Berlin und der Tango

Berlin und der Tango

Nochmals hallo aus der Großstadt!

Ja, er verfolgt uns hier auf Schritt und Tritt, der Tango. Aber eigentlich haben wir es gar nicht anders erwartet, denn unsere erste wirklich intensive Begegnung mit dem Tango fand vor fünf Jahren beim Queer-Tango-Festival hier in Berlin statt. Da haben wir gespürt, der Tango lässt uns nicht mehr los.

Berlin gilt ja als die Tangohauptstadt Europas, einmal abgesehen vom finnischen Tango. Vor allem was Tangomusik betrifft, ist eben Berlin schon einige Jahre der Hotspot. Hier oder von hier aus entstehen viele Produktionen, Aufnahmen oder auch die Proben dafür, finden hier statt. Einige unserer Lieblings-CDs wurden hier aufgenommen. Es leben auch viele Menschen aus Argentinien bzw. Buenos Aires zumindest für eine Zeit lang hier. So haben auch wir vor kurzem drei MusikerInnen aus Buenos Aires kennengelernt.

Auf unserem Weg zur Arbeit kommen wir an dem Café MadaMe, das nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist, vorbei. Als wir eines Tags gerade auf dem Heimweg waren, sehen wir vor diesem Café die Ankündigungstafel „Heute Tango-Chanson-Abend!“ Wir beschließen spontan, zu kommen und erleben einen wunderbaren Abend. Anahí Setton (Gesang) und Javier Tucat Moreno (Klavier), beide in Buenos Aires geboren, sehen sich als Weltbürger, und so singen sie Geschichten darüber, was Menschen verbindet. Ihr musikalischer Stil ist geprägt von den Einflüssen der argentinischen Folklore und des Tangos. An diesem Abend gab es auch noch einen special guest, nämlich den Chansonsänger Carlos Fassanelli, ebenfalls aus Buenos Aires. Alle drei haben mit ihrer Musik eine so dichte Atmosphäre geschaffen, dass es in dem Moment nichts gab, als diese Musik. Ein „Entrücktsein“, das so richtig gut tat. Im Anschluss an das Konzert haben wir mit ihnen geplaudert, und hatten für einen Moment das Gefühl, wir seien in Buenos Aires.

Die Herzlichkeit der Menschen war ja das, was uns dort so beeindruckt hat. Das haben wir nicht nur mit diesen drei MusikerInnen wieder erlebt, sondern auch bei der Wiederbegegnung mit Mariana Docampo. Sie ist eine der OrganisatorInnen des Queer-Tango-Festivals in Buenos Aires. Sie ist gerade für ein paar Wochen in Europa unterwegs und ihre erste Station war natürlich Berlin. Hier gibt es ja eine große Queer-Tango-Szene mit monatlicher Milonga neben Workshops und Practicas, und das größte Queer-Tango-Festival weltweit, organisiert von Astrid Weiske, findet hier statt. Wir hatten das Glück, dass nun bei der Milonga im Monat Mai, Mariana hier und als DJane tätig war. Sie hat uns sofort wieder erkannt und nicht nur das, sie hat gleich festgestellt, dass Sigrid ihre Frisur verändert hat. Das nach zweieinhalb Jahren und ich weiß nicht wie vielen anderen SchülerInnen in der Zwischenzeit später! Sie wollte sogar zu einem unserer Auftritte kommen, das dürfte sich dann zeitlich aber doch nicht ausgegangen sein. Den Abend haben wir jedenfalls sehr genossen.

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Möglichkeiten, um auf eine Milonga – das sind die Tangotanz-Veranstaltungen – zu gehen, gibt es hier in Berlin ohne Ende. Ein besonderer Ort dafür, wenn das Wetter schön ist, ist die Strandbar Mitte. Eine Freiluft-Milonga direkt an der Spree, die drei Mal die Woche stattfindet. Wir waren an einem Samstagabend dort. Auf Grund einer falschen Auskunft kamen wir dort an, als die Milonga gerade aus war, und ein Schwoof Tanzabend begann. Zuerst waren wir ein wenig enttäuscht, aber die Musik war sehr gut, eine Mischung aus Swing, Walzer, Latein und auch Tango. So kamen wir dazu, auch wieder einmal Foxtrott, Walzer und Co. aufzufrischen. Die Atmosphäre und Stimmung war sehr angenehm – unter den Tanzpaaren auch viele Männer- und Frauenpaare. Sehr zu empfehlen, dorthin zum Tanzen zu gehen! Es gibt dort jeden Tag die Möglichkeit, manchmal sogar zwei unterschiedliche Tanzveranstaltungen pro Tag, immer zu einem anderen Thema.

Wir sind nach jenem Abend jedenfalls beschwingt in „unsere“ Wohnung zurückgekehrt. Und auch hier haben wir täglich den Tango vor Augen. In einem ehemaligen Fabriksgebäude gegenüber ist nämlich das Tanzstudio „Tango Berlin“. Abends, wenn die Lichter angehen, sehen wir vom Küchenfenster aus die Tanzpaare gegenüber vorbei schweben. Ein interessanter Blick, weil man ja immer nur einen Ausschnitt erhascht, aber sehr schön anzusehen. Das ist also das Letzte, das wir vor dem Schlafengehen, sehen. Wie sollen wir da nicht verrückt nach dem Tango sein?

Andrea

Arbeitsalltag von Straßenkünstlerinnen

Arbeitsalltag von Straßenkünstlerinnen

Hallo!

