Hitzewelle in Buenos Aires

Hitzewelle in Buenos Aires

Hola chicas y chicos,

“mucho calor” ist zur Zeit hier in aller Munde, denn mittlerweile wird die Hitze ziemlich unerträglich. Es kühlt nun schon längere Zeit überhaupt nicht mehr ab und die Brise, die normalerweise vom Rio de la Plata her weht, hat auch aufgehört. Somit staut sich die Hitze in den Häuserschluchten und gemeinsam mit den Autoabgasen ergibt das ein höllenmäßiges Gemisch – heiß und stinkig.  Wir sind also momentan nur so viel unterwegs wie unbedingt notwendig und stellen uns mindestens dreimal am Tag unter die kalte Dusche.

Zu tanzen wäre im Moment ohne Klimaanlagen unmöglich, aber die gibt es hier ja überall und auch diese altmodischen Ventilatoren, die von der Decke hängen, sind hier vor allem in den alten Häusern im Moment voll im Einsatz. Wenn man nun z.B. in einem alten Café sitzt, einen cafesito oder ein kühlendes Getränk genießt und an der Decke die Ventilatoren summen, fühlt man sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Aber draußen auf der Straße ist man schnell wieder in der Realität angekommen. Von weniger Menschen oder Verkehr, wie von den Einheimischen für die Zeit nach Weihnachten prophezeit, ist noch nichts zu merken. Es gibt zurzeit auch Baustellen an jeder Ecke und der Weg von einem Ort zum nächsten ist ein Hindernislauf.

Wir sind deshalb gerade am Planen für ein paar Tage aus Buenos Aires zu verschwinden und nach Uruguay zu fahren. Zuerst mit der Fähre nach Montevideo und dann mit dem Bus weiter nach Colonia, ein sehr kleiner Ort am Rio de la Plata, der von allen Einheimischen als sehr erholsam gepriesen wird. Von dort gibt es wieder eine Fähre zurück nach Buenos Aires. Den genauen Zeitpunkt dieser kleinen Reise wissen wir allerdings noch nicht, denn wir müssen erst sehen, wann wir ein Zimmer bekommen. Vorher feiern wir ja auch noch Silvester wieder gemeinsam mit Nestor und Patricia und deren Schwester mit Mann und Tochter.

Heute werden wir nichtsdestotrotz noch auf eine Tanzveranstaltung gehen, denn die “Escuela argentina de Tango”, also unsere Schule, feiert heute schon “Milonga a Fin de ano”. Wir beginnen also heute schon einmal damit den Jahreswechsel zu feiern.

Einen guten Rutsch euch allen zu Hause (auch ich, Sigrid schließe mich dem an!) und viele liebe Grüße

Andrea

Weihnachtsparty

Weihnachtsparty

Hola,

zuerst gleich mal “Danke” an alle, die uns jetzt rund um Weihnachten und auch in der Zeit davor Mails geschrieben haben. Es ist schön, von euch daheim zu lesen und damit nicht ganz abgekoppelt zu sein. Einige haben auch schon nachgefragt, wie unsere “Weihnachtsparty” war, also berichte ich gleich mal davon:

