Herrendarstellerinnen

Herrendarstellerinnen

Zwei Frauen tanzen Tango – im Herrenoutlook! Wie ist es dazu gekommen? Warum eigentlich schlüpfen wir in diese Rollen? Was wollen wir damit ausdrücken?

Bei unseren ersten Auftritten als Straßenkünstlerinnen, im Sommer 2014, sind wir noch nicht in diese Rollen geschlüpft. Wir bekamen damals die Rückmeldung, dass wir bei unserem Tanz sehr identisch seien, sehr ausdrucksstark, aber eben ganz wir selbst. Zugleich waren dabei für einige ZuseherInnen unsere Rollen nicht ganz klar. Sie meinten: Andrea ist in der Rolle der Frau, aber welche Rolle hat eigentlich Sigrid? Eine Frau, die beim Tanz die Rolle der Führenden einnimmt, ist scheinbar nach wie vor irritierend. 4239370114_d028ca5516_oSo begannen wir grundsätzlich über die Rollenbilder für unsere Auftritte nachzudenken. Zur gleichen Zeit regte uns auch Tom Zabel, der Straßenkünstler aus Innsbruck, der uns auf unserem künstlerischen Weg begleitet, ebenfalls an, über die Intention unserer Auftritte nachzudenken, indem er sagte: „Wenn ihr Kunst machen wollt‘ ….“. Bald war klar, ja, wir wollen „Kunst machen“ und „nicht einfach nur tanzen“, wir wollen mit den Rollenbildern spielen und bei unseren Auftritten auch ein Statement geben. Und da erinnerten wir uns an das Buch Die Muschelöffnerin von Sarah Waters, verfilmt unter dem Titel Tipping the velvet, in dem die beiden Hauptfiguren als Herrendarstellerinnen auftreten. Wir machten uns auf die Suche und entdeckten unsere künstlerischen Vorbilder.

Die Herrendarstellerinnen, im Englischen als male impersonator bezeichnet, waren zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine besondere Kunstform in den Music Halls in London. Die bekanntesten waren Vesta Tilley (1864 – 1952),                        Ella Shields (1879 – 1952) und               Hetty King (1883 – 1972).

Vesta TillyElla Shields (2)Hetty King (3)

Vesta Tilley sagte als Begründung, warum sie in die Herrenrolle schlüpfte: „I felt that I could express myself better if I were dressed as a boy.“ Ihre erfolgreichste Rolle war die des Burlington Bertie. Dieser Song wurde von einer weiteren Herrendarstellerin, nämlich von Ella Shields, aufgegriffen, indem diese eine Parodie mit dem Titel Burlington Bertie from Bow auf die Bühne brachte. Shields wurde zwar in Amerika geboren, feierte ihre größten Erfolge aber ebenfalls in den Londoner Music Halls. Wie diese beiden, so kleidete sich auch Hetty King für ihre Auftritte elegant, als feiner Herr in der Mode seiner Zeit. Sie stand mit ihren Solo acts sogar bis kurz vor ihrem Tod auf der Bühne. Alle drei nannten sich übrigens Miss …, schlüpften also nicht zur Gänze in die Männerrolle. Auch bei der Hauptdarstellerin des Buches, die wohl nicht zufällig Miss Nan King heißt, ist es so, dass ihre Weiblichkeit nicht hundertprozentig versteckt werden soll. Es ging also scheinbar ganz klar um ein Spiel mit Rollenbildern und Rollenklischees.

Nun, wir singen nicht in der Music Hall sondern tanzen Argentinischen Tango auf der Straße. Der Tango hatte immer schon mit Fragen des Rollenverständnisses, mit Geschlechterrollen zu tun. In seiner Entstehungszeit wurde er von jeder Art von Paaren getanzt: Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und eben auch Männer mit Frauen. Tangosänger schwelgen oft in Weltschmerz, Heimweh und Liebeskummer und entsprechen damit überhaupt nicht dem Machoklischee, das dem Tango später angehängt wurde. Das Spiel mit den Rollen von Mann und Frau ist also Teil der Tangogeschichte.