Da schreiben wir von Nachmittagsspaziergängen und Entdeckungsreisen, von Großevents an den Pausentagen und Streifzügen durch die Stadtviertel und ihr fragt euch wohl schon, ob unsere Reise zur Urlaubsreise mutiert ist. Es ist also an der Zeit, einmal zu erzählen, wie unsere Arbeitstage hier verlaufen.

Der Tagesbeginn ist eigentlich ganz gleich wie an den Arbeitstagen zu Hause: Um sieben Uhr läutet der Wecker, dann nehmen wir uns noch ein wenig Zeit, um gemütlich an diesem Tag anzukommen. Der erste Programmpunkt ist unser einstündiges Yogatraining. Bevor wir vor zweieinhalb Jahren nach Buenos Aires aufgebrochen sind, hat uns eine Yogalehrerin dieses Programm zusammengestellt und es uns gelehrt. Es hat uns nicht nur geholfen, den Körper wieder viel beweglicher zu machen, sondern es ist sowohl bezüglich Körperhaltung als auch bezüglich Atmung eine wunderbare Ergänzung zum Tangotanzen. Und nicht zuletzt hilft es mir immer wieder, den Kopf frei zu bekommen und mich zu erden. Danach ist es dann höchste Zeit fürs Frühstücken.

DSCF4872 (2)Der nächste Programmpunkt ist das Tanztraining. Zu Hause ist dieses Training fünfmal in der Woche Fixpunkt. Auf unseren beiden Reisen im Vorjahr haben wir gemerkt, wie wichtig es auch während der Zeit der Auftritte ist, so oft wie möglich zu trainieren. Als Straßenkünstlerin ist es nicht möglich, sich während des Tanzes nur auf sich und die Partnerin, auf den Tanz und die Musik zu konzentrieren, sondern es gibt immer Impulse von außen, vom Publikum, von zufälligen Ereignissen oder Geräuschen ringsum. So besteht auch die Gefahr, dass sich Ungenauigkeiten in den Bewegungen oder der Haltung einschleichen. Ohne Training würden sich diese verfestigen und die Präzision, die der Tango erfordert, die Harmonie und die Eleganz, auf die wir in unserem Tanz großen Wert legen, würden darunter leiden. Kurz, wir trainieren also auch auf Reisen regelmäßig.

Hier in Berlin besteht unser Arbeitstag aber erstmals auch aus viel „Büroarbeit“. Im letzten Jahr hatten wir uns ja noch nicht als Künstlerinnen selbständig gemacht, und es gab weder die Website noch den Workshop Solo Tango. Nun gilt es auch während wir unterwegs sind, mit KooperationspartnerInnen per Mail in Kontakt zu sein, Auftritts- und Workshoptermine für die nächsten Monate zu organisieren, Infomaterial zu erstellen und zu verschicken, PR-Aktionen zu setzen … kurz, als AdanzaS auch von hier aus zu arbeiten. Und das, was ich jetzt gerade mache, ist auch Teil unseres Arbeitsalltags geworden: das Schreiben der Blogbeiträge jede für sich, gemeinsam machen wir dann das Korrekturlesen, die Auswahl der Bilder und die Gestaltung der Beitragsseite.

Fixpunkt jedes Arbeitstages ist das Kochen und Genießen unseres Mittagessens! Diesen Luxus, dafür gemeinsam in Ruhe Zeit zu haben, gönnen wir uns einfach. Meist geht sich danach auch ein kurzer Verdauungsspaziergang oder ein kleines „Rasterchen“ aus.

Zur täglichen Arbeit gehört natürlich auch, dass unsere Kostüme auf Schuss gehalten werden. Diesbezüglich haben wir eine klare Arbeitsteilung: Andrea putzt täglich unsere Tanzschuhe und ich bin fürs Waschen und Bügeln zuständig. Vor allem die Figur, in die Andrea in unserem Stück „Encuentro“ schlüpft, verlangt, dass da alles perfekt ist. Erst wenn die Kostüme bereit sind, können wir beginnen, uns für einen Auftritt vorzubereiten.

DSCF4940Hier in Berlin beginnt unser Auftritt am Hackeschen Markt etwa um 17.30 Uhr. Daher fangen wir um 16.00 Uhr erst einmal damit an, alle nötigen Requisiten und Utensilien zusammen zu packen. Darin sind wir mittlerweile schon sehr geübt und wir haben eine gute Technik entwickelt, um alles auf einer kleinen Gepäcksrodel zu befestigen. Danach ziehen wir die Kostüme an, stylen die Haare und schminken uns und zugleich schlüpfen wir dabei in die Rollen unserer Alter Egos. Um kurz vor 17.00 Uhr sollten wir uns dann auf den Weg machen können. Zur U-Bahn haben wir es zum Glück nicht weit, leider gibt es zum Teil aber keine Rolltreppen bzw. funktioniert am Bahnhof Friedrichstraße, wo wir in die S-Bahn umsteigen, jeden zweiten Tag der Aufzug nicht. Aber wir sind auch schon recht geübt, wie wir unser Gepäck über Stufen transportieren.