Ein wesentlicher Unterschied ist schon mal die Uhrzeit. Augusto, einer unserer Tanzlehrer, hat erzählt, dass er Weihnachten einmal in Berlin verbracht hat und er hat gemeint: Bei euch ist um 20.00 die ganze Feier vorbei, wir beginnen da gerade, uns fürs Feiern vorzubereiten. Genau so haben wir es erlebt. Wir sind um 20.30 bei Patricia und Nestor eingetroffen; die anderen Gäste sind zwischen 21.00 und 22.00 gekommen. Der Christbaum – selbstverständlich aus Plastik – war reichlich geschmückt und er hatte “wunderschöne” Blinklichter, darunter gab es schon viele Pakete, eine lange Tafel war weihnachtlich gedeckt. Alle Gäste haben reichlich Geschenke mitgebracht. Dann haben wir Platz genommen und zuerst mal gegessen. Um Mitternacht wurde der Fernseher eingeschaltet, um die genaue Uhrzeit zu haben (wie bei uns zu Silvester). Neben der Uhrzeit zeigt das Fernsehbild auch immer die Temperatur: es hatte Punkt Mitternacht 31,5°! Champagner wurde eingeschenkt und dann kam das große “Felizidades”, also das Anstoßen und Beglückwünschen. Jemand wollte wissen, was wir in Österreich statt “salud” sagen und dann haben alle mit “Prost” angestoßen. Draußen hat schon das Feuerwerk begonnen und so sind wir auf die Terrasse gegangen und haben zugeschaut. Es gab nicht extrem viele Raketen, aber wie sich mit der Zeit herausstellte, sucht sich da jede und jeder den Zeitpunkt selbst aus: Patricia hat ihre Raketen erst später gezündet und das Feuerwerk hat bis nach 2.00 gedauert. Bei unserer Party ist es dann mit dem Verteilen der Geschenke weitergegangen. Es gab einen riesen Tumult, jede und jeder hat für alle anderen Gäste etwas mitgebracht und es hat nicht lange gedauert, bis auch wir von allen beschenkt wurden. Wir waren total überrascht und es war natürlich auch peinlich, denn wir hatten nur für Patricia und Nestor etwas mitgebracht. Aber Patricia hat uns “gerettet”: meine Mutter hatte uns als Mitbringsel selbst genähte Lavendelsäckchen für Patricia, ihre Schwester, ihre Cousine und ihre Nichten mitgegeben.  Patricia sagte gleich nach unserem Eintreffen, ich solle die Lavendelsäckchen heute austeilen. So hatten wir also doch etwas und haben es mit lieben Grüßen von meiner Mutter als Weihnachtsgeschenk statt als Mitbringsel verteilt.

Danach war wirklich “Party”: Musik wurde eingeschaltet, alle sind in Grüppchen zusammen gestanden oder gesessen, auf die Terrasse gegangen, haben Champagner getrunken und geplaudert. Zwischendurch ist Nestor mit einer Tango-CD gekommen und Andrea musste ein paar Takte mit ihm tanzen. Wir haben tatsächlich versucht uns mit ein wenig Spanisch durchzuschlagen, aber zwischendurch haben wir die Szene auch einfach als “Gäste aus der Ferne” beobachtet. Und wir sind immer mehr müde geworden. Die ersten Gäste sind um 2.30 gegangen, um 3.30 war das Weihnachtsfest zu Ende und wir sind todmüde ins Bett gefallen.

Also, wie einige von euch schon geschrieben haben: ziemlich andere Weihnachten als daheim. Aber die Stimmung war sehr angenehm und außer der nächtlichen Uhrzeit war es ein schönes Fest.

Den nächsten Tag haben wir dann bis Mittag einfach verschlafen, dann waren wir wirklich im Pool schwimmen und haben danach vom Buffet weitergegessen. Wir wollten anschließend eigentlich mit dem Bus zurück in unsere Wohnung fahren, aber Patricia und Nestor haben darauf bestanden, uns herzubringen; sie würden nur vorher noch eine Siesta machen. So sind wir – nach einem weiteren, sehr erfrischenden Schwimmer im Pool – schlussendlich um 20.30 (!!!) losgefahren und rechtzeitig zum Schlafengehen in unsere Wohnung gekommen. “Feliz Navidad”!!!

So füge ich nur noch “un fuerte abrazo”, eine feste Umarmung, an und schicke Grüße aus dem Hochsommer,

Sigrid.

 

 

Feliz Navidad

Feliz Navidad

Hola,

Andrea hat ja in ihrem letzten Bericht die Hitze erwähnt. Seit fast 2 Wochen haben wir über 34° und auch die Portenos stöhnen. Bei unserer Ankunft haben wir noch zur Vermieterin gesagt, wir werden die Klimaanlage nicht verwenden, jetzt schalten wir sie immer ein, wenn wir nicht in der Wohnung sind. Letzte Nacht haben wir versucht, die Fenster offen zu lassen, denn nachts kühlt es mit einem leichten Wind angenehm ab, aber es ist hier einfach so unvorstellbar laut, dass wir wieder nicht richtig schlafen konnten. Ich freue mich wirklich schon auf die erste Nacht, die ich wieder mal durchschlafen werde! Einen Tag lang hatten wir diese Woche keinen Strom – und so auch keine Klimaanlage. Gestern haben wir von Patricia gehört, dass Teile der Stadt in dieser Woche 5 Tage(!) ohne Strom waren. Da hatten wir also noch Glück!

