mit Land und Leuten wichtig sind, die offen sind für andere Kulturen und gerne auch die Gastfreundschaft anderer annehmen? Kann es auch für sie eine neue Art des Reisens geben? Tatsächlich sind in der Reisebranche zuletzt viele neue Ideen entwickelt und umgesetzt worden – zum Beispiel mit der Plattform Schau aufs Land, die Campingreisenden freie Stellplätze auf über 200 Bauernhöfen, Weingütern oder Manufakturen in Österreich anbietet. Du kommst mit deinem Campingbus, Wohnmobil oder Zelt, kannst die Produkte des Hofes genießen und völlig legal außerhalb eines offiziellen Campingplatzes übernachten. Okay, das ist jetzt nicht gerade eine fremde Kultur, der Fernreisende gerne begegnen. Aber ein Umdenken hin zu einem neuen Reisen beinhaltet ja auch die Frage der kurzen Wege. Und zu entdecken gibt es auch innerhalb Europas – und selbst innerhalb Österreichs – noch genug.

Damit bin ich bei der Frage angelangt, wie wir in Zukunft unser Reiseziel erreichen werden. Für uns ist Slow Travel mit der Bahn schon seit Jahren die bevorzugte Art des Reisens. Das Angebot dafür wird immer größer und die Abwicklung immer einfacher. Dass momentan rund 1500 Nachtzüge in Europa unterwegs sind, ist wahrscheinlich vielen nicht bewusst. Gerade die ÖBB hat dieses Angebot bereits in den letzten Jahren enorm erweitert und durch Kooperationen mit anderen Staatsbahnen soll es 2021 weitere neue Verbindungen auf Teilstücken der traditionellen Orient-Express-Strecke nach Paris oder bis nach Schweden geben. Die zahlreichen neuen Plattformen oder Reisebüros, die sich auf Bahnreisen spezialisiert haben, erleichtern die Buchung der Tickets. Traivelling zum Beispiel, gegründet von einem jungen Wiener, der sogar seine Asienreise per Bahn gemacht hat, wurde mehrfach ausgezeichnet und ist spezialisiert auf die Umsetzung individueller Reisewünsche. Und wie steht es mit Gruppenreisen? WomenFairTravel, das Berliner Frauenreisebüro, mit dem wir seit Jahren kooperieren, hat für 2021 bei einigen Angeboten eine gemeinsame Anreise  per Bahn und Schiff im Programm: „Slow Motion vom Anbeginn“ gibt es etwa nach der Ankunft des Nachtzuges in Florenz bei einem Zwischenstopp inklusive Stadtspaziergang und Mittagessen bevor es mit der Bahn weiter bis Livorno und dann per Schiff nach Sardinien geht. 

Neben der Anreise könnten sich beim Reisen auch die Häufigkeit und die Dauer verändern. Eine Idee, die nicht neu, sondern nur in Vergessenheit geraten ist, hat das Hotel Miramar in Kroatien – ja, auch dies eine unserer langjährigen Kooperationen – im letzten Herbst umgesetzt: das Reisen selbst war wegen notwendiger Tests aufwendiger und lohnte sich nicht für wenige Tage, warum also nicht, so wie früher in diesem Kurort an der Adria üblich, gleich für mehrere Wochen bleiben? Da viele Stammgäste dieses Hotels bereits im Pensionsalter sind und daher für längere Zeit verreisen können, kam das attraktive Angebot gerade recht, um die aufgestaute Sehnsucht nach dem Meer zu stillen.

Genau diese Sehnsucht – nach dem Meer, nach neuen Entdeckungen, nach vielfältigen Genüssen und Begegnungen – lässt auch uns schon wieder vom Reisen träumen. Manche meinen, wenn die Pandemie überstanden sei, werden die Menschen mehr und noch ausgelassener reisen als zuvor, andere wieder sagen, sie werden bewusster und nachhaltiger reisen und wahrlich neue Wege gehen. In welche Richtung es geht, hängt wohl einmal mehr von jeder und jedem einzelnen ab. Da ich eine hoffnungslose Optimistin bin, schließe ich hier mit einem Satz, der mir kürzlich zugefallen ist und der nicht im Schatten der Pandemie, sondern bereits im 18. Jhd. von einem klugen Menschen gesagt wurde: Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

Sigrid