DSC06852 (3)Zwei Reaktionen auf unsere Auftritte als Herrendarstellerinnen sprechen für sich: Bei einem Auftritt am Gardasee haben zwei österreichische Touristinnen zuerst aus der Ferne zugesehen. Als sie näher gekommen waren, meinte eine der beiden ganz überrascht: „Das sind ja zwei Frauen!“ Auch wir spielen, so wie unsere Vorbilder damit, dass man uns nicht gleich eindeutig zuordnen kann und so zum genaueren Hinschauen und vielleicht auch zum Nachdenken angeregt wird. Bei unserem Auftritt vor wenigen Tagen in Graz meinte ein Freund, es sei „irritierend“ uns in diesem Herrenoutfit zu sehen. Er fügte aber hinzu, dass er das im positiven Sinn meine.

Wenn es uns also gelingt, mit unserer Kunst zu überraschen, zu irritieren und zum Nachdenken anzuregen, sehen wir das zugleich als Kompliment und als Herausforderung.

Sigrid

Loco, loco, loco …

Loco, loco, loco …

4521832941_0199802f07_bEs gibt einen berühmten gesungenen Tango namens „Balada para un loco“ (Ballade für einen Verrückten), der uns schon lange fasziniert. Erst kürzlich in Berlin haben wir ihn bei einem Tango-Chanson-Abend live gehört und unsere Faszination wurde dadurch noch gesteigert. Der Text ist von Horacio Ferrer, die Musik von Astor Piazzolla. Ich möchte diesmal Auszüge aus diesem Tango für meinen Artikel verwenden.

Ich weiß, ich bin verrückt, verrückt, verrückt
Siehst du nicht den Mond durch die Callao-Straße rollen
Und einen Chor von Astronauten und Kindern
Die um mich herum tanzen …?

Nun, dieses Gefühl, verrückt zu sein, überkommt mich auch immer wieder, seit wir uns auf den Weg gemacht haben, um Tango-Straßentänzerinnen zu werden. Oder ist es nicht verrückt, einen gut bezahlten, sicheren Job als Lehrerin aufzugeben, um auf der Straße zu tanzen? Zuerst einmal für drei Monate nach Buenos Aires zu gehen, in eine Stadt, die ebenso verrückt ist wie der Tango.

Die Nachmittage in Buenos Aires
Haben etwas, ich weiß nicht was
Verstehst du? Ich verlasse mein Haus
Und schlendere die Arenales-Straße entlang.
Immer dasselbe, in den Straßen und in mir
Als er plötzlich hinter diesem Baum erschien
Eine sonderbare Mischung aus dem letzten und einzigen Landstreicher
Und dem ersten blinden Passagier auf einer Reise zur Venus.

10163015685_b72f3bcc29_oAn den Nachmittagen in Buenos Aires mit 40 Grad und mehr, von den es viele gab, als wir dort waren, meinte ich auch manchmal Halluzinationen zu haben, wenn wir durch die Straßen mehr schlichen als schlenderten. Das Tangotanzen konnten wir trotz der Hitze nicht lassen. In den Tanzstudios gab es zwar Klimaanlagen oder Ventilatoren, aber oft waren sie auch kaputt. In einer der Tanzstunden bei unserem Lehrer Augusto Balizano fragte er, nachdem es am Vortag 47 Grad gehabt hatte: „Wer hat gestern getanzt?“ Als wir uns meldeten, meinte er, wir seien verrückt – loco!

