Practica am Meer

Practica am Meer

 Alles kann und nichts muss sein! Diese Definition für einen gelungenen Urlaub passt genau zu einem Aufenthalt im Hotel Miramar hier in Opatija. Direkt am Lungomare, dem Spazierweg entlang der Adria, gelegen und mit einem vielfältigen Angebot im Wochenprogramm bieten sich unzählige Möglichkeiten. Zugleich aber herrscht im Haus eine Entspanntheit, die jeder und jedem die absolute Freiheit lässt, alles oder gar nichts zu tun. Einige Beispiele gefällig? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Tangowoche erzählen uns gerne, wie sie ihre Tage im und rund ums Miramar verbringen:

Vor dem Frühstück: ein flotter Spaziergang am Lungomare nach Volosko. Schwimmen im geheizten Meerwasserpool oder gar im Meer (aktuell bei ca. 17°). „Fit & Vital“ mit einer Yogastunde. Oder einfach ausschlafen und sich daran erfreuen, dass das Frühstücksbuffet bis 11.00 zur Verfügung steht.
Tagsüber: den gesamten Lungomare (ca. 10 km) bis Lovran erwandern. Ein kurzes Stück am Lungomare flanieren und gemütlich auf einer Bank sitzend aufs Meer schauen. An einer Stadtführung, einem Ausflug nach Rijeka oder Istrien oder einer Führung durch den Hotelgarten teilnehmen. In einem der beiden Wellnessbereiche relaxen. Im Fitnessstudio trainieren. Im unterirdischen Verbindungsgang des Hotels die Schautafeln mit der Geschichte dieses ehemaligen K&K Kurortes studieren. Auf der Terrasse ein Mittagshäppchen oder Kaffee & Kuchen genießen. Im gemütlichen Zimmer bleiben bzw. am eigenen Balkon sitzen, lesen, faulenzen, nichts tun.
Abends: beim 5gängigen Menü keinen Gang auslassen. Anschließend in die Hotelhalle zu einem Konzert oder einer Lesung  gehen. In der Bar einen Verdauungsdrink nehmen. Ebendort der Livemusik lauschen oder das Tanzbein schwingen. Bei einem Abendspaziergang am Lungomare die kitschige Atmosphäre auskosten. Einfach früh schlafen gehen.

Als im vergangenen Jahr die Idee auftauchte, hier im Hotel Miramar auch eine Tangowoche im Paar anzubieten, war schnell klar, dass wir hier keinen klassischen Kurs machen wollen, denn auch in den Tanzeinheiten sollte die oben genannte Freiheit, dieses Alles kann und nichts muss sein!  bestehen bleiben. Daher gibt es nun erstmals das Format Tango Argentino Practica am Meer: Die zwei Tanzeinheiten täglich beginnen mit einer kurzen Einführung von uns, danach übt jedes Tanzpaar ganz individuell und wir begleiten und unterstützen es dabei. Sind wieder Beispiele gefällig? Die einen wiederholen die Media Luna. Andere feilen an der perfekten Umarmung, also der Tanzhaltung. Ein weiteres Paar fragt, welche Varianten wir denn zuletzt bei der Salida americana hatten. Die Ochos können nicht oft genügt geübt und verfeinert werden. Und das Eintauchen in den Milonga- bzw. Vals-Rhythmus bietet viele weitere Übungsmöglichkeiten.

Und während ich bei einer dieser Practicaeinheiten die Tanzpaare beobachte, kommt mir plötzlich der Gedanke, dass der Satz Alles kann und nichts muss sein! nicht nur eine Definition für einen gelungenen Urlaub ist, sondern eigentlich das Wesen des Tango Argentino beschreibt: bei jedem Schritt unzählige Möglichkeiten zu haben und gleichzeitig in jedem Augenblick den Tanzfluss für eine Pause, für das Nicht-Tanzen unterbrechen zu können. Im Dialog der beiden Tanzenden die Freiheit auszukosten und so jeden Tanz neu entstehen zu lassen. Und wie beim Urlauben kommt es auch beim Tango darauf an, die Vielzahl der Möglichkeiten, dieses Alles kann sein! nicht als Stress, sondern als Angebot zu verstehen und niemals zu vergessen, dass nichts sein muss!