Von Weihnachten merkt man außer in den Geschäftsstraßen und Einkaufszentren nicht viel. Es sind extrem viele Menschen unterwegs und die Auslagen sind mit Christbäumen und dem Schriftzug “Felices Fiestas”  geschmückt. Aber stellt euch vor – ich weiß nicht seit wie vielen Jahren ich die Wochen des Dezembers ohne die Dauerberieselung von “Last Chrismas” erleben konnte!!! Diese “Weihnachtsmusik” in den Geschäften ist hier nicht üblich, und wenn es sie gibt, dann nur ganz dezent.

Wir werden den Abend des 24. Dezember bei Patricia und Nestor verbringen. Sie haben uns schon vor Monaten eingeladen – Weihnachten ist Familie – und wir “müssen” auch bei ihnen übernachten. Sie würden uns mitten in der Nacht sicher nicht alleine zurück in unsere Wohnung fahren lassen und Nestor wird nicht noch mal mit dem Auto fahren wollen. Es werden 19 Personen da sein – wir wissen nicht genau, wer alles mit “Familie” gemeint ist und alle bringen etwas zum Essen oder Trinken mit. Wir sind für Champagner und Knabbereien zuständig. Andrea meint, das wird eine “Weihnachtsparty” werden, wie sie es damals in den USA erlebt hat. Jedenfalls wissen wir schon, dass es um Mitternacht ein großes Feuerwerk geben soll.  Am Morgen des 25. Dezember können wir dann in den Pool ihres Wohnblocks springen, um uns abzukühlen. Zu Silvester werden wir übrigens mit Patricia und Nestor, mit ihrer Schwester, deren Mann und Tochter in ein Restaurant zum Silvestermenü gehen. Wir werden also Weihnachten und Jahreswechsel so erleben, wie es hier für die Mittelschicht üblich ist.

Die Weihnachtsparty wird für mich sprachlich eine Herausforderung werden. Bisher geht es mir mit  Spanisch ziemlich schlecht. Die einfachen Sätze, die wir schon bilden konnten, waren anfangs alle wie “ausgelöscht” und ich habe nur in Wortfetzen (“dos medialunas”) kommuniziert. Patricia spricht ja deutsch und so unterhalten wir uns mit ihr nicht auf Spanisch. Zwischendurch versuchen wir es – auch mit ihrer Unterstützung als Dolmetsch – weil Nestor nur Spanisch spricht und sonst ein Tischgespräch nicht wirklich möglich ist. Ganz gut geht es aber mit dem Verstehen – Nestor hilft uns und spricht sehr deutlich und langsam. Im Tanzunterricht wird jetzt, nach dem Festival, auch Spanisch gesprochen, aber die Vokabeln des Tango haben wir schon ganz gut gespeichert. Und da uns die LehrerInnen schon kennen, fragen sie manchmal nach, ob wir verstanden haben, oder ob wir die Erklärung auf Englisch brauchen. Wenn wir mit den LehrerInnen oder anderen TänzerInnen sprechen, dann immer auf Englisch. Wir haben also ein ziemliches Sprachengemisch und das ist recht anstrengend. Bei der Weihnachtsparty aber sollten wir schon ein wenig mit Spanisch zurechtkommen – wir werden sehen.

Ansonsten sind wir schon sehr gespannt, ob jene Ankündigung, die wir von mehreren Leuten gehört haben, tatsächlich eintrifft: Ab Weihnachten bis etwa 20. Jänner soll Buenos Aires – und vor allem das Microcentro, wo unsere Wohnung ist – “leer” und “ausgestorben” und “ruhig” sein. Die Portenos fliehen da angeblich vor der Hitze an die Costa Atlantica oder an die Strände von Uruguay. Wir können uns nicht wirklich vorstellen, dass es in dieser Stadt ruhiger werden wird und nicht mehr so viele Menschen da sind. Mal sehen!!!