Das zeigt auch schon einen der Aspekte, warum dieser Tanz so verrückt ist. Wenn er eine gepackt hat, kann sie nicht mehr davon lassen. Ich weiß nicht, ob es die Musik ist, die besondere Art sich zu bewegen, das Fühlen und Spüren, was die Tanzpartnerin an Bewegungssignalen aussendet und diese zu interpretieren, das Versinken in eine andere Welt, … oder alles zusammen, das eine wie in einem Sog mitzieht und dem sie sich dann nur schwer entreißen kann. Seit wir vor ein bisschen mehr als zwei Jahren aus Buenos Aires zurückgekehrt sind, tanzen wir ungefähr fünfmal die Woche Tango und es wird nie langweilig. Einerseits ist die Welt des Tango Argentino unendlich, es gibt immer Neues zu lernen, andererseits ist dieser Tanz ein Improvisationstanz, das heißt jeder Tanz entsteht neu, je nach Musik, Stimmung, Können, Beziehung, … Und außerdem muss man auch ständig an den Basics arbeiten – der Körperhaltung, der bestimmten Art zu gehen, der Umarmung und der „Disociación“ (Verdrehung des Körpers). Ich weiß nicht, wie oft wir verzweifelten, weil wir das Gefühl hatten, wieder von vorne anfangen zu müssen. Mittlerweile ist es aber so, dass wir es schätzen, uns immer wieder auch mit diesen Grundelementen auseinanderzusetzen, weil sie ein besseres Körpergefühl geben.

Liebe mich, so wie ich bin
Verrückt, verrückt, verrückt …
Steig empor in diese wahnsinnige Zärtlichkeit, die ich in mir habe

In vielen Tangos wird die Liebe besungen, aber auch Schmerz, Trauer und Abschied. Auf alle Fälle geht es um große Gefühle. Darum geht es auch in einem Tangofilm, der gerade in den Kinos läuft: Ein letzter Tango. Eine Mischung aus Dokumentation und nachgespielten Szenen über zwei der großartigsten TangotänzerInnen aus Buenos Aires – Maria Nieves und Juan Carlos Copes. Dass mittlerweile auf der ganzen Welt Tango getanzt wird, ist zu einem großen Teil diesen beiden zu verdanken, denn durch ihre Art zu tanzen, wurde er wieder populär. Die beiden waren auch im Leben ein Paar, zunächst das Traumpaar. Mit der Zeit war ihre Beziehung dann aber von einer Hassliebe geprägt, wie sie verrückter nicht sein kann. Es gab unzählige Trennungen und Versöhnungen, bis zu jener Trennung, die endgültig war, weil Juan Carlos Copes eine um vieles jüngere Frau heiratete. Auf der Bühne tanzten sie zunächst dennoch gemeinsam, und Maria Nieves empfand dabei nichts als Hass. Die Eifersucht der jungen Frau machte jedoch auch diesen gemeinsamen Auftritten ein Ende. Jetzt sind beide über 80 und man spürt, wenn sie selber zu Wort kommen, die Verletzungen und Wunden, den Hass, der immer noch da ist, aber auch immer noch eine gegenseitige Anziehung und Achtung.

Liebe mich, so wie ich bin,
verrückt, verrückt, verrückt,
mach den Weg frei für die Liebe,
so dass wir die verrückte Magie des Lebens noch mal versuchen werden
Komm, flieg, komm, tra … lala … lara …

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Wahrscheinlich muss man ein bisschen verrückt sein, wenn man sich der Tangoleidenschaft verschreibt. Und wenn man Tango mit Straßenkunst kombiniert, erst recht! Aber gelegentlich spielt sie eben verrückt – die Magie des Lebens.

Andrea

 

AdanzaS am CSD Parkfest in Graz

AdanzaS am CSD Parkfest in Graz

Hallo!

Am Samstag fand im Grazer Volksgarten das CSD Parkfest statt und wir freuten uns sehr, dort mit einem wo/men tango act aufzutreten. Pünktlich zur Eröffnung des Events ist ein Gewitter über Graz gezogen und hat unseren Auftritt leider „verregnet“. Wir sind zwar kurzerhand auf der Bühne statt auf der Straße aufgetreten, aber das Publikum flüchtete natürlich unter Schirme und Zelte ins Trockene und so konnte keine wirkliche Stimmung aufkommen. Schade, aber dass unsere Straßenkunst stark vom Wetter abhängt ist, ist ja keine neue Erfahrung für uns.

