Die berühmten 10.000 Stunden

Die berühmten 10.000 Stunden

Ich, Conchita heißt das Buch, in dem Tom Neuwirth nach dem Sieg beim Eurovision Song Contest 2014 erstmals seine Geschichte erzählt. Darin spricht ein äußerst reflektierter und weltoffener, kritischer und selbstkritischer junger Mann, der davon träumte ein Star zu werden und dessen Traum sich als Conchita erfüllte. Manchen ist er in jener Nacht wie ein Überflieger erschienen, der wie Phönix aus der Asche aus dem Nichts heraus ganz nach oben kam. Wie wird man zum Star? Wie schafft man den Erfolg? Tom Neuwirth verweist auf das Buch Überflieger – Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht von Malcom Gladwell und die darin erwähnte Studie The Making of an Expert des Psychologen Anders Ericsson. Diese hat nachgewiesen, dass die Überflieger nicht als Wunderkinder zur Welt kamen, sondern ihren Erfolg Fleiß und Disziplin verdanken. Heute weiß man, dass es zehntausend Stunden braucht, bis man als Sänger, Pianist, Geiger, Schriftsteller oder Sportler sein Talent perfektioniert hat. Zehntausend Stunden! Als ich das las, ging es mir wie Tom Neuwirth es beschreibt, ich dachte mir: das ist aber ziemlich viel! Er fügt aber gleich hinzu: Auf der anderen Seite sind sie zu schaffen, wenn man von einer Sache begeistert ist. An diesem Wort – Begeisterung – trennt sich die Spreu vom Weizen. Mit einem kleinen Rechenbeispiel veranschaulicht er dann auch, wie diese 10.000 Stunden zu schaffen sind – mit 8 Stunden Training, in seinem Fall ist das Gesangstraining, pro Tag an 1250 Tagen oder 3,5 Jahren.

Spätestens in diesem Augenblick habe ich selbst zu rechnen begonnen: wir tanzen seit März 2007, also seit fast genau 12 Jahren Tango Argentino. In den ersten Jahren war der Tango unser Hobby – wie viele Stunden haben wir damals getanzt? In den drei Monaten unserer intensiven Ausbildung in Buenos Aires sind viele Stunden dazugekommen und seit Februar 2014, als klar war, dass wir unserem Traum folgen und der Tango unser Beruf wird, gehört das regelmäßige Trainieren zu unserem Arbeitsalltag. Bei welcher Zahl stehen wir wohl? Nun, die Antwort ist nicht leicht und heute lässt sich diese Rechenaufgabe wahrscheinlich gar nicht mehr nachholen. Aber das Wort Begeisterung ist wirklich das, worauf es ankommt. Wir wurden immer wieder gefragt, ob wir uns zum Training aufraffen, manchmal überwinden müssen oder ob es uns nicht schwerfällt, unseren Tagesplan so strikt einzuhalten und wir nicht anstelle des Trainings lieber einmal blau machen würden. Ehrlich, das war noch nie ein Thema, ganz im Gegenteil, wenn wir längere Zeit nicht zum Tanzen kommen, dann geht es uns richtig ab. Und so ist wohl auch die Idee entstanden, eine Arbeitswoche ausschließlich dem Tanzen zu widmen und eine Trainingswoche zu machen: an einem schönen Ort, an dem wir mit köstlichem Essen versorgt sind, es vielleicht für den Abend einen Wellnessbereich zum Entspannen gibt und natürlich einem passenden Raum um zu tanzen und zu tanzen und zu tanzen.

Letzte Woche haben wir diese Idee realisiert! Das Hotel Gleichenbergerhof in Bad Gleichenberg war der passende Ort dafür. Als klein und fein und sehr privat beschreiben Gerti und Reinhard Kaulfersch ihr Haus. Ich meine, da fehlt der Zusatz … und auf höchstem Niveau! Die abwechslungsreiche Bio-Küche, der großzügige und ansprechende Wellnessbereich, den wir fast für uns hatten, und die ruhige Atmosphäre im Haus waren wie geschaffen dafür, um uns nur auf den Tango zu konzentrieren.

Die Tage waren intensiv und auch anstrengend, aber es war wunderbar zu spüren, wie viel in solch einer komprimierten Arbeitsweise erreicht werden kann. Wir verstehen uns ja, wie Conchita, als Künstlerinnen mit dem Anspruch, mehr und mehr Meisterinnenschaft zu erlangen. Und auch, wenn wir nach wie vor nicht bei den zehntausend Stunden angelangt sind, so sind wir ein gutes Stück weitergekommen, unserem Ziel näher gekommen. Und dieses Ziel ist die Präzision im Tanz! Kürzlich habe ich ein Interview mit Conchita gelesen in dem sie sagt, sie sei eine Perfektionistin. Da unterscheide ich mich von ihr, denn ich würde nicht Perfektion als Ziel bezeichnen. Erstens, weil ich zweifle, dass diese in einem so komplexen Tanz wie dem Tango überhaupt möglich ist. Und auch, weil es nicht um das Perfektsein an sich geht, sondern um das, was wir mit unserem Tanz vermitteln können. Und da sind Präzision, Harmonie und Eleganz für mich wichtiger als Perfektion. Aber vielleicht sind das nur Wortspielereien, vielleicht ist das, was Conchita meint, gar nicht wesentlich anders. Und auch Gerti und Reinhard Kaulfersch streben wohl danach, ihr Hotel so zu führen, dass für ihre Gäste alles perfekt passt. So ist es nicht verwunderlich, dass wir uns dort  wohl gefühlt haben, ich am Abend nochmals im Buch von Conchita geschmökert habe und am Ende der Woche müde, erfüllt und überglücklich nach Hause gefahren bin – mit einigen Stunden mehr auf unserem Trainingskonto, mit einigen Schritten näher dran am Ziel der Meisterinnenschaft und mit dem Wissen, dass dies zwar die erste, aber bestimmt nicht die letzte Trainingswoche für uns war!