Adios, Sigrid

Unterwegs in Buenos Aires

Unterwegs in Buenos Aires

Hola,

nun haben wir schon fast Weihnachten. Wie wir gedacht haben, vergeht die Zeit für uns hier sehr schnell. Nach unserer Rückkehr aus Mar del Plata waren wir trotz Hitze wieder fleißig am Tanzen – jeden Tag 2 – 3 Stunden. Der Unterricht in der Tanzschule ist sehr intensiv, da wir immer sehr kleine Gruppen sind. Das ist sehr gut, weil wir dadurch viel lernen und auch viele Rückmeldungen von den LehrerInnen über unser Tanzen erhalten. Es ist auch sehr anstrengend, denn es ist volle Konzentration und intensive Körperarbeit notwendig. Manchmal ist es auch ein bisschen frustrierend, wenn etwas zum x-ten Mal nicht klappen will. Die LehrerInnen ermuntern uns zwar mit “Si! Eso! Mejor!”, aber es folgt auch immer gleich ein “Pero …”, ein “Aber…” mit Verbesserungsvorschlägen. Aber auch das ist gut, denn wir sind ja hier um zu lernen. Umso schöner ist dann das Gefühl, wenn ein Tanz wirklich gut gelungen ist.

Wir haben uns die vergangene Woche aber auch in Buenos Aires herumgetrieben und einige sehr schöne Plätze besucht. Einmal waren wir am ehemaligen Hafen “Puerto Madera”, der jetzt zur Flaniermeile umfunktioniert wurde. In den alten Lagerhallen des Hafens ist jetzt ein Lokal neben dem anderen untergebracht. Ergänzt wurden diese roten Backsteingebäude durch einige moderne Bauten und eine sehr kühne Brücke, die Frauenbrücke. Es ist sehr angenehm, dort zu spazieren, denn es gibt erstens keinen Verkehr und zweitens eine angenehme Brise vom Rio de la Plata her.

DSCF3808Ein anders Mal haben wir uns auf das Fahrrad geschwungen, wir können nämlich direkt vor unsrer Haustür gratis Fahrräder ausleihen und es gibt eigens angelegte Radwege. Bei der Hitze ist es mit dem Rad angenehmer als mit dem Bus oder der U-Bahn zu fahren, die immer total überfüllt sind. Unser Ziel war der botanische Garten – eine wunderschöne grüne Insel im Großstadtdschungel. Dort leben auch viele Katzen und bei einer Katze, die uns begegnet ist, haben wir das Gefühl gehabt, unsere Katze Nera hat uns einen Besuch in Buenos Aires abgestattet.  Nicht nur ihr Aussehen sondern auch ihre etwas verschreckte Art war gleich.

DSCF3926Wenn man in Buenos Aires unterwegs ist, zeigt sich aber immer auch das andere, das hässliche Gesicht dieser Stadt. Ein großes Problem zum Beispiel ist der Müll. Es gibt hier nämlich keine Mülltrennung. Vom Biomüll bis zum Glas wandert alles in denselben Müllsack, sehr fremd für uns. Die einzige Mülltrennung, die es gibt sind die sogenannten “Cartoneros”. Das sind Männer, die in den armen Randbezirken von Buenos Aires leben und am Abend mit kleinen handgezogenen Wagen in die Stadt kommen, um diese mit Papier und Karton zu beladen.  Dazu durchwühlen sie die Müllsäcke, die aus jedem Haus einfach auf die Straße gestellt werden. Das, was sie nicht brauchen können, bleibt dann offen und verstreut liegen. Kein schöner Anblick wie ihr euch denken könnt und bei der Hitze kommt auch der Gestank noch dazu. Es fast wie ein Wunder, wenn dieser Müll dann am nächsten Tag verschwunden ist, weil er von der Müllabfuhr der Stadt entsorgt wurde. Wenn wir uns nämlich morgens auf den Weg in die Tanzschule machen, begrüßt uns ein (fast) sauberes Buenos Aires.