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Aber, so fragt ihr vielleicht, was ist eigentlich das CSD Parkfest? Das Fest fand in Graz zum 3. Mal anlässlich des internationalen Aktions- und Gedenktages, an dem in zahlreichen Städten weltweit ein Zeichen für die Gleichberechtigung für Lesben und Schwulen gesetzt wird, statt. Der „Christopher Street Day“ – kurz CSD – geht auf ein geschichtliches Ereignis zurück, geschehen am 28. Juni 1969 in der „Christoper Street“ in New York. Damals kam es häufig zu gewalttätigen Razzien der New Yorker Polizei gegen Schwule, insbesondere jene afroamerikanischer und lateinamerikanischer Herkunft. An diesem Tag wehrten sie sich erstmals gegen diese Polizeiwillkür und das war der Ausgangspunkt für mehrtätige Straßenschlachten mit der Polizei. Bereits am ersten Jahrestag wurde ein Straßenumzug organisiert, um dieses Ereignisses zu gedenken. Daraus ist eine internationale Tradition geworden, rund um dieses Datum eine Demonstration gegen Diskriminierung und für das Recht auf Gleichbehandlung von Lesben und Schwulen abzuhalten. Die größten CSD Paraden in Europa finden jährlich in Köln und Berlin statt. In Österreich ist die Regenbogenparade, die seit 1996 über die Wiener Ringstraße führt, eine große politische Demonstration und zugleich ein farbenfroher Umzug. Und nun wurde diese Parade und das anschließende Fest auch in Graz zur Tradition, im nächsten Jahr hoffentlich wieder bei schönem Wetter.

Und gerade an diesem Wochenende zeigt sich, dass die Anliegen dieser Demonstrationen noch längst nicht „überholt“, weil „erfüllt und selbstverständlich“ sind. Während beim CSD Parkfest in Graz gefeiert wurde, gab es in Florida ein Massaker in einer Schwulenbar mit 50 Toten und 53 Verletzten! Heute wird diese Gewalt in Amerika und Europa nicht mehr von der Polizei verübt – wie im Jahr 1969 – sondern die Terrororganisation IS bekennt sich dazu. Das ändert nicht wirklich etwas an der Tatsache, dass homosexuelle Menschen Ziel eines Gewaltaktes sind. Auch im Jahr 2016!!!

Nun, ausgehend von einem festlichen Anlass bin ich in diesem Beitrag bei einem denkwürdigen geschichtlichem Ereignis und einer traurigen aktuellen Schlagzeile gelandet. Aber die zeitliche Nähe dieser Ereignisse zwingt mich geradezu, sie anzusprechen und hier meine Betroffenheit und Nachdenklichkeit zum Ausdruck zu bringen. Als Zeichen der Trauer und der Solidarität erstrahlt die Spitze des World Trade Centers in New York derzeit in den Farben des Regenbogens. Zumindest dies sehe ich als kleinen Trost, dass sich seit 1969 etwas geändert hat!

Es grüßt euch eine nachdenkliche Sigrid!

Berlin klingt nach …

Berlin klingt nach …

Nun sind wir zwar schon eine Woche zuhause und genießen wieder das Landleben, aber ich muss diesmal doch noch von Berlin berichten – von unserem letzten Abend da und von den Begegnungen, die diesen Abend möglich gemacht haben.