Sigrid

 

PS: Die Bilder fangen die Stimmung in und um das Hotel Gleichenbergerhof ein und halten unsere schöne Begegnung beim meet & great mit Conchita vor ihrem Konzert am Grazer Schloßberg im August 2017 fest.

Verwendete Literatur:
Conchita Wurst. Ich, Conchita. Meine Geschichte, Verlag LangenMüller

 

Making of …

Making of …

Subterráneo (span. für unterirdisch) ist der Titel unseres neuen Videos und der Titel des Tangos, zu dem wir dabei tanzen. Ich möchte euch heute mit meiner Erzählung einen Einblick in die Entstehungsgeschichte geben. Dieses Projekt des letzten Sommers war nämlich ein besonders spannendes in Kooperation mit mehreren kreativen Frauen.

Schnell war klar, dass wir als Filmerin Astrid Rampula von astrimage FILM wollten. Wir kennen sie persönlich, hatten aber auch schon einige Filme von ihr gesehen. Sie hat bei ihren Projekten eine besondere Herangehensweise, indem sie zuerst einmal viele Fragen stellt. Was ist euch wichtig? Welche Geschichte wollt ihr erzählen? Für wen soll das Video sein? Und dann erst geht es ans gemeinsame Planen: Musik, Location, Outfit, …

Von Anfang an war das Schöne an diesem Projekt, dass es so leicht von der Hand ging, es ist im Flow entstanden, indem das Eine das Andere ergeben hat. Zu dem Zeitpunkt, als wir über die Musik nachdachten, sahen wir zufällig ein Video von Christine Swoboda, in dem sie das Bandoneon spielt. Wir kennen Christine schon eine Weile, machen gemeinsam die Tango & Yoga Workshops, und dachten, wir fragen sie einfach, ob sie nicht auch bei unserem Video mitwirken möchte. Sie war nicht nur dazu bereit, sondern hat in kürzester Zeit für uns einen Tango komponiert, geprobt und im Studio aufgenommen, damit bis zum Drehtermin die Musik im Kasten war. Ein wunderbares Geschenk!

Ähnlich hat es sich auch mit der Frage des Outfits ergeben. Michaela Eckhardt betreibt in Jennersdorf ein Modeatelier. Wir hatten sie im Frühsommer bei einer Veranstaltung von Frau in der Wirtschaft kennengelernt, so fiel sie uns gleich ein. Ich erzählte ihr von meinen Vorstellungen und sie hatte doch tatsächlich so ein Stück schon fertig bei sich hängen. Es musste nur noch an meine Maße angepasst und um die Farbe rot ergänzt werden. Eine gleichfarbige Schärpe dazu für Sigrid, und so stand auch unser Outfit innerhalb von kürzester Zeit.

Bezüglich der Location hatte dann Astrid die entscheidende Idee: die Tiefgarage in ihrem Wohnhaus. Sie hatte dort für ein anderes Projekt schon einmal gedreht. Nach einem Lokalaugenschein, ob diese auch fürs Tanzen geeignet ist, wurde dann der Drehtermin festgesetzt.

Am 10. August war es so weit. An diesem heißen Hochsommertag waren wir über die gewählte Location besonders glücklich. Michael, Sigrids Bruder, konnten wir als Kameraassistent gewinnen. Er sorgte dafür, dass wir im rechten Licht tanzen konnten. Da in der Tiefgarage immer wieder die Lichter ausgingen, musste er ständig die Bewegungsmelder aktivieren. Als Statist und Lichtquelle war auch unser Fiat 500 anwesend. Der hat sich dabei allerdings so angestrengt, dass am Ende des Drehs die Batterie leer war. Dank einer Nachbarin von Astrid, die vorbeikam und uns ein Starterkabel borgte, und Michaels Hilfe konnten wir ihn dann wieder in die Gänge bringen. Christine mit ihrem Bandoneon war natürlich auch mit dabei und Astrid hat uns alle ganz wunderbar durch den Drehtag geführt. Bei einem gemeinsamen Essen ließen wir die schöne Zusammenarbeit ausklingen.

Für uns war dann die Arbeit getan, für Astrid keinesfalls. Denn erst mit Schnitt und Bearbeitung ist das daraus geworden, was ihr hier jetzt sehen könnt – eine Arbeit mit der wir überglücklich sind.

Andrea