Am Hackeschen Markt angekommen geht es zuerst einmal ans Aufbauen der Requisiten. Dann ziehen wir die Tanzschuhe an, versuchen uns noch kurz zu konzentrieren, und dann können wir zu tanzen beginnen. Bisher haben wir das Stück „Encuentro“ jeweils dreimal zur Aufführung gebracht. Dazwischen tanzen wir zwei frei improvisierte Tangos und nach dem Stück ergibt sich oft eine kurze Pause, weil wir von Menschen aus dem Publikum angesprochen werden. Insgesamt dauert ein Auftritt also ca. 75 Minuten. Danach geht es wieder ans Schuhewechseln und Einpacken und wir machen uns auf den Heimweg.

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Um ca. 19.30 Uhr kommen wir dann in der Wohnung an und da ist der Hunger schon recht groß. Trotzdem ist zuerst noch die Dusche fällig, auch um das Gel aus den Haaren heraus zu bekommen. So sind wir also für 75 Minuten Auftrittszeit knapp vier Stunden „beschäftigt“. Für ein Abendprogramm sind wir dann meist schon zu müde und unsere Arbeitstage klingen ruhig, ohne viele Ereignisse, aus. Immer wieder aber sind wir von einem Auftritt, von der Atmosphäre und den Begegnungen so bewegt, dass es trotz der Müdigkeit gar nicht so leicht fällt, zur Ruhe zu kommen. Aber es ist eine angenehme Erregtheit, ein Erfüllt-Sein von dem, was uns die Straßenkunst schenkt.

So freue ich mich schon auf die nächsten, bald schon die letzten Auftritte hier in Berlin!

Sigrid

Ein Wald im Großstadtdschungel

Ein Wald im Großstadtdschungel

Hallo!

Wie ja schon in meinem ersten Bericht aus Berlin erwähnt, ist die Wohnung, in der wir hier sind, ein äußerst angenehmer Erholungsort, wenn wir von unseren Auftritten oder Streifzügen „heimkommen“ – ja, wir fühlen uns hier wirklich schon zuhause und können so richtig entspannen. Wenn das Wetter schön ist, wie jetzt zum Glück wieder, freuen wir uns aber auch, wenn wir Erholungsorte im Freien finden. Einer dieser Orte ist ganz nah bei unserer Wohnung, z.B. für eine kurze Mittagsrast bestens geeignet.

DSCF4862Es ist der Garten des Jüdischen Museums Berlin, das insgesamt eine sehr interessante Anlage ist. Das alte Gebäude wurde um einen großen, modernen Zubau erweitert, der mit vielen architektonischen Details, immer wieder zu neuen Entdeckungen führt. Nun, ein Teil dieser komplexen Anlage ist ein großer, schöner Garten, der auch ohne Eintrittskarte zugänglich ist, und das Beste daran – es werden Liegestühle zur Verfügung gestellt, die man sich einfach nehmen kann, um sich damit einen Platz im Garten zu suchen. So haben wir es schon genossen, dort zu liegen, in die Bäume zu schauen, die Wolken am Himmel ziehen zu sehen und die Gedanken schweifen zu lassen – süßes Nichtstun eben.

An einem auftrittsfreien Tag haben wir uns weiter auf den Weg gemacht, um einen viel größeren Erholungsort zu erkunden – den Tiergarten. Das ist ein Wald mitten in der Stadt, in den Parkanlagen eingestreut sind. Auf zahlreichen Wegen kann man durch diesen Wald spazieren, entlang von Bächen oder kleinen Teichen. Zwischendurch vergisst man wirklich, dass man sich eigentlich inmitten einer Großstadt befindet. Ich jedenfalls, als wir im Rhododendron-Hain angekommen waren. Es gab unzählige Rhododendren so groß wie Bäume und alle gerade in vollster Blüte. Ein Farbenspiel von weiß über gelb bis orange, lila und rot! Kleine Wege führten mitten hinein in diesen Wald im Wald und ich kam mir vor wie in einem Zauberwald. Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle jetzt einfach die Fotos sprechen lassen.

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DSCF4813 (2)Auch Tiere kann man hier beobachten, verschiedenste Vogelarten und sogar Schildkröten, die gerade ein Sonnenbad nehmen. Und erst wenn man auf eine Parkanlage stößt, wie z.B. den Rosengarten oder den Floraplatz, weiß man, dass man sich doch in einer Stadt befindet. Am Floraplatz haben wir aber auch eine schöne Entdeckung gemacht. In der Mitte des Platzes umgeben von Blumen erhob sich die Statue einer stolzen Amazone zu Pferd, ausgestattet mit ihrer Doppelaxt. Ein Denkmal zu Ehren der Amazonen – das haben wir noch in keiner Stadt gesehen!

Als wir dann nach einigen Stunden bei der Siegessäule ankamen, dem Mittelpunkt von Berlin und neben dem Brandenburger Tor und dem Alexanderturm eines der Wahrzeichen der Stadt, waren wir schnell wieder der Zauberwald-Atmosphäre entrissen. Verkehrslärm, TouristInnen aus aller Welt und Großstadthitze empfingen uns. Mit einem Bus machten wir uns auf den Heimweg.

DSCF4851In „unserer“ Wohnung empfingen uns die drei Zwerge, die es hier im Bücherregal gibt und die mich, seit wir hier sind, faszinieren. Seit jenem Ausflug versetzt mich ihr Anblick jedenfalls zurück in diesen Zauberwald aus Rhododendren, und so hat diese Wohnung einen Erholungsfaktor mehr.

Liebe Grüße aus einem Berlin, das immer wieder für Überraschungen sorgt!