Also, wir hatten die Idee, wenn wir schon in Berlin sind, die Zeit auch fürs Kontakteknüpfen zu nützen. Ich habe ja schon in meinem ersten Berlin-Artikel erwähnt, dass das Buch „Die Straßensängerin“ eine Inspirationsquelle für unseren Weg war. Nun wussten wir, dass die Autorin dieses Buches, Traude Bührmann, in Berlin lebt und beim Verlag Krug und Schadenberg, ebenfalls mit Sitz in Berlin, als eine der Autorinnen geführt wird. So nahmen wir mit dem Verlag unter dem Motto „Wie Bücher weiterwirken …“ Kontakt auf. Ein anderes Buch, von diesem Verlag herausgegeben, war nämlich der Anlass, dass wir begannen, uns mit Herrendarstellerinnen zu beschäftigen und jetzt auch als solche auftreten: „Die Muschelöffnerin“ von Sarah Waters. Das und unsere Geschichte erzählten wir also kurz in einer Mail und baten darum, den Kontakt zu Frau Bührmann herzustellen. DSCF4961Unser Wunsch, Traude Bührmann persönlich kennenzulernen, ging in Erfüllung. Mehr als das, die beiden Verlegerinnen waren von unserer Geschichte so begeistert, dass sie diese gleich auf ihre Website stellten. Und Traude Bührmann trafen wir insgesamt gleich drei Mal. Sie kam zu einem unserer Auftritte auf dem Hackeschen Markt und interessierte sich sehr dafür, wie es im Moment um die Straßenkunst bestellt ist. Da sie auch Stadtführerin in Berlin ist, kamen wir in den Genuss, eine ganz private Führung zu erhalten. Das Ziel war das Tempelhofer Feld, ehemaliger Flughafen von Berlin. Nach der Stilllegung des Flughafens, haben die BürgerInnen von Berlin per Volksentscheid durchgesetzt, dass dieses Gelände nicht verbaut, sondern als Freizeitareal genutzt wird. Und das wird es, und wie! Radfahren, Skaten, Drachensteigen, Gärtnern, Grillen, Chillen, … – vor allem am Wochenende finden sich hier unzählige Menschen ein und beleben das weite, freie Feld. „Dieser Volksentscheid zeigt, dass wir wirklich etwas bewirken können“, erzählt Traude Bührmann stolz, denn er hat sich gegen massiven Widerstand von der Stadtregierung durchgesetzt.

DSCF4954Als wir dort sind, haben wir noch eine andere interessante Begegnung. Wir kommen an einem Stand mit jungen Menschen vorbei, von denen wir angesprochen werden. Sie seien TänzerInnen und für ein Projekt würden sie Briefe an den Tanz sammeln, ob wir bereit wären etwas zu schreiben. Wenn das kein Zufall ist – eine Autorin und zwei Tänzerinnen schreiben also jeweils einen Brief an den Tanz. Als „Danke“ erhalten wir bereits die Eintrittskarten zu der Performance, in die diese Briefe einfließen werden. Wäre ein schöner Grund, um wieder nach Berlin zu kommen. Aber dass wir wieder kommen müssen, ist nach dem letzten Abend sowieso klar.

wft-imagekarte4-page-001Der zweite Kontakt, den wir geknüpft haben, ist mit Women Fair Travel. Die Frau dahinter ist Evelyn Bader, die schon lange Reisen für Frauen veranstaltet. Auch sie hatte sofort Interesse daran, uns kennenzulernen. Schon die erste Begegnung war von gegenseitigem Wohlwollen geprägt und mittlerweile ist daraus eine Kooperation geworden. Women Fair Travel veranstaltet über Silvester eine Tangoreise nach Umbrien (wo wir ein Jahr gelebt haben!) und wir leiten die Tango-Workshops. Bei einem unserer Treffen mit Evelyn entstand dann auch die Idee, an einem Abend bei ihnen in der Straße aufzutreten. Und das war an unserem letzten Abend in Berlin. Nach einem verregneten Vormittag, begann es nachmittags aufzureißen, um einem Sommerabend, wie man ihn sich nur wünschen kann, Platz zu machen. Die Crellestraße, in der das Büro von Women Fair Travel liegt, öffnet sich ein paar Schritte von diesem entfernt, zu einem kleinen Platz. Der Platz ist von einigen Lokalen mit Tischen im Freien umgeben und hat ein bisschen französisches Flair. Dort traten wir also in der Abendsonne auf und füllten den Platz mit Tangomusik. Wir hatten begeistertes Publikum von kleinen Kindern bis zu TangotänzerInnen, vielen Frauen – Freundinnen von Evelyn, darunter auch Traude Bührmann, bis zu einem Zuseher, der uns im Nachhinein ein Video und Fotos von dem Auftritt geschickt hat. Der „l’ultimo Tango“ in Berlin hätte nicht schöner sein können. Mit Evelyn, Traude und deren Freundinnen sind wir dann noch in einem der Lokale bis spät nachts zusammen gesessen, bei gutem Essen, gutem Wein und anregenden Gesprächen.