Sigrid

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 2

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 2

Hier folgt nun die Fortsetzung der Tanzgeschichte ab dem goldenen Jahrzehnt, der Hochblüte des Tango Argentino in Buenos Aires. Auch diesmal zitiere ich wieder aus dem Buch Tango, eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel.

Vierte Epoche (ca. 1940 – 1950)
In dieser Zeit wird der Tango zum Tanz der Massen. Es gibt eine quantitative, aber keine qualitative Entwicklung. Der Tango war bereits zu seiner klassischen Form gelangt und in allen sozialen Schichten verbreitet. Er ist daher weniger durch neue Techniken oder Bewegungen gekennzeichnet, als durch sein gesellschaftliches Milieu. Je höher die Sozialschicht, umso schlichter wurde der Tango getanzt. Geleitet vom Wunsch, mittels der Tango-Symbolik einen sozialen Aufstieg zu erreichen, bemühten sich alle um seine Vereinfachung und die große Mehrheit passte sich dieser Tendenz an. Doch es gab daneben auch große Tänzer*innen, die in jedem Tango eine Synthese seiner ganzen Entstehungsgeschichte suchten, und es erhielt sich mancher Winkel, in dem weiterhin in großer Vielfalt getanzt wurde. Schließlich bedeutete diese Periode für den Tango einen enormen Aufschwung hinsichtlich seiner Verbreitung durchs Radio, auf Schallplatten und im Film. In keinem Jahrzehnt wurde so viel Tango komponiert, getanzt und verfilmt wie in diesem.

Fünfte Epoche (ca. 1950 – 1955)
Nun kommt es noch einmal zu einer Weiterentwicklung des Tanzes, indem neue Bewegungsmöglichkeiten mit dem Abheben der Füße vom Boden dazukommen. Es entstanden Ganchos (Haken) und Voleos (Beinschleuderer). Bei dem einen verhaken sich die Beine der beiden Tanzenden ineinander, wobei sowohl die Frau beim Mann einhaken kann, als auch der Mann bei der Frau. Beim zweiten Element gibt es auch für beide Rollen die Möglichkeit ihre Beine während des Tanzes linear oder zirkular fliegen zu lassen. Für beides wurde eine Tanztechnik entwickelt, beides kann geführt werden, Voleos können aber auch von einer Person selbständig in den Tanz eingefügt werden. Durch die Improvisation bestand die Möglichkeit, diese Elemente auszuführen, wann es den Tanzenden passend erschien, sofern der Raum und die Zeit hierfür zur Verfügung standen. Dieses Abheben der Füße und Beine vom Boden ist wohl die letzte Neuerung bezüglich der Tanzelemente des Tangos in diesem Jahrhundert.

Sechste Epoche (ca. 1955 – 1980er Jahre)
In dieser Periode gewinnt die künstlerische Darbietung an Bedeutung. Der Tango, im Volk entstanden, erfährt einen kulturellen Aufstieg, indem er von dort aus auf die Bühnen gelangte. Es entstanden Tangoshows bzw. abendfüllende szenische Darstellungen. Eine der bedeutendsten in den 1980er Jahren nannte sich schlicht und einfach Tango Argentino und ging weltweit auf Tournee. Diese Aufführung löste vielerorts einen Tangoboom aus und es wurde auch in Europa wieder sehr populär Tango zu tanzen. Es entstand eine Ausprägung des Tanzes, die man internationalen Tango nannte. Dieser wies eigene, besondere Charakteristika auf. Auch wenn das Paar umarmt blieb, war die Haltung der Körper doch vollkommen verschieden. Es wurde mit Grundschritt und einer begrenzten Zahl von Figuren und auf eine dem Walzer ähnliche Weise getanzt.  
In der Folge kehrte der Tango allerdings in einem umgekehrten Prozess immer wieder von den Bühnen zum Volk zurück und füllt heutzutage in Buenos Aires und weltweit die Tanzlokale. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum ihm das Schicksal der Erstarrung erspart blieb.