Andrea

Beschauliche Orte mitten im Verkehrslärm

Beschauliche Orte mitten im Verkehrslärm

Nahe dem Halleschen Tor und damit unserer Wohnung gibt es eine laute, stets stark befahrene Kreuzung. Zwei Straßen mit je vier Fahrspuren und die U-Bahn auf der Hochflurtrasse aus Stahl bilden die Kulisse. Wir überqueren diese Kreuzung häufig auf unseren alltäglichen Wegen. An einem frühen Nachmittag der letzten Woche sind wir einfach zu einem kleinen Spaziergang aufgebrochen und haben unerwartete Entdeckungen gemacht.

DSCF4807Unser Weg führte uns zuerst in die historischen Friedhöfe am Halleschen Tor. Hinter der Mauer des „Kirchhofes“, wie es hier heißt, sind wir eingetaucht in eine üppig grüne, andere Welt. Nie zuvor habe ich auf einem Friedhof so viele grüne Freiflächen, sehr alten Baumbestand und blühende Sträucher gesehen. Die Grabstätten liegen verstreut in dieser grünen Insel und viele davon sind sehr alt. Zahlreiche große Familiengräber aus dem 19. Jahrhundert, darunter auch das Grab von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dazwischen kleinere Gräber aus dem vorigen Jahrhundert. Der Verkehrslärm schwappt zwar über die Mauer in diese melancholische Idylle, aber er kann die dichte, intensive Atmosphäre hier nicht wirklich stören.

DSCF4844Wir verlassen den Friedhof und treten auf den Mehringdamm, ebenso eine laute, vierspurige Straße. Nach wenigen Metern erblicken wir durch eine Glasfront die Regalreihen einer Bibliothek. Wir gelangen zum Haupteingang der Amerika Gedenkbibliothek und tauchen wieder in eine stille Welt ein. Diesmal aber ist es eine Stille inmitten von unzähligen Menschen und abertausenden Büchern. Wir schlendern an den Regalreihen entlang, nehmen hier und dort ein Buch heraus, um einen Blick darauf zu werfen und sind fasziniert von dieser Fülle. Es herrscht reges Treiben hier, aber die Menschen sind nicht aufeinander bezogen, sondern in Bücher, Computer oder Zeitschriften vertieft. Leise Gespräche bilden eine zarte Hintergrundmusik. Es fällt uns schwer uns von dieser Welt loszureißen und wir nehmen uns vor, demnächst hier einen ganzen Nachmittag zu verbringen.

DSCF4812 (2)Unser Spaziergang geht weiter durch den Blücherpark, einer kleinen Grünfläche inmitten dieser stark befahrenen Straßen. Am Wochenende lagern hier unzählig viele Familien aus den umliegenden Wohnblöcken, sie treffen sich hier zum Picknick oder zum Grillen. Die BerlinerInnen – egal ob alt eingesessen oder zugewandert – lieben ihre Parkanlagen und verteidigen diese Freiflächen um jeden Preis. An diesem Nachmittag sitzt hier, beinahe verloren auf der großen Rasenfläche, nur eine Familie. Der Grill ist angeheizt, das Fleisch schon aufgelegt. Hört man hier Verkehrslärm? Gibt es hier irgendetwas Störendes oder hat diese Familie ihr Paradies im Großstadtdschungel gefunden?

DSCF4850Wir verlassen den Park und überqueren die Zossener Straße. Gleich gegenüber der Parkanlage liegt die Heilig-Kreuz-Kirche, ein mächtiger Backsteinbau mit einer riesigen Kuppel. Auch dieser Ort der Stille hat eine seine eigene Ausstrahlung. Aus Stahl und Holz wurden Treppen und eine Galerie eingezogen, sodass man bis zur Orgel und hinauf bis zu den runden Fenstern der Querschiffe gelangen kann. Doch für uns ist er ein ganz besonderer Platz: Beim QueerTango-Festival im Sommer 2011 hat hier, in dieser Kirche, die Gala-Milonga stattgefunden. Vor unseren inneren Augen sehen wir diesen Raum also auch in einer ganz anderen Weise. Die Erinnerung an jene Tangonacht ist noch so lebendig, weil es eine der ersten Gelegenheiten war, in denen wir den Tango ganz intensiv erlebt haben. Augusto Balizano, der während unseres Aufenthaltes in Buenos Aires unserer Lehrer war, hat in jener Nacht mit Claudio Gonzalez einen Tango getanzt, der uns damals schon überwältigt hat. Und jetzt stehe ich hier in dieser Kirche und sehe nicht mehr die Sitzgelegenheiten und den Altar mit seinen Blumen, sondern tauche ein in die Welt des Tango. Von diesem Tanz gibt es ein Video auf youtube – falls du sehen möchtest, was ich gerade vor meinem inneren Auge sehe: Hier zum Video

Wir verlassen auch diesen magischen Ort, am Verkehrslärm draußen hat sich nichts geändert, und kehren zurück in den Alltag der Großstadt. So nah beieinander hat so Gegensätzliches Platz. Vielleicht wieder einmal ein Hinweis, nicht im Schema von „entweder – oder“ sondern in jenem von „sowohl – als auch“ zu denken.