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So fiel uns der Abschied von Berlin nicht ganz leicht. Aber dieser Abend und die Begegnungen wirken weiter. Bis hierher ins Südburgenland – ich sitze, während ich das schreibe, an einem ebenso schönen Sommerabend auf unserer Terrasse und lasse unseren Berlinaufenthalt mit großer Dankbarkeit nachklingen …

Andrea

Reisen, nicht nur um anzukommen

Reisen, nicht nur um anzukommen

„Reise nicht nur, um anzukommen“ ist eine Kapitelüberschrift in dem Buch „Slow Travel“ von Dan Kieran. Das Buch des Engländers, der von manchen Journalisten als der „Meister des langsamen Reisens“ bezeichnet wird, ist uns vor einiger Zeit in die Hände gefallen und es war in weiten Teilen eine Bestätigung für unsere Art des Reisens.

Wann immer es möglich ist, reisen wir mit dem Zug. Die einzige Ausnahme in den letzten Jahrzehnten war die Reise nach Buenos Aires. Wir hatten damals noch überlegt die mehrwöchige Schiffsreise zu wählen, mussten dann aber doch den Langstreckenflug in Kauf nehmen. Der Umweltgedanke spielt in der Frage des Fliegens natürlich eine wesentliche Rolle, aber er ist nicht der einzige Grund, nicht zu fliegen. Wir lieben einfach das langsame Reisen mit der Bahn! Und auf dem Weg nach Berlin und wieder zurück nach Hause konnten wir diese Art zu reisen wieder voll auskosten!

Bei der Anreise waren wir tagsüber unterwegs. In der Früh ging es zuerst mit der S-Bahn von Fehring nach Graz und weiter mit dem Railjet über Wien nach Prag. Dort sind wir in einen Intercityzug, der aus Budapest kam, umgestiegen und direkt bis Berlin gefahren. Und es war ein wunderschöner, ein geschenkter Tag! Ich liebe es, dazusitzen, einfach nur aus dem Fenster zu schauen und die Landschaft an mir vorbeigleiten zu lassen! An so einem Reisetag kann – und muss – ich endlich einmal nichts tun! Meist, so auch auf dieser Fahrt nach Berlin, habe ich nicht einmal Lust etwas zu lesen. Dieser Blick auf die Landschaft, dieses Kommen und Gehen der Bildausschnitte hat eine beruhigende, entspannende Wirkung auf mich. Wie die Bilder im Äußeren, kommen und gehen auch meine Gedanken, viele fliegen ebenso schnell vorbei wie die Landschaften, andere begleiten mich einige Kilometer lang. Selten bin ich so frei im Kopf wie auf einer Zugfahrt. An jenem Reisetag bin ich manchmal ein wenig eingeschlafen (wir sind an diesem Morgen schon sehr zeitig aufgestanden), ohne dabei auf die Zeit zu achten. Und manchmal hatte sich während dieses Schläfchens die Landschaft sehr verändert. Die Strecke führt ja quer durch die Tschechei, lange Zeit entlang der Moldau und später der Elbe und dann, von Dresden nordwärts, durch die ehemalige DDR. Als der Hunger kam, sind wir in den Speisewagen gegangen, zuerst zu einem gemütlichen Frühstück und auf der letzten Wegstrecke auf eine ungarische Gulaschsuppe – immerhin waren wir ja in einem ungarischen Zug. So sind wir gut gestärkt am Hauptbahnhof in Berlin angekommen, einem modernen und architektonisch äußerst interessanten Bauwerk mit perfekter Anbindung an den öffentlichen Verkehr der Großstadt. Zugegeben, obwohl frau den ganzen Tag nur herumsitzt, ist so ein Reisetag anstrengend und wir waren müde, als wir die Wohnung erreicht hatten. Aber es ist eine angenehme Müdigkeit.