Tango Nuevo ab den 1980er Jahren
Hier beginne ich mit einem Zitat des Tänzers Gustavo Naveira: Man kann als Tango Nuevo die Phase nach 1980 erachten, in der der getanzte Tango technisch und künstlerisch seine höchste Entwicklung erreichte.
Auch dabei werden vollständig improvisierte, jedoch führbare Schritte auf der Basis der Tanzschritte des klassischen Tango Argentino getanzt. Es geschieht aber ein bewusstes Öffnen der Tanzhaltung. Das Spiel mit dem Abstand, sogar ein voneinander Wegdrehen kann es geben, ermöglicht Positionen neben- oder hintereinander. Es werden außerdem Elemente aus dem Bühnentango adaptiert. Charakteristisch sind Elemente, die mit der Aufgabe der Achse spielen wie z.B. Colgadas (nach außen kippen) oder Volcadas (nach innen kippen).
Dieser Tanzstil hat sich in seiner Entwicklung auch wieder dem Salonstil angenähert, sodass mehrere Mischformen entstanden. Gleichzeitig gab es eine Rückbesinnung auf das Wesentliche des Tangos. So ist etwa Tango Líquido ein recht junger Stil, in dem die enge Haltung des Salontangos und die offene des Tango Nuevo fließend (líquido) ineinander übergehen, um sowohl die Nähe des Tango Salon als auch die Dynamik des Tango Nuevo tanzen zu können.
Tango Nuevo wird entweder zu traditioneller Tangomusik oder zu zeitgenössischen Formen bis hin zum Electrotango (Gotan Project, Narcotango, Tanghetto, …) getanzt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es in der Geschichte des Tangotanzes immer wieder Erneuerungen und eine Weiterentwicklung, aber auch Rückbesinnung und die Erinnerung an das Vergangene gegeben hat. Ich denke dieses Zusammenspiel macht diesen Tanz so reich an Erfahrungen und hilft jedem und jeder den eigenen Tanzstil zu finden.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 1

Entstehung und Entwicklung des Tangotanzes Teil 1

Tango Argentino, ein Tanz, der mittlerweile weltweit getanzt wird und zum Weltkulturerbe zählt. Dass das so ist, ist höchstwahrscheinlich der fortwährenden Weiterentwicklung seiner choreografischen Gestaltung zu verdanken. Es ist ein gewachsener Tanz, der beides, Tradition und Erneuerung, in sich vereint. In diesem und einem folgenden Beitrag versuche ich einen kurzen geschichtlichen Abriss dieser Entwicklung zu skizzieren und dabei eine Untergliederung in Epochen vorzunehmen. Die Jahresangaben sind dabei Richtwerte, da eine genaue Zeitbestimmung auf Grund fehlender Quellenangaben nicht möglich ist. Als Vorlage dafür diente mir das Buch Tango, eine heftige Sehnsucht nach Freiheit von Gloria und Rodolfo Dinzel.

Erste Epoche (ca. 1860 – 1890)
In diese Zeit fällt der Ursprung, die Entstehung dieses Tanzes, indem ein neuer Modus sich zu bewegen und zu tanzen auftauchte. Es gab dafür keine eindeutig definierte Musik, sondern man tanzte nach der Musik der Zeit: Walzer, Polka, Mazurka, Paso Doble, Quadrille, Habanera, Milonga, … Erst gegen Ende dieser Epoche, ca. 1880, wird auf diese bestimmte choreografische Form eine Musik angewandt, die Tango genannt wird und von jenem Tanzmodus Besitz ergreift, den man von da ab als Argentinischen Tango kennt. Tango entstand also zuerst als Bewegung, zu der später die Rhythmen, die Musik und schließlich der Text hinzu kommen. Aus dieser Zeit haben sich auch die drei Rhythmen, Tango (4/8 Takt), Milonga (2/4 Takt) und Vals (3/4 Takt) erhalten.
Was war nun aber neu an dieser Art sich zu bewegen? Einerseits wurde die choreografische Form gänzlich improvisiert, dass niemand sicher wusste, wo und in welchem Moment was geschehen würde, nur das Wie war vorhersehbar. So etwas gab es in allen geläufigen Tänzen jener Zeit nicht. Und das Zweite völlig Neue war, dass es zu Unterbrechungen der Fortbewegung kam. Die Weigerung zu tanzen wurde zum Symbol der Freiheit. Bei den Cortes, wie man diese Unterbrechungen nennt, hielt das Paar mitten im Tanz an, um anschließend gleichzeitig weiter zu tanzen. Dabei ergaben sich eng aneinander geschmiegte Posen während des tänzerischen Stillstandes, was in jener Zeit als skandalös galt. Außer diesen Ruhemomenten, die einem gemeinsamen, gleichzeitigen Schweigen beider Tanzenden gleichkam, gab es auch noch die Abwartehaltung, also das Schweigen der einen Person, während die andere sich ausdrückte. Es handelte sich um Augenblicke der schweigsamen Aufmerksamkeit wie im Gespräch, um wahrnehmen zu können, was der/die andere mitteilt.
Das Wesen dieses Tanzes, nämlich die Improvisation und der Dialog der beiden Tanzenden, wurde also schon in dieser ersten Epoche grundgelegt.