Adios aus dieser Riesenstadt mit ihren zwei Gesichtern,

Andrea

 

Politische Lage in Argentinien

Politische Lage in Argentinien

Hola,

wieder zurück von unserem “Urlaub” am Meer, schreibe ich nun über die politischen Ereignisse in Argentinien. In den letzten Tagen waren nämlich Tagespolitik und Zeitgeschichte ganz eng verwoben und wir haben einiges mitbekommen von der aktuellen Situation hier.

Während unserer Tage am Meer haben wir mit Patricia und Nestor – zum Teil auch auf Spanisch – nicht nur geplaudert, sondern sie haben ihre Sicht der politischen und wirtschaftlichen Lage beschrieben. Argentinien hatte im 20. Jhd. mehrere Militärregierungen und dazwischen gewählte, sehr populistische Regierungen, die man hier als “Peronismus” – zurückgehend auf Präsident Peron, den Mann von Evita – bezeichnet. Nestor meint, in diesem Land gab es immer ein Auf und Ab, wie eine Pendelbewegung. In den 1990iger Jahren z.B. hat Präsident Menem im Stil des Neoliberalismus das Land ausverkauft und es dabei heruntergewirtschaftet bis zum “Corralito”, der Staatspleite 2001. Danach hat Argentinien sich zwar wieder erholt (für uns fast unvorstellbar, wie ein Staat nach einem Bankrott weiterbestehen kann) aber jetzt ist die wirtschaftliche Lage wieder sehr schwierig. Die Inflation liegt bei 40% im Vergleich zum Vorjahr! Wir haben das selbst schon bemerkt, wenn wir am Bankomat Geld beheben. Bei unserer Ankunft vor einem Monat kosteten uns 1000 Arg. Pesos inkl. Spesen der Bank hier 128€, jetzt sind es nur noch 120€.

Vor diesem Hintergrund stehen nun die Ereignisse der letzten Tage:

Vorgestern, am 10. Dezember, hat die Regierung zu einem großen Fest hier am zentralen Platz, der Plaza de Mayo, vor dem Regierungssitz geladen, um 30 Jahre Demokratie zu feiern. Von 1976 – 1983 war die schlimmste der Militärdiktaturen des Landes im 20. Jhd. Die Militärs wollten das Land “säubern” und “zu den alten Werten” zurückführen. So waren vor allem StudentInnen, KünstlerInnen und Intellektuelle – und davon wiederum die jüngere Generation – massiver Verfolgung ausgesetzt. Zehntausende sind damals “verschwunden”, d.h. auf offener Straße oder am Arbeitsplatz verhaftet worden, in Folterzentren eingesperrt und ermordet und/oder vom Flugzeug aus in den Rio de la Plata geworfen worden. In den Tageszeitungen gibt es heute noch Anzeigen, in denen Familien fragen, wo ihre Kinder/Angehörigen/Väter/Mütter geblieben sind und seit damals demonstrieren bis heute jeden Donnerstag die “Mütter der Plaza de Mayo”, um Gerechtigkeit und Auskunft über das Schicksal ihrer Kinder zu fordern. Neben den Militärs hat laut Patricia auch die Polizei damals eine große Rolle gespielt.

Das Ende dieser Diktatur wurde also gestern mit einem Volksfest – Konzert, Feuerwerk, … – groß gefeiert. Christina Kirchner, die derzeitige Präsidentin von Argentinien, wird übrigens von vielen mit Evita verglichen. Gestern gab es auf der Straße T-Shirts sowohl mit dem Gesicht von Evita als auch von Christina (wie sie hier nur genannt wird) zu kaufen. Die Stimmung war fröhlich, aber ruhig, die Menschen sind in riesigen Gruppen durch die Straßen gezogen, mit Trommeln und Transparenten. (Wir waren nicht beim Fest – da waren uns zu viele Leute, aber auf dem Weg zur Milonga haben wir die Stimmung mitbekommen).