Sigrid

Karneval der Kulturen

Karneval der Kulturen

DSCF4754 (2)Unsere wetterbedingten Pausentage sind zeitlich mit einem Riesenspektakel, das jedes Jahr zu Pfingsten hier in Berlin stattfindet, zusammengefallen. An diesen vier Tagen feiert Berlin seine Buntheit und seine kulturelle Vielfalt mit einem Straßenfest und dem großen Straßenumzug. Das Straßenfest fand sogar direkt „vor unserer Haustür“, am Blücherplatz, statt. Es gab vier Musikbühnen, zahlreiche Verkaufsstände mit Kunsthandwerk und im eingegliederten Park war der „Rasen in Aktion“, mit Performances von Streetdance bis Straßentheater, vom Trommelworkshop bis zur Gestaltung von Recyclingkostümen und zahlreichen Kreativangeboten für Kinder. Dazwischen gab es unzählige Stände mit Köstlichkeiten aus aller Welt, teilweise als wunderschön gestaltete Food-Trucks.

Mit etwas gemischten Gefühlen erwartete ich die angekündigte Menschenmasse, denn die U-Bahnstation „Hallesches Tor“, von der aus wir uns stets auf den Weg machen, war der „Verkehrsknotenpunkt“ dieses Events. Die Station wurde dann noch zusätzlich für „private“ Verkaufsstände genutzt: ein Klapptisch, ein Plakat oder eine marktschreierische Stimme und schon wurden hausgemachte Kuchen, Snacks oder Hochprozentiges verkauft. Trotz all diesem Rummel ist es aber recht ruhig und nicht wirklich ungemütlich zugegangen. Wir sind nur aus dem Staunen und Wundern und Kopfschütteln ob all dieser Eindrücke nicht herausgekommen: Berlin ist einfach herrlich verrückt! Wir kennen jedenfalls keine andere Stadt, in der es das alles gibt.

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Den Straßenumzug im letzten Jahr sollen 1,5 Millionen Menschen besucht haben und die Sicherheitshinweise im Programmheft ließen uns schon ahnen, was da los sein wird. Es wurde festes Schuhwerk angeraten, da erfahrungsgemäß Glasscherben am Boden liegen, Kinder sollten wegen der Lautstärke Gehörschutz tragen und im Falle einer Überfüllung sollte man ….

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Heuer war es kalt und windig, einige Besucher trugen ihren Wintermantel und mehrmals gab es einen Regenschauer. Trotzdem ist alles recht ruhig abgelaufen und nach einiger Zeit haben wir tatsächlich ein Plätzchen gefunden, an dem wir gut sehen konnten und einige Gruppen sind direkt vor uns vorbeigezogen. Die teilnehmenden Gruppen sind fast ausschließlich aus Berlin. Einerseits sind es Menschen aus allen Kontinenten, die jetzt hier leben und die Kultur ihrer Heimat weiterpflegen und an diesem Tag alle daran teilhaben lassen. Andererseits sind es Gruppen und Organisationen, die sich für ein interkulturelles Zusammenleben in Berlin engagieren. So ist es nicht erstaunlich, dass heuer auch das Flüchtlingsthema in einigen Darbietungen präsent war. Aber im Vordergrund steht bei diesem Umzug die Lebensfreude, mit Performance und Tanz, mit Gesang und Trommeln wird die Vielfalt gefeiert. Es war wirklich toll einfach mittendrin zu sein und sich anstecken zu lassen von dieser Atmosphäre. Die Stimmung war trotz des kalten, unfreundlichen Wetters, heiter und gelassen, abertausende Menschen auf engem Raum nicht nur in friedlicher, sondern in fröhlicher Stimmung.

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So haben wir Berlin wieder von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Und ich bin mir sicher, dass dies noch nicht die letzte Entdeckung hier gewesen sein wird.

Sigrid

Straßenkunst in Berlin

Straßenkunst in Berlin

Ja, hier in Berlin lebt sie wirklich noch, die Straßenkunst – vor allem in Form von Straßenmusik. Das neueste GEO Special über Berlin hat sogar der Straßenmusik einen ausführlichen Beitrag gewidmet, den wir schon im Vorhinein mit großem Interesse gelesen hatten. Hier gibt es wirklich junge MusikerInnen, die lieber auf der Straße musizieren, als sich mit einem Plattenvertrag zu binden und damit ihre Freiheit aufzugeben. Manche von ihnen sind trotzdem so erfolgreich, dass sie davon leben können. Und so sieht man hier auch, wenn man durch Berlin streift, an allen möglichen oder auch unmöglichen Ecken (z.B. die lauteste Straßenkreuzung Berlins) MusikerInnen aller Genres. Fast alle sind mit Verstärkeranlagen ausgestattet, worüber wir anfangs sehr gestaunt haben, denn das ist in jeder anderen Stadt verboten. Die insgesamt liberalen Bestimmungen für Straßenkunst und die offene Atmosphäre dieser Stadt machen eben diese lebendige und kreative Straßenkunstszene möglich. So waren wir natürlich sehr gespannt, wie es uns hier ergehen wird in dieser riesigen Stadt, mit viel Konkurrenz und unserem neuen Programm.

DSCF4726Die Suche nach geeigneten Auftrittsorten hat sich erst einmal schwieriger herausgestellt, als wir erwartet hatten. Einerseits brauchen wir einen tanzbaren Boden, in Berlin gibt es sehr viel Kopfsteinpflaster, und andererseits fürs Tanzen auch viel mehr Platz als MusikerInnen, wir können uns nicht an jede Straßenecke stellen. Auf wiederum zu großen Plätzen wie dem Alexanderplatz verlieren wir uns und außerdem fühlen wir uns besser, wenn wir Rückendeckung haben. So waren unsere ersten Auftritte hier eher frustrierend. Als erstes versuchten wir es wie gesagt gleich einmal am Alexanderplatz. Aber auf diesem riesigen Platz mit Menschenmassen, hatten wir das Gefühl, wir gehen unter. Als dann auch noch eine christliche „Sekte“ eine Missionsveranstaltung mit einer platzbeschallenden Verstärkeranlage abhielt, wussten wir, das war´s hier für uns!