Zweite Epoche (ca. 1890 – 1920)
In dieser Zeit konzentrierte sich die Choreografie vor allem auf die Figuren, die die Füße beim Tanzen auf dem Boden zeichnen. Unter Figuren verstehen wir hier eine Reihe von Bewegungen, die als solche wiedererkannt und wiederholt werden können. Es entstanden z.B. die Ochos (Achten) oder die Media Luna (Halbmond). Außerdem wurde auf einen höheren Grad an Präzision in den Bewegungen Wert gelegt. Auch die Tanzhaltung änderte sich, indem die Körper weiter voneinander entfernt waren, aber Kopf an Kopf getanzt wurde, was wahrscheinlich der Notwendigkeit entsprang, zu beobachten, was sich auf dem Boden ereignete.
Dieser Epoche verdanken wir also jene festgelegten Bewegungsabläufe, die als grundsätzliches Repertoire dieses Tanzes bis heute erhalten sind.

Dritte Epoche (ca. 1920 – 1940)
Diese Epoche könnte man mit dem Wort Eleganz betiteln. Zum ersten Mal wurde auf die Eleganz geschaut, es ging immer mehr darum, wie die Bewegungen ausgeführt wurden. Eine Vielzahl von Techniken zur Gestaltung der tänzerischen Eleganz gewinnt an Bedeutung: die Gleichgewichtsachse,  die Gelenkspannung durch leichtes ins Knie gehen, das Schweben, indem man mit den Schultern auf einer Ebene bleibt, um nur einige zu nennen. Man stellte sich auch erstmals die Frage, welche Rolle der Oberkörper beim Tanzen spielt und es entwickelte sich ein Stil der vollkommen aufrechten Haltung.
Nachdem der Tango aus Europa triumphal nach Buenos Aires zurückgekehrt war und sich endgültig in den Salons etablierte, ergab sich in dieser Zeit auch das, was als Salon-Tango bekannt wurde. Dabei stehen sich die Oberkörper vollständig gegenüber, wahrscheinlich durch den europäischen Einfluss, aber in geringerem Abstand der Körper und die Gesichter schauen zum Rücken des Partners/der Partnerin. Es ergab sich dadurch mehr Geradlinigkeit, aber eine geringere Bewegungsmöglichkeit bei der Ausführung der Figuren, weshalb man diesen Stil auch schlichten Tango nennt.
In dieser Zeit kam es also zu einer Entwicklung der Ästhetik, es kam nicht so sehr auf „schwierige Figuren“ an, sondern auf Tangogefühl, Eleganz und Sicherheit.

Soweit nun die Tanzentwicklung bis in jene Zeit, als die goldene Ära des Tangos anbrach. Im zweiten Teil geht es dann um dieses goldene Jahrzehnt und davon ausgehend die jüngsten Weiterentwicklungen bis herauf zum Tango Nuevo.