Kurz vor diesem Jubiläumstag haben wir aber eine ganz andere Seite erlebt. Wir waren ja in Mar del Plata, einer großen Stadt am Meer, die zur Provinz Buenos Aires gehört. (Die Stadt Buenos Aires ist eine eigene Provinz und war von dem, was ich jetzt schildere gar nicht betroffen.) Am Sonntag nach dem Abendessen meinte der Kellner schon, wir sollten keinen Spaziergang mehr an der Uferpromenade machen, das sei zu gefährlich, weil die Polizei der Provinz streikt, um eine Lohnerhöhung zu erreichen. Patricia erzählte, dass dies vor einiger Zeit in der Provinz Cordoba auch der Fall war. Am Montag hat sich dann herausgestellt, dass die Polizei in 5 Provinzen gestreikt hat und dass es bereits zu ersten Einbrüchen in Supermärkten gekommen ist. Bald haben wir bemerkt, dass auch in Mar del Plata die meisten Geschäfte zugesperrt hatten, die Türen waren von innen verbarrikadiert und die Auslagen verdeckt, so dass man nicht sehen konnte, welche Produkte hier ausgestellt sind. Die Nachrichtensender haben pausenlos berichtet und es war eine eigenartige Stimmung in den Straßen. Patricia hat das Ganze ein bisschen heruntergespielt, wir wissen nicht, ob sie uns beruhigen wollte oder ob sie es wirklich nicht so wichtig genommen hat. Am Abend dann gab es keinen öffentlichen Verkehr und keine Taxis mehr und fast alle Restaurants hatten geschlossen, weil die Angestellten nicht zur Arbeit kommen konnten. Im Hotel sind viele Gäste vor dem Fernseher gesessen und haben die Nachrichten verfolgt. Die Bilder zeigten geplünderte Geschäfte und Geschäftsleute wurden interviewt. In einer anderen Provinz gab es einen Toten. Wir sind dann nicht mehr mit zum Essen gegangen – das Hotel hat eine Pizzeria ausfindig gemacht, die geöffnet hatte. Am nächsten Morgen  wurde mitgeteilt, dass es eine Lösung in den Gehaltsverhandlungen gegeben hat und dass wieder alles okay sei.

Wir sind ohne Probleme zurück nach Buenos Aires gefahren – wo die Regierung sich und das Land gefeiert hat. Der Zeitpunkt des Streiks war natürlich kein Zufall und die Lohnerhöhung war ziemlich schnell gelungen. Übrigens ist es auch nicht erstaunlich, dass die Menschen mehr Lohn wollen, viele hier haben einen zweiten oder sogar dritten Job, um leben zu können. Manche Dinge sind etwas billiger als bei uns in Österreich, aber insgesamt ist das Leben hier nicht leicht zu finanzieren.

So, das ist jetzt ein ziemlich langer Bericht geworden. Für uns war es jedenfalls interessant hinter die Kulissen dieses Landes zu schauen und auch wenn wir nicht direkt betroffen waren, haben wir ein wenig gespürt, wie das Leben in einem Land mit solchen politischen und sozialen Schwierigkeiten ist.

Adios, Sigrid

 

Urlaubstage an der Costa Atlantica

Urlaubstage an der Costa Atlantica

Hola,

mittlerweile sind wir wieder mittendrin im Trubel von Buenos Aires und in der Welt des Tango, aber die vier Tage am Meer haben uns sehr gut getan – die gute Luft, das Spazierengehen am Strand, die Ruhe und auch das Zusammensein mit Patricia und Nestor haben wir sehr genossen.

Entonces, nur Schönes kann ich trotzdem nicht berichten, denn nur Schönes gibt es nicht in diesem Land der Gegensätze. Zwei Seiten, die sehr offensichtlich aufeinander prallen, sind die von extremem Luxus und extremer Armut. Auch hier in Buenos Aires, aber sehr deutlich wurde es für mich auf unserer Fahrt ans Meer. Schon beim Verlassen von Buenos Aires Richtung Süden kamen wir durch die ganz armen Viertel, die hier “Villas miserias” genannt werden. Hier leben die Menschen wirklich nur in Baracken und Wellblechhütten. Bei der Weiterfahrt kamen wir dann durch die Pampas, weites, flaches, unendliches Land. Hier leben die Rinder (60 Millionen gibt es laut Patricia in ganz Argentinien) und in den Lüften kreisen die Falken. Nun, und dieses ganze Land durch das wir fuhren, immerhin mehr als drei Stunden Autofahrt, gehört praktisch einer Person. Hier gibt es sie wirklich noch die Großgrundbesitzer.