Am nächsten Tag versuchten wir es auf der Museumsinsel, da auf Grund des langen Wochenendes sehr viele TouristInnen in der Stadt waren. Am liebsten hätten wir in den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie getanzt, ein wunderschöner Ort, aber auf Nachfrage beim Wachpersonal durften wir da nicht auftreten, ist ja auch kein öffentlicher Raum. Also haben wir den Platz davor ausgewählt, bei dem uns allerdings die Rückendeckung fehlte. Menschen kamen aus allen Richtungen und so taten wir uns mit der Ausrichtung unseres Stückes schwer. Außerdem gab es hier auch eine Begegnung, die uns sehr irritierte. Bald nachdem wir angefangen hatten, tauchte eine andere Straßenmusikerin mit Ziehharmonika auf. Sie platzierte sich direkt neben uns und obwohl wir gerade mitten in unserem Stück waren und auch Publikum hatten, begann sie laut auf ihrem Instrument zu spielen und auch zu singen, leider nicht einmal gut. Anfangs versuchten wir sie zu ignorieren, aber da fing sie dann an, uns ganz bewusst zu stören, indem sie ganz in unseren Raum eindrang. Wir suchten also das Gespräch, merkten aber bald, dass das zu nichts führen würde, dann sie begann sofort in einer fremden Sprache herumzuschreien und uns zu beschimpfen. Sigrid wollte anfangs noch unseren Platz verteidigen, aber ich hatte unter diesen Umständen keine Lust, hier länger zu bleiben. Wir fingen also auch noch an zu streiten, anstatt das Ganze mit Humor zu nehmen. Ziemlich genervt, verärgert und frustriert packten wir unsere Siebensachen und zogen ab. So eine Erfahrung hatten wir noch nie gemacht. Und auch daran merkten wir, Berlin ist eben ein anderes Pflaster. Aber zum Glück hat sich das Blatt inzwischen gewendet.

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Mittlerweile haben wir unseren Platz gefunden. Es scheint hier überhaupt so zu sein, dass jede/r Künstler/in einen Platz hat, an dem er/sie hauptsächlich auftritt. Nun, unserer ist der Hackesche Markt. Wie der Name sagt, findet hier zweimal die Woche ein Markt statt. Es ist ein sehr netter Platz mit Bäumen, vielen Lokalen, Bänken zum Verweilen, einem S-Bahnhof (gut für unser Stück, das ja auf einem Bahnhof spielt!) und stark frequentiert, da die Hackeschen Höfe daneben ein Touristenmagnet sind. Vor einem blühenden Kastanienbaum und vielen Sträuchern, nach drei Seiten offen, haben wir unseren idealen Platz gefunden. Hier haben wir unser Stück bereits sechsmal (an zwei Tagen mit je drei Durchgängen) mit Erfolg und begeistertem Publikum aufgeführt. Und es hat uns wieder gepackt, dieses Fieber, das uns förmlich auf die Straße zieht, um aufzutreten. Es macht uns einfach Riesenspaß zu tanzen und zu spielen und dem Publikum zu begegnen. Und wir hatten wieder einige wunderbare Begegnungen. Zum Beispiel mit einer jungen, spanisch sprechenden Straßenkünstlerin, die mit Seifenblasen Kunststücke vollführt. Auch hier war es so, dass sie kurz nach uns auf dem Platz eintraf, aber sofort fragte, ob es für uns okay wäre, wenn sie neben uns ihre Darbietungen mache, da wir ohnehin ein anderes Publikum ansprechen würden. Wir waren einverstanden und haben uns sogar gegenseitig befruchtet, denn Leute, die zuerst bei ihr stehen blieben, haben dann auch bei uns zugesehen und umgekehrt. Und wir haben inmitten von Seifenblasen getanzt. Das hat, glaube ich, wunderschön ausgesehen, denn es wurden sehr viele Fotos gemacht. Nach jeder Aufführung von uns wurden wir auch von Leuten aus dem Publikum angesprochen, die uns Komplimente machten oder von einer Fotografin, die fragte, ob sie Porträts von uns machen dürfe. Eine Begegnung wird uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Mit einem Berliner, der zuerst einmal feststellte: „Ihr habt sicher schon bemerkt, dass es in Berlin sehr viel Straßenkunst gibt, leider ist sie nicht immer gut, aber das, was ihr macht, ist etwas ganz Besonderes.“ Nach unserem Gespräch hatte er sich dann eigentlich schon verabschiedet, kam aber nochmals zurück, um uns spontan zu sich nach Hause einzuladen, er würde nicht weit von hier wohnen. Nach unserem letzten Auftritt an diesem Tag suchten wir also seine Wohnung auf und wurden herzlich empfangen. Eine wunderschöne Wohnung in Top-Lage mit Dachterrasse! Hier saßen wir dann bei Sonnenuntergang über Berlin und wurden von unserem Gastgeber mit köstlicher Jause und ausgezeichnetem Wein verwöhnt. Die Gespräche mit ihm waren so interessant, die Atmosphäre so angenehm, der Abend so lau, dass wir bis 11.00 Uhr nachts blieben, um dann reich beschenkt den Heimweg anzutreten. Diese Erlebnisse sind es unter anderem, die Straßenkunst so schön machen!