Andrea

Verwendete Literatur:
TANGO eine heftige Sehnsucht nach Freiheit, Gloria und Rodolfo Dinzel, Verlag Abrazos

Stadt und Berg und See und Kunst

Stadt und Berg und See und Kunst

Wir sind gerade in Bregenz und verbinden wieder einmal die Arbeit mit dem Vergnügen. Nein, ich muss mich korrigieren, denn die Arbeit derentwegen wir hier sind, ist die Straßenkunst und diese ist für uns das reinste Vergnügen! Also sollte ich wohl besser schreiben, dass wir gerade unterwegs sind, um auf der Straße zu tanzen und zugleich einen neuen Ort zu erkunden. Und das nicht nur tagsüber, wenn wir die Stadt durchstreifen und die zahlreichen Freizeitmöglichkeiten in der nächsten Umgebung nutzen, sondern auch als Straßenkünstlerinnen machen wir eine überraschende Entdeckung: es gibt tatsächlich eine Stadt in Österreich, in der Straßenkunst nicht reglementiert ist! Gerade jetzt, zur Festspielzeit, sind abends unglaublich viele Menschen auf der Seepromenade unterwegs – schick gemacht für den Opernabend oder flanierend, um den Sonnenuntergang zu genießen. Es ist schon Jahre her, dass wir so viel Publikum bei unseren Auftritten hatten und die Atmosphäre direkt am Wasser ist wirklich beeindruckend. Und wieder einmal zeigt sich, was es braucht, damit spontane Straßenkunst funktioniert: wenn wir ganz in der Präsenz und im Stück Mascarada sind, dann springt der Funke über, dann bleiben die Menschen stehen, schenken uns Applaus und Feedback und warten manchmal sogar die kurze Pause ab, die wir brauchen um uns neu zu positionieren, um das Stück ein weiteres Mal zu tanzen. Nach einer Auftrittsrunde von 1 – 1 ½ Stunden sind wir müde, aber beglückt und erfüllt von der Dichte, die die Straße als Bühne so besonders macht!

Für unseren Aufenthalt hier haben wir seit langer Zeit wieder mal eine Wohnung über Airbnb gesucht und hätten keine bessere finden können: an der Westflanke des Pfänder, dem Bregenzer Hausberg, mit einem wunderschönen Ausblick auf den Bodensee. Jeden Abend sitzen wir auf dem kleinen Balkon, stärken uns nach dem Auftritt und genießen das täglich wechselnde Fernsehprogramm, denn keine Abendstimmung gleicht der vorigen!

Besonders fein ist die Lage der Wohnung, gerade nicht mehr in Bregenz sondern in Lochau, auch deshalb, weil wir alle Örtlichkeiten zu Fuß erreichen können. So begann unsere Wanderung auf den Pfänder direkt an der Haustüre, ein steiler Weg führte uns zuerst durch eine Schlucht, wurde breiter und  bot immer wieder schöne Ausblicke auf den See. Nach einem Aufstieg von 600 Höhenmetern fanden wir uns zwischen den Bergen und dem See – sogar jetzt im Sommer ohne klare Sicht eröffnete sich ein tolles Panorama.

Anderntags sind wir in wenigen Minuten hinunter zum See gegangen und haben es uns im ältesten Seebad von Bregenz gemütlich gemacht. Das sogenannte Milibad wurde 1825 als Militärschwimmschule der Kaserne direkt am Ufer errichtet, später erweitert und renoviert, und verspricht heute einen Badetag wie vor 100 Jahren. Und tatsächlich ist es angenehm ruhig und ein wenig gediegen, ältere Damen sitzen in Badeanzügen beim Bridgespiel während Kinder unter den Stelzen im Wasser „Abfangen“ spielen. Der alte Holzbau wirkt elegant und ist einfach schön – beauty eben.

Beauty ist auch der Titel einer Ausstellung im vorarlberg museum, der uns sogleich anspricht und in diesen modernen, architektonisch interessanten Bau – direkt im kulturellen Zentrum der Stadt, dem Kornmarkt mit den Theater und dem Kunsthaus Bregenz – lockt. Stefan Sagmeister und Jessica Walsh ergründen in dieser Schau, warum Menschen sich von Schönheit angezogen fühlen, welche positiven Auswirkungen Schönheit haben kann und dass Schönheit keine Oberflächenstrategie ist, sondern zentraler Bestandteil des Menschseins. Wir lieben Schönheit und sind begeistert ob der vielfältigen Herangehensweise  an das Thema.