Unsere erste Station am atlantischen Ozean war dann Carilo. Ein kleiner Ort mitten in einem Pinienwald ohne asphaltierte Straßen. Hier gibt es überall nur Sand, am Strand, in den Dünen und im Ort selbst. Und hier haben die Reichen ihre Ferienvillen – wunderschöne Plätze im Pinienwald mit großen Gartenanlagen und ein paar Schritten zum Meer – also Villas der anderen Art. Wir haben hier in einem Aparthotel gewohnt, so konnten wir uns größtenteils selber verpflegen. Es gab auch einen Grill und Nestor hat seit langem extra für uns einen Asado gemacht. Asado nennt man hier die Zeremonie des Fleischgrillens. Wirklich sehr schön war hier der Strand: die Weite des Ozeans, das Tosen der Wellen, der Sand und die Dünen. Wir haben sehr ausgedehnte Strandspaziergänge unternommen, denn zum Schwimmen war uns das Wasser zu kalt.

DSCF3510 (2)DSCF3616 (2)

Im Gegensatz dazu war dann Mar del Plata, unsere zweite Station, eine Großstadt am Meer. Mar del Plata ist ein alter Ferienort und hatte seine Blütezeit zur Jahrhundertwende, vom Flair ein bisschen so wie Triest oder Opatja nur viel größer. Aber auch hier gibt es am Stadtrand wieder die Armenviertel und in der Stadt Prunkbauten, wie das riesengroße Casino oder die Luxushotels. Hier sind wir nicht am Strand sondern auf der Promenade spaziert und haben uns vom Wind durchblasen lassen. Mar del Plata hat auch noch einen großen funktionierenden Fischereihafen,  den wir besichtigt haben. Dort leben auch Seelöwen, die sich von den Fischabfällen ernähren. Zwei Seelöwen aus Stein am Hauptplatz von Mar del Plata sind somit auch das Wahrzeichen der Stadt.

 

Ich glaube, jetzt sollte ich langsam Schluss machen und schicke euch Umarmungen und Grüße aus der großen, fernen Stadt.

Andrea

Spaziergang in Recoleta

Spaziergang in Recoleta

Hola,

in der vergangenen Woche haben wir es uns also etwas geruhsamer gemacht, wir haben einiges organisiert, uns ausgeschlafen und das Tanztraining hat sehr gut getan. Auf den Milongas ist zwar die Stimmung und die Musik toll, aber die Tanzfläche ist meist so voll, dass das Tanzen sehr schwierig ist. Und wie ihr dem Bericht von Andrea entnehmen könnt, sind wir auch mehr unterwegs.

Am Dienstag schon sind wir gemeinsam mit Patricia im Stadtteil Recoleta gebummelt. Dieser barrio ist sehr elegant, die Häuser sind nach Pariser Vorbildern gebaut und die teuren Geschäfte der Stadt befinden sich dort. Er wird auch “Paris des Südens” genannt, aber uns kommt es immer noch sehr amerikanisch vor. Die Straßen sind recht schmal und durch die hohen Gebäude sind es richtige Straßenschluchten. Und ständig der viele Verkehr und enorm viele Menschen.

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Patricia ist mit uns zum Kaffee trinken in das „beste Hotel der Stadt” gegangen. Bei den Portenos ist bald mal etwas das “Schönste” und “Beste”, aber das war wirklich sehr nobel. Allein würden wir in so ein Hotel nie gehen! Später waren wir allein unterwegs auf der Suche nach der “schönsten Buchhandlung” und diesmal stimmt der Superlativ tatsächlich. Diese Buchhandlung ist in einem ehemaligen Theater untergebracht, der ganze Publikumsraum ist voller Bücher und auf der Bühne ist ein nettes Cafe. Wirklich beeindruckend!