Im Moment hat uns das Wetter wieder ein paar Pausentage beschert, die auch guttun. Wir haben zwar kaum Regen, aber es hat extrem abgekühlt, gestern hatten wir nicht einmal 10 Grad und starken Wind, äußerst ungemütlich. Aber sobald es besser wird, werden wir wieder den Hackeschen Markt bespielen.

Aus dem lauten, spannenden, coolen Berlin grüßt euch

Andrea

Berlin entdecken

Berlin entdecken

Vor einer Woche sind wir nun hier in dieser ganz besonderen Stadt angekommen. Wie immer, wenn wir in einer Großstadt sind, kaufen wir uns zwar ein Monatsticket für die Öffis, sind dann aber auch stundenlang zu Fuß unterwegs. Bei diesen Streifzügen können wir eine Stadt sehr intensiv erleben, die jeweils eigene Atmosphäre eines Stadtteils spüren, eintauchen in den Alltag und die Lebenswelt der Menschen, nicht Landschaften und Natur, sondern Straßen und Architektur erwandern.

Zum Beispiel gleich bei unserem ersten Streifzug durch die „Friedrichstraße“. Unsere Wohnung liegt nahe am „Halleschen Tor“, dem südlichen Beginn dieser kerzengeraden, langen Straße, die etwa in ihrer Mitte den Prachtboulevard „Unter den Linden“ quert und weiter nach Norden bis zum „Oranienburger Tor“ führt. Wir sind am Vormittag eines Feiertags losspaziert, anfangs vorbei an Kebabläden, dem Lebensmittelgeschäft „Bagdad“, einer Art Trafik mit Telefonservice in alle Welt – ganz wie man es aus jenen Bezirken, in denen Menschen aus aller Welt zusammenleben, in vielen europäischen Großstädten kennt. Nach einiger Zeit kamen wir an einem Bio-Bistrot, dem wunderschönen Geschäft einer Maßschuhmacherin und an einem neu eröffneten Haubenlokal vorbei. Noch immer war es sehr ruhig, nur wenige Menschen waren an diesem frühsommerlichen Vormittag unterwegs. Plötzlich änderte sich dies schlagartig: Imbisslokale, Souvenirgeschäfte, eine Tapasbar und eine Pizzeria, Mc Donalds und Starbucks – und mittendrin der Touristenmagnet „Checkpoint Charlie“ mit allem, was dazugehört. Die Touristenbusse auf ihren Stadtrundfahrten halten hier, ein Fotograf bietet vor dem ehemaligen Grenzhäuschen an, dich in einer der Uniformen der Besatzungsmächte zu fotografieren (und es gibt tatsächlich einige, die das machen!), Gedränge am Gehsteig, Kitsch in allen erdenklichen Formen. Nach etwa 200 Metern ist der Spuk wieder vorbei und die Friedrichstraße wechselt erneut ihr Aussehen. Im letzten Abschnitt dieser 2000 Meter langen Strecke gibt es Nobelboutiquen, exquisite Shoppingmalls, Luxushotels und teure Restaurants – wir sind angekommen in Berlin-Mitte!

Jeder Stadtteil hier ist einzigartig. In Mitte gibt man sich luxuriös, international und modern. TouristInnen aus aller Welt bevölkern das Spreeufer, die Museumsinsel, den Hackeschen Markt, den Alexanderplatz. All diese klingenden Namen sind Programm – Berlin ist eine Weltstadt, die zeigt, was sie zu bieten hat. Noch immer „geschmückt“ mit unzähligen Kränen bleibt sie aber auch dem Titel „Ewige Baustelle“ treu.

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Ebenfalls mit Kränen versehen, und doch atmosphärisch ganz anders ist Charlottenburg. In den letzten Jahren war der Stadtteil im ehemaligen Westberlin out – der Osten war angesagt. Trotzig sagten die einen „Alle ziehen jetzt nach Osten!“ und meinten Treptow oder den Prenzlauer Berg. Letzterer hatte sich zum Inbegriff des neuen Berlin nach der Wende gemausert: wunderschön renovierte Altbauten, Szenelokale, gemütliche Bars, Geschäfte vieler DesignerInnen, Vintageläden, die Straßen frequentiert von RadfahrerInnen und die Gehwege überdurchschnittlich dicht von Kinderwägen befahren. Der Westen war nicht mehr gefragt.

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Heute erwacht Charlottenburg von Neuem. Einige Wolkenkratzer, die gerade rund um den Bahnhof Zoo in den Himmel wachsen, sind der sichtbare Beweis eines neuen Trends. Die Nobelboutiquen, Luxushotels und schicken Geschäfte sind zurückgekehrt oder neu erwacht. Der größte Apple-Store Deutschlands am Ku’damm in einem alten Prachtbau hat gigantische Dimensionen. Ein paar Schritte weiter sind BMW- Limousinen mit Elektroantrieb in den Auslagen geparkt und wieder nicht weit entfernt ist der Tesla zu bewundern. Auch hier ist man chic, aber eben auf eine andere Art. Irgendwie reservierter, vielleicht bürgerlicher, beständig. Denn in Charlottenburg gibt es auch die stuckverzierten Bürgerhäuser, gemütliche, zum Teil sehr alte Kaffeehäuser, den Savignyplatz über den die Westberliner Boheme spaziert oder auf dem man im schnittigen Sportwagen vorfährt, die Kantstraße zum Flanieren.