Beauty ist aber auch das passende Wort für die Seepromenade, die nicht nur zum Flanieren oder auf einen Aperitif in der Sunset Bar einlädt, sondern an der klar wird, warum Bregenz von sich behauptet, dass Kunst im öffentlichen Raum eine Stärke dieser Stadt ist: von spontanen Kunstaktionen wie einem Klavier am Hafen, dass jede und jeden zum Spielen einlädt und zugleich um Spenden für ein Flüchtlingsprojekt bittet, über uns und unsere Kolleginnen und Kollegen der Straßenkunst bestätigt sich, dass hier nicht nur die sogenannte Hochkultur mit den Opernaufführungen auf der Seebühne, dem Theater und einer weiteren Opernbühne Platz hat.

Nach diesen Tagen hier wundere ich mich, warum wir im Osten Österreichs so wenig von Bregenz wissen und so selten auf die Idee kommen, uns auf die Reise hinter den Arlberg zu machen. Zugegeben, der Weg ist weit, aber mit dem Klimaticket gibt es jetzt ja eine attraktive Form um quer durchs Land zu reisen. Ob sich also, wie nach dem letzten Blogartikel Lendspirit, auch diesmal eine Leserin oder ein Leser spontan in den Zug setzen wird? Wir jedenfalls werden ganz bestimmt wieder nach Bregenz kommen – um die Seepromenade zur Bühne zu machen und diese Stadt am Wasser zu genießen! 

Sigrid

Lendspirit

Lendspirit

Lend heißt ein Stadtteil von Graz, man sagt, er ist das aufstrebende und kreative Viertel, ein „place to be“. Sowohl tagsüber als auch abends belebt und ideal zum Flanieren und um auf Entdeckungstour zu gehen. Das haben wir kürzlich gemacht und so berichte ich hier davon.

Ein beliebter Treffpunkt des Viertels ist der Bauernmarkt am Lendplatz, der zweitgrößte in Graz, an dem frau tagsüber Gemüse, Obst, Blumen oder Pflanzen erstehen kann, und der sich abends in einen Szenetreff mit vielen kleinen Lokalen verwandelt. Auch wir haben unseren Rundgang hier gestartet, um uns dann durch die kleinen Gassen Richtung Lendkai und Mur treiben zu lassen.

An den vielen Läden, die sich hier aneinander reihen, kommst du nicht vorbei, ohne zumindest einen Blick hineinwerfen zu wollen. Vielfältig, interessant und kreativ gestaltet, laden sie zum Schmökern ein. Da gibt es den Secondhand mischMASCH, ein Sammelsurium an Dekogegenständen, Möbeln, Flohmarktunikaten, Schmuck und Mode. Ebenso dem Wiederverwertungsgedanken verschrieben hat sich Offline-Retail, ein Projekt, in dessen Laden Upcycling und Secondhand Produkte angeboten werden. Nicht weit davon entfernt, befindet sich der Keramikladen Fabeltisch und auch hier bleiben wir beim Thema. Das Sortiment umfasst Upcyclingstücke aus Keramiküberproduktionen sowie Teile mit Schönheitsfehlern und das Geschäftsmodell versteht sich als „Zweite-Chance-Keramik“. Aber nicht nur haptisch Schönes, sondern auch Genussvolles findet sich, wie z.B. im Paul & Bohne, einer Kaffeerösterei: 30 frisch geröstete Single Origins aus aller Welt stehen zur Auswahl, Bio ist Überzeugung und Programm. Angeregt geht es also weiter, um gleich im Büchersegler zu landen, einem Buchladen, der fast am Lendkai „angelegt“ hat. In der liebevoll gestalteten Buchhandlung lassen sich besondere literarische Schätze finden und neuerdings gibt es sogar einen angeschlossenen kleinen Verlag. Noch viele weitere Design- und Antiquitätengeschäfte locken, aber irgendwann kommt der Hunger.

Durch die Vielzahl an Lokalen findet sich auch hier für jeden Geschmack etwas. Das erste Bio-Haubenlokal in Graz ist der Mohrenwirt mit fantastisch guter Küche. Besonders nett sitzt sich’s im schattigen Gastgarten der Hummel, wo levantinische Spezialitäten serviert werden und sich ein ganz junges Team um Küche und Service kümmert. Wenn es nur ein Getränk sein soll, setzt man sich im Café Centraal an ein Tischchen mitten in der quirligen Gasse. Und auch im Kunsthauscafé kann man sich stärken, bevor es mit Kunstgenuss weitergeht.