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Es ist fein, so wie diese Woche, immer wieder mit Patricia und Nestor unterwegs zu sein, da wir so vieles erfahren, das in keinem Reiseführer steht. Außerdem haben wir viel Spaß miteinander und wir sind „gezwungen“ unser Spanisch zu trainieren. Demnächst werden wir mit ihnen gemeinsam ans Meer fahren: falls die Wetterprognose gut ist, werden wir von Freitag bis Dienstag unterwegs sein. Bis zum nächsten Bericht wird es also eine kleine Pause geben.

LG Sigrid

 

Ausflug nach Tigre

Ausflug nach Tigre

Hallo, ihr Lieben!

Heute melde ich mich aus einem sonnigen Buenos Aires mit 28 Grad. Wir haben es uns heute in unserer Wohnung gemütlich gemacht, nachdem wir gestern den ganzen Tag mit Patricia und Nestor unterwegs waren. Es war unser erster Ausflug außerhalb von Buenos Aires – und zwar sind wir ins Delta des Parana gefahren. Der Parana ist der zweitlängste Fluss Südamerikas nach dem Amazonas und mündet hier bei Buenos Aires gemeinsam mit dem Rio Uruguay als Rio de la Plata in den Atlantik. Das Delta ist ein riesengroßes Gebiet von Flüssen, Seitenarmen, Kanälen und Inseln. Wir sind zuerst mit dem Auto bis Tigre gefahren, das ist eine kleine Stadt, ca. 30 km von Buenos Aires entfernt. Diese Stadt und das Delta sind schon seit mehr als 100 Jahren eine beliebte Wochenenddestination für die Portenos.

DSCF3375 (2)Von Tigre aus gibt es unzählige Möglichkeiten, um mit Schiffen oder Booten das Delta zu befahren. So haben auch wir dort ein Schiff bestiegen, um mitten hinein zu fahren in dieses Gewirr von Flüssen und Inseln. Die Landschaft ist üppig grün und bewachsen mit Weiden, Palmen, Gummibäumen, Hortensien und vielen anderen exotischen Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne. Die meisten Inseln sind auch bewohnt, zumindest im Sommer, denn dort haben die Portenos ihre Wochenendhäuser. Wir sind bis zu einem Restaurant gefahren, das auch auf einer dieser Inseln, direkt am Wasser liegt. Ein sehr schöner Platz mit einem kleinen Park und einmal richtig ruhig. Bei der Rückfahrt war es dann auf den größeren Flüssen schon ziemlich betriebsam  – Ruder- und Motorboote, Wasserski und Ausflugsschiffe. Zurück in Tigre sind wir noch die Flusspromenade entlang spaziert und haben uns mit einem Eis abgekühlt. Es war gestern auch schon sehr heiß. Übrigens haben hier mit diesem Wochenende die Sommerferien begonnen und sie dauern bis Anfang März. Was sagt ihr dazu- drei Monate Sommerferien?

Dafür gehen wir ab morgen wieder in die Schule und zwar in die “Escuela argentina de Tango”. Wir haben ein großes Glück, denn diese Tangoschule ist erstens ganz in der Nähe unserer Wohnung (5 Minuten zu Fuß), zweitens unterrichten dort unter anderen die LehrerInnen, die wir auch auf dem Festival schon hatten und drittens ist sie nicht teuer, bietet aber eine große Programmauswahl. Wir freuen uns schon darauf. Die vergangene Woche haben wir nur alleine trainiert, um das, was wir beim Festival gelernt haben, zu festigen. Dafür können wir von Aurora, eine sehr nette Lehrerin vom Festival, für 5 € die Stunde ihr kleines Tanzstudio mieten.

Heute Abend wollen wir wieder auf eine Milonga gehen, die unter freiem Himmel auf einem sehr schönen Platz in San Telmo (ein benachbartes barrio) stattfindet. Soll sehr nett sein.

Nun verabschiede ich mich für heute und schicke euch viele sonnige Grüße, hasta luego,

Andrea