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Ja, und wir wohnen in Kreuzberg. Auch dieser Stadtteil hat die Zeit, als er „in“ war, schon hinter sich gelassen und den ersten Platz als coolsten, angesagtesten, verrücktesten, internationalsten Stadtteil längst an Neukölln abgegeben. Aber Kreuzberg scheint gerade deshalb ein guter Platz zum Leben zu sein. An einigen Ecken, wie der Bergmannstraße oder der Oranienstraße ist sehr viel los, ein Lokal reiht sich an das andere und du kannst dich auf wenigen Metern einmal um die ganze Welt schlemmen. Zwischen der Oberbaumbrücke und dem Schlesischen Tor ist Kreuzberg sogar ziemlich schräg geblieben – fast meinen wir, wir seien in den 1968ern angekommen. In anderen Ecken von Kreuzberg, so wie hier, wo wir wohnen, ist es angenehm ruhig, Parks und kleinere Grünflächen bieten Erholungsorte und mit der U-Bahn bist du ohnehin in kürzester Zeit wieder dort, wo der Bär los ist.

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Und auch das haben wir in den wenigen Tagen schon mitbekommen – los ist hier wirklich unvorstellbar viel! Mal sehen, was wir in diesem Monat hier noch alles erleben!

Sigrid

 

 

Ankommen in Berlin

Ankommen in Berlin

Hallo!

Nun sind wir wieder einmal in einer Großstadt gelandet. Nach Berlin mussten wir ja kommen, denn hier wurde unser Traum geboren, Straßentänzerinnen zu werden. Nämlich als wir das letzte Mal hier waren, vor fünf Jahren beim Queer-Tango Festival. Wir waren damals im Berliner Frauenhotel abgestiegen und in der Bibliothek des Hotels fiel uns ein Buch in die Hände: Die Straßensängerin von Traude Bührmann. Dieses Buch und die Idee, immer wieder für längere Zeit an einem anderen Ort zu leben, waren also der Ausgangspunkt für den Weg, den wir nun eingeschlagen haben.

DSCF4721 (2)Diesmal sind wir einen Monat hier und haben uns über das Netzwerk der Frauenbude eine Wohnung gemietet. Mitten in Kreuzberg, in der ruhigen Alten Jakob Straße gelegen, ist sie uns ein idealer Rückzugsort in dieser quirligen Stadt. Wir fühlen uns hier sehr wohl und schon nach wenigen Tagen heimelig. Es ist eine Altbauwohnung ganz nach unserem Geschmack gestaltet und eingerichtet. Eine Mischung aus Antiquitäten und modernen Möbeln, viele nette Dinge, die das Auge erfreuen, interessante Bilder und Bücher und eine Küche, in der wir alles vorfinden, um uns zu versorgen. So haben wir schon einige Male köstlich aufgekocht und ich habe mich bereits verliebt – in die Gusseisenpfanne, die es hier gibt. Wir haben uns ja schon darauf gefreut, wieder einmal auf Gas zu kochen. Es lässt sich zwar nicht logisch erklären, aber auf Gas gekocht, schmeckt das Essen besser. Die Steigerung ist jetzt noch: auf Gas in der Gusseisenpfanne gekocht. In ebendieser Pfanne gebratene Pilze oder Gemüse über Nudeln mit frischem Olivenöl, einem guten Parmesan, ein paar Kräutern oder frisch gemahlenem Pfeffer – und ein einfaches, aber köstliches Essen ist fertig.

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Auch fürs Einkaufen haben wir unseren Ort gefunden. Ein paar Stationen mit dem Bus und wir befinden uns bei der Marheineke Markthalle in der Bergmannstraße. In der Markthalle gibt es köstliche französische, italienische und griechische Spezialitäten, durch die wir uns alle durchkosten möchten. Im französischen Bistrot gibt es außerdem Croissants, die schmecken wie in Frankreich und sogar ausgezeichneten Espresso. Wir haben nämlich eigens unsere Espressomaschine mitgenommen, weil wir die letzten Male in Berlin nirgends guten Kaffee bekommen haben. Im Umkreis der Markthalle gibt es einen Bio-Supermarkt und auch sonst alles, was man so braucht. Wir haben uns also schon ganz gut eingelebt.

Es ist auch sehr spannend, in ein anderes Leben hier einzutauchen. Die Vermieterin der Wohnung, sie heißt auch Sigrid, hat uns bei der Ankunft empfangen und uns dann bereitwillig ihre Wohnung überlassen. Durch dieses entgegengebrachte Vertrauen und die netten Empfangsgesten, wie z.B. Blumen am Tisch, haben wir uns gleich willkommen gefühlt. Sie selbst hat einen Garten außerhalb von Berlin mit einem Häuschen, wo sie lebt, während wir in ihrer Wohnung sind. Jetzt beleben, bekochen, betanzen, … wir sie – und trotzdem ist auch die Besitzerin hier, und ich stelle mir Fragen über sie, was für ein Mensch sie ist, was ihr wichtig ist, welche Art Leben sie führt, … Durch ihre Wohnung und die Dinge, die wir hier vorfinden oder auch nicht vorfinden, es gibt z.B. keine Behältnisse aus Plastik (finde ich super), mache ich mir ein Bild von ihr, aber ob es stimmt?

Jedenfalls bin ich dankbar, hier sein zu können und wieder einmal Großstadtleben zu genießen.

Tschüss aus Berlin!

Andrea