Neben dem Kunsthaus und vielen Ateliers gibt es noch das Minoritenzentrum, wo es uns als nächstes hin verschlägt, da dort im Rahmen des Designmonats Graz gerade mehrere Ausstellungen zu sehen sind. Zweck Zwei zeigt Arbeiten von Designer*innen, die industriellen Reststoffen ein zweites Leben gegeben haben und Design Everyday präsentiert herausragend gestaltete Alltagsgegenstände, wie z.B. Sitzgelegenheiten aus Holz, die mitten in der Natur zum Verweilen einladen.

Mitten in der Stadt kann frau hier wirklich auch mitten in der Natur sein. Vorbei an einem verwunschenen Garten mit Obstbäumen schlendern wir zum Volksgarten. Aber bevor wir darin entspannen, ist es noch nicht vorbei mit Kunstgenuss, denn im Volksgarten-Pavillon gibt es gerade die Ausstellung Pirate Women*.  Die Künstlerin Elisa Andessner setzt sich dabei mit der Figur des Piraten auseinander und überträgt dessen Eigenschaften auf das weibliche Rollenbild. Zu sehen sind Gruppenfotos, Portraits und Videos, die das Bild von Weiblichkeit erweitern. Eine kleine, aber äußerst spannende Ausstellung!

Nun brauchen wir wirklich eine Verschnaufpause und dafür ist der Volksgarten ideal. Auf einer Bank beim Springbrunnen dem Plätschern des Wassers lauschen oder sich doch lieber unter einem schattigen Baum ausstrecken? Plätzchen zum Verweilen gibt es viele und in Zeiten wie diesen ist auch der Friedens-Stupa ein guter Ort, um zur Ruhe zu kommen. Das buddhistische Heiligtum wurde im Juni 1998 vom Dalai Lama eingeweiht und steht für das erleuchtete Bewusstsein des Buddha und dessen Qualitäten Frieden, Weisheit und Mitgefühl. Das Heiligtum im Uhrzeigersinn zu umwandern, gilt als glücksbringend.

Glücksbringend war eigentlich der ganze Tag in diesem Viertel, dieses ohne Zweck und Ziel umherstreifen und sich überraschen lassen, einfach zu sein,  place to be eben.

Andrea

Ist Tango erotisch?

Ist Tango erotisch?

Immer wieder wird gesagt oder geschrieben, von allen Tänzen sei Tango Argentino am meisten erotisch. Manche verlieren sich sogar in Phantasien und meinen, er sei wie Sex auf der Tanzfläche. Nun, wenn eine oder einer das Stichwort Tango googelt, dann sind die Bilder, die auftauchen sehr klischeehaft, gespickt mit Netzstrümpfen und Rotlicht, geprägt von Sexismus samt Machismo und der Unterwürfigkeit von Frauen. Aber ist das wirklich die Welt des Tango Argentino? Meiner Erfahrung nach wird dieses Bild des Tangos als dem erotischen Tanz schlechthin vor allem dann benutzt, wenn die Werbetrommel gerührt wird für Bühnenshows oder Videoauftritte. Meist ist es die Vorstellung jener Menschen, die selbst nicht Tango tanzen, ein Fremdbild also, gut zu gebrauchen, aber schnell abgegriffen und leer.

Ist also gar nichts dran an dieser Vorstellung? Hat Tango Argentino nichts mit Erotik gemein? Beginnen wir mal ganz altmodisch mit einem Blick ins Wörterbuch: der Duden definiert Erotik als die mit sensorischer Faszination erlebte, den geistig-seelischen Bereich einbeziehende sinnliche Liebe.