DSCF4990Für die Heimreise vor wenigen Tagen haben wir den Nachtzug gewählt. Weil wir sehr viel Gepäck hatten war klar, dass wir in einem 4er Liegeabteil nicht Platz haben werden und so buchten wir einen Double-Schlafwagen. Und das war einfach perfekt! Es gab nicht nur reichlich Platz für unser Gepäck, sondern das Bett ist viel breiter und bequemer als die Liegefläche im Liegewagen. Versteckt in einem Schrank befindet sich das Waschbecken mit Trinkwasser und Handtüchern. Beim Schlafwagenschaffner gibt es sogar Snacks, Getränke und Naschereien und in der Toilette könnte frau sogar duschen. Wir richteten uns gemütlich ein, stärkten uns mit einer Jause und einem guten Tropfen Rosé, den wir uns mitgenommen hatten und blickten hinaus auf die weite Heidelandschaft, die von der Abendsonne angestrahlt wurde. Um ca. 20.00 Uhr erreichten wir Dresden und da gab es eine ziemliche Überraschung: Die Lautsprecherdurchsage informierte uns, dass der Zug „planmäßigen Aufenthalt bis 21.08 Uhr hat“. Mehr als eine Stunde? Perfekt! Das Schlagwagenabteil kann abgeschlossen werden, wir stiegen aus dem Zug und spazierten los. DSCF4983Zuerst schauten wir den Bahnhof selbst an, der uns bei der Durchreise schon so gut gefallen hat. Ein alter Kopfbahnhof wurde hier auf ästhetische und praktische Weise umgebaut: dort, wo früher die Züge eingefahren sind und nicht wenden können, sind heute die Bahnsteige für die Regionalzüge und für die Fernzüge, für die ein Kopfbahnhof nicht praktisch ist, wurde erhöht eine Trasse mit durchlaufenden Gleisen eingezogen. Bald sind wir am Bahnhofsvorplatz gelandet und ein Blick auf die Uhr machte klar, dass wir in die angrenzende Fußgängerzone spazieren können. Wir gelangten bis in die Altstadt, auf den Alten Markt, sahen einige der berühmten Dresdner Bauwerke, hörten im Vorbeigehen StraßenmusikerInnen zu und waren rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück in der großen Bahnhofshalle! Das macht das Reisen so wertvoll – diese unerwarteten Geschenke und Gelegenheiten! Wieder in unserem Abteil eingetroffen, legten wir uns bald zu Bett und konnten in dieser Nacht wirklich gut schlafen. Um sieben Uhr morgens erreichten wir dann den Wiener Hauptbahnhof.

Der letzte Streckenabschnitt dieser Reise ist uns sehr vertraut, da wir mit dem „Thermenlandexpress“ sehr oft von Fürstenfeld über Wiener Neustadt nach Wien fahren. Im Vergleich zu den Fernzügen scheint es, als würde hier eine Straßenbahn durch die kleinen Ortschaften, durch Wald und Wiesen fahren. Diese bekannten Bilder, Wegabschnitte und Ausblicke, das langsame Tempo des Zuges erleichtern dieses Abtauchen in das Gefühl des Reisens, von dem ich anfangs schon erzählt habe, noch mehr. Die Verbindung aus Vertrautheit und Fremde, aus Unterwegssein und „sich auskennen“ hat eine ganz eigene Qualität. Und so ist es – nach einer Reise von einem Monat – ein langsames Nach-Hause-kommen, ein gleitender Übergang zurück in den Alltag. Und das ist es wohl, was „Slow Travel“ ausmacht. Der Slogan ist gerade mal wieder modern, aber darum geht es mir nicht. Mit dem Autor des Buches „Slow Travel“ kann ich auch für mich sagen: „In Wirklichkeit reise ich auf diese Weise, weil es einfach interessanter und unterhaltsamer ist. Darüber hinaus habe ich nicht das Gefühl, tatsächlich zu reisen, wenn ich nicht langsam reise.“ Und ich möchte hinzufügen: Und am besten gelingt langsames Reisen mit dem Zug!

Schöne Reise!

Sigrid