Da bleibe ich gleich mal an den Begriffen sensorische Faszination und Sinnlichkeit hängen – etwas, das mir bei den oben erwähnten Klischeebildern sicher nicht einfallen würde, das aber meine Erfahrung des Tangotanzens berührt. Mit offenen Sinnen in diesem Moment des Tanzes zu sein, zu hören, zu sehen und vor allem zu spüren. Mit jedem Schritt den Boden zu ertasten und wie Angela Nicotra sagt, dabei die Erde zu liebkosen, ist ebenso ein Teil dieser Sinnlichkeit wie das Spüren und Berühren jener Person, mit der ich gerade tanze. Nicht zufällig wird die Tanzhaltung im Tango Argentino als Umarmung, el abrazo, bezeichnet – ein Wort, das wir aus der Welt der Erotik und Sexualität kennen, aber auch aus der Welt der Freundschaft. Und nicht nur el abrazo findet sich sowohl im Tango als auch in einer erotischen Begegnung, sondern auch jener Dialog ohne Worte, der Dialog der Körper. Wie intensiv dieser Dialog im jeweiligen Augenblick gestaltet wird, wie sehr die beiden Tanzenden mit Nähe und Distanz spielen und sich aufeinander einlassen wollen, bleibt immer wieder neu auszuloten. In diesem Sinne könnte jenes eingangs erwähnte Zitat, das übrigens aus dem Film Dance! stammt, durchaus zutreffen – Tango zu tanzen ist wie Sex, ein Dialog ohne Worte, und wenn man so will, ist Tango also wie Sex auf der Tanzfläche. Das Problem bei solchen Formulierungen ist  leider, dass sie so plakativ und oberflächlich daherkommen. Oder eben mit jenem Tangoklischee verbunden sind, das sich darauf beruft, dass dieser Tanz in den Bordellen von Buenos Aires seinen Ursprung hat. Ich frage mich schon lange, warum die Menschen dort – vor oder nach der erkauften sexuellen Befriedigung im Hinterzimmer – Tango getanzt haben. Das Stillen der Lust ist das eine, aber Sinnlichkeit und das Glück einer Umarmung fanden sie dabei wohl kaum. Diese Sehnsüchte aufzufangen und zu stillen ermöglichte der Tango – in seiner Musik, den Texten und im Tanz.

Wie aber erfahren Tangotanzende heute ihren Tanz? Ich möchte hier zwei Frauen zu Wort kommen lassen, die uns nach einer Kurswoche folgende Texte übergeben haben:

Tango
das ist
Spüren und Berühren
das ist Erde, ist
Musik

Tango
meine Liebe
tanzt mit mir
geht, dreht, steht, fliegt
Musik

Tango
trau dich
in die Nähe
fühle, spüre, berühre mich
dich

Und ich selbst? Sehe ich den Tango als erotischen Tanz? Wann immer es gelingt, mich ganz fallen zu lassen in einen Tanz, in die Musik, in die Begegnung mit dem Du, dann ist Tangotanzen pure Sinnlichkeit. Ein Augenblick, in dem alles andere verschwindet, in dem ich nichts anderes spüre als diese gemeinsamen Bewegungen, fast als wären wir ein Körper und würden im gleichen Herzschlag atmen. Wie in einer Liebesblase über die Erde zu gleiten, getragen von der Musik und der Bereitschaft, ganz bei mir und bei dir zu sein. Ja, das kann prickelnd und erotisch sein! Und ja, es braucht am Ende eines solchen Tanzes ein gemeinsames Auftauchen aus dieser Welt der Sinnlichkeit, ein Zurückkehren in das Hier und Jetzt. Aber nicht jeder Tanz erreicht diese Leidenschaftlichkeit und Hingabe und das ist wohl auch gut so, denn Erotik und Sinnlichkeit sind nun mal nicht alltäglich, sondern zählen zu den besonderen Momenten – im Tango wie im Leben!

Sigrid

Tango.Poesie zwischen Ende und Beginn

Tango.Poesie zwischen Ende und Beginn

Welche beginnt in mir?
Wenn ich beginne
Dann ist der Beginn das Ende
Wenn ich beginne
Welche beginnt in mir?
Was ist zwischen Ende und Beginn?

© Anja Deml

So sind wir am Ende dieser Reihe von Tangogedichten und gelangen wie von selbst wieder an den Anfang, denn so dicht und beglückend diese Texte sind, so war auch der Workshop Tango.Poesie! Daher wird es wohl, nach dieser Premiere, ein weiteres Wochenende im Flow des Tanzens und Schreibens geben. Bis dahin, zwischen Ende und Beginn, stehen diese wunderbaren Texte.

Andrea und Sigrid

PS: Mehr zur Entstehung der Texte und zum Workshop Tango.Poesie mit diesem Link.